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Was heißt "eigenschaftslos" in Musils "Mann ohne Eigenschaften"?

Diskussion der Problematik dieses Begriffs an der Figur Ulrichs

Hausarbeit (Hauptseminar) 1997 11 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Hintergrund
1.1 Metaphysik- und Erkenntniskritik
1.2 Kontingenz

2 Ulrich, der "Mann ohne Eigenschaften"
2.1 Ulrichs Ich
2.2 Der Möglichkeitsmensch
2.3 Genauigkeit und Seele
2.4 Essayismus
2.5 Wissenschaft, Moral, Liebe
2.6 Selbstfiktionalisierung

3 'Eigenschaftslosigkeit' als literarisches Stilprinzip

4 Fazit

Literatur

0 Einleitung

Die Eigenschaftslosigkeit des Titelhelden von Musils Roman darf nicht in einem konventionellen engen Sinn verstanden werden, etwas als das Fehlen von 'Qualitäten'. Da Erzählen immer auch ein Zuschreiben von Eigenschaften ist, wäre die epische Darstellung eines Mannes ohne Eigenschaften auch kaum vorstellbar. Ulrichs Eigenschaftslosigkeit ist eine Haltung, die im Folgenden charakterisiert werden soll. Sie weist mehrere Facetten auf, die wesentlich fundiert sind in einer Diagnose der Zeit, in die die Romanhandlung verlegt ist (1913), und in philosophischen Theoremen, mit denen sich der Autor beschäftigt.

1 Hintergrund

1.1 Metaphysik- und Erkenntniskritik

Dem Konzept der 'Eigenschaftslosigkeit' philosophisch zu Grunde liegt ein Anti-Essentialismus, der von Ernst Machs psychophysischem Neopositivismus inspiriert ist. Mach kritisierte damit die Substanzontologie und bezog auch die Vorstellung einer Ich-Substanz ein, wie er es zuspitzte in der berühmten Formel: „Das Ich ist unrettbar“. [1] Eine analoge Auflösung von Substanzen und Essenzen durchzieht Musils Roman.

1.2 Kontingenz

Die Kontingenzproblematik ist eines der Hauptthemen des Werks. Die (so genannte) Wirklichkeit wird als nicht verlässliches Konstrukt erfahren: alles, was ist, könnte genauso gut anders sein. Ständig verändert es sich anomisch-ziellos innerhalb eines Überschusses von Möglichkeiten. In diesem Sinne spricht Ulrich davon, dass die Wirklichkeit sich selbst abschaffe. [2] Die konventionelle, eindeutige, beschränkte Wirklichkeit ist nicht in sich selbst begründet und vernünftig. Das "Prinzip des unzureichenden Grundes" [3] verweist vielmehr auf die Diffusität von Begründungsmöglichkeiten: alles ist kausal, doch zusammenhangslos – es gibt "immer mehr Ordnungen und immer weniger Ordnung" [4]. Immer größere Teilbereiche des menschlichen Lebens und Erlebens werden rationalisiert, ohne dass sich ein Gesamtzusammenhang erkennen ließe. (Satirirsch zeigt dies das Kapitel I 85, in dem General Stumm von Bordwehr keine Einheit oder Hierarchie der Ideen finden kann.)

Was Medien und öffentliche Meinung als 'Wirklichkeit' präsentieren, ist durch eine Überflutung mit Berichten überdehnt. Das steht hinter Ulrichs Einfall, Ideen- statt Weltgeschichte schreiben zu wollen [5]. Weltgeschichte wird dementsprechend als schiere Abfolge von Geschehnissen erlebt, die Kontinuität der Zeit zerfällt in atomisierte Gegenwartspunkte, Entwicklung lässt sich nicht mehr sinnvoll denken, was das Prinzip des "Seinesgleichen geschieht" [6] ausdrückt. Der Ausbruch des I. Weltkriegs dementiert dann freilich derartige Geschichtsauffassungen.

Ulrichs Zeit – hier wird ein damals aktueller kulturkritischer Topos aufgegriffen – ist außerdem durch die Möglichkeit zur 'Veranderung' von allem, was 'ich' bin, geprägt; eine allgemeine Substituierbarkeit ersetzt Authentizität und Originalität der Person: es entsteht "eine Welt von Eigenschaften ohne Mann" [7] – Eigenschaften werden zu schematisierten allgemeinen und unpersönlichen Merkmalen (exemplarisch verdeutlicht wird das in Ulrichs Episode mit der Polizei [8] ). Das Erleben wird mediatisiert, damit universalisiert und indirekt. Szientistische Nivellierungen kolonisieren die Lebenswelt; zunehmende Arbeitsteilung versachlicht die Lebenssphären. Die immer weiter gehende Spezialisierung führt zu einer Gesellschaft von Technokraten, die nur an ihren Fachbereichen interessiert sind und nur dafür Verantwortung fühlen. Der Einzelne wird funktionalisiert und löst sich auf in verselbstständigte soziale Rollen. Die Moden und das "Man" – die unpersönliche Öffentlichkeit, die vorgibt, was man tut, denkt, fühlt ... – bieten Halt in der allgemeinen Kontingenz, verursachen aber Ungenauigkeit, die sich vor allem in einer Verschluderung der Sprache (aufgezeigt am Beispiel "genial" [9] ) bemerkbar macht.

Dazu oder deshalb ist die allgemeine Aufbruchstimmung der Jahrhundertwende, die "Überhebung der Jugend", an der Ulrich Teil hatte, abgeflaut, vergleichbar dem "Beginn der Mannesjahre", die auch der Held inzwischen erreicht hat. "Wie wenn ein Magnet die Eisenspäne losläßt und sie wieder durcheinandergeraten", hatten sich "alle Verhältnisse [...] ein wenig verschoben", eine Illusion war abhanden gekommen, die Zeit hatte sich verändert, ohne auf Ulrich zu warten [10].

2 Ulrich, der "Mann ohne Eigenschaften"

2.1 Ulrichs Ich

Ulrich ist im Roman Seismograph für diese zeitgeschichtlichen Verhältnisse. Der Zeitdiagnose entsprechend wird der Held vorgestellt als Mann mit allen Eigenschaften, die ihm jedoch gleichgültig sind [11]. Die Eigenschaften, die Ulrich an sich wahrnimmt, und das, was er tut, erscheinen ihm als zufällig. Er erfährt keine biographische Anreicherung von Sinn nach einem bestimmten Lebensplan, ist er sich doch nicht notwendig 'Ich': der "Ichbautrieb" [12] ist bei ihm nur schwach ausgeprägt (im Gegensatz zu Diotima oder Arnheim, die sich für auf notwendige Weise gereift und entwickelt halten). "Das Ich verliert die Bedeutung" [13] angesichts des "neuen, kollektiven, ameisenhaften Heldentums" [14]. An die Stelle eines "ganze[n] Mensch[en]" tritt "ein menschliches Etwas [...] in einer allgemeinen Nährflüssigkeit" [15]. Versuche, ein bedeutender Mann zu werden, sind daher aussichtslos. Ulrich, der "alle von seiner Zeit begünstigten Fähigkeiten und Eigenschaften" besitzt, fehlt also "die Möglichkeit ihrer Anwendung", und er beschließt daher, "ein Jahr Urlaub von seinem Leben zu nehmen", um eine zu suchen. [16] Möglich ist ihm das auf Grund seiner sozialen Ortlosigkeit: er hat keine soziale Rolle inne und ist durch seinen Vater, einen Emporkömmling, materiell abgesichert. Analog zur Gesellschaft in der "Parallelaktion" ist also der Held auf der Suche nach sich selbst, freilich im Gegensatz zu den Protagonisten der Parallelaktion, Diotima und Arnheim, und ihrem Erlösungsbegehren, ihren verquasten Ideen von 'Ganzheit', 'Synthese' oder 'Seele' auf eine ganz andere Art.

2.2 Der Möglichkeitsmensch

Ulrich hat verschiedene gedankliche Instrumente entwickelt, um auf die Kontingenzproblematik zu reagieren und sich in ihr einzurichten. Schon im vierten Kapitel begegnet den Lesenden die Unterscheidung zwischen Wirklichkeits- und Möglichkeitssinn. Ulrich wird als der exemplarische Möglichkeitsmensch stilisiert, der sich "wie ein zum Verändern geborener Mensch" [17] verhält. Da Eigenschaften etwas Wirkliches darstellen, muss er folgerichtig zum Mann ohne Eigenschaften werden.

[...]


[1] Die Analyse der Empfindungen und das Verhältnis des Phyischen zum Psychischen. Jena 1900 (2.Ausgabe). S.17.

[2] Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften I. Reinbek bei Hamburg 1978 [ : = MoE]. S.289

[3] MoE, S.133 (Kapitel 35)

[4] MoE, S.379

[5] MoE, S.364

[6] Titel des zweiten Teils, insbesondere MoE, S.357ff. (Kap.83)

[7] MoE, S.150

[8] MoE, S.159ff.

[9] MoE, S.44-45 (Kap.43)

[10] MoE, S.56-58

[11] MoE, S.151 (Kap.40)

[12] MoE, S.252

[13] MoE, S.474

[14] MoE, S.13

[15] MoE, S.217

[16] MoE, S.47

[17] MoE, S.273

Details

Seiten
11
Jahr
1997
ISBN (eBook)
9783640241309
ISBN (Buch)
9783656448136
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v120268
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Germanistik
Note
2+
Schlagworte
Musil Mann ohne Eigenschaften Eigenschaftslosigkeit Ulrich

Autor

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