Lade Inhalt...

Erhebung gesundheitsbezogener Lebenslagen - von benachteiligten Jugendlichen im Alter zwischen 14-25 Jahren im Sozialraum Elsenstraße

Magisterarbeit 2006 199 Seiten

Pflegewissenschaft, Ernährung, Sport, Gesundheit

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

Zusammenfassung

1 Einleitung
1.1 Aufbau der Arbeit
1.2 Hintergrund und Abgrenzung der vorliegenden Arbeit
1.2.1 Kurzbeschreibung HBSC-Studie
1.2.2 Kurzbeschreibung KIGGS-Studie
1.3 Forschungsziele und methodische Vorgehensweise

2 Erörterung des aktuellen Forschungsstandes
2.1 Jugend – Phase oder Zustand?
2.1.1 Der Terminus Jugend
2.1.2 Jugend aus entwicklungspsychologischer Sicht
2.1.3 Jugend im gesellschaftlichen Kontext
2.2 Theorie der Sozialen Ungleichheit
2.2.1 Einleitung Soziale Ungleichheit
2.2.2 Soziale Ungleichheit und der Klassenbegriff
2.2.3 Soziale Ungleichheit und das Schichtmodell
2.2.4 Kritik an Klassen- und Schichtmodellen
2.2.5 Exkurs Soziale Ungleichheit
2.2.6 Lagemodelle
2.2.6.1 Entwicklung der Lagemodelle
2.3 Benachteiligungspotentiale in den Lebenslagen junger Menschen
2.3.1 Einleitung Benachteiligungspotentiale
2.3.2 Sozialisation
2.3.2.1 Haushaltsfinanzierung
2.3.2.2 Familie
2.3.2.3 Wohnsituation
2.3.2.4 Peers
2.3.3 Arbeit und Bildung
2.3.4 Migration
2.3.5 Gesundheit
2.3.5.1 Riskantes und protektives Gesundheitsverhalten
2.3.5.2 Ernährung

3 Erwartete Ergebnisse

4 Vorstellung der Datenerhebung
4.1 Erhebungsumfeld
4.1.1 Einleitung
4.1.2 Definition Sozialer Brennpunkt
4.1.3 Definition Sozialraum
4.1.4 Sozialraum Elsenstraße
4.1.5 Zielgruppe der Erhebung
4.1.6 Zugang zur Studienpopulation
4.1.7 Kurzbeschreibung Projekt der Jugendsozialarbeit
4.2 Erhebungsphase.
4.2.1 Erhebungsinstrument
4.2.1.1 Aufbau Fragebogen
4.2.2 Durchführung der Erhebung
4.2.3 Feedback der Studienpopulation
4.3 Stichprobe

5 Vorstellung der Auswertungsmethodik und der Lebenslagedimensionen
5.1 Methodische Vorgehensweise in der Auswertung
5.2 Beschreibung der Lebenslagedimensionen

6 Vorstellung des Datensatzes und erste Interpretationen
6.1 Dimension Sozialisation.
6.1.1 Bereich Wohnsituation
6.1.1.1 Fazit Wohnsituation
6.1.2 Bereich sozioökonomischer Status
6.1.2.1 Fazit sozioökonomischer Status
6.1.3 Bereich Wohnumfeld
6.1.3.1 Fazit Wohnumfeld
6.1.4 Bereich Peers
6.1.4.1 Fazit Peers
6.2 Dimension Bildung
6.2.1 Fazit Bildung
6.3 Dimension Gesundheit
6.3.1 Bereich physisches Befinden
6.3.1.1 Fazit physisches Befinden
6.3.2 Bereich psychisches Befinden
6.3.2.1 Fazit psychisches Befinden
6.3.3 Bereich gesundheitsbezogene Verhaltensweisen
6.3.3.1 Fazit Gewalt
6.3.3.2 Fazit körperliche Aktivität und Verhütung
6.3.3.3. Fazit Konsum legaler und illegaler Substanzen
6.3.3.4 Fazit Ernährungsgewohnheiten

7 Auswertung des Datensatzes mit bi- und multivariaten Methoden
7.1 Arbeitsschritt 1 - Auswertung mit bivariaten Methoden
7.1.1 Einleitung
7.1.2 Dimension Sozialisation
7.1.2.1 Bereich Wohnumfeld
7.1.2.2 Bereich Haushaltsfinanzierung
7.1.2.3 Fazit Sozialisation
7.1.3 Dimension Bildung
7.1.3.1 Fazit
7.1.4 Dimension Gesundheit
7.1.4.1 Bereich physisches Befinden
7.1.4.1.1 Fazit
7.1.4.2 Bereich psychisches Befinden
7.1.4.2.1 Fazit
7.1.4.3 Bereich gesundheitsbezogene Verhaltensweisen
7.1.4.3.1 Fazit
7.2 Arbeitsschritt 2 - Auswertung mit multivariater Methode
7.2.1 Einleitung
7.2.2 Methode der Faktorenanalyse
7.2.2.1 Bestimmung der Anzahl der Faktoren
7.2.2.2 Auswahl der Variablen
7.2.3 Ergebnisse der Faktorenanalyse
7.2.3.1 Vorstellung der extrahierten Faktoren
7.2.3.2 Interpretation der Faktoren

8 Diskussion sowie Überlegungen zu präventiven und gesundheitsfördernden Maßnahmen
8.1 Diskussion der Ergebnisse
8.2 Exemplarische Kriterien für Prävention und Gesundheitsförderung (bzgl. benachteiligter Jugendlicher)

9 Public Health-Relevanz

10 Ausblick auf weiteren Forschungsbedarf

11 Fazit der empirischen Arbeit

12 Anhang
12.1 Erhebungsinstrument
12.2 Abbildungen für Hintergrundinformationen
12.3 Hintergrundinformationen zur durchgeführten Faktorenanalyse
12.4 Tabellenverzeichnis
12.5 Abbildungsverzeichnis
12.6 Literaturverzeichnis

Zusammenfassung

Hintergrund

Die Beschreibung der gesundheitlichen Lage der Bevölkerung erfolgt üblicherweise anhand von Indikatoren wie Lebenserwartung, Säuglingssterblichkeit und Mortalitätsraten , die wiederum Gesundheitsstatistiken entnommen werden. Datenquellen, die nur unter Bezug auf Krankheit und Tod die gesundheitliche Situation beschreiben, werden jedoch einhellig als nicht ausreichend angesehen. Als notwendige Ergänzung wird die Beschreibung der Lebensqualität und des subjektiven Gesundheitszustandes genannt, was jedoch für Deutschland bisher kaum erhoben wurde. Erst durch Teilnahme an und Durchführung von einzelnen Studien wird in jüngster Zeit der Versuch unternommen, Erkenntnisse aus direkt von Kindern und Jugendlichen erhobenen Daten zu gewinnen und gesundheitsrelevante Leitlinien zu entwickeln. Diesbezügliche Betrachtungen und Ableitungen differenzierter Populationen (z.B. benachteiligte Kinder und Jugendliche - insbesondere mit Migrationshintergrund) bzw. spezifischer regionaler Bezüge (z.B. in sozialen Brennpunkten) finden bisher kaum statt.

Forschungsziele

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wurden subjektive Daten zu gesundheitsbezogenen Lebenslagen von benachteiligten Jugendlichen (14-25 Jahre) in einem Sozialraum, der anhand der Sozialindices Arbeitslosigkeit, Ausländeranteil und Bevölkerungsanteil von Empfängern staatlicher Transferleistungen als problembelastet bezeichnet werden kann, erhoben.

Die erhobenen Daten wurden auf potentielle Differenzierungen innerhalb der Gruppe der Benachteiligten überprüft. Hierbei ging es primär um die

- Ermittlung besonderer Bedarfsgruppen und vorrangiger Handlungsfelder in Prävention und Gesundheitsförderung.

Unter dem Fokus gesundheitsbezogener Lebenslagen wurden sowohl

- belastende und beeinträchtigende wie auch protektive Faktoren in den Lebensbedingungen und Verhaltensweisen der Jugendlichen herausgearbeitet.

Abschließend war es das Ziel Vorschläge zu präventiven und gesundheitsfördernden Angeboten für benachteiligte Jugendliche zu skizzieren.

Material und Methoden

Als Instrument diente ein standardisierter Fragebogen mit weitgehend vorgegebenen Antwortmöglichkeiten, der unter Berücksichtigung des kognitiven und sozialen Entwicklungsstandes der Jugendlichen entwickelt wurde. Das Instrument wurde einem Pretest unterzogen und unter Einbeziehung der befragten Jugendlichen bedarfsorientiert modifiziert. Anhand von Schwerpunktbereichen [1] wurden individuelle Daten erhoben.

Der Zugang zur Stichprobe (56 Personen, größtenteils türkischer und deutscher Nationalität) erfolgte über ein Projekt der aufsuchenden Jugendsozialarbeit, das seit fünf Jahren mit benachteiligten Jugendlichen, die von anderen Angeboten der Jugendhilfe nicht erreicht werden, in dem Sozialraum arbeitet.

Aufgrund der begrenzten Fallzahl und dem selektierten Zugang über das Projekt der Jugendsozialarbeit, sind anhand dieser Untersuchung keine repräsentativen Aussagen, jedoch die Exploration guter Indikatoren sowie das Aufzeigen von Tendenzen und Trends potentiell möglich.

Die erhobenen Daten wurden mit dem statistischen Programm SPSS ausgewertet und mithilfe uni- und multivariater Analyseverfahren (Häufigkeitsdarstellung, Zusammenhangsanalyse, Faktorenanalyse) explorativ untersucht. Die Ergebnisse wurden Erkenntnissen aus Literatur und anderen Studien gegenübergestellt und diskutiert.

Public Health-Relevanz

Epidemiologische Studien, die über den Gesundheitszustand von sozialbenachteiligten Jugendlichen informieren, sind bisher rar, obwohl der Zusammenhang von sozialer Ungleichheit und Gesundheit als ein zentrales Thema der Gesundheitswissenschaften gesehen wird. Da infolge der neoliberalen Wirtschafts- und Sozialpolitik davon auszugehen ist, dass die Ungleichheit vor Krankheit und Tod in industrialisierten Ländern zunimmt und der Anteil sozial Benachteiligter generell insbesondere jedoch unter jungen Menschen stark ansteigt, ist von einer wachsenden Bedeutung dieser Zielgruppe für Gesundheitswissenschaften und -politik auszugehen. Die gesellschaftlichen Konsequenzen, die sich insbesondere unter demographischen Gesichtspunkten hieraus ergeben, sollten m.E. in größerem Maße für die Beförderung einer gesundheitlichen Chancengleichheit öffentlichkeitswirksam diskutiert werden.

Ergebnisse

Eine benachteiligte Lebenslage kommt bezogen auf diese Studienpopulation u.a. im Vergleich von jungen Menschen, die bzgl. der Dimensionen Sozialisation und Bildung unter ungünstigen bzw. vergleichsweise günstigen Voraussetzungen leben zum Ausdruck. Jugendliche, die unter benachteiligten Umständen aufwachsen,

- vollziehen in größerem Ausmaß gesundheitlich riskante Verhaltensweisen,
- weisen ein wesentlich schlechteres psychisches Befinden auf und
- haben einen deutlich schlechteren allgemeinen Gesundheitszustand.

Als spezifische Zielgruppen mit besonderem Bedarf für präventive und gesundheitsförderliche Maßnahmen wurden folgende Gruppierungen von Jugendlichen ausgemacht:

- Jugendliche, deren Haushalte zumindest anteilig Transferleistungen beziehen.
- Jugendliche, die eine Hauptschule bzw. eine berufsvorbereitende Maßnahme besuchen oder über keinen Ausbildungs- bzw. Arbeitsplatz verfügen.

Die Kriterien der o.g. Gruppierungen betreffen jeweils 2/3 der Stichprobe und weisen bzgl. der betreffenden jungen Menschen große Schnittmengen auf

Als primäre Handlungsfelder für Prävention und Gesundheitsförderung wurden die folgenden Felder verortet:

- Drogenkonsum (94,6% rauchen täglich Zigaretten, über 50% konsumiert oft bis regelmäßig Cannabis, 20% konsumieren oft bis regelmäßig sonstige illegale Drogen, 39,3% konsumieren regelmäßig bis täglich Alkohol)
- Verhütungsverhalten (20% der männlichen und 100% der weiblichen Jugendlichen übernehmen regelmäßig Verantwortung für die Verhütung von Schwangerschaften; lediglich 18,8% der männlichen und 37,5% der weiblichen Jugendlichen schützen sich und andere regelmäßig vor Geschlechtskrankheiten und HIV-Infektionen)
- Ernährung (44,4% der männlichen und 53,8% der weiblichen Jugendlichen ernähren sich unregelmäßig)
- Sport (44,4% der männlichen und 60% der weiblichen Jugendlichen treiben selten bis nie Sport)
- Gewalt (73,2% der männlichen und 40% der weiblichen Jugendlichen sind im vergangenen Jahr an mindestens vier Schlägereien beteiligt gewesen)
- Zahnärztliche Vorsorge (41,5% der männlichen und 6,7% der weiblichen Jugendlichen beschreiben den Zustand ihrer Zähne als schlecht bis sehr schlecht)

Als Vorschläge für Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention werden Kooperationsmodelle (z.B. zwischen Trägern der Jugendhilfe und Institutionen der Gesundheitsversorgung) skizziert. Im Bereich der kurz- und mittelfristigen Ziele werden Bedingungen für zielgruppenspezifische Kampagnen erörtert. Verdeutlicht wird, das langfristig den Jugendlichen und ihren Familien in den Dimensionen Sozialisation und Bildung unterstützende Strukturen bereit zu stellen sind, die effektiver als bisherige Bemühungen Benachteiligungen im Bereich der gesundheitlichen Chancen ausgleichen.

Mit einem Ausblick auf weiteren Forschungsbedarf und weiterführendes Forschungsinteresse , wie beispielsweise

- das Benutzen eines gematchten[2] Studiendesigns, um einen ausreichenden Umfang der Altersstraten unter Berücksichtigung beider Geschlechter sowie ausgewählter Herkunftshintergründe zu gewährleisten;
- die Erforschung der gesundheitlichen Auswirkungen infolge von Arbeitslosigkeit bzw. des nicht eingetretenen Übergangs in die Ausbildungs- und Arbeitswelt bzgl. junger Menschen;
- die Evaluation gesundheitsförderlicher Potentiale von außerschulischen Bildungsprogrammen, von Arbeitsansätzen der aufsuchenden Arbeit und von unterschiedlichen didaktischen Ansätzen;
- Trend- und Entwicklungsbeobachtungen bzgl. vulnerabler Gruppierungen, die die Umstände explorieren, unter denen die Reduzierung bzw. Vermeidung von gesundheitsschädigenden Verhaltensweisen befördert werden;
- eine Studie, die den im Rahmen dieser Erhebung aufgetretenen Hinweisen auf die psychische Befindlichkeit von überwiegend in Deutschland geborenen Jugendlichen mit türkischem Hintergrund nachgeht, könnte dazu beitragen unerschlossene Problemfelder der gesundheitlichen Versorgung zugänglich zu machen und somit gesellschaftliche Integration befördern;

sowie einem Fazit des empirischen Teils [u.a. wurde der grundsätzliche Anspruch der Arbeit erfüllt, das Erhebungsinstrument hat sich als adäquat erwiesen, der Methoden-Mix (Zusammenhangsanalyse und Faktorenanalyse) hat sich in der Auswertung bewährt] wurde die Arbeit geschlossen.

1 Einleitung

Bis vor ein paar Jahren galt die Jugend relativ uneingeschränkt als die gesündeste Lebensphase. Die allgemeinen Kinderkrankheiten überwunden, nahezu unbehelligt von den klassischen Infektionskrankheiten und weitestgehend noch nicht betroffen von chronischen Erkrankungen, die im Erwachsenenalter zunehmend an Bedeutung gewinnen, wurde die Jugend als allgemein gesund angesehen.

Vor dem Hintergrund psychischer und körperlicher Anforderungen sowie unter Berücksichtigung sozialer und physischer Umweltbedingungen nehmen jedoch Hinweise auf gesundheitliche Störungen und gesundheitsschädigende Verhaltensweisen zu. Da gesundheitsschädigende Verhaltensweisen individuelle Entwicklungen beeinträchtigen, Gesundheitsrisiken für das Erwachsenenalter erhöhen und somit weitreichende Auswirkungen und Folgeschäden für die Gesellschaft bewirken können, gewinnt die Gesundheit von Jugendlichen in den letzten Jahren vermehrt an Aufmerksamkeit. (Vgl. Richter 2003:9)

Einigkeit herrscht diesbezüglich darüber, dass im Jugendalter gesundheitsbezogene Verhaltensweisen entstehen und sich verfestigen[3], so dass diese bisher vernachlässigte Entwicklungsphase mittlerweile als wichtiges Zeitfenster für Präventionsmaßnahmen angesehen wird[4] und der 2. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (BMGS 2005:44) dementsprechend folgerichtig eine Stärkung der Prävention durch gesetzliche Verankerung ankündigt. Fortschritte in diesem Bereich sollen durch „verbindliche Präventionsziele und qualitätsgesicherte Maßnahmen“ (ebd.) erzielt werden.

Um mit Präventions- und Gesundheitsförderungsansätzen nachhaltigen Einfluss nehmen zu können, bedarf es jedoch einer genauen Kenntnis der gesundheitlichen Lage und des Gesundheitsverhaltens von Jugendlichen. (Vgl. Raithel 2004:7) Die gesundheitsrelevanten Bereiche in der Lebenswelt von Jugendlichen[5] werden durch amtliche Statistiken, Prozessdaten der gesetzlichen Krankenkasse sowie aus Statistiken einzelner Leistungserbringer jedoch nicht befriedigend erschlossen.[6] (Vgl. Richter 2003:10 und Schubert/Horch et al. 2004:198) Indikatoren, die nur unter Bezug auf Krankheit und Tod die gesundheitliche Lage darstellen, werden dementsprechend als nicht ausreichend angesehen, da sie lediglich Rückschlüsse auf eventuelle Gesundheitsrisiken zulassen. (Vgl. Schoppa A. 2001:16 und Ravens-Sieberer et al. 2003:19)

Als notwendige Ergänzung wird die Beschreibung der Lebensqualität und des subjektiven Gesundheitszustandes genannt[7], was jedoch für Deutschland bisher kaum erhoben wurde. Erst durch die Teilnahme an und die Durchführung von Studien (wie z.B. HBSC oder KIGGS)[8] wird in jüngster Zeit der Versuch unternommen, Erkenntnisse aus direkt von Kindern und Jugendlichen erhobenen Daten zu gewinnen und gesundheitsrelevante Leitlinien zu entwickeln.

Diesbezügliche Betrachtungen und Ableitungen differenzierter Populationen (z.B. von benachteiligten Jugendlichen mit Migrationshintergrund) bzw. spezifischer regionaler Bezüge (z.B. in sozialen Brennpunkten) finden bisher kaum statt, obwohl bei den „sozial benachteiligten Schichten und Gruppen der Bevölkerung eine besondere Dringlichkeit für Präventions- und Gesundheitsförderungsleistungen“ auszumachen ist. (Vgl. WHO 1998:77ff. und Rosenbrock/Gerlinger 2004:46)

Diesem theoretischen Kenntnisstand Rechnung tragend sollen „durch Förderung von lebensweltbezogenen Maßnahmen Verbesserung(en)[9] der Gesundheitsvorsorge sozial benachteiligter Gruppen“ erzielt werden. (BMGS 2005:44) Der Bedarf für zielgruppenspezifisches Engagement bei sozial benachteiligten Gruppen „ergibt sich sowohl aus dem normativen Ziel der Angleichung von Gesundheits- und Lebenschancen als auch unter dem Gesichtspunkt des effizienten Einsatzes von Finanzmitteln“ (Rosenbrock/Gerlinger 2004:46), denn Maßnahmen, die sich an alle Bevölkerungsgruppen richten[10], werden erfahrungsgemäß eher von besser situierten und an gesundheitlichen Belangen interessierten Schichten „mitgenommen“ und verstärken somit eher noch die gesundheitliche Ungleichheit. (Vgl. Mielck A. 2003:138)

Dementsprechend müssen die präventiven und gesundheitsförderlichen Anstrengungen nicht nur intensiviert, sondern vor allem zielgruppenspezifisch aufgebaut und eingesetzt werden. Um bei der erwünschten Zielgruppe lebensweltbezogen ansetzen zu können, müssen spezifische Daten erhoben werden.

Für die Erhebung bestehen folgende Prämissen:

1. Identifikation der und Zugang zur Zielgruppe
2. Adäquates Erhebungsinstrument
3. Compliance[11] der Zielgruppe

Da hinsichtlich der Entwicklungschancen und des Gesundheitszustandes bei Jugendlichen von sozialer Ungleichheit auszugehen ist[12], erscheint es sinnvoll, in den Erhebungen nach regionalen und sozialen Spezifikationen zu differenzieren[13]. (Vgl. Rosenbrock/Gerlinger 2004:46)

Entsprechend den o.g. Handlungsnotwendigkeiten soll im Rahmen dieser Arbeit ein Beitrag geleistet werden, indem subjektive Daten zu gesundheitsbezogenen Lebenslagen von benachteiligten Jugendlichen (14-25 Jahre) in einem Sozialraum, der anhand von Sozialindices[14] als problembelastet bezeichnet werden kann, erhoben und analysiert werden. Im Rahmen der vorangegangenen Projektarbeit wurde unter Berücksichtigung des kognitiven und sozialen Entwicklungsstandes der Jugendlichen ein standardisierter Fragebogen mit weitgehend vorgegebenen Antwortmöglichkeiten als Instrument entwickelt.[15]

Als anleitende Orientierung für das theoretische Grundgerüst diente das Konzept der Lebenslagen . Der Terminus der Lebenslagen benennt im Allgemeinen ein sozialwissenschaftliches Konzept, welches das Wirken von ökonomischen, sozialen und kulturellen Faktoren in den Lebensverhältnissen von Individuen und Gruppen erheben und der Analyse zugänglich machen will. Um die Wechselwirkung der beteiligten Ebenen zu erfassen, werden strukturelle Bedingungen und ihre subjektiven Deutungen zum Beschreiben von Lebenslagen zueinander ins Verhältnis gesetzt. (Vgl. Meier Kressig/Husi 2002:1)

Anmerkung:

Bevor im Anschluss der Aufbau der vorliegenden Arbeit beschrieben wird, sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass zu Gunsten einer einfacheren Lesbarkeit des Textes soweit möglich eine geschlechtsneutrale Schreibweise gewählt wurde, in Einzelfällen jedoch auf explizit männliche oder weibliche Formen verzichtet wurde. Selbstverständlich sind beide Geschlechter gleichermaßen gemeint.

1.1 Aufbau der Arbeit

Grundsätzlich ist die vorliegende Arbeit in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil (Kapitel 2-3) wird ein theoretischer Überblick der Thematik anhand eines Literaturreviews gegeben und das theoretische Grundgerüst der Arbeit vermittelt. In Kapitel 3 werden die erwarteten Ergebnisse präsentiert.

Anschließend erfolgt im erhebungs- und auswertungsbezogenen zweiten Teil (Kapitel 4-7) eine Beschreibung der Rahmenbedingungen sowie die Auswertung des Datensatzes dieser Erhebung, bevor im dritten und abschließenden Teil (Kapitel 8-11) exemplarische Ergebnisse den Erkenntnissen aus der Literatur und anderen Studien gegenübergestellt und diskutiert werden und in Form eines Ausblicks der weitere Forschungsbedarf umrissen wird.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit gesundheitsbezogenen[16] Lebenslagen. Um zu verdeutlichen, dass im Zuge der Auswahl der Begrifflichkeit nicht nur der wissenschaftstheoretische Zeitgeist obsiegte, sondern gute Gründe für die bedarfsorientiert modifizierte Verwendung des Lebenslage-Konzeptes in diesem Zusammenhang zu sehen sind, wird in Abschnitt 2.2 in Abgrenzung und Überschneidung zu Klassen-, Schicht und Lagemodellen erläutert. In diesem Zusammenhang finden theoretische Überlegungen zur Sozialen Ungleichheit Erwähnung, wobei diesen im Rahmen dieser Arbeit nicht im Umfang ihrer Forschungsbreite Rechnung getragen werden kann und soll.

Mittels alters- und entwicklungsspezifischen gesundheitsbezogenen Verhaltensweisen bewältigen Jugendliche ihre Entwicklungsaufgaben. Das Verhalten von Jugendlichen beinhaltet entwicklungsbedingt und naturgemäß sowohl gesundheitsförderliche als auch gesundheitsgefährdende Komponenten . Die gesundheitliche Relevanz[17] wird in Abhängigkeit von kognitiven Möglichkeiten und empfundenen (oder auch real vorhandenen) psychosozialen Handlungsnotwendigkeiten alters- und reifungsspezifisch rational abgewogen oder auch vernachlässigt. (Vgl. Pinquardt M., Silbereisen K. 2004:66) Dieses Gefüge wird in Abschnitt 2.1 näher beleuchtet.

Um potentielle Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung effektiv und effizient einsetzen zu können, ist eine möglichst exakte Differenzierung der jeweiligen Zielgruppe vorzunehmen. (Vgl. Rosenbrock/Gerlinger 2004:59) Die vorliegende Arbeit befasst sich mit benachteiligten Jugendlichen, wobei der Terminus der Benachteiligung einen sehr weiten Interpretationsspielraum lässt. Da es im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich erscheint diesen Komplex allumfassend abzuarbeiten, sind thematische Begrenzungen notwendig. Um zu verdeutlichen, welche Art von Benachteiligungen Grundlage dieser Arbeit darstellen, werden in Abschnitt 2.3 Angaben zum definitorischen Rahmen gemacht.

Am Ende des ersten Teils werden die erwarteten Ergebnisse (Kapitel 3) der Studie vorgestellt, bevor am Anfang von Teil 2 das Erhebungsumfeld (Abschnitt 4.1) u.a. mit dem Untersuchungs- und Sozialraum Elsenstraße und dem Zugang zur Studienpopulation präsentiert wird. Bezüglich der Erhebungsphase (Abschnitt 4.2) erfolgt u.a. eine Vorstellung des Erhebungsinstrumentes und eine Beschreibung der Erhebungsdurchführung, bevor in Abschnitt 4.3 theoretische Überlegungen zur Stichprobe dargeboten werden. Anschließend werden in Kap. 5 die methodische Vorgehensweise der Auswertung erläutert sowie die Lebenslagedimensionen , auf denen die vorliegende Arbeit gründet, beschrieben.

In Kapitel 6 wird dann der Datensatz überwiegend univariat vorgestellt , bevor in Kap. 7, den zweiten Teil abschließend, die Auswertung der Daten mit bi- und multivariaten Verfahren erfolgt.

Anschließend werden in Kapitel 8 prägnante Ergebnisse der Auswertungsschritte den Erkenntnissen aus Literatur und anderen Studien gegenübergestellt und diskutiert sowie exemplarische Kriterien für präventive und gesundheitsfördernde Maßnahmen vorgestellt.

Im Rahmen von Kapitel 9 wird die Public Health-Relevanz hervorgehoben und in Kapitel 10 der weitere Forschungsbedarf in Form eines Ausblicks umrissen, bevor Kapitel 11 diese Arbeit mit einem kurzen Fazit der empirischen Arbeit schließt.

Im Anschluss an diese Einleitung werden der Hintergrund (Abschnitt 1.2) , die Forschungsziele und methodische Vorgehensweise (Abschnitt 1.3) der vorliegenden Arbeit vorgestellt, bevor der Frage nachgegangen wird, ob der Terminus Jugend eher als Phase oder als Zustand (Abschnitt 2.1) zu interpretieren ist.

1.2 Hintergrund und Abgrenzung der vorliegenden Arbeit

Der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen kommt eine Schlüsselrolle für die Gesundheit im Erwachsenenalter zu. Dementsprechend finden sich Präventions- und Gesundheitsförderungsschwerpunkte in diesem Alter als Prioritäten auf der (theoretischen) Agenda von Politik und Krankenkassen.

„Gesundheitsförderung orientiert sich an einem sozialökologischen Verständnis von Gesundheit als Ergebnis der Interdependenz zwischen Individuum und Umwelt, d.h. zwischen einer Person und Subsystemen wie Familie, Gemeinschaft, Kultur, Natur, sozialer und physikalisch-baulicher Umwelt.“ (Brößkamp-Stone 2003:243)

Das inhaltliche Spektrum gesundheitlicher Defizite verschiebt sich immer mehr von somatisch-medizinischen (und somit kurativ zu begegnenden) hin zu sozialen Ursachen und Bedingungen von Gesundheitsgefährdungen. Die Ursachen und Bedingungen variieren jedoch erheblich in den Geschlechtern und Alterskohorten, in unterschiedlichen Sozialschichten und Kulturkreisen sowie regionalen Kontexten. (Vgl. Mielck 2000:17ff. und Schubert/Horch et al. 2004:12) Ebenso ist es schwer möglich die Einsichtsfähigkeit bzgl. riskantem Verhalten des Einzelnen und die Bereitschaft zu gesundheitsförderndem Lebensstil pauschalisiert zu beschreiben und einzuschätzen. Somit werden für Gesundheitsförderung und Prävention Daten und Fakten benötigt, die alters- und geschlechtsspezifisch, sozioökonomische und demographische sowie regionalspezifische Indikatoren berücksichtigend, kultursensibel und möglichst kleinteilig zu erheben sind. Da in den differenzierten Kontexten auch von unterschiedlichen Ressourcen und Potentialen zur Selbsthilfe ausgegangen werden muss, kann mittels zielgruppenspezifischer Erhebung nicht nur die Effektivität sondern auch die Effizienz der eingesetzten Mittel gesteigert werden. (Vgl. Pochobradsky et al. 2002:63)

Die Datenlage bzgl. gesundheitsbezogener Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen findet in Deutschland erst in den letzten Jahren größeres Interesse in Wissenschaft und Forschung und beschränkt sich größtenteils auf Strukturdaten. (Hierzu Pochobradsky et al. 2002:32 und Lampert et al. 2002:48) Dementsprechend werden bisher sozioökonomische und -demographische Daten aus unterschiedlichen Quellen (bisherig Arbeits-, Sozial- und Jugendamt, Einschulungsuntersuchung sowie Statistischem Bundes- und Landesamt etc.) zusammengetragen und gesundheitsbezogen interpretiert. (Pohle/Augustin 2004:182ff. und Schubert/Horch et al. 2004:198)

Erst durch Teilnahme an und Durchführung von Studien wie z.B. HBSC[18] oder KIGGS[19] wird in jüngster Zeit der Versuch unternommen, Erkenntnisse aus direkt von Kindern und Jugendlichen erhobenen Daten zu gewinnen und gesundheitsrelevante Leitlinien zu entwickeln. Zur Verdeutlichung werden die beiden Studien mit zentralen Strukturen und Inhalten im Folgenden kurz vorgestellt, bevor im Anschluss die Forschungsziele der vorliegenden Arbeit skizziert werden.

1.2.1 HBSC-Studie

Die in 30 Ländern seit 1990 (in Deutschland seit 2001) durchgeführte Studie zum Gesundheitsverhalten von Schülerinnen und Schülern will „zu einem erweiterten Verständnis gesundheitsbezogener Einstellungen und Verhaltensweisen junger Menschen“...beitragen...“und die Bedingungen ihrer Entwicklung untersuchen.“ (Richter 2003:11) Hierzu werden die „Wechselbeziehungen zwischen der Person des Jugendlichen und seiner Umwelt im sozialpsychologischen und ökologischen Sinne“ untersucht. (Ebd.:13) Der deutsche Beitrag zur Studie wird in vier für Deutschland gewichteten Regionen[20] erhoben. Es wurden in Deutschland 5650 Schülerinnen und Schüler[21] mittels Fragebogen (Selbstangabe) aus den Klassenstufen 5, 7 und 9 befragt[22]. (Ebd.:14) Als Schwerpunktbereiche sind u.a. herausgearbeitet:

1. Demographische Angaben
2. Subjektive Gesundheit
3. Unfallrisiko und Gewalt
4. Substanzkonsum
5. Essverhalten und Diäten
6. Körperliche Aktivität
7. Soziale Ressourcen, soziales Kapital
8. Schule
9. Gleichaltrigengruppe und Freizeitverhalten (Ebd.:16)

Der Fragebogen ist ansprechend illustriert und umfasst 33 DIN A4 Seiten.

Die Bereiche sind in 86 Fragen gesplittet, die wiederum überwiegend in Unterfragen aufgegliedert sind, sodass insgesamt 216 Fragen zu beantworten sind.[23]

Als Stärken sind anzusehen:

Der bestechende Vorzug der Studie liegt in der internationalen Vergleichbarkeit im Querschnitt aber auch entwicklungsbezogen im Anschluss an landesspezifisch vollzogenen Richtlinienentscheidungen und Maßnahmen in der Gesundheitspolitik. Ferner ist es möglich geschlechts- und altersspezifische Unterschiede und allgemeine wie detaillierte Trends und Entwicklungen im Gesundheitsverhalten der Schülerschaft herauszuarbeiten.

Als kritische Punkte sind zu sehen:

Bezüglich der schulbezogenen Datenerhebung ist als Vorteil die Leichtigkeit des Zugangs zu sehen, wobei die Studie Jugendliche, die eine Schule nicht mehr bzw. nicht regelmäßig besuchen oder anderweitig institutionalisiert[24] sind unberücksichtigt lassen muss. (Richter 2005:270ff.) In den beteiligten Schulen wurde eine Responserate von 70-80% erzielt, die aufgrund der anonymisierten Befragung nicht ausgewertet werden kann. Ob dies zu einer Verzerrung bzgl. der Stichprobe führt, lässt sich nur mutmaßen.[25] (Hierzu ebd.:271) Inwieweit der Umfang des Instrumentes insbesondere bei sogenannt bildungsfernen Jugendlichen[26] bei der Bewältigung des Fragebogens die Gefahr eines Bias mit sich bringt, kann hier nicht befriedigend beurteilt werden. Ferner ist das Erfassen schultypimmanenter regionaler Unterschiede innerhalb eines berücksichtigten Gebietes nicht möglich.[27]

1.2.2 KIGGS-Studie

Das RKI führt seit 2003 eine insgesamt auf drei Jahre angelegte Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland durch. An 150 Untersuchungspunkten, die nach Bundesländern und Gemeindetypen geschichtet sind, werden insgesamt 18.000 Kinder und Jugendliche im Alter von 0-17 Jahren untersucht. Die Stichprobe von 32.400 Personen basiert auf einer randomisierten Auswahl anhand von Daten aus den Einwohnermeldeämtern. Als Ziel der Querschnittsstudie ist die Gewinnung von verallgemeinerungsfähigen, umsetzungsrelevanten Daten[28] und Erkenntnissen zur gesundheitlichen Situation von Kindern und Jugendlichen in Deutschland angegeben. Die Daten sollen sowohl als Quellen einer künftigen Berichterstattung als auch als Basis für epidemiologische Forschung und Präventionsmaßnahmen sein. Als Erhebungsinstrumente dienen:

1. Schriftliche Befragung der Eltern, von 11 Jahren an auch der Kinder und Jugendlichen
2. Computergestütztes ärztliches Interview
3. Untersuchungsprogramm (diagnostische Parameter, Motorik + Ausdauer)
4. In drei Zusatzmodulen werden an Unterstichproben Untersuchungen zur psychischen Gesundheit und zum Verhalten, zur motorischen Entwicklung und Kompetenz sowie zu Umweltbelastungen im unmittelbaren Lebensumfeld ermöglicht.

Als Stärken sind anzusehen:

1. Ergebnisse liegen relativ schnell vor
2. Ergebnisse können anwendungsorientiert sein
3. Vergleichbarkeit mit internationalen Studien durch validierte Instrumente
4. Entwicklungstrends können mutmaßend abgeleitet werden (Hypothesengenerierend)

Als kritische Punkte sind zu sehen:

1. Prävalenz orientiertes Verfahren
2. Retrospektives Design
3. Kein Auffinden neuer Entwicklungen
4. Potentiell selektiv, da mutmaßlich eher engagierte Eltern teilnehmen
5. Ausschluss von Kindern und Jugendlichen in geschlossenen Einrichtungen[29]
6. Berücksichtigung regionaler Zusammenhänge schwierig
7. Zeitaufwand (ca. 2 Stunden)[30]

1.3 Forschungsziele und methodische Vorgehensweise

In der Jugendphase werden individuelle Verhaltensweisen entwickelt, etabliert und habitualisiert, die im Erwachsenenalter fortgeführt werden. Dementsprechend ist unter präventiven Gesichtspunkten die Alterspanne der Adoleszenz von großem Interesse für die Gesundheitsversorgung. (Vgl. Raithel 2004:7) Betrachtungen und Ableitungen differenzierter Populationen (z.B. benachteiligte Jugendliche - insbesondere mit Migrationshintergrund) in spezifischen regionalen Bezügen (z.B. in sozialen Brennpunkten) finden bisher kaum statt. (Vgl. Mielck 2000:269, Pochobradsky et al. 2002:63ff. und Lampert et al. 2002:50) Im Rahmen der vorangegangenen Projektarbeit wurde in Kooperation mit der Senatsverwaltung f. Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz des Landes Berlin ein Instrument[31] zur Erhebung von Daten zu gesundheitsbezogenen Lebenslagen benachteiligter Jugendlicher unter Berücksichtigung des kognitiven und sozialen Entwicklungsstandes der Jugendlichen entwickelt.

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wurden subjektive Daten von benachteiligten Jugendlichen (14-25 Jahre) erhoben. Die Jugendlichen leben in einem Sozialraum[32], der anhand von Sozialindices[33] als problembelastet bezeichnet werden kann.[34] Die erhobenen Daten wurden auf Differenzierungsmöglichkeiten bzw. -notwendigkeiten innerhalb der Stichprobe überprüft. Grundlage dieser Vorgehensweise ist die Hypothese, dass die gesundheitliche Lage einer Person aufgrund von gesundheitsrelevanten Verhaltensmustern, Einstellungen und Ressourcen auch unter augenscheinlich ähnlichen Lebensbedingungen variiert. (Vgl. Richter/Settertobulte 2003:99) Hierbei ist sowohl die

- Ermittlung besonderer Bedarfsgruppen[35] und vorrangiger Handlungsfelder in Prävention und Gesundheitsförderung, wie auch die
- Eruierung von Ressourcen und Potentialen auf Seiten der Jugendlichen von Interesse.

Die Sozialisation[36] sowie die Wahrnehmung und Bedeutung des Lebensraumes ist für das Entwicklungspotential von Jugendlichen von großer Tragweite. (Vgl. Verhulst 2004:9) Unter dem Fokus gesundheitsbezogener Lebenslagen sollen sowohl

- belastende und beeinträchtigende wie auch
- protektive[37] Faktoren in den Lebensbedingungen und Verhaltensweisen der Jugendlichen herausgearbeitet werden.

Ferner sollen Vorschläge zu präventiven und gesundheitsfördernden Angeboten für benachteiligte Jugendliche skizziert werden.

Leitgedanke der Arbeit ist nicht das Nebeneinanderstellen der hier erhobenen subjektiven und der über amtliche Statistik verfügbaren objektiven Daten. Vielmehr ist von Interesse beide Datenquellen miteinander zu verknüpfen, um ein möglichst realistisches Bild vom Gesundheitszustand und von gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen der Jugendlichen abbilden zu können. Aufgrund des begrenzten Umfangs der Erhebung ist die vorliegende Arbeit nicht auf repräsentative Ergebnisse ausgerichtet, sondern soll eher in Form eines Pretests zur weiteren Forschungsarbeit im Bereich gesundheitsbezogener Lebenslagen benachteiligter Jugendlicher beitragen.

Bevor das Konstrukt der Lebenslagen beschrieben wird, das als Grundlage dieser Arbeit dient, erfolgt jetzt im Anschluss der Versuch das Phänomen Jugend unter Einbezug einschlägiger Literatur zu definieren bzw. zu beschreiben und eröffnet somit die Erörterung des aktuellen Forschungsstandes.

2 Erörterung des aktuellen Forschungstandes

In diesem Kapitel werden die Abschnitte Jugend, Theorien der Sozialen Ungleichheit und die dieser Arbeit zugrunde liegenden Benachteiligungspotentiale aufgearbeitet.

2.1 Jugend – Phase oder Zustand?

In diesem Abschnitt wird die Begrifflichkeit aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet, bevor anschließend entwicklungspsychologische Erläuterungen und gesellschaftliche Rahmenbedingungen Beachtung finden, um allgemeine Strukturen von und für Jugend zu verdeutlichen. Vermessen wäre es, im Rahmen dieser Arbeit eine Antwort auf die eingangs eher metaphorisch gestellte Frage anzustreben.

2.1.1 Der Terminus Jugend

Der Begriff „Jugend“ wurde ab cirka 1900 für männliche Personen der Arbeiterklasse zwischen 13 und 18 Jahren benutzt, denen man Tendenzen zur Verwahrlosung, Kriminalität und Empfänglichkeit für sozialistisches Gedankengut unterstellte. Infolge der nationalistischen Strömungen des 1sten Weltkrieges wurde die Jugend u.a. als „Hoffnung für die Zukunft“ gesehen. Im Zuge der Bildungsexpansion[38] ab Mitte des 20sten Jahrhunderts und der einsetzenden Veränderung der Erziehungsstile[39] entwickelte sich zunehmend eine kulturelle Autonomie der Jugendlichen und „Jugend“ formierte sich als eine relativ eigenständige Lebensphase aus.

Jugendkultur wird von Schäfers als einen alle Lebensgebiete erfassenden Ausdruck von Eigenständigkeit, einem eigenen Lebensgefühl, eigenen Werthaltungen und somit spezifischer Inhalte und Formen der materiellen, vor allem aber der geistigen Kultur beschrieben. (2002:29 und vgl. Oerter 1987:314 ff.)

Während in der Vergangenheit mit „Jugend“ die konkrete Übergangsphase[40] vom Kind zum Erwachsenen beschrieben werden konnte, gestaltet es sich u.a. aufgrund längerer Schul- und Ausbildungszeiten bzw. dem Verharren in vermeintlich berufsvorbereitenden Modulen und somit auf „Verschiebebahnhöfen zwischen verschiedenen Fürsorgesystemen“ (Eckert 2004), als schwierig einen Endpunkt zu benennen.

Je nach dem welche wissenschaftliche Forschungsrichtung befragt wird, ergeben sich voneinander abweichende Definitionen von „Jugend“. Die Definitionen beziehen sich auf qualitative Merkmale[41] sowie auf differierende Altersangaben[42].

Dementsprechend formuliert Richter (2005:55) als Definition folgerichtig: „Die Jugend ist zunächst einmal ein biographischer Abschnitt im Leben jedes Menschen, der zu unterschiedlichen Zeitpunkten beginnen und abgeschlossen sein kann.“

Nach diesen eher formal ausgerichteten Annäherungen an die Begrifflichkeit „Jugend“ sollen im Folgenden entwicklungspsychologische Betrachtungsweisen und Deutungen Berücksichtigung finden.

2.1.2 Jugend aus entwicklungspsychologischer Sicht

Als „Jugend“ werden mit dem Beginn der Pubertät im Alter von 12 Jahren die beginnende Adoleszenzphase sowie die mit Ende der Pubertät im Alter von 18 Jahren einsetzende Phase der Post-Adoleszenz bezeichnet. (Vgl. Raithel 2004:16) Die Altersangaben sind als Richtwerte[43] zu verstehen, wobei die Menarche (Phase der ersten Menstruation) grundsätzlich rund vier Jahre früher als vor 100 Jahren eintritt. (Hierzu Braun et al. 2002)

Deutlich wird, dass der Mensch heutzutage früher im biologischen Sinne reift, jedoch später die volle Verantwortung für sich und für Aufgaben in Familie und Arbeitswelt übernimmt.[44] Bezogen auf „Jugend“ sind einerseits die drastischen körperlichen Veränderungen, die den Wandel zum Erwachsenen äußerlich begleiten, von Interesse und andererseits die eigenwilligen Einstellungen, Gefühlsbekundungen und Verhaltensweisen der Jugendlichen auffällig. (Vgl. Oerter 1987:265)

Die körperliche Entwicklung vollzieht sich in Wachstumsschüben, die zum Leidwesen der Betroffenen die Proportionalität von Körpergröße[45] und Gewicht vorübergehend grob verzerren können.[46] Die sehr individuell ausgeprägten physischen Entwicklungsstufen erzielen stark variierende Reaktionen der Umwelt.[47] Je erwachsener die Jugendlichen aussehen desto mehr traut und gesteht man ihnen zu; desto mehr Verantwortliches wird allerdings auch von ihnen erwartet und vorausgesetzt. (Vgl. ebd.:272)

Jugendliche haben in der Adoleszenz lt. Kolip auch die Aufgabe sich Männlichkeit bzw. Weiblichkeit u.a. durch geschlechtsspezifische Verhaltensweisen anzueignen. (Vgl. 2002:51) In diesbezüglichen Untersuchungen wurden spätreife männliche Jugendliche als körperlich weniger attraktiv, unbescheidener und verkrampfter empfunden, während frühreife als reservierter, selbstsicherer und ausgeglichener bewertet wurden. In einer amerikanischen Längsschnittuntersuchung (Oakland Growth Study 1957) wurde aufgezeigt, dass die ehemals Akzelerierten[48] auch im Alter von 33 Jahren höhere Werte im Selbstbewusstsein, in der allgemeinen psychischen Reife und im sozialen Verantwortungsgefühl hatten als die einstmals Retardierten[49]. Bei weiblichen Jugendlichen scheint die Bewertung durch die Umwelt nicht so klar zu sein, da zumindest unter Gleichaltrigen Akzeleration bis zur sechsten Schulklasse eher negativ besetzt ist. Später ist allerdings auch bei weiblichen Jugendlichen ein sich an physischen Merkmalen orientierender Statuszuwachs auszumachen. (Vgl. Oerter 1987:274)

Je weiter sich die hormonelle Reifung vollzieht, machen viele der weiblichen Jugendlichen mit ersten Menstruationen schmerzhafte Erfahrungen[50], infolge derer sie zunehmend Medikamente[51] einnehmen und über ihren Gesundheitszustand klagen. Häufig stellen sich Gefühle von Ohnmacht, Zorn und Ärger ihrem Körper gegenüber ein. Viele junge Frauen erleben sich als zu dick. (Vgl. Vogt 2003:126)

Männliche Jugendliche machen eher in den ersten zehn Lebensjahren Erfahrungen mit Medikationen, sofern ihre Mütter, aufgrund von Trotzreaktionen und Einschlafschwierigkeiten ihrer Söhne, Ärzte konsultieren. Demzufolge wird gemutmaßt, dass männliche Jugendliche frühzeitig lernen, dass man Störungen und Belastungen mit chemischen Mitteln beheben kann. (Vgl. ebd.:134)

Potentiell unangenehme Begleiterscheinungen der hormonellen Reifung stellen für die männlichen Jugendlichen die nächtliche Pollution[52], Schamhaar- und Bartwuchs[53] und ein- bzw. mehrfacher Stimmbruch[54] dar. (Vgl. Oerter 1987:270) Die Mehrzahl der männlichen Jugendlichen im Alter von 15-20 Jahren hat einen für das psychische Wohlbefinden positiv zu wertenden beträchtlichen Muskelzuwachs, geht im Vergleich mit weiblichen Jugendlichen erheblich seltener zum Arzt, ist der Meinung „vieles besser als andere zu können“ und empfindet sich als gutaussehend. Die Minderheit, die das für sich selbst anders beurteilt, ist u.U., im Sinne von autoaggressivem Verhalten und suizidaler Tendenzen, extrem gefährdet. (Vgl. Vogt 2003:134)

Anschließend an diese entwicklungsspezifischen Ausführungen erscheint es von Interesse, sich Jugend in altersübergreifenden Zusammenhängen zu betrachten, weswegen sich der folgende Abschnitt u.a. mit gesellschaftlichen Erwartungen beschäftigt.

2.1.3 Jugend im gesellschaftlichen Kontext

In der Jugend gibt es verschiedene Entwicklungsaufgaben zu lösen bzw. zu bewältigen. Unter anderem wird als Ziel angesehen die persönlich-individuelle Identität zu begründen. (Vgl. Oerter 1987:280 und Raithel 2004:17) Einerseits ist hier das Streben nach Selbstständigkeit, Selbstverwirklichung und Autonomie zu verzeichnen und andererseits gewinnen Kontrolle und Selbstwirksamkeitsüberzeugung[55] an Bedeutung. Um Anforderungen der Umwelt möglichst konstruktiv bzw. produktiv begegnen zu können, ist es notwendig umfangreiche Handlungs- und Schlüsselkompetenzen[56] zu entwickeln. (Vgl. Oerter 1987:280, Münchmeier 2004:85[57] und Raithel 2004:17) Handlungskompetenzen sind als Grundlage für das Formulieren, Verfolgen und Durchsetzen von eigenen Interessen, Wünschen und Vorstellungen anzusehen. (Vgl. Bourdieu 1982:155, Münchmeier 2004:77,85 und Raithel 2004:17)

Aus den bisherigen Ausführungen lässt sich unter Berücksichtigung individuell unterschiedlicher Ausgangs- und Rahmenbedingungen ableiten, dass es die „Jugend“ an sich nicht gibt und das es zur Beschreibung derselben einer Differenzierung in unterschiedliche jugendliche Gruppierungen mit individuellen Ausprägungen bedarf. Plausibel erschließt sich, dass vor dem Hintergrund ungleicher Bildungsabbrüche bzw. -abschlüsse (sh. Gliederungspunkt 2.3.3) insbesondere unter älteren Jugendlichen die Heterogenität der Zusammensetzung zunimmt.

Verallgemeinerbar erscheint, dass Jugendliche „bewältigen müssen, was die Gesellschaft für sie an Chancen, an Gelegenheiten, aber auch an Anforderungen, an Erschwernissen, an institutionellen Auflagen usw. vorbereitet“ hat. (Münchmeier 2004:72) Bezüglich der Adoleszenz ist für Antonovsky die entscheidende Frage, in welchem Ausmaß der kulturelle Kontext und die soziostrukturelle Realität unsere jeweiligen Lebenserfahrungen behindern oder vereinfachen. (Vgl. Antonovsky 1997:101)

Ist der gesellschaftliche Rahmen

- komplex und offen, eine Vielzahl von zulässigen, realistischen Optionen bereitstellend

oder

- integriert, homogen und relativ isoliert und fördert/fordert[58] die Ausgründung einer Subkultur[59]

oder

- ein verheerender, verwirrender soziokultureller Kontext, der es unmöglich macht, das Leben zu verstehen. (Vgl. ebd.)

Laut Münchmeier ist es kein Problem mehr, „...Zugang zur Jugend zu erhalten...“ sondern vielmehr „...die Jugend beenden zu können...“ und dementsprechend im Rahmen des diesbezüglichen Lebensabschnitts ausreichend Qualifikationen zu erlangen, um „...den Übergang in Arbeit und Beruf zu schaffen...“.[60] (Münchmeier 2004:73 und vgl. Richter 2005:58) Da vermutet werden kann, dass es vor- und nachteilige Start- und Durchführungsbedingungen für den Lebensabschnitt[61] „Jugend“ gibt, wird sich diese Arbeit in Kapitel 2.3 mit ausgewählten Lebensbereichen und den potentiell immanenten Benachteiligungen beschäftigen.

Die Verwendung der Begrifflichkeit „Benachteiligung“ setzt eine bewertende Skala voraus. Ferner wird impliziert, dass es als positives Äquivalent Begünstigung geben muss. Dieses Konstrukt umschreibt in Abgrenzung zur wertfreien Betonung der Unterschiedlichkeit der einzelnen Individuen die Grundüberlegung der Sozialen Ungleichheit . (Vgl. Hradil 2001:28 und Schäfers 2002:230) Von daher wird vorerst im Folgenden die Theorie der Sozialen Ungleichheit im Lichte unterschiedlicher Forschungsansätze Betrachtung finden, bevor umschrieben wird, welcher Definition und Art von Benachteiligungen die vorliegende Arbeit nachgeht.

2.2 Theorie der Sozialen Ungleichheit

Um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu überfrachten, können hier nicht alle Forschungsrichtungen zur Sozialen Ungleichheit in der Gänze ihrer Entwicklungsstufen Berücksichtigung finden. In der thematischen Auseinandersetzung wird sich diese Arbeit in Zusammenhang mit der Sozialen Ungleichheit exemplarisch mit theoretischen Grundlagen aus Klassen-[62] , Schicht-[63] und Lagemodellen[64] befassen, ohne dabei den Anspruch der Vollständigkeit erheben zu können oder zu wollen.

2.2.1 Einleitung Soziale Ungleichheit

Überraschen mag in diesem Zusammenhang die recht umfangreiche Beschäftigung mit den Klassen- und Schichtmodellen , da mittlerweile als relativ unstrittig gilt, dass diese im Rahmen der Erforschung von Sozialer Ungleichheit nicht hinreichend in der Lage sind, die vollzogene Differenzierung und Pluralisierung von Lebensweisen in der Gesellschaft zu erfassen. (Vgl. Voges 2003:30 und Burzan 2004:75) Da allerdings trotz aller Nivellierungstendenzen an der „lebensweltlichen Oberfläche der Gesamtgesellschaft“[65] (Geißler 1990:96) die ungleichen Verhaltens- und Chancenstrukturen in bedeutsamer Ausprägung schicht- und klassenspezifisch nachweisbar sind (vgl. Kreckel 1990:50), erschien die detaillierte Darstellung für die Verdeutlichung des gesamtgesellschaftlichen Hintergrundes zweckentsprechend.

2.2.2 Soziale Ungleichheit und der Klassenbegriff

In der ursprünglichen Theorie der Klassengesellschaft wird die Gesellschaft dichotom

in Herrscher und Beherrschte aufgeteilt. Als zentral im Zusammenhang mit sozialer Ungleichheit wird das jeweilige Verhältnis der beiden Klassen zu den zeitgenössisch spezifischen Produktionsmitteln angesehen. Während die herrschende Klasse über Produktionsmittel[66] verfügt, muss die Klasse der Besitzlosen ihre Arbeitskraft zur Deckung der Lebensgrundlagen einsetzen. In der Folge wird der erwirtschaftete Mehrwert, abzüglich der wiederum zeitgenössischen Entlohnung, von den Besitzern der Produktionsmittel einbehalten. (Vgl. Neurath 1979:262ff. und Burzan 2004:15) Aus dem Besitz der ökonomischen Mittel wird gesellschaftliche Macht[67] abgeleitet. Auf Basis dieses Gefüges erhebt sich das besitzende Bürgertum aus gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen „zu Vollstreckern ökonomischer Zwangsgesetze“[68] auf dem Rücken des Proletariats. Dieser Logik folgend wird die Unterwerfung des individuellen und gesellschaftlichen Lebens unter das in der Form postulierte „Diktat der kapitalistischen Herrschaft“[69] als einseitig degradierend angesehen.

Dementsprechend wird die einzige Chance zur gesellschaftlichen Veränderung in der Begründung eines Klassenbewusstseins und einer anschließend existentiell geführten kämpferischen Auseinandersetzung gesehen.[70] (Vgl. Fritsche 1996:18) Die Grundannahmen der Klassentheorie werden von ihren Begründern[71] auf die gesamte historische Entwicklung übertragen und der geschichtliche Werdegang der Gesellschaft kontinuierlich als Klassenkampf gedeutet. (Vgl. Neurath 1979:262ff. und Burzan 2004:14)

Da sich infolge der Industrialisierung „neue“ Klassen[72] herausbildeten, wird das ursprüngliche Modell kritisiert, aber nicht verworfen. Die folgenden Theorien sind um ein erweitertes Bild der Gesellschaftsstruktur bemüht, das mehrdimensional in Besitz-, Erwerbs- und soziale Klassen differenziert[73] sowie die Begriffe Stände und Parteien[74] als Kriterien für die Zuordnung mit einbezieht. Besitz- und Erwerbsklassen werden primär nach den „Chancen der Marktverwertung von Gütern und Leistungen“[75] unterschieden sowie um eine „Mittelstandsklasse“[76] erweitert. Die Gruppe der sozialen Klassen beschreiben für Burzan Klassenlagen zwischen denen Individuen in stark begrenztem Umfang[77] wechseln können. (Hierzu 2004:22)

Auch mit „differenzierten“ Klassenmodellen, die sich vermehrt an der beruflichen Komponente orientieren, wird nicht nach Vielfalt der konkreten individuellen Lebensbedingungen unterschieden (Vgl. Hradil 2001:354), sondern ausschließlich nach einer vertikal[78] angelegten und ökonomisch dominierten Struktur zugeordnet. (Vgl. hierzu Schwenk 1999:22ff., Hradil 2001:363 und Burzan 2004:96)

„Der Klassenbegriff zielt somit eher auf Ursachen als auf Beschreibungen sozialer Ungleichheit.“ (Hradil 2001:354 und vgl. Burzan 2004:72)

Da ab Anfang des 20. Jahrhunderts[79] Schichtmodelle im Zusammenhang mit sozialer Ungleichheit entwickelt wurden und an Bedeutung gewannen[80], wird sich die vorliegende Arbeit im Folgenden mit der Grundstruktur der Schichttheorie auseinandersetzen.

2.2.3 Soziale Ungleichheit und das Schichtmodell

Da infolge der Industrialisierung immer mehr Menschen in unselbständigen Beschäftigungsverhältnissen arbeiteten und über keine Besitztümer verfügten, ließen sich ökonomische Überlegenheit und bestimmte Klassenlagen immer weniger deutlich abbilden. (Vgl. Glatzer/Hübinger 1990:33, Hradil 2001:40 und Schäfers 2002:234ff.) Hierdurch gewannen im Forschungsfeld Soziale Ungleichheit berufsspezifische Betrachtungen[81] an Interesse und stellten die Grundlage für die Entwicklung von Schichtmodellen dar. Als Theorien der Übergangsphase (bis ca. 1950) sind Modelle erwähnenswert, die Schichten entweder

- als Gruppierungen mit gleichen, aus beruflichen Zusammenhängen ableitbaren, Wirtschaftsinteressen und -mentalitäten verstehen[82]

oder

- als Zusammenschlüsse, die sich an gesellschaftlichen Prestige-Bewertungen[83] orientieren

und somit bemüht waren, alltagsrelevante Denk-, Verhaltens- sowie Lebensweisen schichtspezifisch zuzuordnen. (Vgl. Hradil 2001:41ff. und Burzan 2004:42)

Abgeleitet aus den beschriebenen Ansätzen wurden Berufsprestige-Modelle[84] entwickelt. Durchsetzen konnten sie sich u.a. aufgrund der vergleichsweise[85] leichteren Mess- und Analysetätigkeit. Die Modelle orientierten sich nicht mehr am Denken und Verhalten einzelner Individuen, so dass die jeweiligen Schichtgrenzen anhand von möglicherweise der Lebenswelt fernen Maßzahlen konstruiert wurden. (Vgl. Schwenk 1999:17 und Hradil 2001:356)

„Man benutzte den Begriff Schicht für Gruppierungen, deren Angehörige sich – aus welchen Gründen auch immer – untereinander als gleichrangig und sich den Angehörigen anderer Gruppierungen gegenüber als höher- oder tieferstehend verhalten.“ (Hradil 2001:41 – Hervorhebung im Original)

Die komplexeren Modelle unterschieden in ihrer Schichtung anhand von drei Aspekten: Sozial - oder Statuslagen[86], Schichtdeterminanten[87] und Schichtmentalitäten[88]. (Vgl. Geißler 1994:9) Geißler engagiert sich für das Schichtmodell von Geiger und hebt seine Möglichkeit hervor „auch Schichten neben- und nicht nur übereinander legen zu können“ (Vgl. ebd.10); lässt jedoch die Chance zur Darlegung empirischer Anwendbarkeit aus.[89] Im Folgenden beschreibt er, das bei seinem eigenen Modell der Lebenschancen[90] „andere Facetten“ (Geschlecht, Region, Alter, Generation bzw. spezifische Benachteiligungen) weitgehend ausgeklammert werden, da „die „vertikale Dimension“ der sozialen Ungleichheit, die mit dem traditionellen Schichtbegriff erfasst wird, im vieldimensionalen Raum sozialer Ungleichheit in der Bundesrepublik weiterhin vorherrschend ist.“ (Geißler 1994.:21 – Hervorhebung im Original)

2.2.4 Kritik an Klassen- und Schichtmodellen

(keine abschließende Aufzählung)

- In Bezug auf Soziale Ungleichheit bleiben u.a. wohlfahrtstaatliche Dimensionen und kulturelle Einflüsse unberücksichtigt. (Vgl. Mackenroth 1971:266, Schwenk 1999:22 und Hradil 2001:363)
- Durch die Bewertung von „Beruf“ als monokausalen Faktor, wird die Hälfte der Bevölkerung[91] ausgeschlossen bzw. über kompromissbehaftete Hilfskonstruktionen (Haushaltsvorstand, früherer Beruf etc.) vermeintlich berücksichtigt. (Vgl. Hradil 2001:363)
- Es wird vorausgesetzt, dass die Mitglieder der Gesellschaft einzelnen Lebensbedingungen gleiche Bedeutung beimessen.[92] (Vgl. Schwenk 1999:22)
- Die Annahme von Gleichheit bzgl. horizontaler Faktoren aber auch spezifischer Denk- und Verhaltensmuster innerhalb der Schichten und Klassen. (Vgl. Glatzer/Hübinger 1990:32, Funke 1997:307ff. und Hradil 2001:363)
- Außerberufliche Bestimmungsgründe bleiben dementsprechend unentdeckt. (Vgl. Glatzer/Hübinger 1990:34 und Hradil2001:363)
- Die Annahme relativ enger „Statuskonsistenz“, der zufolge eine bestimmte Ausbildung zu einer spezifischen Beschäftigung mit einer gewissen Entlohnung führt. Heutzutage alltäglich erscheinende „Statusinkonsistenzen“ bleiben unberücksichtigt. (Vgl. Schwenk 1999:23 und Burzan 2004:76)

2.2.5 Exkurs Soziale Ungleichheit

Soziale Ungleichheit stellt eine zweiseitig angelegte Betrachtung dar, die Menschen im Vergleich miteinander als besser oder schlechter gestellt beschreibt. (Vgl. Mielck 2000 und Hradil 2001:27) Der Begriff Soziale Ungleichheit bezieht sich lt. Hradil (2001:28) auf bestimmte „Güter“, die in einer Gesellschaft als wertvoll gelten. Die Bewertung der einzelnen „Güter“ variiert im historischen und internationalen Vergleich erheblich.[93] Je mehr „Güter“ das einzelne Individuum auf sich vereinigen kann, umso besser gestellt sind seine Lebensbedingungen.

Grundsätzlich wird in diesem Zusammenhang zwischen absoluter und relativer Ungleichheit unterschieden. Als „absolut“ gilt eine Ungleichheit, wenn ein Individuum von als wertvoll erachteten Gütern im Vergleich zu anderen mehr oder weniger erhält. Von „relativer“ Ungleichheit wird ausgegangen wenn gesellschaftlich festgelegte Kriterien[94] der ungleichen Zuteilung zugrunde liegen. Somit liegt soziale Ungleichheit vor, sofern als wertvoll erachtete Güter in einer Gesellschaft nicht absolut gleich verteilt sind. (Vgl. ebd. und Voges 2003:33) Diese Form der sozialen Ungleichheit wurde in den Sozialwissenschaften vorrangig bis in die 80er Jahre hinein „vertikal“[95] untersucht und analysiert. Eine hohe Korrelation untereinander führte zu Rückschlüssen, die ab 1990 vermehrt in die Richtung diskutiert wurden, „ob dieser ressourcentheoretische Zugang der Komplexität der verschiedenen Probleme gerecht werden kann“ (Voges 2003:30). In dieser Entwicklung rückten zunehmend Geschlecht, Alter, Familiengröße, Wohnort, Generation , sowie Nationalität als „horizontal“ erweiternde und ergänzende Perspektive in den Fokus des sozialwissenschaftlichen Interesses. (Vgl. BMGS 2005:11 + Lampert/Ziese 2005:6ff.)

Vor diesem Hintergrund erfolgt im Anschluss die allgemeine Darstellung von Lagemodellen sowie ein kurzes Abbild der historischen Entwicklung des Modells.

2.2.6 Lagemodelle

Lagemodelle dienen grundsätzlich dazu, die gesamte Bevölkerung nach Gruppen zu unterscheiden, die anhand der „relevanten Dimension ähnlich (un-)vorteilhafte Lebensbedingungen“ aufweisen. (Vgl. Hradil 2001:371) Zu unterscheiden sind die Modelle zur Erforschung von „Sozialer Lage“[96] und solche, die den unmittelbar erfahrbaren Lebensbedingungen (einer Kombination aus beispielsweise Einkommen, Bildungsabschluss, Wohnbedingungen sowie Gesundheitsstatus und potentiell unter Einbezug „subjektiver Einschätzungen“), der sogenannten „Lebenslage“, nachgehen. (Vgl. Hradil 2001:374)

Die vorliegende Arbeit orientiert sich an dem Modell der Lebenslage, da „Benachteiligung“ nicht nur aus einem Mangel an Ressourcen, sondern auch aus der Unfähigkeit Ressourcen gut zu nutzen, entstehen kann. (Vgl. Husi et al.1998:279). Dementsprechend sind nicht nur „die verfügbaren Ressourcen, die ein bestimmtes Versorgungsniveau ermöglichen, sondern die tatsächliche Versorgung von Personen, Haushalten oder sozialen Gruppierungen in zentralen Lebensbereichen“ von Interesse. (Vgl. Husi 1998:279 und Voges 2003:30) Das Auswertungspotential der Beziehung von objektiven und subjektiven Daten im Lebenslagenansatz verdeutlicht einen mutmaßlichen analytischen Vorteil gegenüber dem in der Sozialforschung weit verbreiteten Ressourcenansatz.

In den vergangenen Jahrzehnten beteiligten sich diverse sozialwissenschaftliche Disziplinen mit unterschiedlichen Interessen an der Ausgestaltung und Verwertung der Begrifflichkeit. Eine nicht befriedigende Abgrenzung zu sprachlich verwandten Begriffen (Lebensraum, Lebensstil, Lebensweise, Lebensführung usw.) sowie die Fixierung auf den „subjektiven Schwerpunkt“, erschwerten die Operrationalisierung in der empirischen Umsetzung und führten dazu, dass der Ansatz als „Leitidee“ interpretiert wird. (Vgl. Husi 1998:279, Voges 2003:43 und Hanesch et al. 2000)

2.2.6.1 Entwicklung der Lagemodelle

Nachdem Marx und Engels schon Überlegungen zu den „Lebenslagen des Proletariats“ anstellten (hierzu Neurath 1979:262ff.), wurde der Terminus Lebenslage ab ca. 1920 durch den Nationalökonom und Philosophen Otto Neurath (1882-1945) konzeptionell unter Betonung, der für ihn, die individuelle Lebenslage entscheidend bestimmenden Parameter „Wohnung, Nahrung, Kleidung und Arbeitszeit“, als multidimensional[97] begründet. (Vgl. Hegselmann 1979:25 und Voges 2003:38-39) Neurath , der gesellschaftliche Zusammenhänge mit technischen Konstruktionen gleichsetzte und sich dementsprechend als Gesellschaftstechniker verstand, hatte unbelastet von politischen Interessen die Verbesserung der sozialen Situation als Ziel.[98] (Vgl. Hegselmann 1979:31) Für die Operrationalisierung konstruierte Neurath (1979:271ff.) das Begriffssystem vom:

- Lebensboden , als „ein Stück Welt mit all seinen Bestandteilen, Einrichtungen als Bedingung von Lebensstimmung.
- Lebensordnung , als „Gesamtheit der Maßnahmen, Einrichtungen, Gebräuche eines Menschen oder einer Menschengruppe.
- Lebenslage, als Ergebnis des Zusammenwirkens und gleichzeitig auch Teil der beiden vorigen.[99]

In der Nachkriegszeit wurde von dem Gesellschaftswissenschaftler und Politiker Gerhard Weisser (1898-1989)[100] ein Lebenslagemodell unter Betonung von individuellen Spielräumen[101] ausgeprägt. Hierunter ist bei Weisser beispielsweise „das Maß der tatsächlichen Freiheit der Berufswahl, das Maß an tatsächlichen Aufstiegschancen, das Maß an tatsächlicher Freizügigkeit“ zu verstehen. (Vgl. Nahnsen 1979:101) Das Ausmaß der Spielräume ist von den äußeren gesellschaftlichen Umständen abhängig und bestimmt den Wert der jeweiligen Lage. (Weisser 1971:113-114) Die durch Weisser entscheidend eingebrachte Erweiterung besteht lt. Voges in der Frage des individuellen Handlungsspielraums . (2003:41) Zur Erhöhung der praktischen Anwendbarkeit wurde in der Folge von der Sozialwissenschaftlerin Ingeborg Nahnsen (1923-1996) das Konzept unter Betonung von Chancen[102] (der jeweiligen Lebenslage immanent) durch Beschreibung von Einzelspielräumen ausgebaut. Unter „Einzelspielräumen“ sind zu verstehen:

- Versorgungs- und Einkommensspielraum (Zugang zu Gütern und Dienstleistungen)
- Kontakt- und Kooperationsspielraum (soziale Vernetzung)
- Lern- und Erfahrungsspielraum (Bildungschancen)
- Muße- und Regenerationsspielraum (umgebende Lebensbedingungen)
- Dispositionsspielraum (Möglichkeiten sozialer Teilhabe und Mitentscheidung) (Vgl. Wendt1986:142, Voges 2003:42 und Butterwegge et al. 2005:113-114)

Demzufolge ermöglicht bzw. verunmöglicht die jeweilige Lebenslage die individuelle Verfügung über Ressourcen. (Vgl. Wendt 1986:142) Wendt (ebd.:143) weist einerseits auf die spezifisch zeitgenössischen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die jeweiligen Lebenslagen hin, betont andererseits den „Spielraum der persönlichen Daseinsgestaltung“, der durch „Vergesellschaftung der ökonomischen und soziokulturellen Lage nicht abgesteckt ist“. Dementsprechend kann die Lebenslage eines Menschen positiver oder negativer sein, als es die soziale Lage[103] vermuten lässt. Die subjektive Perspektive wird zur Erfassung der interindividuellen Unterschiede ebenso gebraucht wie für die Analyse der Beziehung (sowie deren potentiell kumulativen Wechselwirkungen) von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und persönlichen Möglichkeiten. (Vgl. Wendt 1986:143) Um sich zu vergegenwärtigen, mit welcher Art von Benachteiligungspotentialen Jugendliche u.a. konfrontiert sein können, werden im Anschluss an eine kurze thematische Einstimmung die Lebenslagedimensionen vorgestellt auf denen diese Arbeit aufbaut.

2.3 Benachteiligungspotentiale in den Lebenslagen junger Menschen

Die Beschreibung der Lebenslagen gründet im Rahmen dieser Arbeit auf den Dimensionen Sozialisation , Arbeit und Bildung sowie Gesundheit , die gegebenenfalls unter Berücksichtigung immanenter Bereiche im Anschluss an die folgende Einleitung unter Einbeziehung einschlägiger Literatur vorgestellt werden.

2.3.1 Einleitung Benachteiligungspotentiale

Wenn Anteile der Bevölkerung über Vorteile verfügen sind andere benachteiligt, womit das Faktum der Ungleichheit gegeben ist. Aus dieser Ungleichheit ergeben sich Disparitäten[104], die Teilhabe an gemeinschaftlichen Erfahrungen, Lebenschancen aber auch -risiken ermöglichen und befördern bzw. begrenzen und ausschließen . (Vgl. Siegrist 2002:11)

Benachteiligung wird überwiegend anhand der materiellen Benachteiligung dargestellt. Hierbei erfolgt die Orientierung oftmals an der Kennziffer Sozialhilfebezug , bei der jedoch von einer erheblichen Dunkelziffer auszugehen ist. (Vgl. Pott/Lehmann 2002:976) Dementsprechend erscheint es sinnvoll die jeweiligen Haushaltseinkommen zu betrachten, die in Anlehnung an das regionalspezifische Äquivalenzeinkommen die Bestimmung von Armutsgrenzen[105] ermöglichen. In Berlin sind im Jahre 2002 laut Sozialstrukturatlas Berlin 2003 15,6% der Bevölkerung in diesem Sinne von Armut betroffen. (Hierzu Meinlschmidt et al. 2004:104) In den für diese Arbeit relevanten Bezirken sind nach alter Bezirksstruktur (vor Bezirksreform 2001) in Treptow 9,4% und in Neukölln 23,7% der Bevölkerung in dieser Gruppierung. (Ebd.:105) Haushalte[106] als Bezugsgröße sind

- mit drei und mehr Kindern unter 18 Jahren zu 51,6% sowie
- mit zwei Kindern unter 18 Jahren zu 24,6% und
- Alleinerziehende sofern sie mit Kindern unter 18 Jahren zusammenleben zu 27,8% hiervon betroffen. (Hierzu Ebd.:106)

„Hat der Haushaltsvorstand (jetzt: Bezugsperson) die deutsche Staatsbürgerschaft, dann ergibt sich bei diesen Haushalten eine Armutsquote von 11,5%“; bei Bezugspersonen mit ausländischer Staatsangehörigkeit liegt die Quote bei 36%. (Ebd.:107)

Bei Haushalten

- mit Bezugspersonen, die keinen Schulabschluss haben liegt die Quote bei 42,9%,
- mit Bezugspersonen, die erwerbslos sind bei 41,2% (ebd.:108) und
- mit Bezugspersonen unter 25 Jahren liegt die Quote bei 36%. (Ebd.:107)

Somit lassen sich Risikogruppen für materielle Benachteiligung verorten, während für die Bestimmung, welche Menschen insgesamt als benachteiligt anzusehen sind weitere Beurteilungskriterien, die über den wirtschaftlichen Aspekt hinausgehen, einbezogen werden müssen.[107] (Vgl. Pott/Lehmann 2002:976)

Mit dem Terminus Benachteiligung werden in der vorliegenden Arbeit Individuen ganzheitlich fokussiert, die in einzelnen oder mehreren Bereichen weniger zur Verfügung haben bzw. nutzen können, als gesellschaftlich in Form von angemessen oder notwendig vereinbart ist. Dementsprechend sind die Jugendlichen, deren gesundheitsbezogene Lebenslagen Gegenstand dieser Arbeit sind, im weitesten Sinne als anspruchsberechtigt bzgl. staatlicher Transferleistungen auf der Grundlage unterschiedlicher Leistungsgesetze (insbesondere SGB II, SGB III, SGB VIII)[108] anzusehen. Insbesondere unter finanzpolitischen Gesichtspunkten ist eine Verortung der Benachteiligten möglichst differenziert vorzunehmen, um Maßnahmen der Prävention sowie der Gesundheitsförderung zielgenau, treffsicher und effizient einsetzen zu können.

Die benachteiligten Jugendlichen, oder wie sie im Rahmen der Sozial- und Arbeitsreform genannt werden, die Zielgruppen mit besonderem Förderbedarf (vgl. Braun 2004:21), sind Jugendliche mit besonderen Belastungen bzw. einschränkenden Ausgangsbedingungen, wobei von additiven und multiplikativen Wirkungen der Benachteiligungsfaktoren auszugehen ist.

Da der Terminus Benachteiligung mit allen materiellen und immateriellen Komponenten für den Rahmen dieser Arbeit zu weit gefasst ist, erfolgt nun eine thematische Eingrenzung, um zu verdeutlichen, welcher Art von Benachteiligungen die vorliegende Arbeit im Folgenden nachgeht. Da inhaltliche Überschneidungen der einzelnen Arten immanent sind, werden die einzelnen Benachteiligungskategorien in potentieller Form vorgestellt und gegebenenfalls unter Berücksichtigung kumulativer Wirkungen ausgeführt.

2.3.2 Sozialisation

Nach Hurrelmann ist Sozialisation als „der Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit[109] in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt“ zu verstehen, wobei „die Entwicklung zum gesellschaftlich handlungsfähigen Subjekt“ von ihm als vorrangig beschrieben wird. (Vgl. Hurrelmann 2002:11) Wie daraus deutlich wird, sind nicht nur die materiellen sondern vor allem auch die personellen Rahmenbedingungen für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen entscheidend. In der Aufnahme und Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen verfügen Jugendliche mit zunehmendem Alter sukzessive über mehr Handlungsautonomie, befinden sich aber auch in vorgegebenen Strukturen. „Jugendliche leben in konkreten Settings, zu denen nach wie vor das Elternhaus gehört, weiterhin die Schule zählt und allmählich für mehr und mehr Jugendliche auch der Arbeitsplatz hinzutritt.“[110] (Oerter 1987:323) Als bedeutsam ist hier anzusehen, das die einzelnen Sozialisationsinstanzen[111] unterschiedliche Impulse und Erziehungsstile vertreten können, was wiederum zu Irritationen und Verunsicherungen bei den Jugendlichen führen kann. (Vgl. Hurrelmann 2002:16) Während familiäre Konstellationen nicht frei wählbar sind, werden von den Jugendlichen insbesondere zur Bildung und Stabilisierung von Selbstwertgefühl Peer-Groups gesucht, die eine bestimmte soziale Perspektive teilen. (Vgl. Marx 2001:43 ff. und Butterwegge et al. 2003a:260)

Untersuchungen haben empirisch belegt, dass Jugendliche überwiegend Wertvorstellungen ihrer Eltern teilen. Ferner haben die Eltern bei Entscheidungen mit langfristiger Wirkung größeren Einfluss als z.B. die Peers, denen eher großes Einflusspotential in gegenwärtigen Situationen und dem Umgang mit augenblicklichen Problemen zugeschrieben wird. (Vgl. Beekhuis et al. 1982:153 ff., Oerter 1987:323 und Marx 2001:43) Schule dagegen ist ein sozialer Lebensraum, dem sich Jugendliche nicht entziehen[112] können, der allerdings neben Qualifikation und Integration auch die gesellschaftliche Funktion der Selektion und Allokation darstellt. (Vgl. Hurrelmann et al. 2003:246) Familie und Schule umschreibt Bourdieu als „Märkte für die Ausbildung von Kompetenzen“, in denen mit positiver wie

negativer Sanktion vermittelt wird, was in oder auch unter ihren institutionell-spezifischen Bedingungen im Hinblick auf persönliche Entwicklung annehmbar bzw. förderlich sowie nicht vereinbar bzw. abträglich ist.[113] (Vgl. Bourdieu 1982:151) Mit dem Faktor Schule und den für Jugendliche immanenten Chancen und Risiken wird sich die vorliegende Arbeit unter dem Gliederungspunkt 2.3.3 eingehender beschäftigen.

Im Folgenden wird es um die Auseinandersetzung mit anderen Rahmenbedingungen gehen, die die individuelle Lebenslage tangieren bzw. mitbegründen. Die Anordnung in der Abarbeitung der einzelnen Faktoren folgt eher inhaltlichen Gesichtspunkten, so dass im Anschluss mit einer materiellen Komponente begonnen wird, ohne dieser über Gebühr Priorität bzgl. der Bedeutsamkeit beimessen zu wollen.

2.3.2.1 Haushaltsfinanzierung

Insbesondere bei jungen Menschen beinhaltet der Faktor Einkommen nicht nur die materielle Absicherung, sondern tangiert als wichtige Grundlage für ökonomische und allgemeine Verselbständigung auch die psychosoziale Entwicklung. Der überwiegende Teil der jungen Menschen befindet sich in schulischer bzw. beruflicher Ausbildung und ist dementsprechend auf Transferleistungen der Eltern oder des Staates[114] angewiesen. Dementsprechend variieren die finanziellen Möglichkeiten und davon abzuleitende, die Persönlichkeitsentwicklung stark beeinflussenden, Anerkennungspotentiale[115] durch die jeweilige Peer-Group der jungen Menschen erheblich. (Vgl. Voges et al. 2003:132, Butterwegge 2003a:262 und Klocke/Becker 2005:196)

Bedingt durch die Kommerzialisierung der überwiegenden Lebensbereiche in unserer Gesellschaftsform[116] können Kinder und Jugendliche den „perfiden Werbestrategien der Konsumgüterindustrie“ nur bedingt ausweichen. (Vgl. Butterwegge et al 2005:59) Hierbei ist das innerfamiliäre Unterstützungspotential, auf das im Folgenden (Gliederungspunkt 2.3.2.2) noch eingegangen wird, von erheblicher Bedeutung, wobei die diesbezüglichen kompensatorischen Möglichkeiten der Familie sicher nicht als grenzenlos zu betrachten sind. (Vgl. Lukas et al. 2000:46) Für einkommensschwache Familien bedeutet diese monetäre Einschränkung unter Einbeziehung psychosozialer Komponenten eine weitere Verringerung der Verwirklichungschancen[117] , die über den Mangel an Einkommen hinausgehen. (Vgl. Sen 2005:111)

Die Wahrnehmung eingeschränkter Konsummöglichkeiten gewinnen Kinder ab dem zehnten bzw. elften Lebensjahr. (Hierzu Butterwegge et al. 2003a:262) Die alltägliche Wahrnehmung zwar über existenziell Lebensnotwendiges zu verfügen, jedoch mangelnde materielle Voraussetzungen für den „Zugang zu kulturellen Gütern wie Musikinstrumenten, Internetanschluss oder Essengehen“ (Butterwegge et al. 2003a:264) ihr „Eigen“ nennen zu müssen, erhöht den psychosozialen Druck auf Jugendliche immens. (Vgl. Lampert et al. 2002:49) Im Zusammenhang mit kumulativen Wirkungen von Benachteiligungen z.B. in den Bereichen Bildung, Arbeit und Sozialisation entsteht ein sukzessiv wachsender Kompensationsbedarf durch konsumorientierte und riskante Handlungsweisen, um den empfundenen Selbstwert vor sich und anderen erhöhen zu können. (Vgl. Marx 2001:24 ff. und ebd.:43 sowie Lampert et al. 2002:49) Aufgrund des Wunsches nach ökonomischer Partizipation begeben sich vermehrt materiell benachteiligte Jugendliche in „finanzriskante Situationen“[118], die sehr schnell zu Verschuldung und ökonomischen Notlagen führen. (Vgl. Raithel 2004a:30)

Neben der Selbstwirksamkeitsüberzeugung[119] ist nach Münchmeier (2004:85) für die Entwicklung von Schlüsselkompetenzen[120] als weitere soziale Ressource das familiäre Stützsystem entscheidend, dem anschließend nachgegangen werden soll.

2.3.2.2 Familie

Die o.g. Schlüsselkompetenzen sind ihrerseits die Basis für die Lebenskompetenz, die zum Zurechtkommen in der Gesellschaft befähigt und persönliche Erfolge ermöglicht. (Münchmeier 2004:85) Für die Entwicklung der einzelnen Kompetenzen wird innerfamiliärer unterstützender Austausch als äußerst zuträglich, wenn nicht bedingend angesehen, da für Selbstkonzeptentwicklung[121] und Aufbau von Selbstwertgefühl die elterlichen Bezugspersonen als „Leitmuster“ für die eigene Entwicklung dienen. (Vgl. Marx 2001:43 und Mann-Luoma et al. 2002:955) Als umso benachteiligter sind Kinder und Jugendliche anzusehen, deren Eltern für die Alltagsbewältigung keine wie auch immer geartete Unterstützung bzw. Hilfe sondern womöglich eine zusätzliche Erschwernis darstellen. (Vgl. Münchmeier 2004:80) Gerade darin, dass Eltern von der Organisation ihres eigenen Alltags in einer solchen Weise überfordert sind, dass es ihnen nicht gelingt, verlässliche Beziehungen zu ihren Kindern herzustellen und aufrecht zu erhalten, sieht auch Braun die Grundlage der Bürde, mit der die Kinder in die Schule kommen und sich dort als Außenseiter und Versager ausgegrenzt sehen. (Vgl. Braun 2004:22ff.)[122]

Butterwegge et al. (2003a:266ff.) beschreiben das familiäre Unterstützungspotential als kulturelles Kapital ,[123] da die wechselseitigen Austausch-, Lern und Unterstützungsprozesse (Reziprozitätserfahrungen) nicht nur für die Entwicklung ihrer Persönlichkeit sondern auch für die gesellschaftliche Teilhabe insgesamt von großer Wichtigkeit sind. (Vgl. auch WHO 2002:73 und Klocke/Becker 2003:184) Dementsprechend sind Kinder und Jugendliche aus Familien mit niedrigem kulturellem Kapital als benachteiligt anzusehen und lassen „selbstgesteuerte Ausschlusspraktiken erkennen, die sie in der Schule in eine Außenseiterposition bringen können.“ (Vgl. WHO 2002:73, Butterwegge et al. 2003a:266 und Klocke/Becker 2005:211) Andererseits erscheint es für Familien mit hohem kulturellem Kapital relativ unabhängig von monetären Mitteln als durchaus möglich materielle Defizite zu kompensieren. (Vgl. Butterwegge et al. 2003a:266 und Klocke/Becker 2003:228)

Eltern mit geringem Unterstützungspotential bzw. niedrigem kulturellem Kapital sollte jedoch nicht pauschal mangelndes Interesse für die Zukunft ihrer Kinder unterstellt werden. (Vgl. Braun 2004:22) Vielmehr sollte im Interesse der Kinder und Jugendlichen[124] die „begrenzte Möglichkeit der Eltern die Zukunft ihrer Kinder positiv zu beeinflussen“ möglichst frühzeitig diagnostiziert und damit individuell unterstützend begleitenden Förderprogrammen zugänglich gemacht werden.

Im Rahmen der HBSC[125] -Studie 2002 wurde nachgewiesen, dass bzgl. des Gesundheitsverhaltens und -zustandes ihrer Kinder insbesondere die Familienform allein Erziehender deutlich schlechter abschneidet.[126] Die Gründe sind in materiellen Benachteiligungen[127], Erziehungsdefiziten[128] sowie unzureichender sozialpolitischer Unterstützung „abweichender Lebensformen“ zu sehen. (Vgl. Klocke/Becker 2003:192) Da Eltern bzgl. der Gesundheit und dem Gesundheitsverhalten von Kindern und Jugendlichen zu den wichtigsten Schutz- aber wie oben beschrieben auch Risikofaktoren gehören, sind sie im Erziehungsprozess so weit wie möglich zu unterstützen. (Vgl. Klocke/Becker 2003:185, ebd.:214 und Hurrelmann et al. 2003:320) Ansonsten sind psychosomatische Krankheitsformen, nicht gesellschaftszuträgliche Verhaltensauffälligkeiten, entsprechende Entwicklungsverzögerungen sowie ein folgendes Scheitern im Übergang Schule/Beruf mit allen gesellschaftlichen Konsequenzen zumindest nicht unwahrscheinlich. (Vgl. Braun 2004:23 und Schulze/Fegert 2004:229ff.)

Da der überwiegende Teil der Jugendlichen in „normalfamiliären“ Settings lebt (vgl. Klocke/Becker 2003:187) und demzufolge auch größtenteils mit ihren Eltern zusammen wohnen, beschäftigt die vorliegende Arbeit nun mit der Wohnsituation und ausgewählten jedoch nicht umfassenden immanenten Risiken.

2.3.2.3 Wohnsituation

Aufgrund der Renovierungs- und Sanierungspolitik ist „Armut des Wohnens“ lediglich in sozial benachteiligten Wohnquartieren[129] noch relativ offensichtlich. (Vgl. Ulbrich 1990:208) Auf eine hohe Korrelation zwischen Einkommensstatus und Umfang sowie Qualität der Wohnraumversorgung weisen zahlreiche Untersuchungen hin.[130] (Vgl. WHO 2002:71) Ferner ist vergleichsweise zu sozial besser gestellten Bezirken in sozial benachteiligten Stadtteilen die allgemeine Lebenserwartung niedriger und es treten mehr vorzeitige Sterbefälle wie auch Fälle „offener Tuberkulose“ auf. (Vgl. SenGesSozV 2004:282ff.) In Untersuchungen werden auch vermehrt umweltbezogene Belastungen, aus denen sich gesundheitliche Beeinträchtigungen entwickeln bzw. durch sie verstärken, beobachtet und dokumentiert. Deutlich treten hier insbesondere erhöhte Gefährdungspotentiale in innerstädtischen Bereichen bedingt durch die Infrastruktur[131] in Erscheinung. (Vgl. WHO 2002:93, BzgA 2003 und SenGesSozV 2004a:289ff.)

Beachtung verdient auch der soziale Nahraum, in dem die Kinder und Jugendlichen aufwachsen, da bei der Ursachenbestimmung chronisch-degenerativer Erkrankungen dem Anteil von milieu-, umwelt- und verhaltensbedingten Komponenten sehr große Bedeutung zuzumessen ist. (Vgl. Mielck/Helmert 1998:529[132] und Hurrelmann 2002:20) Hierbei ist u.a. von Relevanz, ob hohe Gefährdungspotentiale[133] oder eher friedliche Grünanlagen das Straßenbild bestimmen. Ferner ist von Interesse, ob frei zugängliche Spiel- und Freiflächen, die von Jugendlichen möglichst autark genutzt werden können, verfügbar sind.[134] (Vgl. Lukas et al. 2000:47, Mann-Luoma et al. 2002:954 und Raithel 2004a:21) Ferner ist sicherlich für das soziale Klima und damit für das Entwicklungsverhalten der Jugendlichen von Bedeutung, ob die primären Nachbarschaftskontakte vom Umgang mit beispielweise gewaltbereiten, ständig alkoholisierten Mitmenschen geprägt sind oder aus möglicherweise toleranzgeprägten und gegenseitig respektzollenden Gesprächen mit den anderen Bewohnern des Sozialraumes bestehen. (Vgl. Trabert 2002:94) Da sich ein Mangel an positiven Interaktionsbeziehungen zur sozialen Umwelt negativ auf die Gesundheit auswirkt (vgl. Hurrelmann et al. 2003:318) gilt dies bei Jugendlichen im Besonderen für die Wohnumgebung, da sie hier einen Großteil ihrer Interessen verfolgen und sich nicht einfach entziehen können.

Bezüglich der familiären Wohnung entzieht es sich beobachtenden Blicken, wie viele Quadratmeter für die häusliche Gemeinschaft und ob für die Haushaltsmitglieder jeweils eigene Zimmer zur Verfügung stehen.[135] (Vgl. Specht 1990:227 ff.) Mit Wohnraum unterhalb dieser Richtgröße waren 1985 15 % aller Mehrpersonenhaushalte in Deutschland versorgt. (Hierzu Ulbrich R. 1990:209) Das eigene Zimmer wird von Jugendlichen als wichtiger Ort für Selbstständigkeit und Privatsphäre angesehen. Abzuleiten ist daraus ein Einfluss auf die Art des sozialen Selbstbildes der Jugendlichen in Rückkopplung mit Gleichaltrigen. (Vgl. Oerter 1987:325 und Lukas et al. 2000:47) Dies erscheint übertragbar auf die Bewertung des direkten Wohnumfeldes, denn Jugendliche sind gegebenenfalls infolge ihrer Wohnsituation in einem sozial diskreditierten Stadtteil massiven Stigmatisierungen seitens ihrer Umwelten ausgesetzt. (Vgl. hierzu Lukas et al. 2000:47, Butterwegge et al. 2005:58 und Klocke/Becker 2005:196)

Der Einfluss von Gleichaltrigen kann im Jugendalter Gallwitz zufolge gar nicht überschätzt werden, da sich die Jugendlichen in ihren Gruppen quasi selbst sozialisieren . (Vgl. Gallwitz 2000:20) Um diesen Gedanken anhand von Aussagen und Erkenntnissen anderer Autoren und vor dem Hintergrund potentieller Risiken und Chancen betrachten zu können, soll es im Folgenden um den potentiellen Einfluss der Peergroups gehen. Auf die bestehende Heterogenität in den jugendlichen Lebenswelten und der sich daraus ergebenden Unterschiedlichkeit von Gruppierungen sei an dieser Stelle ausdrücklich hingewiesen. (Vgl. Raithel 2004:17) Aufgrund ihrer gruppenübergreifend zentralen Funktion bzgl. der Sozialisation erscheint ein gemeinsames Abhandeln jedoch vertretbar. (Vgl. Machwirth 1994:248)

2.3.2.4 Peers

Während Kinder und Jugendliche bis zum Einsetzen der Pubertät überwiegend im familiären Kontext prägend eingebunden sind und sich an diesem orientieren, gewinnt der Einfluss der jeweiligen Peers im Laufe der Adoleszenz für die Mehrheit der Jugendlichen an Bedeutung und bietet Unterstützung in der Abnabelung vom Elternhaus. (Vgl. Oerter 1987:318, Klocke/Becker 2003:197 und ebd.:235) Bezüglich der integrativen Wirkung von Peergroups gilt es unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen, da von den Jugendlichen durchaus über sozioökonomische Grenzen hinweg (vgl. Klocke/Becker 2003:197), bildungsspezifisch jedoch überwiegend homogene, Gruppen gebildet werden. (Oerter 1987:318)

Das Setting der Gleichaltrigen dient zum Erproben neuer Einstellungen und Verhaltensweisen sowie der Ausprägung von Persönlichkeitsmerkmalen im Zuge der Identitätsbildung. (Vgl. Bourdieu 1982:151, ebd.:155 und Oerter 1987:318) Auch Jugendliche orientieren sich bei der Auswahl der sie umgebenden Personen an den eigenen ähnlichen oder ihnen zusprechenden Werten und Normen (vgl. Oerter 1987:316) sowie an der gemutmaßten Erfüllung ihrer Bedürfnisse. (Vgl. Machwirth 1994:251 und Pinquart/Silbereisen 2002:877) Die hierbei sozial stützende Funktion von Individuen unter vergleichbaren Lebensbedingungen ist als bedeutsam anzusehen. (Vgl. Oerter 1987:318 und Machwirth 1994:251ff.[136] ) Die gemeinsamen Realitätserfahrungen und -verarbeitungen resultieren in kollektiven Handlungsmustern und Realitätsorientierungen, die eine soziale Kontrolle ergeben sowie den Rahmen für Leitbilder stellen. (Vgl. ebd.)

Beobachtens- und erwähnenswert ist vor diesem Hintergrund der Zusammenhang zwischen subkulturspezifischen Verhaltensweisen[137] und individuellen Entwicklungspotentialen bzw. -schritten. (Vgl. Schwonke 1994:39ff. und Klocke/Becker 2003:233[138] ) Im Zuge der Persönlichkeitsentwicklung kann es von Jugendlichen als notwendig erachtet werden, sich durch abweichendes Verhalten von der älteren bzw. restlichen Gesellschaft abzugrenzen, um die eigenen Entwicklungsschritte zu ermöglichen oder zu bestärken. (Vgl. Lamnek 1999:250[139] )

Die Gruppe bietet hierbei einerseits Schutz- und Ausgleichsfunktion in psychosozialen Belastungssituationen sowie das Gefühl von Sicherheit und Status in der Lebensphase, in der Jugendliche „nicht mehr“ und „noch nicht“ dazu gehören. (Vgl. Machwirth 1994:260) Bedingt durch diesen Gruppenkontext, können sich Wahlfreiheiten bzgl. individueller Verhaltensmuster jedoch verselbstständigend[140] einschränken, da vorgegebene Handlungen begünstigt, erwartet oder vorausgesetzt bzw. beim Ausbleiben negativ sanktioniert werden. (Vgl. Bourdieu 1982:155 und Schwonke 1994:46ff.) Konkretisiert hat das zur Folge, das die grundsätzlich als gesundheitsförderlich erscheinende intensive soziale Einbindung von Jugendlichen zumindest übergangsweise die Entwicklung personaler Identität erschwert und unterstützt durch ritualisierte Verhaltensweisen riskante Potentiale für jugendrelevante Aufgabenbereiche birgt. (Vgl. Machwirth 1994:262ff. und Raithel 2004:138ff.) Beispielhaft seien erwähnt:

- Ausprägung von persönlicher Identität : Wie o.g. ist der Freundes- und Bekanntenkreis in der Regel die „Spielfläche“ zum Ausprobieren von modifizierten Verhaltensweisen und Darstellen eigener Einstellungen. Die jeweilig zugestandenen „Spielräume“[141] variieren mutmaßlich erheblich zwischen einer Straßengang in Berlin-Neukölln-Nord und den Pfadfindern in Berlin-Treptow-Süd. (Vgl. Machwirth 1994:256ff.)
- Bewältigung von Übergang Schule/Beruf : Beeinflusst aus dem individuell prägenden elterlichen Hintergrund differieren Motivation zur, Wertschätzung von und Realisierung der Bedeutung von Schulbildung und beruflicher Ausbildung als Basis für persönliche Weiterentwicklungschancen. Im eher bestärkenden[142] Peergruppenkontext ist es für die einzelne Karriere von Bedeutung, wie diesbezügliche Schwerpunktbereiche mehrheitlich in der Gruppe bzw. von Gruppenpersönlichkeiten bewertet werden.[143] Bourdieu beschreibt diesbezüglich die „Gegenkultur“, die anhand der Schaffung eigener Sanktionierungsinstanzen in der Lage ist, die schulische Institution im Falle der Auseinandersetzung de facto in Frage zu stellen. (Hierzu 1982:167)
- Experimentier- und Exzessfreude bzgl. Substanzkonsum : Jugendliche haben überwiegend über Freunde und Bekannte Zugang zu für sie neuen Substanzen. (Vgl. Klocke/Becker 2003:235) Je nach gruppenspezifischer Ausprägung sind jugendtypische „Wettkampfbedingungen“[144] für das Konsummuster relevant.

Der aktuellen Drogenaffinitätsstudie[145] zufolge ist es bzgl. des Angebotspotentials wie auch für die Ausprägung einer annehmenden bzw. die ablehnenden Haltung dem eigenem Konsum gegenüber entscheidend, ob und zu welchem Abteil die Jugendlichen in der jeweiligen Peergroup Drogenerfahrung haben.[146] Begrenzt ist der Peereinfluss in Bezug auf Drogenkonsum laut BzgA dementsprechend insofern, als dass 65% der Jugendlichen Freundeskreisen angehören, in denen niemand Drogen konsumiert, 28% in Gruppen eingebunden sind, in denen wenige konsumieren und 8% in einer Peergroup sind, in der die Hälfte oder mehr Drogen konsumieren. (Hierzu 2004b:25) Ferner belegt die aktuelle Drogenaffinitätsstudie , dass der vom Drogenkonsum abratende Peereinfluss kontinuierlich wächst.[147] (Hierzu ebd.:24)

Machwirth sieht u.a. in der durch gesellschaftliche Umbrüche bedingten Ausgangslage[148] junger Menschen, Gründe für eine wachsende Bedeutung der Peergroups als subkulturellen Lebensraum, in dem man sich wohl fühlen kann, eingebunden ist und mittels Aktivitäten erfolgreich sein kann. (Hierzu 1994:267) Aufgrund einer, der Gesellschaft gegenüber empfundenen Ohnmacht , erscheint die Ausübung von Gewalt als adäquates Mittel um Respekt und Achtung zu erlangen. (Vgl. ebd.) Studien zufolge geben 14-24% der Jugendlichen in urbanen Zentren an, im letzten Jahr mindestens einmal körperliche Gewalt angewendet zu haben, wobei Opfer- und Täterschaft bzgl. körperlicher Auseinandersetzungen korreliert. (Vgl. Eisner/Ribeaud 2003:185) Als ursächlich bedingend gesehen werden sowohl situative Stimuli[149] wie auch persönliche Dispositionen aufgrund innerfamiliärer Gewalterfahrungen bzw. sonstige emotionale Mangelerscheinungen im familiären Kontext, die das Entwickeln pro-sozialer Kompetenzen erschweren. (Ebd.188ff.) Auffällig ist ferner, dass die Prädiktoren von Gewalt in ähnlicher Ausprägung für Drogenkonsum, Delinquenz und schulische Probleme bereitstehen. (Ebd.:190) Abschließend ist erwähnenswert, dass Mitglieder gewaltbereiter Jugendgruppen selbstverständlich häufiger in Konfliktsituationen „geraten“ als andere (ebd.:196), jedoch auch nicht-gewaltbereite Jugendliche unverhältnismäßig oft in Gewalttätigkeit verstrickt sind, sofern sie sich zu großen Anteilen ihrer freien Zeit auf öffentlichen und überwiegend nicht von Erwachsenen kontrollierten Plätzen aufhalten. (Ebd.:197) Gruppenkonformen Erscheinungsformen (Auftreten, Kleidung etc.) wird gewaltförderliches Potential zugeschrieben. (Ebd.)

Das Jugendliche, die institutionell angebunden sind, ganz pragmatisch betrachtet weniger Zeit „totschlagen“ müssen und mittels lernender Beschäftigung dazu noch die Möglichkeit zum Aufbau von Selbstbewusstsein und zur Selbstwertsteigerung haben, soll nun in dem Bereich Arbeit und Bildung Beachtung finden.

2.3.3 Arbeit und Bildung

Bevor die spezifische Situation von jungen Menschen beschrieben wird, erscheint es sinnvoll, die Verortung von Arbeit und Arbeitslosigkeit im gesamtgesellschaftlichen Kontext zu beleuchten. Allgemein ist davon auszugehen, dass Erwerbstätigkeit für den größten Teil der Bevölkerung die Teilhabe am gesellschaftlichen Wohlstand nicht garantiert, in individuellen Grenzen jedoch ermöglicht. (Vgl. Beck 1986:244, Adamy/Hanesch 1990:161 und Voges et al. 2003 :121) Dieses Bedingungsgefüge fördert die individuelle Abhängigkeit vom Arbeitsmarkt um die Sicherung der Lebensgrundlage zu gewährleisten. (Vgl. Beck 1986: 211 ff.)

Des weiteren ist die sozialpsychische Komponente der produktiven Teilhabe lt. Weisser „nicht nur wegen der Nützlichkeit der Produkte oder ihrer Gegenwerte geschätzt“. (1971:110) Insbesondere das Selbstbewusstsein, das sich aus dem Gefühl ein aktives Mitglied der Gesellschaft zu sein ergibt und infolge der Selbstverantwortung bzw. gegebenenfalls Mitverantwortung in Arbeitsprozessen wächst oder auch abnimmt, ist von entscheidender Bedeutung für die psychische Entwicklung und Gesundheit. (Vgl. ebd.:111 und Mayer/Wagner 1997:252[150] )

Erschwerend wirken sich für die potentiellen Arbeitskräfte die kontinuierlich steigenden Bildungsanforderungen für die Aufnahme von Ausbildung und Beschäftigung aus, durch die bisherige Bildungsabschlüsse partiell entwertet werden.[151] (Vgl. Beck 1986:244, Hanesch 1990:196 und Geißler 1990:92[152] ) Je ungünstiger die persönlichen Ausgangsbedingungen[153] sind, umso größer das Risiko keinen Arbeitsplatz oder nur schlechtbezahlte Arbeiten zu finden, arbeitslos zu werden oder zu bleiben. (Vgl. Adamy/Hanesch 1990:161) In der Folge kann neben den persönlich-individuellen Voraussetzungen die Dauer der Arbeitslosigkeit als eigenständiges Vermittlungshemmnis in Erscheinung treten.[154] (Vgl. Voges et al. 2003:123)

Dies ist bei jungen Menschen, denen aufgrund defizitärer Ausgangsbedingungen der Eingang in die Arbeitswelt gar nicht erst geglückt ist, als besonders schwerwiegende Benachteiligung anzusehen, da sie nicht in der Lage sind, sich wirtschaftlich zu verselbstständigen und demzufolge dauerhaft in der ehemals zeitlich begrenzt angelegten Übergangsphase „Jugend“ verharren. (Vgl. Walther 1996:10 ff.) Einen Überblick über die „Größenordnung“ dieser Gruppierung der bis 20-Jährigen ohne Berufsausbildung vermittelt der Berufsbildungsbericht 2005 und die Informationen daraus beinhaltende tabellarische Darstellung 2.3.3.1 . ( BMBF 2005:556)[155]

Tabelle 2.3.3.1:

Entwicklung der „Ungelerntenquote“ bei ausländischen und deutschen sowie bei weiblichen und männlichen Jugendlichen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die diesbezüglich eingesetzten berufsvorbereitenden Sonder- und Sofortmaßnahmen haben nach Hanesch größtenteils „primär die Funktion von Warteschleifen“ und begründen eher „Maßnahmekarrieren“, die die Jugendlichen und jungen Erwachsenen letztendlich in „ungelernte Erwerbstätigkeit oder Erwerbslosigkeit aussteuern.“[156] (Vgl. Hanesch 1990:190 und Richter 2004:16) Die Jugendberufshilfe steckt diesbezüglich in einem „Orientierungsdilemma“, da sie aufgrund der konstant hohen Arbeitslosigkeit den Übergang Schule/Beruf nicht mehr gewährleisten kann und somit für eine „Erwerbsgesellschaft ohne Erwerbsarbeit“ qualifiziert. (Vgl. Richter 2004:13)

Dementsprechend sind im Lebensbereich „Arbeit und Bildung“ von Jugendlichen und jungen Erwachsenen die schulische Karriere, die Inanspruchnahme von Weiterbildungsmöglichkeiten und der Übergang „Schule/Beruf“ von entscheidender Bedeutung.[157] Die dehnbare Auslegung von „Jugend“ ermöglicht für Jugendliche mittels längerer und besserer Schulausbildung sowie einer somit „gestreckten Jugendphase“, einen größeren Qualifikationserwerb und infolge dessen „gesteigerte Lebenschancen“. (Münchmeier 2004:79 und vgl. Schott-Winterer 1990:60)

Jugendliche, denen die Bewältigung der schulischen Anforderung misslingt und die demzufolge eine eher „gestauchte Jugendphase“ durchleben, sehen sich im gesellschaftlichen Vergleich deutlich reduzierten beruflichen und sozialen Handlungsspielräumen sowie der Bedrohung gesellschaftlicher Marginalisierung ausgeliefert. (Vgl. Hanesch 1990:185, Butterwegge et al. 2003a:211 und Münchmeier 2004:72)

[...]


[1] Schwerpunktbereiche: Basisdaten, Wohnverhältnisse, Bildung und Beschäftigung, Konsumverhalten (auch Ernährungsgewohnheiten), Sozialisation und Freizeitverhalten, Gefühlslagen und Körperempfinden, Gesundheitsempfinden und -verhalten

[2] Unter gematchtem Studiendesign ist zu verstehen, dass die Stichprobe aus bzgl. relevanter Kriterien vergleichbaren Paaren zusammengestellt wird.

[3] Vgl. Raithel 2004:7 und Richter 2005:10

[4] Vgl. Pinquardt M., Silbereisen K. 2004:63 und Raithel 2004a:10

[5] Das relevante Krankheitspanorama hat sich in den letzten Jahrzehnten von akuten Infektionskrankheiten zu chronischen Erkrankungen, psychosomatischen Krankheiten und emotionalen Befindlichkeitsstörungen verlagert. (Hierzu Richter 2003:9)

[6] Die Beschreibung der gesundheitlichen Lage der Bevölkerung erfolgt üblicherweise anhand von Indikatoren wie Lebenserwartung, Säuglingssterblichkeit und Mortalitätsraten, die wiederum Gesundheitsstatistiken entnommen werden. Mit den Merkmalen Verbreitung von Krankheiten und Häufigkeit, mit der Krankheitsfolgen auftreten, wird versucht den Gesundheitszustand der jeweiligen Population zu beschreiben.

[7] Vgl. Statistisches Bundesamt 1998, Ravens-Sieberer et al. 2003:19 und Richter 2003:10.

Die Relevanz der persönlichen Einschätzung konnte auch für Kinder und Jugendliche in Untersuchungen nachgewiesen werden. (Vgl. Ravens-Sieberer et al. 2003:19 und Schubert I., Horch K. et al. 2004:54)

[8] Health Behaviour of School Children www.hbsc-germany.de (letzter Zugriff 06.03.05) und

Kinder- und Jugendgesundheitssurvey www.kiggs.de (letzter Zugriff 06.03.05)

[9] Einschub durch d. Autor

[10] Nach dem Motto: Wer Interesse hat, kann zu uns kommen!

[11] In diesem Zusammenhang ist Compliance als wohlwollendes Einverständnis zu verstehen.

[12] Vgl. Schubert I., Horch K. et al. 2004:34 und Raithel 2004:7

[13] Beispiel: Eine Hilfskraft im Gastronomiebereich (18 J.) ohne Schulabschluss in Berlin-Zehlendorf ist in seiner Lebenswelt potentiell von anderen psychosozialen Einflüssen tangiert als ein Arbeitsloser (18 J.) ohne Schulabschluss in Berlin-Friedrichshain.

[14] Berücksichtigt wurden die Arbeitslosigkeitsrate, der Ausländeranteil sowie der Bevölkerungsanteil von Empfängern staatlicher Transferleistungen in den relevanten Teilen der Bezirke.

[15] Die Erstellung erfolgte in Kooperation mit der Senatsverwaltung Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz des Landes Berlin.

[16] Anmerkung: Die Erwähnung der „Gesundheitsbezogenheit“ im Titel überspitzt den Fokus des Interesses, da im ganzheitlichen Verständnis m.E. alle im sozialwissenschaftlichen Diskurs behandelten Lebenslagen als für die Gesundheit relevant anzusehen sind.

[17] Sprich: die Konsequenzen ihres Risikoverhaltens

[18] Health Behaviour in School-aged Children

[19] Bundesweiter Kinder- und Jugendsurvey - Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen

[20] Nordrhein-Westfalen, Hessen, Sachsen, Berlin

[21] Berücksichtigt wurden alle regulären Schulformen [keine Sonderschulen (Hierzu Richter 2005:270)] bei zufälliger Auswahl der Schulen. (Ebd.:14)

[22] Nach Vorlage der schriftlichen Einverständniserklärung der Eltern. (Ebd.:15)

[23] Die Angaben beruhen auf eigener Auszählung (Fragebogen über www.hbsc.org angefordert).

[24] In geschlossenen Unterbringungsformen wie Strafvollzug und Pflegeeinrichtungen etc..

[25] Beispielsweise geringere Teilnahmebereitschaft in bildungsferneren und sozialschwächeren Schichten.

[26] Aufgrund von schwächerer Kontinuität bzgl. der Konzentrationsfähigkeit.

[27] Vorstellbar sind beispielsweise differierende Ausgangsbedingungen von Hauptschulen in Berlin-Zehlendorf und Berlin-Neukölln.

[28] Norm- und Referenzwerten

[29] Siehe Kritik an HBSC-Studie

[30] Angaben beziehen sich auf www.kiggs.de, Kurth et al. 2002 und Lampert et al. 2002

[31] Standardisierter Fragebogen mit weitgehend vorgegebenen Antwortmöglichkeiten

[32] Sozialraum Elsenstraße liegt im nördlichen Teil der Berliner Bezirke Neukölln und Treptow-Köpenick

[33] Arbeitslosigkeit, Ausländeranteil und Bevölkerungsanteil von Empfängern staatlicher Transferleistungen

[34] Warum es im Rahmen dieser Arbeit für nötig erachtet wurde den zu untersuchenden Sozialraum bezirksgrenzenübergreifend eigenmächtig festzulegen, wird unter den Gliederungspunkten 4.1.3 und 4.1.4 dargelegt.

[35] Mit besonderen Bedarfsgruppen sind beispielsweise Jugendliche gemeint, bei denen bedingt durch Kumulation von Risikofaktoren besonders benachteiligende Lebensumstände bestehen.

[36] Unter anderem werden im Kapitel 2.3 die Bereiche Familie, Haushaltsfinanzierung, Wohnsituation, Bildung/Ausbildung/Arbeit und Peergroup im Hinblick auf gesundheitsförderliche sowie -abträgliche Potentiale im Rahmen eines Literaturreviews beleuchtet und im Rahmen der Erhebung zielgruppenspezifisch erfasst.

[37] Protektiv ist hier bzgl. der Faktoren nicht im Sinne von Risikomeidung, sondern im Sinne von Effektminderung bzw. -verhinderung bzgl. der Faktoren gemeint. (Vgl. Siegrist 2003:141)

[38] 1965 besuchten 82 % aller Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 18 Jahren nicht mehr die Schule. Von den Jugendlichen waren 40 % in einem Ausbildungsverhältnis und 42 % befanden sich in Erwerbsarbeit. Im Jahr 2000 besuchten 76 % der Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 18 Jahren eine schulische Institution, lediglich 24 % befanden sich in einem Ausbildungsverhältnis und 0,5 % aller Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren waren bereits erwerbstätig. (Sh. Braun 2004)

[39] Laut Münchmeier verschieben sich die erzieherischen Ziele der Eltern mehr und mehr in Richtung „Selbstständigkeit/freier Wille“ des zu erziehenden Kindes, so dass er von der „Parentalisierung der Kindheit“ (hierzu 2004:81) spricht und mutmaßt, dass entsprechendes Elternverhalten diesbezüglich über liberales Ansinnen (aus eigenem Interesse – Vermutung d. Verf.) hinausgeht. (Sh. ebd.:82)

[40] „Noch in den 50er und 60er Jahren war die Jugendphase viel einheitlicher...Mit der juristischen Volljährigkeit (bis 1973 lag sie bei 21 Jahren) endete in vielen Fällen auch die Ausbildungsphase, und die eigene Familie wurde gegründet. Damit dauerte die „Übergangsphase Jugend“ von der Kindheit in die Erwachsenenwelt zwischen sechs und acht Jahren.“ (Richter 2005:56 – Hervorhebung im Original)

[41] Beginn und Ende der Pubertät [nach Rasse und Individuum variieren Akzeleration (Frühreifung) und Retardation (Spätreifung) erheblich] (vgl. Oerter 1987:271), sonstige Entwicklungsaufgaben der Jugendphase (Ende der schulischen und beruflichen Ausbildung, Abnabelung vom Elternhaus, Identitätsfindung, Entwicklung angemessenen geschlechtlichen Rollenverhalten etc.) (Hierzu Oerter 1987:276 ff. und Richter 2005:55 ff., Raithel 2004:17)

[42] Als „Jugendlich“ gilt im Allgemeinen Recht die Altersspanne zwischen 14 und 18 Jahren, im Jugendgerichtsgesetz dieselbe allerdings durch die Kategorie „Heranwachsend“ (18-21 Jahre) ergänzt, während im Adoptions- und Wahlrecht die Spanne 14-25 Jahre und im Jugendrecht 14-21 Jahre mit der Option weiterführender Leistungen für „Junge Menschen“ bis 27 Jahre definiert wird. In der Jugendsoziologie wird die Alterspanne von 12-25 Jahren angelegt, während von der UN-Generalversammlung Personen zwischen 15 und 24 Jahren als „Jugendlich“ gelten (zusätzlich aber 13-19Jährige als „Teenager“ und 20-24Jährige als „Junge Erwachsene“ definiert werden). (Vgl. Richter 2005:57)

[43] Für mögliche Altersvariationen aufgrund von Rasse und Individuum s.o.. Das Menarchealter (Phase der ersten Menstruation) junger Frauen gilt als aussagekräftiges Kriterium um Veränderungen im Zeitpunkt der Geschlechtsreife über die Zeit zu beobachten. (Vgl. Ravens-Sieberer et al. 2003:36) Durchschnittlich tritt die Menarche (rund vier Jahre früher ein als vor 100 Jahren. (Hierzu Braun et al. 2002 und Ravens-Sieberer 2003:37)

[44] Für die Einschätzung potentieller Bedingungen aufgrund längerer Ausbildungsphasen sh. Gliederungspunkt 2.3.3.

[45] Männliche Jugendliche erreichen mit 18-20 Jahren ihre „Endlänge“, weibliche mit 16-18 Jahren.

[46] Dementsprechend sind therapeutische Überlegungen, die sich auf BMI (Body-Maß-Index: Einheit zur Bestimmung von Unter-, Normal- und Übergewicht) oder ähnliche Referenzkategorien beziehen, im Kindes- und Jugendalter umstritten. (Vgl. Trautner/Berger 2003:101)

[47] Dementsprechend werden manche blonden Jugendlichen, die geringen Muskelzuwachs und einen zarten „Oberlippenflaum“ als Zeichen ihrer körperlichen Reife tragen, mit Anfang 20 noch nach ihrem Volljährigkeitsnachweis gefragt, während z.B. „südländisch“ wirkende, körperlich entwickelte junge „Männer“ bereits mit 15 Jahren „schnauzbärtig“ jede Alterskontrolle unbehelligt passieren.

[48] Frühreif Entwickelte

[49] Spät bzw. verzögert Entwickelte

[50] Vergleiche Oerter 1987:270 und Vogt 2003:126

[51] Von Ärzten großzügig verschrieben oder auf Anraten ihrer Freundinnen in Selbstmedikation (hierzu Vogt 2003:126)

[52] Unbewusster Samenerguss im Schlaf, der „Spuren“ im Bett hinterlässt und Schamgefühle auslösen kann.

[53] Je nach Ausprägung kann es auch Geschlechtsidentität begünstigende Gefühle auslösen.

[54] Siehe Fußnote 53.

[55] Selbstwirksamkeitsüberzeugung bezieht sich auf Selbstwirksamkeits- bzw. Kompetenzerwartung und bezeichnet das Vertrauen in eigene Fähigkeiten sowie ein Verhalten selbst adäquat ausführen zu können. (Hierzu Hornung 1997:31)

[56] „Lebenskompetenz kann gesehen werden als „Selection of Competencies“, also Schlüsselkompetenzen für ein erfolgreiches Leben und ein Zurechtkommen in der Gesellschaft. Drei Schlüsselkompetenzen: Acting autonomously, d.h. frei und selbstständig handeln zu können; Using tools interactively, d.h. Mittel und Werkzeuge, Ressourcen interaktionell, also im Austausch mit anderen nutzen können; Functioning in socially heterogenious groups, also in heterogen zusammengesetzten Gruppen zurecht kommen können“ (Münchmeier 2004:85 – Hervorhebung im Original)

[57] Münchmeier spricht von „Selbstwirksamkeitsüberzeugung“ als eine „Lebenskompetenz“. Unterstützende Ressource für die „Lebenskompetenz“ ist das „elterliche Stützsystem“. „Lebenskompetenz“ ist abgeleitet von der „Selection of Competencies“ der Bildungsabteilung der OECD , die in einem Grundsatzpapier drei Schlüsselkompetenzen formulierte: Acting autonomously (frei und selbstständig handeln können); Using tools interactively (Mittel, Werkzeuge und Ressourcen interaktionell im Austausch mit anderen nutzen können); Functioning in socially heterogenious groups (in heterogen zusammengesetzten Gruppen zurecht kommen) (OECD 2003)

[58] Die Zweideutigkeit wirkt polemisch, entbehrt jedoch m.E. aus aktuellem Anlass nicht der sprach-logischen Grundlage.

[59] Prägende Verhaltensweisen einer „Subkultur“ sind nicht nur konform oder deviant im gesellschaftlichen Kontext, sondern einerseits die Normen der Gesellschaft verletzend, brechend oder mindestens provozierend, innerhalb der Subkultur jedoch gefördert, wenn nicht sogar erwartet. (Vgl. Lamnek 1999:250, Bourdieu 1982:155 und „Konformitätsdruck und soziale Kontrolle“ bei Schäfers 1994:46ff.)

[60] Bezüglich „erfolgloser Nachfrager“ von Ausbildungsplätzen lag der Anteil der über 21-Jährigen 2004 bei 25%. (Vgl. BMBF 2005:70)

[61] „Abschnitt“ als Terminus lässt klare Grenzen für Beginn und Ende vermuten, was sich in Bezug auf „Jugend“ jedoch wie obig beschrieben als schwierig erweist und hier folglich eher fließende Grenzen gemeint sind.

[62] Ein theoretisches und praktisches Programm mit bestimmter Sicht auf die Wirklichkeit (beruht auf der Grundüberzeugung: das politische, geistige, kulturelle und sonstige Leben der Gesellschaften werde „bestimmt“ von den ihm zugrunde liegenden ökonomischen Strukturen und Verhältnissen, über das es sich reproduziert), durch K. Marx als nicht abgeschlossenes System im 19. Jahrhundert begründet (hierzu Fritsche 1996:20, Göhler/Roth 1998:406, Sperlich/Mielck 2000:28 und Burzan 2004:15) und in der Folge modifiziert durch u.a. Weber , Geiger und Dahrendorf bis ca. 1980 und ab 1980 u.a. durch Bourdieu und Kreckel . (Hierzu Husi/Meier Kressig 1998:206ff., Schwenk 1999:15ff., Schäfers 2002:234 und Burzan 2004:13ff.)

[63] Setzten sich in Deutschland in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg in den Sozialwissenschaften und der Bevölkerung durch, da es zu einer modernen Demokratie als zugehörig gesehen wurde und half die eigene Gesellschaft nicht mehr als klassengespalten sondern als fortschrittlich zu empfinden. (Vgl. Schäfers 2002:235) Entscheidend ausformuliert und geprägt bis ca. 1980 u.a. von Weber , Parsons , Warner , Scheuch , Dahrendorf und Schelsky sowie ab 1980 u.a. von Geißler . (Hierzu Husi/Meier Kressig 1998, Schwenk 1999:15ff., Sperlich/Mielck 2000:28, Hradil 2001:40ff., Schäfers 2002:233ff. und Burzan 2004:13)

[64] In der Vergangenheit wurden in der sozialwissenschaftlichen Diskussion hauptsächlich die klassischen Indikatoren Ausbildung , Beruf und Einkommen für die Beschreibung sozialer Ungleichheit angelegt. Mit der Entwicklung der Lagemodelle wurde ermöglicht u.a. Geschlecht, Alter, Familiengröße, Wohnort, Generation, und Nationalität als ergänzende Perspektiven in den Fokus des sozialwissenschaftlichen Interesses zu nehmen. (Vgl. hierzu Hradil 2001:) Zu finden als Terminus ohne konzeptionellen Hintergrund bei F. Engels und M. Weber . Bis ca. 1960 als theoretische Begrifflichkeit durch O. Neurath und G. Weisser begründet. Ab ca. 1980 mit Ideen und Vorschlägen zur praktischen Anwendung unterschiedlichst geprägt durch u.a. Nahnsen , Hradil , Wendt und Schwenk . (Hierzu Husi/Meier Kressig 1998:258ff., Schwenk 1999:33ff., Schäfers 2002:238, Burzan 2004:13 und Butterwegge et al. 2005:110ff.)

[65] Geißler verdeutlicht diesen Umstand mit dem Zugang zu Massenkommunikationsmedien (Fernsehen etc.), der für jeden frei sei, Untersuchungen zufolge jedoch schon bzgl. der Konsumintensität klare Schichtzugehörigkeiten verdeutliche und somit die Schichtgrenzen lediglich oberflächlich in Frage gestellt seien. (Hierzu 1990:97)

[66] Und damit über Handlungsoptionen

[67] So z.B. Politik, Recht, Religion und Kultur (Hierzu Burzan 2004:16)

[68] Göhler/Roth 1998:407

[69] Kontinuierliche Schaffung von (Mehr-)Wert (Hierzu Heidt 1998:395)

[70] Bezüglich der durchklingenden Gewaltbereitschaft ist insbesondere hier der historische Kontext zu berücksichtigen: Es wurde von Vertretern des dezisionistischen (Eigenes Wollen bestimmt das Handeln – Entscheidungen sind zu treffen ohne sie weiterer Kritik zugänglich zu machen) Konservatismus gefordert und dazu aufgerufen der emanzipatorischen Bewegung des Proletariats mit aller nötigen Staatsgewalt zu begegnen, um den „alles zerstörenden“ Sozialismus zu vermeiden. (Vgl. Fritsche 1998a:279)

[71] Die Klassentheorie geht in dieser Entwicklungsphase hauptsächlich auf K. Marx zurück. (Vgl. Burzan 2004:14)

[72] Dienstleistungssektor und sonstige Angestellte als mittlere Klasse

[73] Modell geht hauptsächlich auf Weber zurück. (Hierzu Sperlich/Mielck 2000:28 und Burzan 2004:20ff.)

[74] Mit „Ständen“ sind z.B. Berufsstände und andere Positionen gemeint, die die Grundlage für gesellschaftliche Achtung darstellen. Da Stände auch Ausdruck einer gewissen Lebensführung darstellen und nicht zwingend Angehörige unterschiedlicher Klassenlagen ausschließen, sieht Burzan hierin die Berücksichtigung einer subjektiven Komponente. In Parteien sind institutionalisierte Interessensgruppen zu sehen. Allerdings wird diese Dimension der gesellschaftlichen Achtung erst in folgenden Schichtmodellen unter dem Begriff „Prestige“ definitorisch genauer ausformuliert. (Vgl. Burzan 2004:24ff.) Hradil führt dagegen an, das Stände und Parteien zusätzlich zur ökonomischen nun die soziale und politische Dimension sozialer Ungleichheit repräsentieren, die sich aus gleichen Wurzeln speise. (Vgl. Hradil 2001:60)

[75] Burzan 2004:21

[76] Unternehmer (z.B. Händler) bzw. Arbeiter (ebd.:21)

[77] Hier ist lt. Burzan weniger an Aufstiegschancen für Proletarier gedacht als an moderate Mobilität innerhalb der sozialen Klassen. (Vgl. ebd.:72)

[78] Mit Vertikal wird im allgemeinen eine hierarchische Ordnung (bezogen auf Einkommen, Beruf, Bildung) von oben nach unten (sowie umgekehrt) beschrieben, während unter Horizontal z.B. regionale, biographische Disparitäten oder ungleiche Wohn- und Freizeitbedingungen (auch Verhaltensweisen) innerhalb einer Klasse bzw. Schicht sowie über Schicht- und Klassengrenzen hinweg verstanden werden. (Vgl. Hradil 2001:363 und Mielck 2000:18)

[79] Spannend, aber aufgrund der thematischen Entfernung nur anzureißende Umstand, ist hierbei auch der Wandel in der damaligen Philosophie der Sozialpolitik vom o.g. dezisionistischen zum christlich geprägten sozialen Konservatismus , der zwar Klassenkampf und Emanzipation des Proletariats als nicht gesellschaftstauglich ansah, aber für eine Gesellschaft eintrat, innerhalb derer niemand hungern sollte. (Vgl. Fritsche 1998a:280)

[80] Insgesamt eine recht kontinuierliche Entwicklung mit Unterbrechung durch die Nazi-Herrschaft, denen die Analyse sozialstruktureller Differenzierungen und sozialer Ungleichheiten ideologisch nicht ins Konzept der „Volksgemeinschaft“ passte. (Vgl. Fritsche 1998b:331ff. und Hradil 2001:41)

[81] Insbesondere Bildung/Qualifikation, Einkommen , und beruflicher Status/Arbeitsbedingungen (Hierzu Mielck 2000:18 und Hradil 2001:40)

[82] Diese Theorie ist aufgrund ihrer ökonomischen Betonung in der Nähe des differenzierten Klassenmodells einzuordnen. (Vgl. Hradil 2001:41 und Burzan 2004:27ff. in Bezug auf Hradil )

[83] Genannt werden als Beispiele für Prestige-Bewertungen: „Heirats- und Verkehrskreise“ (Hradil 2001:41) aber auch „Autorität und Macht“ (Burzan 2004:40ff.)

[84] Berufe mit ähnlich großem Ansehen begründeten die Schichtzugehörigkeit der Menschen. (Vgl. Hradil 2001)

[85] Die im voraus beschriebenen Ansätze sind aufgrund umfangreicher Bewertungsskalen sehr arbeitsintensiv konstruiert. Unter anderem darin wird ein Grund für die Orientierung hin zu den eher auf Forschungspragmatik ausgerichteten Berufsprestige-Modellen gesehen. (Vgl. Schwenk 1999:17)

[86] Unter Soziallage wurden Lebensstandard, Chancen und Risiken sowie Privilegien und Diskriminationen gefasst. (Hierzu Geißler 1994:9)

[87] Darunter wird das Verhältnis zu den Produktionsmitteln, der beruflichen Stellung sowie dem Ausbildungsabschluss verstanden. Ferner beeinflussen die Determinanten die Soziallage in dieser Modellannahme erheblich. (Sh. ebd.)

[88] Aufgrund der ähnlichen Lebensumstände entwickeln die Schichtangehörigen ausdrücklich nicht gleiche sondern typische Schichtmentalitäten. (Sh. ebd.)

[89] Ferner mutmaßt Geißler in Reaktion auf die massive Kritik an Schichtmodellen polemisch, dass es bei den Vertretern der „neuen“ Ansätze ( Beck, Hradil etc. mit „Individualisierung, Pluralisierung, Differenzierung“ etc.) nicht zu einer Perspektivenerweiterung für die Erforschung sozialer Ungleichheit im Sinne einer gesellschaftskritischen Haltung sondern zu einem Perspektivenwechsel in Richtung „Beschreibung der bunten und dynamischen Vielfalt der Lebensbedingungen“ kommt. (Vgl. ebd.:15)

[90] „Lebenschancen sind Chancen auf die Verwirklichung von Lebenszielen, die in einer Gesellschaft im allgemeinen als erstrebenswert angesehen werden.“ (Geißler 1994:4)

[91] Alle nicht (mehr oder noch nicht) Berufstätigen (Jugendliche, Studenten, Hausfrauen, Rentner etc.)

[92] Dabei bleiben Unterschiede in der Bedeutung von z.B. Macht und Prestige oder infrastrukturellen Begebenheiten für einzelne Personengruppen unberücksichtigt. Wahrscheinlich haben junge Eltern ein größeres Interesse an Kindergärten als andere und möglicherweise ist Macht und Prestige für Pensionäre nicht mehr oder auf andere Art wichtig als für Jüngere.

[93] Als Beispiel kann man die Wertschätzung von Gold nehmen: Das Volk der Inkas betrachteten es als „normales“ Metall (in Ermangelung der Verwendung und aufgrund des Bestandes im Überfluss) während es für die spanischen Eroberer dem wertvollsten Gut gleichzusetzen war (demzufolge sie bereit waren ihr Leben dafür einzusetzen). (Vgl. Landes 1999)

[94] Z.B. Lohnstufen, die ans Dienstalter oder Leistungen gekoppelt sind.

[95] Mit „vertikal“ wird eine gesellschaftliche Unterteilung beschrieben, die die Bevölkerung anhand von den klassischen Indikatoren (Bildung, Beruf, Einkommen/Vermögen) klar und streng hierarchisch kategorisiert. Für die Untersuchungen wurden die oben beschriebenen Klassen- und Schichtmodelle in verschiedenen Variationen angelegt.

[96] Beziehen sich auf Bestimmungsgründe (z.B. Arbeitslosigkeit oder Rentnerstatus), von denen Lebensbedingungen einzelner gesellschaftlicher Gruppen abgeleitet werden.

[97] Einbezug ökonomischer wie nicht-ökonomische Dimensionen (Vgl. Voges 2003:39)

[98] Beeinflusst durch den zeitgenössischen technisch-ökonomischen Fortschrittglauben. (Hierzu Voges 2003:38)

[99] Somit ist „Lebenslage“ sowohl Explanandum (Lebenslage als ein zu erklärender Sachverhalt) als auch Explanans (Lebenslage als eine erklärende Bedingung). (Hierzu Voges 2003:50)

[100] Zu Weisser muss leider erwähnt werden, dass Originalliteratur sehr spärlich verfügbar ist, da er überwiegend unveröffentlichte Aufsätze, Vorlesungen und sonstige Manuskripte verfasste.

[101] Unter „Spielraum“ versteht Weisser die Möglichkeiten eines Menschen in den verschiedenen Lebensbereichen zur Befriedigung der Gesamtheit seiner materiellen und immateriellen Interessen frei entscheiden zu können. (Vgl. Nahnsen1979:101) Weisser beschreibt, dass der Mensch den Sinn seines Lebens nur in „freier Selbstverantwortung“ verwirklichen kann, betont aber, dass die Chancen hierfür in der Gesellschaft höchst ungleich verteilt sind. (Vgl. Weisser 1971:110f.)

[102] Die Summe der Chancen einer Lebenslage sind dann „Lebensgesamtchancen“. (Hierzu Voges 2003:42)

[103] Unter „Sozialer Lage“ versteht Wendt die Lebenslage größerer Gruppen unter Vernachlässigung psychosozialer Bedingungen. (Hierzu Wendt 1986:142)

[104] Oder werden produziert

[105] „Als Arme gelten nach einer in der EU verwandten Definition der relativen Einkommensarmut solche Personen, die nur über 50% oder weniger dieses Äquivalenzeinkommens verfügen. Die Armutsgrenze liegt also in Berlin für sie bei 606 EUR.“ (Meinlschmidt et al. 2004:104)

[106] Zusätzlich zum Haushaltsvorstand (jetzt: Bezugsperson) im Haushalt lebende Menschen gehen im Alter von 15 und mehr Jahren mit einem Bedarfsgewicht von 0,7 (424 EUR) und darunter mit einem Bedarfsgewicht von 0,5 (303 EUR) in die Berechnungen ein. (Ebd.:104)

[107] Beispielsweise finden sich bei Pott/Lehmann die Aufzählung von Unterversorgung in verschiedenen Lebensbereichen wie Arbeit/Beruf, Bildung und Wohnen , die subjektive oder milieubezogene Armutseinschätzung sowie sozial-emotionale Defizite. ( 2002:976)

[108] SGB = Sozialgesetzbuch; SGB II = Arbeitsförderung; SGB III = Jugendberufshilfe; SGB VIII = Kinder- und Jugendhilfegesetz

[109] „Mit Persönlichkeit wird das einem Menschen spezifisch organisierte Gefüge von Merkmalen, Eigenschaften, Einstellungen und Handlungskompetenzen bezeichnet, das sich auf der Grundlage der biologischen Ausstattung als Ergebnis der Bewältigung von Lebensaufgaben lebensgeschichtlich ergibt. Als Persönlichkeitsentwicklung lässt sich entsprechend die Veränderung wesentlicher Elemente dieses Gefüges im Verlauf des Lebens beschreiben.“ (Hurrelmann 2002:12 – Hervorhebung im Original)

[110] Bezogen auf die erwähnte Bedeutung des Arbeitplatzes ist die Zeit (1987) zu berücksichtigen, in der der Übergang Schule/Berufsausbildung für den Großteil der Schulabgänger relativ unproblematisch und zeitnah bewerkstelligt werden konnte.

[111] „Sozialisationsinstanzen richten sich an Kinder und Jugendliche, um die Grundstrukturen der Persönlichkeitsentwicklung zu festigen und Basiskompetenzen zu etablieren.“ (Hurrelmann 2002:15)

[112] Vom gesetzlichen Anspruch aus ist es in dieser Richtung zu deuten – die institutionelle und gesellschaftliche Umsetzung jedoch lässt hier m.E. erheblichen Spielraum, da „Fernbleiben“ nicht effektiv sanktioniert und damit vermieden wird.

[113] Dies ist lt. Bourdieu als Ausdruck spezifischer „Herrschaftseffekte zu deuten. (Vgl. 1982:155)

[114] Volljährige stellen auch im Schülerstatus seit Anfang 2005 einen eigenen Antrag auf Arbeitslosengeld II.

[115] Der Erwerb bzw. die alternative Beschaffung von Produkten (Markenkleidung, Handy, Gameboy etc.) verschafft der Einzelperson in der konsumorientierten Jugendphase Anerkennung und Achtung innerhalb der Peer-Group. (Vgl. Voges et al. 2003:132 und Butterwegge et al. 2003a :262)

[116] Hierzu auch Oerter (1987:314), der unter Bezugnahme auf Marx beschreibt, das in warenproduzierenden Gesellschaften zwischenmenschliche Kontakte hauptsächlich oder ausschließlich über Waren hergestellt werden und diese dementsprechend der Entfremdung dienen.

[117] Der Terminus Verwirklichungschancen ist von gesellschaftlichen Handlungs- und Entscheidungsfreiheiten (z.B. Gesetzen) sowie individuellen und sozialen Umständen abhängig. Letztendlich bezieht sich der Begriff auf den Umfang der Möglichkeiten, in dem einzelne Menschen ihr Leben genau so führen können, wie sie es anhand „guter Gründe“ wollen. (Vgl. Sen 2005:28ff.)

[118] Hierbei sind insbesondere die leichte Verfügbarkeit von Dispositionskrediten, das Abschließen von Handy-Verträgen und das mögliche Eingehen von Ratenzahlungsvereinbarungen zu berücksichtigen.

[119] Selbstwirksamkeitsüberzeugung bezieht sich auf Selbstwirksamkeits- bzw. Kompetenzerwartung und bezeichnet das Vertrauen in eigene Fähigkeiten, ein Verhalten selbst adäquat ausführen zu können. (Hierzu Hornung 1997:31)

[120] „Lebenskompetenz kann gesehen werden als „Selection of Competencies“, also Schlüsselkompetenzen für ein erfolgreiches Leben und ein Zurechtkommen in der Gesellschaft. Drei Schlüsselkompetenzen: Acting autonomously, d.h. frei und selbstständig handeln zu können; Using tools interactively , d.h. Mittel und Werkzeuge, Ressourcen interaktionell , also im Austausch mit anderen nutzen können; Functioning in socially heterogenious groups , also in heterogen zusammengesetzten Gruppen zurecht kommen können“ (Münchmeier 2004:85 – Hervorhebung im Original)

[121] Unter Selbstkonzept lassen sich interne Selbstmodelle auffassen, die das betreffende Individuum darstellen. Unterschieden werden als Bestandteile die kognitive Komponente, die sowohl das Wissen wie auch die Wahrnehmung von sich selbst beinhaltet (als entscheidend gilt hierbei, wie man eigene Fähigkeiten gegenwärtig und zukünftig einschätzt) und die affektive Komponente, die u.a. als Selbstwert- bzw. Minderwertigkeitsgefühl sowie als Selbstvertrauen erfasst wird. (Hierzu Oerter 1987:297)

[122] So beschreibt auch die WHO dass der „überhand nehmende negative Stress, ... (die)...Wanderungsbewegungen...und...eine ausgeprägtere soziale Schichtung“ sowie „der Zerfall der Institution Familie“ zur Verschlechterung des Gesundheitszustandes beitragen. (2002:72)

[123] Hierzu auch Bourdieu , der kulturelles Kapital allerdings individuumsbezogen interpretiert und zwischen ererbtem und erworbenem kulturellem Kapital unterscheidet. (Bourdieu 1982)

[124] Und bzgl. potentieller „Folgekosten“ letztendlich im Interesse der gesamten Gesellschaft.

[125] Health Behaviour School Children (Hierzu Gliederungspunkt 1.2.1)

[126] Hierzu auch Siegrist: „Bindungssicherheit ist nicht nur von bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen der Mutter, sondern auch vom sozioemotionalen Klima abhängig. Mütter, die keinen sozialen Rückhalt in ihrer Rolle erhalten oder deren Lebenssituation in starkem Maße fremdbestimmt ist, sei es durch materielle Not oder durch Unterdrückung, sind weniger gut in der Lage, dem Kind emotionale Bindungssicherheit zu geben.“ (2002:13)

[127] Allein Erziehende sind besonders häufig von materiellen Benachteiligungen betroffen. (Vgl. Butterwegge et al. 2005:62)

[128] Unter anderem aufgrund der Doppelbelastung Familie/Beruf entstehend.

[129] Überwiegend im städtischen Kontext

[130] So konnten Butterwegge et al. in einer Ost-West vergleichenden Studie aufzeigen, dass im Durchschnitt in Erfurt 82 % der befragten Kinder und Jugendlichen über ein eigenes Zimmer verfügten, wobei in der „unteren“ Schicht 61,5% und in der „oberen“ Schicht 100 % dieses besaßen. In Köln verfügten insgesamt scheinbar weniger Kinder und Jugendliche (48 %) über eigene Zimmer, wobei sich hier (bzgl. der Verfügung über eigene Zimmer) mit dem Verhältnis in der „unteren“ (12,3 %) und „oberen“ Schicht (100 %) noch krassere Unterschiede offenbarten. (Vgl. Butterwegge et al. 2005:182) Die Schichten wurden größtenteils nach beruflichen Qualifikationen und Art der Beschäftigungsverhältnisse der Eltern konstruiert. (Anmerkung d. Verf.)

[131] Explizit zu nennen sind hier: Lärmbelästigung (vgl. SenGesSozV 2004a:296ff.), Luftverunreinigung (vgl. ebd.:295ff.) und Elektrosmog (ebd.:299ff.). Neuere Studien belegen einen Zusammenhang zwischen der Prävalenz von Bronchitissymptomen bei Kindern sowie einer verminderten Lungenfunktion bei Kindern und Erwachsenen und der Langzeitexposition gegenüber Schwebstäuben. (Hierzu WHO 2002:93)

[132] Mielck/Helmert schreiben in Bezug auf die gesundheitliche Ungleichheit den Lebensbedingungen eine größere Bedeutung zu als dem Gesundheitsverhalten. (1998:529)

[133] Wie z.B. Hauptverkehrsstraßen, Bahngleise etc.. (Vgl. Mann-Luoma 2002:954)

[134] Hierzu auch Mann-Luoma et al .: Durch fehlende Bewegungsräume bleibt die Erholung von alltäglichen Stresszuständen aus“...und kann somit...„gesundheitlichen Beeinträchtigungen Vorschub leisten.“ (2002:956)

[135] Das Fehlen des eigenen Zimmers wird als Indikator für Unterversorgung in diesem Bereich betrachtet. (Vgl. Klocke/Becker 2003:201)

[136] Machwirth stellt zusätzlich noch die „gemeinsame Teilhabe an einer gesamtgesellschaftlichen Sozialisationsgeschichte“ heraus. (1994:252)

[137] Deviante Verhaltensweisen in den Bereichen Kriminalität (Diebstahl, Gewalt, etc.), gesundheitsrelevante Verhaltensweisen (Konsum von Suchtstoffen, Sport und Bewegung, etc.), gesellschaftsspezifische Umgangsformen (Sprache, Verhaltenskodexe und -riten)

[138] Klocke/Becker betonen einschränkend, dass die beschriebenen Risiken insbesondere in Gruppen relevant sind, die nicht institutionell (Verein etc.) eingebunden sind. (2003:233)

[139] Bezüglich gesellschaftsimmanenter kultureller Konflikte vgl. auch Lamnek (1999:143), bzgl. Kontrolle vermindert nicht nur sondern erzeugt auch deviantes Verhalten vgl. ebd.:221 sowie bzgl. Drogengebrauch als Subkultur des Rückzugs (ebd.:207).

[140] Aufgrund o.g. sozialer Kontrolle sowie der Bereitschaft sich, um dazuzugehören, gruppenkonform und solidarisch zu verhalten. (Vgl. Machwirth 1994:259)

[141] Was darf man sich gefallen lassen ohne einen Ehrverlust zu erleiden? Wen muss ich diskriminieren, wen muss ich achten? Welche Gefühle kann ich zeigen oder sogar besprechen? Bin ich akzeptiert, obwohl ich nicht rauche und nicht gewaltbereit bin? (Etc.)

[142] Verbale wie nonverbale Verabredungen und angleichende persönliche Verhaltensmodifikationen dienen der Erhaltung und Stabilisierung von sozialen Gefügen. (Wobei auch Lust an gruppeninterner Auseinandersetzung und damit an „Streitkultur“ durchaus gleichen bzw. ähnlichen Interessen entsprechen kann.) Dementsprechend ist anzunehmen, dass auf Verhalten, dass den gruppenspezifisch „vereinbarten“ Werten und Normen entspricht, eher bestätigender Zuspruch aus dem Peergruppenkontext heraus als Reaktion erfolgt.

[143] Welchen Status hat „Schwänzen“ von Unterricht bzw. „Krankmachen“ in der Ausbildung? Wird man im Gruppenkontext für gute Noten als „Alleskönner“ bewundert oder als „Streber“ verachtet? Was verbessert den eigenen Leumund bei potentiellen Geschlechtspartnern: Die Bildungskarriere und der damit verbundene potentiell länger materiell begrenzende Status des Studenten oder die Hilfsarbeiterkarriere und der damit verbundene schnelle Arbeitseinstieg, der beschleunigten ökonomischen Verselbständigung mit (vorerst) im Gleichaltrigenvergleich relativ großzügigen finanziellen Möglichkeiten?

[144] Wer verträgt, kennt, traut sich am meisten? Bezüglich des „Anerkennungspotentials“ durch riskantes und gesundheitsgefährdendes Verhalten vgl. auch Laaser/Hurrelmann (2003:400).

[145] Seit 1973 führt die BzgA (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) Repräsentativerhebungen zur Drogenaffinität bei 12-25-Jährigen (bisher zehn) durch. (BzgA 2004b)

[146] 93% der Jugendlichen, die in einer Peergroup sind, in der die Mehrheit Drogen konsumiert, haben ein Angebot zum Konsum erhalten und 32% nahmen es an. Demgegenüber haben in den Freundeskreisen ohne Drogenkonsumenten 33% ein Angebot erhalten und 13% nahmen es an. (BzgA 2004b:24ff.)

[147] Von den 12-25Jährigen, denen Drogen angeboten wurden, hatten 1997 25% und 2004 36% (bei den 12-15Jährigen 54%) jemanden in ihrer Peergroup, der von dem Konsum abriet. (BzgA 2004b:24)

[148] Zum Beispiel Individualisierung, Perspektivlosigkeit und Arbeitslosigkeit etc..

[149] Beispielsweise das Imponiergehabe anderer, eine geringe soziale Kontrolle, Konformitätsdruck im Gruppenkontext sowie Beeinträchtigung der kognitiven Kontrollfähigkeit infolge übermäßigen Alkoholgenusses

[150] Mayer/Wagner beziehen sich auf alte Menschen, denen das Recht auf Arbeit abgesprochen wird und die dementsprechend in die Welt der Unproduktiven abgeschoben werden. Nach meiner Einschätzung lässt sich dieses Bild jedoch auch auf junge Menschen mit schlechten Einstiegsvoraussetzungen übertragen.

[151] Beck spricht vom „Ausschließungskriterium des Nur-Hauptschulabschlusses“, der mittlerweile eine „Einbahnstraße in die berufliche Chancenlosigkeit“ darstelle. (Hierzu 1986:245 und vgl. Gaida 2004:52) Vgl. auch berufsübergreifend durchgängige Abnahme des prozentualen Anteils der Ausbildungsanfänger mit Hauptschulabschluss 2002/2003. (BMBF 2005:549)

[152] Geißler als vehementer Vertreter von Schichtmodellen zur Beschreibung von Sozialer Ungleichheit meint, dass bzgl. der gesellschaftlichen Schichtung die Determinante Bildung stetig an Bedeutung gewinnt, während die Schichtung nach Beruf an Bedeutung verliert. (Hierzu 1990:92)

[153] Von Arbeitslosigkeit sind insbesondere ältere Arbeitnehmer, Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen, fehlender oder mangelnder Qualifikation sowie Menschen mit Migrationshintergrund (auch die 2. und 3. Generation und Aussiedler) betroffen. Gruppenübergreifend wird im Geschlechtervergleich eine größere Betroffenheit bei Frauen attestiert. (Vgl. Beck 1986:248 und Voges et al. 2003:122) Beck warnt in diesem Zusammenhang „im Falle der Auswahl formal Gleichqualifizierter“ vor einer Refeudalisierung („Renaissance ständischer Zuweisungskriterien“) in der Verteilung von Chancen und Risiken am Arbeitsmarkt, durch das Wirken von o.g. persönlichen Ausgangsbedingungen, die jenseits von Ausbildungszertifikaten liegen und sich Rechtfertigungszwängen entziehen. (Vgl. 1986:248)

[154] Die subtile Unterscheidung der Bundesagentur für Arbeit zwischen „Mehrfacharbeitslosen mit eventuell nur kurzfristigen Interimstätigkeiten“ und „klassischen Langzeitarbeitslosen“ erschwert eine realistische Einschätzung der Gruppengröße der Betroffenen. (Vgl. Voges et al. 2003:124)

[155] Fehlerteufel: Bezüglich der „ungelernten“ 20-24Jährigen wird in realen Zahlen eine Zunahme, bei der Quote jedoch eine Abnahme angegeben. (BMBF 2005:556)

[156] Richter beschreibt die „Qualifizierungsbemühungen als notorisch erfolglos“. (2004:16) Die „Gegendarstellung“ findet sich im Berufsbildungsbericht 2005 : „Von den 121.030 Teilnehmern und Teilnehmerinnen, die 2004 eine berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme (ohne spezielle Maßnahmen für behinderte Menschen) beendet haben, nahmen unmittelbar danach oder absehbar 38.380 eine Ausbildung auf, 4.916 besuchten eine berufsbildende Schule und 5.571 mündeten in eine Arbeitsstelle.“ (BMBF 2005:287) Die Quote von 31,7% Vermittlung in ein Ausbildungsverhältnis ist nicht „notorisch erfolglos“, jedoch m.E. für eine spezifisch darauf ausgerichtete Maßnahme auch nicht rühmlich. Interessant wäre eine differenzierte Darstellung der Vermittlung in den betrieblichen und überbetrieblichen Markt sowie der augenscheinlich „ausgrenzenden“ Risiken auf Seiten der Jugendlichen.

[157] Hanesch (1990:187) spricht bzgl. der Übergänge allgemeinbildende Schule zur Berufsausbildung und Ausbildung in die Erwerbsarbeit von „zwei Selektionsstufen“, die beide zusammen über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.

Details

Seiten
199
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640226023
ISBN (Buch)
9783640227471
Dateigröße
3.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v119236
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin
Note
1,0
Schlagworte
Erhebung Lebenslagen Jugendlichen Alter Jahren Sozialraum Elsenstraße

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Erhebung gesundheitsbezogener Lebenslagen - von benachteiligten Jugendlichen im Alter zwischen 14-25 Jahren im Sozialraum Elsenstraße