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Die islamische Identitätskrise

Eine Analyse des islamischen Neofundamentalismus unter dem Aspekt der interaktiven Identitätsgestaltung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 21 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

I. Vorstellung der Theorien
1. Identität und Krise
2. Goffman/ „Self-Presentation in everyday-life”
3. Mead/ “Symbolische Interaktion”
4. Keupp/ „Patchworkidentität“

II. Abhandlung über den Begriff der Anerkennung

III. Die Interaktion Westen – Islam
1. Historische Darstellung
2. Selbstpräsentation
3. Interaktion
4. „Patchworkidentität“
5. Anerkennung

IV. Neofundamentalismus oder zu lösende Aufgabe

Fazit

Literaturnachweis

Einleitung

Der Islam leidet unter einer Identitätskrise. Gemeint ist damit zunächst das schizophrene Auftreten der Islamischen Welt, welches aktuell eine einheitliche Darstellung der religiösen Tendenzen aufgrund der inneren Zerrissenheit quasi unmöglich macht. Einerseits ist von einem Weg nach Westen, wie ihn auch Roy darstellt, die Rede, andererseits fordern radikale Mächte eine Re – Etablierung des Ursprungsislams aus der Zeit um 600 nach Christus1. Die Interaktion zwischen „Westen und Islam“ ist einerseits geprägt durch auch von mir eben angewandte Pauschalisierung und Stereotypisierung Islamischer Kulturen und der bereits einige Jahrhunderte andauernden, verzerrten Repräsentation des Islams durch den Westen. Während einige muslimische Länder in der Vergangenheit bereits eine beobachtbare Säkularisierung und politische Modernisierung durchlaufen haben, sind es aktuell vor allem die radikal anti- westlichen und fundamentalistischen Kräfte, die das westliche Bild des Islams prägen.

So streben diese in ihrer Assoziierung jeglicher Modernisierungsbewegung mit der abgelehnten, prototypischen Entwicklung der westlichen Gesellschaft eine Reformation im Sinne einer Rückkehr zum reinen Ursprungsislam an. Dabei scheint mir dieses Streben nach dem scheinbar unverfälschten Kerngedankengut islamischen Denkens vielmehr eine Flucht vor der Auseinandersetzung mit der eigenen „Identität“ zu sein. Da das Formen und Erkennen von Identität bei der Interaktion unumgänglich ist, soll genau dieser Prozess im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit stehen. Im Folgenden geht es darum zu untersuchen, ob das Streben der islamistischen Bewegung, den Islam von jeglichem westlichen Einfluss zu bereinigen, nicht letztendlich den einzig möglichen Weg aus der „Identitätskrise“ darstellt: eine reaktionäre Ablehnung des Konzeptes der (inter-)aktiven Identitätsgestaltung an sich, als das Produkt einer als moralisch verkommen wahrgenommenen, westlichen Gesellschaft.

I. Vorstellung der Theorien

1. Identität und Krise

Natürlich kann bei einer Religion, wie dem Islam, die sich über zahlreiche Kulturen erstreckt und dementsprechend auch unterschiedliche kulturelle Ausprägungen hat, nicht vereinheitlichend von einer gemeinsamen religiösen „Identität“ der Gläubigen gesprochen werden. Genauso wenig kann man dem Islam als Religion eine von Raum und Zeit unabhängige Identität zuschreiben. Der Islam selbst besteht aus dem Koran als heiliges Buch, der Sunna und den Kommentaren der ulema.2 Erst die Interpretation der Texte schafft vielfältige (kulturell variierende) Identitäten der Religion (basierend auf der Identität Mohammeds), die den Gläubigen als Rollenmodell dienen.

Seit dem elften September allerdings ist der Islam verstärkt ins Zentrum der westlichen Aufmerksamkeit gerückt und fast täglich findet man diesbezüglich Medienberichte, die ihn so pauschal und kulturalistisch darstellen, als wäre er eine Hülle der Identität, die sich jedem überstülpt, der in seinen Wirkungskreis hineingeboren wird. „Der Islam erscheint als eine abgegrenzte Einheit, als geschlossener, kohärenter Bestand an Glaubenssätzen, Werten und anthropologischen Mustern, verkörpert von einer gemeinsamen Gesellschaft, einer gemeinsamen Geschichte und einem gemeinsamen Territorium.“3 Und dieser kommunikative Akt des Westens, der ein Fremdbild produziert, schreit zwar nach Rechtfertigung des Gegenübers (in diesem Fall zunächst viele verschiedene „Gegenübers“), hat aber in diesem Prozess bereits seine identitätsstiftende Wirkung ausgestrahlt und führt paradoxerweise zur Konstruktion eines erwidernden Selbstbildes. So hat sich in den vergangenen Jahren eine verstärkt radikal auftretende fundamentalistische und konservative islamische Bewegung formiert, die sich selbst in diesem interaktiven Wechselspiel gefangen sieht. Einerseits benutzt sie zur Verteidigung ihrer Werte und Religion genau jenen, eben beschriebenen kulturalistischen Ansatz, versucht aber gleichzeitig diesem zu entkommen, in dem eine buchstabentreue Interpretation des Korans gefordert wird, welche jegliche Möglichkeit der menschlichen „Identitätsschaffung“ ausschließen und lediglich auf den göttlichen Willen zurückgreifen soll.4 Gleichzeitig steckt dahinter jedoch der Wunsch nach der Einung der weltweiten Gemeinschaft aller Muslime, der sogenannten Umma, und deren kultureller Homogenisierung.

Diese Krise, welche letztendlich vielmehr eine Problematik der interkulturellen Kommunikation anspricht, ist gemeint, wenn ich im Titel dieser Arbeit etwas sarkastisch, aber auch selbstkritisch, von einer „Islamischen Identitätskrise“ spreche. Im Folgenden bediene ich mich drei repräsentativer und gut miteinander vereinbarer Ansätze, um zunächst einen Überblick über das oben angesprochene Identitätsverständnis zu geben, in welchem Zusammenhang die Krise erst sichtbar wird.

Es scheint mir sinnvoll, bei der Vorstellung der Theorien zunächst mit Goffman und dem sozialen Rollenverhalten zu beginnen, um dieses dann mit dem Ansatz Mead’s in den Kontext der Interaktion zu übertragen. Abschließend soll mit Keupp’s Modell der Patchwork – Identität ein uns betreffendes, kulturspezifisches Modell, der auf Interaktion basierenden individuellen Identitätsarbeit vorgestellt werden.

2. Goffman/ „Self-Presentation in everyday-life”

Ausgangspunkt von Goffman’s Argumentation ist das Rollenverhalten, das wir bei unserem gesellschaftlichen (Inter-)Agieren einnehmen. Bei seiner Beschreibung bedient er sich zahlreicher Begriffe aus der Film- und Theaterwelt und schafft somit ein metaphorisches Grundgerüst kultureller Determiniertheit.5 Der Leser, welcher mit den Illusionen der Bühnenwelt unserer Gesellschaft und deren Konsumierung vertraut ist, kann ohne weiteres die Brücke der Assoziation beschreiten und den realen Bezug zum Verhalten im Alltag herstellen. Dieses Verhalten wird von Goffman vielmehr als „Darstellung“ oder auch „performance“ bezeichnet und beschreibt „[...] das Gesamtverhalten, das jemand vor anderen zeigt und das diese andere[n] beeinflusst.“6 Dieses wiederum setzt sich aus vielen, situationsbedingten Einzelvorstellungen, den sogenannten „Fassaden“ zusammen. Ich möchte diese im Folgenden auch mit dem Begriff „Rolle“ belegen. Wir alle sind gezwungen, im Ausleben unseres Alltags in verschiedene „Rollen“ zu schlüpfen, die uns mit unterschiedlichen Anforderungen und wechselndem Publikum konfrontieren. So sind wir beispielsweise einerseits Tochter oder Sohn, andererseits aber auch Arbeitnehmer/-geber und irgendwann selbst Vater oder Mutter. Um darin zu überzeugen, gilt es eine kleine Menge „Rollen“ gut zu beherrschen, statt möglichst viele oberflächliche „Darstellungen“ abzuliefern. Hilfsmittel, die unsere Selbstinszenierung untermalen, im Sinne von Kulissen und Requisiten, bezeichnet Goffman als „Fassaden“.7 Damit sind zunächst Räume des persönlichen Agierens, wie Wohnung, Fahrzeug oder favorisierte, externe Räumlichkeiten gemeint. Die dazugehörigen Accessoires oder Requisiten, wie „[...] Kleidung, Geschlecht, Körperhaltung oder die Art zu Sprechen“ spezifiziert er mit der Zuordnung zur „persönlichen Fassade“.8 Da wir sowohl Publikum, als auch Akteure sind, sind wir bereits mit vielen Erwartungen vertraut, die an bestimmte „Rollen“ geknüpft sind und wissen diesen in unserer „Performance“ zu entsprechen. Durch die gegenseitige Beeinflussung von Erwartung und Entsprechung bleiben wir flexibel und können sowohl spontan auf unser Publikum reagieren, als auch die Handlungsintention unbekannter „Rollen“ erkennen und deuten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass unser Verhalten im Alltag bewusst „inszeniert“ wird. Dabei bedienen wir uns, um zu überzeugen zusätzlicher Ausdrucksmittel die körperlicher, aber auch materieller Art sein können. Die Anwesenheit von Publikum und gleichzeitige Repräsentierung dessen Publikums sind Bedingung für einen Perspektivenwechsel, der nötig ist, um zur eigenen Überzeugung von einer gelungenen „Darstellung“ zu gelangen.

2. Mead/ „Symbolisch vermittelte Interaktion“

Während es Goffman in seiner Darstellung hauptsächlich um das Verhalten des Einzelnen und den Ausdruck der Persönlichkeit geht, beschreibt Mead den Reiz-Reaktions-Kreislauf in der Interaktion von Individuen. In unserem Handeln senden wir ständig Reize an unser Gegenüber aus, die bewusst gewählt („symbolisch vermittelte Interaktion“) oder reflexartig („gebärden- und gestenvermittelte Interaktion“) auftreten können.9 Diese Signale werden vom Empfänger analysiert bzw. interpretiert und lösen wiederum eine Folgehandlung aus, die es zu verarbeiten gilt. Da wir ständig Sender von Informationen sind, auch ohne uns dessen bewusst zu sein, ist Begegnung ohne „Kommunikation“ nicht möglich. Soll die Kommunikation ohne Konfusion ablaufen, und möglichst wenig Spielraum zur Fehlinterpretation liefern, so sind Symbole zu wählen, über die bei allen Beteiligten ein Konsens vorherrscht. Solche sogenannten „signifikanten Symbole“ sind kulturell determinierte Gesten, wie zum Beispiel das Winken oder Erheben des Daumens.10 Erst die Fähigkeit, sich bei der Interaktion in das Gegenüber hineinzuversetzen und über das eigene Tun bewusst zu reflektieren, schafft Identität. Nur über den Abgleich mit den Attributen unseres sozialen Umfeldes können wir Aussagen über uns selbst treffen. Dabei unterscheidet Mead zwischen drei Formen der Selbstwahrnehmung: dem „me“ welches die von uns vermutete Wirkung auf andere bezeichnet; dem „self“, die zusammengesetzte Collage aller „me’s“ und dem „I“ ,den spontan und unkontrolliert hervorbrechenden Facetten unseres Wesens. Auch hier ist Identität das Resultat des Wechselspiels von Selbst- und präsumiertem Fremdbild und ein ständiger Prozess. Dabei ist es vor allem das „I“, welches Progressivität schafft: spontane Handlungen werden bei positiver Auswirkung auf das „self“ habitualisiert und verändern das „me“.11

So lässt sich abschließend zu Mead sagen, dass es vor allem jenes Rollenspiel des Perspektivenwechsels ist, das uns unserer selbst bewusst werden lässt und dass wir darüber hinaus in ständiger Reaktionsbereitschaft auf die Reize unseres Umfeldes stehen. Kommunikation ist dabei der reizbezogene Informationsaustausch welcher uns eine Idee unserer Wirkung auf andere vermittelt.

[...]


1 Roy, Olivier: Der islamische Weg nach Westen. Globalisierung, Entwurzelung und Radikalisierung, München 2006

2 Vgl. Roy 2006, S. 25

3 Ebd., S. 24

4 Vgl. Roy 2006, S. 25

5 Vgl. Goffman, Erving: Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag, München 2004

6 Abels, Heinz: Interaktion, Identität, Präsentation. Kleine Einführung in interpretative Theorien der Soziologie, Wiesbaden 2004, S. 162

7 Vgl. Goffman 2004, S. 25

8 Vgl. ebd.

9 Vgl. Blumer, Herbert: Der methodologische Standort des Symbolischen Interaktionismus. In: Alltagswissen, Interaktion und gesellschaftliche Wirklichkeit hrsg. von Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen, Band 1, Reinbek 1973, S.87 ff.

10 Vgl. Joas, Hans: George Herbert Mead. In: Klassiker des soziologischen Denkens hrsg. von Dirk Käsler, Band 2, München 1978, S. 22 ff.

11 Vgl. ebd.

Details

Seiten
21
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640219353
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v118716
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Ethnologie und Afrikanistik
Note
1,7
Schlagworte
Identitätskrise Hauptseminar Globale Modernisierung Rückkehr Religionen

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Titel: Die islamische Identitätskrise