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Mögliche Probleme und Modifikationen einer Alkoholprävention bei Jugendlichen mit Verhaltensstörungen

Am Beispiel des Bundesmodellprojekts Hart am LimiT (HaLT)

Bachelorarbeit 2008 67 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Alkoholkonsum Jugendlicher in Deutschland
2.1 Häufigkeit regelmäßigen Alkoholkonsums bei Jugendlichen
2.2 Menge des konsumierten Alkohols bei Jugendlichen
2.3 Prävalenz von Binge Drinking bei Jugendlichen
2.4 Schlussfolgerung zum Alkoholkonsum Jugendlicher in Deutschland

3 Alkoholmissbrauch
3.1 Schädlicher Gebrauch
3.2 Abhängigkeitssyndrom

4 Jugendliche mit externalisierenden Verhaltensstörungen
4.1 Externalisierende Verhaltensstörungen
4.1.1 Hyperkinetische Störungen
4.1.2 Aggressive Verhaltensstörungen
4.2 Epidemiologie
4.3 Komorbidität externalisierender Verhaltensstörungen mit Störungen durch Alkoholkonsum/Konsum psychotroper Substanzen

5 Das Bundesmodellprojekt Hart am LimiT
5.1 Das Konzept von HaLT
5.2 Zeitlich-struktureller Ablauf
5.3 Der HaLT-Risiko-Check
5.3.1 Theoretische Grundlagen
5.3.2 Materialien und Methoden
5.3.3 Aufbau und Ablauf

6 Probleme und Modifikationen des HaLT-Risiko-Checks
6.1 Mögliche Probleme
6.2 Mögliche Modifikationen.
6.2.1 Zeitlich-strukturelle Modifikation
6.2.2 Methodische Modifikation – Förderung der Selbstkontrolle durch Selbstinstruktionstraining
6.2.3 Inhaltliche Modifikation
6.2.4 Modifikation personeller Aspekte und der Rahmenbedingungen

7 Abschließende Bemerkungen und kritische Reflektion

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Auf dem Titelblatt der Dortmunder Ausgabe der Ruhr-Nachrichten konnte am

18. Juni 2008, mit Hinweis auf einen Artikel im Lokalteil, folgender Titel gefunden werden „Selbst vergiftet – Mindestens ein alkoholvergifteter Jugendlicher wacht in der Kinderklinik auf. Wochenende für Wochenende.“ (unbekannter Autor, S.1). Wie aus dem darauf folgenden kurzen Artikel hervorgeht, der sich mit dem Problem von Jugendlichen mit Alkoholvergiftung auseinandersetzt, ist trotz der in den letzten Jahren zurückgehenden Berichterstattung der Medien über den missbräuchlichen bzw. riskanten Alkoholkonsum von Jugendlichen dieses Problem nach wie vor von hoher Relevanz. Doch Hilfen gibt es. Das vom Gesundheitsministerium geförderte Bundesmodellprojekt „Hart am LimiT“ (HaLT), hat es sich zum Ziel gesetzt, Jugendliche durch ein pädagogisches Angebot in Form einer indizierten Kurzinter- vention zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol zu bewegen, ihre Konsumgewohnheiten zu reflektieren und zu verändern. Ungeklärt ist, inwieweit HaLT mit Jugendlichen durchgeführt werden kann, die bereits durch schwerwiegen- de, langanhaltende und umfassende Probleme in der sozialen Interaktion mit ihrer Umwelt aufgrund von aggressivem oder hyperkinetisch-impulsivem bzw. unauf- merksamen Verhalten auffallen. Gerade diese Gruppe der Jugendlichen mit externa- lisierenden Verhaltensstörungen bedarf aufgrund ihrer sozial eingeschränkten Funktionalität einer Hilfe zur Reflexion und Veränderung ihres Alkoholkonsums, zwecks Vorbeugung weitergehenden Alkoholmissbrauchs bzw. der Alkoholsucht und der damit verbundenen negativen Konsequenzen für Psyche, Körper sowie soziale Beziehungen. Die enthemmende Wirkung von Alkohol kann insbesondere bei dieser Gruppe von Jugendlichen zu weiteren Problemen führen und bestehende, wie z.B. ein hohes Aggressionspotenzial, verstärken.

Im Folgenden soll sich diese Arbeit deshalb exemplarisch mit möglichen Problemen und Modifizierungen auseinandersetzten, die im Rahmen der Durchführung des Bundesmodellprojekts HaLT bei Jugendlichen mit externalisierenden Verhaltensstö- rungen auftreten können.

Der Einstieg in die Thematik findet im zweiten Kapitel statt und stellt zunächst die Entwicklung des Alkoholkonsums Jugendlicher in den letzten Jahren dar. So soll die Relevanz einer indizierten Alkoholprävention bei Jugendlichen mit externalisieren- den Verhaltensstörungen unterstrichen werden. Im dritten Kapitel werden kurz der schädliche Gebrauch und das Abhängigkeitssyndrom erläutert. Zweck ist es, Störungen durch Alkohol, wie sie HaLT im Vorfeld zu verhindern sucht, darzustel- len. Das vierte Kapitel dient der Definition der einzelnen externalisierenden Störun- gen und soll anhand von Symptomkriterien Problembereiche aufzeigen, die für die Modifikation von HaLT im weiteren Verlauf zu berücksichtigen sein werden. Des Weiteren wird in diesem Kapitel auf sogenannte Komorbidität, externalisieren- der Störung zueinander als auch mit Alkoholkonsum eingegangen. Die Darstellung und Eingrenzung des Interventionsrahmens von HaLT findet im fünften Kapitel statt. Zudem werden zentrale theoretische Konzepte und der strukturelle Ablauf von HaLT erläutert. Das sechste Kapitel bildet den Kern dieser Arbeit und setzt sich im Hinblick auf die vorherigen Kapitel mit Problem, Möglichkeiten der Modifikation und den daraus resultierenden Anforderungen bzgl. personeller und zeitlich- struktureller Aspekte auseinander. Ziel ist es, anhand einiger Modifikationen von HaLT exemplarisch zu zeigen, wie sich eine indizierte Alkoholprävention bei Jugendlichen mit externalisierenden Störungen gestalten könnte, welche Probleme dabei auftreten können und wie diesen entgegengewirkt werden kann. Abschließend wird im siebten Kapitel eine persönliche Stellungnahme bzgl. des Konzepts von HaLT sowie der Modifizierung gegeben und die Modifikation kritisch reflektiert.

2 Alkoholkonsum Jugendlicher in Deutschland

Im Folgenden wird auf das Alkoholkonsumverhalten von Jugendlichen und seiner Entwicklung in den letzten Jahren unter alters- und geschlechterspezifischen Gesichtspunkten eingegangen. Hierzu werden Statistiken bzgl. der Häufigkeit des regelmäßigen Alkoholkonsums sowie der Menge konsumierten Reinalkohols und der Prävalenz besonders exzessiven Alkoholkonsums, Binge Drinking, dem „Konsum großer Mengen Alkohol [Hervorhebung v. Verf.] bis zur Trunkenheit“ (Weichold, 2008, S. 81), aufgeführt. Ziel ist es, zu zeigen, dass der Anstieg problematischer Konsummuster unter Jugendlichen allgemein die Relevanz einer indizierten Alko- holprävention bei Jugendlichen mit externalisierenden Verhaltensstörungen unter- streicht.

2.1 Häufigkeit regelmäßigen Alkoholkonsums bei Jugendlichen

Abb. 1: geschlechter- und altersspezifischer regelmäßiger Alkoholkonsum von 1998 bis 2006, Angaben in Prozent (vgl. Leppin & Richter, 2008, S. 161)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mit Blick auf die Ergebnisse aus der international angelegten Studie „Health Behaviour in School-aged Children“ (HBSC) kommen Leppin und Richter (2008, S. 160 ff.) zu folgenden Ergebnissen bzgl. des regelmäßigen Konsums von Alkohol bei Schulkindern im Alter von elf bis 15 Jahren (s. Abb. 1). Es ist zu verzeichnen, dass der regelmäßige Konsum (mindestens einmal pro Woche) von Bier, Wein bzw. Sekt oder Spirituosen im Verlauf der 1990er bis zum Jahr 2002 prozentual anstieg. Besonders bei Jungen war ein signifikanter Anstieg zu erkennen, während die Mädchen die Signifikanzgrenze nicht erreichten. Im Zeitraum von 2002 bis 2006 war ein Rückgang der Konsumhäufigkeit unter die Werte von 1994 zu verzeichnen. Zudem kam in der HBSC-Erhebung ab 2002 noch der Konsum von Alkopops und ab 2006 der Konsum anderer alkoholischer Getränke hinzu. Unter Berücksichtigung dieser Alkoholika fällt der Prozentsatz der Jugendlichen, die mindestens einmal in der Woche Alkohol konsumieren, etwas höher aus, jedoch

finden sich hierzu keine genauen Angaben. Festzustellen ist auch, dass die ge- schlechterspezifische Abweichung bzgl. des regelmäßigen Konsums bei den 13-Jährigen relativ gering ist. Größere geschlechterspezifische Differenzen scheint es erst bei der Alterskohorte der 15-Jährigen zu geben. Deutlich ist bzgl. dieser Altersgruppe neben dem höheren Prozentsatz regelmäßig konsumierender Jungen im Vergleich zum Prozentsatz der regelmäßig konsumierenden Mädchen der Unter- schied zur Alterskohorte der 13-Jährigen. Es scheint hier eine markante Veränderung der Konsumhäufigkeit zwischen dem 13. und dem 15. Lebensjahr vorzuliegen. Dies gilt insbesondere für Jungen.

2.2 Menge des konsumierten Alkohols bei Jugendlichen

Basierend auf dem Kurzbericht der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) über den Alkoholkonsum der Jugendlichen in Deutschland 2004 bis 2007 (vgl. BZgA, 2007) wird in Abbildung 2 der durchschnittliche wöchentliche Pro-Kopf-Gesamtkonsum reinen Alkohols von 2004 bis 2007 in Gramm angegeben. Differenziert wird zwischen Mädchen und Jungen sowie den Alterskohorten der 12-bis 15-Jähringen und 16- bis 17-Jährigen.

Abb. 2 : geschlechter- und altersspezifischer wöchentlicher Pro-Kopf-Gesamtkonsum von 2004 bis 2007, Angaben in Gramm (vgl. BZgA, 2007, S. 15 f.)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Während im Zeitraum von 2004 bis 2005 eine Abnahme des wöchentlichen Pro- Kopf-Gesamtkonsums über alle Alterskohorten als auch alle Geschlechter und besonders bei den 16- bis 17-Jährigen Jungen zu verzeichnen ist, kehrt sich dieser Trend in den Jahren von 2005 bis 2007 wieder um. Auch hier hebt sich die Gruppe der 16 bis 17-Jährigen Jungen wieder ab. Verglichen mit dem Konsum im Jahr 2004 stieg der wöchentliche Pro-Kopf-Gesamtkonsum von 126,5 auf 154,2 Gramm um knapp 21,8 %. Damit sticht diese Gruppe klar hervor, denn im Vergleich zu den 12- bis 15-Jährigen beider Geschlechter und den 16- bis 17-Jährigen Mädchen, die sich beide nach gesunkenen Konsumwerten in 2005 ungefähr wieder auf ihre Werte von 2004 einpendeln, ist hier ein sehr starker Anstieg des wöchentlichen Pro-Kopf- Gesamtkonsums zu verzeichnen. Selbst der niedrigste Wert der 16- bis 17-Jährigen Jungen im Jahr 2005 mit 107,6 Gramm ist im Vergleich zum höchsten Wert der 16- bis 17-Jährigen Mädchen im Jahr 2004 mit 54,1 Gramm fast doppelt so hoch. Im Jahr 2007 überschreiten die Jungen die für männliche Erwachsene empfohlene gesundheitlich unbedenkliche Tageshöchstdosis reinen Alkohols von 140 bis 168 Gramm (Burger, Brönstrub & Pietrzik, 2000), wird ihr wöchentlicher Gesamtkonsum auf die im Durchschnitt täglich konsumierte Menge umgerechnet.

2.3 Prävalenz von Binge Drinking bei Jugendlichen

Mit Hinblick auf eine indizierte Alkoholprävention, wie sie HaLT darstellt, ist es nötig, sich ein Bild über die Verbreitung des so genannten Binge Drinking zu machen. Laut BZgA gilt Binge Drinking als Indikator für riskanten oder problema- tischen Alkoholkonsum, wenn es häufig betrieben wird (vgl. BZgA, 2007, S. 18).

Die Statistik und Ausführung bzgl. der Prävalenz von Binge Drinking unter Jugend- lichen bezieht sich ebenfalls auf den bereits genannten Kurzbericht der BZgA. Unter Prävalenz wird die Vorkommenshäufigkeit einer Krankheit bzw. Störung innerhalb eines bestimmten Zeitraumes oder zu einem bestimmten Zeitpunkt verstanden (vgl. Peters, 2007, S. 417). Binge Drinking wird im Bericht der BZgA definiert als der Konsum von fünf oder mehr alkoholischen Getränken an einem Tag. Bei der Befragung wurde die 30-Tage-Prävalenz von Binge Drinking bei Jugendlichen erhoben. Das heißt wie viel Prozent der Jugendlichen in den letzten 30 Tagen zum

Zeitpunkt der Befragung fünf oder mehr alkoholische Getränke getrunken hatten. Es fand ebenfalls eine Differenzierung nach Geschlecht und den Alterskohorten von 12 bis 15 Jahren und 16 bis 17 Jahren statt. Abbildung 3 zeigt die 30-Tage-Prävalenz, wie oben beschrieben, in den Jahren von 2004 bis 2007.

Abb. 3: geschlechter- und altersspezifische 30-Tage-Prävalenz von Binge Drinking

von 2004 bis 2007, Angaben in Prozent (vgl. BZgA, 2007, S. 18)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auch hier fällt, wie in der Statistik zum wöchentlichen Pro-Kopf-Gesamtkonsum, wieder ein Abfallen bei allen Gruppen im Zeitraum von 2004 bis 2005, wie auch ein nachfolgender Anstieg von 2005 bis 2007, auf. Im Vergleich zu den Statistiken zur Häufigkeit regelmäßigen Alkoholkonsums und zum wöchentlichen Pro-Kopf- Gesamtkonsum ist zu erkennen, dass bei der Alterskohorte der 12- bis 15-Jährigen eine geringe Differenz zwischen den Geschlechtern besteht, wohingegen sich die Differenz zwischen den Geschlechtern in der Alterskohorte der 16- bis 17-Jährigen als auffällig groß beschreiben lässt. Zudem fällt 2007 der prozentuale Anstieg der 16- bis 17-Jährigen Jungen bzgl. der 30-Tage-Prävalenz von Binge Drinking im Vergleich zu 2004 sehr hoch aus, wird er mit den entsprechenden Werten der anderen Gruppen verglichen. Wie auch schon beim wöchentlichen Pro-Kopf-

Gesamtkonsum beobachtet werden konnte, liegt er weit über dem Wert in 2004 und hebt sich somit relativ zum Anstieg der Prozentwerte der anderen Gruppen ab.

2.4 Schlussfolgerung zum Alkoholkonsum Jugendlicher in Deutschland

Es lässt sich festhalten, dass insbesondere ältere Jungen im Alter von 15 bis 17 Jahren im Verhältnis zu Mädchen gleichen Alters und verglichen mit jüngeren Jugendlichen beider Geschlechter, besonders regelmäßig und besonders viel Alkohol trinken sowie auffallend häufig exzessives Trinken betreiben. Es scheint sich hier also um eine besonders problematische Gruppierung zu handeln. Die Relevanz einer indizierten Alkoholprävention für Jugendliche mit externalisierenden Störungen ist angesichts dieser Entwicklung bei den oben dargestellten Auswertungen der Stichproben für die Grundgesamtheit aller Jugendlichen als hoch zu betrachten. Aus diesem Grund bedarf es einer Modifizierung von HaLT, das nicht auf die speziellen Bedürfnisse Jugendlicher mit externalisierenden Verhaltensstörungen eingeht. Zudem wird die Relevanz einer indizierten Alkoholprävention insbesondere bei männlichen Jugendlichen deutlich.

3 Alkoholmissbrauch

Im Folgenden wird auf Alkoholmissbrauch auf der Grundlage der Kriterien für schädlichen Gebrauch psychotroper Substanzen der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) (vgl. Dilling & Freyberger, 2006) der Word Health Organisation sowie der Kriterien zum Substanzmissbrauch psychotroper Substanzen, wie sie im Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen (DSM-IV) (vgl. Saß, Wittchen, Zaudig & Houben, 1998) der American Psychiatric Association definiert sind, eingegangen. Der Einfachheit halber wird der Begriff des schädlichen Gebrauchs der ICD-10 synonym zum Begriff des Substanzmissbrauchs des DSM-IV verwendet. Des Weiteren soll kurz auf die Definition des Abhängigkeitssyndroms in der ICD-10 eingegangen werden, um diese vom schädlichen Gebrauch abzugrenzen, aber auch, um bestehende Parallelen aufzuzeigen.

3.1 Schädlicher Gebrauch

Die vorliegenden Kriterien der beiden Klassifikationssysteme, wie sie in Tabelle 1 in gekürzter Form vorliegen, beziehen sich auf den Missbrauch psychotroper Substan- zen im Allgemeinen, also nicht einzig und allein auf Alkohol, welcher selbst den psychotropen Substanzen zuzuordnen ist. Diese werden definiert als Stoffe, die „[…] Einfluss auf das zentrale Nervensystem haben und Denken, Fühlen oder die Wahr- nehmung beeinflussen.“ (vgl. van Treeck, 2004, S. 583).

Tab. 1: diagnostische Kriterien zum schädlichen Gebrauch / Substanzmissbrauch psychotroper Substanzen, gekürzt, (vgl. Dilling & Freyberger, 2006, S. 73 f.; Saß, Wittchen, Zaudig & Houben, 1998, S. 103)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Für den schädlichen Gebrauch wird im DSM-IV die Kodierung der ICD-10 verwen- det, wobei das x an zweiter Ziffernstelle Platzhalter für die Benennung der jeweilig psychotropischen Substanz ist. Im Falle von Alkohol handelt es sich hierbei um die Ziffer 1. Der schädliche Gebrauch speziell von Alkohol wird in der ICD-10 als

F.10.1 kodiert, im DSM-IV ist Alkoholmissbrauch unter der Kodierung 305.00 verzeichnet. Sowohl DSM-IV als auch ICD-10 verlangen, dass der Konsum bzw. das Konsummuster zeitlich gehäuft auftritt. Ein einmaliges Auftreten genügt weder dem DSM-IV noch der ICD-10. Beide Klassifikationssysteme benennen Bereiche, in denen nachweislich negative Konsequenzen durch wiederholten Substanzgebrauch festgestellt werden müssen. Hierzu zählen sowohl der physische, der psychische sowie der soziale Bereich. Zudem weisen sowohl DSM-IV als auch ICD-10 darauf hin, dass bzgl. der entsprechenden Substanz keine Kriterien eines Abhängigkeitssyn- droms bzw. Substanzabhängigkeit (s. Tab. 1, DSM-IV) bzw. anderer durch die Substanz ausgelöste psychische oder Verhaltensstörung zum gleichen Zeitpunkt (s. Tab. 1, ICD-10) vorliegen dürfen.

3.2 Abhängigkeitssyndrom

Im Folgenden soll kurz das Abhängigkeitssyndrom vom schädlichen Gebrauch abgegrenzt werden. Die folgende Definition des Abhängigkeitssyndroms in Tabelle 2 bedient sich der Kriterien, wie sie in der ICD-10 zu finden sind, und stellt diese in vereinfachter Form dar.

Tab. 2: Abhängigkeitssyndrom nach ICD-10, gekürzt, (vgl. Dilling & Freyberger, 2006, 74 ff.)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zentrale Unterschiede des Abhängigkeitssyndroms zum schädlichen Gebrauch sind die Toleranzentwicklung (s. Punkt [4.], Tab. 2), bei der die entsprechende Person immer größere Dosen der entsprechenden Substanz benötigt, um die gewünschte Wirkung zu erzielen (vgl. van Treeck, 2004, S. 623), sowie das starke körperliche oder psychische Verlangen, die entsprechende Substanz zu konsumieren (s. Punkt [1.], [3.], Tab. 2). Die aufgeführten Kriterien unter den Punkten (2.), (5.) und (6.), (s. Tab. 2) sind in ähnlicher Form auch unter den Kriterien zur Diagnose des schädlichen Gebrauchs psychotroper Substanzen des DSM-IV (s. Tab. 1), zu finden.

Laut Wessel und Westermann (2002) kann der schädliche Gebrauch als möglicher Vorläufer des Abhängigkeitssyndroms angesehen werden und dieses begünstigen. Gelegentlicher exzessiver, also nicht pathologischer, Alkoholkonsum, wie ihn HaLT zu beeinflussen versucht (s. Kap. 5.1), der zu einem schädlichen Gebrauch oder einer Abhängigkeit führen kann, ist umso problematischer im Zusammenhang einer externalisierenden Verhaltensstörung anzusehen. Schädlicher Gebrauch und Ab- hängigkeitssyndrom können aufgrund ihrer Symptome externalisierende Verhaltens- störungen in ihrer Ausprägung weiter verschlimmern.

4 Jugendliche mit externalisierenden Verhaltensstörungen

In diesem Kapitel sollen die externalisierenden Verhaltensstörungen im Einzelnen erläutert werden. Zudem soll die Prävalenz sowie die geschlechterspezifische Auftretenshäufigkeit der verschiedenen externalisierenden Verhaltensstörungen als auch deren Häufigkeit komorbiden Auftretens miteinander sowie ihre Komorbidität mit dem regelmäßigen Konsum oder Störungen durch Alkohol bzw. psychotrope Substanzen dargestellt werden.

4.1 Externalisierende Verhaltensstörungen

In den gängigen Klassifikationssystemen, der ICD-10 sowie dem DSM-IV, die als kategoriale Klassifikationssysteme bezeichnet werden, sind psychische Störungen als klar voneinander abgrenzbare Krankheiten bzw. Störungen beschrieben (vgl. Petermann, Döpfner, Lehmkuhl & Scheithauer, 2002, S. 30 ff.). Bezüglich der Verhaltensstörungen wird ebenfalls eine kategoriale Trennung in internalisierende

und externalisierende Verhaltensstörungen vorgenommen. Die internalisierenden Störungen äußern sich in Verhaltensweisen, wie z.B. sozialem Rückzug, Ängstlich- keit und Interesselosigkeit, also einem gehemmten, überregulierten Verhalten. Externalisierende Verhaltensstörungen hingegen charakterisieren sich durch enthemmtes Verhalten, bzw. einem Mangel an Selbstkontrolle, wie z.B. Aggressivi- tät, Überaktivität, Impulsivität, exzessives Streiten, Aufsässigkeit, Tyrannisierung, Verletzen von Regeln und Aufmerksamkeitsstörungen (vgl. Myschker, 2002). Zwar können auch Mischformen zwischen den beiden Gruppen von Verhaltensstörungen, wie z.B. in der ICD-10 die kombinierte Störung des Sozialverhaltens und der Emotionen, vorliegen, jedoch interessieren im Rahmen dieser Arbeit nur die rein externalisierenden Verhaltensstörungen. Diese können zudem eingeteilt werden in hyperkinetische und aggressive Verhaltensstörungen. In der ICD-10 als auch im DSM-IV werden die hyperkinetischen wie auch die aggressiven Verhaltensstörungen als Störungen definiert, die sich bereits im Kleinkind- bzw. Jugendalter zeigen. Somit beziehen sich auch die in den Diagnosekriterien benannten Symptome auf Tätigkeiten oder Verhaltensweisen, die in altersüblichen Kontexten, wie z.B. während des Spielens oder der Hausaufgaben auftreten. Bei allen der im Folgenden aufgeführten externalisierenden Verhaltensstörungen müssen mehrere der beschrie- benen Symptome über einen längeren Zeitraum und in einem dem Alter nicht entsprechenden Ausmaß aufgetreten sein. Außerdem müssen die Symptome schwer- wiegende negative Folgen für die psycho-soziale Funktionalität des Kindes in verschiedenen Lebensbereichen, wie z.B. in der Schule oder auch in der Familie, verursachen. Aufgrund der Komplexität der Diagnosekriterien beider Klassifikati- onssysteme wird die Darstellung auf die essenziellen Charakteristika der einzelnen Störungen und, wenn möglich, auf eines der beiden Klassifikationssysteme be- schränkt. Zudem werden bestimmte Kriterien, wie beispielsweise Ausschlusskrite- rien und Subtypen der entsprechenden Störung, nicht genannt. Ziel ist es, die Kernsymptome der externalisierenden Störungen zu beschreiben.

4.1.1 Hyperkinetische Störungen

Der Begriff der hyperkinetischen Störungen (HKS), wie er in der ICD-10 verwendet wird, soll aus Gründen der Einfachheit im weiteren Verlauf auch für den im DSM-IV verwendeten Begriff der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) synonym genutzt werden. Sowohl ICD-10 als auch das DSM-IV unterscheiden zwischen drei Kernsymptomen der HKS. Diese sind Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität und werden im Folgenden (s. Punkt [1.] bis [3.]) nach Döpfner (2002, S. 152 ff.) erläutert. Es besteht eine hohe Übereinstimmung zwischen den Definitionen der einzelnen Symptome der HKS, wie sie in den oben genannten Klassifikationssystemen vorliegen (vgl. ebd. S. 152 ff.). Aus diesem Grund stellen alle weiteren Angaben bzgl. der HKS, soweit nicht anders vermerkt, einen zusam- menfassenden Kriterienkatalog beider Klassifikationssysteme dar. Die einzelnen Symptome werden nicht genannt und stattdessen unter den Kernsymptomen subsu- miert.

(1.) Unaufmerksamkeit

Unaufmerksamkeit äußert sich vor allem durch das vorzeitige Abbrechen von Aufgaben bzw. Tätigkeiten, insbesondere, wenn diese kognitive Anstrengung erfordern oder fremdbestimmt (z.B. in der Schule) sind. Der Aufmerksamkeits- begriff lässt sich zudem untergliedern in die selektive Aufmerksamkeit und die Daueraufmerksamkeit. Mit selektiver Aufmerksamkeit ist die Fähigkeit gemeint, den Fokus der Aufmerksamkeit auf aufgabenrelevante Reize (z.B. die Stimme des Lehrers) zu lenken und andere Reize zu ignorieren. Ablenkbarkeit ist also eine Folge mangelnder selektiver Aufmerksamkeit. Daueraufmerksamkeit hingegen bezieht sich auf die Fähigkeit, seine Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum auf eine Tätigkeit zu konzentrieren (z.B. beim Erledigen der Hausaufgaben).

(2.) Impulsivität

Impulsivität meint das plötzliche und unüberlegte Handeln sowie die Unfähigkeit, abzuwarten und die Befriedigung persönlicher Bedürfnisse auf einen späteren Zeitpunkt verschieben zu können. Auch hier wird eine weitere Untergliederung vorgenommen. Kognitive Impulsivität bedeutet, dass eine Person dem ersten Handlungsimpuls folgt, ohne zuerst über die möglichen Folgen ihres Tuns zu reflektieren bzw. ohne die nötigen Anweisungen für die Ausführung einer Aufgabe zuerst vollständig zur Kenntnis genommen zu haben. Die motivationale Impulsivität beschreibt das Unvermögen, seine eigenen Bedürfnisse und deren Befriedigung, wie oben schon genannt, über einen gewissen Zeitraum aufschieben zu können.

(3.) Hyperaktivität

Hyperaktivität zeigt sich in der übermäßigen, unregulierten motorischen Aktivität und Ruhelosigkeit, die insbesondere auch in Situationen auftritt, bei denen ein gewisses Maß an Ruhe verlangt wird (z.B. beim gemeinsamen Essen am Tisch).

4.1.2 Aggressive Verhaltensstörungen

Pathologische Aggression als Verhaltensstörung in Bezug auf das Kindes- und Jugendalter kann in zwei wesentliche Störungen unterteilt werden. Zum einen in die Störung des Sozialverhaltens (SSV) (ICD-10, F91.8; DSM-IV, 312.8) und zum anderen in die Störung mit oppositionellem Trotzverhalten (SOT) (ICD-10, F91.3; DSM-IV, 313.81). Hinzugefügt werden muss, dass in der ICD-10 die SOT nur in Verbindung mit einer SSV diagnostiziert werden kann. Das DSM-IV hingegen weist der SOT einen eigenständigen Kriterienkatalog zu.

Störung des Sozialverhaltens

Laut DSM-IV lässt sich die SSV charakterisieren durch das Vorliegen eines sich wiederholenden Verhaltensmusters, „durch das grundlegende Rechte anderer und wichtige altersentsprechende Normen oder Regeln verletzt werden.“ (Saß et al., 1998, S. 65). Beide Klassifikationssysteme unterscheiden eine Vielzahl von Symptomen zur Diagnose der SSV. Zur Darstellung der Störung sollen an dieser Stelle die Oberkategorien des DSM-IV und einige der zugehörigen Symptome aufgeführt werden (s. Punkt [1.] bis [4.]).

(1.) Aggressives Verhalten gegenüber Menschen und Tieren

Bedrohung oder häufige Einschüchterung anderer, Tierquälerei, Benutzung von Waffen, zwingen anderer zu sexuellen Handlungen

(2.) Zerstörung von Eigentum

Begehen vorsätzlicher Brandstiftung, vorsätzliche Zerstörung fremden Eigentums

(3.) Betrug oder Diebstahl

Einbruch in fremde Wohnungen/Autos; häufiges Lügen, um sich Güter/Vorteile zu verschaffen oder Verpflichtungen zu umgehen

(4.) Schwere Regelverstöße

Häufiges nächtliches Wegbleiben vor dem Alter von 13 Jahren trotz des Verbots durch die Eltern

Störung mit oppositionellem Trotzverhalten

Wie bereits erwähnt, ist die SOT in der ICD-10 nicht als eigene Störung spezifiziert. Aus diesem Grund beziehen sich die folgenden in Punkt (1.) bis (8.) genannten Symptome zur Diagnose auf das DSM-IV. Aufgrund der Nähe der SOT zur SSV soll hier nur kurz auf ihre Kernsymptome eingegangen werden.

(1.) schnelles Ärgerlichwerden
(2.) häufiges Streiten mit Erwachsenen
(3.) häufiges aktives Widersetzen/Weigern gegenüber den Anweisung von Erwachsenen
(4.) häufiges Verärgern anderer
(5.) häufiges Schieben der eigenen Schuld/des eigenen Fehlverhaltens auf andere (6.) häufiges Empfindlichreagieren und Sich-von-anderen-leicht-verärgern-
Lassen
(7.) häufiges Wütend- oder Verärgertsein
(8 ) häufiges Boshaftig- und Nachtragendsein

Die SOT unterscheidet sich von der SSV hauptsächlich dahingehend, dass es sich bei ihr um keine Störung handelt, bei der delinquentes Verhalten vorliegt. Scheithauer und Petermann (2002, S. 188 ff.) bemerken zudem, dass sich die Symptome der SOT meist nur bei jüngeren Kindern und in Bezug auf ihnen vertraute Personen im häuslichen Bereich zeigen. Es handelt sich also vornehmlich um ein trotziges und ungehorsames Verhalten gegenüber Autoritätspersonen.

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Details

Seiten
67
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640222223
ISBN (Buch)
9783640223909
Dateigröße
2.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v119210
Institution / Hochschule
Technische Universität Dortmund – Rehabilitation und Pädagogik bei psychischen und Verhaltensstörungen
Note
1,7
Schlagworte
Mögliche Probleme Modifikationen Alkoholprävention Jugendlichen Verhaltensstörungen Beispiel Bundesmodellprojekts Hart LimiT

Autor

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