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Gerechtigkeit als Fairness bei John Rawls

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 21 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung

B. Rawls Gerechtigkeitsbegriff

C. Die zwei Prinzipien der Gerechtigkeit
I. Das erste Prinzip der Gerechtigkeit
II. Das zweite Prinzip der Gerechtigkeit
III. Das Verhältnis der beiden Prinzipien

D. Die Gesellschaft und die Personen

E. Das Verfahren zur Festlegung von fairen Regeln / Die „Original Position“

F. Der Begriff der Gerechtigkeit als Fairness
I. Der Sinn für gerechtes Handeln
II. Die Unterscheidung von Gerechtigkeit und Fairness
III. Fairness als Voraussetzung für Gerechtigkeit

G. Die Wurzeln von Rawls Theorie

H. Rawls Kritik am Utilitarismus

I. Kritik an Rawls Begriff der Gerechtigkeit als Fairness

J. Fazit

Literaturverzeichnis

A. Einleitung

Gerechtigkeit ist ein elementares Strukturprinzip von Gemeinschaften - wenn nicht das elementarste Prinzip überhaupt. Die Frage, wie sich Gerechtigkeit definiert und wie sie geschaffen werden kann ist deshalb eine zentrale politische, philosophische und moralische Frage.

In dieser Hausarbeit soll das Konzept der Gerechtigkeit als Fairness von John Rawls näher beleuchtet und kritisch betrachtet werden. Dabei bezieht sich diese Arbeit vor allem auf den Aufsatz „Gerechtigkeit als Fairneß“ von 1958. Denn auch wenn John Rawls in seiner Monographie „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ eine umfassende Darstellung seines Gerechtigkeitsbegriffs, auch in bezug auf die Gerechtigkeit als Fairness, unternahm, bleibt der Aufsatz die theoretische Grundlage. Dort hat er auch schon manche Dinge angesprochen, die er in seinem späteren Werk unter anderen Abschnitten als dem über die Gerechtigkeit als Fairness ausführt. Ein Beispiel dafür sind die beiden Prinzipien der Gerechtigkeit. Außerdem steht das spätere Werk, laut eigenen Angaben Rawls, dem Aufsatz über distributive Gerechtigkeit weitaus näher als dem Aufsatz über Gerechtigkeit als Fairness.[1] Auch Hans Georg von Manz betont in seinem Werk „Fairneß und Vernunftrecht“, dass Rawls in seinen späteren Veröffentlichungen nicht von der in seinem Aufsatz über Gerechtigkeit als Fairneß entwickelte Grundidee abgewichen ist.[2] Das Hauptaugenmerk soll aus diesen Gründen auf dem Aufsatz von 1958 liegen und, sofern nötig, durch weiterführende Ausführungen in „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ lediglich ergänzt werden.

Rawls geht bei der Entwicklung seiner Theorie deduktiv und synthetisch vor, indem er aus den Charakteristika des Gerechtigkeitsbegriffs ein Gedankenschema konstruiert, welches dann zu den von ihm entwickelten Gerechtigkeitsprinzipien führt.[3]

Deshalb soll zunächst das Gerechtigkeitsverständnis Rawls und der dazugehörende Gerechtigkeitsbegriff erklärt werden. Danach werden die beiden Gerechtigkeitsprinzipien, die Rawls in seiner Theorie entwirft, erläutert. Daraufhin soll das Menschenbild sowie Rawls Auslegung der Gesellschaft kurz vorgestellt werden, um die darauf folgende Darstellung der Festlegung von Gerechtigkeitsgrundsätzen in der „original position“ verständlicher zu machen. Dann soll der Begriff der Gerechtigkeit als Fairness selbst genauer beleuchtet werden. Zusätzlich werden daraufhin die philosophischen Theorien und Traditionen, auf die Rawls sich beruft, angesprochen sowie seine Kritik am Utilitarismus umrissen. Auch die kritische Betrachtung von Rawls Interpretation des Gerechtigkeitsbegriffs in der Literatur soll kurz angesprochen werden, um daraufhin zu einem abschließenden Fazit zu gelangen.

B. Rawls Gerechtigkeitsbegriff

Gerechtigkeit ist nach Rawls „die Beseitigung willkürlicher Unterschiede und die Herstellung eines angemessenen Gleichgewichts zwischen konkurrierenden Ansprüchen“.[4] Rawls entwickelt deshalb also eine Theorie der distributiven Gerechtigkeit.

Gerechtigkeit ist für ihn darüber hinaus eine Tugend, die sich auf verschiedene Situationen beziehen kann. So kann sie zwischen Personen herrschen, bestimmte Handlungen betreffen oder sich auf eine gesellschaftliche Institution, eine sogenannte Praxis, beziehen. In seinen Ausführungen zum Begriff der Gerechtigkeit beschränkt sich Rawls exemplarisch auf die Praktiken. Damit sind alle Tätigkeiten gemeint, die durch Ordnungsregeln innerhalb der Gesellschaft errichtet und durchgeführt werden. Diese Praktiken sind laut Rawls dann als gerecht zu bezeichnen, wenn die Personen, die sie betreffen, ihnen grundsätzlich zustimmen können.

Otfried Höffe versteht Rawls Gerechtigkeitsbegriff deshalb auch nicht als eine subjektive persönliche Tugend, sondern vielmehr als eine „Grundforderung an politische Institutionen“.[5]

Gemäß Rawls Theorie ist der Gerechtigkeitsbegriff aus drei Gedanken zusammengesetzt: Freiheit, Gleichheit und der Belohnung von Leistungen, die der allgemeinen Wohlfahrt dienen.

C. Die zwei Prinzipien der Gerechtigkeit

Diese drei eben aufgezählten Gedanken führen in ihrer Weiterentwicklung zu den zwei Prinzipien der Gerechtigkeit, die bei der Festlegung einer gesellschaftlichen Ordnung gemäß Rawls anzuwenden sind. Sie sollen dafür sorgen, dass die Bürger die Verwirklichung ihrer individuellen Lebenspläne in einer auf diesen beiden Prinzipien aufgebauten Gesellschaft, die dadurch offen und pluralistisch konstruiert ist, institutionell geschützt wissen können.[6]

I. Das erste Prinzip der Gerechtigkeit

Die Prinzipien beziehen sich vor allem auf die ersten beiden Gedanken, aus denen der Gerechtigkeitsbegriff zusammengesetzt ist. Bei dem Gedanken der Freiheit ist nämlich anzumerken, dass sie nur insoweit Bestand haben kann, solange die Bedingungen unter denen sie gewährt wird gleich bleiben. Da sich die Bedingungen allerdings ändern können, können Unterschiede in Bezug auf die Freiheit somit gerechtfertigt werden. Allerdings muss stets das Recht auf die größtmögliche Freiheit bestehen bleiben, solange dies mit der gleichen Freiheit für alle (innerhalb der Praxis) vereinbar ist. Diesen Gerechtigkeitsgrundsatz bezeichnet Rawls als das erste Prinzip der Gerechtigkeit: Jede Person hat das gleiche Recht auf ein System von gleichen Grundfreiheiten, solange dies mit dem gleichen System dieser Grundfreiheiten für alle vereinbar ist. Dieser Grundsatz wird zuweilen auch als Gerechtigkeitsprinzip bezeichnet.[7] Durch dieses Prinzip erhält jedes Mitglied der Gesellschaft eine unantastbare Grundfreiheit zugesichert. Diese Freiheit bezieht sich sowohl auf die soziale Komponente wie auch auf die wirtschaftliche Struktur der Gesellschaft.[8]

Eine Beschränkung der Freiheit einer Person ist nur dann gerechtfertigt, wenn es durch das Recht eines anderen oder der Gemeinschaft auf die normierte Grundfreiheit legitimiert werden kann. Dadurch können also auch Abweichungen von diesem ersten Prinzip gerechtfertigt werden.

II. Das zweite Prinzip der Gerechtigkeit

Es können auch Unterschiede in Bezug auf die Gleichheit der Menschen entstehen. Dabei sind mit Unterschieden die Vor- und Nachteile gemeint, die den verschiedenen Personen aus ihrer gesellschaftlichen Stellung entstehenden. Dies sind laut Rawls „Dinge, nach denen die Menschen streben oder die sie zu vermeiden suchen“, wie beispielsweise Steuern oder Vermögen.[9]

Unterschiede in Bezug auf den Gedanken der Gleichheit sind gemäß Rawls möglich, wenn diese nicht willkürlich sind. Das heißt, dass Unterschiede dann gerechtfertigt sind, wenn sie einem allgemeinen Vorteil dienen und die Ämter, die bevorteilt werden, allen offenstehen. Dies stellt das zweite Prinzip der Gerechtigkeit dar. Dieses Prinzip besagt auch, dass Ämter, die Vorteile beinhalten in einem fairen Wettbewerb erworben werden müssen. Das bedeutet, dass es allen möglich sein muss, unabhängig von den individuellen Ausgangsbedingungen des Einzelnen, eine bestimmte gesellschaftliche Position zu erreichen, wozu vor allem ein an den Gerechtigkeitsprinzipien ausgerichteter institutioneller Rahmen (z.B. eine an bestimmten Grenzen ausgerichtete freie Marktwirtschaft) nötig ist.[10]

Praktiken, die Ungleichheiten beinhalten, müssen allerdings Vorteile für jede teilnehmende Partei, also jeden Einzelnen, bringen, da laut Rawls die Vorteile des einen keine Nachteile des anderen ausgleichen können. (Dies ist schon der wesentliche Unterschied zum Utilitarismus, auf den später noch genauer eingegangen werden wird.) Eine Ungleichheit ist somit erst dann auch ungerecht, wenn das System der Praktiken insgesamt ungerecht ist, aber nicht schon wenn Positionen einzelner Personen betroffen sind. Denn mit dem in Kauf nehmen eines unmittelbaren Nachteils können beispielsweise zukünftige Vorteile oder Gewinne verbunden sein.

In seinem späteren Werk „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ entwickelt Rawls diese beiden Prinzipien weiter. In dieser Schrift fasst er die beiden Gerechtigkeitsprinzipien unter dem Lehrsatz zusammen, dass alle Güter gleich verteilt werden sollen, außer wenn eine ungleiche Verteilung eines oder aller Güter einen Vorteil für die am wenigsten Bevorteilten darstellt.[11] Rawls sagt dazu weiter, dass eine Güterverteilung erst dann effizient ist, wenn es nicht mehr möglich ist mindestens einer Person mehr zu geben, ohne dass mindestens eine andere Person weniger bekommt. Er bezieht sich damit also auf die aus der Wirtschaftswissenschaft kommende Konzeption der Pareto-Optimalität.[12]

Das zweite Prinzip der Gerechtigkeit, das auch als Differenzprinzip bezeichnet wird, gibt dafür die Bedingungen wieder, unter denen Ungleichheiten zu dulden sind. Es lautet zusammengefasst: Ungleichheiten, egal ob sozial oder ökonomisch, müssen so konstruiert sein, dass sie den am wenigsten Begünstigten den größten Vorteil bringen und die bevorteilten Ämter und Positionen allen durch eine faire Chancengleichheit offenstehen.[13]

Damit sagt Rawls auch aus, dass er es nicht als gerecht oder ungerecht betrachtet, dass Personen aufgrund von natürlichen Gegebenheiten mehr oder weniger begünstigt sind. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass sich bestimmte Personen dafür entscheiden einen aus dem Prinzip resultierenden Vorteil freiwillig abzulehnen. Die Verletzung des zweiten Prinzips und damit Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit können erst durch den Umgang der gesellschaftlichen Institutionen mit dieser Ungleichheit geschaffen werden.[14]

III. Das Verhältnis der beiden Prinzipien

Rawls macht klar, dass die zwei Prinzipien nicht nebeneinanderstehen. Vielmehr sind sie hierarchisch gegliedert. Sie stehen in „lexikalischer Ordnung“[15]: Das erste Prinzip steht über dem zweiten. Das bedeutet, dass das erste Prinzip durch das Differenzprinzip nicht eingeschränkt werden kann und sich das zweite Prinzip nur in dem durch das erste Prinzip geschaffenen Rahmen entfaltet.

Durch Anwendung der Prinzipien können die Mitglieder einer Gesellschaft vernünftige und vor allem gerechte Grundsätze für ihre Gemeinschaft aufstellen, die insbesondere der Chancengleichheit genügen und genug Platz zur Verwirklichung individueller Lebenspläne lassen.

[...]


[1] Vgl. Rawls – Vorwort, S. 13.

[2] Vgl. von Manz, S. 10.

[3] Vgl. Höffe, S. 25.

[4] Vgl. Rawls - Gerechtigkeit als Fairness, S. 36.

[5] Zit. Höffe, S. 19.

[6] Vgl. Koch, S. 129.

[7] Vgl. Dehnert, S. 8.

[8] Vgl. von Manz, S. 10.

[9] Zit. Rawls – Gerechtigkeit als Fairness, S. 40.

[10] Vgl. von Manz, S. 14.

[11] Vgl. Rawls – Eine Theorie der Gerechtigkeit, S. 337.

[12] Vgl. Rawls – Eine Theorie der Gerechtigkeit, S. 88 ff.

[13] Vgl. Rawls – Eine Theorie der Gerechtigkeit, S. 81.

[14] Vgl. von Manz, S. 18.

[15] Zit. Rawls – Eine Theorie der Gerechtigkeit, S. 82.

Details

Seiten
21
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640251575
ISBN (Buch)
9783640251735
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v120900
Institution / Hochschule
Hochschule für Politik München
Note
1,7
Schlagworte
Gerechtigkeit Fairness John Rawls Diplomandenseminar Normative Ansätze Denken Kritiker

Autor

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