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Kleists Drama "Das Käthchen von Heilbronn"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.1 Käthchen
2.2 Graf Wetter vom Strahl
2.3 Kunigunde

3. Das Rätsel um Käthchen
3.1 Der Sylvesternachtstraum
3.2 Der Schlossbrand und die Entdeckung der Hässlichkeit Kunigundes
3.3 Die Legalisation der Ehe und der Sturz Kunigundes

4. Fazit

1. Einleitung

Diese Arbeit befasst sich mit dem Kleistschen Drama „Das Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe Ein großes Historisches Ritterschauspiel“ von 1810 als erste Buchausgabe. Erstdrucke sind als Teilabdruck im Phöbus 1808 erschienen. Die Uraufführung fand statt 1810 im Theater Wien.

Das Schauspiel beinhaltet zwei Frauenfiguren, die gegensätzliche Bilder abgeben. Käthchen, als eine, durch ihre Gefühle und ihr Unterbewusstsein geprägte Frau, steht im Gegensatz zu Kunigunde, deren Hauptcharakteristikum die Rationalität und das Bewusstsein ist.

Beide Kontrahentinnen wirken auf den männlichen Hauptprotagonisten ein. Friedrich Wetter vom Strahl ist anfangs ebenso wie Kunigunde durch Rationalität geprägt, erfährt aber im Laufe des Dramas eine Entwicklung hin zur Emotionalität. Ein Paradoxon der inneren zur äußeren Welt ist in der Figur des Grafen Wetter vom Strahl impliziert. Welche Konstruktion von Weiblichkeit und Männlichkeit Kleist in seinem Schauspiel darstellt, soll eine Frage dieser Arbeit sein.

Zudem kommt eine Welt zutage, die sowohl mythische als auch religiöse Inhalte vereint. Welche Wirkung diese Inhalte auf die Geschlechterkonstruktion haben, wird ein weiterer Bestandteil dieser Arbeit sein.

2.1 Käthchen

Käthchen, als Titelgeberin, wird zumeist aus der Sicht der männlichen Protagonisten beschrieben. Ein Großteil von dem was Käthchen spricht, beruht auf der grenzenlosen Hingabe zu Friedrich Wetter vom Strahl. Sie ist gekennzeichnet durch die Aktivität einer Schlafwandlerin.

So wird sie in I/1 durch die Anklage Theodors vor dem Fehmgericht wie folgt beschrieben:

Theobald. Zuvörderst müsst ihr wissen, ihr Herren, dass mein Käthchen Ostern, die nun verflossen, funfzehn Jahre alt war; gesund an Leib und Seele, wie die ersten Menschen, die geboren worden sein mögen; ein Kind recht nach der Lust Gottes, das heraufging aus der Wüsten, am stillen Feierabend meines Lebens, wie ein gerader Rauch von Myrrhen und Wachholdern! Ein Wesen von zarterer, frommerer und lieberer Art müsst ihr euch nicht denken, und kämt ihr, auf den Flügeln der Einbildung, zu den lieben kleinen Engeln, die, mit hellen Augen, aus den Wolken, unter Gottes Händen und Füßen hervorgucken. [...] das ist das Käthchen von Heilbronn; das Käthchen von Heilbronn, ihr Herren, als ob der Himmel von Schwaben sie erzeugt, und von seinem Kuß geschwängert, die Stadt, die unter ihm liegt, sie geboren hätte.[1]

Käthchen ist also demnach ein „Kind recht nach der Lust Gottes“. Käthchen ist fünfzehn Jahre alt und wird von ihrem Vater in ein göttliches Gefüge eingeordnet. Ein Vergleich mit Adam und Eva („wie die ersten Menschen“) und zur Verstärkung eine Gleichsetzung mit Jesus („als ob der Himmel von Schwaben sie erzeugt [...]) schließen das Käthchen in die Welt des Neuen Testaments ein.

Die Anklage, welche Theodor vor das heimliche Gericht bringt, bezieht sich auf Friedrich Wetter vom Strahl, der Käthchen durch Zauberei von ihrem Vater entlockt haben soll. Bei diesem Verfahren tut sich ein großes Geheimnis auf und „kein Mensch vermag das Geheimnis, das in [Käthchen] waltet, ihr zu entlocken.“[2] Im Verlauf des Verfahrens wird auch Käthchen aufgerufen (I/2), um das Rätsel doch noch zu lösen. Diese hingegen verbeugt sich vor Wetter vom Strahl und verhöhnt das Gericht.

Käthchen. Ihr würdgen Herrn, wer ihr auch sein mögt dort, Steht gleich vom Richtstuhl auf und räumt ihn diesem! Denn, beim lebendgen Gott, ich sag es euch, Rein, wie sein Harnisch ist sein Herz, und eures verglichen ihm, und meins, wie eure Mäntel. Wenn hier gesündigt ward, ist er der Richter, und ihr sollt zitternd vor der Schranke stehn![3]

„Zwar ist der Graf angeklagt, aber es findet durch Käthchens Ablehnung des Gerichts ein Rollentausch statt: Strahl wird zum Richter und die Zeugin Käthchen zur Angeklagten.“[4]

Käthchen beweist in dieser Vernehmung ihre unbeschränkte Hingabe gegenüber dem Grafen.

Käthchen. In Staub niederfallend.

Nimm mir, o Heer, das Leben, wenn ich fehlte!

Was in des Busens stillem Reich geschehn,

Und Gott nicht straft, das braucht kein Mensch zu wissen;

Den nenn ich grausam, der mich fragt!

Wenn du es wissen willst, wohlan, so rede,

Denn dir liegt meine Seele offen da!

[...]

Wenzel. Im Staub liegt sie vor ihm –

Hans. Gestürzt auf Knien –

Wenzel. Wie wir vor dem Erlöser hingestreckt![5]

Die Hingabe Käthchens geht bis zu einer „Vergöttlichung“ des Grafen. Der Graf ist in Käthchens Augen die höchste Instanz die es gibt auf der Welt. Dies wird auch nicht durch die starke Verhörung durch Wetter vom Strahl abgeschwächt. Käthchen versteht dabei nicht, weshalb er nicht solch große Hingabe und Vertrauen ihr gegenüber hegt.

Sie ist davon überzeugt, dass der Graf um ihre Hingabe und Dienerschaft Bescheid wissen muss. Das Wissen, um ihre Hingabe, welches sie gegenüber Wetter vom Strahl voraussetzt, begründet sich in dem visionären Traum beider Figuren, wovon allerdings erst später erzählt wird. Das Rätsel um Käthchen löst sich auch nicht nach der Inquisition. Die Traumthematik fügt sich dann später in die Auflösung von dem Rätsel um Käthchen ein.

Auffällig ist, dass während diesem Gericht Käthchen die ganze Zeit wie benommen handelt und spricht. Es gibt Regieanweisungen wie zum Beispiel: sieht vor sich nieder (V474) , errötend (V488) , besinnt sich (V496) , Käthchen weint (V528) , Käthchen lässt sich auf Knien vor ihm nieder (V551) usw., die auf diese Benommenheit Kätchens hinweisen. „Im Verhör zwischen Käthchen und Strahl stehen sich Gefühl und Bewusstsein wie Paradies und Jüngstes Gericht gegenüber.“[6] Käthchen tritt durch diese Feststellung in die Welt des Neuen Testaments und in ein Gefüge aus Bewusstem und Unbewusstem, wobei sie das Unbewusste vertritt und Strahl das Bewusste.

Käthchen tritt danach erst wieder in III/1 auf. Dort ist sie nun mit ihrem Vater Theobald und ihrem Verlobten Gottfried Friedeborn auf dem Weg ins Kloster.

2.2 Graf Wetter vom Strahl

Die Verbindung zwischen Käthchen und dem Grafen ergibt sich erst im Laufe des Schauspiels. Der Graf ist sich dessen noch nicht bewusst, dass Käthchen seine zukünftige Braut ist und sie ihm deshalb auf Schritt und Tritt folgt.

In II/1 erkennt er zwar seine Liebe zu ihr, erfährt aber nicht den Grund dafür.

Der Graf vom Strahl. [...] Käthchen, Käthchen, Käthchen! Du, deren junge Seele, als sie heut nackt vor mir stand, von wollüstiger Schönheit gänzlich triefte, wie die mit Ölen gesalbte Braut eines Perserkönigs, wenn sie, auf alle Teppiche niederregnend, in sein Gemach geführt wird! Käthchen, Mädchen, Käthchen! Warum kann ich es nicht? Du Schönere, als ich singen kann, ich will eine eigene Kunst erfinden, und dich weinen. Alle Phiolen der Empfindung, himmlische und irdische, will ich eröffnen, und eine solche Mischung von Tränen, eine Erguß so eigentümlicher Art, so heilig zugleich und üppig, zusammenschütten, dass jeder Mensch gleich, an dessen Hals ich sie weine, sagen soll: sie fließen dem Käthchen von Heilbronn![7]

2.3 Kunigunde

Kunigunde, in Form als Gegenspielerin von Käthchen, tritt namentlich als erstes in II/3 auf bei einem Dialog zwischen Ritter Flammberg und Wetter vom Strahl. Ritter und Graf sprechen von ihr in nicht so hohen guten Tönen wie zuvor Graf Strahl von Käthchen sprach.

Flammberg. Der Rheingraf fordert, im Namen Fräulein Kunigundes von Thurneck, den Wiederkauf Eurer Herrschaft Stauffen; jener drei Städtlein und siebzehn Dörfer und Vorwerker, Eurem Vorfahren Otto, von Peter, dem ihrigen, unter besagten Klausel, käuflich abgetreten; grade so, wie dies der Burggraf von Freiburg, und, in früheren Zeiten schon ihre Vettern, in ihrem Namen getan haben.

Der Graf vom Strahl steht auf. Die rasende Megäre! Ist das nicht der dritte Reichsritter, den sie mir, einem Hund gleich, auf den Hals hetzt, um mir diese Landschaft abzujagen! Ich glaube, das ganze Reich frisst ihr aus der Hand. Kleopatra fand einen, und als er sich den Kopf zerschellt hatte, scheuten die anderen; doch ihr dient alles, was eine Ribbe weniger hat, als sie, und für jeden einzelnen, den ich ihr zerzaust zurücksende, stehen zehn andere wider mich auf [...].[8]

Kunigunde ist im Streit mit den beiden Protagonisten um eine Herrschaft, die, wie es scheint, schon seit langer Zeit zu solchen Ärgernissen und Kriegen führt. Graf vom Strahl bezeichnet sie als „rasende Megäre[9] “. Kunigunde wird dadurch dämonisiert. Des weiteren ist in dieser Rede ein Vergleich zu Adam und Eva („was eine Ribbe weniger hat“), wobei Kunigunde dabei als böses Weib dasteht. Der Vergleich mit dem Alten Testament trifft in Bezug auf Kunigunde des öfteren ein, wie sich noch zeigen wird.

Kunigunde scheint durch diese erste Charakterisierung von Graf vom Strahl in ein Konzept von Weiblichkeit zu fallen, in welchem die Frau ein machtbesessenes und Männer feindliches Wesen ist. Dieses Konzept trifft allerdings nur in Bezug auf Kunigunde zu. Sie ist eine, durch ihren Vater (Peter von Thurneck), mächtige Frau, welche mit ihren Mitteln gegen das zu ihrer Zeit vorherrschende Patriarchat ankämpft. Es ist somit auch ein Vergleich zu Amazonen oder auch Hexen und Zauberinnen möglich. Kunigunde rückt durch, die schon zu Beginn ihrer Geschichte veranschlagten Vergleiche, in die Nähe von mythologischen und alttestamentlichen Strukturen.

Körperlich tritt Kunigunde in II/4 auf, kommt dabei jedoch noch nicht zu Wort. Sie wird einzig von Ritter Schauermann und Graf Freiburg als Gefangene und Geknebelte vor einer Köhlerhütte präsentiert. Es ist bei diesem Auftritt eine durch Donner und Blitz geprägte Nacht. „Dieser dramatische Effekt wird in der englischen Romantik als „gothic element“ bezeichnet; er verleiht der Nachtszene einen ungewöhnlichen Schauer und erzielt eine furchterregende Atmosphäre.“[10]

In II/6 wird Kunigunde noch einmal durch Graf Freiburg beschrieben, jedoch nicht so derb wie zuvor Graf vom Strahl es getan hat.

Freiburg. O, Georg! Du hättest sie sehen sollen, wie sie daher geritten kam, einer Fabel gleich, von den Rittern des Landes umringt, gleich einer Sonne, unter ihren Planeten! Wars nicht, als ob sie zu den Kieseln sagte, die unter ihr Funken sprühten: ihr müsst mir schmelzen, wenn ihr mich seht? Thalestris, die Königin der Amazonen, als sie herabzog vom Kaukasus, Alexander den Großen zu bitten, dass er sie küsse: sie war nicht reizender und göttlicher, als sie.[11]

Auch hier wird Kunigunde wieder in einen göttlichen Mythos geführt, wie zuvor auch Strahl solche Vergleiche benutzte. Doch diesmal geschieht es nicht abwertend, sondern in höchsten Tönen. Graf Freiburg erzählt seinem Freund Georg wie er Kunigunde gefangen nahm und was er weiter mit ihr vorhat. Warum Graf Freiburg Kunigunde gefangen nimmt, erklärt er wenige Verse später selbst.

Freiburg. Lieber! Guter! Wunderlicher! Honig von Hybla, für diese vom Durst der Rache zu Holz vertrocknete Brust. Warum soll dies wesenlose Bild länger, einer olympischen Göttin gleich, auf dem Fußgestell prangen, die Hallen der christlichen Kirchen von uns und unsersgleichen entvölkernd? Lieber angefasst, und auf den Schutt hinaus, das Oberste zu unterst, damit mit Augen erschaut wird, dass kein Gott in ihm wohnt.

Georg. Aber in aller Welt, sag mir, was ists, das dich mit so rasendem Haß gegen sie erfüllt?

Freiburg. O Georg! Der Mensch wirft alles, was er sein nennt, in eine Pfütze, aber kein Gefühl. Georg, ich liebte sie, und sie war dessen nicht wert. Ich liebte sie und ward verschmäht, Georg; und sie war meiner Liebe nicht wert. Ich will dir das sagen – Aber es macht mich blaß, wenn ich daran denke. Georg! Georg! Wenn die Teufel um eine Erfindung verlegen sind: so müssen sie einen Hahn fragen der sich vergebens um eine Henne gedreht hat, und hinterher sieht, dass sie, vom Aussatz zerfressen, zu seinem Spaße nicht taugt.

Georg. Du wirst keine unritterliche Rache an ihr ausüben?

Freiburg. Nein; Gott behüt mich! Keinem Knecht mut ich zu, sie an ihr zu vollziehn. – Ich bringe sie nach der Steinburg zum Rheingrafen zurück, wo ich nichts tun will, als ihr das Halstuch abnehmen: das soll meine ganze Rache sein!

Georg. Was! Das Halstuch abnehmen?[12]

[...]


[1] Der Text wird zitiert nach: Heinrich von Kleist. Sämtliche Werke und Briefe. Sembdner, Helmut (Hrsg.), Deutscher Taschenbuch Verlag, Bd. 1, 2000, V. 63-80. Im folgenden werden nur noch die Versnummern in der Fußnote genannt.

[2] V. 95.

[3] V. 398-401.

[4] Harlos, Dieter: Frauengestalten im Werk von Heinrich von Kleist. Frankfurt/Main, 1984. S. 95.

[5] V. 437-444.

[6] Harlos, S. 95.

[7] V. 690-702.

[8] V. 759-773.

[9] Was ist Megäre?

[10] Borchardt, Edith: Mythische Strukturen im Werk Heinrich von Kleists. New York, 1987. S. 91.

[11] V. 897-904.

[12] V. 916-940.

Details

Seiten
21
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640251148
ISBN (Buch)
9783640252558
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v120880
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Kleists Dramen
Note
2,3
Schlagworte
kleist heilbronn feuerprobe

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Titel: Kleists Drama "Das Käthchen von Heilbronn"