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Sehnsucht nach Identität. "Franziska Linkerhand" als Medium der Auseinandersetzung Brigitte Reimanns mit sich selbst

Magisterarbeit 2002 75 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

GLIEDERUNG

I. Einleitung
1. Vorwort
2. Vorgehensweise
3. Literaturlage

II. Hauptteil
1. Identität und Rollendefinition
1.1. Identität - eine Begriffsklärung
1.2. Identität und Rollenverständnis
1.2.1. Die Rolle der Frau in der DDR
1.2.2. Die Rolle des Schriftstellers in der DDR
1.2.3. Schriftstellerinnen der DDR – die wahren Feministinnen?
2. Die Frau und die Schriftstellerin Brigitte Reimann
2.1. Brigitte Reimann - ein kurzes und intensives Leben
2.2. Literatur als zweites Leben von Brigitte Reimann
3. Der Roman „Franziska Linkerhand“
3.1. Entstehungsgeschichte
3.2. Zusammenfassung
3.3. Erzählstil
4. Sehnsucht nach Identität in „Franziska Linkerhand“
4.1. Franziska Linkerhand - Brigitte Reimanns Spiegelbild?
4.1.1. Beziehung zur Arbeit
4.1.2. Erlebte Weiblichkeit und Liebesideal
4.1.3. Leben im Sozialismus
4.2. Lebenswelten
4.2.1. Die bürgerliche Familie
4.2.2. Neustadt und Hoyerswerda
4.2.3. Flucht aus Neustadt und Rückkehr
4.3. Begegnungen
4.3.1. Die Männer
4.3.1.1. Ben
4.3.1.2. Wilhelm
4.3.1.3. Professor Reger
4.3.1.4. Schafheutlin
4.3.1.5. Wolfgang Exß
4.3.2. Die Frauen
4.3.2.1. Gertrud
4.3.2.2. Sigrid, Frau Hellwig und Frau Schafheutlin
4.3.2.3. Franziskas Mutter und Großmutter

III. Resümee
1. Der unvollendete Roman – Identitätssuche ohne Erfolg?

IV. Anhang
1. Abkürzungsverzeichnis
2. Literaturverzeichnis
3. Erklärung

I. Einleitung

1. Vorwort

„Ich habe Hunger auf das Leben, ich trinke meinen Becher aus bis zur Neige“.[1]

Dieses Bekenntnis aus ihren Tagebüchern bestimmte das aufregende und vor allem ausschweifende Leben von Brigitte Reimann, und bis "zur Neige" arbeitete die Schriftstellerin auch an ihrem letzten und größten Roman „Franziska Linkerhand“. Fast zehn Jahre lang schrieb und feilte die DDR-Autorin an diesem Buch, schaffte es aber trotz größter Anstrengungen nicht mehr, das fünfzehnte und letzte Kapitel noch vor ihrem Tode zu vollenden. Dennoch fällt auf, dass gerade dieses Werk, das postum 1974 als Fragment veröffentlicht wurde, immer wieder Anlass zu Spekulationen, Analysen und Interpretationen gibt. Nahezu euphorisch stürzen sich die Literaturwissenschaftler seit Jahrzehnten auf „Franziska Linkerhand“ und finden immer wieder neue Deutungsansätze. Im Mittelpunkt stehen dabei vornehmlich zwei Aspekte: zum einen Brigitte Reimanns Sicht auf den Staat in dem sie lebte, und zum anderen die Schriftstellerin selbst, deren Buch sich dem Leser geradezu als ein autobiographischer, ehrlicher und vor allem intimer Lebensroman aufdrängt. Dieser zweite Aspekt soll auch Thema meiner Magisterarbeit sein.

„Sehnsucht nach Identität. Franziska Linkerhand als Medium der Auseinandersetzung Brigitte Reimanns mit sich selbst“ soll die Verbindung zwischen dem Leben der Autorin und ihrem Roman untersuchen, soll klären, inwieweit Brigitte Reimann ihr Leben, ihre Wünsche und Ängste auf ihre Romanheldin Franziska projiziert und darstellen, wie sich Ihr Verhältnis zu den Menschen und Orten auf ihrem Lebensweg im Roman widerspiegelt und inwieweit diese Menschen mehr als nur Begegnungen sind – Begegnungen in einem Roman, der die Brücke zwischen Realität und Fiktion schlägt und dem dabei eine selbstfindende Bedeutung zukommt.

„Brigitte Reimann hat es nicht vermocht, wohl auch nicht gewollt, Leben und Literatur auseinander zu halten. Wer ihren Roman „Franziska Linkerhand“ liest, zumal auf dem Hintergrund ihrer Tagebücher und Briefe, der erfährt, daß es zwischen beiden Polen kaum eine Distanz gibt, daß Brigitte Reimann nur wenig verfremdet, ihr Leben, ihre Leiden, ihre Affären in Literatur verwandelt.“[2]

2. Vorgehensweise

Der Hauptteil dieser Magisterarbeit besteht aus vier Teilen.

Um mich dem Thema „Sehnsucht nach Identität“ zu nähern, werde ich im ersten Abschnitt zunächst den Begriff Identität mit Hilfe der Soziologie etwas genauer umreißen. Da Identität unter anderem durch Fremdwahrnehmung bedingt und beeinflusst wird, sollen im Anschluss für die DDR charakteristische Rollenschemata betrachtet werden, die insbesondere das Frauenbild und die Funktion des Schriftstellers als auch der Literatur betreffen. Danach werde ich die „Sonderstellung“, die in diesem Zusammenhang den DDR-Autorinnen, insbesondere der siebziger Jahre, zufällt, thematisieren.

Im zweiten Teil wende ich mich der Schriftstellerin Brigitte Reimann als Vertreterin dieser Generation schreibender Frauen zu. Für eine spätere Analyse des Romans, bezüglich der Frage nach Identität, soll erst ein kurzer Abriss über die äußeren Lebensumstände der Autorin gegeben, und danach die Frage nach dem Stellenwert der Literatur im Leben der DDR-Schriftstellerin erörtert werden.

Im dritten Teil werde ich eine Einführung zum Roman Franziska Linkerhand“ geben, indem ich mit einigen Worten auf die, für die weiteren Betrachtungen wichtige, Entstehungsgeschichte eingehe, kurz den Inhalt des Romans wiedergebe und danach einige Besonderheiten des Erzählstils, in dem sich bereits Aspekte der Selbsterkenntnis finden, beschreibe.

Im vierten Kapitel befasse ich mich mit dem Roman „Franziska Linkerhand“ als Medium der Identitätsfindung Brigitte Reimanns.

Zunächst soll das Verhältnis von Franziska und ihrer literarischen Schöpferin anhand verschiedener spezifischer Charakterzüge und Eigenarten beleuchtet werden.

Im zweiten Teil des Kapitels untersuche ich den Roman hinsichtlich seiner unterschiedlichen Handlungsorte und der, als Vorlage dienenden „Originalschauplätze“ im Leben Brigitte Reimanns. Einen, aufgrund seiner wichtigen Bedeutung, gewichtigen Teil dieses Abschnitts soll der Vergleich Neustadt – Hoyerswerda einnehmen.

Für die Frage nach Identität sind nicht zuletzt Lebensbegegnungen und Beziehungen bedeutsam. Daher befasst sich der dritte Abschnitt des vierten Kapitels mit den Nebenfiguren in „Franziska Linkerhand“ und stellt sie den wirklichen Personen in Brigitte Reimanns Leben gegenüber. Die Unterscheidung in weibliche und männliche Figuren und ihre Funktion für das Selbstverständnis der Autorin ist dabei von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

In meinem Resümee werde ich klären, inwieweit der Sehnsucht nach Identität im Roman Rechnung getragen wurde, und ob Brigitte Reimanns Suche nach der eigenen Persönlichkeit erfolgreich war. Die Frage nach der Wahrheit zwischen Literatur und Wirklichkeit wird den Kreis schließen und einen Schlusspunkt unter die Arbeit setzen.

3. Literaturlage

Im Zuge meiner Literaturrecherche ist mir schnell aufgefallen, dass sich die Publikationen zu Brigitte Reimann und „Franziska Linkerhand“ auf zwei maßgebliche Zeitabschnitte konzentrieren. Die erste Phase ist kurz nach dem Erscheinen des Romans in den Jahren 1974 und 1975 zu finden, die zweite ein knappes Vierteljahrhundert später, in den Jahren 1997 und 1998, also nach der Veröffentlichung der Reimannschen Tagebücher und der vollständigen, unzensierten Neuauflage von „Franziska Linkerhand“. Beide Zeitabschnitte und damit auch beide Rezeptionsphasen sind wichtig für das Verständnis des Romans: denn während im Zuge der Frühinterpretation noch bestehende, und durch die deutsche Teilung real existierende gesellschaftliche Verhältnisse und Ideologien bei Rezensionen und Interpretationen, vor allem von DDR-Kritikern und Literaturwissenschaftlern miteinbezogen werden, konzentriert sich die zweite Phase neben dem kritisch-gesellschaftlichen Rückblick hauptsächlich auf den Charakter der Franziska und ihre literarische „Verwandtschaft“ zu Brigitte Reimann und weist durch den zeitlichen Abstand, wie ich finde, eine größere Objektivität bezüglich der gesellschaftlichen Realität in der DDR auf.

In meinen Ausführungen halte ich mich sehr eng an die 1998 veröffentlichten Tagebücher von Brigitte Reimann, die neben dem Roman die wichtigste literarische Grundlage meiner Arbeit sind, da ich für sie für die Suche nach Identität vergleichend heranziehen werde. Diese, zum Teil höchst persönlichen Aufzeichnungen ermöglichen meines Erachtens am besten den Vergleich zwischen dem Roman, der Biographie und dem Charakter zwischen Franziska Linkerhand und der Autorin, der für die Frage nach der Auseinandersetzung Brigitte Reimanns mit sich selbst von großer Bedeutung ist.

II. Hauptteil

1. Identität und Rollendefinition

Bei der Frage nach Selbsterkenntnis und Identitätsfindung mag sich, gerade vor dem Hintergrund der veröffentlichten Tagebücher Brigitte Reimanns, leicht die vermeintlich einfache Lösung aufdrängen, eben diese persönlichen Aufzeichnungen auch als ausschließliche Grundlage für eine umfassende Selbstbetrachtung der Autorin heranzuziehen. Insbesondere am Beispiel Brigitte Reimanns aber muss davon Abstand genommen werden.

Denn:

„[...] daß Reimann sich trotz größerer Selbsterkenntnis bis zuletzt dagegen wehrte, das Tagebuch als Mittel der Selbstanalyse und der Erkundung der tieferen Schichten ihres Selbst zu benutzen, zeigt [...], daß sie die Darstellung der ganzen Komplexität ihres Selbst, besonders der tieferen Schichten ihres Seins, als Aufgabe der Literatur betrachtete.“[3]

Um aber zu klären, wo für Brigitte Reimann diese Aufgabe ansetzte, und wie es überhaupt möglich sein kann, mit Hilfe der Literatur zu einer eigenen Identität zu finden, muss nachfolgend zuerst Identität als Begriff genauer betrachtet und anschließend geklärt werden, mittels welcher Faktoren sie sich überhaupt beschreiben und in literarischer Form verarbeiten lässt.

1.1. Identität – eine Begriffsklärung

Der Blick in den Spiegel, das versteht sich von selbst, ist nicht gleichbedeutend mit dem Anblick der eigenen Identität. Während ein

Spiegelbild durchaus eine Stimmung oder auch Gefühle wiedergeben kann, die eine Persönlichkeit gerade einmal oberflächlich erahnen lassen, liegt die Identität viel tiefer im menschlichen Inneren verborgen und ist selbst ihrem Besitzer nicht ohne weiteres zugänglich.

Allgemein wird Identität leicht mit Begriffen wie Nationalbewusstsein oder einer bestimmten Klassenzugehörigkeit verbunden, doch Identität orientiert sich darüber hinaus vor allem eng an ihrem persönlichen Träger, an seinem Leben, seinen Vorlieben und vielen zusätzlichen Faktoren.

Nach Erik H. Erikson sind Identität und Lebenszyklus nahezu untrennbar miteinander verbunden. Dabei tragen sowohl biographische und genetische, als auch sozialpsychologische Faktoren zur Bildung einer Ich-Identität bei, die somit, vereinfacht ausgedrückt, durch Auseinandersetzungen mit typischen Leitbildern, Identifikationen und gesellschaftlichen Erwartungen gekennzeichnet und in Abhängigkeit von bestimmten Lebensabschnitten durchaus wandelbar ist. Hier wird auch klar, dass ein Mensch unterschiedliche soziale, also im Zuge der sozialen Interaktion zutage tretende, Identitäten in sich vereint.

Im Zuge seiner sozialen Identitätsfindung, ob bewusst oder unbewusst, wird der Mensch für sich selbst zum Objekt[4] und sieht sich zeitweise sogar durch die Augen, mit ihm in Interaktion tretender Dritter. Im Laufe der Zeit entwickelt er dabei eine persönliche Identität, die ihn von anderen abhebt, die ihm selber allerdings häufig nicht unbedingt bewusst sein muss.

Persönliche Identität wird also vornehmlich kommunikativ vermittelt, ist gesellschaftlich, also auch durch bestimmte Rollenschemata und Normen, bedingt und entwickelt sich, vereinfacht gesagt, durch die individuelle Reaktion des Menschen auf diese Normen und Rollen, wobei nicht zuletzt der individuelle Lebenslauf zu großen Teilen mit einfließt.

1.2. Identität und Rollenverständnis

Um Brigitte Reimanns literarischen Umgang mit den Rollen und Bildern ihrer Zeit und ihre "Suche nach Identität", die eng mit ihrer zum Teil außergewöhnlichen Reaktion auf die damaligen Normen zusammenhängt, beleuchten zu können, sollen nachfolgend zwei, für diese Betrachtung wichtige Leitbilder und Rollenvorstellungen der DDR genannt und in Ansätzen beschrieben werden.

Da sich in ihrem Leben stets Privates, und dort vor allem ihre weibliche Seite, die sie oftmals kompromisslos auslebte, und der Beruf als Schriftstellerin, ohne den sie nicht existieren konnte, überschnitten, behinderten oder, wiederum an anderer Stelle, gegenseitig bedingten, beziehe ich mich bei meinen nachfolgenden Ausführungen auf die Rolle und das Bild der Frau und der des Schriftstellers in der DDR und versuche, diese durch die besondere Funktion, die den Schriftstellerinnen der siebziger Jahre zukam, zu verbinden.

1.2.1. Die Rolle der Frau in der DDR

Seit der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik 1949 war die Gleichberechtigung der Geschlechter im Grundgesetz verankert.

"Mann und Frau sind gleichberechtigt und haben die gleiche Rechtsstellung in allen Bereichen des gesellschaftlichen, staatlichen und persönlichen Lebens. Die Förderung der Frau, besonders in der beruflichen Qualifizierung ist eine gesellschaftliche und staatliche Aufgabe." (Verfassung der DDR, Artikel 20, Absatz 2)

Die Integration in die Erwerbstätigkeit, die nach der marxistischen Theorie den Grundstein für die Frauenbefreiung legen soll, stellte also den Kern der Frauenpolitik in der DDR dar. Ab den sechziger Jahren wurde dabei der Fokus von der einfachen Berufstätigkeit auf die Qualifizierung und den Aufstieg im Beruf, vor allem im technischen Bereich, gelegt. Da es im Zuge dieser berufsorientierten Integrationspolitik zu einer Abnahme der Geburten kam, wurden insbesondere nach dem 8. Parteitag der SED im Jahre 1971 sozialpolitische Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf eingeführt, darunter das bezahlte Babyjahr, staatliche Kinderkrippen und -gärten und die finanzielle Geburtsbeihilfe.

Eine „weibliche Identität“ in der DDR wurde demnach als Zusammenspiel von Familie, Beruf und sozialistischen Aktivitäten verstanden. Diese Maßnahmen, die im übrigen auf den Beschluss von Männern zurückzuführen sind, waren allerdings in erster Linie ökonomischer Natur und bezogen sich weniger auf die Arbeitserleichterung im Familien- und Privatalltag, in dem das traditionelle Bild der Kleinfamilie größtenteils beibehalten wurde, in der die Frauen die ebenfalls traditionelle Rolle der Kinderversorgung und der Haushaltsführung zu übernehmen hatten. Die Folge: Frauen hatten außer dem Berufsalltag und sozialistischen Verpflichtungen auch noch Haus und Familie zu bewältigen und somit wenig Zeit, sich auf sich selbst zu besinnen oder eigene Interessen zu verwirklichen. Von einer wirklichen Gleichstellung kann also im Grunde genommen nicht die Rede sein[5].

Ein steigendes Selbstbewusstsein und Emanzipationsbedürfnis der Frauen und ein Wandel im ostdeutschen Literaturverständnis führte zu Beginn der Siebziger dazu, dass sich die Autorinnen auf die Suche nach ihrer Identität abseits der vordefinierten weiblichen Rollenschemata begaben.

1.2.2. Die Rolle der Literatur und des Schriftstellers in der DDR

Zur „geistigen Formung der neuen sozialistischen Menschen bei[zu]tragen“[6] – das war die maßgebliche Aufgabe der Literatur und des Schriftstellers in der DDR. Aus diesem Anspruch an die Autoren erwuchs auch ihre Rolle als Personen des öffentlichen Lebens, die das Bindeglied zwischen Kultur, Politik und Bevölkerung darstellten, da die Literatur selbst, im Gegensatz zur Literatur in der Bundesrepublik, fest in die Staatspolitik eingebunden war[7].

Als 1974 „Franziska Linkerhand“ veröffentlicht wurde, hatte die DDR-Literatur bereits vier grundlegende Phasen durchlaufen: 1945 bis 1949 die sozialistische Literatur des Antifaschismus und die Vorbereitung auf DDR-Nationalliteratur, 1945 bis Anfang der sechziger Jahre die Herausbildung und von der ersten Hälfte der sechziger bis siebziger Jahre die Entfaltung derselben und zu Beginn der Siebziger die neuen und freieren Entwicklungstendenzen in der Nationalliteratur der Deutschen Demokratischen Republik[8].

Das Besondere in der neueren DDR-Prosa, zu der auch „Franziska Linkerhand“ gehört, war die Tatsache, dass hier immer die „intensive Beschäftigung mit dem Individuum“[9] Individuum mit seiner Subjektivität und Einzigartigkeit in den Vordergrund rückte.

Diese Tendenz löste die vorherige „Behandlung des Individuums als Repräsentant gesellschaftlich-historischer Triebkräfte in der früheren Literatur der DDR“[10] ab. Diese stützt sich auf das Lukàcs’sche Begriffspaar der „Totalität“, die im Hinblick auf Thema und Figuration den Blick auf die gesellschaftliche Wirklichkeit freigibt und des „Typischen“, das hier noch in engem Zusammenhang mit dem „sozialistischen Realismus“ gebraucht und durch das sogenannte „Harmoniemodell“ erweitert wird, welches „davon ausgeht, dass im Sozialismus die Interessen des Einzelnen mit den Interessen der Gesamtgesellschaft prinzipiell im Einklang sind“[11].

Die neue Prosa wendete sich nun aber von einer übermäßigen Typisierung und der damit verbundenen Totalisierung ab. Nun wurden individuelle Lebensläufe und „die Entwicklung der Persönlichkeit des Einzelnen“[12] fokussiert, die durchaus die Harmonie von Sozialismus und Einzelnem stören konnten.

Diese, nicht mehr mit letzten Gewißheiten ausgestattete Literatur bemühte sich darum, die insbesondere in den fünfziger Jahren verlorengegangene Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, und versuchte deshalb, sich der bis dahin starken politischen Tendenz, ‚Literatur auf ihren ideologischen Anspruch zu reduzieren’, zu erwehren. [...] Indem das Menschenbild nicht länger aus einer Wunschvorstellung beruhenden Gesellschaftspolitik abgeleitet, sondern dem real existierenden Sozialismus entnommen wurde, fanden zwangsläufig die häßlichen Züge des Alltags mehr und mehr Ausdruck.[13]

Damit wandte sich die neue Literatur auch von einer Utopie des perfekten sozialistischen Staates ab und hin zu einer glaubwürdigeren Darstellungsweise von unheroischen „normalen“ Alltagsmenschen, mit denen sich der Leser identifizieren konnte.

1.2.3. Schriftstellerinnen der DDR – die wahren Feministinnen?

Obwohl es in der DDR keine einheitliche feministische Bewegung gab, zeugte in erster Linie die Arbeit der DDR-Schriftstellerinnen der neueren DDR-Literatur von wachsendem emanzipatorischen Bewusstsein. Schriftstellerinnen wie Christa Wolf, Irmtraud Morgner, Gerti Tetzner, Maxi Wander und auch Brigitte Reimann thematisierten in ihren Texten immer häufiger den problematischen Standpunkt der Frau in der sozialistischen Gesellschaft der DDR. Dabei verband sie vor allem das Ziel, sich mit der „geschlechtsspezifischen Rollendefinition auseinander[zusetzen]“[14], ihre Gültigkeit in der Gegenwart zu hinterfragen, und so den Emanzipationsvorgang in Gang zu setzen.

Besonders zu Beginn der siebziger Jahre vergrößerte sich die Zahl schreibender Frauen, die literarische Heldinnen erschufen, welche sich inmitten eines Geflechts aus Gesellschaft, Privatleben und Beruf auf der Suche nach ihrer eigenen Identität befinden, dabei nichts mehr ablehnen, als täglich vorgelebte, geschlechtsspezifische Verhaltensmuster anzunehmen, und die sich ihre eigenen, selbstbestimmten Normen schaffen wollen.

Da sich die Schriftstellerinnen selbst diesen vordefinierten Rollendefinitionen ausgesetzt sahen, ist es verständlich, dass viele der Romane der sogenannten neueren „Frauenliteratur“[15] autobiographische Züge aufweisen. Bei der damals alleiner-ziehenden Mutter und Schriftstellerin Irmtraud Morgner beispielsweise, die als Schriftstellerin selbst mit der Doppelbelastung zwischen Beruf und Privatleben konfrontiert wurde, wird diese Tendenz besonders deutlich und auch verständlich.

Bei der, von den Autorinnen zum Teil doch sehr unterschiedlichen literarischen Umsetzung einer Identitätssuche und -findung war vor allem die Fokussierung typisch weiblicher Probleme im sozialistischen Alltag und der Blick auf das andere Geschlecht allgegenwärtig.

So vertauschten etwa Irmtraud Morgner in ihrem Montageroman „Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura“ ,Sarah Kirsch in „Blitz aus heiterm Himmel“ oder Christa Wolf in „Selbstversuch“ das Geschlecht der ursprünglichen Protagonistinnen und ließen sie einen teils befriedigenden, teils ernüchternden Blick auf die männliche Seite werfen.

Ziel fast aller Werke, in denen die Autorinnen die Utopie eines Geschlechtertausches verarbeiteten, war die „Chance für die Veränderung ihrer ursprünglichen Geschlechtsgenossen und für eine Humanisierung der Gesellschaft“[16].

Die zweite bedeutende Form der literarischen Auseinandersetzung mit sich selbst und der eigenen Rolle als Frau ist die sogenannte „Neue Subjektivität“[17]. Diese Tendenz wurde durch Christa Wolfs „Nachdenken über Christa T.“ ausgelöst, und neben Brigitte Reimann unter anderem auch von Gerti Tetzner aufgegriffen und verarbeitet. Dabei löste diese literarische Form durch ihren engen Bezug zur Biographie der Autorinnen in der Folge literarische und politische Debatten aus.

Eben diese Symbiose zwischen realem Leben und anspruchsvoller Literatur war auch für Brigitte Reimann die einzige Möglichkeit als Schriftstellerin zu existieren.

2. Die Frau und die Schriftstellerin Brigitte Reimann

2.1. Brigitte Reimann – ein kurzes und intensives Leben

Brigitte Reimann wird 1933 in Burg bei Magdeburg geboren. Nach dem Krieg fesselt sie die Kinderlähmung in ihrer Schulzeit für Wochen ans Bett und hinterlässt bei dem jungen Mädchen ein lebenslanges leichtes Hinken. Nach der Gründung der DDR engagiert sich die überzeugte FDJlerin in besonderem Maße für den Sozialismus, indem sie sich in wichtige Ämter, wie die der Vorsitzenden des DSF an ihrer Schule, wählen lässt. Schon während der Schulzeit beginnt sie, erste Laienspiele für Theateraufführungen zu schreiben und kann sogar erste kleinere Erzählungen in den Zeitungen der DDR veröffentlichen.

Nach dem Abitur verzichtet Brigitte Reimann kurzfristig auf ihren Studienplatz, um in Burg als Lehrerin, Bibliothekarin und anderen Berufen zu arbeiten, die ihr genügend Zeit lassen, ihr Schreibtalent weiter auszubauen. In dieser Zeit entstehen neben ersten Kurzgeschichten die Erzählungen „Der Tod der schönen Helena“ und „Die Frau am Pranger“, die zu ihrer Aufnahme in den Schriftstellerverband führen.

1953 heiratet sie den Arbeiter Günther D. Die Ehe wird jedoch zum Desaster. Während die junge Ehefrau sich in immer neue Affären stürzt, flüchtet sich ihr Mann in den Alkohol und wird gewalttätig. Als die Autorin den Schriftsteller Siegfried Pietschmann kennenlernt, scheitert die Ehe entgültig und wird 1958 endgültig geschieden. Ein Jahr später heiratet das Schriftstellerpaar. Im Rahmen des „Bitterfelder Weges“ entschließen sich Brigitte Reimann und Daniel[18], nach Hoyerswerda zu gehen, um dort die Arbeiter des Kombinats „Schwarze Pumpe“ in Literaturzirkeln zu schulen und ihrerseits tatkräftig in der Produktion mit anzufassen und sich so Anregungen für ihre Literatur zu holen.

In Hoyerswerda schreibt Brigitte Reimann ihren Kurzroman „Ankunft im Alltag“, der ihr den Literaturpreis des DGB und den nationalen Durchbruch einbringt. Kurz darauf entsteht die Erzählung „Die Geschwister“.

Im Kombinat lernt sie den Raupenfahrer Hans K. (Jon K.) kennen und führt mit ihm und Pietschmann zeitweise eine Dreiecksbeziehung. Letztendlich zerbricht daran auch ihre zweite Ehe – die Scheidung wird 1964 rechtskräftig.

[...]


[1] Reimann, Brigitte: Ich bedaure nichts: Tagebücher 1955-1963. Drescher,
Angela (Hrsg.), Berlin: Aufbau, 1997.

[2] Mechtenberg, Theo: Schriftstellerisches Selbstverständnis und 'weibliche
Ästhetik': Die Tagebücher und Briefe der Brigitte Reimann. in: Deutsche Studien,
Lüneburg 1986, S.381.

[3] Bernhardt, Rüdiger: Der alltägliche Mythos in Brigitte Reimanns Roman
„Franziska Linkerhand“. In: Margrid Bircken, Heide Hampel (Hrsg.): Als
habe ich zwei Leben. Beiträge zu einer wissenschaftlichen Konferenz in
Neubrandenburg über Leben und Werk der Schriftstellerin Brigitte Reimann.
Neubrandenburg: Federchen Verlag 1998. S.67.

[4] Vgl. Goffman, Erving: Wir alle spielen Theater. 6. Auflage 1997. München: Piper,
1967.

[5] Vgl. Hildebrandt, Christel: Zwölf Schreibende Frauen in der DDR: Zu den
Schreibbedingungen von Schriftstellerinnen in der DDR in den 70er Jahren.
Berlin: Frauenbuchvertrieb, 1984, S.10.

[6] Thomas, R.: Modell DDR. Die kalkulierte Emanzipation, München 1975, S.209.

[7] Vgl. Hildebrandt, Christel: Zwölf Schreibende Frauen in der DDR; a.a.O., S.22.

[8] Vgl. Scharfschwerd, Jürgen: Literatur und Literaturwissenschaft in der DDR.
Eine historisch-kritische Einführung, Stuttgart 1982 (Sprache und Literatur
Bd.116). S.139.

[9] Weisbrod, Peter: Literarischer Wandel in der DDR. Untersuchungen zur
Entwicklung der Erzählliteratur in den siebziger Jahren. Heidelberg: Groos,
1980, S. 34.

[10] Ebd., S.35.

[11] Ebd.

[12] Rüther, Günther: Greif zur Feder, Kumpel. Schriftsteller, Literatur und Politik
in der DDR 1949 – 1990. Düsseldorf: Droste, 1991. S.132.

[13] Ebd,. S.132f.

[14] Hildebrandt, Christel: Zwölf Schreibende Frauen in der DDR; a.a.O., S.36.

[15] Christel Hildebrand beschreibt Frauenliteratur sinngemäß als von Frauen
verfasste Literatur, die sich mit aktuellen Problemen befasst, welche durch die
eigene Perspektive der Autorinnen und individuelle „Ausdrucksmöglichkeiten“
wiedergegeben werden und für die sie ebenfalls individuelle Lösungsmöglich-
keiten, vorwiegend durch einen Prozess der Loslösung von tradierten Ge-
schlechternormen und das „Experimentieren mit Themen und Formen“, finden.
(Hildebrand, Christel: Zwölf Schreibende Frauen in der DDR; a.a.O., S.25f.)

[16] Hildebrand, Christel: Zwölf Schreibende Frauen in der DDR; a.a.O., S.101f.

[17] Ebd., S.106f.

[18] „Daniel“ ist B. Reimanns Name für den Schriftsteller Siegfried Pietschmann. Sie
hatte die Angewohnheit, ihren Bekannten, Freunden und Ehemännern eigene
Namen zu geben. Diese Angewohnheit findet sich auch in „Franziska
Linkerhand“ wieder.

Details

Seiten
75
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638179737
ISBN (Buch)
9783640419364
Dateigröße
670 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v11936
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Germanistisches Institut
Note
2,3
Schlagworte
Sehnsucht Identität Franziska Linkerhand Medium Auseinandersetzung Brigitte Reimanns

Autor

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