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Der Begriff des "Sozialen" im Werk von Max Weber und in der katholischen Soziallehre

Ein Vergleich

Hausarbeit 2008 27 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Gliederung

B – Der Sozialbegriff im Werk von Max Weber und in der katholischen Soziallehre – ein Vergleich
I. Einleitung
II. Max Weber
1. Der Kulturkampf in Preußen
2. Webers Verhältnis zur Religion
3. Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus
4. Wirtschaft und Gesellschaft
III. Die katholische Soziallehre
1. Historischer Überblick
2. Begriffsbestimmung
3. Der Sozialbegriff
IV. Die Sozialbegriffe im Vergleich

C – Literatur

B – Der Sozialbegriff im Werk von Max Weber und in der katholischen Soziallehre – ein Vergleich

I. Einleitung

„Zu sozial ist unsozial“ ist eines der bekanntesten Zitate Ludwig Erhards und: „Sozial ist, was Arbeit schafft“ heißt es in einem Präsidiumsbeschluss der Unionsparteien CDU und CSU von 2003. Auch eine große deutsche Volkspartei trägt das Wort „sozial“ in ihrem Namen.

Was aber heißt „sozial“? Der „Duden“[1] leitet „sozial“ vom lateinischen socialis ab, was mit „gesellschaftlich“ übersetzt werden kann. Er definiert „sozial“ als „das (geregelte) Zusammenleben der Menschen in Staat und Gesellschaft“ und „die Gesellschaft und besonders ihre ökonomischen und politischen Strukturen betreffend“.[2] Diese Definitionen sind allerdings recht allgemein und bedürfen der weiteren Untersuchung. Aus diesem Grund soll im nachfolgenden die Verwendung des Begriffes „sozial“ im Vergleich zwischen der katholischen Soziallehre und dem Werk des Soziologen Max Webers herausgearbeitet werden.

Kein anderes Wort wird in der heutigen Zeit im Rahmen von Wirtschaft und Politik inflationärer verwandt. „Sozialplan“, „Sozialabgaben“, aber auch „Soziale Marktwirtschaft“ und nicht zuletzt „Soziale Gerechtigkeit“ sind nur einige Beispiele dafür. Nicht immer ist dabei in solchen Aussagen die genaue Begrifflichkeit und der richtige Zusammenhang geklärt.

Zudem hat der Parlamentarische Rat bei der Schaffung des Grundgesetzes den verfassungsrechtlichen Auftrag des „Sozialstaates“ verankert. In Art. 20 Abs. I GG heißt es: „Die Bundesrepublik ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.“ Weitere Artikel des Grundgesetzes ergänzen und präzisieren diese sozialen Bestrebungen: Art. 6 Abs. IV GG, Art. 12 GG und Art. 14 Abs. II GG. Die große Bedeutung des Sozialstaatsprinzips lässt sich auch daran ablesen, dass Art. 20 GG von der sogenannten „Ewigkeitsklausel“ (Art. 79 Abs. III GG) als unabänderlich geschützt wird.

Zwar ist die verfassungsrechtliche Verankerung der sozialen Prinzipien eine moderne Errungenschaft der Bundesrepublik Deutschland, aber die theoretische Beschreibung und intellektuelle Entwicklung derselben ist so alt wie das Problem selbst, welches damit gelöst werden soll. Es stellt sich daher die Frage, welche unterschiedliche Bedeutung der Begriff „sozial“ annehmen kann, oder ob es eine feststehende Bedeutung gibt. Auch ist zu klären, welche unterschiedliche Rezeptionsgeschichte dieser Begriff erfahren hat. Wie hat ihn einerseits Max Weber in seinem Werk entwickelt und verwandt? Auf welche Weise die katholische Kirche? Es ist zu vergleichen, ob beide Sozialbegriffe synonym gebraucht werden können oder ob sie sich fundamental unterscheiden. Zusätzlich kann aus der historischen Betrachtung erkannt werden, in welcher Tradition der Begriff „sozial“ heute verwandt wird.

Dazu wird das Werk Webers und die katholische Soziallehre zunächst getrennt voneinander betrachtet. Max Weber hat seine Soziologie als Wissenschaft, die „deutend verstehen und ursächlich erklären“ will, angelegt und hat daher auf die Abbildung der beobachteten Wirklichkeit zurückgegriffen. Deshalb ist es zuerst notwendig, den Blick auf die historische Perspektive zu lenken. Aus diesem Grund wird das Ringen Bismarcks (also Preußens) mit der katholischen Kirche im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert, welches unter dem Begriff „Kulturkampf“ in die Geschichtsbücher eingegangen ist, beleuchtet. So dann soll auch Webers Verhältnis zur Religion nicht unerwähnt bleiben. Danach wird anhand der Weberschen Bücher „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ (1905) und „Wirtschaft und Gesellschaft“ (1920) sein Sozialbegriff identifiziert und erläutert.

Ein ähnlicher Weg soll bei der Betrachtung der katholischen Soziallehre eingeschlagen werden. Die päpstlichen Lehrschreiben zur „Sozialen Frage“ werden im historischen Zeitablauf dargestellt. Da die Verwendung des Begriffes „sozial“ nicht isoliert von der übrigen Lehre gesehen werden kann, soll diese zunächst erläutert und ihre wichtigsten Grundzüge definiert werden. Dann wird der Sozialbegriff der katholischen Kirche aus den Enzykliken eruiert. Wobei vor allem auf „Rerum novarum“ (1891) und „Quadragesimo anno“ (1931) eingegangen wird, da diese die Grundlagen bilden. Abschließend werden die beiden Sozialbegriffe einander gegenübergestellt und miteinander verglichen.

Beim diesem Vergleich der Sozialbegriffe ergeben sich allerdings einige Probleme. Aufgrund des großen Umfanges, sowohl was das Werk Max Webers, als auch die katholische Soziallehre angeht, kann dies nur an ausgewählten Beispielen erfolgen. Zudem stellen wiederum beide keine ursächlich angestrebte Definition des Begriffes „sozial“ dar, sondern haben andere Fragestellungen als Grundlage. Die Entwicklung der jeweiligen Sozialbegriffe kann daher nur auf interpretierende Art und Weise erfolgen. Des weiteren ist die katholische Soziallehre keine in sich abgeschlossene Theorie, sondern die schriftliche Reaktion des heiligen Stuhls auf drängende Fragen der Zeit. Diese Fragen haben sich seit der Veröffentlichung der ersten Sozialenzyklika „Rerum Novarum“ im Jahr 1891 naturgemäß verändert. Ein Vergleich der neueren Enzykliken mit dem zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts veröffentlichten Schriften Webers ist daher nur unter Vorbehalt möglich.

Abschließend muss noch darauf hingewiesen werden, dass Max Weber zwar selbst Protestant war und in seiner Soziologie den Protestantismus thematisiert hat, er aber weder als Vertreter der protestantischen Bekenntnisse argumentiert, noch in ihrem Namen spricht. Die Gegenüberstellung einer möglicherweise unterschiedlichen Soziallehre der beiden christlichen Kirchen wird daher nicht angestrebt und ist nicht Gegenstand der vorliegenden Untersuchung.

II. Max Weber

1. Der Kulturkampf in Preußen

In Preußen wurde staatlicherseits ab den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts alles unternommen den „Ultramontanisten“, also den Katholiken, Einfluss und Teilhabe zu verwehren. Reichskanzler Bismarck „(...) warf (...) die Machtmittel des preußischen und neuen deutschen Staates mit Entschlossenheit (...) in die Waagschale“ und wurde so „(...) zum entschiedenen Kämpfer für die (...) ‚Errungenschaften der modernen Kultur‘, zum ‚Kulturkämpfer‘.“[3] Die „moderne Kultur“ kam dabei in Gestalt der freien wirtschaftlichen Kräfte, sowie dem Ausbau des deutschen Nationalstaates unter Führung Preußens daher.

Die Gründe für Bismarcks anti-katholische Haltung sind vielfältig. Sie reichen von außenpolitischen Überlegungen, wie der Angst vor einer katholischen Koalition gegen das Reich, oder der innenpolitischen Absicht, die liberale Mehrheit an sich zu binden und so ihr Wohlwollen in anderen Bereichen zu erkaufen, bis hin zu einer unterschiedlichen Staatsauffassung, bei der die verschiedenartige Binnenorganisation der beiden christlichen Kirchen eine Rolle gespielt haben mag. Hinzu kommt zudem noch die persönliche politische Erfahrung und Überzeugung Bismarcks, sein Heil im Konflikt zu suchen, um nicht zur Reaktion gezwungen zu werden und damit zum politischen Objekt degradiert zu werden. Dieses Vorgehen war ihm bereits in der Vergangenheit als erfolgreicher Weg aufgezeigt worden und hatte sich daher bewährt.[4]

Ein weiterer Fakt, der das antikatholische Moment bei Bismarck verstärkt hat, war das Entstehen der Zentrumspartei, also die politische Organisation einer weltanschaulichen Gemeinschaft. Bereits in den fünfziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts begann sich eine katholische Fraktion im preußischen Abgeordnetenhaus zu konstituieren. Zwar nahm die „Katholische Volkspartei“, wie sie sich vielerorts auch nannte, für sich in Anspruch verfassungstreu zu sein, aber gleichzeitig beheimatete sie antipreußische, antimodernistische und vor allem antiliberale Strömungen in ihren Reihen. Zudem bekannten sich nicht wenige Abgeordnete offen zu ihrem Konservativismus, was diese katholische Partei zur konservativen Alternative machte und damit in direkte Konkurrenz zu Bismarck brachte. All diese Dinge mussten zwangsläufig sein Misstrauen wecken. Bismarck, als „(...) Bollwerk der Tradition und der bestehenden Ordnung (...)“,[5] sah die Gefahr, dass seine zentrale Machtstellung auf parteipolitischem Wege durch das Zentrum untergraben wurde. Daran hatte er verständlicherweise kein Interesse.

Weiterhin ließ ein Antrag der Zentrumspartei im Reichstag im April 1871, welcher die Aufnahme bestimmter Grundrechte, die insbesondere für Katholiken existentiell waren, in die Verfassung beinhaltete, das groteske Bild entstehen, dass hier an der Erosion des deutschen und liberalen Verfassungsstaates, im Sinne „(...) von irdischen Weltherrschaftsplänen des Papstes (...)“,[6] gearbeitet wurde.

Was in diesem Zusammenhang viel mehr der Realität entsprach und politisch viel wichtiger war: Die katholische Kirche hatte sich immer mehr zur Stimme der Verlierer der liberalen Wirtschaftsordnung entwickelt. Die bäuerliche Landbevölkerung, Kleingewerbler und Handwerker sahen sich durch die einsetzende und immer weiter fortschreitende Industrialisierung in ihrer Existenz bedroht. Mit Ausnahme des Rheinlandes und Schlesiens hatten sich Katholiken nur selten „(...) dem modernen liberal-kapitalistischem Wirtschaftsleben angepasst (...)“.[7] Hinzu kamen neue soziale Gruppierungen, wie die der Arbeiterschaft, um die sich insbesondere der Mainzer Bischof Emanuel von Ketteler bemühte. Aus dem Versuch eine katholische Soziallehre zu formulieren, wurde von Bismarck die „(...) Bereitschaft abgeleitet, mit sozialistischen Kräften zu paktieren.“[8] Somit stellten die katholischen Sozialbemühungen „(...) ein potentiell revolutionäres Element (...)“[9] aus der Sicht Bismarcks dar.

Die Mischung aus parteipolitischer Konkurrenz, weltanschaulich-staatsorganisatorischem und wirtschaftspolitischem Gegensatz brandmarkten die katholische Kirche und die dazugehörigen Bevölkerungsanteile als grundsätzlich gefährlichen Feind. Für Bismarck musste sich daher unausweichlich die Frage stellen, ob das Zentrum, als politischer Träger dieser Bewegung, „(...) eine staats- und königstreue Partei“ war, „wenn die Loyalität offenbar auch im irdischen Leben im letzten nicht der Krone, sondern der Spitze der katholischen Hierarchie galt?“[10] Diese Infragestellung der Staatstreue äußerte Bismarck mehrfach in der Öffentlichkeit, wie beispielsweise in der „Kreuzzeitung“, womit er nur ein Ziel verfolgte: Die politische Meinung

gegen die Katholiken aufzubringen und Abwehrmaßnahmen des Staates zu rechtfertigen.[11]

Diese „Abwehrmaßnahmen“ begannen mit der Auflösung der Katholischen Abteilung im preußischen Kultusministerium und dem allseits bekannten „Kanzelparagraphen“ 1871, setzten sich mit dem provozierten Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit dem Heiligen Stuhl („Seien Sie außer Sorge: Nach Canossa gehen wir nicht – weder körperlich noch geistig!“),[12] und der Verstaatlichung des Schuldienstes 1872, sowie der Jesuiten- und Maigesetze[13] 1873 fort und endeten mit der Zivilehe und dem „Brotkorbgesetz“ 1875, welches die (katholische) Kirche von sämtlichen staatlichen Zuwendungen abschnitt. Bereits in der Debatte um das neue Schulaufsichtsgesetz machte Bismarck keinen Hehl daraus, wen er mit all diesen Maßnahmen treffen wollte.[14]

Die Entgegnung Ludwig Johann Windthorsts, einem der bedeutendsten Führer der Zentrumspartei und größter parlamentarischer Gegenspieler Bismarcks, machte jedoch deutlich, dass sich das Zentrum diesem Diktat nicht beugen werde. Im Gegenteil, sie werde „das Vorrücken nach links in diesem raschen Tempo“[15] nicht mitmachen. Dies hieß im Klartext nichts anderes, als dass Bismarck sich auf Kosten der alten Ordnung zum Sklaven der liberalen Mehrheit gemacht hat.[16] Und in der Tat: Bismarck und die Mehrheit der Liberalen, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven, fanden hier in einer einzigartigen Symbiose zusammen, um die Verhältnisse im Sinne „(...) eines freihändlerischen und zugleich industriewirtschaftlich orientierten Kapitalismus.“[17] umzugestalten.

2. Webers Verhältnis zur Religion

Die Umgestaltung der Gesellschaft zu einer modernen kapitalistischen Wirtschaftsordnung ist auch ein zentraler Untersuchungsgegenstand von Max Weber. Doch auch wenn er sich dabei mit einem ökonomischen und gesellschaftlichen Phänomen beschäftigte, wurden doch immer mehr „(...) die Religionen zu Webers neuem großem Thema (...), das ihn bis zum Ende seines Lebens festhielt (...).“[18] Unter dieser Prämisse ist es daher lohnenswert, einen Blick auf Webers Verhältnis zur Religion zu werfen.

Seine religiöse Prägung erfuhr Max Weber vor allem durch seine Vorfahren. Während die Familie väterlicherseits zwar „(...) in einem stockprotestantischen, von der Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts beeinflussten Milieu (...)“[19] zu Hause war, gehörte sie doch vielmehr zum deutschen Besitzbürgertum, deren Mitglieder Weber später eher als Vorbild für den Typus des modernen kapitalistischen Unternehmers dienen sollten. Ganz anders dagegen die Familie seiner Mutter Helene, die „(...) eher zum deutschen Bildungsbürgertum“[20] gehörte. Seine Mutter war calvinistisch geprägt und besaß daher eine starke religiöse Innerlichkeit und große soziale Verantwortung. Von dieser versuchte sie den jungen Max ebenfalls zu überzeugen, was aber an der großen Vorbildwirkung des eher lebenslustigen Vaters, scheiterte.

Erst später, während seiner Heidelberger Studienzeit und dann nach seiner Übersiedelung wegen seines Militärdienstes 1883 nach Straßburg, hat Max Weber die religiösen Ideale seiner Mutter besser verstanden. Während dieser Zeit hatte er regen oder besser: familiären Kontakt mit seiner Tante Ida und deren Mann, dem Straßburger Geschichtsprofessor Herrmann Baumgarten. Die Familie Baumgarten hat Weber nicht nur politisch sehr beeinflusst, sondern auch in religiösen Dingen, da seine Tante „(...) wie ihre Schwester tief von religiösen und sozialen Neigungen geprägt“[21] war. Allerdings wurde dabei dem „(...) Studenten Weber (...) der Spiritualismus als Element einer rigiden, weltfremden Frömmigkeit suspekt (...).“[22] Dies schlug sich auch später wieder, da Weber immer wieder betonte, „(...) man dürfe die ‚Protestantische Ethik‘ nicht als Ausdruck einer spiritualistischen Weltanschauung (...) mißverstehen.“[23]

[...]


[1] allein der „Duden” definiert „sozial” isoliert und nicht in Verbindung mit anderen Begriffen

[2] vgl. Drosdowski, 1995, Bd. 7

[3] Gall, 1997, S.540 f.

[4] vgl. Gall, 1997, S.541

[5] Gall, 1997, S.542

[6] Gall, 1997, S.548

[7] Gall, 1997, S.548

[8] Gall. 1997, S.549

[9] Gall. 1997, S.549

[10] Gall, 1997, S.544

[11] vgl. Gall, 1997, S.544 f.

[12] Ausspruch Bismarcks in der Reichtagssitzung vom 14.5.1872

[13] Verbot des Jesuitenordens, sowie aller anderen Orden mit Ausnahme der caritativen Orden

[14] vgl. Gall, 1997, S.558

[15] aus: Gall, 1997, S.560

[16] vgl. Gall, 1997, S.560

[17] Gall, 1997, S.566

[18] Radkau, 2005, S.317

[19] Radkau, 2005, S.320

[20] Kaesler, 2003, S.12

[21] Kaesler, 2003, S.16

[22] Radkau, 2005, S.317

[23] Radkau, 2005, S.316

Details

Seiten
27
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640240012
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v119892
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Otto-Suhr-Institut
Note
1,3
Schlagworte
Begriff Sozialen Werk Weber Soziallehre Vergleich

Autor

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