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Pädagogik nach Célestin Freinet - eine Schulpädagogik für die Jugendfreizeiteinrichtung?!

Hausarbeit 2002 17 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt der Hausarbeit

1. Einleitung: Begründung der Themenwahl und Ziel der Hausarbeit

2. Pädagogik nach Célestin Freinet
2.1. Kurzer Lebenslauf von Célestin Freinet
2.2. Schulpädagogische Grundlagen von Freinet
2.2.1. den Kindern das Wort geben
2.2.2. Lernen durch versuchsweises Herantasten

3. Freinet-Pädagogik in der Jugendfreizeit-
Einrichtung Pestalozzihaus
3.1. Beschreibung der Einrichtung
3.2. Konzeptionelle Eckpfosten
3.2.1. den Kindern das Wort geben
3.2.1.1. Methode der Wandzeitung
3.2.1.2. Methode der Vollversammlung
3.2.1.3. Ämter
3.2.1.4. Aufhebung der Tagesunterteilung
3.2.1.5. Methode des Wochenplans
3.2.1.6. die „freien Texte“ in der „PH-Zeitung“
3.2.2. Lernen durch Erleben und Ausprobieren
3.2.2.1. Einrichtung von Ateliers

4. Schlußfolgerungen

Literaturverzeichnis

Anhang

„Adler steigen keine Treppen“

1. Einleitung: Begründung der Themenwahl und Ziel der Hausarbeit

In dieser Hausarbeit soll die Frage erörtert werden, ob die Pädagogik von Célestin Freinet, der als praktizierender Lehrer eine Pädagogik für den Schulunterricht entwickelte, auch auf die pädagogische Arbeit in der Jugendfreizeiteinrichtung Pestalozzihaus anwendbar ist.

Diese Frage entstand im Rahmen von Plänen des Trägers die Arbeit der im Zentrum Pestalozzihaus ansässigen Kindertageseinrichtung und die Arbeit der Jugendfreizeiteinrichtung mit einer übergreifenden Konzeption zu verbinden.

Der Kindergarten war zu diesem Zeitpunkt bereits bei der Umsetzung einer neuen Konzeption nach Célestin Freinet und regte daher zur Überlegung an, ob diese Pädagogik nicht auch in der Jugendfreizeiteinrichtung umzusetzen ist.

Die Schwierigkeit erscheint im ersten Moment in der Tatsache, daß Freinet seine Pädagogik zunächst ausschließlich zur Umsetzung im Schulunterricht entwickelte.

Als öffentlich geförderte Jugendfreizeiteinrichtung, die im Rahmen der nachschulischen Betreuung unter anderem eine Hausaufgaben-betreuung anbietet, muß sich das Pestalozzihaus jedoch ohnehin mit dem Bildungsauftrag der Jugendarbeit befassen[1]. Schulisch Leistungen von Kindern und Jugendlichen bekommen einen immer höheren Stellenwert aus verschiedenen Blickwinkeln: Die Öffentlichkeit nimmt seit der Veröffentlichung der PISA-Studie kritisch Kenntnis vom schlechten Bildungsstand in Deutschland lebender Kinder, Eltern beurteilen den Wert einer Einrichtung für Kinder nach der Leistungsstärke der Hausaufgabenbetreuung bzw. der schulischen Leistung ihres Kindes und Lehrerinnen und Lehrer bemängeln schon lange, daß mit dem aktuellen Schulsystem dem Bildungsnotstand nicht entgegengewirkt werden kann bzw. daß hier eine Ursache dafür zu finden ist. Es scheint also zweckmäßig einen schulpädagogischen Ansatz auf seine Übertragbarkeit für eine Jugendeinrichtung mit
Bildungsauftrag zu überprüfen.

Vor diesem Hintergrund sollen in dieser Hausarbeit nun konzeptionelle Eckpfosten ausgearbeitet werden, die darstellen wie in der Jugendfreizeiteinrichtung Pestalozzihaus Pädagogik von Freinet umgesetzt werden könnte. Besucherinnen und Besucher der Einrichtung im Alter von 10 -17 Jahren werden in dieser Hausarbeit entgegen der rechtlichen Definition von Kindes- und Jugendalter nur Kinder genannt.

Zunächst ist in dieser Arbeit beschrieben, wie Célestin Freinet im Laufe seiner Biografie die Grundlagen seiner Pädagogik entwickelte.

Ein entscheidender Grundsatz von Freinet war, daß man Kindern das Wort geben muß[2], also Kindern aufrichtig Selbstverantwortung und Autonomie zugestehen muß ohne dies als verlängerten Arm für die Durchsetzung eigener Vorhaben zu mißbrauchen[3].

Dieser Freinet´sche Grundsatz erscheint gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Jugendpolitischen Diskussion wichtiger denn je. Seit Jahren wird hier von der Jugendhilfe gefordert, Modelle zur Mitbe-stimmung (weiter) zu entwickeln, um Kinder auf ein eigenverant-wortliches Leben in einer demokratischen Gesellschaft vorzubereiten[4].

In dieser Hausarbeit betrachten wir aus diesem Grund die Kinder des Pestalozzihauses aus Freinet´s Blickwinkel: die Kinder wissen selbst am besten was gut für sie ist[5], „das Kind, dem man Aktivitäten anbietet, (...), ist immer diszipliniert, d.h. es hat weder Regeln noch äußere Verpflichtungen nötig“[6] und „das Kind ist hungrig nach Leben und Aktivität“[7].

2. Pädagogik nach Celestin Freinet

2.1. kurze Biografie Celestin Freinet´s

Celestin Freinets persönliche Entwicklung und das Entstehen seiner pädagogischen Ansätze sind nur schwer voneinander zu trennen. Aus diesem Grund soll hier in kurzer Fassung Freinets Biografie bis zum Beginn seiner Lehrertätigkeit beschrieben werden.

Celestin wird 1896 in einer französischen Bauernfamilie geboren. Von klein auf muß er auf dem Feld mitarbeiten, was seinen späteren intensiven Bezug zum Lernraum Natur erklärt. Trotz seiner bäuerlichen Herkunft darf er mit 16 Jahren ein Lehrer-Studium beginnen, was er jedoch nach zwei Jahren zugunsten des Kriegsdienstes abbrechen muß. Nach einer schweren Lungenverletzung und einem mäßig erfolgreichen Heilungsprozess, beginnt er seine Lehrertätigkeit wie ein Mensch, der ins Wasser stürzt ohne schwimmen zu können[8].

Freinet fällt aufgrund seiner Lungenverletzung Sprechen und Atmen in stickigen Klassenzimmern extrem schwer und ist gewissermaßen gezwungen entweder seine Lehrertätigkeit aufzugeben oder alternative Methoden der Unterrichtsgestaltung zu entwickeln. Auch aus diesem Grund verlegt er einen Teil seines Unterrichts ins Freie und läßt den Kindern eine aktivere Rolle zukommen.

Parallel zu seinen experimentellen Versuchen der Unterrichts-umgestaltung beschäftigt er sich mit den Pädagogen Rousseau, Pestalozzi und Adolphe Ferriere sowie mit den Politikern Marx und Lenin. Ferner engagiert er sich sowohl gewerkschaftlich als auch politisch in der kommunistischen Partei Frankreichs.

Dieser kurze Einstieg in die Biografie Freinets soll an dieser Stelle genügen, um seine pädagogische Entwicklung verständlich zu machen.

2.2. Schulpädagogische Grundlagen von Freinet

2.2.1. den Kindern das Wort geben

Freinet geht von dem Grundsatz aus, daß das Kind selbst viel besser als der Pädagoge weiß, wo seine Interessen und Bedürfnisse liegen. Er

beschränkt die Funktion des Pädagogen darauf dem Kind ein Interesse förderndes Milieu als Voraussetzung zu schaffen, um selbst Gestalter seiner eigenen Entwicklung zu sein[9].

Er glaubt, daß das Kind einen Hunger nach Leben und Aktivität besitzt

und Angeboten, die seinen physischen und psychischen Bedürfnissen entsprechen diszipliniert nachgeht. Das bedingt für ihn, daß die angebotenen Aktivitäten sinnhaft sein müssen, d.h. daß sie dem Alltag des Kindes entspringen.

Also öffnet er die Schule für die Lebenswelt der Kinder und ihre Themen. Er schafft die „Arbeitsschule“, in der das Kind nicht vom Pädagogen beschäftigt wird, sondern selbst tätig werden kann.

Lesen, Schreiben, Rechnen, Forschen, Sprechen, Laufen, etc. lernen Kinder aus eigenem Antrieb, wenn sie dies an Aufgaben aus ihrem eigenen Leben üben können.

In den wöchentlichen Klassenversammlungen thematisieren die Kinder ihre individuellen und gemeinschaftlichen Interessen. Zu Wochenbeginn legt jedes Kind seinen individuellen Wochenarbeitsplan selbst fest, in dem es aufschreibt, was es in dieser Woche bearbeiten will.

Der Pädagoge in einer Freinetklasse muß die Fähigkeit entwickeln dem Kind zuzuhören und es in seinen Äußerungen zu verstehen.

Aus dem Gedanken den Kindern das Wort zu geben, entsteht die Methode der „freien Texte“ von Kindern. Freinet ermutigt die Kinder ihre Beobachtungen, Erfahrungen, Forschungsberichte, Erlebnisse, etc. niederzuschreiben. Viele dieser freien Texte werden in der eigens hierfür angeschafften Schuldruckerei von den Kindern selbst gedruckt und veröffentlicht. Freinetklassen führen darüber hinaus eine rege Korrespondenz mit anderen Klassen.

In ihrem Schulalltag schreiben die Kinder täglich ihre individuellen Bemerkungen zum Zusammenleben in der Gemeinschaft an die Wandzeitung. In der wöchentlichen Klassenversammlung organisieren und planen die Kinder eigenverantwortlich ihren Schulalltag: sie bearbeiten Problemanzeigen, stellen Regeln auf, verteilen Dienste und Arbeitsaufträge, usw.. Diese Klassenversammlung, in der Freinet nur eine einzige Stimme hatte, spielen wie auch die freien Texte eine entscheidende Rolle in Freinets Schulpädagogik.

Den Kindern das Wort zu geben bedeutet für Freinet also nicht nur ihnen aktiv zuzuhören, sondern ihnen Autonomie und Selbst-bestimmung zuzugestehen und von ihrer Lebenswelt auszugehen.

[...]


[1] Siehe KJHG, §11, Abs. (1), Satz 1

[2] vgl. KLEIN; VOGT: Freinet-Pädagogik ..., S. 19 ff

[3] vgl. KLEIN; VOGT: Freinet-Pädagogik ..., S. 31

[4] in Anlehnung an KJHG, §8, Abs. (1), Satz 1 und §11, Abs. (1), Satz 2

[5] vgl. KLEIN; VOGT: Freinet-Pädagogik ..., S. 20

[6] KLEIN; VOGT: Freinet-Pädagogik ..., S. 36

[7] vgl. KLEIN; VOGT: Freinet-Pädagogik ..., S. 23

[8] FREINET, Elise: Erziehung ..., S.17

[9] vgl. KLEIN; VOGT: Freinet-Pädagogik ..., S. 19

Details

Seiten
17
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638107440
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1186
Institution / Hochschule
Fachhochschule Düsseldorf – Fachhochschule
Note
Schlagworte
Pädagogik Célestin Freinet Schulpädagogik Jugendfreizeiteinrichtung

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