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Möglichkeiten der Stress- und Burnoutbewältigung in der Prävention und Rehabilitation

Diplomarbeit 2010 133 Seiten

Sport - Sportmedizin, Therapie, Prävention, Ernährung

Leseprobe

1 Einleitung

„Karoshi“ nennen es die Japaner, wenn jemand aufgrund von Überforderung plötzlich tot bei der Arbeit zusammenbricht. Todesursache ist meist ein durch Stress ausgelöster Schlaganfall oder ein Herzstillstand. Nicht selten sind psychische Beschwerden wie Depressionen oder Schlafstörungen die gesundheitlichen Vorboten (vgl. http://de.wikipedia.org).

Bereits im Jahre 2001 wurden dem japanischen Arbeitsministerium 690 Karoshi-Fälle gemeldet, wobei davon 143 als Arbeitsunfall anerkannt wurden. Im Sommer 2010 hat ein Gericht in Japan erstmals vier Top-Manager persönlich für einen Todesfall durch Überarbeitung verantwortlich gemacht und sie in der Folge zu hohen Schadenersatzzahlungen verurteilt (TAMAKI, 2010). Eine Vielzahl japanischer Kliniken hat sich mittlerweile auf „Karoshi-gefährdete“ Menschen spezialisiert. Die Entwicklung spezifischer Therapieprogramme zur Prävention und Rehabilitation wird von der Regierung stetig vorangetrieben.

Auch, wenn die Zustände in der fernöstlichen Arbeitswelt Extrembeispiele darstellen, werden Parallelen zu westlichen Verhältnissen deutlich.

Ein Trend zur Überforderung am Arbeitsplatz, den KÜSGENS et al. schon im Rahmen des Fehlzeitenreports 2003 festgestellt hatten, setzt sich weiterhin fort. Aus einer Untersuchung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) im Zuge des Fehlzeitenreports 2010 geht hervor, dass Die Zahl psychischer Krankheitsfälle am Arbeitsplatz im vergangenen Jahr auf einen Rekordwert angestiegen ist. Seelische Erkrankungen sind dieser Studie zufolge inzwischen die vierthäufigste Ursache für Fehlzeiten am Arbeitsplatz. Es wird deutlich, dass immer mehr Arbeitnehmer durch berufliche Belastung körperlichen oder seelischen Schaden nehmen.

Andauernde emotionale, mentale oder körperliche Belastungen, verbunden mit dem Gefühl fehlender Unterstützung, überhöhte eigene Ansprüche, sowie ungelöste Konflikte mit Kollegen können zur chronischen Ermüdung führen. Kommen auf längere Sicht zu diesen chronischen Stressbelastungen akute Stresssituationen hinzu, wird die individuelle Toleranzschwelle überschritten.

Chronische psychische und physische Ermüdung sind oft die Folge. Erholung findet dann nicht mehr statt.

Dieser als „Burnout-Syndrom“ bezeichnete Zustand stellt das Endstadium eines psycho-physischen Prozesses dar (KRUMPHOLZ-REICHEL, 2002). Gründe für diese Entwicklung sind vielschichtig und lassen sich u.a. auf einen Anstieg emotionaler Erschöpfung im Alltag zurückführen. Betroffene Personen fühlen sich depressiv und überfordert. Innere Leere, Angstzustände und Schlafstörungen sind weitere Symptome. Darüber hinaus entwickelt sich häufig eine distanzierte Haltung gegenüber Kollegen, Kunden, Klienten oder Patienten (vgl. BURISCH, 1994).

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der wissenschaftlichen Literatur zu den Themenbereichen „Stress“ und „Burnout“ und will, von einem ganzheitlichen Gesundheitsverständnis ausgehend, innovative und umsetzbare Ansätze der Stress- und Burnoutbewältigung liefern.

Nach einer Darstellung der wichtigsten Grundlagen zum Thema Stress und Burnout werden in Kapitel 2 mögliche Zusammenhänge und Erklärungsmodelle für Burnout dargestellt.

Im Hauptteil der Arbeit (Kapitel 3) wird ein auf das Burnout-Syndrom bezugnehmendes Therapiekonzept[1] vorgestellt, welches in der Prävention und Rehabilitation zum Einsatz kommen kann. Neben Theorien der Gesundheitsförderung und Gesundheitserhaltung stellen körper- und bewegungstherapeutische Methoden die Hauptkomponenten des Therapiekonzeptes dar. Die daraus resultierenden Möglichkeiten in Bezug auf Stress- und Burnoutbewältigung werden in Kapitel 4 diskutiert. Abschließend liefert Kapitel 5 Ansätze für den möglichen Einsatz der Konzeption in der Prävention und Rehabilitation.

2 Grundlagen

Im folgenden Kapitel werden anhand der Vorstellung verschiedener Burnout- und Stresstheorien die Phänomene Stress, Burnout-Syndrom[2], und die Rolle von Stress bei dessen Entstehung behandelt. Daran anschließend werden demographische Merkmale und die Verbreitung des Burnout-Syndroms dargestellt. Das vermittelte theoretische Verständnis dient als Grundlage für die in Kapitel 3 vorgestellten Interventionsmöglichkeiten.

2.1 Stress

Nach der Bestimmung relevanter Begriffe werden nachstehend verschiedene Erklärungsmodelle der Stressentstehung beschrieben und erklärt.

2.1.1 Definitionen und Grundlagen

Die Bezeichnung „Stress“ stammt aus dem Englischen und lässt sich mit Belastung, Druck oder Anspannung übersetzen. Stress wird als ein Reaktionsmuster mit hormonellen und vegetativen Komponenten aufgefasst. Auswirkungen von Stress werden auf psychischer, somatischer und Verhaltensebene beschrieben (z.B. DOMNOWSKI, 1999, S.70ff.).

Die Stressreaktion kann nach SEEFELDT (2000) als ein komplexes Antwortverhalten des Organismus auf Belastungen bezeichnet werden, welches sich in einer relativ unspezifischen und stereotypen Reaktion auf alle Reize, welche das persönliche Gleichgewicht stören, wiederspiegelt. Er stellt fest, dass die Anpassungsreaktion „Stress“ als gesamt-organismischer Zustand betrachtet werden kann, der immer auch kognitiv-rationale und emotional-affektive Anteile beinhaltet (SEEFELDT, 2000, S.16/23).

ENZMANN (1996, S.35) bezeichnet Stress als einen Prozess, der aus den Elementen „Stressoren“ (auslösende Faktoren), „Stress Zustand“, Stress Reaktionen“ (Coping) und längerfristigen Stress Folgen (psychisch und psychosomatisch) besteht.

Das Zentrum bildet das emotionale Erleben von Stress. Stressoren sind Reizeinwirkungen, durch die ein Individuum auf physiologischer, emotionaler und kognitiver Ebene beansprucht wird, die mit hoher Wahrscheinlichkeit beim Fehlen kompensierender Ressourcen Stressempfindungen (negativ getönter emotionaler Zustand, Sorgen, etc.) auslösen. Ressourcen sind Techniken, Verhaltensweisen und Strategien, die einem Stressor entgegengesetzt werden können (ENZMANN, 1996, S.46). Nach RICHTER & HACKER (1998, S.25) beinhaltet der Begriff „Ressourcen“ Komponenten, die es erlauben, die eigenen Ziele anzustreben und unangenehme Einflüsse zu reduzieren. Sie liefern eine von UDRIS, et al. (1991) entwickelte Klassifikation:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Klassifikation gesundheitsförderlicher Faktoren unter dem Ressourcen-Aspekt (modifiziert nach RICHTER & HACKER, 1998, S.25).

Nach RICHTER & HACKER (1998, S.125) entsteht Stress bei der Nichtbewältigung einer Aufgabe aufgrund unangemessener Bewältigungs-Strategien. Bei dem Versuch, Aufgaben und Probleme zu lösen, wird Stress neu hervorgerufen und damit der Stresszustand verstärkt.

Stress wird demnach durch eine gestörte Zielverwirklichung aufgrund von Diskrepanzen zwischen kognitiven und sozialen Anforderungen und den erforderlichen Leistungsvoraussetzungen hervorgerufen. Stress kann sowohl durch Überforderung als auch durch Unterforderung (SELYE, 1976, S.386; FRANKENHAEUSER, 1981, S.20) entstehen.

RICHTER & HACKER (1998, S.17) beschreiben Faktoren, die bei Personen in Abhängigkeit vom verfügbaren Bewältigungsmuster eine Stressreaktion auslösen können.

Tabelle 1: Belastungen, welche die Qualität potentieller Stressoren annehmen können (modifiziert nach RICHTER & HACKER, 1998, S.17).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

HOLMES & RAHE (1967) entwickelten im Rahmen einer Versuchsreihe eine Skala, die allen möglichen belastenden Lebensereignissen numerische Werte zuwies. Die Forscher forderten zunächst ihre Probanden auf, anhand ihrer eigenen Erfahrungen einzuschätzen, wie viel Stress verschiedene Lebensereignisse auslösen. Als Gefahrenschwelle für die Entstehung von Symptomen mit Krankheitswert wurde ein Stresswert von 200 festgelegt. Die folgende Tabelle enthält einschneidende Lebensereignisse, die jeweils mit einem Punktewert für den entstandenen Stress versehen sind:

Tabelle 2: The social readjustment rating scale (modifiziert nach HOLMES & RAHE, 1967, S. 213ff.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Untersuchungen ergaben, dass Probanden anfälliger für verschiedenste Krankheiten sind, wenn mehrere Stress-Anlässe zusammenkommen. Den Ergebnissen zur Folge waren in der Personengruppe zwischen 150 und 199 Stresspunkten 37 Prozent, bei 200 bis 299 Stresspunkten 51 Prozent, bei mehr als 300 Stresspunkten 79 Prozent der Untersuchten erkrankt. Die Untersuchung von HOLMES & RAHE (1967) veranschaulicht den Zusammenhang zwischen belastenden Ereignissen und körperlicher „Reaktions-Antwort“.

Hinzuzufügen ist, dass in der heutigen Zeit vermehrte Stressbelastungen in erster Linie auf einen Anstieg der sog. „Daily Hassles“[3] zurückzuführen sind.

Diese Stressoren liegen hauptsächlich in gesellschaftlichen Strukturen

begründet und können als Multiplikatoren für die „gewöhnlichen“ Belastungen des Lebens betrachtet werden.

Nach NITSCH (1981, S. 29) ist allen bisherigen Studien zum Thema Stress die Untersuchung von Vorgängen und Erscheinungen, die im Zusammenhang mit Problemen der Anpassung von Lebewesen an ihre Umwelt auftreten, gemeinsam. Der gesunde Umgang mit Stressoren jeder Art hängt demnach vom Anpassungsverhalten eines Individuums ab.

2.1.2 Stress aus psychologischer Sicht

Psychologische Stresstheorien gehen davon aus, dass der Zusammenhang von Stressoren und Stressfolgen nicht als mechanischer Ursache/Wirkungs-Zusammenhang aufgefasst werden kann. Untersuchungsschwerpunkte liegen hier auf der Betrachtung und Analyse von Interaktion zwischen Person und Umwelt und der Effektivität von Stressbewältigungsstrategien.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Beziehung zwischen Person und Umwelt stellt die allgemeine Grundlage jedes Stressgeschehens dar, ohne zu erklären, was an dem Anpassungsgeschehen innerhalb des Systems genau als Stress zu bezeichnen ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Die Person-Umwelt-Beziehung (NITSCH, 1981, S. 41).

Das Stressphänomen wird aus psychologischer Sicht in erster Linie mit erlebten psychischen Spannungs- und Erregungszuständen bzw. deren Auslöser in Verbindung gebracht. Handlungen[4] innerhalb des Person-Umwelt-Systems bilden die Grundlage für die Entstehung von Stress, da Erfüllung von Handlungsanforderungen, die Ausführung einer Handlung sowie Handlungsergebnis durch verknüpfte Konsequenzen stressrelevant werden können. Der entstandene Stress entwickelt sich nicht nur handlungsgebunden, sondern wirkt sich wiederum auf die zukünftige Handlungsstruktur aus (NITSCH, 1981, S. 277).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Komponenten der Handlungssituation (NITSCH, 1981, S.278).

Die psychologische Stressforschung untersucht die Gesetzmäßigkeiten der psychischen Entwicklung von Stress und versucht darauf aufbauend anwendungsbezogene Maßnahmen (z.B. Verhaltensmodifikation) zu entwickeln, welche nicht auf die Behebung der Stresssymptome allein abzielen, sondern in erster Linie effektive Strategien zum psychologischen Umgang mit Stress liefern sollen. Kognitive Vermittlungsprozesse wie subjektive Wahrnehmung und Bewertung (appraisal), sowie Kontrollüberzeugungen, Kausalattributationen und verfügbare Bewältigungs-muster (Coping), stellen innerhalb psychologisch orientierter Stresskonzepte die Grundlage für die Stressentstehung bzw. Vermeidung dar. Stressforschungen im Bereich der Tiefenpsychologie bringen nach NITSCH (1981, S.86) Stress meist mit Problemen und Erfahrungen in der frühkindlichen Eltern-Kind-Beziehung in Zusammenhang (z.B. FREUD, 1936). Ein erlebter Stressor[5] führt zu Angst, auf die mit intrapsychischen Abwehrmechanismen[6] im Sinne eines Bewältigungsversuchs reagiert wird. Im Erwachsenenalter kommt es zu einer „neurotischen Kompensation“ der Erfahrungen, bei welcher oberflächlich beherrschte Konflikte erneut aufbrechen und verhaltensbestimmend werden.

KELLER (1998, S. 66) konnte in dem Forschungsprojekt „subjektive Stressbewertung und persönliche Leistung“ interessante Zusammenhänge zwischen stressauslösender Bedrohung durch Herausforderung und emotionalen Antwortverhalten herausfinden. Die Studie fand im Rahmen einer Eignungsprüfung für das Sportstudium statt. 155 Probanden füllten im Rahmen eines Eignungstests Fragebögen zur persönlichen Leistung und subjektiven Erleben aus. KELLER (1998) kam zu dem Ergebnis, dass zwischen einem subjektiv erlebten Gefühl der Bedrohung aufgrund der bevorstehenden Anforderungssituation und negativen Emotionen (Ärger, Angst, Ekel, Scham, Traurigkeit, etc.) ein signifikant positiver Zusammenhang besteht. Je stärker demnach eine Person bedroht ist, umso stärker werden negativen Emotionen empfunden. Positive Emotionen (Liebe, Freude, Glück, Stolz, etc.) standen nach der Versuchsreihe in einem signifikant negativen Zusammenhang zur Bedrohung. Folglich empfindet eine Person umso weniger positive Emotionen wie Freude und Glück, wenn sie sich durch interne oder externe Faktoren bedroht fühlt und Stress empfindet. Welche Faktoren die Einschätzung einer Situation als Bedrohung begünstigen, hängt von der subjektiven Situationsbeurteilung und verfügbaren Bewältigungsstrategien des Individuums ab.

2.1.3 Stress aus biologischer Sicht

Die eigentliche Stressreaktion ist nach SELYE (1953), der als Wegbereiter der heutigen Stressforschung bezeichnet werden kann, ein unspezifischer Ablauf und hängt nicht von der Eigenart der einwirkenden Faktoren ab. Stress ist somit als die Antwort eines Organismus auf jede Art von Beanspruchung zu verstehen: „Stress is the nonspecific response of the body to any demand, whether it is caused by, or results in, pleasant or unpleasant conditions“ (SELYE, 1975, S. 74).

Nach SELYE (1976, S.74) erlebt eine Person positiven Stress, wenn z.B. ekstatische Freude empfunden wird oder etwas Angenehmes eintritt. Diese Reaktion wird von ihm als „EuStress“ beschrieben. Unglück, Frustration und Krankheit führen zu „DisStress“[7]. Die Reaktionen sind in beiden Fällen identisch, jedoch stellt der „EuStress“ keine Bedrohung für die Gesundheit dar.

Der menschliche Organismus drei Möglichkeiten auf Stress zu reagieren: „Rückzug, Angriff oder Passivität – retreat, advance or steadiness“. Um bei der Stressbewältigung optimale Ergebnisse erzielen zu können, sollten diese drei Reaktionsmöglichkeiten perfekt aufeinander abgestimmt sein und sich den wechselnden Anforderungen verschiedener Situationen anpassen können. Als Schaltzentrale fungieren die Nerven-und Hormonsysteme des Körpers. Umso weniger „DisStress“ das Zusammenspiel der Systeme funktioniert, desto besser funktioniert der Abwehrmechanismus des Organismus (SEYLE, 1976, S.115ff.). SELYE (1953, S.12) stellt fest, dass angeborene Orientierungs- und Schreckreaktionen[8] die Reaktionsgrundlage in Entscheidungssituationen darstellen. Erst wenn ein Reiz das allgemeine physiologische Adaptionssyndrom (AAS) auslöst, wird er zum Stressor und führt so zu einer Beanspruchung des Organismus.

Die Stressreaktion läuft nach SELYE (1953, S.10) in drei Stufen ab:

a) Alarmreaktion in zwei Phasen („phase of shock“)

Schockphase oder unmittelbare Reaktion, welche durch hormonelle und vegetative Veränderungen ausgelöst wird;

b) Gegenschock-phase („Reboundphase“), in welcher neuroendokrine

Bewältigungsmuster auftreten, um die Körperreaktion in der Alarm-

situation stabil zu halten;

c) Stadium des Widerstandes („phase of counter shock“)

Der Organismus entwickelt Widerstand oder Adaptation zu den Stressoren mit Körperreaktionen, die sich von der Alarmphase unterscheiden. Bei einer Chronifizierung der Adaptionsreaktion kann es zu morphologischen Veränderungen kommen, die pathogenetische Reaktionen nach sich ziehen. Der Organismus verliert seine adaptive Kapazität und es kommt zum dritten Stadium;

d) Stadium der Erschöpfung („phase of exhaustion“)

Die körperliche Kapazität zu adaptieren ist erschöpft. Besteht der Stressor weiterhin, werden vitale Reserven angegriffen und es kann zu einem hormonellen Zusammenbruch mit schwersten Organschädigungen kommen;

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Das Adaptionssyndrom (modifiziert nach SEEFELDT, 2000, S.17).

Sind die Energiereserven aufgebraucht, kommt es nach SELYE (1976, S.13) zu einer Phase der totalen Erschöpfung und bei Andauern dieses Zustandes zum Tod. SELYE (1976, S.80) weist darauf hin, dass diese dreiphasige Anpassungsreaktion des Organismus den meisten anderen körperlichen Reaktionsmustern[9] im Bezug auf die zugrundeliegende Struktur sehr ähnlich ist: „It is less generally known that this triphasic evolution of adaptation is quite characteristic also off all bodily activities, including those that only the physician can fully appraise“.

Das anfangs streng biologisch verstandene Stresskonzept SELYES (1953) kann als Basis für alle weiteren Erklärungsversuche des Stressgeschehens betrachtet werden und wurde inzwischen um psychologische und sozial einwirkende Faktoren wie z.B. gespeicherte Erfahrungen über erfolgreiche Bewältigungsversuche erweitert.

2.1.4 Stress aus bio-psychologischer Sicht

Bio-psychologische Stresskonzepte untersuchen die Wechselwirkung und Zusammenhänge zwischen Körper und Psyche.

Untersuchungen zum Adaptionssyndrom von SELYE (1953) zeigten, dass andauernde Stressoren bei fehlenden Bewältigungsmöglichkeiten zu immunellen Störungen führen können. In tierexperimentellen Versuchen wurde nachgewiesen, dass Hormone wie z.B. Adrenalin und/oder Kortikoide in Anforderungssituationen für die Entstehung der Stressreaktion verantwortlich sind. Unterschiedliche schädigende Einflüsse rufen das gleiche (reizunspezifische) Syndrom[10] hervor, welches sich durch Thymusschrumpfung, Vergrößerung der Nebennierenrinden und Blutungen im Magen und Zwölffingerdarm auszeichnet. Krankheitserreger können in der Folge schwerer unschädlich gemacht werden und die Immunreaktion des Körpers wird abgeschwächt (SELYE, 1953, S.5ff.)

UHLENBRUCK (2001, Anhang S.2) beschreibt das Immunsystem als „die Summe aller physiologischen und psychologischen Abwehrmechanismen“ (des Organismus). Er erklärt, dass sich das Immunsystem aus dem Gehirn bzw. Zentralnervensystem heraus entwickelt hat, was die Vernetzung zwischen Psyche und Immunsystem erklärt. Neurotransmitter des Nervensystems treten mit den Rezeptoren an den Zellen des Immunsystems in Verbindung. Moleküle des Immunsystems[11] werden vom Zentralnervensystem als Signale wahrgenommen. Auf diese Weise kommt eine enge und intensive Kommunikation zwischen Gehirn und Körper, zwischen Psyche und Immunsystem zustande. Nach HOLLMANN & HETTINGER (2000, S.597ff.) bestätigt das heutige Wissen die Alltagserfahrung, dass psychisch belastende Situationen eine Infektion auslösen können. Positiv stimmende Lebensumstände können die Immunlage mit den zugehörigen Konsequenzen verbessern. Positive und negative Denkweisen als Ausdruck bestimmter Funktionen des Gehirns, haben in Rezeptoren und Botenstoffen des Gehirns ihre Basis. Im Immunsystem treten gleiche Strukturen und biochemische Vorgänge auf.

Die von ADER (1981) geprägte Bezeichnung „Psychoneuroimmunologie“ drückt den Zusammenhang zwischen Psyche, Gehirn und Immunsystem aus. Das Gehirn stellt hierbei die oberste Kontrollinstanz dar, dessen primäre Aufgabe die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts im System ist. Gleiches gilt für das Immunsystem in seinem Kampf gegen Krankheitskeime und körperfremde Moleküle. Stresshormone[12], die vom Gehirn produziert werden, können die Funktion der natürlichen Killerzellen im Blut (Immunabwehr) unterdrücken.

Nach einer nervalen Stimulation ist der Hypothalamus für die „hormonale Antwort“ des Organismus zuständig ist. Dieser Teil des menschlichen Gehirns ist für die Integration des somatischen, vegetativen, hormonellen und zentralen Aktivierungssystems des Organismus zuständig. Der Hypothalamus stellt somit die entscheidende Schnittstelle für die Umschaltung nervöser Erregung in hormonelle Reaktion dar. Stress kann folglich als „organismische Gesamtreaktion“ bezeichnet werden (NITSCH, 1981, 64ff.).

TEWES & SCHEDLOWSKI (1994), die durch Stress evozierte körperliche Prozesse untersuchten, beschreiben Stress als die Konfrontation des Organismus mit kurzzeitigen oder anhaltenden physischen, infektiösen oder psychischen Belastungen, wobei es zur einer Aktivierung des sehr komplexen psychoneuroendokrinen Systems kommt, was mit biologischen und psychischen Veränderungen einhergeht. Bei der Analyse der Zusammenhänge zwischen emotionalem Erleben und neuroendokrinen Regulationsvorgängen konnten von TEWES & SCHEDLOWSKI (1994, S.20) folgende physiologische Systeme nachgewiesen werden:

- Das Katecholamin-System (NSS)[13]

1 Es beschreibt die sog. „Notfallreaktion“ des Organismus bei akuter Belastung (aktiver Stress). Die Katecholamine Adrenalin und Noradrenalin werden hierbei freigesetzt, was eine kurzfristige Erhöhung der Belastbarkeit des Organismus zur Folge hat, indem Ressourcen für Flucht -oder Kampfreaktionen bereitgestellt werden. Die Ausschüttung von Adrenalin durch das Nebennierenmark und von Noradrenalin durch den Locus coeuleus[14] veranlasst hat sympathikotone, d.h. eine aktivierende Wirkung, durch welche die Durchblutung von Herz- und Skelettmuskulatur verbessert wird und Atmung und Herzschlagfrequenz gesteigert . Die Zahl der roten Blutkörperchen steigt an, und von der Leber wird verstärkt Zucker für die Muskelarbeit bereitgestellt. Die Leistungsfähigkeit wird so kurzeitig gesteigert. Vegetative Funktionen, wie z.B. Magen-Darm-Tätigkeit, sexuelle Erregbarkeit und Wachstum werden eingeschränkt. Wiederholen sich Stressreaktionen bei länger anhaltenden Belastungen, kommt es nicht zu einer verminderten Adrenalin-Ausschüttung im Sinne einer Adaption. Vielmehr kann ein chronisch erhöhter Adrenalinspiegel schwerwiegende Folgen für den Organismus haben, wobei bevorzugt Störungen des Immun-und Herz-Kreislauf-Systems auftreten;

2

- Das Cortisol-System (HHNA)[15]

Das Cortisol-System sorgt für die kurzfristige Regulation des Organismus in Situationen, die sich durch Erwartungsunsicherheit und/oder Handlungsunfähigkeit auszeichnen (passiver Stress). Die Erhöhung des Cortisolspiegels im Blut ist Folge der Noradrenalinauschüttung und führt zur Regulation des Immunsystems und Blutdruckes und zu einer beschleunigten Heilung bei Gewebeschädigungen. In Leistungs-situationen wird so die Anpassung des Systems an höhere Anforderungen sichergestellt. Findet nach der Belastung kein oder nur unzureichender Rückgang des Cortisolspiegels statt sind die Folgen Hypertonie, Muskelschwund, und beeinträchtigte Immunabwehr bis hin zu Unfruchtbarkeit. Darüber hinaus können Störungen der emotionalen Befindlichkeit und des Schlafverhaltens auftreten;

- Das Testosteron-System

Der Testosteronspiegel korreliert mit Ausmaß der Situationskontrolle bzw. der Hilflosigkeit. In tierexperimentellen Studien von SAPOLSKY & RAY (1989) konnte nachgewiesen werden, dass dominantes Verhalten während einer Anforderungssituation zu einer Aktivierung des Katecholamin-Systems führt. Dieser „aktive“ Stress geht mit einer Testosteronausschüttung mit verbesserter Glucoseversorgung der Muskulatur einher, was zu einem Anstieg der Leistungsfähigkeit führt. Unterlegenes oder hilfloses Verhalten ist geprägt durch die Aktivierung des Cortisol-Systems, welches zu einer Reduzierung des Testosteron-Spiegels führt (zitiert nach TEWES & SCHEDLOWSKI, 1994, S.22);

TEWES & SCHEDLOWSKI (1994, S.23) merken an, dass unter anhaltender Belastung alle Komponenten dieses sehr komplexen Systems neuroendokriner und psycho-immunologischer Stressreaktionen zusammen-wirken.

Die Aktivierung des Katecholamin-Systems geht eher mit Herausforderung, Leistung und Anstrengung einher, während eine Aktivierung des Cortisol-Systems in Situationen mit geringer individueller Kontroll- und Bewältigungsmöglichkeit stattfindet (HELLHAMMER & SCHOMMER, o.J., im Druck). LUNDBERG (1995) folgert, dass das Katecholamin-System[16] hauptsächlich die Stress- und Erregungsintensität widerspiegelt, während das Cortisol-System[17] empfindlich auf die affektiven Aspekte einer Belastung reagiert. Die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HHNA) und das Noradrenalin-Sympathikus–System können nach Chrousos & Gold (1992) als die beiden wesentlichsten Systeme angesehen werden, mittels welcher psychische und körperliche Erkrankungen beeinflusst werden Die Reaktionen beider Systeme zielen im Falle akuter Belastung auf eine schnelle Bereitstellung von Energie und eine optimale Anpassung an die Anforderungen einer Situation ab. Beide Systeme arbeiten dabei eng zusammen, wirken gelegentlich aber auch funktionell getrennt (HOLSBOER, 1999) (zitiert nach HELLHAMMER & SCHOMMER, o.J., im Druck).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Systeme der Stressreaktion (SCHANDRY, 2003, S.236).

HELLHAMMER & SCHOMMER (o.J., im Druck) konnten Zusammenhänge zwischen stressbezogenen Erkrankungen und gestörter Cortisolproduktion nachweisen, welche auf störungsrelevante Veränderungen der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HHNA) zurück-zuführen sind:

a) Hypercortisolismus

Die Überproduktion von Cortisol wird oft bedingt durch eine verstärkte Innervation der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HHNA). Auslöser ist oft Angst in unvertrauten Situationen, Unkontrollierbarkeit bei drohender Arbeitslosigkeit, Mobbing am Arbeitsplatz, oder soziale Konflikten in den Bereichen Familie und Freizeit. HHNA-Reaktionen sind ausgeprägter bei Menschen mit geringer Selbstsicherheit. Es kommt in der Folge zu einer Aktivierung des sympathischen Nervensystems mit Freisetzung von Adrenalin und Noradrenalin. Herzfrequenz und Blutdruck steigen im Sinne einer optimalen Vorbereitung auf aktive Auseinandersetzung mit einem Stressor an. Stress-irrelevante Organe, wie das Verdauungssystem werden gehemmt. Es handelt sich hierbei um die sogenannte „Kampf/Flucht Reaktion“. Bei Chrousos & Gold (1992) findet man eine Übersicht von stressbezogenen Störungen, die mit Hypercortisolismus zusammenhängen. Diese sind z.B. (zitiert nach HELLHAMMER & SCHOMMER, o.J., im Druck):

- Potenzierung von Angst;
- Vasokonstriktion ;
- Vasodilatation;
- Ansammlung viszeralen Fetts;
- Stimulierung von Cholesterol, LDL, Triglyceride;
- Hemmung von HDL;
- Verringerung der Knochendichte;
- Hemmung von Interleukin 12; T-Helferzellen;
- Hyperinsulinämie;
- Insulinresistenz;

b) Hypocortisolismus

Hypocortisolismus bezeichnet einen Zustand im Organismus, bei dem das Hormon Cortisol nur unzureichend verfügbar ist, bzw. seine Wirkung nicht ausreichend entfalten kann (HEIM et al., 2000). Hypocortisolismus kann aufgrund von chronischem psychischem Stress, intensivem physischem Stress, psychischem Trauma oder physischem Trauma entstehen. Hauptsymptome sind gesteigertes Schmerzempfinden, Müdigkeit und Stressintoleranz. Patienten mit Hypocortisolimus berichten allgemein über deutlich größere Stressbelastung, Angst, Depression, Müdigkeit (Schulz & Merck, 1997; Heim et al., 2000; Stein & Barrett-Connor, 2000)(zitiert nach HELLHAMMER & SCHOMMER, o.J., im Druck).

HELLHAMMER & SCHOMMER (o.J., im Druck) fassen zusammen, dass Stress Hypercortisolismus oder Hypocortisolismus auslösen kann. Psychische und psychosomatische Reaktionen können daraufhin in verschiedener Weise hervorgerufen werden.

Für ENZMANN (1996, S.35) können sowohl Reaktionen der Stressbewältigung, als auch der Stress-Zustand, längerfristig psychosomatische Folgen haben (z.B. Burnout, Depressivität).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Elemente des Stressgeschehens (modifiziert nach ENZMANN, 1996, S.35).

Was alle Stressmodelle trotz unterschiedlicher Definitionen von Stress verbindet, ist das „Stressgeschehen“ bzw. das Erleben von Stress. Der Zustand des „Gestresst-Seins“ soll daher den Ausgangspunkt für alle in dieser Arbeit vorgestellten Therapiemaßnahmen darstellen und gleichzeitig Rückschlüsse auf präventives Handeln ermöglichen. „Stresserleben“ ist ein subjektiver Prozess, wobei die Auslöser als Ursache individueller Reaktions- bzw. Handlungsmuster betrachtet werden können.

2.2 Das Burnout-Syndrom

Nach einer Begriffsbestimmung werden Ursachen, Symptome und Verlauf des Burnout-Syndroms beschrieben und epidemiologische und demo-graphische Merkmale dargelegt. Des Weiteren soll die Bedeutung des vegetativen Nervensystems bei der Entstehung von Burnout behandelt werden. Abschließend werden Zusammenhänge zwischen Stress und Burnout aufgezeigt.

2.2.1 Definitionen und Erklärungsmodelle

Befasst man mit der Thematik des Burnout-Syndroms, stellt man fest, dass eine sehr hohe Zahl wissenschaftlicher Publikationen zum Thema Burnout existiert. Eine Recherche der Suchmaschine Medline ergab im Jahre 2003 3673 Treffer. 2011 hat sich die Anzahl an wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema auf 6757 verdoppelt. Dennoch existiert bis heute keine einheitliche Definition des Burnout-Syndroms. Der Begriff „Burnout“ wurde vom amerikanischen Psychoanalytiker FREUDENBERGER geprägt, der im Jahre 1974 einen Zustand völliger Erschöpfung bei Helfern im Gesundheitswesen als Burnout beschrieb (BURISCH, 1996, S.4).

Heutzutage gehen alle Experten davon aus, dass Burnout Prozesse in jedem Beruf, an jedem Arbeitsplatz und in jeder Lebenssituation entstehen können Stress stellt dabei oft die Basis der Burnout -Symptomatik dar. Die folgende Ausführung beinhaltet die wichtigsten Facetten des vielschichtigen Burnout-Syndroms:

Syndrom mit den Hauptsymptomen emotionale Erschöpfung, De- personalisation und verminderte Leistungsfähigkeit. Einstellungs- und Verhaltenssymptome sind negative Einstellungen, Ermüdung, Frustration, Hilflosigkeit und Zurückgezogenheit. Burnout ist Resultat eines Prozesses, bei dem Arbeitsbelastungen, Stress und psychische Anpassung miteinander einhergehen. Das Syndrom entwickelt sich langsam unter andauerndem Stressoren-einfluss und Energieeinsatz. Bei der Entstehung des Burnouts spielen auch Persönlichkeitsmerkmale (z.B. Streben nach Perfektion oder Höchstleistungen) eine Rolle; es fehlt die subjektive Wahrnehmung der Möglichkeiten die Situation zu verändern. Persönliche Stressoren sind z.B. hohe Leistungs-erwartungen und Identifikation mit der Arbeit; Stressoren der Arbeit sind Rollenkonflikte, Rollenüberlastungen sowie besondere Häufigkeit, Länge und Intensität zwischenmenschlicher Kontakte. Das Burnout wurde zuerst v.a. bei Personen in Beratungs-, Pflege- und Betreuungsberufen festgestellt, bei denen die Haupttätigkeit im intensiven und belastenden Umgang mit Klienten oder Patienten besteht. Inzwischen wird dieses Syndrom auch in vielen anderen Tätigkeitsbereichen beobachtet, in denen der Umgang mit Menschen eine große Rolle spielt. (Psychologie Brockhaus, 2001, S.87)

ENZMANN (1996) bezeichnet das Burnout-Syndrom als „multidimensionales Konstrukt“, das sich zu verschiedenen Anteilen aus emotionaler Erschöpfung, Depersonalisierung und reduziertem Selbstwirksamkeitserleben entwickelt. Er weist darauf hin, dass Erschöpfungssymptome in allen Beschäftigungsfeldern auftreten können. Die Ursachen sind auf stressbedingte Ermüdungszustände zurückzuführen, die bei zunehmender emotionaler Erschöpfung zum „Ausbrennen“ führen. Arbeitsbezogene Stressoren und Coping (Bewältigungsstrategien) sind die zentralen Elemente dieser Burnout Entwicklung.

Diese Betrachtung bezieht sich auf einer Definition des Burnout-Syndroms von MASLACH (1976), die den Standpunkt vertritt, dass soziale Faktoren als Hauptindikatoren für dieses Krankheitsbild zu betrachten sind (MASLACH, 1993, zitiert nach ENZMANN, 1996, S. 25).

MASLACH & JACKSON (1981) konzeptualisierten Burnout als individuellen sozialen Stress, der einer Person widerfährt. Sie entwickelten zu diesem Zweck einen Fragebogen (Maslach-Burnout-Inventory) mit welchem Burnout als ein multiples Syndrom emotionaler Erschöpfung, verringerten persönlichen Wirksamkeitserlebens und Depersonalisation operationalisiert wurde.

Emotionale Erschöpfung beschreibt Zustände emotionaler Über-beanspruchung und Ermüdung während bzw. nach der Arbeit. Depersonalisation bezeichnet die gefühlsarme und distanzierte Reaktion gegenüber Patienten/Klienten, welche sich z.B. in Form von Zynismus gegenüber den betreuten Menschen widerspiegeln kann. Reduzierte Leistungsfähigkeit bezieht sich auf ein Gefühl von Unzufriedenheit mit der eigenen Leistung (subjektive Kompetenzeinschätzung). Ein enger und andauernder Kontakt mit den Klienten/Patienten wird dabei als entscheidender Faktor für den Burnout betrachtet (ENZMANN, 1996, S. 24/25).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7: Komponenten des Burnout-Syndroms

(in Anlehnung an MASLACH & JACKSON, 1981).

In Bezug auf Entstehung von Burnout sind Ziele, die entweder gar nicht, nicht mehr oder nur unter Vernachlässigung anderer Ziele umsetzbar sind, wichtige Faktoren. Beim Versuch, Angestrebtes doch noch zu erreichen, werden die Anstrengungen immer aussichtsloser und Stress entsteht. Das Aufgeben der Zielvorstellung scheint ebenso unmöglich wie die Realisation derselben. Für FREUDENBERGER (1983) stellt die Reaktion einer Person auf erlebte Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität einen wichtigen Faktor für die Entstehung von Burnout dar: „Burnout wird hervorgerufen, wenn sich der Betroffene auf einen Fall, eine Lebensweise oder eine Beziehung einlässt, die den erwarteten Lohn nicht bringt” (FREUDENBERGER & RICHELSON, 1983; S.34, zitiert nach MARQUARD, 1993, S.30). FREUDENBERGER (1983) bezeichnet das (Nicht)Erreichen von Zielen als die zentrale Rolle bei Burnout im Berufsleben (zitiert nach BURISCH, 1994, S.38):

- Ziele werden so unrealistisch hoch gesteckt, dass sie entweder nicht erreicht werden oder nur durch unverhältnismäßigen Energieaufwand. Im ersteren Falle bleibt eine Belohnung meistens aus, im letzteren können angesichts der Anstrengungen weiter gestiegene Ansprüche nicht erfüllt werden;
- Ziele entsprechen nicht „wirklichen“ eigenen Bedürfnissen, sondern waren fremdbestimmt und nicht authentisch. Die erwarteten Belohnungen, wenn sie dann erreicht werden, sind in der Folge ebenfalls nicht bedürfnisgerecht und verschaffen somit keine Befriedigung;
- Unrealistische Belohnungserwartungen werden an realistische Zielvorstellungen geknüpft, was zu Enttäuschungen bei der Verwirklichung von Zielen führt;

BURISCH (1994, S.9) sieht im Burnout-Syndrom das Resultat einer lang andauernd zu hohen Energieabgabe mit zu geringer Wirkung und ungenügendem Energienachschub. SELYE (1953) spricht von „Adaptation Energy“: „Adaptation energy (or ability) is the ability of the organism to acquire resistance to changes in its internal or external medium”. Ist diese Energie erschöpft, kommt es zu einem Stadium der Erschöpfung (SELYE, 1953, S.13).

CHERNISS (1995, S.46) spricht vom psychologischen Rückzug von der Arbeit als Reaktion auf übermäßigen Stress und Unzufriedenheit. Des Weiteren führt er Burnout vor allem auf verminderte Selbstwirksamkeits-Erwartungen und Frustration zurück. Er setzt Burnout mit emotionaler Erschöpfung gleich und nennt als Ursache den Verlust von Bedeutsamkeit in den Handlungen des Alltags: „Burnout is often synonymous with emotional exhaustion. But one doesn’t become emotionally exhausted when one engages in activities that are meaningful“ (CHERNISS, 1995, S.185).

SCHMIDBAUER (2002, S. 8) ist der Meinung, dass Burnout Patienten daran gewöhnt sind, sich stets stärker zu fühlen als ihre Patienten/Klienten. Sie können Schwäche und Hilfsbedürftigkeit sehr schwer offen zugeben und haben Schwierigkeiten, Leistungen von anderen einzufordern. In diesem Zusammenhang spricht SCHMIDBAUER (2002, S.7) vom „Helfersyndrom“, welches gewissermaßen als ein Multiplikator für Burnout zu betrachten ist. Es handelt sich um Personen, die helfende Interaktionen bevorzugen, weil sie sich davor fürchten, selbst etwas für sich einzufordern. FENGLER (1999, S.50) kritisiert diesen Ansatz: „Durch den Begriff „Helfer-Syndrom“ ist also das Helfen insgesamt in den Verdacht geraten, etwas Unseriöses, Neurotisches, Egozentrisches oder Dummes zu sein“.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass unterschiedliche Erklärungsmodelle einen pathologischen Prozess beschreiben, der nur schwer eingrenzbar ist. Burnout spielt sich immer auf psychischer, physischer und sozialer Ebene ab.

2.2.2 Symptomathologie/Pathologie

Burnout Prozesse sind zeitlich nur schwer eingrenzbar. Verschiedene körperliche, psychische und soziale Symptome (z.B. häufige Erschöpfung, Überengagement und Perfektionismus im Beruf, sozialer Rückzug) können als Vorstufen eines Burnout betrachtet werden (FENGLER, 1999, S. 110).

Nach BURISCH (1994) treten psychosomatische Beschwerden häufig schon zu Beginn eines Burnout Prozesses auf. Betroffene, die Ursachen ihrer Probleme in erster Linie auf sich selbst beziehen, reagieren überwiegend depressiv. Das Gefühl des Versagens führt zu empfundener Hilflosigkeit, wodurch das Selbstwertgefühl erniedrigt wird.

Haben sich Burnout Symptome verfestigt, können sich auf Dauer lebensbedrohliche Krankheiten (z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen) entwickeln. Durch veränderte Ernährungsgewohnheiten (Süßigkeiten, Fast Food, etc.) kann zusätzlich das Körpergewicht in kurzer Zeit ansteigen und durch Stress bedingten Anstieg des Konsums von Nikotin, Alkohol und anderen Drogen das Risiko für gesundheitliche Folgeschäden multipliziert werden (BURISCH, 1994, S.23ff.).

Aus der wissenschaftlichen Literatur geht hervor, dass sich ein Grossteil der Symptome des Burnout-Syndroms auf psycho-somatischer Ebene abspielt (BURISCH, 1994, S.25; BUCKERMANN, 2002, S.1). Burnout Patienten sind in der Regel mit einer Vielzahl „psycho-vegetativer Fehlfunktionen“ (Verspannungen, Verdauungsstörungen, etc.) konfrontiert. Ängste, Depressionen, Schlaf- und Konzentrationsstörungen sind häufig beschriebene Symptome, welche bereits in der Anfangsphase eines Burnout auftreten können und mit Störungen des vegetativen Nervensystems einhergehen (z.B. BURISCH, 1996; S.25; DOMNOWSKI, 1999, S.97).

Das vegetative Nervensystem[18] ist für die Regulation der Organfunktionen des Körpers zuständig. Dabei besteht die Hauptaufgabe in der Aufrechterhaltung des „inneren Milieus" (Homöostase), welches sich in optimalen „Arbeitsbedingungen" verschiedener Organsysteme des Organismus ausdrückt. Bestandteile sind Sympathikus und Parasympathikus. Diese beiden Systeme arbeiten zusammen und sind ständig bestrebt für eine optimal an Situationen angepasste Funktionseinstellung zu sorgen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 8: Das vegetative Nervensystem (PAYNE, 1998, S.20).

Der Sympathikus erfüllt dabei ergotrope Funktionen, d.h. er tritt insbesondere bei Anspannung, körperlicher Aktivität und Stress in Aktion. Der Parasympathikus hat eine trophotrope Wirkung und wird vorwiegend während körperlicher Ruhe aktiv (siehe Anhang b). Besonders bei kurzfristigen Anforderungssituationen wird das sympathische Nervensystem aktiviert. Nerval erfolgt die Sympathikus Innervation durch den Neurotransmitter Noradrenalin, humoral durch Adrenalin. Als Folge kommt es zu einem Anstieg von Herzleistung, Körperkerntemperatur, Blutdruck und Blutzuckerspiegel. Das vegetative Nervensystem dient dem menschlichen Organismus damit als „Mittler“ für gegensätzlich psychophysiologische Reaktionszustände und Gestimmtheiten wie Aktiviertheit und Erholung bzw. Erregtheit und Ruhe. Der Sympathikus aktiviert wichtige Körperfunktionen und lässt Lebewesen „nach außen gerichtet“ und handlungsfähig werden, während der Parasympathikus für Erholung und organismischen Wieder-Aufbau sorgt (MÜCK-WEYMANN, 2003, S.25/29, siehe Anhang b).

Bei parasympathischer Lage in körperlicher Ruhe werden regenerative Prozesse eingeleitet und es kommt zu einer Abnahme der Pulsfrequenz. Das vegetative Nervensystem hat Anteile am ZNS als auch am peripheren Nervensystem. Bestimmte Gehirnareale sind an der Steuerung vegetativer Prozesse beteiligt. Hierbei ist das wichtigste Regulationsorgan der Hypothalamus. Im zentralen Nervensystem (ZNS) generierte Befehle laufen größtenteils durch das Rückenmark und sind durch periphere neuronale Verbindungen mit den inneren Organen verbunden (vgl. SCHANDRY, 2003, 156ff). Emotional-kognitive Prozesse sind demnach mit körperlichen Abläufen gekoppelt. BUCKERMANN (2002, S.1) ist der Meinung, dass Burnout Prozesse auf unbewältigten Stress und unbewusste Angst zurückzuführen sind. Psycho-somatische Symptome sind die Folge:

[...]


[1] Psycho-physisches Therapiekonzept zur Stress- und Burnoutbewältigung (PPT-Konzept)

[2] In der vorliegenden Arbeit werden die Begriffe „Burnout-Syndrom“ und „Burnout“ identisch verwendet.

[3] Mobbing, Termindruck, Leistungsdruck, etc.

[4] auch „Nicht-Handeln“ ist eine Handlung

[5] z.B. traumatische Ereignisse, wie Trennung der Eltern

[6] z.B. Verdrängung

[7] Wenn in der vorliegenden Arbeit der Begriff „Stress“ verwendet wird, ist immer der negativ wirkende „DisStress“ gemeint.

[8] auch als Kampf/Flucht Reaktion („Fight or Flight“)-Reaktion bezeichnet

[9] z.B. Entzündungsreaktionen, aerobe Beanspruchung, etc.

[10] „Stresstrias“

[11] Interleukine, Zytokine

[12] z.B. Cortisol

[13] Noradrenalin-Sympathikus–System

[14] „blauer Kern“

[15] Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse

[16] auch als Noradrenalin-Sympathikus-System bezeichnet

[17] auch als Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HHNA) bezeichnet

[18] auch viszerales oder autonomes Nervensystem, siehe Anhang S.1

Details

Seiten
133
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640812479
Dateigröße
4.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v118702
Institution / Hochschule
Deutsche Sporthochschule Köln – Institut für Bewegungstherapie und bewegungsorientierte Prävention und Rehabilitation
Note
2,0
Schlagworte
Möglichkeiten Stress- Burnoutbewältigung Prävention Spezialisierung Psychiatrie Burnout Sporttherapie Bewegungstherapie Salutogenese Herzratenvariabilität Sportwissenschaften Körperarbeit Biofeedback Entspannug Wassershiatsu Qigong Aquatische Körperarbeit Psychosomatik Rehabilitation Stressmanagement

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Titel: Möglichkeiten der Stress- und Burnoutbewältigung in der Prävention und Rehabilitation