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Tugend und Fortuna im Lazarillo de Tormes

Hausarbeit 2004 18 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Tugend
2.1. Definition
2.2. Wandel der Tugenden
2.2.1. Klassische Kardinalstugenden in der Antike
2.2.2. Christliche Tugenden im Mittelalter
2.2.3. Tugend in der Renaissance

3. Fortuna
3.1. Definition
3.2. Emblematik und Bildsemantik
3.3. Geschichtlicher Hintergrund
3.3.1. Antike
3.3.2. Mittelalter
3.3.3. Renaissance

4. Fortuna und Tugend in der Renaissance

5. Bezug zum Lazarillo im Hinblick auf Tugend und Fortuna
5.1. Hinführung zum Thema
5.2. Nachweis der These

6. Zusammenfassung und Ausblick

7. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Bedeutungswandel des Tugendbegriffes, der von dem Fortuna- Konzept der Renaissance abhängig ist. Anhand des Picaro- Romans Lazarillo de Tormes lässt sich diese These nachweisen.

Aus dem, in 1554 anonym erschienenem Schelmenroman La vida de Lazarillo de Tormes y de sus fortunas y adversidades, sind drei Editionen bekannt: aus Burgos, Alcalá de Henares und Antwerpen. Er setzt sich von dem höfischen Roman ab und galt als erster Picaro-, oder Schelmenroman. Aufgrund seiner gesellschaftskritischen Sichtweisen des Protagonisten und seinem schelmenhaften und satirischen Verhalten gegenüber Obrigkeiten gelang der Roman kurz nach der Veröffentlichung 1559 auf den Index.

Der Roman La vida de Lazarillo de Tormes y de sus fortunas y adversidades erzählt die Lebensgeschichte des Lazarillos von Geburt an bis zum sesshaft werden. Episodenhaft erzählt er in sieben Kapiteln, in der Ich- Perspektive, von seinen Lehr- und Wanderjahren bei verschiedenen Dienstherren. Seine jeweiligen Herren vermitteln Lazarillo Lehren und Weisheiten, die ihm den rechten Weg weisen sollen, durch die er es schafft sich gegen die Widerwertigkeiten des Lebens zu behaupten. Durch Lazarillos erfolgreichen Überlebenskampf gelingt es ihm vom untersten Stand in eine höhere gesellschaftliche Schicht aufzusteigen, sogar ein offizielles Amt als Stadtherold von Toledo zu bekleiden.

Um die aufgestellte These, Der Bedeutungswandel des Tugendbegriffes ist abhängig von dem Fortuna- Konzept der Renaissance. Dies lässt sich anhand des Romans Lazarillo de Tormes aufzeigen, besser nachzuvollziehen werden zunächst die Begriffe Tugend und Fortuna näher erläutert. In diesem Zusammenhang wird die jeweilige Bedeutung, dessen Hintergründe und der damit verbundene Wandel durch die verschiedenen Epochen durchleuchtet. Daraus folgt die Analyse des Zusammenhangs zwischen Tugend und Fortuna in der Renaissance, da sich die These auf diese Verbindung richtet. Anschließend werden Tugend und Fortuna auf den Roman Lazarillo de Tormes übertragen. Zuletzt werden die erarbeiteten Ergebnisse zusammengefasst und daraus folgt die Bestätigung der These.

2. Tugend

2.1. Definition

Da viele Menschen eine unterschiedliche Vorstellung von Tugend besitzen, gibt es keine konkrete Definition. Zusammenfassend kann man sagen, dass der Begriff Tugend aus dem Griechischen (arete) und aus dem Lateinischen (virtus) stammt. Tugenden sind sittliche Eigenschaften, die als Ziel eine vorbildliche Haltung ansehen und die darin bestehen das Richtige zu tun, wobei dies von der Gemeinschaft definiert wird. Der Begriff ‚Tugend’ bezeichnete in der Antike und im Mittelalter die Fähigkeiten eines Menschen, die er benötigte um ein lobens- und bewundernswertes Leben zu führen.[1] Die Tugendlehre hingegen spricht, „gleichfalls natürlicherweise […], und zwar sowohl von dem Schöpfungshaften Sein, das er bereits mitbringt, wie auch von dem Sein, zu dessen Realisierung er empor gedeihen soll- indem er klug, gerecht, tapfer, maßvoll ist“[2]. Hierbei wird verdeutlicht, dass die Tugenden sowohl angeboren sind als auch erworben werden können.

2.2. Wandel der Tugenden

2.2.1. Klassische Kardinalstugenden in der Antike

Ca 400 vor Chr. hatten die Kardinalstugenden von Platon ihren Ursprung. Platon unterscheidet vier Tugenden, von denen gute Taten abhängig sind: Klugheit, Tapferkeit, Gerechtigkeit und Maß. „Die Gerechtigkeit soll in einem harmonischen Verhältnis der anderen drei bestehen.“[3] Platon unterscheidet drei Grundkräfte des Menschen, die zur Seele gehören: Die Vernunft, das Begehren und das Mutartige. Die Vernunft, aus der die Weisheit (= Klugheit) entspringt, nimmt den höchsten Rang ein. Sie beherrscht das Mutartige und das Begehren. Dadurch kann man sagen, dass “[d]ie Klugheit oder Einsicht […] den Herrscherstand“[4] einnimmt. Aus der Vernunft entsteht das Mutartige und aus diesem folgt die Tapferkeit. Die Tapferkeit ist die charakteristische Tugend für den Kriegerstand.[5] Aus dem Mutartigem entspringt das Begehren. Auf das Begehren folgt die Mäßigung, die dem Erwerbsstand zugesprochen wird[6]. Sind Vernunft, Mutartiges und Begehren verwirklicht, so ist der Mensch gerecht.[7] (siehe 7.1.) „Schließlich soll die Gerechtigkeit alle Stände umgreifen und die anderen drei Tugenden koordinieren.“[8] Die Tugenden wurden durch die Gesellschaft definiert, wobei ein Mann nur durch diese Ansehen und Ruhm erlangen konnte. Das höchste Ziel jeden Individuums war es tugendhaft zu handeln. Platons Kardinalstugenden wertete Aristoteles um 300 vor Chr. neu auf: Er unterscheidet zwischen den moralischen Tugenden und den Tugenden des Denkens. Auf der Basis von Platons Lehren bildeten sich unter anderem zwei philosophische Schulen aus, die sich mit der Lehre der bis dato geltenden Tugenden näher beschäftigten: Die Stoa und die des griechischen Philosophen Epikurs. Die beiden Lehren stehen in Opposition zueinander. Die Stoa hat als höchstes Gut die Tugend, glaubt an göttliche Vorsehung und ist davon überzeugt, die menschliche Seele sei unsterblich. Im Gegensatz dazu sehen die Epikureer ihr höchstes Gut in der Lust, glauben nicht an göttliche Vorsehung und an eine sterbliche Seele.[9]

2.2.2. Christliche Tugenden im Mittelalter

Um das 13. Jahrhundert ergänzte der italienische Philosoph und Theologe Thomas von Aquin die klassischen Tugenden mit den Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Diese Tugenden wurden uns von Gott bei der Taufe mitgegeben. Ihre Aufgabe ist es uns den Weg zur ewigen Seligkeit zu weisen. Thomas von Aquin kombiniert also die Kardinalstugenden von Platon mit den christlichen Tugenden, um diese zu vollenden. Vor allem im Mittelalter hatte das Christentum und die Kirche eine besondere Machtstellung in der Gesellschaft. Durch die neuen christlichen Vorstellungen der Menschen mussten auch die bis dahin konservativen Wertevorstellungen aktualisiert werden. Nicht mehr länger definiert nur die Gesellschaft die Tugenden, sondern auch die Kirche wodurch sie noch mehr an Macht gewann. Aufgrund dessen wurden die klassischen Tugenden mit den christlichen erweitert um den frommen Menschen einen neuen Identifikationsrahmen zu verschaffen.

2.2.3. Tugend in der Renaissance

Wie schon bereits erwähnt bestanden die klassischen und christlichen Tugenden darin, das Richtige zu tun, welches durch den Konsens der Gemeinschaft und der Kirche definiert wurde. Also ist derjenige tugendhaft, der für das Vaterland und die Kirche einsteht. In der Renaissance ist die Tugend nicht mehr so strikt definiert, sondern sie offenbart sich etwas formaler: Verschiedene Lebensformen stellen sich als tugendhaft dar. Die bis dahin geltenden Tugenden verlieren an Bedeutung, wiederum stellen die neuen Wertevorstellungen das Individuum in den Mittelpunkt und beziehen sich auf dessen Handeln in der Welt. Es ist wichtig die Fähigkeit seiner Kräfte auf dem Lebensweg auszubilden und diese zu seinem Vorteil zu nutzen. Der Mensch denkt nicht mehr in sozialen Gefügen, sondern eher egozentrisch. „Nicht auf Willkür und auf Schrankenlosigkeit läuft dieser Individualismus hinaus, sondern die Konsequenz und die Entwicklung auf einen selbst gewählten Weg mit eigener Gesetzlichkeit.“[10] Der Mensch ist auch dazu fähig durch Schurkerei oder auch durch unmenschliches Verhalten zu agieren. „Von daher bedeutete das Aufgeben der Tugend nicht nur, irrational zu handeln, es bedeutete auch, seinen Status als Mensch aufzugeben und auf die Ebene der Tiere herabzusteigen.“[11] Der florentinische Staatsphilosoph Machiavelli vertrat die Meinung, dass nicht die Vorbedingungen für ein Lebensschicksal maßgebend sein müssen, sondern auch die freie Kraft sich zu widersetzen und zu überwinden.

3. Fortuna

3.1. Definition

Der Begriff Fortuna stammt ursprünglich aus dem lateinischen und bedeutet Glück, Schicksal und Zufall. Fortuna ist die Glücks-, und Schicksalsgöttin der römischen Mythologie. Fortuna, als „Herrscherin über alle Kreatur“[12], ist für das irdische Glück und Geschick der Menschen verantwortlich und wird daher auch Fors Fortuna (lat. Macht des Schicksals) genannt. Sie ist die Verkörperung der Beliebigkeit und des ständigen Umschwunges irdischen Geschehens. Das widersprüchliche Tun der Menschen spiegelt ihr vieldeutiges Wesen wieder.

[...]


[1] vgl. Mittelstraß, Jürgen, Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie 4, S. 344

[2] Pieper, Joseph, Das Viergespann, S. 10

[3] Pieper, Joseph, Das Viergespann, S. 10

[4] Mittelstraß, Jürgen, Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie4, S. 345

[5] vgl. Mittelstraß, Jürgen, Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie4, S. 345

[6] vgl. Mittelstraß, Jürgen, Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie4, S. 346

[7] vgl. Ethisch urteilen und handeln, http://www.wolfgang-schumacher.de/forumethik2/Lehrveranstaltungtugend/Seminarsatztugenda.htm

[8] Mittelstraß, Jürgen, Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie4, S. 346

[9] vgl. Stoizismus und Epikureismus , http://philolex.de/stoiepik.htm

[10] Humanismus 2 (Inhalte), http://heihobel.phl.univie.ac.at/per/rh/ellvau/renphil/C578.htm, S.2

[11] Skinner, Quentin, Machiavelli zur Einführung, S. 70

[12] Kirchner, Gottfried, Fortuna in Dichtung und Emblematik des Barock, S.5

Details

Seiten
18
Jahr
2004
ISBN (Buch)
9783640238521
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v119783
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
2,3
Schlagworte
Tugend Fortuna Lazarillo Tormes Schelmenroman

Autor

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