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Die Frage nach der Gerechtigkeit mit Blickwinkel auf die Bibel und antiken Philosophen in Gegenüberstellung zur heutigen Zeit

©2020 Hausarbeit 21 Seiten

Zusammenfassung

Gerechtigkeit ist ein beständiger Begriff in unserem täglichen Leben und jedes Kind weiß was es bedeutet – oder etwa doch nicht? Bereits im Kindergarten haben meine Beobachtungen gezeigt, dass Kinder im Spiel die Wörter "ungerecht" oder "unfair" verwenden. Selbst politische Bewegungen entstehen, weil sich eine Gruppe von Menschen "ungerecht"
behandelt fühlt. Denken wir dabei an aktuelle Bewegungen wie "LGBTQIA+" oder "Black Lives Mattars". Auch in Parteiprogrammen ist Gerechtigkeit ein großes Thema. Der Begriff ist historisch vermutlich tiefer verankert und beeinflusst unseren Alltag möglicherweise stärker als angenommen. Auch wird ein Politiker das Wort Gerechtigkeit anders definieren als eine Jugendliche, die Hausarrest von ihren Eltern bekommt.

Daher stellen sich mir die Fragen: Was genau ist Gerechtigkeit und wie wurde dieser Begriff im Laufe der Zeit definiert? Diese Fragen sind Gegenstand dieser Hausarbeit und sollen im Folgenden bearbeitet werden.

Im Kapitel 2 wird zunächst erläutert, wie im Duden dieser Begriff dargestellt wird und anschließend in Kapitel 3 die
Frage bearbeitet, wie lange ein Bewusstsein für Gerechtigkeit bereits existiert mit Bezug auf die Bibel. In Kapitel 4 wird auf die Definitionen und Theorien von Gerechtigkeit eingegangen, die bekannte Philosophen im Laufe der Zeit entwickelt haben und dabei wird auch auf die Menschenbilder eingegangen. Dabei sind auch die Ähnlichkeiten und Unterschiede relevant, sowie unterschiedliche Blickwinkel. In Kapitel 5 wird darauf eingegangen, wie Gerechtigkeit heute dargelegt wird, sodass in Kapitel 6 abschließend benannt werden kann, wie sich Gerechtigkeit definieren lässt respektive begriffen werden kann.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definition Gerechtigkeit nach dem Duden

3 Auf der Suche nach dem Ursprung von Gerechtigkeit

4 Gerechtigkeitsverständnis im Wandel der Zeit
4.1 Platon in Bezug auf Gerechtigkeit und sein Menschenbild
4.2 Aristoteles Gerechtigkeitsverständnis und sein Menschenbild
4.3 John Rawls Verständnis von Gerechtigkeit und sein Menschenbild
4.4 M. C. Nussbaum Gerechtigkeitsverständnis und ihr Menschenbild

5. Gerechtigkeit heute

6. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gerechtigkeit ist ein beständiger Begriff in unserem täglichen Leben und jedes Kind weiß was es bedeutet - oder etwa doch nicht? Bereits im Kindergarten haben meine Beobach­tungen gezeigt, dass Kinder im Spiel die Wörter „ungerecht“ oder „unfair“ verwenden. Selbst politische Bewegungen entstehen, weil sich eine Gruppe von Menschen „unge­recht“ behandelt fühlt. Denken wir dabei an aktuelle Bewegungen wie „ LGBTQIA+“ 1 2 3 oder „ Black Lives Mattars“ [2]. Auch in Parteiprogrammen ist Gerechtigkeit ein großes Thema (Nullmeier, 2009). Der Begriff ist historisch vermutlich tiefer verankert und be­einflusst unseren Alltag möglicherweise stärker als angenommen. Auch wird ein Politiker das Wort Gerechtigkeit anders definieren als eine Jugendliche, die Hausarrest von ihren Eltern bekommt. Daher stellen sich mir die Fragen: Was genau ist Gerechtigkeit und wie wurde dieser Begriff im Laufe der Zeit definiert? Diese Fragen sind Gegenstand dieser Hausarbeit und sollen im Folgenden bearbeitet werden. Im Kapitel 2 wird zunächst er­läutert, wie im Duden dieser Begriff dargestellt wird und anschließend in Kapitel 3 die Frage bearbeitet, wie lange ein Bewusstsein für Gerechtigkeit bereits existiert mit Bezug auf die Bibel. In Kapitel 4 wird auf die Definitionen und Theorien von Gerechtigkeit eingegangen, die bekannte Philosophen im Laufe der Zeit entwickelt haben und dabei wird auch auf die Menschenbilder eingegangen. Dabei sind auch die Ähnlichkeiten und Unterschiede relevant, sowie unterschiedliche Blickwinkel. In Kapitel 5 wird darauf ein­gegangen, wie Gerechtigkeit heute dargelegt wird, sodass in Kapitel 6 abschließend be­nannt werden kann, wie sich Gerechtigkeit definieren lässt respektive begriffen werden kann.

2. Definition Gerechtigkeit nach dem Duden

Im Duden wird Gerechtigkeit definiert, als „ das Gerechtsein; Prinzip eines staatlichen oder gesellschaftlichen Verhaltens, das jedem gleichermaßen sein Recht gewährt“ und „b) etwas, was als gerecht (2) angesehen wird“. Hier werden Beispiele benannt wie „so­ziale Gerechtigkeit, die Gerechtigkeit des Richters [...] und ..ausgleichende Gerechtigkeit [...] “, also eine Entscheidung, die als ungerecht empfunden wird. „Es scheint doch so etwas wie eine ausgleichende Gerechtigkeit zu geben“. Unter einem zweiten Punkt wird seitens der Justiz Gerechtigkeit benannt und mit Beispielen erläutert wie „einen Verbre­cher den Händen der Gerechtigkeit übergeben“ (Dudenredaktion, 2021).

3. Auf der Suche nach dem Ursprung von Gerechtigkeit

Was ist Gerechtigkeit? Ist wohl einer der ältesten Frage der Menschheit. Eine Gruppe von griechischen Philosophen, den sogenannten Sophisten4, befasste sich das erste Mal mit der Frage nach der Gerechtigkeit im 5. Jahrhundert vor Christus und kamen zu dem Ent­schluss, dass Gerechtigkeit ein natürliches oder gesellschaftliches Phänomen ist. Somit waren die Sichtweisen in der Antiken bereits vielfältig und es gab unter den Sophisten keine Einigkeit, denn Kallikles war ferner der Meinung, „dass Gerechtigkeit von Natur aus einer Bevorzugung der Stärkeren entspreche“ während für Thrasymachos „Gerech­tigkeit als Instrument der Herrschenden diene.“(BR, 2013). Demnach stellt sich die Frage, seit wann es Gerechtigkeit gibt. Um diese Frage möglicherweise beantworten zu können, wird im Folgenden auf die Bibel eingegangen, da die ältesten Schriften laut For­schern vermutlich über 3000 Jahre alt sein sollen (Jessen, 2010). Da Gerechtigkeit in der Bibel bereits ein Thema ist, kann man davon ausgehen, dass das Bewusstsein dafür bereits seit jeher existiert. In der Bibel gibt es über 100 Verse, die sich auf Gerechtigkeit beziehen (DailyVerses, o.D.). Dabei geht es unter anderem um die Nächstenliebe, welche besagt, dass sich die Zuwendung zu den Mitmenschen an der Selbstliebe orientieren soll oder konkreter: „[...]du sollst deinen Nächsten lieben wie Dich selbst. “ (3. Mose, 19:18, S.136). In Bezug auf die Gerechtigkeit befassen sich weitere Verse in der Bibel damit, dass die eigenen Handlungen zur Rechenschaft gezogen werden, respektive je nachdem wie man handelt entsteht daraus ein positiver oder negativer Effekt, dementsprechend „Ii'i'l euch nicht! [...] Denn was der Mensch sät, das wird er auch ernten. “ (Galater, 6:7, S. 1227). Noch heute sind die Sätze was man sät das erntet man oder behandle andere wie dich selbst allgegenwertig. Es scheint, dass sich die Propheten in der Bibel, im Ge­gensatz zu den Sophisten im alten Griechenland, einig darüber waren, was gerecht be­deutet. Laut ihnen fängt Gerechtigkeit bei der Selbstliebe an und es geht folglich darum mit seinen Mitmenschen sorgsam umzugehen, auch wenn dies bedeuten kann, dass man zeitweilig ebenfalls darunter leiden muss oder sogar schlecht behandelt wird, wie Petrus im 1. Brief erwähnt:

„Doch wenn ihr auch leiden solltet um der Gerechtigkeit willen [.] fürchtet nicht und lasst euch nicht beunruhigen“ (1. Petrus 3:14, 1. Brief S. 1288).

4. Gerechtigkeitsverständnis im Wandel der Zeit

Bei den Recherchen hat sich gezeigt, dass es etliche Philosophen und Denker gibt, die sich mit Gerechtigkeit befasst haben. Im Folgenden wird auf das Gerechtigkeitsverständ­nis und die Menschenbilder von Platon, Aristoteles, John Rawl und Martha C. Nussbaum eingegangen. Interessant dabei ist, ob es Unterschiede wie auch Ähnlichkeiten gibt und möglicherweise auch Einflussfaktoren.

4.1 Platon in Bezug auf Gerechtigkeit und sein Menschenbild

Platon wurde 347 vor Christus in Athen geboren und war einer der einflussreichsten Den­ker der Zeit (Schülerlexikon, 2010). Um Platons Position von Gerechtigkeit darstellen zu können, wird im Folgenden auf sein bekanntestes Werk „der Staat“ (Politeia) eingegan­gen (Bormann, 1989). Hier befasst er sich mit dem Konzept der Gerechtigkeit, wie man ein gerechtes Leben führen kann und mit der Verwirklichung eines Idealstaates (Bor­mann, 1989) oder konkreter mit der utopischen Vorstellung, dass Gerechtigkeit einen Idealstaat regiert (getabstract, o.D.). Diese Idee entstand vermutlich aus seinen eigenen Erfahrungen in der Politik in jungen Jahren, denn die politische Führung Athens ent­sprach nicht seinen Vorstellungen (Schülerlexikon, 2010). Platon definiert Gerechtigkeit, indem er parallelen zwischen der Gerechtigkeit im Staat und der individuellen Gerech­tigkeit aufzeigt. Das Prinzip der Gerechtigkeit gilt seiner Ansicht nach sowohl für den Staat als auch für jede einzelne Person gleichermaßen, da sich beide in ihren Strukturen ähneln. Platon ist außerdem der erste der äußerte, dass Gerechtigkeit eine Frage der per­sönlichen Haltung ist. Diese Haltung resultiert möglicherweise aus seiner Lehre bei sei­nem Mentor Sokrates, den er in seinem Werk zitiert: Gerechtigkeit sei „dass jeder das eigene und Seinige hat und tut“ (Politea IV, 434). Platon geht obgleich umfassend auf die Merkmale eines gerechten Staates ein, dessen Erläuterung jedoch völlig utopisch ist, da solch ein Idealstaat nicht existieren kann. Die Politik soll gewissermaßen von Moral und Gerechtigkeit geführt werden und dies zum Wohle des Volkes ohne dabei die Geldbeutel der Politiker und der Reichen zu füllen (BR, 2013). Platon teilte den Staat in drei Teile: Stand der Erwerbstätigen wie Handwerker und Bauern (Aspelt, 1998, S. 64-70), Stand der Krieger (Aspelt, 1998, S. 71) und Stand der Regierenden (Aspelt, 1998, S. 125). Jeder Stand hat hier seine eigenen Tugenden, die sogenannten Kardinaltugenden: Tapferkeit, Weisheit, Besonnenheit und Gerechtigkeit (Aspelt, 1998, S. 145). Dabei ist Gerechtigkeit die höchste der Tugenden (BR, 2013), denn sie ist es, die den Staat ordnet und dem Indi­viduum seinen Platz in der Gesellschaft gibt (Pol. IV 432e). Platon repräsentiert damit die Meinung, dass es gerecht ist einen Beruf auszuüben, „zu welchem seine Natur am besten geeignet ist“, denn nur so sei ein perfekter Staat möglich (Pol. IV 432e). Des Wei­teren ist Platon der Ansicht, dass Gerechtigkeit für den Menschen bedeutsam ist, da dies für die Harmonie der menschlichen Seele verantwortlich ist und demzufolge in Balance gehalten werden muss, durch „dem muthaften, dem denkenden und dem begehrenden Teil.“ (BR, 2013). Bezogen darauf, wie ein einzelnes Individuum Gerechtigkeit umsetz­ten kann, neben den Aufgaben des eigenen Standes, verwendet Platon vor allem in seinem Werk „Gorgias“ die Begriffe „Gut“ und „Böse“ (Chakkarath, 2015) . Er ist der Ansicht, „ Gute Menschen brauchen keine Gesetze, um gezeigt zu bekommen, was sie nicht dürfen, während böse Menschen einen Weg finden werden, die Gesetze zu umgehen.“ Das be­deutet, das Platon dem Menschen egal welchen Standes zuschreibt, von Natur aus zu Wissen was gerecht ist und dass Menschen, die Unrecht tun möchten, dies trotz Gesetze umsetzen werden. Dies passt auch zu seiner Haltung das Gerechtigkeit eine Frage der persönlichen Haltung sei. Platons Menschenbild beruht auf seine Gerechtigkeitstheorie. Demnach werden Menschen nur glücklich, wenn sie das tun was ihrem Wesen entspricht, denn glücklich zu werden ist das höchste Ziel eines Menschen. Darauf baut er auch seine Konstruktion von Gesellschaft auf, repräsentiert durch seinen Staatsmodell, denn seiner Ansicht nach kann dies erreicht werden, wenn jeder das tut, was er am besten kann res­pektive worauf sein Wesen ausgelegt ist oder konkreter zu welchem Stand der Mensch angehört. Somit sollen Philosophen über eine Gemeinschaft herrschen, da nur sie die Fä­higkeit dazu haben und die geforderte Intelligenz und Weisheit mitbringen. Damit stellt sich Platon in einer Gesellschaft selbst weit über die meisten Menschen und fordert ap­proximativ, dass er, respektive die Philosophen, Herrscher werden sollen. Laut seinen Annahmen ist dies nur gerecht und kommt daher zu der Position, dass eine Gesellschaft nur existieren kann, wenn die Menschen die Gerechtigkeit fördern und die vielfältigen Fähigkeiten untereinander bestehen lassen (Chakkarath, 2015). Platons Menschenbild lässt sich zusammenfassen als eine natürliche Differenz der Menschen. Ein harmonisches Zusammenleben soll dennoch ermöglicht werden, wenn sich alle Menschen in ihrem „Stand“ oder anders ausgedrückt in ihrer Natur verwirklichen können. Für Platon ist die

Gerechtigkeit sowohl für die Harmonie der menschlichen Seele als auch für den Staat verantwortlich und ist deshalb unbedingt anzustreben (Schuster. o.D.).

4.2 Aristoteles Gerechtigkeitsverständnis und sein Menschenbild

Aristoteles ist geboren 384 v. Chr. In Stageira geboren und darf nicht fehlen, wenn es um Gerechtigkeitsfragen geht. Er „hat als erster eine systematische Analyse des Gerechtig­keitsbegriffs unternommen und erstmals das >>ganze<< Begriffsfeld der Gerechtigkeit erschlossen und versucht, die unterschiedlichen Begriffe, Konzepte und Ideen miteinan­der in Beziehung zu setzen.“ Zudem sind seine Überlegungen für die Moderne immern- och von höchster Bedeutung (Gordon, 2007, S. 15). Im Folgenden wird auf die Haupt­werke „die Nikomachischen Ethik“ von Aristoteles eingegangen, insbesondere auf das III. und V. Buch der Nikomachischen Ethik, da er sich darin mit der Tugend der Gerech­tigkeit befasst und Aspekte diskutiert, wie die Rechtmäßigkeit des freiwilligen Tausches oder die Verteilung öffentlicher Güter wie Ämter, Ansehen oder Macht (Haerle, 2018). Die Definition von Gerechtigkeit nach Aristoteles lautet in seinem Werk der Nikomachi- schen Ethik folgendermaßen:

„Näherin ist die Gerechtigkeit jede Tugend, Kraft deren der Gerechte nach freier Wahl gerecht handelt und bei der Austeilung, handele es sich um sein eigenes Verhältnis zu einem anderen oder um das Verhältnis weiterer Personen zueinander, nicht so verfährt, dass er von dem Begehrenswerten sich selbst mehr und den anderen weniger zukommen läßt und es beim Schädlichen umgekehrt macht, sondern so, dass er die proportionale Gleichheit wahrt, un dann in gleicher Weise nach einem anderen mit Rücksicht auf eine Dritten zuerteilt“ (Rolfes, 1995, S. 2-8)

Aristoteles arbeitete detaillierter die Unterschiede zwischen der allgemeinen Definition von Gerechtigkeit und die gerechte Verteilung von Aufgaben und Gütern heraus, die ihm sein Mentor Platon vermittelte (BR, 2013). Im Zusammenleben mit Menschen differen­zierte er zwei Arten von Gerechtigkeit: die Allgemeine und die partikulare Gerechtigkeit (Felix H., 2021). Bei der Allgemeinen Gerechtigkeit werden alle genau gleich behandelt, unabhängig von persönlichen, finanziellen oder politischen Eigenschaften. Die Summe wird durch die Teilnehmer gleich verteilt, egal wie hoch der individuelle Beitrag ist. Dem­entsprechend sollen sich alle an die geltende Gesetzte halten. Die Partikulare Gerechtig­keit erlaubt es dagegen Menschen unterschiedlich zu behandeln (Haerle, 2018).

Aristoteles unterteilt diese Form in kommunikative und distributive Gerechtigkeit. Bei der kommutativen Gerechtigkeit muss ein Bürger für einen Schaden wiederaufkommen respektive für eine Abgabe von Gütern muss man den gleichen Wert dafür erhalten (Aist- leitner et al., S.5). Bei der distributiven Gerechtigkeit ist es erlaubt den Menschen unter­schiedlich zu behandeln. Wenn sich Bürger in relevanten Aspekten unterscheiden, so soll­ten sie in Anerkennung, politischen Ämter und materiellen Gütern auch verschieden be­handelt werden (Haerle, 2018). Somit steht für Aristoteles (wie auch für Platon) demje­nigen mehr zu, dessen allgemeine Verdienste größer sind (BR, 2013). Schlussfolgernd bedeutet dies, wer mehr leistet, soll auch proportional mehr davon profitieren respektive unterschiedliche Eigenschaften rechtfertigen unterschiedliche Behandlungen (Haerle, 2018). Somit ist Gerechtigkeit für Aristoteles eine Tugend, die entweder angeboren ist oder teils auch erst erlernt werden muss. Diese zeigt sich durch bewusste Handlungen, über die der Mensch frei endscheiden kann. Dies bedeutet schlussfolgernd, dass der Mensch sich über die Folgen seiner Handlungen bewusst ist (Rolfes, 1995, S. 1135 ff.). Im Mittelpunkt des positiven Menschenbildes von Aristoteles, ist das Streben nach Glück, womit die Handlungen von Menschen dazu dienen glücklich zu werden respektive dadurch versuchen ein gutes Leben zu erhalten (Jones, o.D.). Für Aristoteles selbst ist Glück das höchste Gut, das ein Mensch erreichen kann (Felix. H., 2021). Auch die Tu­genden sollen zur Erreichung des Ziels dienen (Jones, o.D.), denn es bedarf eine Reihe von Gütern um glücklich zu werden (Felix H., 2021). Aristoteles unterscheidet zwei Tu­genden: Es betrifft zum einen den rationalen Seelenteil und zum anderen den Geist, die Aristoteles als dianoetische Tugenden bezeichnet. Der Mensch soll idealerweise zwei di- anoetische Tugenden besitzen. Diese sind die Weisheit und Klugheit, bei denen nach dem mittleren Habitus zu leben ist, wie mit dem lustvollen mäßig umzugehen. Die Mäßigkeit ist dabei die Mitte. Aristoteles kommt zu dem Schluss, dass das Glück erst eintreffe, wenn alle Güter vorhanden sind, nämlich die Tugenden des Geistes und des Charakters, die Gesundheit, die Freundschaft und ein mittlerer Besitz (Felix H., 2021). Aristoteles stellt fest, dass die gesetzliche Gerechtigkeit „kein bloßer Teil der Tugend5, sondern die ganze Tugend, und die ihr entgegengesetzte Ungerechtigkeit kein Teil der Schlechtigkeit, son­dern wiederum die ganze Schlechtigkeit“ ist (Höffe, 1995, S. 137).

4.3 John Rawls Verständnis von Gerechtigkeit und sein Menschenbild

John Rawl ist 1921 geboren in Maryland und gilt als einer der bedeutendsten Moralphi­losophen des 20. Jahrhunderts. Er war in der neusten Philosophiegeschichte der Einzige, der sich darum bemühte, individuelle Freiheit und soziale Gerechtigkeit als äquivalente Stützen der modernen Gesellschaft zu verstehen (getabstract, o.D.). Wenn es heute um Gerechtigkeit in der Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung geht, bezieht man sich gerne auf Rawl (Böckler, 2009). Sein Werk „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ (original: „A Theory of Justice“) löste in den 70er Jahren eine Debatte bezüglich gesellschaftliche Ge­rechtigkeit aus, da er darin Bedingungen einer gerechten Gesellschaft aufzeigt, die den­noch eine Kritik an den realen Staat ist. Da in Rawls Werk bereits eine Vielzahl von gegenwärtigen Themen besprochen werden, wie Existenzminimum, Chancengleichheit und gleiche Bildungschancen, wird im Folgenden auf die wesentlichen Punkte eingegan­gen, um den Rahmen nicht zu sprengen. Rawl stellt sich die Frage nach Gerechtigkeit und benennt hier drei Bedingungen: Zum einen gilt eine Gesellschaft dann als gerecht, wenn jedes Mitglied der Gesellschaft die gleichen Grundsätze der Gerechtigkeit anerkennt. Zum anderen ist dabei auch bedeutsam, dass die relevanten gesellschaftlichen Institutio­nen diese Grundsätze der Gerechtigkeit ebenfalls verfolgen und zuletzt das jeder Bürger über ein Gerechtigkeitssinn verfügen muss um die Grundgesetze zu verstehen und um­setzten zu können. Nach Rawl sei es gerecht, wenn Regeln funktionieren und alles ak­zeptabel erscheint. Zudem ist er der Ansicht, dass jeder Mensch zwei moralische Fähig­keiten benötigen, um diese Bedingungen umsetzten zu können: Auf der einen Seite das Verständnis der Gerechtigkeitsgrundsätze und die Bereitschaft danach zu handeln und auf der anderen Seite ein Verständnis des Guten ausbilden zu können und dies möglich­erweise je nach Umstand anzupassen. Voraussetzung dafür ist, dass ein Mensch dazu be­reit ist Verantwortung zu tragen und Faktoren wie Freiheiten und Chancen nicht gleich­gültig sind. Alles andere sei laut Rawl ein Zeichen mangelnder Selbstachtung und cha­rakterlicher Schwäche. Außerdem ist er der Ansicht, dass die Gesellschaft nicht dem In­dividuum vorzuschreiben hat, was Gerechtigkeit ist oder wie es umgesetzt werden soll. Die Individuen sind verantwortlich die Haltung dafür selbst festzulegen. Des weiteren entwickelte Rawl ein Gedankenexperiment, in der man die eigene Position in der Gesell­schaft noch nicht kenne, da es unter einem „Schleier des Nichtwissens“ verborgen ist.

[...]


1 LGBTQIA+“

2 ist eine Community, die von der Gesellschaft eine Gleichbehandlung fordert in Bezug auf jegliche Art von sexueller Orientierung, wie zum Beispiel pansexuell, asexuell, homosexuell, transgender (Franke, 2021)

3 sind vor allem Proteste gegen rassistische Polizeigewalt gegenüber schwarzer Menschen (Schößler, 2021)

4 Die Sophisten waren eine Gruppe von Philosophen, mit denen die Aufklärung begann. Traditionen wurden kritisch beleuchtet und die Redekunst nahm an Bedeutung zu (o.V., 2019)

5 Tugend ist die Fähigkeit, dass ein Mensch aus dem tiefsten Inneren etwas Gutes zu tun möchte ohne dafür etwas zu erwarten. Man möchte unbedingt so handeln. (Höffe, 1995, S.130 f.)

Details

Seiten
21
Jahr
2020
ISBN (PDF)
9783346639066
ISBN (Buch)
9783346639073
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
DIPLOMA Fachhochschule Nordhessen; Zentrale
Erscheinungsdatum
2022 (Mai)
Note
1,0
Schlagworte
Gerechtigkeit Aristoteles Sokrates Nussbaum Bibel Moses Ethik Sozialphilosophie
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