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Zu Ulrich Plenzdorfs "Die neuen Leiden des jungen W." - Edgars Verhältnis zur Gesellschaft

Hausarbeit 1997 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Edgars Verhältnis zur Gesellschaft
a) Edgars Sozialisationsprozeß
b) Die „Repräsentanten“ der Gesellschaft und ihr Eindruck auf Edgar
c) Edgars Kritik und Protest

3. Goethes „Werther“ - Mittel Plenzdorfs zur Gesellschaftskritik?

4. Zeitbezug und Rezeption
a) Gesellschaftspolitischer Hintergrund
b) Literaturkritik und Wirkung in DDR und BRD

5. Schluß

Literaturangaben

1. Einleitung

Als Plenzdorfs Werk in den frühen siebziger Jahren erschien, wurde ihm sowohl in der DDR, als auch in der BRD eine große Aufmerksamkeit zuteil. Nicht nur die Buchausgabe wurde vielfach verkauft, auch die Theateraufführungen des Stückes wurden über mehrere Jahre immer wieder zahlreich besucht. Der große Erfolg liegt darin begründet, dass Plenzdorf mit den „neuen Leiden“ etwas völlig Neues in der DDR-Literatur geschaffen hat. Er stellt die Probleme des Jugendlichen Edgar Wibeau realistisch und ansprechend dar, indem er ihn die Sprache der Jugendlichen sprechen lässt. Edgars Alters-genossen sollen sich in ihm wiedererkennen, er soll wie einer von ihnen erscheinen.

In dieser Arbeit soll besonders Edgars Verhältnis zur Gesellschaft herausgestellt werden. Dies soll dazu dienen, Plenzdorfs Intention in Bezug auf seine Gesellschaftskritik zu benennen. Dass er mit diesem Werk die sozialistische Gesellschaft und besonders den sozialistischen Staat kritisiert, steht außer Frage, doch welcher Art ist seine Kritik und wie weit geht sie? Wie gelang es Plenzdorf, seine Kritik so zu verstecken, dass sein Werk nicht der Zensur zum Opfer fiel? Welche Rolle spielt dabei die Einbindung von Goethes „Werther“?

2. Edgars Verhältnis zur Gesellschaft

a) Edgars Sozialisationsprozess

Im Laufe des Romans verändert sich Edgars Rolle innerhalb der Gesellschaft mehrmals. Sein Sozialisationsprozess geschieht in drei Phasen, in denen sich nicht nur seine Einstellung zur Gesellschaft verändert, er macht auch einen Reifeprozess durch.

In der ersten Phase seiner sozialen Entwicklung wird Edgars Verhalten stark von seiner Mutter beeinflusst. Sie kontrolliert sein Leben nicht nur im Privatbereich, sondern kann als Leiterin des Werks, in dem Edgar arbeitet, auch im öffentlichen Bereich Macht über ihren Sohn ausüben. In der Familie ist sie Edgars alleinige Erzieherin und versucht, ihm ihre eigenen Wertvorstellungen, aber auch die Normen der Gesellschaft, näherzu- bringen. Als Leiterin des Werks ist sie vor allem Repräsentantin der gesellschaftlichen Forderungen an den einzelnen. Sie schafft es anfangs auch, Edgar zu einem angepassten und leistungsorientierten Menschen zu erziehen, der „immer proper“[1] aussieht und einen „ordentlichen Beruf“(nach Plenzdorf S.20) erlernt. In der Berufsschule ist er „der beste Lehrling, Durchschnitt eins Komma eins“(nach Plenzdorf S.9). Er hält sich „immer aus allem raus“ (nach Plenzdorf S.21), weil er „Muttern keinen Ärger machen“(nach Plenzdorf S.22) will. Für viele seiner Mitschüler ist er deshalb ein „Muttersöhnchen“(nach Plenzdorf S.21). Edgar erscheint als Musterknabe, der sich von Streichen fern hält und bemüht ist, den Anforderungen der Gesellschaft Folge zu leisten. Seiner dominanten Mutter dient er so als „echter Vorbildknabe“(nach Plenzdorf S.61) und als Beweis dafür, dass man ein Kind auch ohne Vater erziehen kann. Für Edgar selbst bedeutet dieses Leben, dass er seine Individualität verleugnen und auf Selbstverwirklichung verzichten muss. Als kann er den Anpassungsdruck nicht mehr ertragen, verlässt er Mittenberg nach seiner übertriebenen Reaktion auf den Vorfall im Betrieb.

Nach der Flucht aus seiner Heimatstadt zieht Edgar sich in der Berliner Laube zu- nächst völlig aus dem gesellschaftlichen Leben zurück. In dieser zweiten Phase seiner Sozialisation lebt er als Außenseiter und stellt sich dem Rollenkonflikt, in dem er jahre- lang gelebt hat. Edgar bemerkt, dass ihn sein bisheriges Leben nicht zufrieden stellt: „Ich war überhaupt daran gewöhnt, nie jemand Ärger zu machen. Auf diese Weise muss man sich dann jeden Spaß verkneifen, das konnte einen langsam anstinken.“(nach Plenzdorf S.22f.) An dieser Stelle wird deutlich, dass der Vorfall im Betrieb nur der Auslöser für seinen überraschenden Weggang ist, der eigentliche Grund ist ein anderer. Sein wachsen- der Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben hat ihn immer mehr in einen Rollenkonflikt gedrängt, dem er durch seine Flucht zu entkommen versucht. Edgar kritisiert nicht nur die seiner Meinung nach unsinnigen und veralteten Ausbildungsmethoden, die ihm wie eine „Einstellung aus dem Mittelalter“(nach Plenzdorf S.13) erscheinen, er entzieht sich auch der von ihm jetzt zu erwarteten öffentlichen Selbstkritik, da er denkt, dass dies „irgendwie entwürdigend“(nach Plenzdorf S.15) ist. Edgars Entschluss wird durch den Gedanken bestärkt, dass er nichts vom Leben gehabt hätte, wenn er jetzt sterben müsste (nach Plenzdorf S.23).

Durch seinen Rückzug in die Laube verwirklicht er sich seinen Wunsch, ein individuell gestaltetes Leben ohne gesellschaftliche Zwänge zu führen. Erst langsam wird ihm deutlich, „dass (er) ab jetzt machen konnte, wozu (er) Lust hatte. Dass (ihm) keiner mehr rein- reden konnte.“(nach Plenzdorf S.29) In seiner Isolation von der Gesellschaft findet er das erste Mal zu sich selbst, kann ein Leben im Augenblick führen und das neue Freiheitsgefühl genießen. Seine Selbstverwirklichung drückt Edgar z.B. durch das Hören der Musik aus, die ihm gefällt. In dem von ihm selbst komponierten „Bluejeans-Song“(nach Plenzdorf S.30) artikuliert er seine Gefühle und versucht, die Realität zu vergessen. Dadurch, dass er sich die Haare lang wachsen lässt, versucht er seine neu gewonnene Freiheit auch äußerlich deutlich zu machen. Ein weiteres Freiheitssymbol sind für Edgar Jeans, die er „eine Einstellung und keine Hosen“(nach Plenzdorf S.27) und „die edelsten Hosen der Welt“(nach Plenzdorf S.26) nennt. Es ist offensichtlich, dass sein Ausstieg aus der Gesellschaft freiwillig ist und nur deshalb geschieht, weil er es so will. Edgar wird nicht ausgestoßen, er zieht sich selbst zurück, weil er die Hoffnung hat, sich auf diese Weise selbst verwirklichen zu können. Allerdings erkennt er nach einiger Zeit, dass er völlig isoliert lebt, und „dass die ganze Kolchose und das nicht mehr popte.“(nach Plenzdorf S.84) Um in die Gesellschaft zurückzufinden erkennt er die Notwendigkeit von Arbeit, die ihm hauptsächlich dazu dient, soziale Kontakte zu knüpfen (nach Plenzdorf S.66). Außerdem merkt er, dass Arbeit nötig ist, um Geld zu verdienen und wenn er es nur dafür braucht, um Tonbänder zu kaufen (nach Plenzdorf S.88). Trotzdem versucht er, sich bei der Arbeit nicht vollständig in die Malerbrigade einzuordnen und einen Teil seiner Individualität zu bewahren. Er provoziert seine Kollegen, wie z.B. kurz vor seiner Entlassung mit einem „Werther“-Zitat (nach Plenzdorf S.100), und leistet keine sinnvolle Arbeit. Edgars Versuch, innerhalb der Gesellschaft ein Außenseiter zu bleiben, ist zum Scheitern verurteilt und hat zur Folge, dass er seine Arbeit schon nach kurzer Zeit wieder verliert.

Doch die Brigade kommt ihrer gesellschaftlichen Pflicht nach und holt Edgar zurück. Um den Bau an seiner Spritze zu verheimlichen, gliedert Edgar sich in der dritten Phase seiner Sozialisation zumindest äußerlich wieder in die Gesellschaft ein:

„Ich versagte mir fast alles. Ich zückte zum Beispiel kein einziges Mal

meine Werther-Pistole. Ich malte brav meine Fußböden mit der Rolle,

und sonnabends ging ich sogar manchmal mit kegeln. (...) Ich kam mir

fast vor wie in Mittenberg. Und zu Hause wartete meine Spritze.“

(nach Plenzdorf S.114)

Es gelingt ihm nur, sich so konform zu verhalten, weil er sich die Aufgabe gestellt hat, etwas zu erfinden, zu dem die Brigade nicht fähig war. Hier wird ein neues Verhältnis zur Gesellschaft deutlich. Edgar hat es nicht mehr nötig, seine Außenseiterrolle nach außen hin zu demonstrieren. Dieses neue Verhältnis hat auch damit zu tun, dass er erkennt, dass sein Vater nicht der ist, für den er ihn gehalten hatte. Edgar stellt bei seinem Besuch fest, dass sein Vater weder ein Außenseiter, noch ein verkanntes Malergenie ist. Nachdem er so sein Vaterbild korrigiert hat, gibt er auch den Wunsch auf, Künstler zu werden, da dieses seiner Selbstfindung nicht weiter dienen kann. Er konzentriert sich nun vielmehr darauf, durch die Erfindung eines Farbspritzgeräts etwas Geniales zu erschaffen. Edgar geht es bei dieser Erfindung aber nicht darum, etwas herzustellen, was die Arbeit erleichtern könnte, also der Gesellschaft nützlich wäre, sondern nur um sich selbst. Er sagt, dass er „sofort damit anfangen wollte, (seine) Spritze zu bauen. (Sein) NFG.“(nach Plenzdorf S.109) Mit dem Bau der Spritze will er seinen Kollegen beweisen, dass er zu etwas fähig ist, was sie als Gruppe zuvor nicht geschafft haben. Im größeren Kontext, dass er als Individuum das leistet, zu dessen die Gesellschaft nicht fähig war.

Edgars weiteres Verhalten bleibt aufgrund seines Todes im Unklaren, außerdem tauchen zum Schluss Widersprüche auf. Einerseits sagt er: „Ich wollte die Spritze fertig- machen, sie Addi auf den Tisch knallen und dann abdampfen nach Mittenberg und von mir aus die Lehre zu Ende machen.“(nach Plenzdorf S.139) Andererseits sagt er etwas später, dass er „doch nie wirklich nach Mittenberg zurückgegangen“(nach Plenzdorf S.147) wäre. Nach seiner letzten Aussage hätte er es wohl nicht fertiggebracht, die in Berlin gewonnene Freiheit aufzugeben und sich wieder in die engstirnige Gesellschaft in Mittenberg einzuordnen. Doch man kann hier nur Vermutungen anstellen, eine endgültige Entscheidung wird durch Edgars Unfalltod verhindert.

Aus dem Jenseits versucht Edgar häufig sein früheres Verhalten zu erklären und zu kritisieren. Dadurch zeigt er, dass er nicht nur aus seinen Fehlern gelernt hat, sondern auch insgesamt einen neuen Reifestand erreicht hat. So schafft er es erst im Tod seinen Sozialisationsprozess zu beenden.

b) Die „Repräsentanten“ der Gesellschaft und ihr Eindruck auf Edgar

Edgars Denken und Handeln wird hauptsächlich in den Situationen deutlich, in denen er sich mit seinen Mitmenschen, also den anderen Romanfiguren, auseinandersetzt. Diese restlichen Romanfiguren repräsentieren kein geschlossenes Bild von der Gesellschaft, in der Edgar lebt, vielmehr werden durch sie unterschiedliche Meinungsansätze dargestellt. Da es im Roman keinen allwissenden Erzähler gibt, setzt sich das Bild dieser Personen nur aus Edgars Kommentaren und den Selbstaussagen der gerade Sprechenden zusammen. Der Leser ist so gezwungen, selbst zu urteilen, um was für einen Menschen es sich handelt und welchen Eindruck er auf Edgar macht.

Edgars Vater wird von Plenzdorf als der Mann vorgestellt, der Nachforschungen über den Tod seines Sohnes anstellt und deshalb die restlichen Personen aufsucht und nach ihrer Beziehung zu Edgar befragt. Er hat seine Familie verlassen, als Edgar fünf Jahre alt war und sich seit dem „um seinen Sohn nur per Postkarte gekümmert“(nach Plenzdorf S.9). Erst als Edgar stirbt wird ihm klar, dass er fast nichts von seinem Sohn weiß, und um seine Schuldgefühle zu beruhigen, stellt er die Nachforschungen an. Wie schon angedeutet wurde, hielt Edgar seinen Vater für ein verkanntes Malergenie, erst als er ihn un- erkannt besucht, erkennt er, dass sein Bild falsch ist. Trotzdem macht er einen gewissen Eindruck auf ihn, da er „wie dreißig oder so“ aussieht und Edgar „in Bademantel und in nagelneuen Jeans“ (beide Zitate nach Plenzdorf S.104) gegenübertritt.

Die Mutter will beweisen, „dass man einen Jungen auch sehr gut ohne Vater erziehen kann.“(nach Plenzdorf S.23) Sie achtet darauf, dass ihr Sohn in Schule und Beruf gute Leistungen erbringt und sich von Streichen fernhält, dass er sich einfügt, angepasst ist und ihr keinen Ärger macht. Sie selbst verkörpert diese gesellschaftlichen Anforderungen perfekt. Auch als ihre Erziehung gescheitert ist, denkt sie zuerst an ihre gesellschaftliche Reputation, indem sie sagt: „Er hatte mich in eine unmögliche Situation gebracht an der Berufsschule und im Werk.“(nach Plenzdorf S.9) Sie hat kein Verständnis für Edgars Unzufriedenheit über die Ausbildungsmethoden und sein Verlangen nach Individualität. Es gab weder auf der beruflichen noch auf der familiären Ebene eine funktionierende Verständigungsbasis zwischen Mutter und Sohn. Die Mutter sagt zwar, dass „alles wohl (ihre) Schuld sein“ wird (nach Plenzdorf S.16), aber ihre genauen Fehler erkennt sie nicht. Trotzdem bietet sie ihrem Sohn an, nach Hause zurückzukommen und die Lehre in einem anderen Betrieb zu beenden (nach Plenzdorf S.83f.).

[...]


[1] Ulrich Plenzdorf, Die neuen Leiden des jungen W. Suhrkamp Taschenbuch 300: Frankfurt am Main, 1. Auflage 1976, S.62. ( Alle weiteren Zitate zum Text des Romans beziehen sich auf die eben genannte Ausgabe.)

Details

Seiten
18
Jahr
1997
ISBN (eBook)
9783638179553
ISBN (Buch)
9783656013310
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v11914
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft
Note
2+
Schlagworte
Ulrich Plenzdorf Leiden Edgars Verhältnis Gesellschaft Grundkurs Literaturwissenschaft

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