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Die Entwicklung des eugenischen Gedankengutes im Kaiserreich 1871-1918

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 32 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
II.1. Begriffsdefinition und Entstehung der Eugenik
II.2. Wichtige Vertreter
II.3. Beziehung der Eugenik zu der Vererbungswissenschaft (Genetik) und zu der Rassenanthropologie
II.3.1. Rassenhygiene und Vererbungswissenschaft
II.3.2. Rassenhygiene und Rassenanthropologie
II.4. Die staatliche Bevölkerungspolitik und die rassenhygienischen Forderungen
II.5. Die Eugenik und die deutsche Gesellschaft: Kulturpessimismus und die Forderung nach Euthanasie
II.5.1.Der Kulturpessimismus
II.5.2 Die Forderung nach Euthanasie

III. Schlussbetrachtungen

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Faszination des Menschen, Erfahrungen und Gesetze der Tierzüchtung auf die eigene Art zu übertragen, hat eine lange Geschichte, die bis tief in die Antike zurückreicht. Jedoch seit dem Ende des 19. Jahrhunderts nahm diese Idee bereits Konturen einer gesellschaftlichen Praxis an.

Über Eugenik in Deutschland zu schreiben, bedeutet zwangsläufig sich mit ihrer Radikalisierung unter dem Nationalsozialismus auseinander zu setzen, der mit Hilfe eugenischer Konzepte die „Verbesserung der Rasse“, die Massensterilisation von geistig Behinderten und psychisch Kranken, das Verbot der Heirat zwischen Behinderten und Nichtbehinderten und die Massenmorde an Behinderten und Kranken legitimiert hat. Mehr noch, fast alle Arbeiten über „Euthanasie“ beginnen mit der Eugenik als ihrer Vorstufe[1] und so wird Eugenik häufig auf die Praktiken des Nationalsozialismus reduziert. War es wirklich so? Führte die Eugenik unbedingt zur „Euthanasie“ oder kann man die deutsche Eugenik und ihre Forderungen zur Zeit des Kaiserreichs als ein Phänomen der Zeit betrachten, das sich über die Grenzen hinwegsetze? In welcher Stimmungslage entstanden eugenische Gedanken? Welche Resonanz besaßen ihre Theorien? Dies sind die Fragen, auf die das vorliegende Referat eine Antwort zu geben versucht.

Die Literatur zu diesen Themen kann als gut bezeichnet werden, nicht zuletzt wegen der Bedeutung, die die „Rassenhygiene“ im Zeichen des Nationalsozialismus erhielt. Hervorzuheben sind die Werke von Jürgen Reyer, der eine verständliche Erklärung der verschiedenen biologischen Theorien wiedergibt und die Einflüsse der Eugenik in weiten Teilen der Fürsorge skizziert.[2] Auch erwähnenswert ist das Buch von Peter Weingart, Jürgen Kroll und Kurt Bayertz, das umfassend die Geschichte der Entwicklung der Eugenik darlegt.[3]

Methodologisch soll die Entwicklung eugenischen Gedankenguts nicht vom Nationalsozialismus als ihrem Endpunkt aus zu betrachten sein, sondern vorwiegend mitten in ihrer Zeit. Die Arbeit ist deswegen nicht chronologisch ausgebaut. Sie versucht verschiedene Aspekte aufzudecken, um eine breite Perspektive zu verschaffen. Besonders viel Wert wurde auf die Verständlichkeit der eugenischen Ansätze gelegt.

II. Hauptteil

II.1. Begriffsdefinition und Entstehung der Eugenik

Eugenik bedeutet: von guter und schöner Herkunft, die Pflege der Erbanlagen.

Der Begriff wurde von dem britischen Naturforscher und Privatgelehrten Francis Galton (1822-1911) im Jahr 1883 in seiner Schrift „Inquiries into Human Faculty and its Development“ eingeführt. Er gilt als der eigentliche Begründer der Eugenik und verstand darunter die Wissenschaft der Verbesserung körperlicher und geistiger Merkmale einer gegebenen menschlichen Gesellschaft[4]. Das Ziel der Eugenik sollte es sein, unter Anwendung genetischer Erkenntnisse, den Fortbestand günstiger Erbanlagen in einer menschlichen Population zu sichern und zu fördern (positive Eugenik) sowie die Ausbreitung nachteiliger Gene einzuschränken (negative oder präventive Eugenik).

Galtons Vorstellung war, bedingt durch seine fehlenden wissenschaftlichen Grundlagen, die Verbesserung der Rasse durch Förderung der Produktivität der geeigneteren Menschen mittels Maßnahmen wie früher Heirat und gesunder Aufzucht ihrer Kinder.[5] Sein politisches Ziel war es, das „inheritance concept“, die aus dem Privatrecht übernommene Möglichkeit, Vermögen und Titel zu erben, durch Chancengleichheit und die Bewertung des Einzelnen nach Leistung, die als allein genetisch vorherbestimmt angesehen wurde, zu ersetzen.[6] Auf der Basis unfangreicher biographisch- genealogischer Untersuchungen über herausragende Persönlichkeiten des viktorianischen Englands, glaubte er nachweisen zu können, dass geistige Fähigkeiten, insbesondere Intelligenz, ebenso erblich seien wie beliebige körperliche Eigenschaften.

Durch die Stiftung einer Galton-Professur und die Einrichtung eins Galton-Instituts für Eugenik in London, schuf Galton bereits die institutionellen Voraussetzungen für eine organisierte und systematisch betriebene Weiterentwicklung des eugenischen Forschungsprogramms über seinen Tod hinaus sowie für die Popularisierung der eugenischen Idee in der britischen Bevölkerung.[7]

Anders als in Großbritannien, wo die eugenische Bewegung ein Klassenphänomen wurde, vertrat die US amerikanische eugenische Bewegung politisch einen dezidierten Rassismus. Dies führte 1905 zu den „Gesetzen zur Verhinderung von Schwachsinn und Kriminalität“ auf deren Grundlage mehr als 60.000 Betroffene zwangssterilisiert wurden, sowie 1924 zu einem Einwanderungsgesetz, das mit Hilfe rassistischer Argumente, die Einwanderung von Süd- und Osteuropäern zu verhindern suchte. Auch in der Schweiz und in Dänemark wurden Gesetze zur Sterilisation Ende der 20er Jahren erlassen.[8]

Die ebenfalls rassistisch gefärbte eugenische[9] Bewegung in Deutschland zeigte sich in ihren ersten Konturen vor etwa hundert Jahren. Aber als eine sozialbiologische, bevölkerungs- und gesellschaftspolitische Lehre der „genetischen Verbesserung“ des Menschen trat sie erst in den beiden letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts auf. Obgleich die eugenische Idee in England schon in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts formuliert und im Folgenden wissenschaftlich entwickelt worden war, ist eine zeitgenössische Rezeption der Arbeiten Galtons und seiner Schule in Deutschland nicht nachweisbar. Die eugenischen Gedanken traten in Deutschland unabhängig von der Entwicklung in England und mit einer zeitlichen Verzögerung auf.[10]

Eine strikte Unterscheidung zwischen einer rassenhygienischen „Lehre“ und einer rassehygienischen „Politik“ ist nicht möglich, da die Rassenhygiene natürlich nicht bloß Lehre bleiben wollte, sondern auch eine eugenische Praxis folgen sollte. Jedoch zeigt sich eine gewisse historische Abfolge von der Entstehung und Ausformulierung einer rassenhygienischen „Lehre“ und Programmatik, die im Wesentlichen vor dem ersten Weltkrieg stattfand, hin zu einer rassenhygienischen „Bewegung“ und „Politik“, die eher in der Weimarer Zeit erfolgte.[11] Wenn anfangs die eugenische Bewegung politisch wenig erfolgreich war, nahm jedoch ab der Jahrhundertwende eugenisches Gedankengut z. B. in der Sozialfürsorge, auch in demokratischen Kreisen innerhalb der Kirche und der SPD zu.[12] Aber erst in der Weimarer Republik wuchs sie zu einer sozialen Bewegung mit gesellschaftspolitischen Ansprüchen.

II.2. Wichtige Vertreter

Den Grundstock für die eugenische Diskussion in Deutschland hatte unter anderen der Biologe und Anthropologe Ernst Haeckel (1834-1919) gelegt, der mit seinen populärwissenschaftlichen Schriften die Darwinsche Evolutionstheorie einem breiten Lesepublikum nahe brachte.[13] Die Begründer einer im engeren Sinne eugenischen Lehre wurden der Arzt, Anthropologe und Privatgelehrte Wilhelm Schallmayer (1857-1919) und der Arzt und Privatgelehrte Alfred Ploetz (1860-1940).[14]

Als erste einschlägige eugenische Publikation ist Schallmayers Broschüre „Über die drohende körperliche Entartung der Kulturmenschheit“ aus dem Jahre 1892 anzusehen. Obwohl diese Schrift ohne größere Resonanz blieb, enthielt sie jedoch die meisten wesentlichen Gedanken des späteren eugenischen Programms.[15] Im Jahre 1900, im Rahmen eines Preisausschreibens, arbeitete Schallmayer sein früheres Werk um und gab ihm den Titel „Vererbung und Auslese im Lebenslauf der Völker. Eine staatswissenschaftliche Studie auf Grund der neueren Biologie“. Dieses Buch erhielt den ersten Preis unter den sechzig eingesendeten Arbeiten und wurde bis zum Tode seines Verfassers das führende Lehrbuch für Rassenhygiene in Deutschland.[16] Eine andere wichtige Arbeit sollte das 1895 erschienene Buch von Alfred Ploetz „Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen“ werden. Auf ihn geht der Ausdruck „Rassenhygiene“ zurück, den Ploetz zur Abgrenzung von der „Individual-Hygiene“ und der „Sozialen Hygiene“ einführte. Denn diese Zweige der Hygiene hätten ihm zufolge nur das Ziel, das gesundheitliche und soziale Wohl des Einzelnen zu pflegen, die „Rassehygiene“ dagegen das Wohl einer zeitlich dauernden Gesamtheit als solcher.“[17] Obgleich umstritten, bürgerte sich der Ausdruck „Rassenhygiene“ ein.[18] Nicht der einzelne Mensch und seine singulären Erbanlagen zählten, sondern die Gesamtheit der Erbanlagen einer Bevölkerung beziehungsweise einer Gesellschaft. Zugleich, und dies ist der markanteste Punkt, warnte Ploetz vor den Gefahren, die der wachsende „Schutz der Schwachen“ für die Tüchtigkeit der Rasse bedeutete.[19] Denn gegenüber der Perspektive einer fortpflanzungshygienischen „Verbesserung der menschlichen Art“ stand zunächst eine düstere Prognose: Nämlich, dass sich die „Kulturnationen“ im Prozess einer rapiden „Entartung“, beziehungsweise „generativen Entartung“ befänden. Diese Auffassung beruhte auf der Übertragung der Darwinschen Evolutionsbiologie auf menschliche Gesellschaften. Obwohl eine empirische Bestätigung der „Entartungsthese“, immerhin ein Kernpunkt der Eugenik als Wissenschaft, nicht gelungen war, wurde an ihr festgehalten. Zwei Faktoren wurden als hauptsächlich für die biologische Entartung angesehen: zum einen die fortschreitende Außerkraftsetzung des „Selektionsprinzips“ (a), zum anderen die sogenannte „differenzierte“ oder „differenzielle Fortpflanzung“ verschiedener Bevölkerungsgruppen (b):[20]

[...]


[1] So z. B. Klee, Ernst: Dokumente zur „Euthanasie“, Frankfurt am Main 1992. Der erste Teil des ersten Kapitels trägt den Titel: Die Eugenik als Vorbote der Euthanasie.

Auch Bastian, Till: Von der Eugenik zur Euthanasie. Ein verdrängtes Kapitel aus der Geschichte der Deutschen Psychiatrie, Bad Wörishofen 1981.

[2] Reyer, Jürgen: Alte Eugenik und Wohlfahrtspflege. Entwertung und Funktionalisierung der Fürsorge vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, Freiburg im Breisgau 1991.

[3] Weingart, Peter; Kroll, Jürgen; Bayertz, Kurt: Rasse, Blut und Gene. Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland, Frankfurt am Main 1992.

[4] Reyer, Jürgen: Alte Eugenik und Wohlfahrtspflege, S. 15.

[5] Siehe: Baader, Gerhard: Sozialdarwinismus-Vernichtungsstrategie im Vorfeld des Nationalsozialismus, in: Gerrit Hohendorf, Achim Magull- Seltenreich (Hrg.): Von der Heilkunde zur Massentötung. Medizin im Nationalsozialismus, Heidelberg 1990, S. 21-35. Hier S. 25.

[6] Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 1996, S. 644.

[7] Siehe dafür: Weingart, Peter; Kroll, Jürgen; Bayertz, Kurt: Rasse, Blut und Gene, S. 36, 37.

[8] Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 1996, S. 644.

[9] Eugenik ist im wesentlichen bedeutungsgleich mit der Bezeichnung „Rassenhygiene“. Im Folgenden werden die Ausdrücke „Eugenik“ und „Rassenhygiene“ der zeitgenössischen Verwendung in Deutschland synonym gebraucht, auch wenn einzelne Autoren Unterschiede machten und der Ausdruck „Rassenhygiene“ nicht unumstritten war.

[10] Weingart, Peter u. a.: Rasse, Blut und Gene, S. 37.

[11] Reyer, Jürgen: Alte Eugenik und Wohlfahrtspflege, S.81.

[12] Die rassenhygienische Bewegung darf nicht als eine Einheit angesehen werden, sondern als ein Gefüge rivalisierender Gruppen, die vielfältige und zum Teil sehr unterschiedliche biologische Zielvorstellungen für die Sozialpolitik formulierten. Siehe: Weinldling, Paul: „Mustergau“ Thüringen. Rassenhygiene zwischen Ideologie und Machtpolitik, in: Norbert Frei (Hg.) Medizin und Gesundheitspolitik in der NS-Zeit. Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Sondernummer, München 1991, S. 81-97. Hier S. 82.

[13] Der auf ihn zurückgehende Monistenbund hatte in Deutschland große Resonanz mit seinen Forderungen nach Verwissenschaftlichung aller Bereiche des menschlichen Lebens und Anerkennung der Naturwissenschaft als alleiniger Grundlage der Weltanschauung gefunden. Vg. Weß, Ludger: Fortschritt durch Vernichtung. Vorläufer und Hintergründe der neuen ´Euthanasie´-Debatte, in: ´Theo Bruns, Ulla Penselin, Udo Sierck (Hg.): Tödliche Ethik, Beiträge gegen Eugenik und Euthanasie, Hamburg 1990, S. 58-68. Hier S. 62, f.

[14] Reyer, Jürgen: Alte Eugenik und Wohlfahrtspflege, S. 15.

[15] Das Interesse der Öffentlichkeit war gering, verschiedene Verleger hatten sie abgelehnt, Freunde sahen sie als verwirrend an, die Tagespresse und die medizinische Publizistik besprachen sie zum Teil polemisch und insgesamt fand sie keine besondere Aufmerksamkeit. Vg. Mann Gunter: Neue Wissenschaft im Rezeptionsbereich des Darwinismus: Eugenik - Rassenhygiene, in: Fritz Krafft (Hg.): Berichte zur Wissenschaftsgeschichte, Band 1, Wiesbaden 1978, S. 101-111. Hier S. 107.

[16] 1910 erschien es in zweiter, erweiteter Form, und 1920 wurde es bereits zum vierten Mal verlegt. Vg. Schmuhl, Hans- Walter: Rassenhygiene, Nationalsozialismus, Euthanasie. Von der Verhütung zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ 1890-1945, Göttingen 1987, S. 42.

[17] Ploetz Alfred: Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen. Ein Versuch über Rassenhygiene und ihr Verhältnis zu den humanen Idealen, besonders zum Sozialismus, Berlin 1895, zitiert nach: Reyer, Jürgen: Alte Eugenik und Wohlfahrtspflege, S. 15.

Es ist zu beobachten, dass Ploetz den Rassebegriff weitgehend im Sinne des heutigen biologischen Artbegriffs und nicht im volkstümlichen Verständnis benutzte.

[18] Die Namensgebung des Faches war umstritten. Alfred Grotjahn schlug die Wörter „Eugenik“ oder eingedeutscht „Fortpflanzungshygiene“ vor. H. Poll bevorzugte den Ausdruck „Genohygiene“, Max Westenhöfer „Deszendenzhygiene“ usw. Siehe mehr darüber: Kroll, Jürgen: Zur Entstehung und Institutionalisierung einer naturwissenschaftlichen und sozialpolitischen Bewegung. Die Entwicklung der Eugenik / Rassenhygiene bis zum Jahre 1933. Diss., Tübingen 1983, S.15.

[19] Ploetz Alfred: Die Tüchtigkeit unserer Rasse, zitiert nach: Reyer, Jürgen: Alte Eugenik und Wohlfahrtspflege, S. 15.

[20] Siehe mehr darüber Reyer, Jürgen: Alte Eugenik und Wohlfahrtspflege, S. 16, f.

Details

Seiten
32
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638178853
Dateigröße
621 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v11835
Institution / Hochschule
Universität Karlsruhe (TH) – Institut für Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
Entwicklung Gedankengutes Kaiserreich Gesellschaft Nationalsozialismus

Autor

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Titel: Die Entwicklung des eugenischen Gedankengutes im Kaiserreich 1871-1918