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Der "Arizonaraum" in der Schule. Symbol der Disziplinaranstalt oder selbstreflexiver Ruheraum?

Examensarbeit 2008 124 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Thematische Relevanz und Zielsetzung
1.2 Aufbau der Arbeit

2 Unterrichtsstörungen
2.1 Verschiedene Definitionen zum Begriff „Unterrichtsstörungen“
2.2 Wünsche und Vorstellungen der Lehrer für ihren Unterricht
2.3 Unterrichtsstörungen aus Lehrersicht
2.4 Unterrichtstörungen aus Schülersicht
2.5 Verschiedene Typen von „Unterrichtsstörungen“
2.5.1 Unterrichtsstörungen, die aus Eigenschaften und Verhaltensweisen von Schülern resultieren
2.5.2 Unterrichtsstörungen, die aus Eigenschaften und Verhaltensweisen der Lehrkräfte resultieren
2.5.3 Unterrichtsstörungen, die durch äußere Ereignisse entstehen ...16
2.6 Der Einfluss der Schüler, Lehrer und der Schule als Institution im Hinblick auf die Entstehung von Unterrichtsstörungen
2.6.1 Die Schule als Institution
2.6.2 Der Einfluss der störenden Schüler
2.6.3 Der Einfluss des jeweiligen Lehrerverhaltens
2.7 Folgen von Unterrichtsstörungen
2.8 Welche Möglichkeiten haben die Lehrer den Unterrichtsstörungen entgegenzuwirken?

3 Das „Arizonaraum“ - Programm
3.1 Der Ursprung des Programms
3.2 Die Gründer des Programms
3.3 Die Wahrnehmungskontrolltheorie nach William T. Powers
3.3.1 Warum die üblichen Theorien über das Verhalten nicht ausreichen
3.3.2 Die Funktion der Wahrnehmungskontrolltheorie
3.3.3 Die Erklärung des Streitverhaltens
3.3.4 Die Wahrnehmungskontrolltheorie in Verbindung mit Unterrichtsstörungen
3.4 Die Grundzüge des „Arizonaraum“ – Programms
3.4.1 Allgemeine Ziele
3.4.2 Pädagogische Prinzipien
3.4.3 Konkrete Abläufe
3.5 Realisierung in der Praxis
3.5.1 Die Umsetzung des Programms nach Balke 41
3.5.2 Die Umsetzung des Programms nach Bründel und Simon
3.5.3 Gegenüberstellung der beiden Abläufe
3.6 Die Ausbildung des „Arizonaraum“ - Teams
3.7 Die Ziele des Programms
3.8 An welchen Schulen wird das Programm eingesetzt?

4 Strafe und Gerechtigkeit im Hinblick auf das „Arizonaraum“ - Programm
4.1 Ist das Programm rechtlich zulässig?
4.2 § 82 Hessisches Schulgesetz: Pädagogische Maßnahmen und Ordnungsmaßnahmen
4.3 Einige Maßnahmen des „Arizonaraum“ – Programms und deren rechtliche Zuordnung
4.4 Die Voraussetzungen für eine gerechte und sinnvolle Anwendung
des Programms
4.5 Bekannte Gründe für eine fehlerhafte Durchführung des „Arizonaraum“ – Programms nach Balz

5 Der Einsatz des „Arizonaraum“ – Programms am Beispiel der Langenbergschule in Birkenau
5.1 Beschreibung der Schule
5.2 Die Umsetzung des „Arizonaraum“ – Programms
5.2.1 Der Ablauf in der Klasse
5.2.2 Der Ablauf im Arizonaraum
5.2.3 Die Rückkehr in die Klasse
5.2.4 Weiterführende Maßnahmen
5.2.5 Die Ausbildung der „Arizonaraum“ – Betreuer

6 Eigene Schülerbefragung zum „Arizonaraum“ an der Langenbergschule
6.1 Durchführung der eigenen Befragung
6.2 Auswertung der Fragebögen

7 Résumée: Der „Arizonaraum“ in der Schule – Disziplinaranstalt oder selbstreflexiver Ruheraum?
7.1 Gegenüberstellung der Theorie und der Ergebnisse des Fragebogens
7.2 Fazit
7.3 Ausblick

8 Literaturverzeichnis
8.1 Internetangaben
8.2 Abbildungsverzeichnis

9 Anhang
9.1 Formulare der Langenbergschule
9.2 Fragebogen
9.3 Diagramme zur Auswertung der Fragebögen

1 Einleitung

1.1 Thematische Relevanz und Zielsetzung

Unterrichtsstörungen gehören an den meisten Schulen zur Tagesordnung. Das Getuschel in der letzten Reihe oder das fliegende Mäppchen scheinen vielerorts ebenso selbstverständlich wie der Tafelanschrieb und der endlose Lehrervortrag. Diese Störungen stellen für die Lehrer, im Hinblick auf die Verwirklichung ihres Unterrichts, ein großes Hindernis dar und können bis zu 60% einer Unterrichtsstunde ausmachen1. Die Reaktionen der Lehrer auf die Störungen sind vielfältig und breit gestreut: Sie reichen vom energischen Einschreiten bis hin zum gänzlichen Ignorieren des Schülerverhaltens. Es ist jedoch gleichgültig, wie der Lehrer reagiert, denn in jedem Fall stellt eine solche Unterbrechung eine Belastung dar. Es kommt nicht von ungefähr, dass immer mehr Lehrer über psychisch-vegetative beziehungsweise psychosomatische] Beschwerden klagen und aus diesem Grund frühpensioniert werden2. Neben diesen emotionalen Beschwerden können Unterrichtsstörungen aber auch zu Aggressionen und Ungerechtigkeiten gegenüber der Klasse führen, was wiederum die Schüler als sehr unangenehm erleben. Dies kommt vor allem dadurch, dass die Lehrer häufig spontan Maßnahmen ergreifen, die für die Schüler nicht berechenbar sind. Mit diesen Maßnahmen wollen die Lehrer meist nur die Handlungen der Schüler beeinflussen, nicht aber deren Denken, Wünsche und Zielsetzungen3. Letzteres wäre jedoch wichtig, um die Störungen auch langfristig beheben zu können. Wie aber soll es der Lehrer schaffen, die Klasse zu unterrichten und gleichzeitig auf die Hintergründe der Störaktionen der einzelnen Schüler einzugehen? Ein Lösungsansatz bietet das Trainingsraum - Programm, auch „Arizonaraum“-Programm4 genannt, das 1996 von Dr. Stefan Balke in Deutschland eingeführt wurde. Das Programm verfolgt im Wesentlichen zwei Ziele:

1. Die lernbereiten Schüler sollen geschützt werden und ihnen soll ein entspannter, ungestörter und qualitativ guter Unterricht angeboten werden.
2. Den „Störern“ soll eine Hilfe angeboten werden, um ihr Sozialverhalten zu verbessern, und um notwendige soziale Schlüsselqualifikationen zu erwerben.

Durch das Programm sollen für alle Beteiligten (Schüler, Lehrer, Schulleitung) neue Möglichkeiten und Freiräume geschaffen werden.

1.2 Aufbau der Arbeit

Die Arbeit gliedert sich in einen theoretischen und einen praktischen Teil. Kapitel zwei befasst sich mit Unterrichtsstörungen im Allgemeinen. Es wird hier auf die unterschiedlichen Betrachtungsweisen von Lehrern und Schülern eingegangen. Ebenso werden die Gründe für verschiedene Einflussfaktoren und deren Folgen näher erläutert. Des Weiteren wird auf einige häufig angewendete Maßnahmen zur Unterrichtsprävention und deren Nutzen eingegangen.

Kapitel drei beschäftigt sich mit dem Trainingsraum- bzw. „Arizonaraum“- Programm. Hierbei wird auf die Gründung des Programms eingegangen, die Theorie, welche sich dahinter verbirgt, wird erklärt und die Grundzüge des Programms werden näher erläutert. Darauf folgen die Ausführungen zweier unterschiedlicher Umsetzungsmöglichkeiten des „Arizonaraum“ - Programms. Zum einen der Umsetzung nach Dr. Stefan Balke und zum anderen der Umsetzung nach Heidrun Bründel und Erika Simon. Diese beiden Umsetzungsmöglichkeiten werden miteinander verglichen und die Vor- und Nachteile betrachtet. Ebenso wird in diesem Kapitel auf die Verbreitung des Programms, sowie dessen Ziele eingegangen.

In Kapitel vier wird der Fokus auf das hessische Schulgesetz gerichtet. Hierbei wird überprüft, ob die Maßnahmen, die während des „Arizonaraum“ – Programms angewendet werden, auch den rechtlichen Bestimmungen gerecht werden. Ebenso werden hierbei einige Ursachen für eine fehlerhafte Durchführung des Programms näher erläutert.

In Kapitel fünf wird der Einsatz des „Arizonaraum“ – Programms am Beispiel der Langenbergschule in Birkenau betrachtet. Hierbei werden erst die Rahmenbedingungen des Programms, welche von Schule zu Schule unterschiedlich sein können, dargestellt. Danach wird die Auswertung und Durchführung der Schülebefragung erläutert.

In Kapitel sechs wird die Durchführung der Schülerbefragung, sowie deren Auswertung dargestellt.

Die Arbeit schließt letztlich mit einem Resumée, das versucht, die im Rahmen der Arbeit gewonnenen Ergebnisse und Erkenntnisse darzustellen.

Zum besseren Verständnis möchte ich anmerken, dass ich in dieser Arbeit, mit Ausnahme von Kapitel 5. 2. 5 zur Ausbildung der „Arizonaraum“ – Betreuer und Kapitel 6. 2 zur Auswertung der Fragebögen, durchgängig die männliche Schreibweise verwende, mit dem Hinweis, dass damit selbstverständlich stets beide Geschlechter gemeint sind.

2 Unterrichtsstörungen

2.1 Verschiedene Definitionen zum Begriff „Unterrichtsstörungen“

Der Begriff „Unterrichtsstörungen“ erfährt in der heutigen Schulzeit immer mehr an Bedeutung. Jedoch lässt sich für diesen keine genaue Definition bestimmen, da dieser sehr weitläufig und auch willkürlich ist. Deshalb stelle ich im Folgenden einige Definitionen verschiedener Autoren dar.

- Lohmann (2003)5 :

“Unterrichtsstörungen sind Ereignisse, die den Lehr- und Lernprozess beeinträchtigen, unterbrechen oder unmöglich machen, indem sie die Voraussetzungen, unter denen Lehren und Lernen erst stattfinden kann, teilweise oder ganz außer Kraft setzen.”

- Ortner (2000)6 :

“Eine konkrete oder potentielle Unterrichtsstörung umfasst alles, was dazu führt oder führen kann, den Prozess oder die Beziehungsgefüge von Unterrichtssituationen zu unterbrechen (Biller 1981). Auf das Verhalten eines Schülers bezogen, betrifft Stören des Unterrichts alle Aktionen und Reaktionen, mit denen dieser sich bewusst über schulische Normen und Regeln hinwegsetzt. Das Störverhalten richtet sich dabei gegen den Lehrer, die Mitschüler oder gegen den Unterrichtsverlauf.“

- Gordon (1994)7 :

“Verhaltensweisen, die der Befriedigung der Bedürfnisse des Lehrers im Wege stehen oder den Lehrer veranlassen, sich frustriert, besorgt, irritiert oder ärgerlich zu fühlen. Ganz offenbar verursachen diese Verhaltensweisen den Lehrern ein Problem. Damit der Unterricht fortgesetzt werden kann, muss der Lehrer jedes dieser Probleme unmittelbar nach auftreten lösen.”

- Winkel (2005)8 :

“Eine Unterrichtsstörung liegt dann vor, wenn der Unterricht gestört ist, d.h. wenn das Lehren und Lernen stockt, aufhört, pervertiert, unerträglich oder inhuman wird.”

Die Definitionen sind sich vor allem in der Sache einig, dass eine Unterrichtsstörung dann vorliegt, wenn der Lern- und Lehrprozess unterbrochen wird. Wobei Ortner und Gordon dabei ausschließlich auf das Fehlverhalten der Schüler eingehen: „ Verhaltensweisen, die der Befriedigung der Bedürfnisse des Lehrers im Wege stehen oder den Lehrer veranlassen, sich frustriert, besorgt, irritiert oder ärgerlich zu fühlen.[…]“. Diese Definition ist meiner Meinung nach zu sehr auf den Lehrer gerichtet. Ist es nicht auch so, dass sich Lehrer in ihrer Störungsempfindlichkeit unterscheiden, dass es auch von deren Tagesform, der Stimmung, der Müdigkeit und der Gelassenheit abhängt, wie und ob sie auf eine Störung reagieren? Genau aus diesem Grund, sind die Definitionen von Gordon und Ortner, meiner Meinung nach, nicht gelungen. Vielmehr sollte darauf geachtet werden, warum es zu einer Störung kommen kann und welche Folgen damit zusammenhängen. Unterrichtsstörungen können auch unbewusst von Schülern oder Lehrern ausgehen, und somit das Lehren und Lernen negativ beeinflussen9. Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass die Schüler in einer anderen Welt leben und somit andere Ziele verfolgen als der Lehrer10 . Deshalb sind die Definitionen von Lohmann und Winkel meiner Meinung nach gelungener. Sie lassen außen vor, durch wen die Unterrichtsstörungen herbeigeführt werden.

In den folgenden Ausführungen sollen die Gründe, warum es zu Unterrichtsstörungen kommt, näher betrachtet werden. Der Fokus wird hierbei vor allem auf die unterschiedlichen Wünsche und Ziele von Schülern und Lehrern gerichtet.

2.2 Wünsche und Vorstellungen der Lehrer für ihren Unterricht

Zum einen haben die Lehrer pädagogische Ziele, die sie mit ihrem Unterricht erreichen wollen und zum anderen haben sie bestimmte Wünsche im Hinblick auf das Verhalten der Schüler selbst.

Pädagogische Ziele der Lehrer

Bei der Umfrage von Balke, in der Lehrer nach ihren wichtigsten pädagogischen Zielen im Unterricht befragt wurden, ergab sich folgende Reihenfolge. (Das meist genannte Ziel steht hier am Anfang):

1. eigenständiges Lernen
2. soziales Lernen
3. Wissensvermittlung

Im Hinblick auf „eigenständiges Lernen“ geht es den Lehrern vor allem darum, dass die Schüler in der Lage sind Eigenverantwortung zu tragen und damit auch selbstständiges Lernen oder Arbeiten zu erlernen.

Die zweitgrößte Gruppe beschreibt „soziales Lernen“ als ihr wichtigstes pädagogisches Ziel. Diese Lehrer legen viel Wert darauf, dass die Schüler sich sowohl in der Schule als auch in der Freizeit sozial verhalten und ein soziales Miteinander erfahren.

Bei der Wissensvermittlung geht es den Lehrern vor allem darum, dass sie ihre Lernziele erreichen und die Stoffvermittlung reibungslos verläuft.

Diese Ziele setzen ein bestimmtes Verhalten der Schüler voraus, was im nächsten Teil näher betrachtet wird.

Verhalten der Schüler, welches die Lehrer als wünschenswert und positiv ansehen

Die Schüler sollen...11

- ... gut vorbereitet sein.

Darunter zählt eine gute Vorbereitung auf den Unterricht und das vollständige Erledigen der Hausaufgaben. Das Arbeitsmaterial sollte vorhanden sein und das Bereitlegen der Unterrichtssachen zu Beginn der Unterrichtsstunde ist von großer Wichtigkeit.

- ... Form, Ordnung und Disziplin einhalten.

Es ist den Lehrern vor allem wichtig, dass die Schüler pünktlich in den Unterricht kommen, nicht ohne sich zu melden in die Klasse rufen und dass sie ihre Klassenkameraden nicht ablenken. Ebenfalls sollen sie die Anordnungen des Lehrers befolgen, ohne dass sie sich beschweren.

- ... Interesse, Konzentration und Ausdauer haben.

Im Hinblick auf diese drei Kriterien sollen die Schüler vor allem dem Unterricht aufmerksam folgen, konzentriert arbeiten, selbstständig arbeiten, Spaß an der Thematik haben, sowie Fehler einsehen und sich selbst korrigieren. Dies kann nur dann gewährleistet sein, wenn sich niemand mit unterrichtsfremden Dingen beschäftigt und die Schüler eigenes weiterführendes Denken zeigen. Den Lehrern ist es wichtig, dass sich die Klasse gerne mit dem jeweiligen Unterrichtsstoff auseinandersetzt. Je mehr Interesse bei den Schülern geweckt wird, desto höher ist die Beteiligung derer am Unterrichtsgeschehen.

- ... ein gutes Sozialverhalten zeigen.

Zu diesem Punkt zählt vor allem, dass man seine Mitschüler ausreden lässt. Ebenso ist es wichtig auf die Ratschläge des Lehrers und der Mitschüler zu achten, und auch auf diese einzugehen. Das kann nur geschehen, wenn die Schüler mitdenken, höflich und hilfsbereit sind und auch Niederlagen einstecken können, ohne dass dies Unruhe in die Klasse bringt.

Die Wünsche der Lehrer überraschen nicht, da mit der Einhaltung der obigen Punkte ein reibungsloser Unterricht, seitens der Lehrer, möglich wäre. Jedoch ist das für fast alle Unterrichtenden ein reines „Wunschdenken“, da die Realität oft ganz anders aussieht.

Im nächsten Abschnitt werde ich darauf eingehen, was die Lehrer als unterrichtsstörend empfinden. Hierbei beziehe ich mich ebenfalls auf die Umfrage von Balke, der die gleichen Lehrer auch zu diesem Aspekt befragt hat.

2.3 Unterrichtsstörungen aus Lehrersicht

Die Lehrer nannten folgende Schwerpunkte, die sie als unterrichtsstörend definieren12:

- Ablenkung

Es gibt viele Aspekte, welche die Ablenkung eines Schülers beschreiben. Es fängt damit an, dass ein Schüler die Gruppenarbeit stört, unaufgefordert in die Klasse ruft, Geräusche macht oder auch unaufgefordert den Platz verlässt. All diese Dinge, welche nur einige Varianten darstellen, lenken die restliche Klasse ab und werden somit von dem Lehrer als unterrichtsstörend empfunden.

- Unruhe

Als Unruhe empfindet es der Lehrer, wenn Schüler auf dem Stuhl schaukeln, mit Stiften oder anderen Gegenständen klappern, unkonzentriert sind oder gar in der Tasche herumräumen.

- Aggressives oder dominantes Verhalten

Hierunter versteht man, wenn Schüler durch mangelnde Selbstkontrolle auffallen, den Lehrer beschimpfen, schwächere Schüler bedrohen und auslachen oder den Mitschülern Materialien wegnehmen. Des Weiteren kommt hinzu, wenn sich die Schüler gegenseitig bedrohen, beleidigen oder körperlich verletzen.

- Mutwilliges Zerstören von Sachen

Darunter zählt zum einen das Bekritzeln von Bänken und Tischen, ebenso wie die Beschädigung von eigenen oder fremden Arbeitsmaterialien.

- Unsoziales Verhalten

Die Schüler lassen einander nicht ausreden, drängeln sich vor oder reden in der Muttersprache. Auch das Unterbrechen des Lehrers oder das Schreien durch die Klasse während des Unterrichts zählen zu unsozialem Verhalten.

- Desinteresse

Es gibt unzählige Möglichkeiten, mit denen Schüler Desinteresse zeigen: Sie hören nicht zu, hören Musik über Kopfhörer und beschäftigen sich mit unterrichtsfremden Dingen. Diese Schüler sind mit ihren Gedanken nicht bei der Sache und beteiligen sich aufgrund dessen nicht am Unterrichtsgespräch. Ebenfalls ist das unentschuldigte Fehlen diesem Punkt zuzuordnen.

- Verzögerung und Verweigerung der Mitarbeit

Diese Schüler verweigern die Mitarbeit, lassen sich beim Auspacken der Unterrichtsmaterialien viel Zeit oder haben ihre Materialien nicht dabei. Sie machen keine Hausaufgaben, nehmen nicht am Unterricht teil und verweigern Leistungen.

- Keine Einsicht zeigen

Zu diesem Punkt zählen unter anderem folgende Verhaltensweisen:

- nicht auf Ermahnungen reagieren,
- sich nicht rücksichtsvoll gegenüber anderen zeigen,
- lügen und das Erfinden von Ausreden für nicht gemachte Aufgaben,
- nicht für negatives Verhalten einstehen,
- nur Dinge tun, auf die man gerade Lust hat.

Diese Schüler vertreten oft die Absicht, dass die Schulzeit „abgesessen“ werden muss.

Die Lehrer zeigen bei diesen Punkten, dass ein breites Spektrum an Unterrichtsstörungen bekannt ist. Jedoch ist hier festzustellen, dass Störungen im Unterricht nahezu als unangemessenes Schülerverhalten wahrgenommen werden. Schaut man sich beispielsweise den Punkt „Desinteresse“ an. Ist es nicht so, dass es auch am Lehrer liegt, ob der Unterricht für die Schüler interessant ist? Ist es nicht so, dass es auch viele Lehrer gibt, die sich keine Mühe geben oder mit Frontalunterricht das Desinteresse der Schüler fördern?

Schüler empfinden und definieren Unterrichtsstörungen wie folgt:

2.4 Unterrichtstörungen aus Schülersicht

Schüler nehmen den Unterricht anders wahr als die Lehrer. Die Unterrichtsforschung hat in den letzten Jahren immer wieder das Lehrer- und Schülerverhalten verglichen und liefert einige interessante Einblicke13:

- Schüler schätzen ihre gesamte Lernumwelt viel ungünstiger ein als Lehrer. Insbesondere gilt dies für die Merkmale wie „Zufriedenheit mit den Mitschülern“, „Gleichbehandlung der Schüler durch den Lehrer“, „resignative Haltung von Schülern“, „Aggressionen gegen den Lehrer“ und „Mitarbeit im Unterricht“, welche von Lehrern weitaus positiver beurteilt werden als von den Schülern selbst14.
- Die Handlungsziele der Lehrer werden von den Schülern anders bewertet als von diesen selbst. Für die Schüler dient das Lehrerhandeln den Zielen, die mit der Unterrichtsorganisation und Kontrolle verbunden sind. Dazu gehören unter anderem „Klassendisziplin aufrechterhalten bzw. herstellen“ oder „Unterrichtsplan einhalten“ bzw. „im Stoff weiterkommen“15.
- Die Umgangsweise zwischen den Schülern, insbesondere die Wortwahl, wird von diesen weniger kritisch gesehen als von den Lehrern16.
- Ablenkungen werden von den Lehrern viel häufiger wahrgenommen als von den Schülern selbst. Diese scheinen unter den Störungen demnach auch weniger zu leiden17.
- Akustische Störungen empfinden Schüler als sehr beeinträchtigend18.
- Schüler sehen sowohl den Lehrer und seinen Unterricht, aber zum Teil auch sich selbst als Ursache von Unterrichtsstörungen und Disziplinkonflikten. Lehrer sehen oft nur die Schüler als Ursache19.
- Während die Schüler angeben, dass die Lehrer hauptsächlich mit Schimpfen und Brüllen mit den schwierigen Schülern fertig werden, kommen diese Maßnahmen in den Lehrerantworten nicht vor. Sie geben dagegen an, dass sie dies nur durch „gutes Zureden“ schaffen würden20.

Zusammenfassend ist nun festzustellen, dass die Schüler in einer anderen Welt leben und andere Ziele verfolgen21, deshalb nehmen sie verschiedene Situationen auch anders wahr als die Lehrer. So gibt es Dinge, die der Lehrer als sehr störend empfindet, beispielsweise wenn die Schüler Schimpfwörter untereinander austauschen, was für diese wiederum kein Problem darstellt. Dies können wiederum viele Lehrer oft nicht verstehen und deshalb kommt es zu Konflikten im Unterricht. Der Unterschied liegt darin, dass die Schüler nichtakademische Ziele verfolgen. Darunter zählen unter anderem „Freunde treffen“ und „mit Mitschülern reden“22. Die akademischen Ziele wie „gute Noten“, „etwas lernen“ oder gar „versetzt werden“ sind für sie eher zweitrangig23. Auf die Gründe, warum es überhaupt zu Unterrichtsstörungen kommt, werde ich jedoch unter Punkt 2. 6 näher eingehen.

2.5 Verschiedene Typen von „Unterrichtsstörungen“

Trotz der unterschiedlichen Wahrnehmung von „Unterrichtsstörungen“, zwischen Lehrern und Schülern, lassen sich deren Aussagen in drei verschiedene Typen von Unterrichtsstörungen einteilen. Zum einen gibt es die Unterrichtsstörungen, die aus den Eigenschaften und Verhaltensweisen von Schülern resultieren, zum anderen diese, die aus Eigenschaften und Verhaltensweisen von Lehrern resultieren, und auch die, die durch äußere Einflüsse hervorgerufen werden.

2.5.1 Unterrichtsstörungen, die aus Eigenschaften und Verhaltensweisen von Schülern resultieren

Man unterscheidet hier zwischen drei verschiedenen Störungen, die durch das Schülerverhalten hervorgerufen werden können.

Die aktive Unterrichtsstörung

Zu den aktiven Unterrichtsstörungen zählen vor allem die von Lehrern genannten Punkte „Ablenken“, „Unruhe“ und „Unsoziales Verhalten“. Diese Störungen werden auch als „Disziplinprobleme“ bezeichnet und bringen den Lehrer oft an seine Grenzen. Der Unterricht kann meist erst nach minutenlanger Unruhe beginnen, die Schüler führen Privatgespräche, brüllen in den Raum ohne sich zu melden oder sie begleiten Beiträge mit Gelächter24.

Die passive Unterrichtsstörung

Diese bestehen nicht aus Übermaß von unerwünschten Aktivitäten, sondern vielmehr aus Mangel an erwünschten Aktivitäten25. Die Punkte „Desinteresse“, „Verzögerung und Verweigerung von Mitarbeit“ und „Keine Einsicht zeigen“ zählen zu den passiven Unterrichtsstörungen. Es handelt sich bei dieser Störung nicht unbedingt darum, dass die Schüler den Unterricht durch lautes Verhalten stören, jedoch wird der Lehr- und Lernprozess durch deren resignatives Verhalten gestört.

Störungen der Schüler – Schüler – Interaktion

Diese Störungen können den Punkten „aggressives oder dominantes Verhalten“ und „Sachen werden mutwillig zerstört“ zugeordnet werden. Hier geht es primär darum, dass es zwischen Gruppen oder einzelnen Schülern in der Klasse Unstimmigkeiten gibt. Diese können ebenfalls den Unterricht beeinflussen und diesen somit erschweren.

2.5.2 Unterrichtsstörungen, die aus Eigenschaften und Verhaltensweisen der Lehrkräfte resultieren

Hierzu gehören unter anderem:

- „Uninteressanter und nicht abwechselungsreicher Lehrstil“,
- „die Lehrkraft behandelt die Schüler unterschiedlich und ungerecht“,
- „die Lehrkraft macht unangemessene ironische und/oder sarkastische Bemerkungen“,
- „ der Lehrer hat Vorurteile gegenüber den Schülern“ (dies ist oft auch ein Problem gegenüber Schülern, die zu den häufigen „Störern“ gehören),
- „die Lehrkraft kommt zu spät“,
- „nicht oder schlecht vorbereitet in den Unterricht“,
- „unklare Arbeitsanweisungen“,
- „schlechte oder unverständliche Aussprache“,
- „zu laute oder zu leise Stimme“,
- „unsicheres Auftreten“,
- „sehr unruhige Art“,
- „unangemessene Kleidung“,
- „Telefongespräche während des Unterrichts“,
- „Erzählungen über das Privatleben“26.

Dies können ausschlaggebende Punkte dafür sein, dass die Schüler den Unterricht unterbrechen oder anders reagieren, als es sich der Lehrer in diesem Moment vorstellt.

2.5.3 Unterrichtsstörungen, die durch äußere Ereignisse entstehen

Äußere Ereignisse, wie beispielsweise „Ausfall von Unterrichtsstunden“, „schlechte Raum- und Medienausstattung“, „unplanmäßiger Raumwechsel“, „Feueralarm“ oder „jemand betritt den Klassenraum während des Unterrichts wegen einem Anliegen“ können den Unterrichtsfluss ebenfalls beeinträchtigen und ins Stocken bringen.

Allerdings werden diese Ereignisse nicht zum Schwerpunkt dieser Arbeit gehören. Der Fokus richtet sich hierbei vor allem auf die Unterrichtsstörungen, welche durch den Konflikt zwischen Lehrer- und Schülerverhalten entstehen.

2. 6 Der Einfluss der Schüler, Lehrer und der Schule als Institution im Hinblick auf die Entstehung von Unterrichtsstörungen

In den Medien wird immer wieder auf die Gründe „ Wohlstandsgesellschaft“, „Reizüberflutung“, „Fernsehen“ oder auch „Stress“ zurückgegriffen27. Diese Gründe beeinflussen zwar das Schülerverhalten, sie sind jedoch nicht die Hauptursache für Unterrichtsstörungen. Wie in den vorherigen Ausführungen erwähnt, muss eine Störung nicht immer von den Schülern hervorgerufen werden. Ich möchte nun auf die Gründe, welche Nolting aufführt, eingehen. Er erklärt, dass man drei Blickrichtungen im Hinblick auf die Erklärungssuche unterscheiden muss. Diese sind28:

- die Schule als Institution
- die Schüler (Einzelne, Zusammensetzung der Klasse)
- die Lehrer

2.6.1 Die Schule als Institution

Aufgrund der Defizite und Zwänge, welche die Schule als Institution produziert, sind Störungen nicht verwunderlich29. Es fängt schon damit an, wie auch schon erwähnt, dass die Absichten der Lehrkräfte nicht immer mit deren der Schüler übereinstimmen. Dies ist mit Sicherheit einer der Hauptgründe, warum es immer wieder zu Störungen kommt. Daraus resultiert ferner, dass sich Schüler, die sich nicht für das „Unterrichtsprogramm“ des Lehrers begeistern können, diesem entziehen und dazu neigen, unterrichtsfremde Dinge zu tun. Die Frage ist allerdings, in welchem Maße der Unterricht durch diese Dinge beeinträchtigt wird. Dies hat nach Nolting wiederum damit zu tun, in wie weit die Störungen mit den Schülern und in wie weit diese mit den Lehrkräften zusammenhängen, da die Reaktionen von Lehrern auf Unterrichtsstörungen vielfältig und breit gestreut sind30.

2.6.2 Der Einfluss der störenden Schüler

Natürlich könnte man es sich einfach machen und die Unterrichtsstörungen, die durch die Schüler entstehen, damit erklären, dass diese psychische Störungen aufweisen und deren privates und soziales Umfeld für das Verhalten verantwortlich sind. Diese Erklärung macht Sinn, wenn man betrachtet, dass es oft die gleichen Schüler sind, die im Unterricht auffallen. Man kann auf der einen Seite sagen, dass Unterrichtsstörungen ein individuelles Problem sind31, da manche Schüler oft stören und andere wiederum überhaupt nicht. Auf der anderen Seite muss man allerdings beachten, dass es auch auf situative und interpersonale Einflüsse ankommt, die das Störverhalten hervorrufen können. Im Schulunterricht gehören hierzu: das Verhalten der Mitschüler, das jeweilige Fach, die jeweilige Unterrichtsform und das Verhalten der Lehrkraft.

Zusammenfassend ist hierzu zu sagen, dass das Verhalten nicht nur personal, sondern auch interpersonal betrachtet werden muss32. Das bedeutet, dass das Fehlverhalten zwar von dem jeweiligen Schüler ausgeht, es kann jedoch auch aus einer Ablenkung heraus resultieren. Ebenso kommt es vor, dass der Schüler selbst sein Verhalten nicht als Störung wahrnimmt. Für die Lehrkraft kann es allerdings zu Problemen kommen, wenn die Klasse überwiegend aus schwachen Schülern besteht und diese auch noch schwache soziale Kompetenzen aufweisen. In diesem Fall kommt es auf den jeweiligen Lehrer an, wie er mit dieser Situation klarkommt, da diese mit den jeweiligen Bedingungen recht unterschiedlich umgehen.

2.6.3 Der Einfluss des jeweiligen Lehrerverhaltens

Es lässt sich beobachten, dass sich Schüler bei unterschiedlichen Lehrern unterschiedlich verhalten. Bei manchen Lehrern trauen sie sich noch nicht einmal laut Luft zu holen, da dies schon zu einer Ermahnung führen könnte. Bei anderen Lehrern halten sie ungehemmt ein leises „Schwätzchen“ mit dem Tischnachbarn. Somit steht der Faktor „Lehrerverhalten“ ganz vorne, wenn es um die Gründe für Unterrichtsstörungen geht. Hierbei gilt es primär zwei Fragestellungen zu beantworten33:

1. Warum ist die Disziplin in der gleichen Klasse bei dem einen Lehrer anders als bei einem anderen?
2. Warum werden in einigen Klassen manche Lehrer – Schüler – Konflikte zum Dauerproblem, während bei anderen Lehrkräften ähnliche Konflikte zügig gelöst werden?

Damit soll den Lehrern nicht die Schuld im Hinblick auf die Entstehung von Unterrichtsstörungen gegeben werden. Vielmehr sollen die verschiedenen Möglichkeiten betrachtet werden, welche die Lehrkräfte innerhalb ihrer Handlungsstrategien haben. Es fällt vor allem auf, dass bei der Analyse von ineffektivem Lehrerhandeln, festzustellen ist, dass viele Lehrer überwiegend einseitige und ungeeignete Strategien anwenden34. Hier einige Beispiele:

- Inkonsequenz: Dazu gehören Ermahnungen, Verwarnungen und Drohungen, welche trotz ihrer Wirkungslosigkeit immer wieder angewendet werden.
- ungeeignete Interventionen: Disziplinarmaßnahmen, die die Lehrkraft auswählt, führen keine Besserung herbei und werden bald selbst zur Störungsquelle. Dies wirkt sich wiederum negativ auf die Beziehungsebene aus und problemlösende Strategien werden nicht angewendet.
- einseitiger Adressat der Handlungen: Bei den Interventionen handelt es sich hierbei ausschließlich um Disziplinarmaßnahmen, die das Schülerverhalten verändern sollen. Änderungen des Lehrerverhaltens, der Umgebung oder der Einstellung der Lehrkraft werden nicht vorgenommen.

Aus diesen Strategien lässt sich entnehmen, dass sich Lehrer, die sich auf disziplinarische Interventionen verlassen, auf verlorenem Posten stehen. Es hat auch nicht unbedingt mit der Persönlichkeit der jeweiligen Lehrkraft zu tun, ob diese mit einer Klasse klar kommt oder nicht. Viel wichtiger ist es auf die Klasse und die einzelnen Schüler einzugehen, um ein optimales Lernklima zu schaffen. Falsch ist es vor allem, wenn Lehrer Regeln aufstellen, auf deren Einhaltung sie später nicht achten. Ebenso ist es ein Fehler die Schüler immer nur zu ermahnen und Drohungen auszusprechen, ohne dass Konsequenzen folgen. Dadurch verlieren diese den Respekt gegenüber der Lehrkraft.

2.7 Folgen von Unterrichtsstörungen

Im folgenden Abschnitt werden die Folgen von Unterrichtsstörungen im Hinblick auf die Lehrer und auf die Schüler getrennt betrachtet. Wobei zu erwähnen ist, dass es sinnvoll ist, bei den Folgen von Unterrichtsstörungen für die Schüler zwischen den lernbereiten Schülern und den „störenden“ Schülern zu unterscheiden, da die Konsequenzen unterschiedlich sind.

Häufige Folgen für die Lehrer

Die Lehrer leiden zum einen unter emotionalen Problemen. Dazu gehört, dass deren gute Laune verschwindet, sie gestresst und unzufrieden sind. Im Unterricht wird das Stoffpensum nicht mehr erfüllt und sie geraten unter Zeitdruck. Dies kommt vor allem dadurch, dass ein häufiges Wiederholen des Stoffes notwendig ist. Dies hängt damit zusammen, dass beispielsweise Unterrichts- und Denkprozesse durch die „Störer“ beeinträchtigt werden und dadurch der rote Faden verloren geht. Zum anderen bekommen die Lehrer häufig ein Gerechtigkeitsproblem, denn sie beschäftigen sich zwangsläufig mehr mit den „Störern“ als mit denen die gerne am Unterricht teilnehmen35.

Häufige Folgen für die lernbereiten Schüler

Unterrichtsstörungen machen es den lernbereiten Schülern nicht einfach, da sie durch die Störungen jegliche Motivation verlieren. Sie ziehen sich zurück, schalten ab und verlieren die Lust am Lernen. Dies hängt damit zusammen, dass sie teilweise unterfordert sind, wenn beispielsweise der Stoff oft wiederholt wird und sie selten von dem Lehrer drangenommen werden. Es zeigt sich, dass sie durch die fehlende Motivation wiederum selbst zu „Störern“ werden und die negativen Verhaltensweisen von ihren Mitschülern erlernen. Es ist nicht verwunderlich, dass diese Schüler von den ständigen Unterrichtsunterbrechungen genervt sind und sich durch den Lehrer vernachlässigt fühlen. Durch die ständige Ablenkung werden sie in ihrem Denkprozess unterbrochen und verlieren wiederum die Lust, am Unterricht aktiv teilzunehmen.

Häufige Folgen für die störenden Schüler

Dadurch dass diese Schüler den Unterrichtsprozess ständig unterbrechen, erfahren sie Ablehnung durch ihre Mitschüler und den Lehrer. Dies führt dazu, dass das Verhältnis oft sehr konfliktgeladen und stressig ist. Durch die häufigen Störungen lernen sie wenig, begreifen Zusammenhänge nur in geringem Maß oder gar nicht, haben schlechte Noten und einen schlechten oder gar keinen Abschluss. Ihr Verhalten zeigt allerdings, dass sie oft Anerkennung suchen und deshalb den „Klassenclown“ spielen. Dadurch befinden sie sich im ständigen Machtkampf mit den Lehrern und ihren Mitschülern. Sie machen den Unterricht kaputt oder halten ihn zumindest auf, und bekommen von einigen Mitschülern dafür Anerkennung.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Folgen der Unterrichtsstörungen ein sehr gravierendes Problem darstellen. Für die Lehrer kommt es vor allem zu einer emotionalen Belastung, woraus folgt, dass sie den Schülern oft mit aggressivem Verhalten entgegentreten. Dies ist in diesem Moment die falsche Lösung, da die Schüler dadurch den Respekt vor der Lehrkraft verlieren. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass der Unterrichtsfluss unterbrochen wird und somit auch die lernbereiten Schüler nichts mehr lernen und die Motivation verlieren. Nun stellt sich die Frage: Welche Möglichkeiten haben die Lehrer den Unterrichtsstörungen entgegenzuwirken und damit den lernbereiten Schülern eine gute Lernatmosphäre zu bieten?

2.8 Welche Möglichkeiten haben die Lehrer den Unterrichtsstörungen entgegenzuwirken?

Die üblichen Mittel, auf die die Lehrer bei Unterrichtsstörungen zurückgreifen, sind: Methodenwechsel, Platzwechsel, Verträge mit gegenseitigen Verpflichtungen, Gespräche mit den Schülern und deren Eltern. Sind diese Mittel ausgereizt, bleibt der Lehrkraft keine andere Chance als den Schüler auszugrenzen und ihn somit aus der Lerngruppe zu entfernen. Als erste Instanz steht der Wechsel in die Parallelklasse, reicht diese Maßnahme immer noch nicht aus, so kann der Schüler auch an eine andere Schule verwiesen werden. Jedoch stellt sich bei diesen Sanktionen die Frage: Wird das Schülerverhalten an einer anderen Schule oder in einer anderen Klasse besser werden? Die Antwort lautet vermutlich: NEIN. Der Grund hierfür ist, dass die Maßnahmen der Lehrer zur Behebung von Unterrichtsstörungen auf das Handeln der Schüler abzielen und nicht auf deren Denkweise36. Es kommt also vielmehr darauf an, dass die Lehrer verstehen lernen, warum Schüler stören. Balke37 hat Lehrer im Hinblick auf wirksame und unwirksame Maßnahmen und deren Anwendung, um Unterrichtsstörungen entgegenzuwirken, befragt. Im Folgenden werde ich diese Auswertung kurz vorstellen.

- Dies sind die häufigsten Nennungen in der Kategorie wirksamste Maßnahmen gegen Unterrichtsstörungen:

- Einzelgespräch
- letztlich ist keine Maßnahme wirksam
- abwarten
- in einen anderen Raum setzen
- nach Hause schicken
- Androhungen von Disziplinarmaßnahmen

- Dies sind die häufigsten Nennungen in der Kategorie am wenigsten wirksame Maßnahmen im Hinblick auf Unterrichtsstörungen:

- Ermahnung (oder Hinweis an die Klasse)
- letztlich ist keine Maßnahme wirksam
- (eine Weile) vor die Tür schicken
- androhen

Es wird deutlich, dass gerade die Maßnahme „Ermahnung“ die unwirksamste Maßnahme bei Unterrichtsstörungen ist. Diese wird allerdings am meisten von den Lehrern eingesetzt. Ein Einzelgespräch wird von den meisten Lehrkräften als wirksamste Maßnahme betitelt, allerdings wird dies recht selten angewendet. Woran kann das liegen? Ein Hauptgrund für die Seltenheit der Einzelgespräche ist sicherlich der hohe Zeitaufwand, den Lehrer dann aufbringen müssten. Eine Ermahnung ist demgegenüber leicht auszuführen, bleibt jedoch wirkungslos, wenn keine Konsequenzen folgen. Aus Sicht der Schüler ist eine Ermahnung zwar lästig, aber unwesentlich38. Je mehr Ermahnungen der Lehrer ausspricht, desto mehr Schaden nimmt deren Glaubwürdigkeit. Das Ziel, einen guten ungestörten Unterricht zu ermöglichen, wird auf diese Weise also nicht erreicht.

Es stellt sich nun die Frage, warum man mit den oben genannten „üblichen Mitteln“, nur Misserfolge erzielt? Balke sieht den Grund darin, „…dass wesentliche Merkmale und typische Verläufe menschlichen Verhaltens nicht systematisch genug berücksichtigt werden.“39 Dies bedeutet, dass man erst dann auf Unterrichtsstörungen richtig reagieren kann, wenn man die Theorie verstanden hat, welche das Streitverhalten erklärt. Da bei einer Unterrichtsstörung ein Konflikt zwischen Lehrer und Schüler oder Schüler und Schüler vorliegt, muss man sich darüber im Klaren sein, wie ein Streit entsteht und wie er gelöst werden kann. Eine wichtige Theorie zum Thema Streitentstehung entwickelte William T. Powers. Er bezeichnet sie als „perceptual control theory“ beziehungsweise als „Wahrnehmungskontrolltheorie“. Diese bildet die Grundlage des „Trainingsraums“ beziehungsweise „Arizonaraums“. Das Konzept soll den Lehrkräften und Schülern neue Wege im Umgang mit Unterrichtsstörungen zeigen.

3 Das „Arizonaraum“ - Programm

3.1 Der Ursprung des Programms

Seit vielen Jahren gibt es an unseren Schulen das Problem, dass disziplinloses Verhalten zur Tagesordnung gehört. Eine Vielzahl verschiedener Unterrichtsstörungen regiert heute den Unterricht und stellt die Lehrer immer wieder vor unlösbare Probleme. Es gibt verschiedene Meinungen und Lösungsansätze im Hinblick auf den Umgang mit Unterrichtsstörungen, jedoch geht ein Großteil der Unterrichtszeit für Ermahnungen, Klärungsversuche und Ursachenforschung verloren. Diese Problematik wurde unter Kapitel zwei erläutert. Hinzu kommt, dass jede Lehrkraft anders mit den Störungen umgeht: einige resignieren, einige fordern eine härtere Gangart, andere empfinden Mitleid mit den „Problemschülern“. Schon 1997 zeigt sich, dass vor allem in der Hauptschule, Unterrichtsstörungen gesellschaftliche Folgen haben40:

- Das Ansehen der Hauptschule in der öffentlichen Meinung ist schlechter als das Ansehen der Grund-, Real-, Gesamtschule und des Gymnasiums und es sinkt weiter ab41.
- Immer weniger Eltern melden ihre Kinder freiwillig zuerst auf einer Hauptschule an.
- Die Anteile der verschiedenen Hauptschulabschlüsse bleiben untereinander trotz wachsender Verhaltens- und Lernprobleme konstant,
d. h. die Abschlüsse werden für zusehends schlechtere Leistungen vergeben.
- Die Anzahl der ehemaligen Hauptschüler, die die Berufsschule ohne Abschluss verlassen, steigt stark an.
- Der Anteil der Hauptschüler, die Zugang zu attraktiven Ausbildungsplätzen finden, nimmt ab.
- Dienstunfähigkeit ist der weitaus häufigste Pensionsgrund für Lehrerinnen und Lehrer, ca. 60 % aller Pensionierungen erfolgen aus diesem Grund. Nur 7 % der Lehrerinnen und Lehrer erreichen das Pensionsalter von 65 Jahren.
- Dienstunfähigkeit tritt in immer früherem Lebensalter auf. Das Durchschnittsalter bei Dienstunfähigen lag 1996 bereits bei 55 Jahren.
- Dienstunfähigkeit kommt an Hauptschulen häufiger vor als an Gymnasien. Dieser Unterschied ist bei den Lehrerinnen besonders stark ausgeprägt.
- Als Grund für das Eintreten von Dienstunfähigkeit ließ sich in über 50% der untersuchten Fälle eine psychisch-vegetative bzw. psychosomatische Erkrankung feststellen. Bei anderen Berufsgruppen treten solche Erkrankungen nur sehr viel seltener auf, bei Arbeitern zu 8% und bei Angestellten zu 12%. Die starke Häufung von Erkrankungen aufgrund von psychischem Stress lässt die Vermutung zu, dass diese Erkrankung eine typische Berufskrankheit der Lehrer ist. In der Literatur wird diese Erkrankung unter dem Begriff „Burn – out - Syndrom“ beschrieben.

Um den Zustand an unseren Schulen im Hinblick auf die Lernatmosphäre nicht noch schlechter werden zu lassen, als er schon ist, muss etwas geändert werden. Sowohl die lernbereiten Schüler und Lehrer als auch die störenden Schüler sollen gleichermaßen Aufmerksamkeit bekommen. Das „Arizonaraum“ – Programm (Programm für „eigenverantwortliches Denken in der Schule“) wurde erstmals 1996 an der Bielefelder Hauptschule „Lutherschule“ eingeführt42. Dies sollte helfen, die Unterrichtsstörungen zu verringern. Heute wird das Programm an vielen Schulen eingesetzt. Hauptziel ist es, dass die Schüler selbst über ihr Verhalten entscheiden und lernen, für dieses auch selbst Verantwortung übernehmen43.

3.2 Die Gründer des Programms

Edward Ford führte das Programm 1994 erstmals unter dem Titel „The Responsible Thinking Process“ an einer Elementary School in Phoenix, Arizona ein. Die Grundlage hierfür bildet die „Wahrnehmungskontrolltheorie“ von William T. Powers, die besagt, dass die Kontrolle eigenen Verhaltens nur dann möglich ist, wenn man das eigene Verhalten und die daraus resultierenden Bedingungen wahrnimmt44. Da sich das Programm in Amerika bewährt hat, führte Dr. Stefan Balke dieses 1996 in Deutschland ein.

3.3 Die Wahrnehmungskontrolltheorie nach William T. Powers

Die Wahrnehmungskontrolltheorie oder auch PCT (perceptual control theory) basiert auf der allgemeinen Kontrolltheorie, deren Entstehung auf das Jahr 1953 zurückgeht45. Sie beschreibt, wie alle Verhaltenstheorien, das Verhalten von Menschen und Tieren, legt allerdings den Schwerpunkt auf die Kontrollfunktion, eine wesentliche Eigenschaft des Verhaltens. Diese wird in anderen Theorien außer Acht gelassen.

3.3.1 Warum die üblichen Theorien über das Verhalten nicht ausreichen

Die Theorien über menschliches Verhalten beruhen meist auf zwei Ansätzen46:

1. Lerntheorien:

Das Verhalten wird als Reaktion auf äußere Umstände oder äußere Ereignisse verstanden. Diese werden oft auch als Verstärker oder Reize bezeichnet.

2. kognitive Theorien:

Das Verhalten wird als Folge von inneren Plänen und Berechnungen verstanden.

Die Wahrnehmungskontrolltheorie verbindet diese beiden Ansätze und beschreibt eine wesentliche Eigenschaft des Verhaltens. Diese Eigenschaft nennt sich Kontrollfunktion, welche bei den beiden oberen Theorien außer Acht gelassen wird.

Zum besseren Verständnis der Theorie, kann ein Beispiel von Balke herangezogen werden – das Autofahren. Vorab ist jedoch zu erklären, dass der Begriff Kontrolle innerhalb der Wahrnehmungskontrolltheorie die Bedeutungen: „auf etwas aufpassen“ oder „auf etwas achten“ hat.

Beim Autofahren sind zwei Aspekte der Kontrolle zu berücksichtigen: Zum einen achtet der Fahrer auf die Fahrbahnposition des Autos, zum anderen bestimmt er, welche die richtige Richtung ist. Biegt der Fahrer nun in eine Straße ein, erklären die traditionellen Verhaltenstheorien das Verhalten wie folgt:

[...]


1 Bründel, Heidrun/Simon, Erika (2007): Die Trainingsraum – Methode – Unterrichtsstörungen- klare Regeln, klare Konsequenzen. Weinheim: Beltz Verlag. S. 13

2 Hallmann, M. (2001): Ablaufplan des Arizona-Programms für die Lehrerinnen und Lehrer der Langenbergschule Birkenau. Unveröffentlichtes Manuskript. Birkenau. S. 2

3 vgl. Bründel/Simon, S. 14

4 Da das Grundkonzept des Programms von Edward Ford in Arizona / Amerika festgeschrieben wurde, heißt der Trainingsraum auch „Arizonaraum“.

5 Lohmann, Gert (2003): Mit Schülern klarkommen – Professioneller Umgang mit Unterrichtsstörungen und Disziplinkonflikten. Berlin: Cornelsen Verlag Scriptor. S. 12

6 Ortner, A., Ortner, R. (2000): Verhaltens- und Lernschwierigkeiten. Handbuch für die Grundschulpraxis. Weinheim [u. a.]: Beltz Verlag. S. 10

7 Gordon, T. (1994): Lehrer-Schüler-Konferenz: Wie man Konflikte in der Schule löst. München: Wilhelm Heyne Verlag. S. 28

8 Winkel, Rainer (2005): Der gestörte Unterricht – Diagnostische und therapeutische Möglichkeiten. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren. S. 29

9 http://www.unterrichtsstoerungen.de/html/definitionen.html. [Eingesehen am 05. 03. 2008]

10 vgl. Lohmann, S. 19

13 vgl. Lohmann, S. 18

14 Saldern, Matthias von (1991): Die Lernumwelt aus der Sicht von Lehrern und Schülern; in: Psychologie in Erziehung und Unterricht, 38. Jg., S. 190-198

15 Wagner, Holger (1981): Berufliche Handlungsziele von Lehrern in der Schülerwahrnehmung; in: Psychologie in Erziehung und Unterricht, 28. Jg., S. 107-110

16 Blaser, E./Lennartz V./Mantwill, M./Schuberth, F. (2000): Wie nehmen SchülerInnen und LerherInnen den Rauswurf kognitiv und emotional wahr? Oldenburger Vordruck Nr. 425. Oldenburg: Didaktisches Zentrum der Universität Oldenburg, S. 18 f

17 Ebd., S. 17 f

18 Tücke, Manfred (1998): Psychologie in der Schule – Psychologie für die Schule. Münster, S. 277

19 Hilger, Eckhard (1987): Eine Hauptschulklasse äußert sich über Disziplinschwierigkeiten; in: Friedrich Jahresheft Nr. 5, S. 50-54

20 vgl. Lohmann, S. 18

21 Ebd., S. 19

22 Ebd., S. 18-19

23 Ebd., S. 18-19

24 Nolting, Hans-Peter (2007): Störungen in der Schulklasse – Ein Leitfaden zur Vorbeugung und Konfliktlösung. Weinheim: Beltz Verlag. S. 12

25 vgl. Nolting, S. 12-13

26 http://www.unterrichtsstoerungen.de/html/formen.html. [Eingesehen am 05. 03. 2008]

27 vgl. Nolting, S. 16

28 Ebd., S. 16

29 Ebd., S. 16

30 vgl. Bründel/Simon, S. 13

31 vgl. Nolting, S. 18

32 Ebd., S. 18

33 Ebd., S. 20

34 vgl. Lohmann, S. 23

35 vgl. Balke, S. 18

36 vgl. Bründel / Simon, S. 14

37 vgl. Balke, S. 27

38 Ebd., S. 28

39 vgl. Balke, S. 29

40 vgl. Hallmann, S. 1

41 Kanders, M. (1996): Schule und Bildung in der öffentlichen Meinung. Dortmund: IFS – Verlag. S. 6

42 vgl. Hallmann, S. 2

43 vgl. Bründel / Simon, S. 17

44 Claßen / Nießen (2006): Das Trainingsraum – Programm. Unterrichtsstörungen pädagogisch auflösen. Mühlheim an der Ruhr: Verlag an der Ruhr. S. 8

45 vgl. Balke, S. 32

46 Ebd., S. 32

Details

Seiten
124
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640237005
ISBN (Buch)
9783640238842
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v120205
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,00
Schlagworte
Arizonaraum Schule Symbol Disziplinaranstalt Ruheraum Trainingsraum

Autor

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Titel: Der "Arizonaraum" in der Schule. Symbol der Disziplinaranstalt oder selbstreflexiver Ruheraum?