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Essstörungen bei Männern. Epidemiologie, Symptomatik und Erklärungsansätze

Hausarbeit 2005 21 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung

B. Epidemiologie
1. Essstörungen - eine „Frauenkrankheit“?
2. Warum sind kaum Männer betroffen?
2.1. V-Form als männliches Körperideal
2.2. Zufriedenheit mit dem eigenen Körper und Strategien zur Körperveränderung
2.3. Essverhalten
2.4. Späteres Einsetzen der Pubertät
2.5. Psychoanalytische Perspektive: Die Geschlechtsidentität
2.6. Diagnostische Schwierigkeiten

C. Symptomatik
1. Essstörungen bei Frauen und Männern im Vergleich
1.1. Gemeinsamkeiten
1.2. Unterschiede
2. Charakteristische Merkmale der Essstörungen bei männlichen Patienten
2.1. Sexualität und Verunsicherung in der geschlechtlichen Identität
2.1.1. Einstellungen gegenüber Sexualität und Sexualverhalten
2.1.2. Geschlechtsidentitätskonflikte und Homosexualität
2.1.3. Warum sind Homosexuelle eine Risikogruppe?
2.2. Biologische Auswirkungen
2.3. Komorbidität
2.4. Persönlichkeitsstruktur
2.6. Genetische und familiäre Faktoren
2.5. Rollenunsicherheit
2.7. Einfluss der beruflichen Tätigkeit

D. Schlusswort

E. Literaturliste

F. Anhang

A. Einleitung

Essstörungen werden auch heute noch als typisch weibliche Suchtkrankheit missverstanden. Sowohl die Medien als auch die Wissenschaft und Gesellschaft schenken der Betrachtung des gestörten Essverhaltens betroffener Frauen viel Aufmerksamkeit. Dabei beinhaltete bereits der erste in der Menschheitsgeschichte sorgfältig dokumentierte Fallbericht von Anorexia Nervosa auch die Beobachtung eines männlichen 16-jährigeren Patienten (Morton, 1694, zitiert nach Mickalide, 1990).

Die frauenzentrierte Auffassung von Essstörungen wird zunehmend durch das „Coming-Out“ der letzten Jahre verdrängt: Immer mehr an Essstörungen erkrankte Männer überwinden die Hemmschwelle, bekennen sich zu ihrem Problem und suchen professionelle Hilfe. Das Öffentlichwerden wird jedoch oft fälschlicherweise als Zunahme der Zahl essgestörter Männer interpretiert.

Es wird deutlich, dass das Wissen über Essstörungen insbesondere bei Männern begrenzt und unvollständig ist. Mit dieser Arbeit wird versucht, Kenntnisse über Symptomatik und Ätiologie von männlichen Betroffenen zu vermitteln. Das nächste Kapitel widmet sich der Epidemiologie, es folgen der Vergleich zwischen männlichen und weiblichen Essgestörten und die charakteristischen Faktoren der Essstörungen bei Männern.

B. Epidemiologie

1. Essstörungen - eine „Frauenkrankheit “?

Männer leiden viel seltener an Essstörungen als Frauen. Nur 5-10 % aller Anorektiker und 10-15 % der Bulimiker sind männlich (Carlat, Camargo & Herzog, 1997; Braun, Sunday, Huang & Halmi, 1999). Obwohl noch keine Statistiken zu Binge Eating Disorder existieren, vermuten die Forscher, dass es beide Geschlechter gleichermaßen betrifft (Hierstein, 1998). Die Studie von Ross und Ivis (1999) berichtet von einem Geschlechterverhältnis von 4:6 zugunsten der Frauen.

Beim Betrachten der epidemiologischen Daten drängt sich die interessante Frage auf: Warum leiden überwiegend Frauen an Anorexie und Bulimie?

2. Warum sind kaum Männer betroffen?

An dieser Stelle möchte ich einige mögliche Gründe dafür diskutieren, warum überwiegend Frauen an Essstörungen leiden. Die Erklärungsversuche befassen sich u.a. mit den Körperidealen der beiden Geschlechter, der eigenen Körperwahrnehmung, der Geschlechtsidentifikation und den diagnostischen Schwierigkeiten.

2.1. V-Form als männliches Körperideal

Die von Lerner et al. 1976 verwendeten Begriffe „body effectiveness“ und „body attractiveness“ verdeutlichen den Unterschied in den angestrebten Körperidealen zwischen Männern und Frauen (Tata, Fox & Cooper, 2001): „körperliche Effektivität“ beschreibt einen starken, gut gebauten, nicht untergewichtigen Körper; „körperliche Attraktivität“ wird mit Schlankheit gleichgesetzt. Nehmen Männer ihre Körper als „uneffektiv“ wahr, sinkt ihr Selbstwertgefühl; sehen sich Frauen als „unattraktiv“, hat das die gleichen psychischen Konsequenzen. Die von Tata, Fox und Cooper 2001 durchgeführte Studie bestätigte die Ergebnisse der Untersuchung von Lerner et al.: Die subjektive Wahrnehmung von Untergewicht führte bei Männern zu Unzufriedenheit mit ihrem Körper. Bei Frauen war es genau umgekehrt: Unzufriedenheit entstand, wenn man sich als übergewichtig einschätzte; die subjektive Wahrnehmung des eigenen Untergewichts hatte hohe Zufriedenheit mit dem eigenen Körper zur Folge (Tata, Fox & Cooper, 2001).

Auch Furnham und Calnan (1998) bestätigten den V-förmigen Körper als das von Männern angestrebte Ideal im Gegensatz zum Dünnsein als weibliches Ideal. Der Wunsch nach Gewichtszunahme bei Männern muss verstanden werden als der Wunsch nach Zunahme der Muskelmasse – nicht nach Gewichtszunahme per se (Furnham & Calnan, 1998).

2.2. Zufriedenheit mit dem eigenen Körper und Strategien zur Körperveränderung

„Männer haben einen Körper, Frauen sind ihr Körper“ (Maja Langsdorff, 1996)

Mehrere Untersuchungen haben gezeigt, dass Männer weniger auf ihr Gewicht und ihre Körperproportionen achten als Frauen (z.B. Klesges, Mizes & Klesges, 1987; Buddeberg-Fischer, 2000, zitiert nach Munz & Catina, 2004). Sie sind zufriedener mit ihrem Körpergewicht, der Körperform und ihrer physischen Erscheinung allgemein (Huenemann et al., 1966; Leon et al., 1985; Fallon & Rozin, 1985, zitiert nach Furnham & Calnan, 1998). Frauen hingegen tendieren dazu, sich subjektiv als zu dick zu erleben, auch wenn sie es gar nicht sind.

Aktuellere Studien berichten von 50 bis sogar 69 % der Männer, die mit ihrem Körper unzufrieden sind (Furnham & Calnan, 1998; McCabe & Ricciardelli, 2001). Ungefähr die Hälfte davon will Gewicht reduzieren, die andere Hälfte an Gewicht zunehmen. Die unter Männern gebräuchlichste Strategie, Körpergewicht oder Körperform zu verändern ist das Fitnesstraining und nicht die Veränderung des Essverhaltens (z.B. Diät) wie sie von Frauen praktiziert wird. Das gilt sowohl für Männer, die zunehmen als auch für solche, die abnehmen wollen (McCabe & Ricciardelli, 2001). Nach Munz und Catina (2004) versuchen 28% der jungen Männer mit Muskeltraining ihr Körpergewicht zu reduzieren, bei jungen Frauen sind es nur 9%. Die Unzufriedenheit mit dem Körper bezieht sich bei Männern vor allen Dingen auf die obere Körperregion: Bauch, Brust und Arme. Im Gegensatz dazu sind Frauen meistens mit den unteren Körperregionen unzufrieden (Cohn & Adler, 1992, zitiert nach McCabe & Ricciardelli, 2001).

2.3. Essverhalten

Männer setzen sich weniger dem Risiko aus, durch Diäten und exzessives Hungern eine Essstörung auszulösen (s.o.). Weiterhin haben sie weniger Angst vor Kontrollverlusten beim Essen und weniger Scham bezüglich ihrer Essgewohnheiten (Köpp et al., 1999; Grabhorn et al., 2002, zitiert nach Munz & Catina, 2004). Es existieren ebenfalls Geschlechterunterschiede inbezug auf die Etikettierung von Essverhalten: Männer bezeichnen die Aufnahme großer Nahrungsmengen nicht als „bingeing“ und sehen gelegentliche „ kleine Fressattacken“ nicht als gestört an (Furnham & Calnan, 1998). Die Ergebnisse von Buddeberg-Fischer (2000) zeigen, dass Männer selten mit gestörtem oder verändertem Essverhalten auf gegenwärtige oder vergangene belastende Lebensumstände reagieren (zitiert nach Munz & Catina, 2004).

2.4. Späteres Einsetzen der Pubertät

Essstörungen (insbesondere Anorexie) entwickeln sich meistens in der Pubertät – einem kritischen Alter, in dem die Jugendlichen in ihrer Identität stark verunsichert und mit den einschneidenden inneren und äußeren Veränderungen überfordert sind. Besonders schwierig erleben die Mädchen die Zeit der Pubertät, denn Jungen können ihre Reifung leichter verleugnen bzw. verdrängen – die äußerlichen Veränderungen, die sie durchmachen müssen sind nicht so gravierend wie bei Mädchen. Außerdem setzt die Pubertät bei Jungen zeitlich etwas später ein, möglicherweise fühlen sie sich dann eher in der Lage, sich mit ihrer Rolle als Mann auseinanderzusetzen, zu identifizieren und den Rollenerwartungen gerecht zu werden (Munz & Catina, 2004).

2.5. Psychoanalytische Perspektive: Die Geschlechtsidentität

Aus psychoanalytischer Sichtweise beginnt der Prozess der Geschlechtsidentität bereits im Kindesalter. Dabei ist die Geschlechtsidentifikation für Mädchen komplizierter als für Jungen. Die Geschlechtsidentität wird ausgebildet in einem Prozess der Identifikation mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil. Zur Geschlechtsidentität kommt eine weitere Entwicklungsaufgabe hinzu – das Ausbilden des Selbstwertgefühls. Das Selbstbewusstsein entwickelt sich jedoch durch Abwendung und Abgrenzung von der Mutter und die aggressive Auseinandersetzung mit dieser. Mädchen geraten dabei in einen inneren Konflikt: Zum einen müssen sie sich von der Mutter abgrenzen, zum anderen sich mit ihr identifizieren. Jungen befinden sich nicht in diesem Konflikt, weil der Vater ihre Identifikationsperson ist und die Abwendung von der Mutter keine Probleme bereitet (Munz & Catina, 2004).

2.6. Diagnostische Schwierigkeiten

Die Unterrepräsentanz der Männer in den klinischen Stichproben kann auch mit dem Versäumen einer Diagnose oder dem Stellen einer falschen Diagnose begründet werden.

Die diagnostische Unsicherheit – insbesondere inbezug auf Essstörungen bei Männern wurde in der Vergangenheit wiederholt diskutiert. Andersen und Mickalide (1983) berichten, dass viele männliche anorektische Patienten nicht als Anorexiefälle diagnostiziert, sondern oft als Subgruppe der schizophrenen Psychose eingestuft wurden (Munz & Catina, 2004). Die Unsicherheit ergibt sich aus der Tatsache, dass bei Männern keine Veränderung des Geschlechtshormonhaushaltes spezifiziert wurde, die mit der Amenorrhoe gleichzusetzen wäre. Dabei ist das Ausbleiben der Regelblutung wahrscheinlich das wichtigste Diagnosekriterium bei Magersucht.

Oft wird eine Diagnose versäumt, wenn Ärzte von einem weitverbreitetem Stereotyp gelenkt werden, nämlich, dass Essstörungen nur bei jungen weißen Frauen der Oberschicht auftreten (Andersen, 1990). Auch die Scham und Verleugnung der Symptome durch die Betroffenen selbst kann die Diagnose erschweren, denn Ärzte sind auf die Aussagen der Patienten angewiesen (Munz & Catina, 2004). Die Uninformiertheit der Bevölkerung kann ebenfalls zum Problem werden: Oft fühlen sich Männer überhaupt nicht betroffen, weil sie der Meinung sind, dass nur Frauen an Essstörungen leiden. So äußerte Dennis Henning, der jahrelang an einer Essstörung litt: „Men don`t seek help because first, men aren`t supposed to need help and second, they believe they can`t have an eating disorder because they are women only“ (Tene, 2004). Schließlich besteht bei Männern eine höhere Wahrscheinlichkeit, eine Essstörung zu entwickeln in dem Bemühen, medizinische Folgen von Übergewicht vorzubeugen (Andersen, 1990; Hierstein, 1998). Meistens sind es Männer, welche die an die (übergewichtigen) Eltern gerichteten Warnungen auf sich übertragen und defensive Diäten beginnen, um sich vor Krankheiten zu schützen. Im Gegensatz dazu beginnen Frauen sehr selten eine Diät aus Angst vor gegenwärtigen oder potenziellen zukünftigen Erkrankungen – Andersen (1990) berichtet nur von einer weiblichen Patientin. Die Prävention von Krankheiten ist bei Männern ein nicht seltener Grund für das Halten strenger Diäten. Als Arzt darf man auch solche Gründe, die auf den ersten Blick medizinisch plausibel und vernünftig zu sein scheinen nicht unterbewerten.

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Details

Seiten
21
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640220175
Dateigröße
387 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v118896
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1
Schlagworte
Essstörungen Männern Epidemiologie Symptomatik Erklärungsansätze

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Titel: Essstörungen bei Männern. Epidemiologie, Symptomatik und Erklärungsansätze