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Entwicklung des Marathons unter besonderer Berücksichtigung des Marathon-Laufens in der Bergischen Region

Bachelorarbeit 2008 59 Seiten

Sport - Sportgeschichte

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Themeneinführung
1.2 Inhalt und Untersuchungsziele

2. Die historische Entwicklung des Marathons
2.1 Schlacht von Marathon und Sage vom Marathon-Boten
2.2 Erster olympischer Marathon und Spyridon Louise
2.3 Entstehung der Marathon-Distanz
2.4 Marathon als Zuschauersport zu Beginn des 20. Jahrhunderts

3. Der Marathon-Boom
3.1 Aufstieg des Marathons
3.1.1 Professionalisierung von Marathon-Läufern
3.1.2 Entwicklung der Läuferzahlen
3.1.3 Entwicklung der Marathon-Veranstaltungen
3.2 Marathon als Frauensport
3.3 Profiteure der Marathon-Entwicklung
3.4 Gründe des Marathon-Booms
3.5 Marathon-Entwicklung der letzten fünf Jahre

4. Marathon-Laufen im Bergischen Land
4.1 Bedeutung des Marathons im Bergischen Land
4.1.1 Marathon-Situation im Bergischen Land
4.1.2 Laufbedingungen im Bergischen
4.1.3 Bergische Städte als Lauf-Entwicklungshelfer
4.1.4 Laufvereine im Bergischen
4.1.5 Marathons in der Umgebung des Bergischen
4.2 Laufverhalten der bergischen Marathon-Läufer
4.2.1 Empirische Untersuchung der bergischen Marathon-Läufer
4.2.2 Charakteristik der bergischen Marathon-Läufer
4.2.3 Laufgewohnheiten der bergischen Marathonis
4.2.4 Trainings- und Wettkampforte der bergischen Marathonis
4.3 Pushfaktoren für den Marathon-Boom in Remscheid
4.3.1 Remscheider Marathon-Projekt
4.3.2 Remscheider „Röntgenlauf“
4.3.3 Lauf-Berichterstattung in der lokalen Presse

5. Fazit und Ausblick

Anlage: Befragungsformular

Abbildungsverzeichnis

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Themeneinführung

„Fisch schwimmt, Vogel fliegt, Mensch läuft“[1] hat sich Marathon-Olympia-Sieger Emil Zatopek aus Tschechien im Jahr 1955 geäußert. Dieses Zitat steht für den enormen Laufboom der letzten Jahrzehnte, der in einen weltweiten Marathon-Boom mündete. Vom Marathon geht bereits seit langer Zeit eine große Faszination aus. Millionen Menschen werden seit jeher, ob als Aktive oder auch als Zuschauer, vom Mythos der längsten olympischen Laufdistanz in ihren Bann gezogen. Die 42,195 Kilometer lange Distanz gehört nicht nur innerhalb der Leichtathletik, sondern auch unter allen Sportarten, zu den bedeutendsten Disziplinen. Der Marathon hat eine große Tradition, die ihren Ursprung in einem geschichtlichen Ereignis hat, das mehr als 2.500 Jahre zurück liegt. Diese Tradition greifen immer mehr Menschen aktiv auf. Sie stellen sich einer Herausforderung, die sowohl Körper, als auch Psyche fordert. In der von immer mehr Stress geprägten Gesellschaft dient das Marathon-Laufen als Ausgleich, der Psyche und Seele rehabilitiert. Dieser Bedarf ist in den letzten Jahrzehnten enorm angestiegen. Das ausdauernde Laufen ist gesund und fördert die Fitness sowie das Wohlbefinden. Doch noch vor 50 Jahren hätte man es wohl nicht für möglich gehalten, dass Millionen von Menschen in der Lage und auch willig sein würden, eine Distanz von mehr als 42 Kilometern laufend zurückzulegen, die in etwa der Entfernung zwischen Köln und Düsseldorf entspricht. Die Entwicklung des Marathons verlief rasant. Dies bezieht sich nicht nur auf den Leistungssport und deren Professionalisierung, wie es in nahezu allen Sportarten der Fall war. Sondern diese bezieht sich auch und vor allem auf den Breitensport. Aus dem Nichts heraus etablierte sich der Marathon innerhalb von 20 Jahren zu einem beliebten Volkssport sowie zu einem interhumanen, Freundschaften knüpfenden Gesellschaftssport. Im Zuge des allgemeinen Fitnesstrends entstand in den 80er Jahren ein regelrechter Laufboom und in Folge dessen auch ein Marathon-Boom. Inzwischen wird die Zahl der weltweiten Marathon-Läufer auf zwei Millionen geschätzt, wobei die Tendenz weiter steigend ist. Der Begriff Marathon hat sich in den letzten hundert Jahren in den Köpfen der Menschen festgesetzt. Dabei steht der Begriff Marathon inzwischen nicht nur für einen langen Lauf, sondern auch allgemein für einen lang anhaltenden, schwer fallenden Prozess, sodass man heutzutage beispielsweise auch vom Reise-Marathon bei langen und mühseligen Autofahrten, einer Marathon-Arbeit bei Doktorarbeiten oder von Marathon-Wartezeiten in Arztpraxen spricht. Der Marathon-Trend hält weiterhin an und hat viele Veränderungen mit sich gebracht. Die Zahl an Marathon-Veranstaltungen, Marathon-Projekten und Laufseminaren stieg in den letzten 30 Jahren enorm an. Auch die Laufbekleidungsindustrie erlebte Höhenflüge. Man kann durchaus davon sprechen, dass sich das Marathon-Laufen inzwischen sich zu einem Kulturgut entwickelt hat.

1.2 Inhalt und Untersuchungsziele

Diese Arbeit zeigt die weltweite sowie regionale Entwicklung des Marathons auf. Sie beginnt mit den Ursprüngen des Marathons, beschreibt die Schlacht von Marathon und erklärt die Hintergründe der Marathon-Distanz. Die Arbeit erklärt die Entstehung des Marathon-Mythos und deren Rolle bei den ersten olympischen Spielen der Neuzeit Ende des 19. Jahrhunderts. Dabei wird der Fokus auch auf den ersten Marathon-Olympia-Sieger, Spyridon Louise, gelegt. Die Entwicklung des Marathons zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis hin zu den beiden Weltkriegen sowie der historische Verlauf im Anschluss an die Weltkriege werden ebenfalls thematisiert. Dabei stehen die Darstellung des Marathons als leichtathletische Disziplin, Zuschauersport und Wohlstandsgut im Vordergrund.

Im zweiten Teil beschreibt die Arbeit die Entstehung des Marathons als Volks- und Gesellschaftssport im Zuge des Laufbooms der 70er und 80er Jahre. Dabei werden die zunehmende Professionalisierung der Marathon-Läufer, der weltweite Aufstieg des Marathon-Sports sowie seine Folgen und Hintergründe thematisiert. Auch der enorme Zuwachs an Marathon-Veranstaltungen sowie die Entwicklung der Zahlen an Marathon-Läufern werden dabei beschrieben. Außerdem wird der Aufstieg des Marathons als Frauensport thematisiert. Anschließend erklärt die Arbeit die Gründe für den Marathon-Boom. Dabei nimmt die Arbeit das Marathon-Laufen als Folge des demographischen Wandels, als Fitness- und Gesundheitstrend, als Selbstbewusstseinsquelle, als Stressbewältigung, sowie als Geselligkeitsfaktor unter die Lupe.

Im dritten Teil spezialisiert sich die Arbeit auf das Marathon-Laufen im Bergischen Land. Das Bergische Land ist ein überwiegend ländliches Gebiet in Nordrhein-Westfalen, das sich im Raum zwischen Köln, Düsseldorf und Dortmund befindet. Es umfasst die drei Großstädte Wuppertal mit etwa 356.000 Einwohnern, Remscheid mit rund 114.000 und Solingen mit zirka 163.000 Bürgern. Außerdem beinhaltet es die Kleinstädte Wermelskirchen, Hückeswagen, Radevormwald, Burscheid und Leichlingen mit insgesamt etwa 122.000 Einwohnern, die in der Untersuchung ebenso Berücksichtigung finden. Der untersuchte Teil des Bergischen Landes ist also insgesamt 576,08 Quadratkilometer groß und hatte am 31. Dezember 2007 755.108 Einwohner.[2] Diese Arbeit thematisiert die Entwicklung des Marathon-Laufens im oben genannten Gebiet, wobei zwischen den einzelnen bergischen Städten unterschieden wird. Es wird aufgezeigt, wo der Marathon-Boom im Bergischen besonders ausgeprägt ist und erklärt, was die Gründe hierfür sind. Dazu werden die Pushfaktoren für diese Entwicklung aufgezeigt, die eine Betrachtung der natürlichen Gegebenheiten, der Stadtaktivitäten, der Laufveranstaltungen, der Marathons in der Umgebung, der Marathon-Vereine, sowie der Marathon-Berichterstattung der bergischen Presse vorsieht. Dabei werden das Remscheider Marathon-Projekt sowie der Remscheider „Röntgenlauf“ speziell unter die Lupe genommen. Darüber hinaus wird die aktuelle Marathon-Situation im Bergischen Land dargestellt, was mit Hilfe einer empirischen Untersuchung geschieht. Insgesamt wurden hierzu 255 Marathon-Läufer aus dem Bergischen zu Ihrem Laufverhalten sowie zur Einschätzung der Laufbedingungen in ihrer Region befragt.[3] Mit Hilfe dieser Daten analysiert diese Arbeit die Laufgegebenheiten im Bergischen Land und untersucht, inwieweit die Marathon-Läufer aus der Bergischen Region damit zufrieden sind. Des Weiteren werden die speziellen Ausprägungen und Eigenschaften des typischen bergischen Marathon-Läufers herausgearbeitet. Darunter zählen die Untersuchung des Durchschnittsalters, des Männer- beziehungsweise Frauenanteils und ob die Marathonis eher alleine oder mit anderen laufen. Auch wie oft sie in der Woche laufen, wie häufig sie im Jahr einen Marathon absolvieren und aus welchen Gründen sie hauptsächlich laufen, ist Untersuchungsgegenstand. Außerdem wird herausgearbeitet, wo die bergischen Läufer trainieren, was ihre Lieblings-Marathons sind und an welchen Marathon-Veranstaltungen sie regelmäßig teilnehmen. Diese spezielle Untersuchung wird in den Gesamtzusammenhang der Arbeit eingeflochten, woran sich ein Fazit sowie ein Ausblick auf die zukünftige allgemeine sowie regionsspezifische Marathon-Entwicklung anschließt.

2. Die historische Entwicklung des Marathons

2.1 Schlacht von Marathon und Sage vom Marathon-Boten

Die Sage, die für die Distanz des ersten Marathon-Wettbewerbs bei den ersten olympischen Spielen und somit auch für die heutige Marathon-Distanz verantwortlich ist, erzählt von einem Griechen, der im Jahr 490 vor Christus den Sieg der Griechen über die Perser verkündet habe. Diese beiden Völkergruppen bekämpften sich am 12. September 490 vor Christus auf einem riesigen Schlachtfeld, das bei der Kleinstadt Marathon lag. Die Stadt Marathon liegt etwa 40 Kilometer nordöstlich von der griechischen Hauptstadt Athen. Bei dem Kampf ging es um territoriale Gebiete, wobei die Perser in deutlicher Überzahl waren.[4] Die Perser unter dem Großkönig Dareios I. hatten Griechenland angegriffen und wollten nun die Hauptstadt in ihren Besitz nehmen. Doch die Athener waren trotz der zahlenmäßigen Unterlegenheit siegreich und konnten die Perser vertreiben.[5] Daraufhin gab der zuständige Feldherr namens Miltiades einem Landsmann den Befehl, die Kunde über den errungenen Sieg nach Athen zu übermitteln. Hierbei gibt es zwei verschiedene Versionen, wie dies passiert sein solle beziehungsweise welche Identität der Bote gehabt habe. Laut erster Version habe es sich bei dem Nachrichtenübermittler um einen Soldaten gehandelt, der kurz zuvor noch mitgekämpft habe und mit samt seiner rund 20 Kilogramm schweren Rüstung ins 40 Kilometer entfernte Athen gelaufen sei. Dort habe er den Palast erreicht und den in Unwissenheit über den Ausgang des Kampfes befindlichen Stadtherren verkündet „Seid gegrüßt. Wir haben gesiegt.“ Nach diesen beiden Sätzen sei er zusammengebrochen und verstorben.[6] Nach einer anderen Überlieferung habe der Bote gesagt: „Freut euch. Wir haben gesiegt.“[7] In einer anderen Version der Sage sei der Bote kein Soldat gewesen, sondern ein einfacher Diener, der darauf spezialisiert gewesen sei soll, über weite Entfernungen Nachrichten zu übermitteln. Dieser Bote sei ebenfalls die 40 Kilometer bis nach Athen gelaufen, allerdings ohne Rüstung. Dort habe er im Athener Palast die Botschaft „Seid gegrüßt. Wir haben gesiegt“ verkündet. Allerdings sei er in dieser Version der Sage nicht verstorben. Auch über den Namen des Nachrichtenübermittlers war man sich in der Überlieferung nicht einig, sodass in den unterschiedlichen Fassungen von Thersippos, Eukleas und Pheidippides die Rede ist.[8] Der Name Pheidippides wird jedoch am weitaus häufigsten übermittelt, wobei dieser nach einer anderen Sage wenige Tage vor der Marathon-Schlacht sogar ins 250 Kilometer entfernte Sparta gelaufen sein soll, um dort um Hilfe zu bitten.[9] Die Sage vom Marathon-Boten wurde zum ersten Mal im vierten Jahrhundert vor Christus von dem Griechen Herakleides erzählt und wurde in den darauf folgenden mehr als 2.000 Jahren immer wieder überliefert, wenn auch in verschiedenen Fassungen. Ungeachtet dessen, welche Version damals zugrunde lag, erhielt der Marathon seit jeher durch diese Legende seinen besonderen Mythos. Allerdings wurde die Version des eine Rüstung tragenden Soldaten, der nach Überbringung der Kunde verstarb, am weitaus häufigsten erzählt, weil es sich dabei um die spektakulärere Fassung handelt.

Bei den ersten olympischen Spielen in Athen hat man diese Sage vor allem in Griechenland immer wieder zitiert und als Grundlage für den ersten olympischen Marathon angesehen. Deshalb behielt man die Strecke von Marathon bis Athen, die dieser Legende zugrunde liegt, auch beim ersten Marathon bei. Auch den Namen des Wettbewerbs hat man daher auch bereits im Jahr 1896 verwendet und seitdem beibehalten. Allerdings ist es am wahrscheinlichsten, dass diese Sage nicht in der Realität stattgefunden hat, sondern nur frei erfunden wurde.[10] Zwar gibt es zu diesem Thema in der Forschung unterschiedliche Meinungen, doch kamen die weitaus meisten Historiker zu dem Ergebnis, dass der antike Marathon-Lauf nicht stattgefunden hat. Dagegen spricht vor allem, dass das Ereignis in dem anerkannten Geschichtswerk des Griechen Herodot nicht erwähnt wird. Das ist vor allem deshalb aufschlussreich, weil Herodot als Grieche ansonsten äußerst patriotisch schreibt und den Sieg der Athener mit jeder Menge Glorifizierungen beschreibt. Ein 40 Kilometer langer Botenlauf findet jedoch mit keinem Wort Erwähnung. Darüber hinaus ist es sehr fragwürdig, was solch eine Art der Nachrichtenübermittlung überhaupt für einen Sinn gehabt hätte. Damals überbrückte man lange Entfernungen mit Hilfe von Pferden, die ein wesentlich schnelleres und entspannteres Reisen bewirkt hätte. Außerdem gab es zu dieser Zeit die gängige und wesentlich effizientere Methode des Einsatzes von Lichtzeichen, die im militärischen Bereich damals Gang und Gäbe war. Zudem kannten die Griechen in der Glorifizierung ihres Sieges keine Grenzen und neigten zu Übertreibungen. Aus diesen genannten Gründen ist der Wahrheitsgehalt des Athener Botenlaufs sehr unwahrscheinlich. Man kann also davon ausgehen, dass nicht im Jahr 490 vor Christus der erste Marathon-Lauf stattgefunden hat, sondern erst 2.386 Jahre später, nämlich im Jahr 1896.[11]

2.2 Erster olympischer Marathon und Spyridon Louise

Im Zuge der Neuentdeckung des Sports entschloss man sich im Jahr 1892 dazu, die olympischen Spiele der Antike in neuer Form fortsetzen zu wollen. Der Franzose Pierre de Coubertine, Präsident des „Internationalen Olympischen Komitees“, war der Vorreiter dieser Idee und setzte durch, dass im Jahr 1896 in Athen die ersten olympischen Spiele der Neuzeit stattfanden. Dass dabei auch ein Marathon zum Programm gehörte, geht auf die Idee eines Freundes von Coubertine, dem Franzosen Michel Breal, zurück.[12] Bei den ersten olympischen Spielen standen neun Sportarten auf dem Programm.[13] Zu den Leichtathletik-Wettbewerben gehörte der Marathon, der damals rund 40 Kilometer lang und der mit Abstand längste Laufwettbewerb war. Darüber hinaus gab es nämlich noch Läufe über 800 und 1.500 Meter, sodass das ausdauernde Laufen also mit drei Disziplinen vertreten war. Die 5.000- und 10.000-Meter-Distanzen wurden erst im Jahr 1912 ins Olympia-Programm aufgenommen.[14] Diese Distanz zu laufen empfand man damals als unvorstellbar, sodass der erste olympische Marathon besonders aufmerksam und mit besonderer Spannung beobachtet wurde. Überhaupt war dies die erste offizielle Marathon-Konkurrenz. Dieser Wettbewerb stand unter dem Zeichen einer Sage über einen 40 Kilometer langen Lauf von Marathon nach Athen, auf deren Inhalt später noch detailliert eingegangen wird.

Der Start fand deshalb auch in Marathon statt, einer Kleinstadt, die etwa 40 Kilometer von Athen, wo im Jahr 1896 sämtliche anderen Sportarten ausgetragen wurden, entfernt war. Das Ziel befand sich in Athen. Die Strecke führte nicht durchs Gebirge, was die schnellste Verbindung nach Athen gewesen wäre. Stattdessen führte der Marathon überwiegend durchs Flachland, um auf eine Distanz von exakt 40 Kilometern zu kommen. Die Strecke wies lediglich einen schweren Anstieg um rund 260 Höhenmeter auf, wobei die Teilnehmer am Ende des Rennens in das tief gelegene Athen knapp 200 Höhenmeter bergab laufen konnten. Außerdem musste das zu durchlaufende Gelände einen befestigten Untergrund aufweisen, da die Läufer während des gesamten Wettbewerbs von einem Fahrzeug begleitet wurden. Darin befanden sich zwei mit Stoppuhren ausgerüstete Kampfrichter sowie zwei Ärzte, die im Notfall schnell eingreifen konnten.[15] 25 Teilnehmer aus neun verschiedenen Ländern fanden sich am Morgen des 10. April zusammen und liefen diese Distanz bei den olympischen Spielen allesamt zum ersten Mal. Zwar hatten sie zuvor trainiert, doch konnte ihr Training bei weitem nicht die Belastung eines Marathons simulieren. Nahezu alle Läufer waren mit der Distanz überfordert und mussten sich die enorme Schwierigkeit dieser Aufgabe eingestehen. 18 Teilnehmer mussten entkräftet aufgeben, sodass lediglich sieben Läufer das Ziel erreichten. Der Sieger des Marathons, Spyridon Louise, stellte dabei eine Ausnahme dar und erreichte das Ziel nach 2:58:50 Stunden. Die Zweit- und Drittplatzierten, Flake und Lemiseau, folgten mit zehn beziehungsweise 15 Minuten Abstand. Die ersten 20 Kilometer lagen der Franzose Lemiseau sowie der Australier vorne. Ab der Hälfte des Rennens setzte sich Spyridon Louise an die Spitze, ließ seinen Kontrahenten keine Chance und gewann den ersten olympischen Marathon souverän.[16] Spyridon Louise hatte sich die Kräfte am besten eingeteilt und überholte seine Gegner am einzigen Anstieg der Strecke in Pikermi. Dort errichtete man später ein Denkmal in Form einer Bronzestatue von Louise.

Der zu diesem Zeitpunkt 23-jährige Louise war ein griechischer Hirte und kam aus ärmlichen bäuerlichen Verhältnissen. Er stammte aus dem Athener Vorort Maroussi, wo man bereits vor dem Rennen um seine besonderen Fähigkeiten wusste und sehr stolz auf seinen Olympia-Teilnehmer war.[17] Daher schenkte man ihm Sportschuhe für den Marathon-Lauf, die sich der junge Mann selbst nicht leisten konnte. Louis war im restlichen Griechenland bis zu jenem 10. April völlig unbekannt. Zu dem fehlenden Prestige kam sein äußerst bescheidenes Auftreten, das dazu führte, dass ihn seine griechischen Landsleute nicht ins Olympia-Team aufnehmen wollten. Bei einem Qualifikations-Marathon, der nur fünf Tage vor dem Olympia-Marathon stattfand, erreichte Louise in 3:18:25 Stunden nur die 17.-beste griechische Zeit und konnte sich somit nicht qualifizieren.[18] Daher schloss sich Louis kurzerhand der amerikanischen Olympia-Mannschaft an, wo man ihn sofort herzlich empfang. Spyridon Louis hat seinen Olympia-Sieg also nicht für Griechenland, sondern für Amerika, errungen. Die Griechen wollten diese Tatsache im Anschluss an das Rennen natürlich unter Verschluss halten und feierten ihren Nationalhelden auf eine Weise, die es zuvor noch nie bei einem Sportler gegeben hatte. Nach seinem Olympia-Sieg absolvierte Louise allerdings kein Rennen mehr.[19] Spyridon Louise, der 1873 geboren wurde und 1940 im Alter von 63 Jahren starb, wurde zum griechischen Volkshelden und erhielt für den Rest seines Lebens großen Ruhm.[20]

2.3 Entstehung der Marathon-Distanz

Die Streckenlängen der ersten olympischen Marathon-Wettbewerbe unterschieden sich zum Teil recht erheblich. Richtlinie war bei allen olympischen Spielen, die vor dem Jahr 1924 stattfanden, die Sage über den 40 Kilometer beziehungsweise 25 Meilen langen Lauf von Marathon nach Athen. Dies war jedoch eben nur ein Richtwert, sodass die folgenden Marathon-Veranstaltungen Entfernungen zwischen 39 und 43 Kilometern beziehungsweise zwischen 24 und 25 Meilen aufwiesen. Dies lag daran, dass man direkte Entfernungen von Städten für die Strecken auswählte. Die Wahl der Entfernung war den Organisatoren überlassen. Lediglich beim ersten olympischen Marathon in Athen absolvierten die Sportler eine Strecke von exakt 40 Kilometern. Bei den zweiten und dritten olympischen Spielen, 1900 in Paris und 1904 in Sankt Louis, betrugen die Entfernungen 40,26 beziehungsweise 40,23 Kilometer.[21] Aufgrund dieser Längenunterschiede kann man die Siegerzeiten auch nicht exakt miteinander vergleichen. Im Zuge der flächendeckenden Messungen von sämtlichen sportlichen Leistungen und Katalogisierung von Rekorden nicht zuletzt zugunsten des Zuschauerinteresses entstand schließlich das Bedürfnis, die Marathon-Distanz nicht mehr länger frei wählbar, sondern mit einem konstanten Wert festzulegen. Für diese Festlegung diente der vierte olympische Marathon im Jahr 1908, der in London stattfand. Wenn der italienische Vulkan Vesuv im Jahr 1906 nicht ausgebrochen wäre, wäre die heutige Marathon-Distanz übrigens eine andere. Denn ohne diese Naturkatastrophe hätten die olympischen Spiele 1908 in Rom stattgefunden. Stattdessen wählte man kurzfristig London als Olympiastadt.[22]

Die Londoner Marathon-Strecke verlief vom Schloss Windsor am Stadtrand der britischen Hauptstadt aus bis zum im Zentrum gelegenen und damals neu errichteten „White-City-Stadion“. Dort angekommen mussten die Läufer noch eine dreiviertel Stadionrunde zurücklegen, da die Ziellinie bewusst auf Höhe der königlichen Loge gesetzt wurde.[23] Diese Strecke entsprach exakt einer Entfernung von 42,195 Kilometern beziehungsweise 26,385 Meilen. Der olympische Marathon in London war also die bis dato größte Entfernung, die Langstreckenläufer in Wettkämpfen zurückgelegt hatten. Entgegen aller anderen leichtathletischen Laufdistanzen war diese Entfernung also erstmals nicht auf eine runde Kilometerzahl geeicht. Die Londoner Marathon-Entfernung wurde 13 Jahre später, im Jahr 1921, in Genf vom internationalen Leichtathletik-Verband als allgemein gültige Marathon-Distanz festgelegt und galt ab diesem Zeitpunkt als Vorgabe für alle folgenden Marathon-Wettbewerbe. Zuvor, bei den olympischen Spielen in Stockholm im Jahr 1912 und in Antwerpen 1920, hatte man noch andere Strecken, nämlich 40,2 beziehungsweise 42,75 Kilometer, gewählt.[24] Bei den siebten olympischen Spielen, die im Jahr 1924 in Amsterdam stattfanden, übernahm man schließlich die 42.195 Meter lange Entfernung erstmals. Für die Zuschauer waren Leistungen von nun an vergleichbarer und Rekorde aussagekräftiger. Dieses Uniformitätsdenken war ein Ergebnis der zu Beginn des 20. Jahrhunderts erstmals enorm ausgeprägten Rekord- und Sensationslust, die sich nicht nur auf den Marathon, sondern auf sämtliche Sportarten, in denen Leistungen messbar sind, bezog.

Der olympische Marathon von London wurde legendär, da er einen besonders skurrilen Verlauf aufzuweisen hatte. Es war ein Hitzerennen mit zirka 30 Grad Celsius, bei dem nur 27 Läufer das Ziel erreichten. Der vermeintliche Sieger, Dorando Pietri aus Italien, brach wenige Meter vor der Ziellinie zusammen. Kampfrichter und Zuschauer hoben ihn hoch und stützen ihn bis ins Ziel, das er nach 2:54:46 Stunden erreichte.[25] Er fiel fünfmal zu Boden und benötigte für die letzten 355 Meter neun Minuten und 46 Sekunden.[26] Anschließend wurde der Italiener unter dem Protest der Zuschauer wegen unerlaubter Hilfestellung disqualifiziert. Kurioserweise wäre Pietri damals Olympia-Sieger geworden, wenn die Organisatoren nicht noch kurzfristig beschlossen hätten, das Ziel vor die königliche Loge vorzuverlegen. Stattdessen wurde der Zweitplatzierte John Hayes aus den USA, der das Ziel eine halbe Minute später erreichte und ebenfalls kollabierte, nachträglich zum Olympia-Sieger erklärt. Doch auch Pietri erhielt im Rahmen der offiziellen Siegerehrung von der Königin Alexandra einen zusätzlichen Pokal für seinen Siegeswillen und wurde von den Zuschauern noch mehr umjubelt als Hayes.[27] „Die Umstände des Rennens vom 24. Juli 1908 […] lenkten weltweites Interesse auf den Marathon und erhöhten dessen Mythos.“[28]

2.4 Marathon als Zuschauersport zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Man verehrte die Marathon-Helden wie Spyridon Louise oder Dorando Pietri auf der ganzen Welt und empfand die Marathon-Entscheidungen als Höhepunkte der olympischen Spiele. Allein die Tatsache, dass es Menschen tatsächlich schaffen, solch eine enorme Distanz zurückzulegen, war damals eine hoch gefeierte Leistung. Dass es sogar jemand schaffte, unter drei Stunden zu bleiben, war damals eine Sensation. Bei den darauf folgenden olympischen Spielen wurde der Marathon zu einem nicht wegzudenkenden Element, das die Zuschauer immer wieder besonders beeindruckte. Bei allen 29 olympischen Spielen war der Marathon vertreten. Allerdings muss man dabei berücksichtigen, dass es ausschließlich die Marathon-Teilnehmer der olympischen Spiele sowie diejenigen, die versuchten, sich dafür zu qualifizieren, waren, die Marathon liefen. Somit waren es also weltweit nur rund 100 Menschen, die sich dieser Herausforderung stellten. Normale Menschen, die nicht das Ziel einer Teilnahme an olympischen Spielen hatten, wären zu dieser Zeit nach wie vor nicht auf die Idee gekommen, 42 Kilometer zu laufen. Somit waren die Marathon-Läufer also Exoten, die bestaunt wurden, aber die man nicht nachahmte.[29] Zwar war das Laufen im Zuge der deutschen Turnbewegung durch die Pädagogen Friedrich Ludwig Jahn und Johann Christoph Friedrich Gutsmuths sehr verbreitet, doch bezog sich dies nur auf Distanzen von maximal zehn Kilometern. Selbst dies war überwiegend ein erzieherisches Instrument, sodass es hauptsächlich Kinder waren, die Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts liefen. Nach wie vor fristete der Sport in dieser Zeit ein Schattendasein, was sich nicht nur auf das Laufen, sondern auf alle Sportarten bezog. Hingegen wuchs die Bedeutung des Sports für die Zuschauer zu Beginn des 20. Jahrhunderts enorm an. Der Sport rückte in den Fokus der Öffentlichkeit, sodass das Interesse, sportliche Leistungen zu konsumieren, erheblich anstieg und man erstmals zu Tausenden mit Sportlern mitfieberte. Diese Tatsache traf auch und vor allem auf den Marathon zu. Man kam nicht auf die Idee, den Marathonis nachzueifern, doch man litt mit ihnen mit, feuerte sie an und war von deren Leistungen beeindruckt.

Die besonders große Glorifizierung im Marathon-Sport hängt zweifelsfrei auch mit der Vorstellbarkeit der Leistungen zusammen. Jeder weiß, wie groß eine Entfernung von mehr als 42 Kilometer ist und jedem ist aus eigener Erfahrung bewusst, wie anstrengend es ist, selbst kurze Distanzen von einem Kilometer in dem gleichen Tempo der besten Marathon-Athleten der Welt zurückzulegen. Daher ist das Vorstellungsvermögen von Marathon-Resultaten wesentlich ausgeprägter als beispielsweise bei Mannschaftssportarten, wie zum Beispiel Fußball. Nach dem Ersten Weltkrieg fand der Sport nur mühsam wieder Einzug in die Gedanken der Leute. Es dauerte einige Jahre, bis der Marathon als Zuschauermagnet seinen Siegeszug fortsetzen konnte. Dies war erst bei den fünften olympischen Spielen im Jahr 1924 in Amsterdam der Fall. Erst zu diesem Zeitpunkt fand man auch das Interesse am Marathon zurück. Die Marathon-Läufer, die sich auf diese olympischen Spiele vorbereiteten, begannen schon einige Jahre zuvor mit dem Training. Dabei muss man berücksichtigen, dass es sich dabei um Hobbysportler gehandelt hat, die hauptsächlich einen Beruf ausübten. Somit kehrte nicht nur der Marathon-Lauf wieder in den Fokus der Öffentlichkeit, sondern auch die damit verbundene Rekord- und Sensationslust, die Anfang des 20. Jahrhunderts begann und durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen wurde.

Der Zweite Weltkrieg stellte den zweiten harschen Schnitt im Aufstieg des Marathons dar und bremste wie bereits 15 Jahre zuvor die Entwicklung sämtlicher Sportarten aus. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg dauerte es mindestens fünf Jahre lang bis der Sport seinen Platz in der Gesellschaft wieder fand. Es dauerte eben seine Zeit bis die Menschen die Ereignisse des erneuten Weltkriegs verarbeitet hatten. Man war damit beschäftigt, seine eigene Existenz zu erhalten beziehungsweise wieder aufzubauen. Solch eine extreme, die Existenz bedrohende Situation bietet eben keinen Platz für Freizeitbeschäftigungen. Sport ist in gewisser Hinsicht ein Luxusgut, das nur in einer relativ intakten Gesellschaft zu finden ist. Sport ist ein Wohlstandsfaktor, der nur dann zum Tragen kommt, wenn es einem relativ gut geht. In Ländern, wo Krieg herrscht, kommt man heutzutage auch nicht auf die Idee, sich für Sport zu interessieren. Oder in Ländern, wo die Existenz der Menschen durch Naturkatastrophen oder durch Hungersnot bedroht ist, wie beispielsweise in Burkina Faso, spielt Sport einfach keine Rolle, weil die Einwohner dort zu große existenzielle Probleme haben. Daher dauerte es eben auch nach dem Zweiten Weltkrieg bis sich das Leben wieder normalisierte. Erst Anfang der 50er Jahre begannen die Menschen wieder damit, sich zwar nach wie vor nicht aktiv, aber immerhin passiv, als Zuschauer für Sport zu interessieren.

Die deutschen Marathon-Läufer konnten erst nach dem Zweiten Weltkrieg wieder mit dem Laufen beginnen. Im Jahr 1949 fand der erste Nachkriegs-Marathon in Deutschland statt, der zugleich die westdeutschen Marathon-Meisterschaften darstellte. Im Jahr 1951 wurden erstmals in der neu entstandenen DDR deutsche Meisterschaften.[30] Das Marathon-Laufen spielte erst bei den olympischen Spielen im Jahr 1956 in Melbourne wieder eine Rolle, die Marathon-Läufer bereiteten sich seit 1950 darauf vor. Zuvor hatten sie aufgrund des Militärdienstes sowie der existentiellen Bedrohung keine Gelegenheit zum Training. Für viele Marathon-Läufer bedeutete der Zweite Weltkrieg das Karriereende, zumal vielen die Zeit ihrer optimalen Leistungsfähigkeit genommen wurde. Dennoch konnten die Marathon-Siegerzeiten bei den folgenden olympischen Spielen erneut gesteigert werden. Das Zuschauerinteresse in Verbindung mit einer enorm ausgeprägten Rekordlust war seit den 50er Jahren wieder vorhanden. Das aktive Sporttreiben fristete nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch weiterhin ein Schattendasein. Zwar trieben die Kinder in der Schule Sport und maßen ihre Kräfte bei Bundesjugendspielen, doch bezogen sich der Schulsport weitestgehend auf Turnen, Sprinten und Springen und nicht auf ausdauerndes Laufen. Der Anteil der sporttreibenden Erwachsenen war weiterhin verschwindend gering. Stattdessen verband man Sport nach wie vor mit der Rolle des Zuschauers und wäre erst recht nicht auf die Idee gekommen, lange Strecken zu laufen, zumal das körperliche Arbeiten im Beruf damals wesentlich härter und kraftraubender war als heutzutage. Marathon-Wettbewerbe als Zuschauer zu erleben, war damals jedoch eine ganz besondere Angelegenheit.[31]

3. Der Marathon-Boom

3.1 Aufstieg des Marathons

3.1.1 Professionalisierung von Marathon-Läufern

Erst Ende der 60er und zu Beginn der 70er Jahre änderte sich das Sportbild grundlegend. Die Spitzensportler wurden immer professioneller, trainierten immer umfangreicher und effektiver und konnten erstmals flächendeckend mit ihrem Sport genügend Geld verdienen, um nicht nebenbei arbeiten zu müssen. Der Professionalisierung der weltweiten Leistungssportler gehörten natürlich auch die Marathon-Läufer an.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Entwicklung der Marathon-Weltrekorde bei Männern und Frauen, eigene Darstellung, Daten von http://aimsworldrunning.org/statistics/CurrentYearStatistics.htm, 23.09.2008

Wie auch in anderen Sportarten gab es wahre Leistungsexplosionen zu verzeichnen. Der Marathon-Weltrekord konnte im Jahr 1970 auf 2:08:34 Stunden verbessert werden. Das Niveau konnte in den folgenden Jahren und Jahrzehnten ständig gesteigert werden, sodass der Marathon-Weltrekord bei den Männern inzwischen bei 2:03:59 Stunden, aufgestellt vom Äthiopier Haile Gebrselassie und bei den Frauen bei 2:15:25 Stunden, gelaufen von der Engländerin Paula Radcliffe, steht. Die Professionalisierung wurde vor allem in den 80er und 90er Jahren immer größer. Die Trainingsumfänge erfuhren seit den 80er Jahren kontinuierliche Steigerungen. Wie in vielen anderen Sportarten auch wurden die Marathonis zu Profis, die sich voll und ganz auf ihren Sport und das dazu notwendige Training konzentrierten. Auch die Preisgelder der Marathon-Veranstaltungen wurden zu Beginn der 90er Jahren wesentlich höher, sodass das Marathon-Laufen immer lukrativer wurde. Die größte Preisgeldausschüttung findet beim Boston-Marathon statt. Im Jahr 2008 erhielten dort die Sieger sowohl bei den Männern, als auch bei den Frauen, eine Siegprämie in Höhe von 150.000 Dollar.[32] Insgesamt wurde beim Boston-Marathon im Jahr 2008 ein Gesamtpreisgeld von 796.000 Dollar ausgeschüttet.[33] Beim New-York- und Berlin-Marathon erhalten die Sieger rund 100.000 Euro. Hinzu kommen Prämien für Welt- oder Veranstaltungs-Rekorde im fünfstelligen Bereich sowie zusätzlich noch Sponsorenhonorare. Die männlichen und weiblichen Sieger der sogenannten „World-Marathon-Majors-Serie“, die seit Januar 2006 die fünf bedeutendsten Marathon-Events, nämlich New York, Boston, Chicago, London und Berlin, vereinigt, erhalten sogar jeweils 500.000 Dollar.[34] In Berlin wurde im Jahr 2008 ein Gesamtpreisgeld von 609.395 Euro vergeben.[35] Somit lässt sich festhalten, dass die besten Marathon-Läufer seit den 90er Jahren von ihrem Sport nicht nur gut leben können, sondern, wenn man die allerbesten Marathonis als Maßstab nimmt, sogar reich werden können. Für diese Entwicklung ist nicht nur die kontinuierliche Erhöhung der Preisgelder, sondern auch die stete Steigerung der Anzahl an großen Marathon-Veranstaltungen verantwortlich.

3.1.2 Entwicklung der Läuferzahlen

Der deutsche Spitzenläufer und Olympia-Teilnehmer Thomas Wessinghage beschrieb den Lauf- und Marathon-Boom folgendermaßen: „So scheint sich der Mensch gerade in dem Augenblick, da sich der jahrtausendalte Traum der totalen Mobilität verwirklicht hat, wieder seiner ursprünglichen, natürlichen Gaben und Fähigkeiten zu besinnen.“[36] In den 70er Jahren begann man in Deutschland plötzlich damit, aktiv Sport zu treiben und nicht wie bis dato nur zu konsumieren. Man eiferte den Leistungssportlern nach und begann in seiner Freizeit regelmäßig Sport zu treiben. Dies bezog sich vor allem auf den Marathon-Sport, der von diesem Zeitpunkt an einen enormen Boom erlebte. Laufen und Marathon-Laufen wurde plötzlich „in“ in der Gesellschaft. „Der Wegbereiter für das Joggen in Deutschland war der Arzt Ernst van Aaken aus Waldniel bei Mönchengladbach, der den langsamen Dauerlauf propagierte und ihn bereits 1947 als „Traben“ bezeichnete. […] Seitdem hat das langsame Laufen Millionen von Anhängern auf der ganzen Welt gefunden.“[37] Außer van Aaken waren es der US-Amerikaner Bill Bowerman sowie der Neuseeländer Arthur Lydiard, die den Dauerlauf weltweit populär machten und damit die Voraussetzung für den Marathon-Sport als Massenphänomen schufen.[38]

Insgesamt betreiben in Deutschland zirka 16 Millionen Menschen den Laufsport. Somit läuft also jeder Fünfte deutsche Bürger. Dies ist ein Durchschnittswert aus verschiedenen Untersuchungen, deren Ergebnisse zwischen 13 und 19 Millionen schwankten. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass diese Zahl wohl alle Läufer, also auch diejenigen, die nur alle paar Monate laufen, zusammenfasst. Der allgemeine Laufboom hält nach wie vor an, was sich daran zeigt, dass die Zahl der Läufer in Deutschland innerhalb der letzten fünf Jahren um zirka 19 Prozent, also um rund drei Millionen Sportler, gestiegen ist.[39]

Die Entwicklung des Marathons als Massensport hinkt der des Laufens als Volkssport rund zehn Jahre hinterher, doch sind die Steigerungsraten der Marathon-Läufer seit dem Jahr 1980 ebenso hoch wie die der allgemeinen Läufer. Der Marathon-Boom begann in Deutschland in den 70er Jahren und hatte in den 80er und 90er Jahren seinen Höhepunkt. In Deutschland gibt es schätzungsweise 100.000 Marathonis. Diese Zahl basiert auf der Erkenntnis, dass es im Jahr 2003 98.700 Marathon-Läufer in Deutschland gab.[40] Somit beträgt der Prozentsatz der deutschen Marathonis zirka 0,12, sodass man festhalten kann, dass in Deutschland jeder Achthundertste Marathon läuft.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Entwicklung der Teilnehmerzahlen beim Berlin-Marathon, eigene Darstellung, Daten von http://www.arrs.net/HP_BerMa.htm, 23.09.2008

Die Steigerungsraten der letzten 30 Jahre sind enorm hoch. Dies ist an der Teilnehmerentwicklung des Berlin-Marathons sehr gut nachzuvollziehen. Man startete dort bei der Premiere im Jahr 1974 mit 244 Läufern. Der erste große Aufschwung konnte im Jahr 1981 mit mehr als 2.500 Läufern verzeichnet werden, da zu dieser Zeit der Marathon-Boom in Deutschland begann und die Veranstaltung in jenem Jahr erstmals in der Innenstadt ausgetragen wurde. Schon 1985 konnte der Berlin-Marathon im Zuge des Marathon-Aufschwungs die 10.000-Teilnehmer-Marke knacken. Ein Ausläufer geschah im Jahr 1990, wo aufgrund der Wiedervereinigung knapp 23.000 Sportler in Berlin antraten. Diese Marke erreichte Berlin erst wieder im Jahr 2000. Von da an konnte die Teilnehmerzahl kontinuierlich um weitere 75 Prozent gesteigert werden.

Im Jahr 1976 gab es in Deutschland rund 8.000 Marathon-Läufer.[41] Die Zahl der deutschen Marathonis hat sich also innerhalb der letzten 30 Jahren verzwölftfacht. In Deutschland gibt es weltweit die zweitmeisten Marathon-Läufer hinter den USA. Dort gibt es nämlich rund 30 Millionen Läufer, wobei dort im Gegensatz zu deutschen Verhältnissen die Mehrzahl der Läufer weiblich ist und auch der Anteil derjenigen, die Marathon laufen, höher ist.[42] In den USA wohnen weltweit die meisten Marathonis, nämlich rund 400.000, wobei sich diese Zahl seit dem Jahr 1990 in etwa verdoppelt hat.[43] Doch gab es bereits im Jahr 1980 in den USA 120.000 Marathonis, also mehr als heutzutage in Deutschland.[44] Weltweit gibt es schätzungsweise rund eine Million Marathon-Läufer.

[...]


[1] Pramann, U.: Faszination Marathon, S. 17

[2] http://www.lds.nrw.de/kommunalprofil, 20.09.2008

[3] Siehe Umfragebogen in der Anlage

[4] Krämer, H.: Marathon, S. 13

[5] Pramann, U.: Faszination Marathon, S. 42

[6] Goette, H.: Marathon, S. 78

[7] Krämer, H.: Marathon, S. 13

[8] Goette, H.: Marathon, S. 78

[9] Krämer, H.: Marathon, S. 13

[10] Goette, H.: Marathon, S. 78

[11] Goette, H.: Marathon, S. 78

[12] http://www.ndr.de/edmonton2001/disziplinen/marathon/datenfakten.html, 23.09.2008

[13] http://www.athen-magazin.eu/ameu/modules.php?name=News&file=article&sid=236, 23.09.2008

[14] Neumann, G.: Das große Buch vom Laufen, S. 14

[15] Goette, H.: Marathon, S. 136

[16] Goette, H.: Marathon, S. 137

[17] Krämer, H.: Marathon, S. 18/19

[18] Cierpinski, W.: Meilenweit bis Marathon, S. 17

[19] Cierpinski, W.: Meilenweit bis Marathon, S. 21

[20] Goette, H.: Marathon, S. 136/137

[21] Steffny, M.: Spiridon, 7/08, S. 13

[22] http://www.runnersworld.de/d/100439, 22.09.2008

[23] Goette, H.: Marathon, S. 136

[24] Steffny, M: Spiridon, 7/08, S. 13

[25] Horlemann, W: Marathonlauf, S. 9

[26] Steffny, M.: Spiridon, 7/08, S. 14

[27] Appell, H.: Marathon, S. 12

[28] Steffny, M.: Spiridon, 7/08, S. 12

[29] Neumann, G.: Das große Buch vom Laufen, S. 537

[30] Horlemann, W.: Marathonlauf, S. 14/15

[31] Neumann, G.: Das große Buch vom Laufen, S. 538

[32] http://www.sportgate.de/wintersport/weitere/artikel/boston-marathon-lockt-mit-rekord-preisgeld-19259, 30.09.2008

[33] http://www.worldmarathonmajors.com/DE/news/167, 30.09.2008

[34] http://www.worldmarathonmajors.com/DE/news/167, 30.09.2008

[35] http://www.arrs.net/HP_BerMa.htm, 24.09.2008

[36] Wessinghage, E.: Laufen, S. 15

[37] Neumann, G.: Das große Buch vom Laufen, S. 13

[38] Steffny, M.: Marathontraining, S. 17

[39] http://www.nsf-la.de/Veranstaltungen/laufboom.php, 23.09.2008

[40] http://www.leichtathletik.de/index.php?NavID=1&SiteID=28&NewsID=6720, 23.09.2008

[41] Steffny, M.: Marathontraining, S. 18

[42] Pramann, U.: Faszination Marathon, S. 69

[43] Steffny, H.: Perfektes Lauftraining, S. 113

[44] http://www.scc-events.com/news/news002002.html, 25.09.2008

Details

Seiten
59
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640236596
ISBN (Buch)
9783656882480
Dateigröße
720 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v119885
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,7
Schlagworte
Entwicklung Marathons Berücksichtigung Marathon-Laufens Bergischen Region

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Titel: Entwicklung des Marathons unter besonderer Berücksichtigung des Marathon-Laufens in der Bergischen Region