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Die geheimnisvollen Buchstaben des Korans

Bachelorarbeit 2008 36 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Arabistik

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Geschichte des Korans in der islamischen Geschichtsschreibung
2.1 Die Sammlung des Korans unter dem Propheten
2.2 Die ’uUmānische Redaktion des Korans
2.3 Vor-’uUmānische Kodizes
2.4 Zusammenfassung

3. Die koranischen Siglen
3.1 Einleitungsverse der „chiffrierten“ Suren
3.2 Verszählung
3.3 Surennamen
3.4 Siglen in den vor-’uUmānischen Sammlungen

4. Erklärungstheorien zu Ursprung und Bedeutung von Siglen
4.1 Die Siglen aus der islamischen Sichtweise
4.1.1 Die klassischen Interpretationen der Siglen
4.1.2 Die modernistische Deutung der Siglen als „mathematisches Wunder des Korans“
4.2 Deutungsversuche der Siglen in der westlichen Orientalistik
4.2.1 Die Deutungsversuche nach Eduard GOOSSENS
4.2.2 Sigle als technische Zeichen für die Länge der Suren nach Hans BAUER
4.2.3 Sigle als Abbreviaturen im Zusammenhang mit dem Redaktionsprozess bei Werner SCHMUCKER

5. Schlussfolgerung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der islamischen Tradition und zum größten Teil auch in der westlichen Orientalistik geht man davon aus, dass der Koran das authentische Wort des Propheten Mohammed ist. Die Endredaktion des Korans als muc?af wurde in der Zeit zwischen 650-656 unter der Regierungszeit des dritten Kalifen ’UUmān Ibn ’Affān (reg. 644-656) vollzogen und der Text des Korans hat bis heute seine Gestalt kaum verändert. Allerdings stellt der Koran kein leicht zu erschließendes Buch dar.1 Man denke z. B. nur daran, dass der Text der ’uUmānischen Koranausgabe in einem rasm festgelegt war, in dem eine eindeutige Erkennung des Lautes für den Außenstehenden nicht möglich war. Erst auf die Initiative des Umayyaden-Kalifen ’Abdalmalik ibn Marwān (reg. 687-705) und unter der Leitung des irakischen Statthalters al-±aggāg (reg. 694-714) wurde eine Kommission gebildet, die das konsonantische Textgerüst mit Punkt-, Strich- und anderen zusätzlichen orthogra- phischen Zeichen versehen hat, wodurch die Mehrdeutigkeit des ’uUmānischen rasm - Textes beseitigt werden sollte.2 Ein anderes zentrales Problem der Koranforschung aber auch der Fiqh -Wissenschaften, ist die Tatsache, dass die Suren des Korans nicht nach einem chronologischen Prinzip angeordnet sind. Selbst die Ordnung der Verse innerhalb der Suren in Bezug auf die Chronologie und auf deren semantischen Inhalt ist nicht immer exakt. So stehen bisweilen einige Verse zusammen, die ursprünglich nicht zusammen- gehört haben.

Von Anfang an entwickelten sich in der islamischen Welt zahlreiche exegetische Koran- wissenschaften, die allesamt die verschiedensten Fragen rund um den Koran zu klären versuchen. Später hat man sie alle mit dem Begriff ’ulūm al-Qur’ān bezeichnet. Djalāl ad- Din as-SuyūUī (849-911 d.H.) zählt in seinem Werk al-Itqān fī ’ulūm al-Qur’ān achtzig solche Wissenschaften auf. Die Hauptthemen der islamischen Koranforschung waren, um nur einige davon aufzuzählen Anlass, Zeit und Ort der Herabsendung der einzelnen Offenbarrungen, deren Sammlung, Grammatik und Syntax des Textes, die Regeln für die Koranrezitation, sprachliche Unnachahmlichkeit des Korantextes, die Abrogation bestimmter Verse, die Prinzipien der juristischen Interpretation des Korans, dessen Themen und die Koranexegese.3

Auf dieser Grundlage entstand auch die Wissenschaft von ?urūf al-fawāti?. Damit bezeichnet man die Wissenschaft von den 29 Siglen des Korans, die aus unterschied- lichen Kombinationen von Buchstaben des arabischen Alphabets bestehen. Sie stehen unmittelbar nach der einleitenden Formel basmala, meistens als erster Vers am Anfang der Suren. Nach der herrschenden islamischen Tradition werden diese Siglen als fester Bestandteil des Offenbarungstextes angesehen, die bis auf den Propheten Mohammed zurückzuführen sind. Die Erklärungen dessen, was diese Siglen bedeuten könnten, reichen bis zum ersten Jahrhundert der Higra zurück und sind sehr vielfältig. Demnach waren die Siglen als Abkürzungen für Worte bzw. Phrasen, als arabisches Alphabet oder auch als Zahlenwerte zu interpretieren. At-Tabarī und ar-Razi haben etwa einige Siglen als Teile des Gottesnamens gedeutet: wie z.B. ergab sich aus dem Zusammenschluss der drei Siglen ALR, ±M und N ar-ra?mān „der Barmherzige“.4

In der westlichen Orientalistik bekamen die Siglen den Namen „mysterious letters“, also „geheimnisvolle Buchstaben“. Im] Gegensatz zu der islamischen Tradition werden sie durch eine historisch-kritische Forschung auf ihre Bedeutung untersucht. Die Theorien zu diesem Phänomen wurden im Ganzen in zwei Kategorien unterteilt: es gibt einige Theorien, die Siglen auf unterschiedlichste Weise auch als Abkürzungen für die Worte bzw. Wörter-gruppen erklären und andere, die sie als irgendwelche Hilfszeichen oder Markierungen ansehen, die im Laufe der Koranredaktion entstanden sein könnten.5

Parallel zu der Frage nach Bedeutung und Ursprung der Siglen stellen sich auch andere Streitfragen, die in der Koranforschung bis jetzt nicht geklärt sind. Die zentrale Frage wäre dann, ob die Sammler des ’uUmanischen Korans während der Redaktion irgendetwas in den Text aufnahmen, was nicht zum ursprünglichen Offenbarungstext gehört hat, oder im Gegenteil von der ursprünglichen Offenbarung etwas weggelassen wurde.6 Im Bezug auf die Siglen heißt das, erstens, ob die Siglen bereits schon zu Lebzeiten von Mohammed existieren konnten oder erst später im Laufe der Koranredaktion entstanden sind. Zweitens, stellt sich die Frage was es mit diesen Siglen auf sich haben könnte.

Um dieses Thema näher zu erläutern, ist es sinnvoll, am Anfang der Arbeit zuerst eine Übersicht über die Geschichte der Offenbarung und ihre Niederschrift zu geben und zwar im Bezug auf die Ereignisse, die für diese Fragestellung von Bedeutung sein könnten. Im zweiten Teil der Arbeit wird gezeigt, wie die Siglen im Koran aufgeteilt sind und durch welche besonderen Merkmale sie gekennzeichnet sind. Anschließend wird ein allgemeiner Überblick über die Deutungsversuche sowohl seitens der islamischen als auch der westlichen Forschung dargestellt, ohne dass hier eine bestimmte These bevorzugt wird. Denn, wie schon angedeutet wurde, es existiert eine Fülle von Versuchen, dieses Phänomen zu erklären. Trotz aller Bemühungen ist es bis jetzt nicht gelungen der Lösung dieses Rätsels näher zu kommen. Vielmehr spricht man bei allen Versuchen, sei es aus einer islamischen Tradition oder aus der Sicht einer westlichen historisch-kritischen Forschung, von einer Willkür der Erklärungsvorschläge.7 Das betrifft vor allem viele Deutungen der Zeichen als Abbreviaturen, die sich „im Reiche der unbegrenzten Möglichkeiten“8 bewegen. Letztlich wurde die Frage gestellt, ob es überhaupt noch möglich sei, die wahre Bedeutung und den Ursprung der Zeichen zu erschließen.9

2. Die Geschichte des Korans in der islamischen Geschichtsschreibung

Im Folgenden wird die Sammlungsgeschichte des Korans vom Anfang der Offenbarung bis zur Endredaktion unter dem Kalifen ’UUmān vorwiegend aus der traditionellen islamischen Sicht dargestellt. Trotz einiger ablehnenden Thesen, wie jene des John Wansbrough oder von Patricia Crone und Michael Cook, werden die islamischen Quellen, vor allem in der neuesten westlichen Koranforschung zum größten Teil als normativ akzeptiert und bilden eine unumgängliche Grundlage für die weiteren Forschungen. Laut einiger Meinungen unterscheiden sich die die westliche und islamische Wissenschaft lediglich in den Forschungsmethoden, nicht aber deren Ausgangspunkt und das Endergebnis.10

2.1 Die Sammlung des Korans unter dem Propheten

Die Geschichte der Offenbarung beginnt etwa im Jahre 610 n. Chr., als Muhammad im Alter von etwa vierzig Jahren sein erstes visionäres Erlebnis hatte. Nicht zum ersten Mal zog er sich während des Monats Ramadan in der Nähe von Mekka in eine Höhle auf dem Berge Hirā’ zurück, um das ta?annuU 11 zu verrichten. Währenddessen wurde der Prophet vom Engel Gabriel aufgefordert im Namen des Herrn Folgendes vorzutragen:

1 Trag vor im Namen deines Herrn, der erschaffen hat, 2 den Menschen aus einem Embryo erschaffen hat! 3 Trag vor! Dein höchst edelmütiger Herr ist es ja, 4 der den Gebrauch des Schreibrohrs gelehrt hat 5 den Menschen gelehrt hat, was er nicht wusste. (96: 1-5)12 Damit gelten allgemein diese fünf Verse der Sure 96 „Der Embryo“ als die ersten Offenbarungsworte, die der Prophet empfing13 und die Offenbarung als ein ewig gültiges, unmittelbares Gotteswort und der Prophet selbst ist nur ein Übermittler dieser göttlichen Botschaft.14

Für die Geschichte des Offenbarungstextes ist es von großer Bedeutung, dass der Prophet die ganze Botschaft nicht auf einmal über kürzere Zeiträume empfangen hat. Vielmehr war er nach dem ersten Erlebnis in eine gewisse Angst und Unsicherheit geraten und die Offenbarungskette unterbrach für eine lange Zeit. Mohammed bekam von Gott einen Befehl, sein Wort öffentlich zu verkünden erst drei Jahre nach seiner Berufung.15 Weiterhin empfing Mohammed die Offenbarung bis zu seinem Tode in etwas kürzeren Passagen, die später zu größeren Einheiten zusammengeführt wurden. Laut den traditionellen Berichten, wobei die Berichte auch verschiedene Angaben dazu machen, sollte die Länge der Passagen sehr unterschiedlich sein, von den einzelnen Buchstaben und Versen bis zu ganzen Suren16.

Einige ?adīUe bestätigen, dass Mohammed einige Schreiber (kuttāb al-wa?y) aufgefordert hat, bei der Niederschrift des Korans zu helfen. Er selbst gilt in der islamischen Tradition als „der ummī Prophet“, das heißt des Lesens und Schreibens unkundig, wodurch der i’gāz -Charakter des Korans stärker betont wird.17 Die berühmtesten Schreiber des Propheten waren unter anderem ’Abdallāh Ibn Mas’ūd (gest. 32 d. H.), Ubay Ibn Ka’b (gest. zw. 19-35d. H.) und Zaid Ibn Tābit, die auch als die bekanntesten „Koransammler“ gelten. Über die Rolle, die diese Männer in der Korangeschichte hatten, werde ich in der Arbeit noch später ausführlicher eingehen.

Der Ausdruck „Koransammler“ bedeutete nicht notwendigerweise, dass die schriftlichen Aufzeichnungen durch die Prophetengefährten gesammelt wurden, sondern primär die Bewahrung der Offenbarung im Gedächtniss.18 Da die schriftlichen Aufzeichnungen auf solchen Materialien aufgeschrieben waren wie Papyrus- oder Pergamentzettel, Tonscher- ben, Lederfetzen und Knochen, konnten sie nur relativ kurze Textpassagen innehaben. Solche Aufzeichnungen dienten lediglich als eine Gedächtnisstütze für den prinzipiell auswendig gekonnten Text.19

Ob es schriftliche Aufzeichnungen waren ob es die „Sammlung der Offenbarung im Gedächtnisse“ war, spielt keine wesentliche Rolle für die Tatsache, dass Mohammed mit der „Sammlung der Offenbarung“ ein „Buch“ zusammenzustellen beabsichtigte. Dass diese Vorstellung sich erst allmählich entwickelte, kann man daran sehen, dass die Offenbarung zum Anfang immer mit dem Wort qur’ān bezeichnet wurde. Nach der Schlacht bei Badr (624 n. Chr.) tritt dann an die Stelle von qur’ān das Wort kitāb mit der Bedeutung „Buch“ oder „Schrift“.20 Selbst die Bedeutung des Wortes kitāb ändert sich auch mit der Zeit, was durch die Verbindung zur den Verben na?aya „eingeben“ und nazala „herabsenden“ noch deutlicher erkennbar wird. Wenn zum Anfang der Offenbarung mit na?aya eher die bestimmten, situationsbezogenen Anweisungen bezeichnet wurden, tritt dann in der spätmekkanischen Zeit stärker die Bedeutung von einem „herabgesandten Buch“ als ein Ganzes. Wie NAGEL dazu wohl bemerkt, wurde Mohammed schon in Mekka von den Mekkanern gedrängt, ein heiliges Buch vorzuweisen (Sure 17:93) und auch später in Medina „sah er sich gezwungen, die Gleichwertigkeit, ja Überlegenheit seines „Buches“ gegenüber Thora und Evangelium nicht nur [...] zu behaupten, sondern auch plausibel zu machen“.21

Obwohl schon zu Lebzeiten Mohammeds manche Koranpassagen zu größeren Einheiten zusammengefügt waren und zum Teil auch niedergeschrieben, bleibt offen, welche Gestalt sie damals angenommen hatten. WELCH stellt auch die Vermutung auf, dass diese Textpassagen „zweifellos als „Suren“ bekannt waren. [...] Die von Mohammed gestalteten Suren brauchen nicht unbedingt mit den Suren, wie wir sie heute kennen, identisch sein; aber es ist möglich, dass jede einen großen Teil der Sure enthielt, wie sie heute existiert“.22

Im Koran selbst kommt das Wort Sure insgesamt neun Mal vor: zwei Mal in den spätmekkanischen Suren 10:38 und 11:13 und die anderen sieben Male in den medinen- sischen Suren. Wobei das Wort Sure stets in Verbindung zum „Herabsenden“ steht. So fordert zum Beispiel der Prophet zum ersten Mal in der Sure 11:13 seinen Gegner in Mekka auf, die zehn gleichen Suren beizubringen:

Oder sie sagen: Er hat ihn (d.h. den Koran) (seinerseits) ausgeheckt. Sag: Dann bringt doch zehn Suren bei, die ihm gleich, und die (von euch) ausgeheckt sind, und ruft, wenn (anders) ihr die Wahrheit sagt, wenn ihr an Gottes Staat (als Zeugen für die Wahrheit eurer Aussagen aufzutreiben) vermögt!

Ausgehend aus dem oben eingeführten Vers äußern WELCH/WATT die Vermutung, dass bereits zu dieser Zeit die Muslime diese „10 Suren“ schon gehabt haben sollen. Die übrigen Suren sollten dann bis zu Mohammeds Tod zumindest in einer Vorbereitungs- phase existieren. Was in diesem Zusammenhang das Phänomen der Siglen betrifft, so sind gerade die Suren mit den Siglen in einer gewissen Weise in verschiedenen Gruppen mit bestimmten Buchstabenkombinationen wie ALM, ALR oder ±M zusammengebunden worden und sollten auf diese Weise schon zu Mohammeds Lebzeiten existieren. Also hat der Koran schon zu Lebzeiten Mohammeds eine gewisse Gestalt bekommen und das bedeutet, dass „die Arbeit, die die „Sammler“ noch zu leisten hatten, begrenzt war“. 23 Es blieb ihnen lediglich noch die Aufgabe, manche Verse in die Suren einzufügen, die die Männer im Gedächtnis hatten, die aber in keine Sure aufgenommen waren.

Zur Bedeutung des Wortes sūra (pl. suwar) ist Folgendes zu bemerken. Der Koran hat insgesamt 114 Abschnitte, die man als „Suren“ bezeichnet hat. Das Wort sūra wird in die anderen Sprachen in der Regel nicht übersetzt, weil dessen Wortbedeutung bis heute nicht eindeutig geklärt werden konnte. Denn das Wort sūra scheint koranischen Ursprungs zu sein und findet sich sonst nicht in der arabischen Sprache, wie z.B. in der vorislamischen Poesie. In der Offenbarung hat das Wort sūra eine ähnliche Bedeutung wie qur’ān. Nach den einigen Ansichten konnte das Wort sūra aus dem hebräischen šūrā „Reihe“ genauso wie aus dem altsyrischen sūrUa „Schrifttext“ abgeleitet werden, denn beide Bedeutungen würden in den koranischen Kontext mehr oder weniger passen.24

2.2 Die *uUmānische Redaktion des Korans

Einen weiteren Abschnitt in der Geschichte der Koranredaktion stellt die kanonische Koransammlung unter dem dritten Kalifen ’UUman Ibn ’Affān dar. In seiner Regierungszeit sah der Kalif ’UUmān die Notwendigkeit der Schaffung einer offiziellen Koranausgabe, weil im Zuge der Ausdehnung des islamischen Kalifats auf die anderen nicht arabischen Regionen, sich im Laufe der Zeit mehrere Koranlesearten entwickelt haben und die Muslime sich in Streitigkeiten über die richtige Lesung des Korans verwickelten.25 Der Kalif ’UUmān hat mit der Koranredaktion eine Kommission unter der Leitung des ehemaligen „Schreibers„ von Mohammed Zayd ibn Tābit beauftragt. Obwohl die Tradition dem ’Abd Allāh ibn Mas’ūd einen deutlichen Vorrang zu schreibt, was die Kenntnisse des Offenbarungstextes betrifft, sei es Inhalt, Ort oder Anlass der Offenbarung.26 Die Kommission befasste sich grundsätzlich mit den sprachlichen Schwierigkeiten bei der Lesung. Unter anderem wurde auch die Anzahl, die Reihenfolge der Suren und derUmriss des Konsonantentextes festgelegt.

Laut der islamischen Geschichtsschreibung erfolgte die „erste“ Koransammlung kurz nach dem Tode Mohammeds, also noch vor dem Kalifat des ’UUmān, und zwar auch durch denselben Zayd ibn Tābit, der dazu noch von dem ersten Kalifen Abū Bakr beauftragt wurde. Der Kalif Abū Bakr soll den Zaid ibn Tābit verpflichtet haben, erst zwei Zeugnisse für den jeweiligen Offenbarungsabschnitt zu finden, bevor er dies endgültig in die Sammlung aufnahm.27 Diese erste Sammlung ist so zu verstehen, dass Zaid ibn Tābit nicht unbedingt für die schriftlichen Aufzeichnungen „zwei Zeugnisse“ gesucht hatte, sondern es ging primär um die Sammlung der Textpassagen, die die Prophetengefährten im Gedächtnis aufbewahrt hatten. Dass Zaid ibn Tābit so gesammelte Texte später schriftlich fixiert hatte, stellte in dem damaligen Kulturraum eine „aufsehenerregende Neuerung“ dar28. Auf diese Weise aufgezeichnete und danach gesammelte Koranblätter, die cu?uf, gingen nach dem Tode Abū Bakr an seinen Nachfolger ’Umar und nach dem Tode des ’Umars an seine Tochter und Witwe des Propheten ±afca über. Somit waren diese cu?uf, bis es zur Endredaktion des Korans unter ’UUmān kam, bei mehreren Besitzern. Diese cu?uf der ±afca benutzte dann Zaid ibn Tābit als Vorlage bei der Schaffung der offiziellen uUmānischen Koranausgabe. Wenn in der westlichen Orientalistik die Sammlung des Korans unter den zwei ersten Kalifen mit Skepsis betrachtet wird, so gilt es als sicher, dass ±afca wohl die cu?uf in ihrem Besitz gehabt haben soll. Nur konnten nach Meinung von WELCH die cu?uf von ±afca nicht als Grundlage der offiziellen ’uUmānischen Koranausgabe dienen, da sie viele Abweichungen enthielten.29

Als das Koranexemplar vermutlich zwischen den Jahren 650-655 fertig war, wurden von ihm mehrere Kopien angefertigt und in andere Städte wie Damaskus, Kufa, Basra und Mekka geschickt. Alle anderen Koranexemplare, die von der offiziellen Ausgabe abwichen, wurden dann zum größten Teil vernichtet. Dieser muc?af enthielt nur einen rasm, den bloßen Konsonantentext ohne diakritische Zeichen. Das heißt, dass dieser Text auch keine basmala zu Beginn der Suren, keine Surentitel, Verszählung, keine Verweise auf die zeitliche Angabe der Suren, ob sie mekkanisch oder medinensisch sind, sowie auch keine sonstigen Markierungen hatte, die in der heutigem Kairiner Koranbuch zu finden sind.30

Für das weitere Verständnis einiger Deutungsversuche über die Bedeutung und den Ursprung der koranischen Siglen ist es wichtig, Folgendes zu erläutern. Eine der Besonderheiten des ’uUmānischen muc?af stellt die Tatsache dar, dass er weder chronologische noch thematische Ordnung aufweist, sondern die Suren, mit Ausnahme der ersten Eröffnungssure al-Fāti?a, nach ihrer relativen Länge eingeordnet sind. Somit ist die zweite Sure al-Bakara mit den 268 Versen die längste und die anderen Suren folgen nach abnehmendem Umfang aufeinander. Am Ender steht kürzeste Sure 114, die nur sechs Verse hat. Selbst die Anordnung der Verse innerhalb der Suren in Bezug auf Chronologie bleibt auch nicht immer exakt. So stehen in ihrer Komposition einige Verse zusammen, die ursprünglich nicht zusammengehört haben, und zwar werden in den mekkanischen Suren die medinischen Verse eingeschoben.

Dass der Koran keine chronologische Anordnung aufweist, hängt auch damit zusammen, dass der Prophet selbst die zu verschiedenen Zeiten offenbarten Koranstellen zusammengesetzt oder ineinandergefügt hatte.31 Im Bezug auf die chronologische Anordnung des Korans schreibt NAGEL „ [...] die Suren selbst jedoch weisen häufig ein uneinheitliches Gefüge auf – es wurde eben zu Lebzeiten des Propheten immer wieder in ihren Text eingegriffen, weshalb […] eine chronologische Anordnung des Korantextes nicht mehr zu bewerkstelligen sei.“32 So blieb den Redakteuren als einzige Möglichkeit die rein mechanische Anordnung der Suren nach ihrer Länge.33

Die Suren werden in zeitlicher Hinsicht als „mekkanisch“ oder „medinisch“ bezeichnet. Das heißt, die Suren, die vor der Higra (622 n. Chr.) herabgesandt wurden, sind mekkanisch und nach der Higra medinisch. NÖLDEKE unterscheidet dazu die mekkanischen Suren in drei weiteren aufeinanderfolgenden Perioden. Diese Unterscheidung wurde von ihm Anhand der ständigen Veränderungen des literarischen Stiels des Korans durchgeführt, der sogenannten rhythmischen Reimprosa (sag’). In die erste mekkanische Periode ordnete NÖLDEKE kurze Suren, mit oft gehäuften Schwurformel.

[...]


1 Bobzin, S. 9

2 Hamdan, S. 133-148

3 Krawulsky, S.46

4 Schmucker, S.102

5 Massey, S. 473

6 Watt/Welch, S.184

7 Schmucker, S.94

8 Schwally, II S. 70

9 Schmucker, S.90

10 Krawulsky, S.145-146

11 Der genaue Charakter des Wortes ist nicht ganz klar; es bedeutet soviel wie „Gottesdienst“ oder „Andachtsübungen“. Welch/Watt, S.56 f.

12 Im Folgenden werden alle Koranstellen nach der Übersetzung des Korans von R. Paret zitiert.

13 Es gibt aber eine andere Ansicht, nach der als erste Offenbarungsverse in 74. 1-7 zu sehen sind. Welch stellt die Vermutung an, dass es nicht auszuschließen ist, dass die ersten Offenbarungsworte gar nicht erhalten sind. Welch/Watt, S. 55 f.

14 Hamidullah, S.42

15 Hamidullah, S. 19

16 Schwally, II S. 68-69

17 Welch, S. 164f.

18 Schwally, II. S.6f.

19 Bobzin, S.100

20 An dieser Stelle soll darauf hingewiesen werden, dass das Wort kitāb (aus der Wortwurzel kataba – schreiben) eine viel breitere Bedeutung hat, als nur das „Buch“ als solches oder das „Geschriebenes“. In seiner Bedeutung als qur’ān, „Offenbarung“ umfasst es auch „ einen schriftlichen Bericht über die Taten der Menschen […], den die Engel aufbewahren; es kann in einer Metapher sozusagen zum Sprecher von Gottes Wissen werden, oder es kann sich auf die Schriften der Juden und Christen beziehen“. Welch/Watt, S. 205-206

21 Nagel (1996), S. 62-64

22 Welch/Watt, S. 166

23 Welch/Watt, S.167

24 Maier, S. 125-126

25 Welch/Watt, S. 178

26 Krawulsky, S. 128-130

27 Schwally, II S.11-18

28 Nagel (2002), S.18

29 Welch/Watt, S.177-179

30 Hamdan, S. 146

31 Schwally, II S.63

32 Nagel (1995), S.118

33 Schwally, S.63

Details

Seiten
36
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640226702
ISBN (Buch)
9783640227914
Dateigröße
666 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v119681
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,3
Schlagworte
Buchstaben Korans

Autor

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Titel: Die geheimnisvollen Buchstaben des Korans