Lade Inhalt...

Wie Medientypen unsere Wahrnehmung beeinflussen

Unterschiede in der Rezeption von Audio, Video und Text und Schlußfolgerung für deren Einsatz in der internen Unternehmenskommunikation

Diplomarbeit 2008 148 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Einleitung
1.1 Ausgangssituation
1.2 Forschungsfrage und Zielsetzung
1.3 Inhaltlicher Aufbau und methodische Vorgehensweise

2 Kommunikation
2.1 Was ist Kommunikation
2.2 Was ist computervermittelte Kommunikation
2.2.1 Formen computervermittelter Kommunikation
2.2.2 Theorien computervermittelter Kommunikation
2.3 Digitale Medien und Multimedia in der Kommunikation
2.3.1 Multimediale Repräsentationsformen in IT-Systemen
2.3.2 Medientypen

3 Wahrnehmung und Rezeption
3.1 Informationsaufnahme und –verarbeitung
3.1.1 Information
3.1.2 Das Gedächtnis
3.1.3 Kognitive Prozesse bei der Informationsverarbeitung
3.2 Aufmerksamkeit im Informationsverarbeitungsprozess
3.3 Emotionen im Kommunikationskontext

4 Bedeutung bisheriger Erkenntnisse für die Unternehmenskommunikation
4.1 Interne Kommunikation in der Wertschöpfung des Unternehmens
4.2 Aufgaben und Verantwortlichkeiten der Internen Kommunikation
4.3 Intranet – Ein Medium der internen Kommunikation
4.4 Podcasts in der internen Unternehmenskommunikation

5 Empirische Überprüfung
5.1 Vorbereitung
5.1.1 Ort und Zeitwahl
5.1.2 Versuchspersonen
5.1.3 Ankündigung
5.1.4 Darbietungsmaterial
5.1.5 Briefing der Beobachter
5.2 Experimentelles Vorgehen
5.2.1 Vorbereitung
5.2.2 Ablauf
5.3 Ergebnisse
5.3.1 Auswertung der Interviews
5.3.2 Ergebnisinterpretation der Beobachtungen und der Interviews
5.3.3 Auswertung der Fragebögen
5.3.4 Zusammenfassung der Ergebnisse

6 Zusammenfassung und Ausblick
6.1 Beantwortung der Forschungsfragen
6.2 Ausblick

7 Literaturverzeichnis

8 Anhang
8.1 Instruktion an die Probanden in der Experimentalumgebung
8.2 Auswertung nach Kategorien und Paraphrasierung
8.3 Transkripte der Beobachtung
8.4 Transkripte der Interviews
8.5 Fragebogen Merkleistung
8.6 Vorgabetext 1 - Innovationen in der Autoindustrie

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Schematischer Aufbau der Arbeit

Abbildung 2: Allgemeines Kommunikationsmodell (Six, 2003, S. 125)

Abbildung 3: Formen der asynchronen und synchronen computervermittelten Kommunikation (Döring, 2003, S. 125)

Abbildung 4: Reichhaltigkeit der Kommunikation (Döring, 2003, S. 135)

Abbildung 5: Reichhaltigkeit der Kommunikation (Döring, 2003, S. 151)

Abbildung 6: Überblick über alle theoretischen Modelle der CvK sowie deren Kernaussage (Döring, 2003, S. 187)

Abbildung 7: Mögliche Kombinationen von visuellen und auditiven Codierungen (Müller, 2003, S. 197)

Abbildung 8: Mögliche Kombinationen von stabilen und flüchtigen Codierungen (Müller, 2003, S. 197)

Abbildung 9: Eigenschaften der Codierungen (Müller, 2003, S. 198)

Abbildung 10: Medientypen, Medienformate und Medienobjekte (Müller, 2003, S. 200)

Abbildung 11: Produktion bis Nutzung eines Podcasts (Jörg Bienert, EMDS AG, Information Management & Consulting, (2007) [Zugriff am: 23.2.2008])

Abbildung 12: Selektion von Informationen (Six, 2007, S. 51)

Abbildung 13: Vergessenskurve nach Ebbinghaus (Anderson, 2001, S. 173)

Abbildung 14: Implizites und Explizites Gedächtnis (Zimbardo, 2004, S. 223)

Abbildung 15: Mehrspeichermodell des Gedächtnisses (Brandl, Werner; URL: http://paedpsych.jk.uni- linz.ac.at/internet/arbeitsblaetterord/LERNTECHNIKORD/GEDAECHTNISO RD/BRANDL97/Brandl97.html [Zugriff am: 13.02.2008])

Abbildung 16: Kategorisierung akustischer Informationen (Imhof, 2003, S. 47)

Abbildung 17: Verarbeitung von Wörtern und Bildern im Gehirn (Six, 2007, S. 66)

62

Abbildung 18: Erhebungsmethoden und die Wechselwirkung der einzelnen Methoden im Experiment

Abbildung 19: Screenshot vom Darbietungsmaterial im Experiment (Video: Microsoft Dynamics)

Abbildung 20: Screenshot vom Darbietungsmaterial im Experiment (Audio: Marktnachrichten)

Abbildung 21: Ablaufmodell induktiver Kategorienbildung (Mayring, 2000, URL: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2-00/2-00mayring-d.htm [Zugriff am: 21.3.2008])

Abbildung 22: Kategoriesystem Audio

Abbildung 23: Kategoriesystem Video

Abbildung 24: Kategoriesystem Text

Abbildung 25: Ergebnisse des Fragebogen (Merkleistung; Wiedergeben und Wieder erkennen, max. erreichbare Punkte pro Medientyp 36 bzw. 39)

Vorwort

Interne Kommunikation ist Grundvorrausetzung für unternehmerisches Handeln. Um alle Mitarbeiter1 für ein gemeinsames Ziel zu motivieren, muss ein enormer Informations- und Kommunikationsaufwand betrieben werden. Eine zeitgemäße interne Kommunikation muss den Mitarbeitern, über die reine Informationsbereitstellung hinaus, Einblicke in die Entscheidungs- und Veränderungsprozesse geben. Dabei spielen die Form der Kommunikation und der Einsatz multimedialer Technik eine wesentliche Rolle.

Während meines Studiums an der FH-Wien – Studiengang Wissensmanagement und in meinem Berufsleben habe ich mich des Öfteren mit interner Kommunikation in Organisationen, Wahrnehmung und neuen Medien beschäftigt. Doch weder in der Literatur der Medienforschung, noch in irgendeiner anderen Teildisziplin, wie der Literaturwissenschaft, Kognitionswissenschaft, Psychologie, Linguistik oder Kommunikations- bzw. Medienwissenschaft konnte klar herausgearbeitet werden, ob und welche Unterschiede bei der Nutzung verschiedener Medientypen ((geschriebener)Text-, Audio-, Videomedien) beim Rezipienten auftreten. Dieser Frage wurde im Zuge der Arbeit nachgegangen.

1 Einleitung

1.1 Ausgangssituation

Trends, die den Wandel der letzten Jahre bestimmen, sind im Wesentlichen die Zunahme der Innovationsgeschwindigkeit, Arbeiten in virtuellen Netzwerken sowie die Multimedialisierung der Information und Kommunikation. Die Entwicklung computergestützter Informations- und Kommunikationssysteme verändert nicht nur die Gesellschaft sondern auch die Organisationen, in der sie eingesetzt wird. Es gilt, sich in der Unternehmensstrategie und Informationspolitik auf diese veränderten Rahmenbedingungen einzustellen. Wer im globalen Wettbewerb führend sein möchte, muss hoch motivierte und vor allem gut informierte Mitarbeiter haben, die der Konkurrenz überlegen sind. Vertrauensvolle Kommunikation und Information in Unternehmen sind jedoch auch Ausdruck der Wertschätzung der Mitarbeiter. Somit stellt eine effiziente und innovative Informationsvermittlung einen besonderen, wünschenswerten Dialog zu den Mitarbeitern dar.

1.2 Forschungsfrage und Zielsetzung

Multimediale Kommunikation avanciert immer mehr zu einem bedeutenden Kommunikationsmedium. Dadurch hat sich nicht nur das Arbeits- und Privatleben der Menschen verändert, sondern auch die Prozesse der Informationsverarbeitung. Die Zugänge zu diesem Thema sind vielfältig, sowohl aus kommunikationswissenschaftlicher und -psychologischer als auch aus kognitionswissenschaftlicher Perspektive.

Das Ziel dieser Arbeit ist die Wirkung von diversen Kommunikationsformen durch den Einsatz unterschiedlicher Medientypen während der Rezeption sowie die Analyse des Mehrwertes von neuen Kommunikationsformen in der internen Unternehmenskommunikation. Die Analyse erfolgt theoriegeleitet und es werden in einem Experiment die Wirkungsunterschiede von bestimmten Medientypen untersucht. Abschließend sind Potential und mögliche Zukunft von neuen Medien in der internen Unternehmenskommunikation Gegenstand dieser Arbeit.

Aus dieser Problemstellung resultieren folgende Fragen:

- Worin liegen die Unterschiede bei der Rezeption von Informationen als Text, Audio und Video, wenn diese als Kommunikationsformen in netzbasierten Unternehmensplattformen wie Intranets verwendet werden?
- Wie unterscheiden sich verschiedene Medientypen hinsichtlich der Nutzung in der internen Kommunikation? Welches Potential haben Audio/Video- Technologien in Intranets und inwieweit können sie die interne Kommunikation unterstützen?
- Wo liegt der Mehrwert bei der Nutzung von Audio/Video Technologien in Unternehmensplattformen wie Intranets?

1.3 Inhaltlicher Aufbau und methodische Vorgehensweise

Die Arbeit gliedert sich in einen theoretischen und empirischen Teil.

Kapitel zwei bis vier beziehen sich sowohl auf die Theorien der Kommunikationswissenschaft, Kommunikations- und Medienpsychologie, als auch auf die der Kognitionswissenschaft, die weiter in Informationsverarbeitungs- und Wahrnehmungsprozesse untergliedert sind. In dem in die Kommunikation einführenden Kapitel werden zunächst grundlegende Begriffsbestimmungen erläutert. Es wird erklärt, was unter Kommunikation aus kommunikationswissenschaftlicher und kommunikationspsychologischer Sicht zu verstehen ist, was Multimedia und Medien sind, wie ihre vielfältigen Formen kategorisiert werden und welche Formen von „Kommunikationen“ zu unterscheiden sind.

Kapitel zwei erläutert auch die kognitiven, emotionalen und sozialen Aspekte von Kommunikation, die eine wesentliche Rolle in der internen Unternehmenskommunikation spielen.

In Kapitel drei wird erklärt, wie menschliche Wahrnehmung und Informationsverarbeitung funktioniert. Diese Informations- und Verarbeitungsprozesse stellen eine zentrale Vorraussetzung für die zwischenmenschliche Kommunikation. „Erst durch Kommunikation sind Menschen in der Lage, Informationen mit anderen auszutauschen, an ihren Erfahrungen teilzuhaben, gemeinsam zu handeln und sich zu vernetzen“.2

In Kapitel vier werden Gegenstand und Aufgaben der internen Unternehmenskommunikation dargelegt sowie die Mittel, der sie sich bedient. Entsprechend der Differenzierung der verschiedenen Kommunikationstheorien werden interne Unternehmenskommunikation und Kommunikationsmanagement auch aus Sicht der Unternehmensführung näher betrachtet.

Der zweite Teil der Arbeit bietet, aufbauend auf der theoretischen Grundlage des ersten Teils, ein Experiment, das die Rezeption von unterschiedlichen Medientypen „geschriebener Text“, „Audio“ und „Video“ untersucht. Das hauptsächliche Untersuchungsinteresse richtet sich auf die beim Rezipienten festzustellenden Wirkungsunterschiede bei der Darbietung eines bestimmten Medientyps. Mit einer Inhaltsanalyse wurden die aus der Beobachtung und dem Interview gewonnenen Daten transkribiert. Die daraus erlangten Ergebnisse werden dann dargestellt, interpretiert und zusammengefasst. Eine Zusammenfassung sowie die Beantwortung der Forschungsfragen bilden den Abschluss der Arbeit.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Schematischer Aufbau der Arbeit

2 Kommunikation

2.1 Was ist Kommunikation

Das Wort „Kommunikation“ ist längst zum gängigen Teil der Alltagssprache geworden. Die Selbstverständlichkeit der Begriffsverwendung täuscht jedoch über die Komplexität des damit gemeinten Prozesses hinweg, die erst bei detaillierter Beobachtung erkennbar wird.3 Nach wie vor ist Kommunikation ein Erfahrungsobjekt verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen, die jeweils unterschiedliche Aspekte in den Vordergrund heben. Vor diesem Hintergrund soll kurz hier der Ansatz der Kommunikation aus Sicht der Kommunikationswissenschaft und der Kommunikationspsychologie vorgestellt werden, der als Grundlage der Arbeit dient.

Zunächst muss geklärt werden, was genau unter „Kommunikation“ zu verstehen ist. Der Begriff „Kommunikation“ (lat. communicare) bedeutet übersetzt „gemeinsam machen“, „teilen“, „mitteilen“, „teilnehmen lassen“ oder „Anteil haben“.4 Unter Kommunikation oder einem kommunikativen Prozess wird in der Kommunikationswissenschaft ein „mindestens zweizügiger oder zweisequenzieller Kommunikationsprozess zwischen mindestens zwei Kommunikatoren verstanden. […] Eine Kommunikation liegt dann vor, wenn sich der Zustand eines Kommunikators aufgrund einer mitgeteilten Information ändert“.5 In der Kommunikationspsychologie wird unter „Kommunikation“ auch ein Prozess verstanden, der zwischen „zwei oder mehr Beteiligten […], in dem die Akteure durch Zeichen und Symbole verschiedener Modalitäten direkt (von Angesicht zu Angesicht, „face-to-face“) oder indirekt über Medien miteinander in Beziehung treten. Dabei ist ein Mindestmaß an Gemeinsamkeit des Zeichen- und Symbolvorrats und Verständnisses sowie des Wissens- und Erfahrungshintergrunds erforderlich, um eine Verständigung zu ermöglichen“.6 Eine anschließende, allgemeine Definition von Kommunikation könnte so lauten: „Kommunikation ist die menschliche und im weitesten Sinne technisch fundierte Tätigkeit des wechselseitigen Zeichengebrauchs und der wechselseitigen adäquaten Zeichendeutung zum Zwecke der erfolgreichen Verständigung, Handlungskoordinierung und Wirklichkeitsgestaltung.“7 Aufgrund der großen Bandbreite der Begriffsbestimmungen und der Tatsache, dass Kommunikation ein Erkenntnisobjekt verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen ist, kann keines dieser Fächer dem Gegenstand der Analyse gerecht werden.8

Fast immer geht es bei Kommunikation um Informationen zwischen Menschen, die „mit Hilfe von Mimik, Gestik, Sprache, Schrift, Bild oder Ton, von Angesicht zu Angesicht bzw. über papierene oder elektronische Übertragungs- und Speichertechniken irgendwelche Botschaften ermitteln“.9 Dabei spielt das (menschliche) Verhalten eine wesentliche Rolle. Daher soll im nächsten Abschnitt das Verhalten in Bezug auf die computervermittelte Kommunikation näher untersucht werden.

2.2 Was ist computervermittelte Kommunikation

Auf der Suche nach Literatur über Kommunikationsformen, fällt die strikte Trennung zwischen Individual- und Massenkommunikation in der Sozial bzw. Kommunikationswissenschaft auf.10 Durch den Einsatz des Computers wird jedoch die klare Trennung von Individual- und Massenkommunikation obsolet.11

Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten zur Differenzierung medialer und direkter Kommunikationsarten. Zu diesem Zweck müssen Merkmalskategorien definiert werden, die auf alle Kommunikationsformen anwendbar sind und dabei eine Vergleichbarkeit einzelner Kommunikationsformen gewährleisten. Da viele Autoren große Unterschiede bei der Definition von Individual- und Massenkommunikation treffen, ist eine Differenzierung nicht immer einfach. Dennoch sollen Kommunikationsmerkmale dargestellt werden, die für eine Abgrenzung verschiedener Kommunikationsformen in dieser Arbeit notwendig sind.

Zu Beginn der Arbeit wurden bereits die wesentlichen Elemente zur Umschreibung des Kommunikationsbegriffs erklärt. Es wurde auch darauf hingewiesen, dass die Literatur ein breites Spektrum an Begriffsbestimmungen mit teilweise gravierenden Unterschieden darlegt. Dies gilt noch stärker für die theoretischen Modelle und Konzepte (zwischen-) menschlicher Kommunikation. Auf die Vielzahl der einzelnen Modelle kann in dieser Arbeit nicht eingegangen werden, stattdessen soll die Grafik in Abbildung zwei eine kurze Übersicht über ein allgemeines Kommunikationsmodell geben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Allgemeines Kommunikationsmodell (Six, 2003, S. 125)

In diesem allgemeinen Kommunikationsmodell aus der Kommunikationspsychologie werden Elemente, Einflussfaktoren und Prozesse in einer abstrahierten Form zusammengefasst.

2.2.1 Formen computervermittelter Kommunikation

Das vorliegende Kapitel konzentriert sich primär auf die sozialpsychologische Perspektive der „computervermittelten Kommunikation“, wobei die Beschreibung der technischen Gegebenheiten nur soweit als nötig ausgearbeitet wird.

Zunächst soll eine begriffliche Vororientierung zum Begriff „computervermittelte Kommunikation“ gegeben werden, bevor auf die Theorien eingegangen wird.

Der Begriff „computervermittelte Kommunikation“ hat sich aus der angloamerikanischen wissenschaftlichen Literatur etabliert und heißt übersetzt „computer mediated communication“ oder kurz „cmc“.12 Inzwischen gibt es in der deutschsprachigen Forschungsliteratur einige Definitionen für computervermittelte Kommunikation.

Boos, Jonas & Sassenberg beschreiben den Begriff wie folgt: „Unter „computervermittelter Kommunikation“ soll […] jene Kommunikation zusammengefasst werden, bei der auf Seiten des Senders und Empfängers einer Botschaft ein Computer zur En- und Dekodierung zum Einsatz kommt. Die Palette der Ausprägung reicht dabei von textbasierter Massenkommunikation ohne direkte Adressaten […] bis hin zu Videokonferenzen zwischen einzelnen Personen oder Gruppen.“13 Zur weiteren Klassifizierung kann der Begriff „cmc“ auf das Ausmaß zeitlicher Verzögerung einer Nachricht zwischen dem Endkodieren und Dekodieren durch den Sender und der Dekodierung derselben durch den Empfänger dargestellt werden.14 Ein zeitversetzter (asynchroner) Datenaustausch wäre z. B. der Brief, ein zeitgleich (synchron) stattfindender Datenaustausch das Telefonieren.

Bei der asynchronen „cmc“ lassen sich eher elaborierte Botschaften verfassen, die den Charakter in sich abgeschlossener (monologischer) Gebrauchstexte haben.15 Demgegenüber haben die einzelnen Äußerungen bei der synchronen Netzkommunikation eher dialogischen Charakter und zwar in dem Sinne, dass sie oft nur im Zusammenhang des gesamten Gesprächsflusses verstehbar sind.16

Emails stellen derzeit sicherlich die prototypische Form asynchroner „cmc“ dar. Die Nachrichten können vom Empfänger zumeist nicht unmittelbar, sondern erst nach einer gewissen Zeitspanne abgerufen werden.17 Videokonferenzen oder auch „Chats“ hingegen ermöglichen synchrone schriftliche Kommunikation der verbundenen Teilnehmer, weil sie gesendete Nachrichten sofort auf den Bildschirmen erscheinen lassen. „Es existiert also im Unterschied zur asynchronen „cmc“ ein gemeinsamer immaterieller Wahrnehmungs- und Handlungsraum.“18

In Bezug auf die vorher dargestellten Situationen liegt bei Asychronizität offensichtlich keine zeitliche Kopräsenz vor, wobei dies im Falle von Sychronizität schon zutrifft. Damit verbunden sind drei Aspekte typisch: „Das gemeinsame Verständnis des sozial-kommunikativen Kontextes, der kontinuierliche gegenseitige Informationsaustausch, sowie der Grad an Bewusstheit während der Kommunikation.“19

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Formen der asynchronen und synchronen computervermittelten Kommunikation (Döring, 2003, S. 125)

Neben der Synchronizität/Asychronizität werden den weiteren Kriterien der „cmc“, wie z. B. der Anzahl der Sender und Empfänger, erhebliche Bedeutung beigemessen. Üblicherweise hängt die Differenzierung von Sender- und Empfängerseite davon ab, ob eine oder mehrere Personen an der Kommunikation beteiligt sind.20 Die häufigste Art des Kommunikationsaustausches findet in einer direkten Kommunikation zwischen Personen statt. Die so genannte 1:1 Kommunikation (Face-to-Face- Kommunikation) bietet die Grundlagen für eine ungestörte Kommunikation auf allen Ebenen.21 Aus kommunikationstechnischem Blickwinkel betrachtet bedeutet das eine maximale Informationsweitergabe, da alle Sinnesmodalitäten (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen) in den Kommunikationsprozess involviert sein können.22

Synchrone 1:1 „cmc“ ist derzeit weniger gebräuchlich, mittelfristig ist davon auszugehen, „dass neben der Internet-Telefonie vor allem die computerbasierte Desktop-Videokonferenz an Bedeutung gewinnen wird.“23

Eine weitere Klassifizierung der „cmc“, die für diese Arbeit von Bedeutung ist, stellt die 1: many-Kommunikation dar. „Ein Sender erreicht mit seiner Nachricht in diesem Falle mehrere Empfänger.“24 Bei dieser Art des Informationsaustausches geht jedoch ein großer Teil der zwischenmenschlichen Kommunikation verloren, da der Sender nicht in der Lage ist, von allen Empfängern Rückmeldungen zu empfangen und dementsprechend darauf zu reagieren. Aus Sicht eines Unternehmens ist diese Kommunikation jedoch essentiell, da alle Mitarbeiter schnell und gleichzeitig informiert werden können.

Wenn mehrere Sender verschiedene Botschaften an eine Vielzahl von Empfängern leiten, sprechen wir von einer many to many oder n:n Beziehung.25 Doch diese Kombination wird hier nicht berücksichtigt, da es sich ja letztlich um mehrere one- to-one Kommunikationsakte handelt.

Im nächsten Abschnitt werden die wesentlichsten Theorien der „cmc“ beschrieben, wie sie zustande kommen und welche sozialen Effekte sie haben.

2.2.2 Theorien computervermittelter Kommunikation

Welche Funktionen die individuelle Wahl eines bestimmten Mediums bzw. einer bestimmten Kommunikationsform bestimmen, wird im Folgenden anhand zahlreicher Theorien expliziert. Dabei werden die wichtigsten Modelle und Grundaussagen dargestellt. Teilweise widersprechen sich die jeweiligen Modelle und Theorien, doch in ihrer Gesamtheit ergänzen sie sich wechselseitig, da sie sich jeweils auf verschiedene Merkmale und Folgen medienvermittelter Kommunikation beziehen.

Die Literatur bietet eine Reihe von Ansätzen über die computervermittelte Kommunikation. Die gängigsten davon lassen sich in drei Gruppen einteilen: Theorien zur Medienwahl, Theorien zu Medienmerkmalen und Theorien zum medialen Kommunikationsverhalten.26 Primär bezieht sich das Konzept der computervermittelten Kommunikation auf textbasierte Kommunikation, die jedoch um audiovisuelle Elemente ergänzt werden kann.

2.2.2.1 Theorien zur Medienwahl

Die im Folgenden betrachteten Medienwahl-Modelle konzentrieren sich vor allem auf bewusste Medienwahl-Entscheidungen. Solche Medienwahl-Entscheidungen werden aufgrund rationalen Überschlags oder sozialer Normen getroffen.27

Rationale Medienwahl

Das Modell der Rationalen Medienwahl geht davon aus, dass wir im alltäglichen Leben mit verschiedenen Kommunikationssituationen konfrontiert sind, „die sowohl sachlich-inhaltlicher, als auch auf sozio-emotionaler Ebene unterschiedlich anspruchsvoll und wichtig sind.“28 Gleichzeitig lässt sich das Modell der rationalen Medienwahl aus mehreren Blickwinkeln betrachten, z.B. wie viel persönliche Nähe und Lebendigkeit während der Kommunikation empfunden werden soll (social presence oder wie komplex die vom Medium übermittelte Informationen ist (media richness, wie viel Rückkanäle zur wechselseitigen Verständigungsabsicherung zur Verfügung stehen (backchannel feedback) und wie hoch der Aufwand bzw. die Schwelle zum Versenden einer Nachricht ist (messaging treshold).29 Daraus lässt sich schließen, dass eine rationale Medienwahl immer dann getroffen wird, „wenn man in einer konkreten Situation genau das wählt, dass den sachlichen und sozialen Anforderungen der Kommunikationsaufgabe am besten gerecht wird (media appropriateness).“30 Die Theorien der sozialen Präsenz, der medialen Reichhaltigkeit und des Backchannel-Feedback setzen voraus, dass Menschen Medien gemäß ihrer Nähe, Reichhaltigkeit bzw. Feedbackmöglichkeit beurteilen und dabei subjektive Rangreihen bilden. Joseph Schmitz und Janet Fulk führten unter 655 Angehörigen eines Forschungsinstitutes eine Bewertung und Nutzung unterschiedlicher Individualmedien durch. Dabei kristallisierte sich heraus, dass Face-to-Face Kommunikation die reichhaltigste Kommunikationsform war.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Reichhaltigkeit der Kommunikation (Döring, 2003, S. 135)

Normative Medienwahl

Die normative Medienwahl ergänzt die rationale Medienwahl um Faktoren wie soziale Normen, Einstellungen und Bedienungskompetenz und lässt den Kosten- Nutzen Faktor sowie Gefühlsemotionen im Hintergrund.31 Döring setzt normative Medienwahl mit dem Social Influence Model gleich und beschreibt „Medienbewertungen (z.B. Nützlichkeitszuschreibung) nicht als Funktion von Medienmerkmalen (Nutzungskosten, involvierte Sinneskanäle etc.), sondern auch vor allem soziale Konstruktionen, die durch soziale Bewertungen geprägt sind.“32 Zum einen ist der Mensch in der Medienwahl z.B. durch gängige Kommunikationsmedien beeinflussbar, zum anderen ist er, gemäß der Theorie der normativen Medienwahl, durch Einstellungen und Bedienungskompetenz beeinflusst.33 Die Fähigkeit und Erfahrung in Schnell-Tippen steigert z.B. die Wertschätzung eines bestimmten Dienstes, wie die E-Mail Kommunikation und wird daher auch als reichhaltiger eingestuft und somit öfters benutzt. Der Wahlprozess kann aber muss nicht mit dem eines rationalen Matchings identisch sein.34

Interpersonale Medienwahl

Neben der rationalen Medienwahl, die von dem Kosten-Nutzen-Prinzip beeinflusst wird und der normativen Medienwahl, die soziale Faktoren in den Entscheidungsprozess mit einfließen lässt, bezieht sich das interpersonale Medienwahlmodell auf die wechselseitige Beeinflussung sozialer Gruppen in Bezug auf die Medienwahl.35 „So kann das Gegenüber sich unseren individuellen Medienpräferenzen entziehen (z.B. E-Mails nicht regelmäßig lesen) oder uns umgekehrt bestimmte Medienwahlen aufdrängen (z.B. penetrantes Hinterher - Telefonieren). Der Erfolg medialer Kommunikation ist also auch davon abhängig, wie einvernehmlich die Beteiligten ihre jeweilige Medienpräferenzen miteinander aushandeln.“36 Infolgedessen ist nicht nur das eigene Medienwissen und die mediale Präferenz, sondern auch das Verhalten des Rezipienten von Bedeutung.

Beispiele für entsprechende Ansätze sind das Modell der technisch vermittelten interpersonalen Medienwahl und Kommunikation oder das sozialpsychologische Modell der Medienwahl und Nutzung, auf die in dieser Arbeit nicht im Detail eingegangen werden kann.37

2.2.2.2 Theorien zu Medienmerkmalen

Die Theorien zu Medienmerkmalen beschäftigen sich mit der Fragestellung, von welchen Medienmerkmalen der Kommunikationsprozess in welcher Weise gelenkt wird. Grundannahmen dieser Theorien bestehen darin, „dass jede mediale Vermittlung von Kommunikationsprozessen eine Einschränkung bedeutet, sodass es zwangsläufig zu einem defizitären Kommunikationsverlauf und -ergebnis kommen muss.“38

Theorie der Kanalreduktion

Aufgrund fehlender Kopräsenz sind laut des Kanalreduktions-Modells die meisten Sinnesmodalitäten im interpersonalen Zusammenhang ausgeschlossen.39 Somit erfolgt eine „Verarmung“ der Kommunikation zwischen Kommunikator und Rezipienten. Bei der textbasierten „cmc“ ist dabei die Reduktion von verfügbaren Zeichenkomplexen und gemeinsamen Handlungsmöglichkeiten besonders intensiv, sodass bei Nutzung von textbasierten Telekommunikationsmedien mit Ent- Sinnlichung, Ent-Emotionalisierung, Ent-Kontextualisierung und sogar Ent- Menschlichung zu rechnen ist.40 Da die „cmc“ nicht nur auf textbasierte Kommunikation zu reduzieren ist, sondern auch zwischen geografischen Distanzen vermittelt und asynchron stattfinden kann, kommen noch Ent-Räumlichung und Ent- Zeitlichung hinzu, die dann umfassend als Ent-Wirklichung wahrgenommen werden.41

Das Kanalreduktions-Modell lässt sich in verschiedener Hinsicht kritisieren. Einerseits berichten aktuelle Untersuchungen eine drastisch reduzierte Zufriedenheit der Kommunikationspartner mit dem Kommunikationsprozess, anderseits wird die textbasierte „cmc“ nicht nur als außerordentlich sozial angemessenes Medium angesehen, sondern führt sogar zu positiven Effekten hinsichtlich Emotionalität und Austausch der Botschaften mit Beziehungscharakter, so dass unter bestimmten Bedingungen sogar eine Aufwertung gegenüber der face-to-face-Kommunikation gegeben ist.42

Ein weiterer Einwand an das Kanalreduktions-Modell ist die Beschränkung der Ausdrucksmöglichkeiten in der Kommunikation zwischen zwei Gesprächspartnern. Diese Kritik lässt sich von Anhängern der Theorie leicht zurückweisen, da netzspezifische Kompensationsmöglichkeiten gesetzt werden können.43

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Reichhaltigkeit der Kommunikation (Döring, 2003, S. 151)

Es steht fest, dass face-to-face-Kommunikation einen „ganzheitlichen, menschlichen, restriktionsfreien, emotionalen, warmen Austausch garantiere, während […]computervermittelte Kommunikation stets mit einer Beschränkung der Austauschmöglichkeiten verbunden sind.“.44 Für eine grundsätzliche Überlegenheit neben den hier angesprochenen Einwänden spricht noch die Evolutionstheorie laut Ned Kock, dass „wir als Mensch aufgrund unserer biologischen Ausstattung auf face-to-face-Kommunikation am besten vorbereitet sind und kanalreduzierte Medien deswegen im ersten Augenschein als defizitär wahrnehmen. (Obwohl sich gemäß von Studien desselben Autors bei entsprechender Medienkompetenz Defizite durchaus kompensieren lassen)“.45

Insgesamt hat das Kanalreduktions-Modell einen technikzentrierten Fokus, welches typisch menschliche Merkmale wie Emotionalität, Unkalkulierbarkeit und Stimmung ausschließt.

Filter-Modell

Grundannahme der Filtermodelle ist, dass durch die computervermittelte Kommunikation – vor allem bei schriftlicher Kommunikation – ein Verlust an sozialen Kontextinformationen entsteht. Diese sozialen Hinweisreize können statisch oder dynamisch sein und sie können sich z.B. auf geographische, organisationale und situationale Variablen beziehen.46 Fehlen diese sozialen bzw. soziodemographischen Hintergrundinformationen, wie Alter, Aussehen, Bildung, Status usw., so kann sich das darauf auswirken, ob wir mit einer Person überhaupt in Kontakt treten möchten. Solche nonverbalen (vor allem visuelle) Informationen sind entscheidend für uns, wie wir Personen einschätzen. Die Folge vom Wegfallen solcher Hinweisreize ist ein Nivellierungseffekt. Eine derartige Nivellierung baut gemäß dem Filtermodell „soziale Hemmungen, Hürden, Privilegien und Kontrollen ab. Dieser enthemmende Effekt begünstigt sowohl verstärkte Offenheit, Ehrlichkeit, Freundlichkeit, Partizipation und Egalität, als auch – vor allem in Konfliktfall – verstärkte Feindlichkeit, Anomie, normverletzendes und antisoziales Verhalten“.47 Artet die Situation aus, sodass die unbekannten Teilnehmer verbal entgleisen, dann spricht man von „Flaming“.

Ein Schwachpunkt des Filtermodells liegt sicher in der technikdeterministisch interpretierten „cmc“-Effekte und der Vernachlässigung des Einflusses der sozialen Systeme.48

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die vom Filtermodell thematisierten Effekte der Egalisierung und Anomie genauerer Elaboration bedürfen, denn das Modell geht von computervermittelten Kontakten zwischen Unbekannten aus. In der Organisationskommunikation sind die Konstellationen der Hintergrundinformationen nicht komplett ausgeblendet.49

Zu berücksichtigen ist auch die Beschränkung des Filtermodells auf den Textkanal. Sobald z.B. videovermittelte Kommunikationsszenarien einbezogen werden, sollte dieses Manko behoben werden.

Digitalisierung

Im Digitalisierungsmodell wird die „cmc“ durch mögliche, digitale Textverarbeitung, Verbreitung, Produktion und Rezeption der Informationen verändert. Damit konzentriert sich dieses Modell auf das technische Datenformat, denn erst die Digitalisierung erlaubt es, „in umfassender Weise, Informationen kostengünstig und bequem in großer Geschwindigkeit über weite Strecken an vielfältige Teilnehmerkreise zu verbreiten“.50 Zusätzlich ermöglicht sie die Speicherung dieser Informationen. Allgemein lässt sich sagen, dass „sämtliche digitalisierungsbedingten, technischen Möglichkeiten (z.B. erhöhte Transportgeschwindigkeit, Erweiterung des Teilnehmerkreises, Dokumentation und automatische Analyse der Kommunikation, hypertextuelle Verknüpfung) in sozialer Hinsicht mit Vor- und Nachteilen verbunden sind.51 So können z.B. News übers Intranet gespeichert bzw. archiviert und modifiziert werden und es wird eine bessere Kontrolle über den Kommunikationsablauf erzielt. Ein Nachteil der Digitalisierung ist sicherlich die Gefahr des Kontrollverlusts im Sinne mangelnder Privatsphäre:

„Mailinglisten-, Newsgroup- oder Newsboardpostings können ohne großen Aufwand von Marktforschungsinstituten zur Erstellung von Konsumentenprofilen ausgewertet […] werden, ohne dass die Nutzer dies bemerken.“52

Diese Effekte legen nahe, dass die Merkmale der Mediennutzung darüber entscheiden, ob und für wen sich die digitalen Datenformate als Vor- oder Nachteile erweisen.53

2.2.2.3 Theorien zum medialen Kommunikationsverhalten

Die Theorien und Modelle zum medialen Kommunikationsverhalten konzentrieren sich, wie der Name schon sagt, auf das Verhalten der Gesprächspartner während eines Kommunikationsprozesses. Dazu gehören die Theorie der sozialen Informationsverarbeitung (social information processing perspective), Simulation und Imagination, soziale Identität, Deindividuation und die Theorie über die Netzkultur, die anschließend erklärt werden sollen.

Soziale Informationsverarbeitung

Die soziale Informationsverarbeitungs-Theorie „unterstellt keine technisch bedingte Kommunikationsveränderung, der Menschen entweder generell ausgesetzt sind […] oder durch vernünftige Medienwahlen ausweichen können […], sofern sie nicht durch sozialen Druck und die Mediengewohnheiten ihrer Kommunikationspartner daran gehindert werden […], sondern behauptet, dass es erst gar nicht zu medienbedingter Kommunikationsverarmung kommen muss“.54

Individuen stimmen in diesen „cmc“-Situationen ihr Kommunikationsverhalten auf die technischen Medieneigenschaften ab und konzentrieren sich auf die sozial verfügbaren Hinweise, um eine befriedigende Kommunikationssituation zu verwirklichen. Dabei werden genau diese Informationen einfach auf andere Weise, z.B. durch Textinterpretationen, wie „Emoticons“55 und „Soundwörter“56, ausgedrückt. Diese Art der Kommunikation schafft eine neue Herausforderung an die Kommunikatoren und Rezipienten, die die Akteure erst erlernen müssen.

Abgesehen von netzspezifischen Sprachmitteln ist „gemäß der Theorie der sozialen Informationsverarbeitung auch davon auszugehen, dass in Face-to-Face Situationen unausgesprochen bleibende Selbstverständlichkeiten beim Netzkontakt häufiger ausdrücklich benannt werden, seien es etwa Gefühlslagen oder Merkmale des eigenen Erscheinungsbildes.“57 Kommunikationsstörungen sind demgemäß nur dann wahrscheinlich,

- „wenn Personen die netzspezifischen Ausdrucksmittel nicht beherrschen (Kompetenz)
- wenn sie sich nicht die Mühe machen, sie einzusetzen und auf verbalem Wege ausführliche Erklärungen abzugeben (Motivation),
- wenn sie durch soziale Normen (z.B. Zwang zur Sachlichkeit) davon abgehalten werden, netzspezifische expressive Aussagen oder Gesten zu verwenden,
- wenn nicht genügend Zeit zur Verfügung steht, um eine lebendige Kommunikationsatmosphäre auf der Basis getippter Botschaften entstehen zu lassen.“58

Wie gemäß sozialer Informationsverarbeitung ein informationsreiches Kommunikationsverhalten aussehen sollte, hängt stark von der Beziehung, vom Thema und Vorwissen der Kommunikationspartner ab. Um Kommunikation nicht nur im Sinne von Informationsaustausch, sondern im Sinne von Verständigung zu bewirken, müssen sich die Kommunizierenden auf den Rezipienten einstellen.59

Eine Kritik, die gerechtfertigt zu sein scheint ist, dass der Theorie der sozialen Informationsverarbeitung entsprechend zwar Kompensationsmöglichkeiten, wie Emoticons und Soundwörter bietet, doch damit bei weitem nicht die menschliche Mimik und Gestik differenziert ausdrücken kann.

Simulation und Imagination

Die Kernaussage der Theorie der Simulation und Imagination ist, dass Identitäten in nahezu beliebiger Weise simuliert werden können. Damit kann der Gesprächspartner seine Selbstdarstellung bestimmen und Täuschung oder Authentizität begünstigen. Während das Filter-Modell davon ausgeht, dass die Beteiligten durch Filter-Effekte wichtigen, vor allem sozi-demographischen Daten, gleichberechtigt gegenüberstehen, besagt diese Theorie, dass durch die alleinige Nutzung des Textkanals, Informationen, die von bzw. über die Nutzer mitgeteilt werden, substanzielle Unterschiede von der Realität entstehen.60

Durch die Beschränkung auf den Textkanal besteht in Kommunikationsprozessen die Kontrolle, bestimmte Informationen über sich oder die Umgebung zu übermitteln.

„Diese Kontrolle erlaubt nicht nur, wie von der Theorie der sozialen Informationsverarbeitung beschrieben, medial bedingte Informationslücken zu schließen, sondern ebenso Identitäten und Lebenszusammenhänge in beliebiger Art und Weise zu simulieren.61

Eine weitere wesentliche Aussage der Theorie der Simulation und Imagination ist, dass fehlende Informationen dazu führen, dass ein kognitiver Konstruktionsprozess in Gang gesetzt wird, der „in besonders starkem Maße von Imagination bzw. Projektion geprägt ist und der – je nach Beziehungs- und Situationskontext sowie aktueller Motivation – das Bild der wahrgenommenen Person oftmals in positiver Richtung (entsprechend individuellen Wünschen und Präferenzen), aber zuweilen auch in negativer Richtung (entsprechend den eigenen Aversionen, Vorurteilen) überspitzt“.62 Durch eine Imagination, welche durch bewusste oder unbewusste Informationsfilterung und Informationsergänzung beim Rezipienten geformt ist, entsteht mit der Reduktion der Sinneskanäle eher eine Zunahme als eine Verarmung des Empfindens.63

Das Modell der Simulation und Imagination geht im Wesentlichen davon aus, dass die in den Kommunikationsprozess involvierten Personen sich persönlich nicht kennen. Auch gewisses Know-how an Mediennutzung und Selbstreflexion sind notwendig, „um etwa konstruktive Effekte im Sinne der Selbstkenntnis zu erzeugen“.64

Soziale Identität und Deindividuation (SIDE)

Das Modell der sozialen Identität und Deindividuation, kurz SIDE, widerspricht der Vorstellung, dass Anonymität im Netz, zu einem temporären Identitätsverlust (d.h. Jemand ist sich nicht mehr bewusst, wer er ist.) und somit zu einem normverletzenden Verhalten führe, welches der eigenen Person fremd ist.65 Das eher nutzerorientierte SIDE-Modell geht von aktivierten Identitäten der Nutzer aus. Ist eine soziale bzw. kollektive Identität salient, so nehmen sich diese Personen vorrangig als Mitglieder einer Gruppe wahr. Es entstehen situationsspezifische Gruppennormen, zu denen die Mitglieder der Gruppe zunehmende Bedeutung des sozialen Teils ihrer Identität dann in ganz besonderem Maße konform sind.66 Demnach hängt die von einer Gruppenkommunikation ausgehende Einstellungsbeeinflussung von folgenden Faktoren ab:

- Anonymitätsgrad des Kommunikationsprozesses
- Wahrnehmbarkeit der persönlichen oder sozialen Identität (als Individuum und individuell handelnder Kommunikationspartner oder als Mitglied bzw. Vertreter einer sozialen Kategorie, z.B. Soziologiestudierende),
- Art der sozialen Beziehungen zwischen den Kommunikationspartnern und deren reziproke Bedeutung
- Vorhandensein von bestehenden Normen hinsichtlich der Kommunikationspartner und einer sozialen Norm in der höheren Kategorie
- Einfluss der beteiligten Kommunikationspartner, der mit diesen Faktoren einhergeht.67

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass das SIDE-Modell das Verhalten von Individuen in anonymen, computervermittelten Kommunikationen untereinander beschreibt und erklärt. Die Netzkommunikation ist zwar in vielerlei Hinsicht durch Anonymität geprägt, findet jedoch oft auch zwischen Personen statt, die sich länger kennen bzw. viel voneinander wissen, wie z.B. Kollegen in einem Unternehmen.

Räumliche Vereinzelung und visuelle Anonymität einer Gruppe kann auch dazu führen, dass der Einfluss und Widerstand gegenüber „anderen“ Gruppen wächst. Dadurch ist es denkbar, dass die „cmc“ durch Entpersonalisierungseffekte zu einer Verstärkung der Corporate Identity (CI), zu einer Erhöhung von Commitment und zu höherer Arbeitszufriedenheit führt.

Netzkultur

Die wesentliche Aussage dieses Modells ist, das die „cmc“ durch die Kultur mitbeeinflusst wird, welche im jeweiligen Computer- bzw. Kommunikationsnetzwerk etabliert ist.

Ausgehend von der Beobachtung, dass in verschiedenen Computernetzen jeweils spezifische Teilnehmer-Populationen in charakteristischer Weise soziale Kommunikationsnetze bilden, spezifisches Wissen teilen, eigene Regeln, Gesetze, Gewohnheiten und künstlerische Ausdrucksformen etablieren, lassen sich Computernetze als Kulturräume definieren.68

Der individuelle Umgang der Internetnutzer mit der Internet-Kultur die Nutzungsdauer und Nutzungsintensität machen die Internetnutzer klassifizierbar. Primär unterscheiden sich Nutzer des Internets durch ihre Art der Verwendung. Einige nutzen das Internet als Werkzeug, andere hingegen begreifen das Internet als Kultur- und Lebensraum, wo spezifische Ausdrucksformen und Traditionen gepflegt werden. Auf diese Weise können sich Insider als Gleichgesinnte erkennen und von „Outgroups“ abgrenzen. Die kommunikative Konstruktion der Netzkultur integriert die Beteiligten, geht aber gleichzeitig mit sozialer Isolation und Ausgrenzung derjenigen einher, die nicht an der Netzkultur partizipieren.69

Die Netzkultur bedarf weiterer Analysen. Operationalisierungen unterschiedlicher Identifikationen und Kenntnisse sind wünschenswert, um die „individuelle Aneignung der Netzkultur und deren kommunikative Konsequenz zu erfassen“.70

Ob und wie sich Personen mit einer Netzkultur identifizieren, beeinflusst wesentlich ihr mediales kommunikatives Verhalten.

Zentrale Bedeutung hat die Netzkultur auch in der internen Unternehmenskommunikation. Die Netzkultur, die weitgehend von der Unternehmenskultur beeinflusst wird, ist ein Schlüsselfaktor, die neue Medien überhaupt in der Unternehmenskommunikation zulässt. Meine persönliche Erfahrung aus diversen Projekten hat gezeigt, dass jedes Unternehmen seine eigenen Kommunikationswege hat, in die sich diese neuen Medien integrieren müssen.

[...]


1 In Fließtexten wird, wenn möglich, das generische Maskulinum verwendet. Dadurch wird eine bessere Lesbarkeit geschaffen. Es werden natürlich immer beide Geschlechter angesprochen.

2 Six, 2007, S. 11

3 Eine Analyse dieser Komplexität findet sich bei Klaus Merten: Kommunikation, Opladen, 1977 zit. nach Burkart, 2002, S. 17

4 Vgl. Schützeneichel, 2004, S. 376

5 Schützeneichel, 2004, S. 376

6 Six, 2007, S. 21

7 Krallmann, 2001, S. 13

8 Vgl. dazu B. Klaus Merten (1977), der den Kommunikationsprozess analysiert und ca. 160 Definitionen für Kommunikation erarbeitet hat.

9 Burkart, 2002, S. 15

10 Vgl. Six , 2007, S. 25

11 Vgl. Schmitz, Ulrich (1997) in: Rüdiger Weingarten (Hg.): Sprachwandel durch Computer. Opladen: 1997, S. 131-158, URL: http://www.linse.uni- due.de/linse/publikationen/text_in_multimedia.html [Zugriff am: 14.4.2008]

12 Vgl. Fischer, 2005, S. 6

13 Fischer, 2005, S. 6 zit. nach Boos, Jonas und Sassenberg, 2000, S. 2

14 Vgl. Fischer, 2005, S. 28

15 Vgl. Döring, 2003, S. 43

16 Vgl. Döring, 2003, S. 43

17 Vgl. Fischer, 2005, S. 28

18 Döring, 2003, S. 44

19 Fischer, 2005, S. 28f

20 Vgl. Fischer, 2005, S. 30

21 Thun, 1996, S.13ff.

22 Vgl. Döring, 2003, S. 34

23 Fischer, 2005, S. 31

24 Fischer, 2005, S. 31

25 Vgl. Döring, 2003, S. 49

26 Vgl. Döring, 2003, S. 128

27 Vgl. Fischer, 2005, S. 37ff

28 Döring, 2003, S. 131

29 Vgl. Döring, 2003, S. 131

30 Döring, 2003, S. 131

31 Vgl. Six, 2007, S. 344

32 Döring, 2003, S. 143

33 Vgl. Döring, 2003, S. 144

34 Vgl. Döring, 2003, S. 146

35 Vgl. Döring, 2003, S. 146

36 Döring, 2003, S. 146

37 Vgl. Six, 2007, S. 344 zit. nach Höflich 1996, Scholl, Pelz & Rade, 1996

38 Fischer, 2005, S. 38

39 Vgl. Döring, 2003, S. 149

40 Fischer, 2005, S.41f zit. nach Winterhoff-Spurk & Vitouch, 1989; Kubicek & Rolf, 1986, S. 263ff; Mettler v. Meibom, 1994, S. 18

41 Vgl. Döring, 2003, S. 149

42 Fischer, 2005, S. 43 zit. nach Benbuan-Fich & Hiltz, 1999; Bungard, Wolf-Bertram & Held, 1999; Bismarck, Held, Schütze & Alex, 1999

43 Vgl. Döring, 2003, S. 151

44 Döring, 2003, S. 151

45 Döring, 2003, S. 153

46 Vgl. Fischer, 2005, S. 55

47 Döring, 2003, S. 155

48 Vgl. Döring, 2003, S. 155

49 Vgl. Döring, 2003, S. 156f

50 Döring, 2003, S. 157

51 Döring, 2003, S. 158

52 Döring, 2003, S. 158

53 Vgl. Döring, 2003, S. 158

54 Döring, 2003, S. 161

55 Der Begriff des Emoticon ist eine Verbindung aus zwei englischen Wörtern: „Emotion“ (Emotionen) und „Icon“ (Symbol). Diese Symbole werden oft auch Smilies genannt, die sich aus dem Standardzeichensatz (z.B. Doppelpunkt, Strich, Klammer) zusammensetzen. (zitiert aus: Die Rolle der Emoticons in der computergestützen Kommunikation, Jeannette Oostlander, 2005 [Zugriff: 12.2.2008])

56 Sound- bzw. Aktionswörter sind z.B.: *grins*, *rofl*, *hihi*,…

57 Döring, 2003, S. 163

58 Döring, 2003, S. 163

59 Vgl. Döring, 2003, S. 163

60 Vgl. Döring, 2003, S. 167

61 Vgl. Döring, 2003, S. 167

62 Döring, 2003, S. 169

63 Vgl. Döring, 2003, S. 169

64 Vgl. Döring, 2003, S. 173

65 Vgl. Döring, 2003, S. 174

66 Vgl. Fischer, 2005, S. 120f

67 Vgl. Six, 2007, S. 105

68 Helmers / Hoffmann & Hoffmann, 1995 zit. nach Döring, 2003, S. 178

69 Vgl. Döring, 2003, S. 181

70 Döring, 2003, S. 181

Details

Seiten
148
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640255535
ISBN (Buch)
9783640255603
DOI
10.3239/9783640255535
Dateigröße
2.2 MB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Fachhochschule Technikum Wien – Wissensmanagement
Erscheinungsdatum
2009 (Januar)
Note
gut
Schlagworte
Medientypen Wahrnehmung Wissensmanagement

Autor

Zurück

Titel: Wie Medientypen unsere Wahrnehmung beeinflussen