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Exegese Lukas 7.36-50 - Jesu Salbung durch die Sünderin

Hausarbeit 2007 26 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Persönlicher Eindruck

2. Wissenschaftlich-methodische Exegese
2.1 Textkritik
2.2 Literarkritik
2.2.1 Äußere Abgrenzung
2.2.2 Innerer Aufbau
2.2.3 Der synoptische Vergleich
2.3 Form- und Gattungskritik
2.3.1 Form und Gattungsbestimmung
2.3.2 Sitz im Leben
2.3.3 Formgeschichte
2.4 Traditionsgeschichte
2.5 Religionsgeschichtliche Fragestellung
2.6 Sozial- und zeitgeschichtliche Analyse
2.7 Redaktions- und Überlieferungskritik
2.8 Einzelexegese

3. Theologische Gesamtdeutung

4. Literatur

Vorwort

Während ich mich mit dem Thema dieser Exegese beschäftigt habe, wurde mir vor allem eines klar: Es gibt unglaublich viele Autoren mit verschiedenen Meinungen. Manche Abweichungen sind groß, andere kleiner. Und doch schreiben die meisten Autoren mit Autorität, also als ob ihre Meinung die einzig richtige wäre. Besonders in der Frage wie Lk 7, 36-50 zusammengesetzt wurde, scheiden sich die Geister. Die abenteuerlichsten Varianten werden erklärt, um dann vom nächsten Autor wieder relativiert oder vollkommen umgekehrt berichtet zu werden. Diese Widersprüchlichkeit hat mir Probleme bereitet. Woher soll ich nun wissen, welchem Autor ich glauben soll? Eine andere strittige Frage ergab sich in der Auslegung von V. 47 und somit auch dem Rest der unterschiedlich zu verstehenden Verse in dieser Erzählung. Kommt zuerst Glaube, dann Vergebung und als Ergebnis die Liebe? Oder steht die Liebe zuerst, wodurch die Sünden vergeben werden? Beide Interpretationsmuster werden in den unterschiedlichsten Varianten diskutiert. Mir fiel es also unheimlich schwer, dieses Wirrwarr aufzudröseln und mich selbst zu positionieren. Neben diesem Problem war es schwierig für mich, die Formgeschichte, Traditionsgeschichte und sozial- und zeitgeschichtliche Analyse auseinander zu halten. Alles hat mit der Vergangenheit zu tun, und die Definitionen, die ich zu diesen Begriffen las, überschnitten sich meiner Ansicht nach. Oder widersprachen teilweise der Herangehensweise anderer Exegesen, die mir vorlagen. Insgesamt ist zu sagen, dass mich diese Arbeit, trotz konstanter und intensiver Arbeit daran, oder vielleicht genau deswegen, immer wieder an den Rand der Verzweiflung brachte. Andererseits hatte ich auch große Freude an der Vielfältigkeit der Meinungen. Besonders der synoptische Vergleich und die Einzelexegese bekamen meine erhöhte Aufmerksamkeit und fallen dementsprechend länger aus. Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, mein Wissen sinnvoll und richtig darzustellen.

1. Persönlicher Eindruck

Mein Interesse an dieser Geschichte wurde zunächst dadurch geweckt, dass ich ähnliche Erzählungen in Mt 26,6-13; Mk 14,3-9; Joh 12,2-8 gelesen habe. Ort und Zeit sind zwar verschieden, aber die Idee, dass es solch einen außergewöhnlichen Zwischenfall zweimal gegeben haben soll, haben mich doch sehr verwundert und stutzig gemacht. Nachdem ich mich entschieden hatte, Lukas 7,36-50 zum Thema meiner Exegese zu machen, las ich den Text erneut. Dieses Mal fiel mir besonders Vers 47 auf. „Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben worden, darum hat sie viel Liebe erwiesen; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.“ Dieser Vers fasst das vorausgehende Gleichnis im Grunde in einem Satz zusammen. Allerdings fiel mir das erst nach mehrmaligem Lesen auf. Zuvor verstand ich den Vers in umgekehrter Reihenfolge. Als ob Jesus sagen würde, weil sie viel geliebt hat werden ihr viele Sünden vergeben bzw. wer wenig liebt, dem wird auch wenig vergeben. Sofort dachte ich über mich selbst nach. Über meine eigene Hartherzigkeit, aber auch meine guten Taten, die ich aus Nächstenliebe getan hatte. Ich fühlte mich, als hätte jemand an meiner so selbstverständlichen Auffassung gerüttelt, dass man durch den Glauben an Jesus Christus gerettet wird. Wobei ich über dieses Thema in letzter Zeit sowieso viel nachdenke. Denn Jesus hat auch betont, dass derjenige klug ist, der seine Worte hört und sie tut. Hier würde die Aussage der Liebe wieder hervorragend passen. Aber irgendwie störte mich doch die Idee dass der, der viel liebt, auch viel vergeben bekommt. Das hört sich nämlich wieder so sehr danach an, dass man sich seine Vergebung erlieben bzw. erkaufen müsse. Und dann wäre es schließlich keine Vergebung mehr, sondern Gerechtigkeit. Ich bin zwar für Gerechtigkeit, aber wenn es um Gott und mich geht, dann doch bitte lieber die Gnade. Bei einem anderen Verfahren würde ich sehr schlecht abschneiden. Glücklicherweise fiel mir nach diesen ersten Gedanken beim genaueren Lesen auf, dass die Bedeutung genau umgedreht ist. Einem Menschen, dem viel vergeben wird, der liebt auch viel und einem Menschen, dem wenig oder nichts vergeben wird liebt auch wenig oder eben nicht. Wieso sollte er auch? Er ist ja gerecht und niemandem zum Dank verpflichtet. Sofort kommt mir das Gleichnis vom verlorenen Sohn in den Sinn. Der jüngere Sohn, der überglücklich ist, dass ihm verziehen wird ist gleichzusetzen mit der sündigen Frau oder einem Menschen, der radikal umkehrt, sein altes Leben hinter sich lässt und glücklich ist, weil er weiß, dass ihm vergeben ist. Dieser Mensch wird Gott und seine Mitmenschen sehr lieben. Dagegen steht der ältere Bruder, der gerechte Pharisäer und der immer brave Christ, der sich keiner Schuld bewusst ist. Für sie ist Vergebung bitter, weil ihr Mühen scheinbar wertlos war. Liebe wird dem, der sie von ihrer wenigen Schuld freispricht, nur zähneknirschend entgegengebracht. Die Erinnerung an die viele Arbeit, das Mühen und den Verzicht überschattet die Freude. Das Gleichnis aus Vers 41 - 42 spiegelt genau diese Problematik wider. Problematisch ist dieses Gleichnis deshalb, weil sich automatisch eine Rückfrage ergibt. Sollte man mehr Schuld auf sich laden, um dann mehr Vergebung zu erfahren, um somit mehr lieben zu können? Ganz sicher nicht. Ich persönlich bin froh darüber, dass mir meine Schuld vergeben ist, und besonders dann, wenn ich mir einer Schuld bewusst bin, steigt auch meine Dankbarkeit und Bereitschaft anderen etwas Gutes zu tun, weil ich weiß, dass mir vergeben wird aufgrund meines Glaubens. Dass ich diesen habe, ist zwar nicht mein Verdienst, aber Jesus weist die Frau in Vers 50 genau auf diesen als Grund für ihre Vergebung hin. Meine anfängliches Missverständnis darüber, was der Grund für die Vergebung der Schuld der Frau war, lag wahrscheinlich am Einstieg der Erzählung. Die Frau kommt herein, weint zu Jesu Füßen, küsst diese und salbt sie sogar. Das hört sich doch nach einer großen Liebestat an. Außerdem betont Jesus das alles, als er sie mit dem Pharisäer vergleicht. Und sein darauf folgender Satz in Vers 47 beginnt mit dem Wort „darum“. Wenn sie aber darum so viel geliebt hat, weil sie wusste, dass ihre Schulden vergeben sind, dann hätte sie ja schon vorher eine Begegnung mit Jesus haben müssen, bei der ihr das klar wurde. Und wenn dem so sein sollte, warum wiederholt dann Jesus die Zusprache ihrer Sündenvergebung in Vers 48? Ich bin ganz verwundert über meine eigenen Gedankengänge. Und jetzt frage ich mich um so mehr, wie nun das Gleichnis in die Geschichte und Jesu Aussage von Vers 47 einzubetten ist. Denn das Gleichnis ist eindeutig, Liebe folgt auf Vergebung, aber die gesamte Geschichte hört sich mehr danach an, als ob die Vergebung eine Folge der Liebe sei. Oder liegt hier wieder einmal ein Paradoxon vor, wie so oft in der Bibel? Ich bin sehr darauf gespannt, wie die Bibelwissenschaft diese Fragen löst und auf welche Erkenntnisse ich während meiner Exegese stoßen werde.

2. Wissenschaftlich-methodische Exegese

2.1 Textkritik

Die ursprüngliche Leseart des Codex Vaticanus, des Codex Q und weniger anderer Codizes gebrauchten das Wort „Prophet“ in V. 39 als Titel. In der westlichen Textüberlieferung (Codex Bazae Cantabrigensis und in der Altlateinischen Handschrift e) fehlt V. 47b, da man wohl schon früh Unebenheiten im Text zu erkennen glaubte.[1]

2.2 Literarkritik

2.2.1 Äußere Abgrenzung

Das Lukasevangelium ist in fünf Hauptblöcke einzuteilen.

1. Die Vorgeschichte vom Wirken Jesu (1,1-4,13).
2. Das Wirken in Galiläa (4,14-9,50).
3. Die Reise nach Jerusalem (9,51-19,27).
4. Die Leidenswoche (19,28-23,56).
5. Die Vollendung des wirken Jesu (24,1-53).[2]

Somit ist Lk 7,36-50 in das allgemeine Wirken Jesu in Galiläa einzuordnen. Die Perikope spielt im Haus des Pharisäers Simons. Die Geschichte ist aber nicht nur durch den gleichen Ort mit dem Kontext verbunden, sondern steht auch im Zusammenhang mit einigen inhaltlichen Aspekten. So wird Jesu Identität als Prophet hinterfragt[3]. Seine Teilnahme am Mahl kann in Verbindung gesetzt werden zu dem knapp vorher erwähnten Vorwurf, er sei ein Fresser und Säufer.[4] Die Anschuldigung, dass Jesus ein Freund der Sünder sei, wird durch die Darstellung Jesu im Umgang mit der „Sünderin“ sogar bestätigt[5]. Durch die nähere Betrachtung dieser Textstellen wird Lk 7,36-50 besser verständlich.[6]

2.2.2 Innerer Aufbau

Die Schwierigkeit, den inneren Aufbau von Lk 7,36-50 zu beschreiben, liegt in den verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten, die mir im Laufe meiner Nachforschungen deutlich wurden. Gerhard Hotze beispielsweise argumentiert, dass diese Perikope „nicht aus einem Guss sein kann“[7]. Er verweist auf die zwei im Widerspruch stehenden Gedankenlinien. Auf der einen Seite steht die Sündenvergebung und die darauf folgende Liebe aus Dankbarkeit[8] und auf der anderen die Liebe (aus Reue), wodurch die Sünden vergeben werden.[9] Auf weitere Ausführungen seinerseits werde ich nicht eingehen, da ich am Ende des synoptischen Vergleiches fünf verschiedene Erklärungsmodelle kurz vorstellen werde. Das fünfte vertritt Goran Blascovic, der Lk 7,36-50 als ganzheitlich bewusst von Lukas gestaltete Erzählung ansieht. Dementsprechend logisch beschreibt er den inneren Aufbau der Perikope, weshalb ich hier auch seine Variante vorstellen werde.

Durch die Gegenüberstellung des Pharisäers mit der Sünderin erhält der Text eine erste Form. Sie macht deutlich, dass beide Größen miteinander verglichen werden sollen (Synkrisis).

Einladung durch einen Mann/

Pharisäer (V. 36) Sünderin tritt hinzu (V. 39)

Wasser für die Füße (V.44) Tränen/Haare (38.44)

Keine... Küsse(45) Küsse für die Füße (38.45)

Kein Öl für das Haupt (46) Öl für die Füße (38.45)

Der eine Schuldner (41 f.) der andere Schuldner (41 f.)

Die Gestaltung des Textes ist durch die Gegenüberstellung noch nicht ganz beschrieben.V.38 beschreibt die Liebestat der Frau und stellt dabei die Füße Jesu den Haaren der Frau chiastisch gegenüber.[10] Diese literarischen Formen zielen darauf, das Handeln der Frau herauszuheben. Von einem Handeln des Pharisäers wird, bis auf die Einladung zu einem Mahl nichts berichtet. Nur in V. 39 spricht er zu sich. Hier ist eine Parallelführung zum zweiten Monolog im Text (V. 49) zu erkennen. Die Gegenseite wird dadurch negativ behaftet, die trotz der Rede Jesu (VV. 40-47) Anstoß nimmt und nichts versteht. Das steht im Gegensatz zu V. 37, durch den klar wird, dass die Frau etwas über Jesus verstanden hatte.

[...]


[1] In enger Anlehnung an. Blaskovic Goran (1999) 90

[2] Vgl. Schlachter Bibel, Gliederung (2002) 1417

[3] LK 7,16.19.39.49

[4] Lk 7,34.36

[5] Lk 7,37; 8,1-3

[6] Vgl. Klein Hans (2006) 295

[7] Hotze Gerhard (2007) 127

[8] Lk 7,41-43.47a

[9] Lk 7,47b

[10] Vgl. Goran Blaskovic (1999) 90

Details

Seiten
26
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640212125
ISBN (Buch)
9783640212156
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v118621
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg – Theologie ev.
Note
2,0
Schlagworte
Exegese Lukas Jesu Salbung Sünderin Testament

Autor

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