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Der Wandel der Organisationsformen der Weiterbildungsinstitutionen im Rahmen des Hochschulwandels

Wissenschaftlicher Aufsatz 2007 11 Seiten

Organisation und Verwaltung - Sonstiges

Leseprobe

Der Wandel der Organisationsformen der Weiterbildungsinstitutionen im Rahmen des Hochschulwandels

Von Lilia M. Hirsch

Die deutsche Hochschullandschaft untersteht zweifelsohne den größten Veränderungen in der Nachkriegsgeschichte. Diese Zeiten sind auch deshalb so aufregend, weil gerade in der wissenschaftlichen Weiterbildung, die sich bekanntlich in ihrem Spektrum sowohl in der Vergangenheit als auch heute überaus breit darstellt, nun auch institutionelle Organisationsformen möglich und inzwischen gegeben sind, die dieser Vielfalt Rechnung tragen können. Die globalen technologischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen, aber insbesondere die europäischen Umwälzungen der letzten zwei Jahrzehnte, zwingen die deutschen Hochschulen als Ganzes in eine Dynamik, die auch nicht vor der wissenschaftlichen Weiterbildung als Teilmenge Halt machen kann und wird. Daher erscheinen die lange Jahre geltenden Prämissen für die Organisation der Weiterbildung an Hochschulen, die im Arbeitskreis Universitäre Erwachsenenbildung (AUE) bereits vor ca. 40 Jahren gemeinsam entwickelt und weiterentwickelt wurden, möglicherweise nicht mehr als „Königsweg“, wenn die gesellschaftliche Realität der Diversität an den nun vorhandenen institutionellen Formen der Weiterbildung gespiegelt wird.

Massiv zum Tragen kommt die gesellschaftliche Verantwortung der Weiterbildungsorganisationen und der innerhalb dieser Organisationen Handelnden insbesondere, weil die Veränderungsprozesse und die sogenannten sich verkürzenden Wissenshalbwertzeiten die Individuen zu steter Anpassung ihrer Wissensund Qualifizierungsstände bringen und deren Erfüllung bzw. Nichterfüllung die Lebenschancen der Betroffenen nachhaltig beeinflussen. Wenn also berufsbezogenes oder berufsbegleitendes „lebenslanges Lernen“ abverlangt wird und die forschungsgeleitete Bildung als eines der Qualitätsmerkmale gilt, kann die Verknüpfung von Forschung und Lehre nicht auf die bisher klassische Zeitspanne des grundständigen Studiums postuliert werden, ohne ernsthafte Erklärungsnotstände herbeizuführen. Da hierbei offensichtlich nicht alleine die Bildungswissenschaften, sondern auch die Sozialwissenschaften, die Psychologie oder auch beispielsweise Wirtschaftswissenschaften gefordert sind – die Aufzählung erhebt keinesfalls Anspruch auf Vollständigkeit – mag das Konzept des interdisziplinären Forschungsansatzes und der interdisziplinären Qualifikationskumulation der Weiterbildungs-Mitarbeiter/innen für die wissenschaftliche Weiterbildung und deren Organisationsform fruchtbar sein bzw. werden.

Institutionelle Organisationsformen für wissenschaftliche Weiterbildung

Die Form, die eine Hochschule für die Organisation ihrer wissenschaftlichen Weiterbildung wählt bzw. wählen kann, ist abhängig von den landesspezifischen rechtlichen Möglichkeiten, die die Ministerien in ihren Hochschulgesetzen festlegen. Auch die Grundordnungen der Hochschulen und die Haushaltsgesetze nehmen Einfluss auf die Gestaltbarkeit der Organisationsformen. Nicht zuletzt kann die Ausgestaltung auch von der institutionellen Form der Hochschule selbst (Trägerschaft des Staates, Trägerschaft von rechtsfähigen Stiftungen des öffentlichen Rechts, private Trägerschaft) abhängig gemacht werden. Auch bleibt die Entscheidung für das eine oder andere institutionelle Modell den strategischen Überlegungen der Hochschulleitung verpflichtet, die im Rahmen der jeweiligen Profilbildung stattfinden und möglicherweise ebenfalls Kooperationsformen mit Partnern der Privatwirtschaft einschließen (Public Private Parnerships[1] ). Verbunden mit der institutionellen Organisationsform sind gleichwohl die jeweiligen steuerlichen Bedingungen, die eine Entscheidung für die endgültige Organisationsstruktur maßgeblich mitbestimmen. So haben in der Praxis der vergangenen Jahre viele Organisationsformen für wissenschaftliche Weiterbildung Eingang in die Hochschulen gefunden, die nicht dem Ansatz einer Einrichtung folgen, die als zentral ausgewiesene, eigenständige fakultätsübergreifende Einrichtung für Weiterbildung gestaltet ist. Als bekannte Beispiele dienen hier oft Weiterbildungseinrichtungen, die als Vereine (e.V.) oder als Gesellschaften mit beschränkter Haftung (GmbH und gGmbH) in mehr oder minder engen Kooperationsformen mit den Hochschulen arbeiten oder ggf. als „Tochtergesellschaften“ von Fachbereichen, Instituten, Fakultäten oder auch von der gesamten Hochschule gegründet wurden und sich am Weiterbildungsmarkt (mehr oder minder erfolgreich) bewegen.

Durch erneute Festlegung der Weiterbildung als eine der Kernaufgaben der Hochschulen in der Novelle des Hochschulrahmengesetzes (HRG) von 1998 [2] und in allen Landeshochschulgesetzen (in Niedersachsen u.a. § 3 Aufgaben der Hochschule), hat auch die Kultusministerkonferenz im Herbst 2001 Empfehlungen zur Umsetzung von Weiterbildungsprogrammen in Kooperation zwischen Unternehmen und Hochschulen herausgegeben (Kultusministerkonferenz (2001)) und die Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Industrieund Handelskammertag (DIHK) sowie die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) formulierten 2003 einen „10-Punkte-Plan von Wirtschaft und Hochschulen“ in einer Erklärung zur Weiterbildung. Inwieweit diese Gesetze, Empfehlungen und Erklärungen zur Annäherung der Bereiche Hochschule und Wirtschaft für die Strukturen der wissenschaftlichen Weiterbildung befruchtend relevant wurden, sei dahingestellt. Spätestens jedoch mit dem Wettbewerb des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft im Jahr 2004 ist die Vielfalt der Möglichkeiten und der verfolgten Strategien offenkundiger geworden. Beginnend bei dem Titel des Wettbewerbs „Hochschulen im Weiterbildungsmarkt“ über die Vorschläge für den strukturellinhaltlichen Aufbau der Anträge (in Anlehnung an die in der freien Wirtschaft als „Businesspläne“ oder „Geschäftsmodelle“ bezeichneten Planungsdokumente für Unternehmen) bis hin zu der professionellen Pro-bono-Beratung der Firma McKinsey & Company (Unternehmensberatung), die der erstplatzierten Fachhochschule Konstanz neben den Preisgeldern zugute kam, war die Semantik des Wettbewerbs bereits eindeutig von der Wirtschaft geprägt. Im Zusammenhang mit den Bewerbungen von 37 Hochschulen, die sich an diesem Aktionsprogramm beteiligt haben, liegt daher der Gedanke nahe, dass die teilnehmenden Akteure diese Semantik akzeptiert, möglicherweise über die Zeit des Wettbewerbs hinaus verinnerlicht und – zumindest stellenweise – in den Strukturen und Arbeitsabläufen implementiert haben. Gerade in diesem Zusammenhang überrascht es nicht, dass nach dem Wettbewerb etwas weniger öffentlich über die wissenschaftliche Weiterbildung und ihre Strukturen diskutiert wurde: Das Wesen eines „Geschäftsmodells“ ist die Entwicklung einer Strategie eines Unternehmens bzw. einer Hochschule nach unternehmerischen Zielsetzungen, die u.a. Wettbewerbsanalysen (andere Hochschulen bzw. Einrichtungen für Weiterbildung als Wettbewerber), Zielgruppenspezifizierung und Bedarfsermittlung (Wer möchte was lernen und wie?) und Entscheidungen zur Struktur und zum Management (institutionelle Formen und Verantwortlichkeiten) festlegt. Möglicherweise werden solche Strategie- Entwicklungen zunächst der sogenannten Verschwiegenheitspflicht unterlegt, also einer Verpflichtung, die Weitergabe von Betriebsund Geschäftsgeheimnissen zu unterlassen, weil sie Kundenund Preislisten, technisches Know-how (zum Beispiel im Bezug auf eLearning) oder Bilanzen der Unternehmungen/Planungen beinhalten; Veröffentlichungen von Abhandlungen über die Strategieentwicklungen liegen deshalb im Vorfeld der Implementierung der Strategien zunächst nicht unbedingt nahe.[3] Dennoch ist „Benchmarking“ in der wissenschaftlichen Weiterbildung als Methode zur Identifikation von Best Practice und zur Anpassung auf die eigene organisatorische Situation an der Hochschule in einschlägigen bzw. spezialisierten Netzwerken faktisch existent.

Zurück zur Semantik: Wirtschaftliche oder juristische Fachbegriffe sind auch innerhalb der Hochschulen nicht lediglich von den speziellen Wissenschaften geprägt, sondern übliche Basis für viele Teile der Hochschulverwaltung. Begrifflichkeiten wie beispielsweise wirtschaftlicher Haushaltsplan, Geschäftsverteilungsplan, Kameralistik/Doppik, Rechnungswesen, Kostenund Leistungsrechnung, Budgetierung/Controlling und insbesondere der Grundsatz der „Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit“, der zur Anwendung in Körperschaften öffentlichen Rechts kommt, haben die Arbeit der Verwaltungen gezeichnet. Neu mögen jedoch die Auswirkungen der neuen Gesamtsteuerungsmodelle der Hochschulen sein, die inzwischen auch in den Fakultäten, Fachbereichen oder wissenschaftlichen Zentren veränderte Verantwortungszuschnitte, Tätigkeitsdarstellungen und Qualifikationen der Angestellten prägen (Fakultätsgeschäftsführer, Fakultätsmanager etc.), welche sich überwiegend auf das Management von Einrichtungen unter Einsatz der modernen (auch hochtechnisierten, z.B. SAP) Verwaltungsinstrumente konzentrieren. Das Auftauchen dieser Berufsbezeichnungen, die im Hochschulbereich zur Abgrenzung von der klassischen Verwaltung oft als „Wissenschaftsmanagement“ bezeichnet werden, ist in jüngster Vergangenheit auch im Bereich der wissenschaftlichen Weiterbildung zu beobachten und verändert die tradierten Handlungsweisen in institutionellen Stätten des Lehrens und Lernens: Geschäftsführungen oder geschäftsführende Direktorien arbeiten neben den wissenschaftlichen Direktorien, Zentrumsräten, Aufsichtsrä- ten, Kuratorien oder Beiräten gemeinsam am Erfolg der jeweiligen Institution, was jedoch nicht automatisch zum Paradigmenwechsel führen muss.

Etwas neuer ist auch der Befund, dass alleine die exzellenten Inhalte nicht für die optimale Belegung der kostenpflichtigen Weiterbildungsangebote Sorge zu tragen vermögen. Insbesondere hochpreisige Weiterbildungsprogramme werden ohne zielgruppenspezifisches Marketing voraussichtlich nicht gut auskommen können. Das Projekt „Soziale und regionale Differenzierung von Weiterbildungsverhalten und -interessen“ unter der Leitung von Rudolf Tippelt (LMU München) und Heiner Barz (HHU Düsseldorf) beschäftigte sich beispielsweise mit der Weiterbildungspartizipation und den Weiterbildungsaspirationen der deutschen Wohnbevölkerung (erstmalig repräsentativ für das Bundesgebiet) auf der Grundlage des sozialen Models Sinus-Milieus® der Heidelberger Firma Sinus Sociovision. Das auf Ganzheitlichkeit basierende Sinus-Modell rückt die Menschen und ihre Lebenswelt ins Blickfeld, deswegen bietet es auch dem Marketing in der Weiterbildung mehr Informationen und bessere Entscheidungshilfen als konventionelle Ansätze der Zielgruppenorientierung (Barz/Tippelt, 2004). Im Anschluss an das oben genannte Projekt förderte ebenfalls das BMBF das Projekt

„ImZiel“, das die Verwertung der gewonnenen Erkenntnisse über die milieuspezifischen Weiterbildungsinteressen, über die regionalspezifische Nachfrage und über die aus bestimmten Lebenslagen resultierenden Anforderungen an Weiterbildungsangebote gewährleistete und die Konzeption neuer zielgruppenspezifischer Angebote, Durchführung und Evaluation sowie die wissenschaftliche Beratung und Begleitforschung umfasste[4].

Für welche institutionelle Organisationsform der Weiterbildung auch immer letztlich die Entscheidung in der Hochschule gefällt wird, inhäusig oder aushäusig, zentral oder dezentral: Eine Marktannäherung der wissenschaftlichen Weiterbildung ist von Nöten, wenn sowohl inhaltlich, didaktisch als auch organisatorisch (Serviceorientierung und Management) auf die Bedürfnisse von „Studierenden“ eingegangen wird, die Beruf und praktische Erfahrungen in die Lernprozesse einbringen und sich somit bekanntlich von der vergleichsweise homogenen Gruppe der Studierenden im Grundstudium kurz nach dem Abitur unterscheiden. Deutlich wird diese Notwendigkeit schnell im internationalen Vergleich, wenn Wettbewerbsvorteile ausländischer Hochschulen untersucht werden und als eine deutliche Unterscheidung die Verzahnung von grundständiger Bildung, Weiterbildung und beruflicher Bildung durch eine weitaus größere Schnittmenge als in Deutschland, festgestellt wird (Hanft/Knust, 2007).

[...]


[1] Mehr zu den PPPs in der Weiterbildung auch bei Schirmeister/Hirsch (2005): Wissenschaftliche Weiterbildung – Chance zur Kooperation mit der Wirtschaft?

[2] Die wissenschaftliche Weiterbildung wurde bereits 1976 durch das Hochschulrahmengesetz zur „hauptamtlichen Diensaufgabe der Hochschullehrer“ festgelegt, zählt also traditionell zu den Aufgaben einer Hochschule, ohne dass dies jedoch dort eine weitreichende Beachtung gefunden hatte.

[3] Ein Beispiel für die Veröffentlichungsproblematik aus einem anderen Hochschulbereich mag hier noch griffiger sein: Mit der im Februar 2002 in Kraft getretenen Reform des § 42 Arbeitnehmererfindergesetzes haben die deutschen Hochschulen das Recht erhalten, Erfindungen aller Wissenschaftler/innen in Anspruch zu nehmen, im] Namen der Hochschule zum Patent anzumelden und wirtschaftlich zu verwerten (§§ 42, 43 ArbNErfG). Hiermit ist das sogenannte „Hochschullehrerprivileg“ – über Patentierung und Verwertung ihrer Erfindungen selbst zu entscheiden – entfallen, womit sich die Rechte und Pflichten der Hochschulbeschäftigten und hierdurch auch das damit zusammenhängende Prozedere (z.B. der wissenschaftlichen Veröffentlichung) bei Erfindungen geändert haben. Jede Publikation, die eine patentfähige Erfindung enthalten könnte, soll der Hochschule rechtzeitig (die Zeitspannen werden von der jeweiligen Hochschule festgelegt) angezeigt werden. Dies gibt der Hochschule die Möglichkeit, bei wirtschaftlich interessanten Forschungsergebnissen eine vorsorgliche Patentanmeldung vorzunehmen. Nach Ablauf dieser Informationsfrist oder nach einer potenziell weiterhin möglichen Freigabe der Erfindung an den Erfinder kann die geplante Publikation erscheinen.

[4] Homepage des Projektes unter: www.imziel.de

Details

Seiten
11
Jahr
2007
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v121185
Schlagworte
Wandel Organisationsformen Hochschulwandel Wissenschaftsmanagement Weiterbildung Hochschulreform Bildungsinstitutionen

Autor

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