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Ansätze zur vergleichenden Religionswissenschaft und zu den Begriffsstudien von Wilfred Cantwell Smith

Seminararbeit 2007 14 Seiten

Theologie - Vergleichende Religionswissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Personalistische Methodik“ der vergleichenden Religionswissenschaft

3. Der Begriff faith – ‚Glaube’ im religionsphänomenologischen Kontext

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit soll es um den (Welt-) Theologen, Orientalisten, aber vor allem Religionswissenschaftler und - phänomenologen Wilfred Cantwell Smith gehen. Im Folgenden soll das Hauptaugenmerk auf seinen in dem von Mircea Eliade und Joseph Mitsuo Kitagawa herausgegebenen Sammelband „Grundfragen der Religionswissenschaft“ veröffentlichtem Aufsatz „Religionswissenschaft: wohin – warum?“ gehen. Des Weiteren soll ein kurzer Abriss über seine Begriffsstudie zur Definition seiner Vorstellung ‚Glauben’ gegeben werden, die einen wesentlichen Teil seiner phänomenologischen Ansätze der Religionswissenschaft ausmacht. Seine Religions- und Glaubensstudien lassen sich gleichsam als „eine späte Umsetzung dessen“[1] interpretieren, was „Schleiermacher in der Einleitung zu ‚Der christliche Glaube’“[2] anfänglich geplant hatte.

Sein Wirken wurde maßgeblich am Lehrstuhl für vergleichende Religionswissenschaft in McGill an der theologischen Fakultät geprägt. Zu dieser Zeit wendete sich Smith von seinen sozialgeschichtlichen Untersuchungen über den indischen Islam mehr der „religionswissenschaftlich-verstehenden Betrachtungsweise“[3] zu. Diese islamwissenschaftliche Forschung bildet auch den Ausgangspunkt seines Glaubens- und Religionsverständnisses.

In Deutschland ist Wilfred Cantwell Smith wenig rezipiert worden. Das kann schon an dem Sachverhalt festgestellt werden, dass man sogar heute wenige Übersetzungen seiner Arbeit finden kann.

Außerdem zählt Smith wohl zu den meist kritisierten Wissenschaftlern seines Faches. Bleeker und Per Kværne zum Beispiel beanstanden Smiths Einseitigkeit seiner „personalistische[n] Methodik“, während andere diese Begrenztheit auch seinem faith -Konzept vorwerfen.

Der einzige der wohl Smiths Programmatik aus „Religionswissenschaft: wohin – warum?“ übernommen und versucht hat weiterzuführen, war wohl Jacques Waardenburg.[4] In seinen Ausführungen sind Kritiken, Änderungsvorschläge und andere Begrifflichkeiten zu verzeichnen.[5]

2. „Personalistische Methodik“ der vergleichenden Religionswissenschaft

In diesem Abschnitt werden nun Kriterien wie Voraussetzungen, Aufgaben, Methoden und Ziele Smiths vergleichender Religionswissenschaft auf der Grundlage seines Aufsatzes „Religionswissenschaft: wohin – warum?“ dargelegt.

Wilfred Cantwell Smith geht davon aus, dass eine neue Zeit in der Erforschung der Religionen angebrochen sei. Nachdem sich die Wissenschaftler im 19. Jahrhundert, dessen Höhepunkt er mit der „Encyclopaedia of Religion and Ethics“ festmacht[6], vornehmlich mit Texten und Berichten über fremde Völker auseinandergesetzt haben, sei nun[7] das „Jahrhundert der Völkerverständigung“[8] angebrochen. Dieses gründe sich vor allem auf die nach 1945 „veränderte Weltlage“[9], die es verlange, die Religionen nun durch die Menschen zu erfassen. Diese politische, soziale und kulturelle Situation versucht Wilfred Cantwell Smith auf wissenschaftliches Territorium, also das der Religionswissenschaft, zu übertragen. In einer Frage formuliert bildet dies die Ausgangsfrage Smiths Ausführungen.[10] Er betrachtet es als seine Aufgabe, die Religionswissenschaft in einem gewissen Sinne auf die Ebene der Humanwissenschaft zu erheben, die vor allem auf ständiges Kontrollieren und Korrigieren, sowie akribische Akkuratheit basiere.[11]

Wilfred Cantwell Smith unterscheidet die Religionen und deren Erforschung in „äußere“ und „innere Aspekte“.[12] Trotz der Wichtigkeit der „Symbole, Institutionen, Doktrinen, Riten und Bräuche“[13], die die „äußeren Aspekte“ als Voraussetzung für die „inneren Aspekte“ ausmachen, erhebt Smith zweitere auf eine Vormachtstellung in seiner Abhandlung. Smith teilt den Erkenntnisprozess in drei Schritten durch. Erstens müssen die „historischen Traditionen“[14] erforscht werden, bevor im zweiten Schritt der Glauben der Einzelnen im Vordergrund steht. Schließlich müssen diese Religiositätsformen verallgemeinert werden.

Smith fordert, dass der Religionswissenschaftler nun selbst in die fremden Länder reisen solle, um so im Kontakt mit den Menschen der anderen Glaubensüberzeugungen sprechen zu können und sich so ein authentisches Bild deren Glaubens und deren Religion zu machen.[15] Diesen Vorgang nennt Smith „Personalisierung“ der vergleichenden Religionsforschung. Darunter versteht er also vor allem „den persönlichen Kontakt“[16] in „Begegnungen von Mensch zu Mensch“[17]. Der Religionswissenschaftler benötige eben das direkte Zusammentreffen mit den anderen Kulturen und Religionen, um echte Zusammenhänge darstellen zu können.[18]

Um diese Personalisierung zu verwirklichen müssen verschiedene „progressive Entwicklungsstufen“[19] durchlaufen werden. Es müsse die vorherrschende unpersönliche Darstellung des „es“ des 19. Jahrhundert, als der Autor eine fast allwissende, „majestätische“[20] Perspektive innehatte, durch die Personalisierung durch das „sie“ ersetzt werden und damit zum Mittelpunkt der Debatte werden. Als nächsten Schritt sieht Smith, dass das Engagement der Religionswissenschaftler oder auch anderer Betrachtern einbezogen werden müsse. Daraus ergäbe sich eine „’wir’ sprechen über ‚sie’“[21] -Situation, die zunehmend in einen interaktiven Gespräch übergehen würden, in dem „wir“ zu „euch“ und später auch mit „euch“ sprechen sollten. Die höchste Entwicklungsstufe sieht Smith dann jedoch in einem noch ausgereifterem Dialog[22], in dem „‚wir alle’ miteinander über ‚uns’ sprechen“[23].[24] Dort wird die Religionswissenschaft der Ort, „an dem das sich entwickelnde religiöse Leben der Menschheit diszipliniertes Selbstbewusstsein erlangt“[25]. Ziel dieses Dialogs sei es also nicht, Überzeugungen und Meinungen zu entbinden, sondern einfach nur, sich durch Lernen neuer Erkenntnisse zu bereichern[26], was außerdem für ein friedliches, anerkennendes Mit- und Nebeneinander der Religionen und „fruchtbare Zusammenarbeit“[27] zwischen den der Religion Angehörigen unabdingbar sei und in der Smith die bedeutsamste Aufgabe der Religionswissenschaft mit dem Ziel der „Vertiefung des Gemeinschaftsbewusstseins“[28] sieht. Des Weiteren hilft er den „Gläubigen, ihre eigene Religiosität neu und kreativ zu verstehen“[29]. Der Religionswissenschaftler kann in einem solchen Dialog drei verschiedene Positionen einnehmen: die des Mitgliedes, die des Vorsitzendes; er kann damit als Vermittler fungieren; oder die des bloßen Beobachters[30], die Smith allerdings zu überwinden sucht[31]. Die Aufgabe der Religionswissenschaft in Bezug auf den Dialog liegt nun nach Smith darin, „Aussagen über Religionen zu erarbeiten, die zumindest innerhalb zweier religiöser Traditionen gleichzeitig verstanden werden können“[32]

Die im vorangegangenen Abschnitt dargelegte Entfaltung könne zu einem fundamentalen Fortschritt führen. Smith hält es deswegen für so wichtig, das Studium der Religionen methodologisch zu verändern, da es „ein Studium der dieser Religion angehörigen Menschen“[33] und da deren Glauben folgerichtig einhellig in ihrem Leben eingebunden sei.[34] Smith ist sich selbst zu Folge ein Repräsentant für die Anschauung, dass das Studium dieses religiösen Glaubens, unabhängig in welcher Religion, vor allem aus den Sehnsüchten und Hoffnungen der Menschen erwachse und sich vor allem nur in Zusammenhang mit der Interpretation dieser Menschen verstehen lasse.[35] „Es kann kein religionswissenschaftliches Untersuchungsergebnis Gültigkeit besitzen, wenn es nicht von den Anhängern der betreffenden Religion anerkannt werden kann“[36], denn „Glaube ist die Religion“[37]

[...]


[1] Grünschloss, Andreas: Religionswissenschaft als Welt-Theologie. Wilfred Cantwell Smiths interreligiöse Hermeneutik. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1994. S. 203.

[2] Ebd.

[3] Ders. S. 129.

[4] Vgl. Grünschloss, Andreas: Religionswissenschaft als Welt-Theologie. Wilfred Cantwell Smiths interreligiöse Hermeneutik. a.a.O. S. 148f.

[5] Vgl. Ders. S. 249ff.

[6] Vgl. Smith, Wilfred Cantwell: Vergleichende Religionswissenschaft: wohin – warum?. In: Mircea Eliade und Joseph Mitsuo Kitagawa: Grundfragen der Religionswissenschaft. Salzburg: Otto Müller, 1963. S. 75.

[7] ca. 1963

[8] Smith, Wilfred Cantwell: Vergleichende Religionswissenschaft: wohin – warum?. a.a.O. S. 77.

[9] Ders. S. 78.

[10] Ders. S. 77f.

[11] Vgl. Ders. S. 81.

[12] Ders. S. 80f.

[13] Ders. S. 80.

[14] Grünschloss, Andreas: Religionswissenschaft als Welt-Theologie. Wilfred Cantwell Smiths interreligiöse Hermeneutik. a.a.O. S. 143.

[15] Dabei dauert die erste Phase des Sichtens und analytischen Auseinandersetzens mit schriftlichem Material trotzdem noch an.

Wichtig zu erwähnen ist an dieser Stelle wohl auch, dass wenn Smith von den Menschen der anderen Religionen spricht, immer die intellektuelle Gesellschaft derer meint. (Vgl. Grünschloss, Andreas: Religionswissenschaft als Welt-Theologie. Wilfred Cantwell Smiths interreligiöse Hermeneutik. a.a.O.)

[16] Smith, Wilfred Cantwell: Vergleichende Religionswissenschaft: wohin – warum?. a.a.O. S. 76.

[17] Ebd.

[18] Wilfred Cantwell Smith vergleicht die Situation sehr gut mit der eines Chemieprofessors, der ja, um seine Arbeit vollständig ausführen zu können, auch ein Labor, also seinen Explorationsraum braucht. (Vgl. Smith, Wilfred Cantwell: Vergleichende Religionswissenschaft: wohin – warum?. a.a.O. S. 240)

[19] Grünschloss, Andreas: Religionswissenschaft als Welt-Theologie. Wilfred Cantwell Smiths interreligiöse Hermeneutik. a.a.O. S. 137.

[20] Smith, Wilfred Cantwell: Vergleichende Religionswissenschaft: wohin – warum?. a.a.O. S. 90.

[21] Ders. S. 79

[22] Ders. S. 92.

[23] Smith, Wilfred Cantwell: Vergleichende Religionswissenschaft: wohin – warum?. a.a.O. S. 79.

[24] „Es“ wird in diesem Kontext als ein Abstraktum für eine fremde (in Smiths Falle, nichtchristliche) Religion verwendet. Fast genauso wird „sie“ benutzt. Allerdings liegt dabei für Smith die Betonung eher auf den Glaubensinhalten – den faiths. „Wir“ steht im Sinne von Religionswissenschaftlern bzw. Beobachtern im Allgemeinen.

[25] Grünschloss, Andreas: Religionswissenschaft als Welt-Theologie. Wilfred Cantwell Smiths interreligiöse Hermeneutik. a.a.O. S. 144.

[26] Vgl. Smith, Wilfred Cantwell: Vergleichende Religionswissenschaft: wohin – warum?. a.a.O. S. 93.

[27] Ders. S. 94.

[28] Ders. S. 100.

[29] Grünschloss, Andreas: Religionswissenschaft als Welt-Theologie. Wilfred Cantwell Smiths interreligiöse Hermeneutik. a.a.O. S. 133.

[30] Vgl. Smith, Wilfred Cantwell: Vergleichende Religionswissenschaft: wohin – warum?. S. 95ff.

[31] Ders. S. 102.

[32] Ders. S. S. 98.

[33] Vgl. Ders. S. 79.

[34] Vgl. Ebd.

[35] Die Vorstellung dieser Informationssammlung aus erster Hand gründet auf der „Veröffentlichung der Morgan-Serie über vergleichende Religionswissenschaft für westliche Studenten illustriert, in welcher Hindus, Buddhisten und Muslims ihre Bekenntnisse selbst darstellen“. (Vgl. Smith, Wilfred Cantwell: Vergleichende Religionswissenschaft: wohin – warum?. a.a.O. S. 243f.)

[36] Smith, Wilfred Cantwell: Vergleichende Religionswissenschaft: wohin – warum?. a.a.O. S. 87.

[37] zit. nach Grünschloss, Andreas: Religionswissenschaft als Welt-Theologie. Wilfred Cantwell Smiths interreligiöse Hermeneutik. a.a.O. S. 139.

Details

Seiten
14
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640247042
ISBN (Buch)
9783640247691
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v120407
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Religionswissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Ansätze Religionswissenschaft Begriffsstudien Wilfred Cantwell Smith Religionswissenschaftliche Klassiker“

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Titel: Ansätze zur vergleichenden Religionswissenschaft und zu den Begriffsstudien von Wilfred Cantwell Smith