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Studien zur Metaphorisierung von Liebe und Aggression im Englischen, Deutschen und einigen anderen Sprachen

Examensarbeit 1995 70 Seiten

Anglistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Lakoffs These der gleichen Konzeptualisierung von Anger und Lust
2.1. Das Problem der Kausalität zwischen Sprachgebrauch, Konzeptualisierung, Denken, Verhalten und Kultur
2.1.1. Das konzeptuelle System beeinflußt die Sprache
2.1.2. Die Sprache beeinflußt das konzeptuelle System
2.1.3. Die Rolle der Kultur bei der Herausbildung des konzeptuellen Systems
2.1.4. Die Bedeutung von Kultur und Genetik für die Konzeptualisierung von Liebe
2.2. Gründe für eine Untersuchung der Universalität der Metaphorik von Liebe und Aggression
2.3. Zusammenfassung

3. Die Metaphorisierung von Aggression und Liebe im Englischen, Deutschen und einigen anderen Sprachen Das prototypische Szenario für Aggression und Liebe
3.1.1.1. AGGRESSION IST HITZE
3.1.1.2. LIEBE IST HITZE
3.1.2.1. AGGRESSION IST FEUER
3.1.2.2. LIEBE IST FEUER
3.1.3.1. AGGRESSION IST DRUCK IN EINEM BEHÄLTER
3.1.4. AGGRESSION (LIEBE) IST HITZE - Weitere Sprachen
3.2.1.1. AGGRESSION IST EIN GEGNER (EINE NATURGEWALT)
3.2.1.2. LIEBE IST EIN GEGNER (EINE NATURGEWALT)
3.2.2.1. DAS OBJEKT DER AGGRESSION IST EIN GEGNER
3.2.2.2. DAS OBJEKT DER LIEBE IST EIN GEGNER
3.2.3. AGGRESSION (LIEBE) IST EIN GEGNER - Weitere Sprachen
3.3.1.1. AGGRESSION IST EIN TIER
3.3.1.2. LIEBE IST EIN TIER
3.3.2.1. DER AGGRESSIVE MENSCH IST EIN TIER
3.3.2.2. DER VERLIEBTE MENSCH IST EIN TIER
3.3.3. AGGRESSION (LIEBE) IST EIN TIER - Weitere Sprachen
3.4.1.1. AGGRESSION IST KRANKHEIT
3.4.1.2. LIEBE IST KRANKHEIT
3.4.2.1. AGGRESSION IST VERRÜCKTHEIT
3.4.2.2. LIEBE IST VERRÜCKTHEIT
3.4.3. AGGRESSION (LIEBE) IST KRANKHEIT ODER VERRÜCKTHEIT - Weitere Sprachen
3.5.1. AGGRESSION IST HUNGER
3.5.2. LIEBE IST HUNGER
3.5.3. AGGRESSION (LIEBE) IST HUNGER - Weitere Sprachen
3.6. Die Universalität des Phänomens der gleichen Metaphorisierung von Aggression und Liebe
Tabelle 1
Tabelle 2

4. Aggression und Liebe aus biologischer und etho- logischer Sicht
4.1. Liebe als phylogenetisches Kind der Aggression
4.2. Das Verhältnis von Liebe und Sexualität zur Gewalt
4.3. Der Zusammenhang zwischen Evolution und Sprache
4.4. Zusammenfassung und Ausblick

5. Literaturverzeichnis

Benutzte Nachschlagewerke und andere Metaphernquellen

Register

1. Einleitung

Das Hauptanliegen dieser Arbeit ist, zu untersuchen, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede es bei der Metaphorisierung der beiden Gefühlsbereiche Aggression und Liebe im Englischen und Deutschen gibt. Darüber hinaus soll auch eine Reihe weiterer Sprachen in die Untersuchung einbezogen werden, um Aufschluß darüber zu erhalten, ob gewisse Metaphernmuster sprachliche Universalien sind oder ob sie von einem be- stimmten soziokulturellen Umfeld der betreffenden Sprachgemeinschaft abhängen. Ausgangspunkt der Untersuchung ist die Feststellung von Lakoff (1987), daß im amerikanischen Englisch Aggression und Liebe auffallend ähnlich metaphorisiert werden. Lakoff hält dies für ein typisch amerikanisches Phänomen und sieht einen kausalen Zusammenhang zwischen aggressiver Liebesmetaphorik und sexueller Gewalt in den USA. Diese Hypothese Lakoffs wirft die Frage nach der Kausalität zwischen Sprache, Denken, Verhalten, Kultur und Biologie auf. Daß Sprache und Denken einer Wechselwirkung unterliegen, scheint seit Sapir und Whorf mehr oder weniger akzeptiert zu werden, auch wenn - wie beispielsweise zwischen Lakoff und Lyons - Unterschiede in der Exegese der Sapir-Whorf-Hypothese zu Tage treten. Strittig ist allerdings die Frage nach der Gewichtung von soziokulturellen und genetischen Einflüssen auf Sprache und Denken. Anhand von Lyons soll die Meinung exemplifiziert werden, daß der Kultur hierbei die weitaus größere Bedeutung beizumessen sei, während biologische Faktoren in den Hintergrund zu treten hätten. Die Metaphorisierung von Liebe hält auch Lakoff für kulturell bedingt, er ist aber der Auffassung, daß die Art und Weise, wie Liebe metaphorisiert wird, auch umgekehrt das Verhalten der Sprecher beeinflussen und somit deren Kultur mitprägen könne.

Ein Vergleich der Metaphorisierung von Aggression und Liebe im Englischen, Deutschen und einigen anderen Sprachen kann zur Klärung des Kausalitätsproblems beitragen. Stellt sich nämlich heraus, daß die aggressive Liebesmetaphorik im Amerikanischen tatsächlich ein Einzelfall ist, würden sowohl Lakoffs These von der Beeinflussung des Verhaltens durch die Sprache, als auch Lyons' Annahme, daß die Kultur den entscheidenden Einfluß auf Denken und Sprache habe, an Plausibilität gewinnen. Sollte sich jedoch ergeben, daß alle untersuchten Sprachen ähnliche oder gleiche Me- taphernstrukturen für Aggression und Liebe aufweisen, verdichten sich mit einer sich abzeichnenden Universalität die Indizien für eine biologische Disposition der Verwandtschaft dieser Gefühle. Das dritte Kapitel widmet sich daher der Zusammenstellung von Metaphern besonders aus dem Englischen und Deutschen, aber auch exemplarisch aus dreizehn weiteren Sprachen. Hilfsmittel der Untersuchung waren einsprachige und phraseologische Wörterbücher, ferner Sprichwörterlexika und Spezialwörterbücher für Umgangssprache und Jargon sowie zweisprachige Wörterbücher insbesondere bei Sprachen, für die keine einsprachigen Lexika zur Verfügung standen.

Besonders für das Englische soll vereinzelt auch auf den literaturgeschichtlichen Hintergrund bestimmter Metaphern hingewiesen werden.

Es sei nun vorweggenommen, daß sich in allen untersuchten Sprachen Beispiele für aggressive Liebesmetaphorik fanden und daß für Aggression und Liebe zumeist identische Metaphernmuster festgestellt werden konnten. Somit lag es nahe, eine genetische Ursache für diese Universalie in Betracht zu ziehen und im vierten Kapitel zu prüfen, ob es hierfür biologische, ethologische oder ethnologische Anhaltspunkte gibt.

Es stellte sich heraus, daß sowohl Biologen wie Konrad Lorenz, als auch Ethologen wie Irenäus Eibl-Eibesfeldt und Ethnologen wie Hans-Peter Duerr von einer großen phylogenetischen bzw. verhaltensorientierten Affinität zwischen Aggression und Liebe ausgehen, was die Annahme einer genetischen Bedingtheit der universell gleichen Metaphorisierung dieser Gefühle bestärkt.

Um den Argumentationsfluß des Haupttextes nicht inhaltlich und optisch zu unterbrechen, sind sämtliche Erläuterungen von Fachbegriffen, vom Verfasser für interessant und aufschlußreich erachtete zusätzliche Informationen, einige kritische Anmerkungen sowie Quellen- und Querverweise als Fußnoten aufgenommen worden, auch wenn diese entgegen der Empfehlung von E. Standop eine dreistellige Zahl erreichen.

2. Lakoffs These der gleichen Konzeptualisierung von Anger und Lust

Ausgangspunkt der Motivation für diese Arbeit ist Lakoffs (1987) Feststellung, daß im

amerikanischen Englisch die Gefühlsbereiche Aggression oder Ärger (anger) einerseits und Liebe bzw. sexuelle Begierde (lust) andererseits auffallend ähnlich metaphorisiert werden[1].

Lakoff zufolge liegen bei der Metaphorisierung der beiden Gefühle beträchtliche Überschneidungen der domains[2] vor. Sowohl bei anger, als auch bei lust finden sich die

domains Hitze, Feuer, Krankheit und wilde Tiere[3]. Lakoff zieht daraus den Schluß, daß

beiden Gefühlsbereichen bei Sprechern des amerikanischen Englisch offenbar die gleiche, oder zumindest eine ähnliche konzeptuelle Struktur zugrundeliegt.[4]

Die ähnliche Metaphorisierung von anger und lust bringt es mit sich, daß amerikanische Redewendungen für Liebe und sexuelle Begierde zum Teil recht aggressiv anmuten. Die diesem Sprachgebrauch zugrundeliegende Konzeptualisierung von lust hält

Lakoff für bedenklich und sieht in ihr sogar eine mögliche Ursache für die relativ hohe Zahl von Vergewaltigungen in den USA[5]. Er vermißt Metaphern, die Liebe und Sexualität nicht

als krankhafte, aggressive und ausschließlich vom Mann ausgehende Begierde versinnbildlichen[6].

Lakoff nimmt an, daß die von ihm beschriebene parallele Konzeptualisierung von

anger und lust ein vornehmlich in der amerikanischen Kultur auftretendes Phänomen sei[7].

Einen Vergleich mit anderen Gesellschaften nimmt er nur insofern vor, als er ohne Angabe von Quellen behauptet, daß "in einigen Kulturen Vergewaltigung praktisch unbekannt"[8] sei

und legt damit nahe, daß in solchen Kulturen auch keine gleiche Konzeptualisierung der besagten Gefühlsbereiche bestehe.

2.1. Das Problem der Kausalität zwischen Sprachgebrauch, Konzeptualisierung, Denken, Verhalten und Kultur

Die Ähnlichkeit der Konzeptualisierung von Anger und Lust hat für Lakoff weitreichende soziale Folgen[9]. Anhand einer Sammlung von Interviews, in denen sich Männer zum Delikt der Vergewaltigung äußern[10], versucht er zu veranschaulichen, daß die Verbindung von Sexualität und Aggression, die in den entsprechenden konzeptuellen Metaphern[11] besteht, das Denken und Argumentieren der Metaphernbenutzer zu beeinflussen vermag[12].

Folgt man diesem Determinationsstrang, so ist es der Sprachgebrauch zusammen mit den ihm zugrundeliegenden Konzeptualisierungen, die das Denken und schließlich das Handeln des Menschen beeinflussen und letztendlich Kultur und Gesellschaft der betreffenden Sprachgemeinschaft mitprägen. Lakoff versäumt es, explizit auf die von ihm angenommene Kausalität einzugehen. So läßt er in bezug auf Anger und Lust die Frage unbeantwortet, ob der metaphorische Sprachgebrauch eine Folge der Konzeptualisierung ist, oder ob etwa umgekehrt die Konzeptualiserung sich durch den Sprachgebrauch herauskristallisiert.

2.1.1. Das konzeptuelle System beeinflußt die Sprache

Die erste Möglichkeit, nämlich daß eine bereits vorhandene konzeptuelle Struktur ihren Niederschlag in der Sprache findet, wird von Lakoff und Johnson (1980) als Voraussetzung für Metaphors We Live By postuliert. Hier wird davon ausgegangen, daß bereits das

konzeptuelle System des Menschen mit metaphorischen Mitteln sämtliche Wahrnehmungen und Erfahrungen strukturiert.[13] Es wird behauptet, daß das konzeptuelle System sowohl

Grundlage für Denken und Handeln als auch für die Sprache sei, und daß daher die Sprache

Damit stellen Lakoff und Johnson sich gegen die traditionellen Metapherntheorien, welche die Metaphernbildung als mehr oder weniger bewußten Prozeß verstehen, der dem Prinzip der "Sprachökonomie" und dem "Bestreben des Geistes" nach einem besseren Verständnis einer Sache mit Hilfe der Metapher Rechnung trägt. Vgl. Hugo Meier (1963), Die Metapher. Versuch einer zusammenfassenden Betrachtung ihrer linguistischen Merkmale. Winterthur. S. 180-83.

einen Einblick in das konzeptuelle System zu vermitteln vermöge.[14] Somit seien Metaphern

in der Sprache nur möglich, da das konzeptuelle System des Menschen metaphorisch arbeite und mithin sich auch das menschliche Denken in Metaphern vollziehe.[15] Bei ihrer

Feststellung, daß die Sprache das konzeptuelle System ihrer Sprecher widerspiegelt, berufen sich Lakoff und Johnson ausdrücklich auf die Sapir-Whorf-Hypothese[16].

Zusammenfassend läßt sich der sich hier ergebende Kausalzusammenhang folgendermaßen beschreiben: Ein angeborenes oder durch Erziehung und Prägung in der jeweiligen Kultur erworbenes konzeptuelles System ist metaphorisch strukturiert. Die metaphorische Struktur des konzeptuellen Systems wiederum bedingt einerseits das menschliche Denken und Verstehen und widerspiegelt sich andererseits in der menschlichen Sprache. Für die ähnliche Konzeptualisierung von Liebe und Aggression im Amerikanischen ergäbe sich dann folgende Erklärung: In der amerikanischen Gesellschaft sind Liebe und Aggression eng miteinander verbunden. Dies führt dazu, daß im konzeptuellen System der Amerikaner die konzeptuellen Strukturen für die beiden Gefühlsbereiche sich ähneln, sich überschneiden oder sogar, daß sich hier eine einzige konzeptuelle Struktur herausbildet.

Im Widerspruch hierzu scheint allerdings die Vermutung Lakoffs zu stehen, daß die aggressive Liebesmetaphorik im Amerikanischen das Verhalten der Sprecher beeinflussen könne und daß ein veränderter Sprachgebrauch auch eine Veränderung des Verhaltens nach sich ziehen könnte. In diesem Falle würde umgekehrt der Sprachgebrauch auf das konzeptuelle System einwirken, welches wiederum Denken und Verhalten des einzelnen und damit die soziokulturellen Bedingungen der betreffenden Sprachgemeinschaft beeinflußt.

2.1.2. Die Sprache beeinflußt das konzeptuelle System

Davon, daß neue Sprachschöpfungen eine Umorientierung des Bewußtseins bewirken können, scheinen Lakoff und Johnson (1980) so überzeugt zu sein, daß sie sich Gedanken darum machen, durch welche neuen Metaphern eine Änderung der Einstellung der Sprecher

zum Gefühl der Liebe herbeigeführt werden könnte, und schlagen zu diesem Zwecke die Metapher LOVE IS A COLLABORATIVE WORK OF ART vor.[17]

Durch solche "imaginativen und kreativen" Metaphern könnte sich dem Leben des Menschen ein neuer Sinn erschließen.[18] Kreative Metaphern wären in der Lage, dem menschlichen Denken die vom Metaphernschöpfer gewünschte Struktur zu verleihen.[19]

Aus dem Gebrauch des imaginären Metaphernkomplexes, der Liebe als ein gemeinsames Kunstwerk begreift, ergeben sich für Lakoff und Johnson mögliche Konsequenzen für das (Unter-) Bewußtsein wie Love is work, Love requires cooperation, Love requires

compromise, Love is an aesthetic experience, Love reflects how you see the world, Love yields a shared aesthetic satisfaction from your joint efforts etc.[20] Demnach sind bewußte

Sprach- bzw. Metaphernschöpfungen dazu angetan, Veränderungen des konzeptuellen Systems und somit des Denkens und Bewußtseins herbeizuführen.[21]

Die dieser Annahme zugrundeliegende Kausalität würde sich auf die Interpretation der Sapir-Whorf-Hypothese von Lyons (1981) stützen, deren Postulat "Language

determines thought" Lyons in der abgeschwächten Variante "[...] the structure of one's language influences perception and recall" [22]akzeptiert. Eine andere Interpretation der

Sapir-Whorf-Hypothese, der zufolge die Kausalität andersherum liegt, fand sich noch bei Lakoff und Johnson (1980, s.Anm.16).

Offenbar geht Lyons, wie auch seiner Herder-Rezeption zu entnehmen ist[23], von

einer Wechselwirkung zwischen Sprachgebrauch und konzeptuellem System aus. Die metaphorische Struktur des konzeptuellen Systems bedingt die metaphorische Struktur der

Sprache und umgekehrt. Einerseits prägt das Denken das Sprachverhalten und andererseits kann ein veränderter Sprachgebrauch Einfluß auf das Bewußtsein ausüben.[24] Eine

monolineare Kausalität besteht demnach also nicht, vielmehr würden Sprache und

Konzeptualisierung ein kausales Wirkungssystem bilden, wie es für biologische und neurobiologische Systeme typisch ist.[25]

Es stellt sich nun die Frage, wodurch sowohl Sprache als auch das konzeptuelle System geprägt werden, ob soziokulturelle Bedingungen einen entscheidenden Einfluß haben oder ob biologisch-genetische Faktoren dabei eine Rolle spielen, mithin inwieweit das konzeptuelle System des Menschen erworben oder angeboren ist. Im folgenden wird deutlich, daß Lyons, immerhin Verfasser maßgeblicher Linguistik-Lehrwerke, der Kultur den Vorzug gibt.

2.1.3. Die Rolle der Kultur bei der Herausbildung des konzeptuellen Systems

Lyons geht von dem durch Herder geprägten "anthropologischen" Kulturbegriff aus[26] und

legt seiner Argumentation eine Definition von Kultur als "sozial erworbenem Wissen" zugrunde.[27] Lyons widerspricht zwar nicht Chomskys Hypothese einer angeborenen

Fähigkeit des Spracherwerbs, er geht aber auch nicht von einem entsprechenden Sprachmodul aus[28] und betont die überragende Rolle der Kultur[29], ohne deren

Informationsvermittlung für den Spracherwerber ein etwaiges angeborenes Sprachmodul nicht funktionieren könne. Biologie und Kultur seien demnach im Hinblick auf den

Spracherwerb voneinander abhängig[30], wie auch die Ergebnisse der Berlin-Kay-Hypothese hinsichtlich der Bezeichnungen für Farbwahrnehmungen zeigten.[31] Lyons schließt daraus,

daß eine strikte Trennung von genetischen und soziokulturellen Faktoren beim Erwerb und für die Struktur einer Sprache nicht haltbar sei.[32]

Lyons räumt ein, daß eine Sprache nicht allein aus der Kultur ihrer Sprecher erklärt

werden kann und weist darauf hin, daß es sehr wohl unterschiedliche Kulturgemeinschaften gibt, welche dieselbe Sprache sprechen.[33] Daß biologische Faktoren jedoch kaum eine

Rolle für das Konzeptsystem spielten, zeige zum Beispiel die Tatsache, daß australische

Aborigines, deren Sprachen nur vier Numeralien kennen, durchaus mit höheren Zahlen umgehen können, wenn sie Englisch lernen.[34] Die große Bedeutung der Kultur für Sprache

und Konzepte zeige sich am großen Unterschied der Sprachgemeinschaften bei der Auffassung von Begriffen wie "Ehre" oder "Sünde".[35] Durch Kulturkontakte träten auch

wechselseitige Beeinflussungen und Veränderungen der Sprachen auf, so in der Form von Lehnübersetzungen und Lehnwörtern.[36]

Allerdings zeigen diese Beispiele nur, daß es zwischen den Kulturen keine biologischen Unterschiede gibt, was die Möglichkeiten zur Herausbildung des Konzeptsystems anbelangt. Ein etwaiger universeller genetischer Einfluß auf konzeptuelle Strukturen bzw. auf die Fähigkeit, solche unter gewissen kulturellen Rahmenbedingungen herauszubilden, wird damit nicht widerlegt.

2.1.4. Die Bedeutung von Kultur und Genetik für die Konzeptualisierung von Liebe

Ein bedeutender Hinweis auf eine biologisch-genetische Ursache einer konzeptuellen Struktur wäre die Universalität einer solchen. Eine universelle konzeptuelle Struktur müßte sich in den meisten Sprachen der Welt widerspiegeln, nicht jedoch zwangsläufig in allen Sprachen, denn wie das Beispiel der australischen Aborigines zeigt, muß eine mentale Fähigkeit wie auch eine konzeptuelle Struktur nicht unbedingt ihren Niederschlag in der Sprache finden. Eine gleiche durch die jeweilige Sprache reflektierte konzeptuelle Struktur bei vielen, möglichst heterogenen Kulturen wäre indes ein signifikantes Indiz für eine universelle genetische Ursache einer solchen.

Lakoff und Johnson (1980) nehmen an, daß metaphorisch organisierte Konzeptstrukturen auf "natürlichen Erfahrungen" basieren, für die sie drei Ursachenkomplexe geltend machen: 1. Der menschliche Körper mit seinem perzeptiven und motorischen Apparat, seinen mentalen Fähigkeiten und seinen Emotionen, 2. Unsere

Beziehungen mit der Umwelt wie Bewegung, der Umgang mit Objekten und Nahrungsaufnahme und 3. Der Umgang mit anderen Menschen innerhalb unserer Kultur.[37]

Einige konzeptuelle Strukturen, so mutmaßen Lakoff und Johnson, könnten universell sein, andere wiederum von Kultur zu Kultur variieren.[38] Zu den aus kulturellen

Erfahrungen resultierenden Konzeptualisierungen zählen sie Liebe, Zeit, Streit, Moral, Glück, Arbeit, Gesundheit etc. Diese Bereiche müßten mit metaphorischen Mitteln definiert

und begriffen werden, da sie einer für den täglichen Gebrauch erforderlichen Eigenbegriff- lichkeit entbehrten.[39]

Daß auch die Konzeptualisierung von Liebe etwas mit der Kultur der betreffenden Sprachgemeinschaft zu tun hat, entspricht der Mutmaßung von Lakoff (1987), daß die aggressive Metaphorisierung von Liebe ein typisch amerikanisches Phänomen sei. Allerdings ist es bei dieser Vermutung die Sprache mit der entsprechenden konzeptuellen Struktur, die das Denken und Verhalten - in diesem Fall eine erhöhte sexuelle Gewaltbereit- schaft - der Sprecher beeinflussen und somit letztendlich deren Gesellschaft mitprägen.

Wenn demnach Sprache und konzeptuelle Struktur in Bezug auf die aggressive Metaphorisierung von Liebe nicht genetisch bedingt sind (was sie ja auf der Basis von

Lakoffs Annahme der Beschränktheit dieses Phänomens auf die amerikanische Kultur nicht sein können), dann müßte deren Entstehung rein zufälliger Natur sein.[40] Hier taucht die

Frage nach der Kausalität zwischen Kultur auf der einen und Sprache samt konzeptuellem System auf der anderen Seite auf. Zunächst einmal ergeben sich hier, bezogen auf die aggressive Metaphorisierung von Liebe, zwei mögliche Kausalketten:

1. Die amerikanische Gesellschaft ist, was die Beziehung zwischen den Geschlechtern angeht, durch ein überdurchschnittliches Maß an Aggression gekennzeichnet. Dies hat kulturelle Ursachen wie Religion (etwa Puritanismus) oder eine - nicht durch einen besonderen Impetus geprägte - kulturelle Entwicklung eher zufälligen Charakters. Dieser kulturelle Zustand findet seinen Niederschlag in der konzeptuellen Struktur des Amerikaners und in dessen Sprache, wo deswegen Liebe mit Hilfe von

semantischen Einheiten aus dem Bereich (domain) der Aggression metaphorisiert wird, bzw. wo Liebe und Aggression sich bei der Metaphorisierung der gleichen domains bedienen.

2. Aggressive Metaphern der Liebe haben sich zufällig oder durch bewußte und willkürliche Akte einzelner Metaphernschöpfer in den allgemeinen Sprachgebrauch eingeschlichen und führen bei Sprechern des Amerikanischen zu einer gleichen Konzeptualisierung von Aggression und Liebe. Die so entstandene Umorganisierung des konzeptuellen Systems führt zu einer mentalen Einstellung, die Gewalt in der Liebe akzeptabler macht. Dies ist der Grund dafür, daß es in den USA zu überproportional vielen Vergewaltigungen kommt.

Folgt man der Argumentation von Lakoff (1987), müßte dieser die letzte der beiden

Kausalketten zugrundegelegt werden, die auch der Interpretation der Sapir-Whorf- Hypothese von Lyons[41] entspricht. Hier wie bei der Frage nach der Kausalität zwischen

konzeptuellem System und Sprache von einer Wechselwirkung zwischen Kultur einerseits und Sprache und Konzeptsystem andererseits innerhalb eines kausalen Wirkungssystems auszugehen, wäre allerdings, folgt man der Auffassung Seitelbergers, insofern problematisch, als Sprachfähigkeit und Konzeptsystem mit ihrer neurobiologischen Struktur der primären Welt des Organisch-Materiellen angehören, während Kultur als

sekundäre Welt eine hiervon losgelöste Eigendynamik besitzt, aber erst auf der Grundlage der primären Welt existieren kann.[42] Bei Annahme einer Wechselwirkung entstünde ein

kausaler Zirkelschluß: Die Existenz von aggressiven Liebesmetaphern formt eine konzeptuelle Struktur, die ein aggressives Verhalten in der Liebe bewirkt. Dieses Verhalten wiederum schlägt sich in der aggressiven Metaphorik der Sprache und in der entsprechenden konzeptuellen Struktur nieder.

2.2. Gründe für eine Untersuchung der Universalität der Metaphorisierung von Liebe und Aggression

Bei den eben erwähnten möglichen Kausalketten bleibt die Rolle der Biologie bzw. der Genetik unberücksichtigt. Rückt man von der Annahme Lakoffs ab, daß die gleiche Konzeptualisierung von Liebe und Aggression eine typisch amerikanische Erscheinung sei und nimmt man an, es handle sich hierbei um ein universelles Phänomen, so liegt es nahe, hierfür eine genetische Ursache anzunehmen, und zwar mit dem gleichen Recht, mit dem Chomsky als Grund für grammatische Universalien ein angeborenes Spracherwerbssystem

postuliert. Es stellt sich also die Aufgabe, zu untersuchen, ob die Verbindung von Aggression und Liebe bei der Metaphorisierung auf das Amerikanische beschränkt ist, oder ob sie auch in anderen Sprachen auftritt und somit auch im konzeptuellen System der Sprecher anderer Sprachen existiert.

Wie schon erwähnt, wäre das Fehlen eines solchen Metaphernsystems in einer Sprache noch kein Beweis dafür, daß bei den Sprechern einer solchen Sprache auch keine entsprechende konzeptuelle Struktur vorhanden oder möglich sei. Fände man indes, daß die Mehrheit der Sprachen sich aggressiver Metaphorik bei der Beschreibung von Liebe bedient, wäre dies ein gewichtiger Hinweis wenn nicht auf die Universalität der aggres- siven Liebesmetaphern, so doch zumindest der entsprechenden konzeptuellen Struktur, für die dann biologische Gründe geltend gemacht werden könnten.

Sollte eine solche Untersuchung jedoch ergeben, daß die aggressive Liebesmetaphorik tatsächlich auf das Amerikanische und vielleicht auf wenige weitere Ausnahmen beschränkt ist, dann muß sich mit der fehlenden Universalität auch die Annahme einer biologischen Ursache als unbegründet erweisen. In diesem Falle wäre zu untersuchen, ob in den wenigen Sprachgemeinschaften, in denen aggressive

Liebesmetaphorik vorgefunden wurde, auch eine signifikant höhere Rate an sexueller Gewalt anzutreffen ist[43], um somit einen Zusammenhang zwischen Konzeptualisierung und Verhalten nachzuweisen.

Falls der Befund dieser Untersuchung entgegen der Vermutung von Lakoff die Universalität der gleichen Konzeptualisierung von Aggression und Liebe sein sollte und damit von einer biologischen Ursache hierfür auszugehen wäre, müßte auch Lakoffs Annahme, daß die Metaphorisierung von Liebe rein kulturell begründet sei, in Zweifel gezogen werden. Der nächste Schritt wäre dann zu prüfen, ob eine solche biologische Disposition gemessen am jetzigen Stand von Wissenschaften wie Anthropologie, Biologie oder Ethologie (vergleichende Verhaltensforschung) haltbar und gerechtfertigt ist.

2.3. Zusammenfassung

Lakoff (1987) stellt fest, daß im amerikanischen Englisch für die Metaphorisierung von Anger und Lust identische domains herangezogen werden und nimmt an, daß die konzeptuellen Strukturen für die beiden Gefühlsbereiche bei Sprechern des Amerikanischen sich gleichen. Dies könne zu der erhöhten sexuellen Gewaltbereitschaft der Amerikaner beitragen. Lakoff schlägt vor, diesem Mißstand durch die Einführung neuer und gewaltfreier Liebesmetaphern zu begegnen. Eine Veränderung der Sprache könne somit auch ein verändertes Bewußtsein und Verhalten bewirken.

Sprache und konzeptuelles System unterliegen einer Wechselwirkung. Bei der Frage, wodurch Sprache und konzeptuelle Denkmuster ihrerseits geprägt werden, betonen Linguisten wie Lyons die entscheidende Rolle der Kultur. Entsprechend ist auch Lakoffs Vermutung zu verstehen, daß die Verbindung von Aggression und Liebe in Wort und Tat ein typisch amerikanisches Problem sei. Ziel dieser Arbeit ist es daher, zu untersuchen, ob Aggression und Liebe auch in anderen Sprachen ähnlich metaphorisiert werden. Sollte sich die Universalität der aggressiven Liebesmetaphorik abzeichnen, müßte Lakoffs Annahme einer soziokulturellen Ursache hierfür in Frage gestellt und stattdessen von einer biologischen Disposition ausgegangen werden.

3. Die Metaphorisierung von Aggression und Liebe im Englischen, Deutschen und einigen anderen Sprachen

Mit der in dieser Arbeit vorliegenden Untersuchung sollen vor allem die Metaphorisierungen von Liebe und Aggression im Englischen und im Deutschen miteinander verglichen werden. Dabei soll festgestellt werden, ob im Deutschen wie im Englischen bei der Metaphorisierung von Liebe auf domains zurückgegriffen wird, die auch der Metaphorisierung von Aggression dienen, und ob somit in beiden Sprachen Liebesmetaphern einen gleichermaßen aggressiven Charakter haben. Um einen Beitrag zur Untersuchung der Universalität einer gleichen Konzeptualisierung von Aggression und Liebe zu leisten, soll auch eine Anzahl weiterer Sprachen einbezogen werden. Da eine genauere Darstellung der Metaphorisierung dieser Sprachen den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, sollen von jeder Sprache nur einzelne Beispiele für jedes domain aufgeführt werden.

Bei der Bezeichnung der domains wird einer größeren Übersichtlichkeit und Einheitlichkeit halber leicht von den domains bei Lakoff abgewichen, so daß sich fünf konzeptuelle Oberbereiche ergeben:

1. AGGRESSION (LIEBE) IST HITZE
2. AGGRESSION (LIEBE) IST EIN GEGNER ODER EINE NATURGEWALT
3. AGGRESSION (LIEBE) IST EIN TIER
4. AGGRESSION (LIEBE) IST KRANKHEIT ODER VERRÜCKTHEIT
5. AGGRESSION (LIEBE) IST NAHRUNG.

So würde etwa Lakoffs Metaphernstruktur LOVE IS WAR in den zweiten Oberbereich fallen. Für das Deutsche und Englische wird ferner abweichend von Lakoff in den Bereichen 1 bis 4 unterschieden, ob die Metapher sich auf das Gefühl oder den Träger des Gefühls bezieht, z.B. AGGRESSION IST EIN WILDES TIER und DER AGGRESSIVE MENSCH IST EIN WILDES TIER.

Während Lakoff sowohl die Begriffe love (1980) als auch lust (1987) bei der Bezeichnung der angegebenen Metaphernbeispiele verwendet, ist in dieser Arbeit einheitlich von Liebe die Rede, da zum einen sowohl im Englischen - so auch in den Beispielen von Lakoff -, als auch im Deutschen und in den anderen untersuchten Sprachen eine Differenzierung bei der Metaphorisierung von "reiner" Liebe und sexueller Begierde kaum stattfindet und weil zum anderen auch biologische Gegebenheiten (s. Kapitel 4) nicht unbedingt gegen einen gemeinsamen Oberbegriff sprechen. Ebenso erscheint der Begriff

Aggression, der einen größeren Bereich an Negativgefühlen abdeckt als Ärger (anger), im Hinblick auf die biologisch-ethologische Terminologie angemessener .

Das prototypische Szenario für Aggression und Liebe

Die Reihenfolge der domains in der Untersuchung erfolgt in Anlehnung an die Chronologie eines prototypischen Szenarios für Aggression und Liebe, was eine leichte Modifizierung des von Lakoff und Kövecses (1987) aufgestellten prototypischen Szenarios für anger mit

sich bringt. Nach Lakoff konvergieren die Metaphern für anger mit einem "bestimmten prototypischen kognitiven Modell für Ärger"[44], welches eine zeitliche Dimension aufweist und als in mehrere Stufen gegliedertes Szenario begriffen wird.

Da in einem solchen Szenario die Rollen der fünf zu untersuchenden prinzipiellen domains für die Metaphorisierung von Aggression und Liebe anschaulich dargestellt werden können, wird im folgenden der Versuch eines parallelen prototypischen Szenarios für beide Gefühlsbereiche unternommen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mit leichten Abweichungen lassen sich demnach für Aggression und Liebe gleiche prototypische Szenarien aufstellen. Bei der Metaphorisierung dieser Gefühle lassen sich offensichtlich bestimmten Stadien des Szenarios jeweils besondere domains zuordnen.

Mit der vorliegenden Untersuchung soll nun festgestellt werden, ob zwischen dem Englischen und dem Deutschen und einigen ausgesuchten weiteren Sprachen große Unterschiede bestehen, was den Rückgriff auf die domains des besagten prototypischen Szenarios bei der Metaphorisierung von Aggression und Liebe angeht, oder ob innerhalb dieser Sprachen die Übereinstimmungen bei der Auswahl der domains überwiegen. Da die von Lakoff aufgestellten Metaphern abgesehen von wenigen Ausnahmen nicht auf das amerikanische Englisch beschränkt sind, sondern auch von Sprechern des britischen Englisch verstanden und benutzt werden[45], erschien bei der Untersuchung eine Differenzierung zwischen den beiden Varianten des Englischen nicht angebracht, zumal auch das Amerikanische einen gewissen Einfluß auf die britische Umgangssprache ausübt.

[...]


[1] George Lakoff (1987), Women, Fire and Dangerous Things: What Categories Reveal About the Mind, Chicago, S. 411. Die dort als Fallstudie aufgeführte Analyse der Metaphorisierung von Anger ist eine von Lakoff und Zoltán Kövecses leicht veränderte Version von Kövecses' Studie Metaphors of Anger, Pride and Love: A Lexical Approach to the Structure of Concepts, Amsterdam (1986).

[2] Mit domain meint Lakoff ein Gefüge von semantischen Einheiten, die miteinander in einem assoziativen Kontext stehen und die mit einem bestimmten Erfahrungsbereich korrelieren. Bei der Metaphorisierung werden die semantischen Einheiten eines Erfahrungsbereichs durch jene eines anderen Erfahrungsbereichs ersetzt und verstanden: "[...] metaphors allow us to understand one domain of experience in terms of another." George Lakoff und M. Johnson (1980), Metaphors We Live By, Chicago. S. 117. Langacker (1990) definiert domain folgendermaßen: "A context for the characterization of a semantic unit". Im Gegensatz zu Lakoff muß bei Langacker ein domain nicht mit einem bestimmten Erfahrungsbereich korrelieren. Ronald W. Langacker (1990), Foundations of Cognitive Grammar, Bd.1: Theoretical Prerequisites, Stanford (Calif.), S. 147.

[3] Lakoff (1987), S. 411.

[4] Ibid., S. 412. Der bei Lakoff zentrale Begriff conceptual structure wird von ihm nicht eindeutig definiert. Er bezeichnet wohl ein eng geknüpftes neuronales Gefüge im Gehirn, in dem sich Eindrücke aus unterschiedlichen Perzeptionsbereichen in einen assoziativen Zusammenhang stellen. Die Gesamtheit der konzeptuellen Strukturen mitsamt ihrer Wechselwirkungen untereinander ist das konzeptuelle System - in Analogie zum Nervensystem. Der Neurologe Seitelberger spricht von den Nervenzellen eines Organismus, so des menschlichen Gehirns, von einem "System in dem Sinn, daß die Aktivität eines jeden einzelnen Elements vom Einfluß anderer Elemente abhängt und seinerseits Einfluß auf andere Elemente ausübt." Franz Seitelberger (1983), Neurobiologische Aspekte der Intelligenz, aus: Die Evolution des Denkens. 12 Beiträge, Hg. Konrad Lorenz und Franz M. Wuketits, München. S. 169/70. Die Annahme von assoziativen Einheiten, den konzeptuellen Strukturen legt eine modularistische Auffassung des menschlichen Geistes nahe - im Gegensatz zum Holismus, der den Geist als "ein unteilbares Ganzes" sieht. Vgl. Monika Schwarz (1992), Einführung in die Kognitive Linguistik, Tübingen. S. 22ff.

[5] "Not all cultures have a high incidence of rape. In some cultures, rape is virtually unknown. The high incidence of rape in America undoubtedly has many complex causes. I would like to suggest that the way we conceptualize lust and anger, together with our various folk theories of sexuality, may be a contributing factor."Ibid., S. 409. Die Dunkelziffer der amerikanischen Frauen, die in ihrem Leben mindestens einmal vergewaltigt worden sind, wird auf 15-40 % geschätzt. Madigan / Gamble (1991), The Second Rape, New York. S. 4. Daß in "traditionellen" Gesellschaften Vergewaltigungen seltener vorkommen, liegt nach Hans-Peter Duerr vor allem an "den umfassenden und effektiveren sozialen Kontrollmöglichkeiten". Dagegen kommt es auch bei "Naturvölkern" wie etwa den südamerikanischen Yanomami regelmäßig zu Vergewaltigungen von Frauen befeindeter Stämme. Hans-Peter Duerr, (1993), Obszönität und Gewalt, Frankfurt am Main. S.457 ff.

[6] Ibid., S. 415.

[7] Ibid., S. 414.

[8] Ibid., S. 409. (s. Anm.5)

[9] Ibid., S. 412.

[10] Timothy Beneke (1982), Men on Rape. New York: St. Martin's Press.

[11] Eine konzeptuelle Metapher in der Sprache ist der "bestimmte sprachliche Ausdruck einer konzeptuellen Metapher" (S.50) des konzeptuellen Systems. Eine solche Metapher würde automatisch und ungezwungen ("effortless") als Ausdruck eines "Denkmusters einer Sprachgemeinschaft" (S.55) produziert, und zwar meistens ohne das Bewußtsein, daß es sich beim Gesagten überhaupt um eine Metapher handle (S.65). George Lakoff und M. Turner (1989), More than Cool Reason, Chicago, London.

[12]"What I would like to show is that, at the very least, it is possible for them [the conceptual metaphors] to enter into reasoning." Lakoff und Johnson (1980), S. 412.

[13]"Our ordinary conceptual system, in terms of which we both think and act, is fundamentally metaphorical in nature"..."Our concepts structure what we perceive, how we get around in the world, and how we relate to other people."Ibid., S. 3.

[14]"Since communication is based on the same conceptual system that we use in thinking and acting, language is an important source of evidence for what that system is like."Ibid., S. 3.

[15]"[...] human thought processes are largely metaphorical."[...]"Metaphors as linguistic expressions are possible precisely because there are metaphors in a person's conceptual system."Ibid., S. 6. Schätzungsweise weisen ungefähr ein Viertel bis ein Drittel aller in durchschnittlichen Wörterbüchern angeführten 'Bedeutungen' einer Lexie ein metonymisches Verhältnis zueinander auf. Peter Schifko, Die Metonymie als universales sprachliches Strukturprinzip, in: Grazer linguistische Studien 10, Herbst 1979. S. 244.

[16]"[...] language can reflect the conceptual system of its speakers". Ibid., xi (acknowledgements).

[17]Lakoff und Johnson (1980), S. 139.

[18]"...[the new metaphors] can give new meaning to our pasts, to our dailly activity, and to what we know and believe." Lakoff und Johnson (1980), S. 139. "metaphor [...] as a mechanism for creating new meaning and new realities in our lives."Ibid., S. 196.

[19]"We would like to suggest that new metaphors make sense of our experience in the same way conventional metaphors do: they provide coherent structure, highlighting some things and hiding others."Ibid., S.139.

[20] Ibid., S.140.

[21] Nach L. Jäger ist sogar das Gefühl der Liebe, zumindest beim Mann, abhängig vom

semantischen Kontext des Wortes "Liebe": "[...] daß nämlich in die jeweiligen semantischen Bestimmungshorizonte der Bedeutungsgeschichte von 'Liebe' das jeweilige Frauenbild in seinen verschiedenen sozialhistorischen und ideologiegeschichtlichen Ausformungen als prägendes Moment eingegangen ist. Was als Liebe gefühlt wurde, war für die Zeitgenossen verschiedener historischer Zeiten abhängig von den Wahr-nehmungs- und Erfahrungskontexten, in die die jeweiligen Sprachspiele der Gefühle eingebettet waren." Ludwig Jäger (1988), Ist Liebe nur ein Wort, in: Eros - Liebe - Leidenschaft. Meisterwerke der Weltliteratur. Bd.II. Bonn. S. 123.

[22] J. Lyons (1981), Language and Linguistics, London. S. 307.

[23]"Herder [...] with his thesis of the interdependence of language of thought [...] ". Ibid., S. 302.

[24]Nach Popper liegt auch bei der Evolution der Sprache eine Wechselwirkung mit dem menschlichen Denken ("Geist") vor: "Wohl eines der ersten Erzeugnisse des menschlichen Geistes ist die menschliche Sprache. Ich vermute sogar, daß die Sprache in der Tat das erste dieser Erzeugnisse war. Und nicht nur das, sondern ich vermute auch, daß sich das menschliche Gehirn und der menschliche Geist in gegenseiteiger Wechselwirkung mit ihrem eigenen Erzeugnis, der sich entwickelnden Sprache, entwickelt haben." Karl Popper / John Eckles, Das Ich und sein Gehirn, München (1982). S. 31.

[25]Wissenschaftstheoretiker wie Wuketits oder Leinfellner lehnen allgemein eine alles bestimmende deterministische Kausalität ab. So wird zwischen der traditionellen Auffassung ("Kausalität²") und der modernen relativen "Kausalität¹" unterschieden: "Die Annahme einer Kausalität¹ führt [...] zu einem einzigen kausal zusammenhängenden holistischen System (Bio- und Ökosysteme eingeschlossen), dessen Subsysteme, Systeme und Supersysteme ein einziges offenes, nicht notwendigerweise linear hierarchisches, mit dazwischenliegenden Kausalschlingen, kybernetischen Zyklen etc. zusammengesetzes, kausales Wirkungssystem bilden." Werner Leinfellner (1983), Das Konzept der Kausalität und der Spiele in der Evolutionstheorie in: Die Evolution des Denkens, München. S. 216.

[26]"[...] with his [Herder's] view that a nation's language and culture were manifestations of its distinctive national spirit or mind." Lyons (1981), S. 302.

[27]"According to the definition with which we operate, culture may be described as socially acquired knowledge that someone has by virtue of his being a member of a particular society."Ibid., S. 302.

[28]Es klingen sogar Zweifel in Bezug auf eine genetisch erworbene Spracherwerbsfähigkeit an: "[...] even if there is a genetically transmitted language-faculty [...]". Ibid., S. 303. Mit der Annahme der Möglichkeit, daß Spracherwerb rein auf soziokulturellem Wege erfolgen könne, würde sich Lyons einem ausgesprochen behaviouristischen Standpunkt nähern.

[29] So gewährt Lakoff und Turner zufolge die Metaphorik einer Sprache einen Einblick in Mentalität und Kultur der betreffenden Sprecher: "To study metaphor is to be confronted with hidden aspects of one's own mind and one's own culture." Lakoff und Turner (1989), S. 214.

[30] Lyons (1981), S. 303.

[31] Ibid., S. 316.

[32] Ibid., S. 303. Aus evolutionärer Sicht jedoch hat Kultur als "kollektives Wissen" einer Gemeinschaft und als "objektives Produkt der Gehirntätigkeit" eine von der genetischen Evolution unabhängige Eigendynamik. "Wir bezeichnen diese sekundäre Welt als Kultur und sprechen von soziokultureller Evolution". Seitelberger (1983), S. 186.

[33]Lyons (1981), S. 306.

[34] Ibid., S. 308. Vgl. R.M.W. Dixon (1980). S. 107.

[35] Ibid., S. 308.

[36] Ibid., S. 309.

[37]Lakoff und Johnson (1980), S. 117.

[38] Ibid., S. 118.

[39]"These are concepts that require metaphorical definition, since they are not clearly enough delineated in their own terms to satisfy the purposes of our day-to-day functioning."Ibid., S. 118.

[40]Für Sprachwissenschaftler wie M. Wandruszka spielt der "geschichtliche Zufall" bei der Entstehung lexikalischer sowie grammatischer Phänomene eine bedeutende Rolle, wobei soziokulturelle oder biologische Ursachen in den Hintergrund treten. Mario Wandruszka, Das Leben der Sprachen, Stuttgart (1984). Vgl. S. 30 und S. 95.

[41]s. Anm. 22.

[42]s. Anm. 32.

[43] Allerdings ist wegen der gravierenden Unterschiede innerhalb der einzelnen Länder in der Erfassung von Kriminalität, der Bewertung von Verbrechen, der Aufklärungsrate von Verbrechen und der Methodik der polizeilichen und staatlichen Kriminalstatistiken ein aufschlußreicher und aussagekräftiger internationaler Vergleich der Verbrechensrate und somit auch des Maßes an sexueller Gewalt kaum möglich. Vergleicht man dennoch etwa die Rate der sexuellen Gewalt zwischen Deutschland und England-Wales aus dem Jahre 1991, so ergeben sich keine nennenswerten Unterschiede: Auf je 100.000 Einwohner kam es in Deutschland zu 53 erfaßten Delikten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, davon 7 Vergewaltigungen, in England und Wales errechnen sich Zahlen von 58 bzw. 8. Quellen: Criminal Statistics England and Wales 1993, London (1994), S. 37; Statistisches Jahrbuch 1994 für die Bundesrepublik Deutschland, Wiesbaden (1994). S. 389; Fischer- Weltalmanach '94, Frankfurt am Main (1993).

[44] Lakoff (1987), S. 397.

[45] Befragte native speakers des britischen Englisch gaben an, daß ihnen fast sämtliche Beispiele von Lakoff durchaus vertraut waren.

Details

Seiten
70
Jahr
1995
ISBN (eBook)
9783638179300
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v11885
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Anglistisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Metaphern Metaphorik Aggression Liebe Konzeptualisierung

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Titel: Studien zur Metaphorisierung von Liebe und Aggression im Englischen, Deutschen und einigen anderen Sprachen