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Lebenslanges Lernen obdachloser Menschen

Ermittlung von pädagogischem Handlungsbedarf zur Prävention, Optimierung und Überwindung der Lebensform Nichtseßhaftigkeit

Masterarbeit 2008 81 Seiten

Pädagogik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
1.1. Hintergrund der Arbeit
1.2. Ziel des Vorhabens
1.3. Aufbau der Arbeit

2. Fragerelevante themenbezogene Forschungsarbeiten zu Obdachlosigkeit und Bildung
2.1. Forschungsarbeiten zur Zielgruppe
2.2. Forschungsarbeiten zum Prozeß des Lebenslangen Lernens

3. Theoretische Bezugspunkte der Arbeit
3.1. Die Lebensform im Kontext Lebenslangen Lernens
3.2. Chancen und Risiken der Lebensform Nichtseßhaftigkeit in definitorischer Darstellung – Begriffsbestimmung

4. Methodisches Vorgehen
4.1. Literaturbeschaffung
4.2. Literaturbeschaffenheit
4.3. Design

5. Räume obdachloser, auf der Straße lebender Menschen
5.1. Bestimmung struktureller Merkmale durch Stammdaten
5.1.1. Zu objektiven, subjektiven und individuellen Erscheinungsformen des Alters und Geschlechts
5.1.2. Zu objektiven, subjektiven und individuellen Erscheinungsformen der Familienstruktur
5.1.3. Zu objektiven, subjektiven und individuellen Erscheinungsformen des Einkommens
5.2. Bestimmung struktureller Merkmale der Zielgruppe durch Unterkünfte
5.2.1. Zu objektiven, subjektiven und individuellen Erscheinungsformen der Wohnung
5.2.2. Zu objektiven, subjektiven und individuellen Erscheinungsformen des eigenen Platzes der Obdachlosen
5.2.3. Zu objektiven, subjektiven und individuellen Erscheinungsformen des Wohnungsverlustes
5.3. Bestimmung struktureller Merkmale der Zielgruppe durch Lebenseinflüsse und Lebensbewältigung
5.3.1. Zu objektiven, subjektiven und individuellen Erscheinungsformen des Erlebens der Obdachlosigkeit – Nichtseßhaftigkeit
5.3.2. Zu objektiven, subjektiven und individuellen Erscheinungsformen der Gesundheit und Ernährung
5.3.3. Zu objektiven, subjektiven und individuellen Erscheinungsformen des Hilfeangebotes
5.4. Bestimmung der Merkmale der Zielgruppe durch kulturelle Prägung
5.4.1. Zu objektiven, subjektiven und individuellen Erscheinungsformendes Lern – und Erfahrungsbereiches der Erziehung 49 5.4.2. Zu objektiven, subjektiven und individuellen Erscheinungsformen von Lern – und Erfahrungsbereichen der Schul – und Berufsausbildung sowie informeller Bildung
5.4.3. Zu objektiven, subjektiven und individuellen Erscheinungsformen von Lern – und Erfahrungsbereichen des Erwerbslebens

6. Zielgruppenspezifisches Einordnen des pädagogischen Handlungsbedarfes in die von der OECD im Zusammenhang mit Lebenslangem Lernen definierten Lerndimensionen
6.1. Die präventive Bedeutung der Lerndimensionen des Lebenslangen Lernens in einem Wohnungsnotfall
6.2. Die präventive Bedeutung der Lerndimensionen des Lebenslangen Lernens in der Obdachlosigkeit
6.3. Die präventive Bedeutung der Lerndimensionen des Lebenslangen Lernens im Zusammenhang mit Risikofaktoren
6.4. Die Verortung der Zielgruppe „Nichtseßhafte“ in den Lerndimensionen des Lebenslangen Lernens

7. Zusammenfassung
7.1. Erreichbarkeit der Zielgruppe durch Lebenslanges Lernen
7.2. Der Einfluß Lebenslangen Lernens auf die Zielgruppe

Abschließende Bemerkungen

Literatur

1. Einführung

Obdachlosigkeit hat viele Facetten. Für den einen ist sie (scheinbar) weit entfernt, für den anderen gehört sie zwangsläufig zum Leben, ein weiterer wählt sie aus Überzeugung und der nächste kämpft gegen sie an. Um die Relevanz der hier vorliegenden Arbeit und die Einordnung in das gesellschaftliche und individuelle Geschehen dem Leser verständlich zu machen, werden zuvor anlaßbezogene Überlegungen angestellt. Dabei gilt es, die gedankliche Verschmelzung von Obdachlosigkeit mit dem Vorhaben des Lebenslangen Lernens zu ermöglichen.

1.1. Hintergrund der Arbeit

Nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Wohnungslosenhilfe e.V. lebten in Deutschland im Jahr 2006 18 000 Menschen ohne jede Unterkunft auf der Straße, wobei die Zahl dieser Menschen nach einem Rückgang zwischen 1993 und 1998 wieder steigt. Den Angaben zufolge betrifft es in der Regel Männer jenseits eines Lebensalters von 40 Jahren, während die Zahl der betroffenen Frauen weiterhin sinkt (www.bag-wohnungslosenhilfe.de) . Etwa 20 000 Kinder und Jugendliche sind es, die auf der Straße leben, wobei 9000 von ihnen, einer Studie im Auftrag von terre de homes zufolge, bundesweit in 50 Anlaufstellen geholfen wird (Evangelischer Pressedienst: www.epd.de). Bei auf der Straße lebenden Menschen handelt es sich um eine Subgruppe wohnungsloser bzw. obdachloser Personen, wobei für das Jahr 2006 die Zahl der in Deutschland lebenden Wohnungslosen mit 254 000 angenommen wird, davon etwa 76 Prozent Alleinstehende. Genaue Zahlen zum Phänomen Obdachlosigkeit gibt es in Deutschland nicht. Überhaupt handelt es sich um ein Gebiet, wo lediglich rudimentär gesicherte empirische Informationen vorliegen, welche dann, bei dem Begriffspluralismus innerhalb des Obdach – bzw. Wohnungslosenwesens, bei ihrer Verwendung in die „richtige Schublade“ gelegt werden müssen. Länderspezifische Regelungen sind in Empfehlungen oder Ausführungsgesetzen zugrunde gelegt, maßgeblich sind hier die Sozialgesetzbücher II und XII und die Durchführungsverordnung zu §§67 – 69 SGB XII, wo die entsprechenden Hilfen geregelt und die Voraussetzungen für Leistungsinanspruchnahme definiert sind.

Auch wenn es in Deutschland Abweichungen innerhalb der Auslegungsformalitäten gibt, so ist die Lebensform die selbe, ganz gleich, an welchem Ort die Menschen sich aufhalten. Im Kern beleuchtet das Vorhaben das Handeln der Menschen in ihrer Lebensform, hauptsächlich auf Platte. Beeinflussende rechtliche Prägungen, welche auch außerhalb des definitorischen Rahmens der Zielgruppe greifen, könnten das Ergebnis dieser Arbeit eher mißverständlich beeinflussen, als das sie zur Klärung fragerelevanter Aspekte beitragen, weshalb auf die Darlegung rechtlicher Zuständigkeiten weitestgehend verzichtet - und nur gelegentlich, zum besseren Verständnis und zur formalen Genauigkeit, darauf verwiesen wird. Der weitestgehende Verzicht ist allerdings nicht gleichzusetzen mit einer Wertung der Bedeutung dieser Bestimmungen im Kontext des Inkrafttretens . Die vielfältige Population der obdachlosen Menschen, wobei sich diese Vielfältigkeit durch den weitgefaßten Begriff der Obdachlosigkeit ergibt, macht es erforderlich, den Untersuchungsgegenstand einzugrenzen und zwar in der Form, daß sich das erkenntnisleitende Interesse auf die entsprechende Subgruppe der auf der Straße lebenden Menschen konzentriert.

Mit dem Bologna – Prozesses 2001erfährt die formelle und informelle Bildung mit dem Focus auf lebenslangem Lernen zur Anpassung an die sich wandelnden gesellschaftlichen Bedingungen, eine neue Dimension. Bildung in vielfältigen Formen soll den Menschen den Weg zur zufriedenen Lebensgestaltung ebnen, die Entfaltung individueller Kompetenzen soll die Teilhabe an Arbeitswelt und Gesellschaft fördern. Dabei werden alle Zielgruppen angesprochen. Strategisch will man diese Aufgabe durch biographiegeleitetes Lernen verwirklichen. Dabei wird zur Zeit in Projekten in Deutschland ein Vorhaben umgesetzt, mit dem Ziel eines chancengerechten Zuganges und zielgruppenspezifischer Angebote zur Erhaltung und zum Ausbau der Beschäftigungsfähigkeit.

1.2. Ziel des Vorhabens

Da es sich bei eigenem Vorhaben um ein Feld handelt, was im allgemeinen noch relativ unerforscht ist, können allenfalls als Ergebnis Basisinformationen zur Nutzung für weitergehende Untersuchungen resultieren. Primär sollen Aussagen darüber getroffen werden , wie pädagogische Arbeit dazu beitragen kann, subjektive Chancen zu einer individuell angemessenen Lebensgestaltung zu nutzen. Auf dem Weg dorthin werden wesentliche Aspekte der Biographie, insbesondere zur Erziehung und Bildung sowie zu Lebensereignissen obdachloser, hauptsächlich nichtseßhafter Menschen aufgenommen und aufgearbeitet. Außerdem wird der Frage nachgegangen, welche Einflüsse das Handeln dieser Menschen bestimmen und wie sich die Handlungskompetenzen äußern. Subjektive Bedarfe, Erwartungen und Wünsche, die aktuelle Lebenssituation und die eigene Persönlichkeit betreffend, sind wesentliche Indikatoren zur Verortung entsprechender (Bildungs)maßnahmen und methodischen Vorgehens und werden aus diesem Grund Teil der Ausführungen. Weiterhin wird der Standort der Zielgruppe innerhalb des Gefüges Obdachlosigkeit / Wohnungslosigkeit als Subkultur mit deren Besonderheiten dargelegt – kurz – was diese Menschen zu dem macht, was sie waren und sind, wie sie leben und wie darauf im Bildungskontext Einfluß genommen werden kann.

1.3. Aufbau der Arbeit

Die Darstellung des Materials konzentriert sich im Verlauf kontinuierlich auf das] Herstellen des Bildungszugangs zur Zielgruppe obdachloser – nichtseßhafter Menschen. Dazu wird die Zielgruppe über Handlungsmuster und Motive, Rheinberg drückt es aus mit `Gründen, um deretwillen jemand handelt ´ (Rheinberg 2006, S.11) und über die Lernbiographie kennengelernt und das Vorhaben Lebenslangen Lernens verdeutlicht. Dies macht den inhaltlichen Hauptteil der Arbeit aus. Aus dem strategischen Vorgehen Deutschlands und der Bundesländer bei der Umsetzung des Prozesses und den Merkmalen der Zielgruppe kann dann unter Punkt 6 auf Integrationsmöglichkeiten der Zielgruppe in den Prozeß des Lebenslangen Lernens bzw. präventive Maßnahmen durch Lebenslanges Lernen geschlossen werden.

2. Fragerelevante themenbezogene Forschungsarbeiten zu Obdachlosigkeit und Bildung

Um es vorwegzunehmen, es besteht noch erheblicher Bedarf an der Erstellung erziehungswissenschaftlich ausgerichteter Arbeiten zu Nichtseßhaften im Bildungsprozeß. Deshalb werden Forschungsfragen zur Zielgruppe und zum Lebenslangen Lernen separat betrachtet.

2.1. Forschungsarbeiten zur Zielgruppe

In der Literatur werden verschiedene Terminologien verwendet, um die Personengruppen der obdachlosen, wohnungslosen und nichtseßhaften Menschen zu unterscheiden. Mitunter finden sich diesbezüglich voneinander abweichende Definitionen.

Insgesamt gibt es zu dieser Personengruppe wenig empirisch gesichertes Wissen (Schaak 2002, S.7). Dieses resultiert überwiegend aus Untersuchungen innerhalb des psychosozialen Bereiches unter dem Aspekt der Armut. Gebhard Angele führte 1988 eine Untersuchung zu dem Leben ohne eigenen Wohnraum durch mit dem Anliegen, die Lebensbedingungen einschließlich der Gesundheitschancen obdachloser Menschen zu erfassen. Armut erhält dabei eine Schlüsselrolle. Mit hermeneutischen, deskreptiven Methoden und Methoden der empirischen Sozialforschung wird der Obdachlosigkeit als `Phänomen´ in seiner realen Existenz nachgegangen, administrativen Folgen werden herausgearbeitet und Obdachlosigkeit als gesellschaftliches Phänomen von der Soziologie theoretisch erklärt. Beleuchtet werden dabei Einflüsse von Pädagogik, Soziologie und Politik. Der Autor schreibt in diesem Zusammenhang der Sonderpädagogik eine wichtige Aufgabe zu. Er verweist auf einen extrem hohen Anteil an Sonderschülern in Obdachlosenwohngebieten und beschreibt die anregungsarme Umwelt als Verursachungsfaktor für Lernbehinderungen und Verhaltensauffälligkeiten (Angele 1989, S.153f.). Der Sonderschule wird eine Herausforderung im Bildungsbereich zugesprochen (ebd., S.215). Bei der untersuchten Personengruppe handelt es sich um Personen welche in Unterkünften (Notunterkünfte, Schlichtwohnungen) zu Hause sind, weshalb die Informationen sorgfältig auf Relevanz für auf der Straße lebenden Menschen zu überdenken sind.

Schaak befragte im Jahr 2002 in 117 Einrichtungen der Obdachlosen – und Drogenhilfe 1281 obdachlose, auf der Straße lebende Personen in Hamburg, mit dem Ziel, grundlegende Informationen zu dieser Personengruppe zu erhalten. Es handelt sich hierbei um ein quantitative Untersuchung, wobei frauenspezifische Fragestellungen durch Expertinneninterviews qualitativ erhoben wurden. Zu diesem Zeitpunkt, so wird eingangs berichtet, „lagen fundierte, für ganz Hamburg gültige empirische Untersuchungen bislang (!) nicht vor“ (Schaak 2002, S.7). Ursächlich sieht er, „dass das Leben auf der Straße ein hohes Maß an Anonymität und Flexibilität durch die Betroffenen voraussetzt, so dass der Tagesablauf und die Auswahl von Schlafplätzen durch obdachlose Menschen für externe Betrachter(innen) kaum durchschaubar ist“ (ebd.) und umschreibt diese Menschen deshalb als schwer faßbares soziales `Phantom´ (ebd). In der Tatsache, daß Menschen in Hamburg im Winter trotz Hilfsangeboten auf der Straße leben, sieht Schaak die Notwendigkeit, „Informationen über Beweggründe und Lebensumstände der Betroffenen zu erlangen, um auf der Basis vorhandenen Wissens diesen Menschen adäquate Hilfeangebote machen zu können“ (Schaak 2002, S.8.). Zusammen mit München bezeichnet der Autor Hamburg mit dieser Untersuchung, in Verbindung mit den Zählungen aus dem Jahr 1996, als Vorreiter zum Wissenserwerb, da zu diesem Zeitpunkt nur sehr wenige für ganze Städte repräsentative empirische Untersuchungen zu auf der Straße lebende Menschen vorgelegen hätten. Nicht erreicht werden konnten Menschen, die keine institutionelle Hilfe in Anspruch nahmen, zum Befragungszeitraum keinen Kontakt zu der betreffenden Einrichtung hatten oder ein Interview ablehnten (Schaak 2002, S.9ff.). In der Untersuchung sind Kinder und Jugendliche sowie Nichtdeutsche einbezogen. Im Ergebnis erfolgt diesbezüglich an mehreren Stellen eine differenzierte Darstellung, wobei einige Aussagen für die eigene Zielgruppe von Bedeutung sind. Der Autor dazu: „Deutsche und ausländische Obdachlose weisen in bezug auf mehrere der im Rahmen dieser Untersuchung ermittelten Faktoren voneinander abweichende Strukturmerkmale auf. Einige Untersuchungsergebnisse deuten auf differierende Problem – und Lebenslagen von deutschen und ausländischen Betroffenen hin“ (ebd., S.27). Als Fazit ist bemerkt, daß das Angebot in Hamburg an adäquatem Wohnraum für obdachlose Menschen nicht ausreichend ist, die Unterbringungsangebote keine hinreichende Akzeptanz finden, in vielen Fällen bei Wohnungsvermittlung zusätzlich eine begleitende Unterstützung erforderlich wird, der Prävention von Wohnungsnot ein besonderes Augenmerk geschenkt werden sollte, Beratungsangebote und Angebote zur Begleitung bei schwierigen Erledigungen sehr oft gewünscht wurden und die Langzeitobdachlosigkeit zugenommen hat (Schaak 2002, S.100).

Seit einiger Zeit findet zunehmend der körperliche Gesundheitszustand Obdachloser Interesse. In einer quantitativen Erhebung untersuchte Trabert im Jahr 1994 insgesamt 40 männliche Probanten in Mainz. Von ihnen übernachteten etwa die Hälfte im Sommer und ein Fünftel im Winter im Freien, das heißt auch andere Möglichkeiten wurden genutzt. Da die Ergebnisse der jeweiligen Lebensform letztlich nicht zugeordnet werden können, sind sie für die eigene Arbeit nur bedingt verwendbar. Insgesamt kann demnach der Gesundheitszustand der untersuchten Personen dieser Erhebung als schlecht bezeichnet werden, wobei er sich mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit `scheinbar´ reduziert. Als krankheitsverursachende Faktoren werden in diesem Zusammenhang die soziale Lebenssituation, die Arbeitssituation, das individuelle Risikoverhalten, die individuellen psychischen Konfliktverarbeitungsmöglichkeiten und gesellschaftsstrukturelle Bedingungen genannt, wobei deren Zusammenwirken das Krankheitsrisiko erhöht (Trabert 1995, S.127f.). Heber untersuchte in Frankfurt in einem Zeitraum von 1996/ 1997 67 Obdachlose und bezog weitere Daten anhand von Aktenanalysen in die Untersuchung ein. Sie unterteilte in drei Kollektive. Die meisten aktiv Teilnehmenden konnten auf Erfahrung mit dem Leben auf der Straße zurückgreifen, etwa ein Drittel war immer „auf Platte“, ein Drittel wechselten Platte – Heim, ca. ein Sechstel war immer in festen Unterkünften (Heber, S.25f.). Zu einer vordergründigen Verwendung der Erkenntnisse für das eigene Vorhaben fehlt der Bezug der Ergebnisse zur Wohnform. Wie Trabert konzentrierte sich die Autorin auf den Gesundheitszustand der Betreffenden und kam zu ähnlichen Ergebnissen. Im Fazit plädiert sie für eine Ausweitung des Hilfesystems (Heber 2000). Dies machen auch Fichter u.a., nachdem sie 1996 in München 265 wohnungslose Männer mit unregelmäßigen Schlafplätzen auf körperliche und psychische Erkrankungen untersuchten. Auch hier ist die Zielgruppe definitorisch weiter umschrieben als die Gruppe zu o.g. Fragestellung, was einen vorsichtigen Umgang mit den Daten nach sich zieht. Als Resultat fanden die Forscher sehr hohe Raten für die wahre Prävalenz psychischer Erkrankungen innerhalb der Untersuchungsgruppe. Häufig handelte es sich um Alkoholabhängigkeit. Daneben bestanden des öfteren affektive Störungen, Angststörungen und psychotische Erkrankungen. Auch körperliche Erkrankungen waren überdurchschnittlich repräsentiert (Fichter u.a. 2000).

Innerhalb der verhältnismäßig wenigen Untersuchungen zu auf der Straße lebenden Menschen sind erziehungs -wissenschaftlich ausgerichtete Arbeiten kaum vorhanden, wenn pädagogische Forschung, wie Kron es formuliert, als Erforschung der Erkenntnis als Prozeß im Kontext von Erziehungs – sowie Lehr – und Lernprozessen, verstanden wird (Kron 1999, S.163). Jedoch finden sich durchaus bildungsbezogene Inhalte in Untersuchungen, welche nicht primär in diesen Forschungsbereich einzuordnen sind, oder sich gar an ihm anlehnen. Diese Daten geben wichtige Anhaltspunkte für spätere Arbeiten. Weitere biographische Aspekte ergeben sich aus objektiver Datenerhebung bzw. deskreptiver Arbeiten oder anamnestischen Vorgehens zu unterschiedlichen Forschungsfragen. Diese Daten wurden in diesem Zusammenhang erhoben, um in der Ausgangssituation die teilnehmende Population zu definieren. Durch sie können indirekt Informationen zur eigenen Zielgruppe gewonnen werden. Allerdings bleibt festzuhalten, daß sich die überwiegende Zahl der Ergebnisinterpretationen auf die Gesamtgruppe der obdachlosen Menschen bezieht, ohne auf die Wohn – bzw. Lebensform einzugehen, im Untersuchungs – und Publikationsverlauf ist eine Unterscheidung zwischen den Subkulturen nicht mehr möglich.

Ausnahmen sind Untersuchungen innerhalb der Zielgruppen – und Bedarfsforschung zur Wohnungs – und Sozialpolitik von Fichtner sowie Enders – Dragässer / Sellach, zwei qualitative genderdifferenzierte Untersuchungen zu Deutungsmustern und Lebenslagen bei Wohnungsnotfällen von Frauen und Männern (Fichtner 2005, Enders – Dragässer / Sellach 2005). Fichtner führte im Jahr 2003 Interviews mit Männern durch, welche in Wohnungsnot geraten sind. Die Befragungen fanden in Beratungsstellen oder Treffs in verschiedenen Städten Deutschlands statt. Insgesamt 9 Männer lebten zu diesem Zeitpunkt auf der Straße, von den anderen wurde teilweise über diesbezügliche Erfahrungen berichtet. Die Studie richtet sich vorrangig an das Hilfesystem, indem geschlechts – und gruppenspezifische Hilfebedarfe ermittelt werden unter Berücksichtigung der Handlungskompetenzen der Betreffenden. Es kristallisierten sich verschiedene Muster heraus, welche unterschiedliche Beachtung durch das Hilfesystem bedürfen. Dabei wird die Heterogenität der Obdachlosen in seiner Dimension bestimmt. Etwa zeitgleich führten Enders – Dragässer und Sellach mit selben Ziel eine qualitative Untersuchung zu Deutungsmustern und Lebenslagen bei Wohnungsnotfällen von Frauen durch, mit gleichem Vorgehen wie Fichtner, in verschiedenen Städten Deutschlands. Zum Zeitpunkt der Untersuchung lebte von den Befragten keine Frau auf der Straße, einige hatten jedoch auch diesbezügliche Erfahrungen gemacht. Es zeichneten sich geschlechtsspezifische Unterschiede ab. Wesentliche Aussagen dazu werden an den jeweiligen Stellen ausgeführt, sofern sie mit dem definitorischen Bereich vereinbar sind. Schließlich porträtierte Bockelmann 1985 im Rahmen einer Diplomarbeit in Einrichtungen der Odachlosenhilfe in Hamburg ohne spezifische Fragestellung Nichtseßhaftenbiographien und deren Deutungen durch die Betroffenen, die Außenseiter (Bockelmann 1987). Zudem zeichnete sie Menschen in den Hilfeeinrichtungen. Die Autorin läßt die Selbstaussagen ohne weiteren Einfluß darauf zu nehmen nebeneinander stehen. Je nach Fragestellungen, können daraus Informationen gewonnen werden. Auch wenn zum methodischen Vorgehen wenig Details bekannt sind, lassen sich aus diesen Ausführungen bedeutende Verbindungen innerhalb des Untersuchungsfeldes herstellen, auch dazu im Verlauf dieser Arbeit. Zur Wirksamkeit persönlicher und wirtschaftlicher Hilfen bei der Prävention von Wohnungslosigkeit führten Busch – Geertsema u.a. zwischen Ende 2003 und dem Jahr 2004 eine Untersuchung durch. Dabei kam es zu quantitativen Erhebungen in Präventionsstellen in 43 Orten Deutschlands, zu qualitativen Fallstudien in vier Untersuchungsorten und 20 Interviews mit betroffenen Haushalten. Im Ergebnis werden Empfehlungen ausgesprochen, wonach ein Problembewußtsein für Risiken von Überschuldung und drohendem Wohnungsverlust, auch auf schulischer Ebene, geschaffen werden sollte. Angesprochen werden in der Untersuchung Gründe und Formen des drohenden Wohnungsverlustes (Busch – Geertsema u.a. 2005), eine detailliertere Darstellung dazu folgt unter den entsprechenden Punkten. Abschließend sei angemerkt, daß voranstehende und folgende Ausführungen ausschließlich die Situation in Deutschland beschreiben, da diese von fragespezifischen Interesse ist.

2.2. Forschungsarbeiten zum Prozeß des Lebenslangen Lernens

Seit den Überlegungen, durch Bildung persönliche und wirtschaftliche Ressourcen zu erhalten und zu stärken, insbesondere ausgelöst durch die Bologna – Konferenz im Jahr 2001, wurden zur Erreichung dieses Zieles in Deutschland zahlreiche Projekte gestartet, die sich unterschiedlichen Schwerpunkten zu diesem Thema widmen. Im Jahr 2004 hat die Bund – Länder – Kommission ein Strategiepapier zum Lebenslangen Lernen verabschiedet. In diesem Zusammenhang wurde eine Umfrage bei den Ländern durchgeführt. Danach sind alle Lebensphasen betroffen, das Thema ist zentral in allen Bildungssektoren, die Förderung zielt auf Beschäftigungsfähigkeit, Mitgestaltung der Gesellschaft und persönliche Entwicklung, auf Weiterentwicklung der Lehr – Lernkulturen. Bedeutend ist eine Förderung selbstgesteuerten Lernens, die Vernetzung bildungsrelevanter Komponenten und eine Verbesserung der notwendigen Bedingungen insgesamt mit Blick auf Chancengleichheit (Bund – Länder – Kommission 2004, S.37ff.). Da sich die Projekte in der Regel noch in der Versuchsphase befinden, kann erst in Zukunft mit weiterführenden Ergebnissen gerechnet werden.

3. Theoretische Bezugspunkte der Arbeit

Wie schon aus dem Titel schließen läßt, ist die Fragestellung auf zwei Komponenten aufgebaut, auf der Lebensform Nichtseßhaftigkeit als Subform der Obdachlosigkeit und dem Lebenslangen Lernen. In beiden Begriffen ist ein komplexes Geschehen enthalten, welches sich wiederum durch bestimmte Merkmale definiert.

3.1. Die Lebensform im Kontext Lebenslangen Lernens

Aus der Orientierung des lebensbegleitenden Bildungsbedarfes an der Biographie und Persönlichkeit des Menschen ergibt sich zunächst die Notwendigkeit, die Zielgruppe in ihrem Umfeld näher zu bestimmen. Außerdem wird es erforderlich, das Lebenslange Lernen als einen begrifflich festgelegten Prozeß in seinen Inhalten und Zielen zu beschreiben und die Einflußnahme dieser Strukturen auf die menschliche Existenz. Das Vorhaben, Zielgruppen im Bildungsgeschehen zu erreichen bringt es mit sich, daß außer den äußerlich übereinstimmenden Merkmalen, die die Zugehörigkeit von Personen zu diesen Gruppen bestimmen, auch intrinsische Gemeinsamkeiten ermittelt werden, um den Handlungsbedarf so präzise wie möglich festlegen zu können. Die den Gesamtprozeß gestaltenden begrifflichen Säulen werden dazu nachfolgend erörtert.

Lebenslanges Lernen, auch Lebensbegleitendes Lernen oder Life – long – lerning erlangte mit der Bologna – Konferenz in Prag im Jahr 2001, wo es als wichtiges Element des europäischen Hochschulraums diskutiert wurde, seine bisherige Bedeutung. Vor dem Hintergrund der Wissensanpassung und - anwendung in einer sich ständig wandelnden, globalisierten Wissensgesellschaft, wird das Lernen im Lebenslauf zu einem Thema, wozu Staat und Länder konkrete Ansätze formulieren und durch die Bundesregierung am 23.04.2008 eine Konzeption verabschiedet wurde. Es bestehen unter anderem die Vorsätze, jede Person zu ermutigen, das Lernen als bleibende Herausforderung und als Chance für die persönliche Lebensgestaltung anzunehmen, es soll eine Anerkennung des Lernens durch die Institutionen erfolgen. Erreichen will man die Ziele durch Schaffung von bezahlbaren und zielgruppenspezifischen Angeboten, die auch `bildungsferneren´ Schichten einen einfachen Zugang bieten, insbesondere im Rahmen der öffentlich verantworteten Weiterbildung. Die Biographieorientierung bedeute dabei auch eine konsequente Einbeziehung der vielfältigen informellen Lernprozesse außerhalb von Bildungsinstitutionen, z.B. Familie, Freizeit (www.bmf.de/de/411.php).

Lernen ist dabei das Mittel zur Bildung, es ist ein „Neuartiges oder verändertes individuelles Verhalten auf umschriebene Reize, Signale, Objekte oder Situationen. Grundlagen sind (in der Regel) wiederholte Erfahrungen, die automatisch registriert und/oder bewußt verarbeitet werden. L. liegt nur dann vor, wenn ausgeschlossen werden kann, daß dieselben Veränderungen des Verhaltens auf (a) angeborene Reaktionstendenzen (z. B. Reflexe, Instinkte), (b) Reifungsprozesse oder (c) vorübergehende Veränderungen des Organismuszustandes (z. B. durch Ermüdung, Drogen, Pharmaka, biologische Bedürfnisse, Erkrankungen) zurückgehen (…). Die vermittelnden Prozesse des Lernens beziehen sich auf Veränderungen der Verhaltensmöglichkeiten oder – bereitschaften und bilden die latente Grundlage für im Situationsbezug manifeste Verhaltens -, Auffassungs - und/oder Denkweisen. Lernen und Gedächtnis stehen in engem Zusammenhang; Lernen bezieht sich auf Verhalten nach Erfahrungen bzw. Übung, Gedächtnis dagegen auf die Prozesse der Einspeicherung von Erfahrungsrepräsentationen und ihren Abruf im Dienst neuer Aufgaben bzw. der Bewältigung von Situationen“ (Fröhlich 2005, S.302). Bei Bildung handelt es sich um einen „ … Entfaltungsvorgang eines Individuums, als Prozeß der Menschwerdung, als Entwicklung der Persönlichkeit infolge zielgerichteter Unterrichtung einerseits, und als Ergebnis der Entwicklung, als Grad der Persönlichkeitsentfaltung, als Zustand der Selbstverwirklichung des Menschen andererseits. (…). In den klassischen Bildungstheorien ist der Mensch ein zu einer freien, vernünftigen Selbstbestimmung fähiges Wesen. Bildung ist sowohl der Weg zu solcher Mündigkeit und Selbstbestimmung als auch Ausdruck einer solchen Autonomie und Selbständigkeit. Bildung bedeutet Selbstbestimmung und Befähigung zur Gemeinschaft, Bildung ist eine allgemeine, umfassende Menschenbildung (…). In den klassischen Bildungstheorien umfaßt Bildung auch immer die gesamte Ästhetik (der Kunst und des Alltags). (…). Bildung geht damit über Schulbildung hinaus. (…) “ (Keller, Novak 1998, S. 59f.). Im Prinzip liegt dieser Aussage ein lebenslanges Geschehen zugrunde. Bildungsziel ist der Definition zufolge die Persönlichkeitsbildung, welche „nach Meinung vieler Pädagogen das höchste Ziel von Erziehung und Unterrichtung ist“ (Keller, Novak 1998, S.275 f.). Zu dem Erziehungsbegriff gibt es von jeher unterschiedliche Auffassungen. Während die intentionale Erziehung `alle absichtlichen Maßnahmen der pädagogischen Beeinflussung einer Person´ meint (Köck, Ott 2002, S.189), ist der Begriff, wenn davon ausgegangen wird, daß sich die Persönlichkeit über den gesamten Zeitraum formell und informell entwickelt, weiter gefaßt. Aus gesellschaftlicher Perspektive bezeichnet Erziehung: „(…) die gezielte Beeinflussung der Person zum Zweck der Vermittlung bzw. Ergänzung von Kenntnissen, Wertorientierungen, Verhaltensweisen und Fertigkeiten“ (Hillmann 2007, S.197). Durch die Pädagogisierung der Gesellschaft erhalten die Erziehungsinstitutionen einen zentralen Stellenwert mit entsprechenden Organisations –und Machtzusammenhängen (ebd.). „W. Brezinka schlägt nach einer gründlichen Analyse der Erziehungsbegriffe vor, das Wort Erziehung mit folgender Bedeutung zu verwenden: „Soziale Handlungen, durch die Menschen versuchen, das Gefüge der psychischen Dispositionen anderer Menschen in irgendeiner Hinsicht dauerhaft zu verbessern oder seine als wertvoll beurteilten Komponente zu erhalten.“ Erzieherische Handlungen werden „sozial“ genannt, weil sie sich auf andere Menschen beziehen. Mit psychischen Dispositionen sind erschlossene Verhaltensbereitschaften (z.B. Kenntnisse, Haltungen, Einstellungen, Fähigkeiten, Fertigkeiten, Interessen u.s.w.) gemeint. Handlungen erfolgen mit dem Ziel der „Verbesserung“ und „Erhaltung“, womit gemeint ist, daß nicht nur erwünschte Verhaltensdispositionen ausgebaut, sondern auch unerwünschte abgebaut werden sollen. (…). Das bedeutet, daß man den Begriff Erziehung für alle erfolgreichen und erfolglosen Bemühungen verschiedener Menschen und Institutionen zur Änderung des Verhaltens in einer bestimmten Richtung verwendet. (…)“ (Keller, Novak 1998, S.113f.). Dabei ist die Individualität des Einzelnen zu berücksichtigen. In der inhaltlichen Darstellung des Lebenslangen Lernens, wobei Bildungs – und Erziehungsprozesse fundamental sind, erhält die Persönlichkeit eine Schlüsselrolle. Bei einer Persönlichkeit handelt es sich um eine: „Umfassende Bezeichnung für Beschreibung und Erklärung der Bedingungen, Wechselwirkungen und Systeme, die interindividuelle Unterschiede des Erlebens und Verhaltens erfassen und ggf. eine Vorhersage künftigen Verhaltens ermöglichen. (…)“ (Fröhlich 2005, S.361). Kant sieht in einer Person den „Inbegriff der erfahrenen Handlungsmöglichkeiten und ihrer Verwirklichung in bezug auf Erfahrungsgegenstände.“ (Fröhlich 2005, S. 360). Handeln ist dabei nach Max Weber: „alles menschliche Verhalten, mit dem der Handelnde einen Sinn verbindet. Demnach wäre etwa ein Verhalten, das dem Sich – Verhaltenden nicht intendiert (ungewollt) erscheint und zu dessen Erklärung man sich nur auf nicht – bewußtseinsfähige Regulationsebenen im Organismus beziehen kann, kein Handeln; so etwa bei passiven und reflexiven Verhaltensweisen (…). Denn einem solchen Verhalten kann man zwar Ursachen, aber keinen Sinnzusammenhang unterlegen“ (Heckhausen 1989, S.13). Aus sozialer Sicht vermitteln „soziale Beziehungspersonen dem Kinde die in der Gesellschaft geltenden Auffassungen, Werte, Normen und Verhaltensmuster. Die naturhaften Triebenergien des Individuums werden durch die Internalisierung dieser `sozialen Tatsachen´und Vorgaben in einer gesellschaftl. akzeptablen Form strukturiert. Prozesse der Sublimierung überführen Antriebsenergien in sozial zugelassene bzw. erträgliche Aktivitäten. (…)“ (Hillmann 2007, S.674). Allerdings ist eine Bedingung sozialer Funktionstüchtigkeit eine entsprechende Autonomie und Widerstandskraft gegenüber von außen herangetragenen Normen der Gesellschaft (ebd.).

Vor diesem Hintergrund wird die Verortung des Bildungsprozesses innerhalb der Gruppe Nichtseßhafter diskutiert, denn, es sollen möglichst alle Zielgruppen vom Lebenslangen Lernen profitierten. Dazu benötigt es Informationen zu ihrer Lebensform und der Lebenssituation.

3.2. Chancen und Risiken der Lebensform Nichtseßhaftigkeit in definitorischer Darstellung

- Begriffsbestimmung

Bevor betrachtet wird, wo sich Potential und Grenzen der Lebensgestaltung befinden, welchem Schema Handlungen der betreffenden Menschen obliegen, wird eine definitorische Grundlage als Fundament erforderlich. Demnach kann Lebensform soziologisch aufgefaßt werden als „eine komplexe Weise der Lebensbewältigung, die von bestimmten Vorstellungen, Ideen und Werten getragen wird, die durch spezifische Normen, Sanktionsmechanismen und Strukturverhältnisse das Zusammenleben reguliert und im alltäglichen Handeln von Menschen zum Ausdruck kommt. L.en des Menschen sind somit konkrete, sinnhaft – ganzheitlich angelegte Ausprägungen des integrativen Verflechtungszusammenhanges von Kultur, Gesellschaft und menschl. Persönlichkeit. Eine L. kann nicht nur einem Individuum eigentümlich sein, sondern betrifft gewöhnlich Personen, die in verschiedenartigen sozialen Gebilden und Kollektiven zusammenleben. (…)“ (Hillmann 2007, S.485f.).

Die Schwierigkeit besteht darin, aus der Heterogenität der Begriffsverwendung innerhalb der Literatur zu Obdachlosigkeit eine Definition der Zielgruppe zu erstellen, welche das Subjekt in seiner Lebensform derart beschreibt, daß im weiteren Verlauf repräsentative Aussagen zu dieser Population getroffen werden können. Geeignet scheint dazu eine Anlehnung an den Hessischen Rechnungshof, welcher die Begriffe in einem Schlussbericht für den Landeswohlfahrtsverband Hessen im Dezember 2003 verwendet. Zuvor soll eine Bestimmung des Wohnungsbegriffs erfolgen. Bei einer Wohnung handelt es sich dem Baulexikon nach um die „Gesamtheit von einzelnen oder zusammen liegenden Räumen, die nach außen abgeschlossen, zu Wohnzwecken bestimmt sind und die Führung eines eigenen Haushalts ermöglichen, gleichgültig, ob die Räume in Wohngebäuden oder Nichtwohngebäuden liegen.

Einer der Räume muß stets eine Küche oder ein Raum mit Kochgelegenheit (eine baulich als solche vorgesehene Kochnische) sein. Zu einer Wohnung gehören ferner Wasserversorgung, Beheizbarkeit, Ausguß und Abort, die auch außerhalb des Wohnungsabschlusses liegen können.

Grundsätzlich hat eine Wohnung einen eigenen abschließbaren Zugang unmittelbar vom Freien, von einem Treppenhaus oder einem Vorraum. Einfamilienhäuser zählen als eine Wohnung. Ebenso zählen Einzimmer – Appartments sowie Wochenend – und Ferienhäuser über 50 qm, sofern sie die oben genannten Bedingungen erfüllen, zu den Wohnungen“ (http://www.bauplattform.de Stand: 22.05.2008). „Wohnungslos sind Menschen, die keine eigene Wohnung haben, jedoch die Möglichkeit besitzen, sich in einer Unterkunft aufzuhalten. Die Unterkunft kann durch Freunde und Verwandte vorübergehend bereitgestellt werden oder durch Einrichtungen bzw. ambulante Maßnahmen wie das Betreute Wohnen zur Verfügung stehen“ (Der Präsident des Hessichen Rechnungshofes 2003). „Obdachlos sind alle Menschen, die nicht in einer Wohnung oder Unterkunft leben, sondern auf der Straße leben. (…)“(ebd.). „Auf der Ebene des BSHG (jetzt SGB XII, D:P.) wird der Begriff der Nichtseßhaften bzw. der Nichtsesshaftenhilfe seit der Reform des §72 BSHG (jetzt §§ 67 – 69 SGB XII, D:P.) nicht mehr verwendet. Im HAG BSHG (jetzt HAG SGBXII, D.P.) findet sich dieser Begriff noch. Der Begriff ist umstritten, da mit dieser Begrifflichkeit Maßnahmen im dritten Reich gegen diese Gruppe von Menschen verbunden sind, die sich mit den Ansprüchen an Menschenwürde nicht vereinbaren lassen. Im folgenden wird der Begriff jedoch verwendet, da die derzeitige Zuständigkeit des LWV vor allem die Nichtsesshaften umfaßt. Diese Personengruppe hat wechselnde Aufenthaltsorte bzw. der gewöhnliche Aufenthaltsort befindet sich nicht in der Kommune, in der eine Hilfe beantragt wird“ (ebd.).

Die Bezeichnung „nichtsesshaft“ wird im weiteren Verlauf der Darlegungen beibehalten, da dieser Begriff die Lebensform bzw. Wohnform der Menschen widerspiegelt, mit welcher Chancen und Risiken assoziiert bzw. bestätigt werden. Er bewegt sich im Sinn einer subkulturellen Prägung und grenzt damit die Zielgruppe von der Gesamtpopulation der Obdachlosen ab. Zusätzlich wird folgendes festgelegt: Nichtseßhafte Personen sind, nach der begrifflichen Verwendung in dieser Arbeit, Personen ohne Obdach. Aufenthaltsort, Dauer des Verbleibes an einem Aufenthaltsort, Häufigkeit und Dauer der Nutzung von Hilfeangeboten und Grund der Lebensform haben keinen Einfluß auf die Auswahl der Zielgruppe. Politische und kulturelle Aspekte sowie Zuständigkeitsfragen und Verantwortlichkeiten machen eine Eingrenzung der Zielgruppe auf in Deutschland geborene und dauerhaft lebende erwachsene Staatsbürger sinnvoll.

In diesem Sinne werden die Begriffe im Weiteren verwendet.

4. Methodisches Vorgehen

Nachfolgend sind die Arbeitsschritte von der Fragestellung ausgehend bis zur Erkenntnisverwendung skizziert.

4.1. Literaturbeschaffung

Zu Beginn wird themenbezogen zu durchgeführten publizierten Untersuchungen recherchiert, EDV – gestützt, dabei auch weiterführenden Literaturverweisen nachgegangen. Es wird ausschließlich Literatur aus dem deutschen Sprachraum verwendet. Es werden ebenso Informationen aus Arbeiten genutzt, welche sich nicht unbedingt primär auf die hier zu untersuchende Fragestellung beziehen.

4.2. Literaturbeschaffenheit

Insgesamt handelt es sich um Publikationen zu quantitativen sowie qualitativen Untersuchungen oder deskriptive Arbeiten, auch Statistiken, aus welcher die objektiven Daten gewonnen werden. Ergänzt wird die Literatur durch Empfehlungen, Richtlinien und rechtliche Grundlagen. Dabei werden thematisch aktuelle, möglichst kurz zurückliegende Arbeiten vorrangig verwendet, gerade aus dem bildungspolitischen und sozialpolitischen Kontext. Bei schon mehrfach angesprochenen, wenig vorhandenen Informationen, kann von Parallelen zwischen an dieser Stelle ausgeführtem Forschungsstand und verwendeter Literatur gesprochen werden. Bei den umfangreichsten, für diese Arbeit informationsgehaltigsten genutzten Publikationen handelt es sich um die Forschungen von Fichtner 2005 und Enders – Dragässer / Sellach 2005, wobei die Verwendung dieser Ergebnisse die Relevanz der eigenen Aussagen positiv beeinflußt. Die Aussagen der Interviews sind dort wörtlich wiedergegeben, versehen mit Wohnform und Alter der Befragten. Daneben werden sie inhaltlich vom Autor in den jeweiligen Kontext eingeordnet. Dadurch können die Informationen für das eigene Vorhaben direkt herangezogen werden.

4.3. Design

Die vorhandenen Informationen werden auf den Beziehungsrahmen hin analysiert, welcher selbst als Basisansatz durch entsprechende Fachliteratur untermauert ist. Die weitere Faktenanalyse erfolgt unter Anwendung von Verfahren der objektiven Hermeneutik, entscheidend ist hierbei das Fremdverstehen von Autoren bzw. Untersuchungsteilnehmern und die Zuordnung von Deutungen zu fragerelevanten Aspekten. Die besondere Relevanz liegt darin, daß unter anderem fremdgeführte Interviews, mit vom eigenen Thema abweichender Fragestellung, quasi in einer Sekundäranalyse auf die aktuelle Frage hin ausgewertet werden. Dies wird u.a. deshalb erforderlich da, wie unter Punkt 2 bereits ausgeführt, lediglich sehr wenige Informationen zu der Untersuchungsgruppe vorliegen. Die überwiegende Mehrheit der Autoren definiert die Zielgruppe heterogener. Dies macht die Auswahl und Auslegung der Informationen besonders schwierig. Dennoch besteht aus o.g. Gründen ein gewisses „Angewiesensein“ auf diese Arbeiten, soll das Ziel, weitergehende Bedarfe zu ermitteln, innerhalb des zeitlichen Limits, welches eine empirische Untersuchung dazu nicht ermöglicht, erreicht werden. An den jeweiligen Stellen wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit auf diesen Aspekt verwiesen. Das Vorgehen lehnt sich an das Lebensstilkonzept Bourdieus an, welches gewählt wurde, da es geeignet scheint, die engen Beziehungen zwischen Lernen, Bildung und der Lebensform in seiner Komplexität zu erfassen und begreiflich zu machen. Die Wahl der inhaltlichen Schwerpunkte erfolgte auf Basis von Qualität und Quantität des Informationsgehaltes in Relevanz zur Fragestellung. Gelegentlich ist eine unter einem Schwerpunkt getroffene Aussage auch auf andere angesprochene Teilgebiete zutreffend. Die verschriftlichte Zuordnung der Aussagen beruht auf ihrer inhaltlichen Gewichtung für das Thema.

Schließlich wird anhand ermittelter Merkmale der Zielgruppe an das aktuelle Bildungsgeschehen angeknüft, was in themenbezogenen Formulierungen resultiert.

5. Räume obdachloser, auf der Straße lebender Menschen

Das, was Bockelmann in Außenseitern sieht, wenn sie sich auf die Gruppe der Nichtseßhaften bezieht, formuliert Bourdieu in „Unterschieden“. Wenn man, so wie zum Beispiel Enders – Dragässer / Sellach und Fichtner, das Modell Bourdieus einer Arbeit zugrunde legt, für welches die Aneignung von sozialen Räumen, statt der Klassifizierung von sozialen Gruppen zum Begreifen von Interaktion leitend ist, so wird der Frage nachgegangen, welche Kapitalwerte (nach Bourdieu ökonomischer, kultureller und sozialer Natur) und deren Akkumulationen die Zugehörigkeit des Mitgliedes zu dieser Lebensform (im Sinn Boudieus Lebensstil), bestimmen. Bourdieu geht davon aus, daß keine sozialen Klassen existieren, sondern ein „sozialer Raum, ein Raum von Unterschieden, in denen die Klassen gewissermaßen virtuell existieren, unterschwellig, nicht als gegebene sondern als herzustellende“ (Bourdieu 1998, S. 26). Wenn der soziale Raum in Regionen aufgeteilt wird, dann werden Akteure zusammengefaßt, die nicht nur im Hinblick auf ihre Lebensverhältnisse sondern auch auf ihre kulturellen Praktiken, ihre Konsumgewohnheiten, politische Meinungen größtmögliche Homogenität aufweisen (ebd.). Es werden also die „Kapitalfaktoren“ untersucht, das Differenzierungsprinzip muß aufgedeckt werden, in dem sich der soziale Raum theoretisch nach erzeugen läßt (Bourdieu 1998, S.49). Der Lebensstil wird des weiteren durch den Habitus gelenkt, welcher selbst, nach Bourdieu, durch die Strukturen der Gesellschaft geprägt wird. Er ist ein subjektives, aber nicht individuelles System verinnerlichter Strukturen, welche Wahrnehmung, Denken und Handeln leiten. „Jeder Positionsklasse (im sozialen Raum, D.P.) entspricht eine (!) Habitus – (oder Geschmacks -) Klasse, ein Produkt der mit der entsprechenden Position verbundenen Konditionierungen, und, vermittelt über diese Habitus und ihre generativen Kapazitäten, ein systematisches Ensemble von Gütern und Eigenschaften, die untereinander durch Stilaffinität verbunden sind“ (Bourdieu 1998, S.21). Individuelles Handeln wird also durch die soziale Struktur beeinflußt.

Um einen zielgruppenspezifischen Zugang zum Handlungsbedarf innerhalb des Bildungskontextes zu erhalten und sich gleichzeitig an der Biographie zu orientieren, wird eine Untersuchung der Region der Nichtseßhaften (im Sinn Bourdieus) erforderlich. Es soll sich dabei hauptsächlich auf bildungsbedarfsrelevante Komponente konzentriert werden, die mit den Chancen und Risiken der Lebensform einhergehen. Da über die Zielgruppe wenig Informationen bekannt sind, ist, wie Bourdieu es zwingend befürwortet, an alltäglichen, auch fragerelevanten, Gegebenheiten anzusetzen, um die besonderen Strukturen zu erkennen (Bourdieu 1998, S.13ff.). Damit das individuelle Erleben von Situationen durch die betreffenden Zielpersonen in der bearbeiteten Fragestellung die erforderliche Berücksichtigung findet, wird auf diesen Aspekt, wenn möglich, an den entsprechenden Stellen eingegangen. Ziel ist es, die Persönlichkeit objektiv zu verdeutlichen. Damit erfährt das weitere Vorgehen zum Konzept Bourdieus in diesem Punkt eine Vertiefung. Im Folgenden wird in Bezug zu o.g. Ausführungen die Position der Obdachlosen im sozialen Raum und der Prozeß der Raumaneignung erläutert. Die verwendeten Determinanten ergeben sich aus der Fragestellung und aus dem daraus hergeleiteten Beziehungsrahmen unter Punkt 3.

5.1. Bestimmung struktureller Merkmale der Zielgruppe durch „Stammdaten“

Als Stammdaten werden ausweisende Merkmale zur Person zusammengefaßt. Anhand dieser Daten kann eine Vorstellung des Bezugs der Obdachlosigkeit zur gesellschaftlichen Norm gegeben werden.

5.1.1. Zu objektiven, subjektiven und individuellen Erscheinungsformen des Alters und Geschlechtes

Wie einführend erwähnt, zur Verdeutlichung hier noch einmal wiederholt, beträgt die Zahl obdachloser, auf der Straße lebender Menschen schätzungsweise deutschlandweit 18.000 ( www.bag-wohnungslosenhilfe.de ).

Schaak, der Untersuchungen in Hamburg vornahm, zur Struktur der Zielgruppe, kommt zu dem Schluß, daß es keine Hinweise darauf gibt, daß die Anzahl der in Hamburg auf der Straße lebenden Menschen zwischen 1996 und 2002 gesunken ist (Schaak 2002, S.17f.). Der weibliche Anteil der von ihm befragten Personen beträgt dabei circa ein Fünftel (Schaak 2002, S.61). Insgesamt sind die Zehn – Jahres -Intervalle zwischen 20 und 50 Lebensjahren am stärksten vertreten, bei Frauen liegt die größte Altersgruppe bei von 20 bis unter 30, bei Männern bei von 40 bis unter 50 Jahren, einschließlich der Angaben ausländischer Befragter, welche insgesamt gesehen eine niedrigere Altersstruktur als deutsche haben (Schaak 2002, S.66). Zu ähnlichen Ergebnissen kommt Heber. Aus ihren Untersuchungskollektiven waren vier Fünftel der befragten Personen deutscher Nationalität, ein Fünftel kam aus Osteuropa, wobei viele Angaben von letzteren verweigert wurden. Das Alter der Befragten lag zwischen 21 und 67 Jahren, das Durchschnittsalter bei Osteuropäern war niedriger. Innerhalb beider Nationen befanden sich Frauen zu einem sehr geringen Anteil (Heber, S.21). Trabert, der ebenfalls strukturelle Bedingungen untersuchte, erhielt als rekrutierte Gruppe Männer im Alter zwischen 21 und 70 Jahren, sehr wenige von ihnen waren Ausländer (Trabert 1995, S.21). Von Präventionsstellen ist bekannt, daß bei von Wohnungslosigkeit bedrohten Personen die überwiegende Mehrheit im mittleren Altersspektrum zwischen 30 und 50 Jahren zu finden ist (Busch – Geertsema 2005, S.93).

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Details

Seiten
81
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640248414
ISBN (Buch)
9783640248650
Dateigröße
954 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v121241
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
1,3
Schlagworte
Lebenslanges Lernen Menschen

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Titel: Lebenslanges Lernen obdachloser Menschen