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Die Trainingsraum-Methode von Heidrun Bründel und Erika Simon

Ein Programm zur Reduzierung von Unterrichtsstörungen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 22 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhalt

1. Was sind Unterrichtsstörungen?

2. Warum stören Kinder?

3. Die Trainingsraum-Methode
3.1 Ein anderes Verständnis von Störungen
3.2 Eigenverantwortlich denken und handeln
3.3 Regeln
3.4 Die fünf Fragen im Unterricht
3.5 Der Trainingsraum
3.5.1 Der Ablauf
3.5.2 Das Gespräch
3.5.3 Der Plan
3.5.4 Verweigerung
3.5.5 Das Interventionsteam

4. Die Trainingsraum-Methode in der Grundschule

5. Evaluationsergebnisse der Trainingsraum-Methode

6. Zusammenfassung und kritische Auseinandersetzung

Literaturverzeichnis

In der vorliegenden Arbeit möchte ich mich mit der Trainingsraum-Methode von Heidrun Bründel und Erika Simon beschäftigen, einem Programm zur Reduzierung von Unterrichtsstörungen. Dazu wird zunächst gefragt, was „Unterrichtsstörungen“ überhaupt sind und warum Kinder manchmal den Unterricht „stören“. In einem weiteren Abschnitt wird die Trainingsraum-Methode mit ihren wichtigsten Bausteinen vorgestellt. Auch die Frage nach der Umsetzbarkeit des Programms in der Grundschule wird Bestandteil der Arbeit sein. Es folgt eine kritische Auseinandersetzung mit der Trainingsraum-Methode.

1. Was sind Unterrichtsstörungen?

Bevor die Beschäftigung mit einem Trainingsprogramm zur Reduzierung von Unterrichtsstörungen möglich ist, muss zunächst gefragt werden, was unter Unterrichtsstörungen überhaupt verstanden werden kann.

Am Unterricht sind viele verschiedene Persönlichkeiten beteiligt. Zunächst gibt es Personen mit einer unterschiedlichen Rolle in der Gruppe, die unterschiedliche Absichten haben und differierende Ziele verfolgen – der Lehrende und die Lernenden. Auch die Lernenden und Lehrenden unterscheiden sich untereinander.

Es liegt nahe, dass Situationen und damit auch Störungen von verschiedenen Menschen unterschiedlich wahrgenommen werden. Die Störungsempfindlichkeit hängt nach Bründel und Simon zudem von der Stimmung, Tagesform, Müdigkeit und Gelassenheit der einzelnen Lehrer (und Schüler) ab. Störungswahrnehmungen sind auch von der jeweiligen Arbeitsmethode und vom Unterrichtsfach abhängig. Gewöhnlich wird während der Gruppenarbeit oder der Freiarbeit ein höherer Lärmpegel toleriert als während des Frontalunterrichts.[1] Aus dieser Sicht muss geschlussfolgert werden, dass Unterrichtsstörungen nicht klar definiert werden können. Nach Winkel bezeichnen Unterrichtsstörungen eher eine Fülle von verschiedenen Geschehnissen[2]. „Was bei dem einen Lehrer rügenswert ist, kann bei einem anderen völlig »normal« sein.“[3] Zur Klärung des Begriffs „Unterrichtsstörung“ sind nach Winkel sowohl Disziplin- als auch Verhaltensstörungen ungeeignet, da Disziplinschwierigkeiten vom jeweiligen Lehrer und Verhaltensstörungen vom Psychologen definiert werden. Diese Definitionen wären personal ausgerichtet und willkürlich.[4] Winkel schlägt vielmehr vor, Unterrichtsstörungen weder vom Lehrer noch vom Schüler sondern vom Unterricht her zu kennzeichnen: „Eine Unterrichtsstörung liegt dann vor, wenn der Unterricht gestört ist, d.h. wenn das Lehren und Lernen stockt, aufhört, perveriert, unerträglich oder inhuman macht“[5]. Allerdings kann auch auf diese Weise nicht vollständig geklärt werden, wann eine Unterrichtsstörung vorliegt. So hängt es von der Person selbst ab, ob beispielsweise der Lehrervortrag durch das Kaugummikauen eines Schülers ins Stocken gerät oder ob das Ablegen der Beine auf dem Tisch während der Präsentation eines Schülerreferates toleriert werden kann (den Unterricht nicht „stört“) oder doch als störend empfunden wird. Unterrichtsstörungen sind aus diesem Grund letztlich relative Bezeichnungen.

2. Warum stören Kinder?

„Störer sind oftmals gar keine Störer, da ihnen die Absicht fehlt. Diese wird ihnen allzuleicht zugeschrieben. Darüber hinaus sind „Störungen“ in den allermeisten Fällen Mitteilungen gleich, und dies auch dann, wenn wir die Nachricht nicht oder noch nicht verstehen können“[6] (Hallberg)

Nach Bründel und Simon hat das Verhalten für Menschen stets einen persönlichen Nutzen. Kliebisch unterscheidet hierbei zwischen primärem und sekundärem Nutzen[7]. Der primäre Nutzen liegt oft in der Kommunikation mit anderen, in der Reduktion von Langeweile oder in der Ablenkung. Der sekundäre Nutzen kann in der (durch eine Störung gewünschten) Zuwendung oder in einem Imagegewinn innerhalb der Klassen liegen[8]. Auch Winkel schreibt, dass die meisten Unterrichtsstörungen Signale des Schülers sind, die etwas mitteilen wollen, zum Beispiel, dass

- dass der Unterricht langweilig oder uninteressant ist,
- dass man ganz andere Probleme hat,
- dass die Normen des Lehrers fragwürdig sind,
- dass man zwar lernen möchte, aber eben anderes auf andere Weise,
- dass einem der Sinn des schulischen Unterrichts fehlt usw.[9]

Jedes auffällige und störende Verhalten kann nach Winkel folgende Ursachen haben: konstitutionelle oder erworbene Faktoren im somatischen Bereich, ungelöste innerpsychische und soziale Konflikte, gestörte Entwicklungsprozesse und aktuelle Bedrohungen[10]. Die Ursachen des „unerwünschten“ Verhaltens gehen hier über das unterrichtliche Geschehen hinaus. Dreikurs et al. nennen zentrale Ziele für störendes Verhalten, die eher als gemeingültig als schulspezifisch angesehen werden können:

- Aufmerksamkeit erreichen wollen,
- Macht, Überlegenheit erlangen,
- Rache, Vergeltung üben und
- Unfähigkeit zur Schau stellen.[11]

Der Nutzen, den das Störverhalten mit sich zieht, hält die Kinder davon ab, das störende Verhalten trotz vieler Ermahnungen oder Zurechtweisungen aufzugeben. Bründel und Simon sind der Meinung, dass Kinder ihr Störverhalten nur dann langfristig aufgeben, wenn sie spüren, dass sie langfristig keinen Gewinn aus ihrem Verhalten erzielen können[12]. Es ist somit nötig, mit Kindern über die möglichen Konsequenzen ihres störenden Verhaltens zu sprechen, besonders auch über Vorteile, die alternative Verhaltensweisen mit sich bringen. Dies ist neben anderen Inhalten wichtiger Bestandteil der Trainingsraummethode.

3. Die Trainingsraum-Methode

Der Konzeption des Methoden-Trainings liegt die Wahrnehmungskontrolltheorie nach William T. Powers zugrunde. Es wird davon ausgegangen, dass alle Menschen ständig ihre Wahrnehmungen, also unter anderem das Umfeld, die Sachlage, in der sie sich befinden und die eigene Befindlichkeit, mit den eigenen Wünschen vergleichen. Dabei sind sie bestrebt, durch bestimmtes Handeln eine Übereinstimmung in Wunsch und Wahrnehmung (Realität) herzustellen. Bründel und Simon drücken es so aus: „Menschen handeln immer dann – und nur dann – wenn ihre Wünsche nicht mit ihren Zielen[13] übereinstimmen“[14]. Alle Menschen verfügen über eigene Wünsche und Ziele, die sehr unterschiedlich sein können. Dies ist auch in einer Klasse nicht anders. Wenn Menschen nicht über Regel- und Verantwortungsbewusstsein verfügen, kann es, so Bründel und Simon, zu Störungen in der Klasse und im Unterricht kommen[15]. Somit ist es Ziel der Trainingsraum-Methode, dass alle Kinder lernen, über ihr Verhalten selbst zu entscheiden und so selbstverantwortlich zu handeln. „Schülerinnen und Schüler sollen in der Lage sein, die Verwirklichung ihrer Wünsche und Ziele in Relation zu denen ihrer Klassenkameraden und Lehrer zu sehen“[16]. Auch sollen sie prüfen können, ob ihre Handlungen im Einklang mit den Regeln in ihrem Umfeld stehen. Das kann bedeuten, dass gegebenenfalls auch auf Wünsche verzichtet werden muss. Im Kern geht es darum, Schülerinnen und Schüler zu verantwortungsvollem und reflexivem Handeln zu erziehen. Abbildung 1 zeigt ein Modell verantwortlichen Denkens[17].

[...]


[1] Vgl. Bründel/Simon, Die Trainingsraum-Methode, 2003, S. 28.

[2] Vgl. Winkel, Der gestörte Unterricht, 1996, S. 25.

[3] Vgl. ebenda, S. 27.

[4] Vgl. ebenda, S. 30

[5] Winkel, Der gestörte Unterricht, 1996, S. 31.

[6] Zitat von Hallberg auf dem Klappentext von: Ulich, Wenn Schüler stören, 1980.

[7] Vgl. Bründel/Simon, Die Trainingsraum-Methode, 2003, S. 26.

[8] Vgl. ebenda.

[9] Vgl. Winkel, Der gestörte Unterricht, 1996, S. 33.

[10] Vgl. Winkel, Der gestörte Unterricht, 1996, S. 34.

[11] Vgl. Dreikurs et al., Lehrer und Schüler lösen Disziplinprobleme, 1995, S. 21.

[12] Vgl. Bründel/Simon, Die Trainingsraum-Methode, 2003, S. 26.

[13] Dabei scheint die Formulierung „Ziele“ an dieser Stelle etwas unpassend, denn ein Ziel ist etwas, auf das eine Handlung hin gerichtet ist. Einen Wunsch durch eine gerichtete Handlung in die Realität umsetzen zu wollen wäre somit ein Ziel. An vorhergehender Stelle war aber die Rede von „Wahrnehmung“. Wahrgenommen wird gegenwärtig und zu jedem Zeitpunkt, der Begriff scheint hier passender zu sein.

[14] Bründel/Simon, Die Trainingsraum-Methode, 2003, S. 23.

[15] Vgl. ebenda, S. 24.

[16] Vgl. ebenda, S. 24.

[17] Vgl. ebenda, S. 25.

Details

Seiten
22
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640225750
ISBN (Buch)
9783640227310
Dateigröße
851 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v119069
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,7
Schlagworte
Trainingsraum-Methode

Autor

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