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Die Mitleidspoetik Schillers und Lessings

Ein Vergleich der Texte „Über die tragische Kunst“ und „Briefwechsel über das Trauerspiel“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 15 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Zuschauer

3. Moralische Besserung

4. Der Mitleidsaffekt

5. Hinderung und Verstärkung

6. Der tragische Held

7. Die resultierende Tragödiendefinition

8. Schluss

Bibliografie

1. Einleitung

Friedrich Schiller und Gotthold Ephraim Lessing gehören zu den größten Dramatikern der deutschen Literaturgeschichte. Beide zeichnet zusätzlich aus, dass sie Theaterstücke nicht nur verfassten, sondern darüber hinaus Theorien über die Beschaffenheit und die Wirkung eines Stückes entwickelten. Lessing diskutierte das Trauerspiel zunächst mit seinen Freunden Mendelssohn und Nicolai per Brief, bevor er mit der Hamburgischen Dramaturgie eine vollständigere Tragödientheorie veröffentlichte. Schiller schrieb 35 Jahre nach dem Briefwechsel eine Abhandlung, die einer Vorlesung an der Universität diente. So unterschiedlich die Entstehungsgeschichten jedoch sind, ihre Theorien kennzeichnen viele Gemeinsamkeiten, die unter anderem von Schillers Kenntnis der Lessing’schen Gedanken herrühren.

Schiller übernimmt die Lessingsche Polemik gegen die Franzosen, die wirkungsästhetische Methode, sogar Lessings Tragödiendefinition – er übernimmt selbst den Schlüsselbegriff des Mitleids und doch nicht das Lessingsche Mitleids-Konzept. (Schings 1980: 47)

In dieser Arbeit soll es darum gehen, beide Mitleidskonzepte einander gegenüberzustellen. Der Ausgangspunkt beider Konzepte ist die Frage, warum Menschen das Leiden, den Schrecken und die Furcht suchen und anscheinend genießen. Schiller und Lessing reihen sich damit in die schon lange währende Diskussion um die schwer erklärbare Faszination an tragischen Begebenheiten ein. Ein Ziel ihrer beider Überlegungen ist es, dieses Vergnügen am Schrecklichen für ihre Tragödien zu nutzen, um den best- und größtmöglichen Effekt beim Zuschauer zu erzielen und so die Intention des Trauerspiels wirkungsvoller und nachhaltiger zu vermitteln. Denn dass Menschen gerne leiden, daran besteht für beide kein Zweifel, und beide führen es darauf zurück, dass der Mensch gerne seine eigene Empfindsamkeit spürt. „Der Zustand des Affekts für sich selbst […] hat etwas Ergötzendes für uns; wir streben, uns in denselben zu versetzen“ (Schiller 1993: 372), sagt Schiller, und für Lessing „sind alle Leidenschaften, auch die allerunangenehmsten, als Leidenschaften angenehm“ (Lessing an Mendelssohn 2. Febr. 1757). Dabei werden jedoch neben vielen Gemeinsamkeiten gravierende Unterschiede zwischen Schillers und Lessings Theorien auffallen; nach diesem Muster wird auch diese Arbeit gestaltet sein (erst Gemeinsamkeiten, dann Unterschiede. Ich werde mit Erwartungen an den Rezipienten anfangen und dann zum Mitleidsaffekt übergehen. Dabei werden die moralische Wirkung, der Affekt an sich und beeinflussende Faktoren wichtig sein. Anschließend sollen die unterschiedlichen Vorstellungen des tragischen Helden und der Ursache des Unglücks diskutiert werden, bevor ich schließlich die jeweils zugrunde liegende Tragödiendefinition beleuchten werde.

2. Der Zuschauer

Sowohl Schiller als auch Lessing setzen einen Schwerpunkt ihrer Mitleidspoetik darauf, die psychologische Wirkung der Tragödie beim Zuschauer zu untersuchen. Beide Autoren hatten eine ziemlich genaue Vorstellung davon, unter welchen Voraussetzungen und mit welchen Mitteln die Zuschauer am mitleidigsten werden. Zunächst müssen die Handlung und die Protagonisten überzeugend sein: wenn ein Autor eine Figur leiden lassen will, muss dies schauspielerisch und emotional gut vermittelt werden. „[E]r muß es ihn recht fühlen lassen; denn sonst können wir es nicht fühlen“ (Lessing an Mendelssohn 28. Nov. 1756). Außerdem muss das Leiden nachvollziehbar und realistisch erscheinen: „Wenn wir es nicht fühlen, daß wir selbst bei gleichen Umständen ebenso würden gelitten und ebenso gehandelt haben, so wird unser Mitleid nie erwachen“ (Schiller 1993: 389). In diesen Punkten sind sich Schiller und Lessing einig. Wenn es aber um die weitere Disposition der Zuschauer geht, vertreten sie unterschiedliche Ansichten. Für Schiller ist ein wichtiger Aspekt, dass der Zuschauer in der Lage sei, objektiv zu denken. Wenn wir dazu fähig seien, eigenes Leid aus Distanz zu betrachten, „mit uns selbst wie mit Fremdlingen umzugehen“ (Schiller 1993: 375), sei das mehr als hilfreich, um vor dem Leiden des tragischen Helden unsere geistige Freiheit zu bewahren. Geistige Freiheit spricht für Schiller von einer gewissen sittlichen, moralischen Vorbildung des Zuschauers. „Eine solche Verfassung des Gemüts ist am fähigsten, das Vergnügen des Mitleids zu genießen“ (Schiller 1993: 375) und sich nicht in der Tragik des Moments zu verlieren. Gleichzeitig weist er aber auch schon auf die ideale Qualität des Helden hin (die ich in Kapitel 6 näher erörtern werde), wenn er sagt: „Nur das Leiden sinnlich-moralischer Wesen, dergleichen wir selbst sind, kann unser Mitleid erwecken.“ (Schiller 1993: 391). Dass für Schiller die Identifikationsmöglichkeit mit dem tragischen Helden wichtiger ist als für Lessing zum Zeitpunkt des Briefwechsels über das Trauerspiel, wird im Laufe dieser Arbeit ebenfalls noch deutlich werden. Lessing erwartet von seinen Zuschauern hier noch keine weitreichende Identifikation mit dem Helden. Wichtiger als „daß er [der Zuschauer, Anm. der Autorin] diese Leidenschaften in der spielenden Person billiget“ ist Lessing, dass der tragische Dichter „ihn so weit bringt, daß er diese Leidenschaften selbst fühlt, und nicht blos fühlt, ein andrer fühle sie“ (Lessing an Nicolai Nov. 1756, Lessings Hervorhebung). Wie essentiell das wirkliche Fühlen des Zuschauers für Lessing ist, zeigen auch seine Ausführungen zu den Affekten (siehe 4. Kapitel). Zunächst soll es aber darum gehen, welche Auswirkungen sich Schiller und Lessing vom Mitleidsaffekt im Zuschauer versprechen.

3. Moralische Besserung

Beide Autoren versprechen sich von dem Mitleid, das sie im Zuschauer erregen wollen, moralische Besserung. Wie diese jedoch erreicht werden soll, darin unterscheiden sich Schiller und Lessing erheblich. Lessing fordert, dass der Zuschauer zum eigenen Fühlen gebracht werden soll, und er nimmt eine Wirkung auf „den Mann von Verstande sowohl als den Dummkopf“ an (Lessing an Mendelssohn 28. Nov. 1756). Dies ist ein wichtiger Unterschied zu Schiller: Letzterer setzt moralische Kenntnisse und Fähigkeiten im Zuschauer voraus, die über den sinnlichen Stimulus des Mitleids und dem daraus folgenden Kampf mit der Sittlichkeit weiter gestärkt werden. Dabei ist wichtig, dass der Affekt angenehm bleibe, da „die Lust an derselben von der Beziehung des Affekts selbst auf unsre Sittlichkeit ihren Ursprung nehme“ (Schiller 1993: 382). Die Sittlichkeit ist das Zentrum der Moral, wird sie nicht gefordert, bleibt Besserung aus. Um moralisch wirksam zu sein, muss der Zuschauer das Gesehene also selbsttätig mithilfe seines Verstandes verarbeiten, während bei Lessing eine Besserung eintritt, „ohne daß wir selbst etwas dazu beytragen dürfen“ (Lessing an Mendelssohn 28. Nov. 1756). Lessing macht deutlich, dass das reine Fühlen der Zuschauer Voraussetzung genug für moralische Besserung sei, denn sie würden sich automatisch durchs Zuschauen und Mitfühlen „vor den Ausschweifungen derjenigen Leidenschaft, die den bemitleideten Helden ins Unglück gestürzt hat, […] hüten“ (Lessing an Nicolai 2. April 1757) und so ihre Moral unbewusst verbessern. Konkreter wird Lessing aber nicht:

Wie Lessing sich die erzieherische Wirkung des Mitleids vorgestellt hat, darüber gibt er im Briefwechsel keine genaue Auskunft, sondern begnügt sich mit der Feststellung, daß es den Zuschauer ganz ‚unmittelbar’ (und das heißt wohl: ohne ‚Umweg’ über eine verstandesmäßige Reflexion) zu bessern vermöge. (Kim 2002: 62, ihre Hervorhebung)

Im Gegensatz zu Schillers Integrierung der Vernunft verlangt es von Lessings Zuschauer also nur „verfeinerte Sensibilität und moralisches Urteilsvermögen“ (Kim 2002: 28), um eigene Tugenden und Sitten zu verbessern. Dieses Können nun soll laut Lessing in der Tragödie intensiviert werden: „die Bestimmung der Tragödie ist diese: sie soll unsre Fähigkeit, Mitleid zu fühlen, erweitern“ (Lessing an Nicolai Nov. 1756, Lessings Hervorhebung). Dies allein bedeute schon eine Steigerung der Moral:

Da Lessing in typisch empfindsamem Optimismus bereits die bloße Gefühlsfähigkeit und Empfindlichkeit eines Menschen als moralisch positiv einstuft, kann er die Intensitätssteigerung unserer Empfindungsfähigkeit als moralischen Effekt deuten. (Schulte-Sasse 1972: 212)

Somit hat Mitleid allein bei Lessing schon moralische Bedeutung und die Erregung von Mitleid sei das höchste Ziel, um Menschen besser zu machen: „Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch“ (Lessing an Nicolai Nov. 1756, Lessings Hervorhebung). Schiller indes fasst Mitleid lediglich als Sinnesreiz bzw. sinnliche Reaktion auf, die ohne die Vernunft keinerlei Auswirkungen auf die sittlichen Qualitäten des Zuschauers hat.

Bei aller Beteuerung seiner dramaturgischen Unentbehrlichkeit – an der moralischen Inferiorität des Mitleids hat Schiller nie einen Zweifel gelassen. Es gehört in die Sphäre der Sinnlichkeit und unterliegt ihren Gesetzen. (Schings 1980: 48)

Nicht nur in den Voraussetzungen und Auswirkungen des Mitleids im Zuschauer unterscheiden sich Schiller und Lessing; im Folgenden möchte ich darlegen, wie grundsätzlich verschieden sie das Gefühl an sich im Zuschauer definieren.

Details

Seiten
15
Jahr
2006
ISBN (Buch)
9783656561897
DOI
10.3239/9783640250387
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Neuphilologische Fakultät, Deutsches Seminar
Erscheinungsdatum
2009 (Januar)
Note
2,0
Schlagworte
Mitleidspoetik Schillers Lessings Schiller Medizin Poetik

Autor

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Titel: Die Mitleidspoetik Schillers und Lessings