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Die Schlacht auf dem Lechfeld von 955 zwischen Erzählungsbildung und Geschichtspolitik. Der Wandel eines historischen Ereignisses im kulturellen Bewusstsein

©2018 Hausarbeit (Hauptseminar) 33 Seiten

Zusammenfassung

Im Folgenden sollen zunächst die historischen Rahmenbedingungen und Entwicklungslinien des frühen Mittelalters gerafft dargestellt werden, in die sich die Schlacht einbettet. Durch das Unterkapitel "Die Lechfeldschlacht als historisches Ereignis" soll die von der Geschichtswissenschaft zugesprochene Bedeutung für Augsburg und den gesamten mitteleuropäischen Raum hervorgehoben werden. Diese fungierte als Katalysator für die nachfolgenden
Erzählungsbildungen, Identitätskonstruktionen und der Geschichtspolitik. Das Unterkapitel "Die Lechfeldschlacht als Erinnerung" setzt sich daran anschließend mit den künstlerischen Darstellungen von Erzählungen im öffentlichen Raum der frühneuzeitlichen Reichsstadt Augsburg auseinander. Der letzte Abschnitt möchte den Bogen über die Entwicklungslinien des 19. und 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart schlagen und dabei zwei zentrale Orte der heutigen Erinnerungskultur in den Fokus rücken.

Die Heiltumskammer in St. Ulrich und Afra in Augsburg wird als Nukleus der historischen wie gegenwärtigen
Ulrichsverehrung beleuchtet und durch ein Interview mit Werner Vogele, einem Mitarbeiter der Kirchenverwaltung, ergänzt. Nachfolgend wird der Infopavillon "955" in Königsbrunn mit seiner Dauerausstellung über die Schlacht auf dem Lechfeld im Zusammenhang mit einem Interview mit Ursula Off-Melcher, der Leiterin des Kulturbüros Königsbrunn, vorgestellt. Die beiden qualitativen Experteninterviews orientieren sich an Fragen nach der Verortung des materiellen
und immateriellen Kulturerbes in der Vergangenheit wie auch im 21. Jahrhundert sowie den gegenwärtig vorliegenden Modi der Authentizität und Wertzuschreibung.

Ein Fazit versucht das historische Ereignis der Lechfeldschlacht zwischen Erzählungsbildung und Geschichtspolitik zu
verorten und den Wandel im kulturellen Bewusstsein aufzuzeigen. Der Fokus der Arbeit liegt damit auf der Kontextforschung als Methode der Erzählforschung und fragt interdisziplinär nach den Dynamiken und Wechselwirkungen zwischen den Erzählungen und den gesellschaftlichen Systemen sowie deren Sinn und "Sitz im Leben".

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung ..…..

2. Die Schlacht auf dem Lechfeld und Ulrich von Augsburg...…
zwischen Erzählungsbildung, Identitätskonstruktion und Geschichtspolitik
2.1 Die Lechfeldschlacht als historisches Ereignis…..…
- Rahmenbedingungen und Entwicklungslinien im frühen Mittelalter
2.2 Die Lechfeldschlacht als Erinnerung.
- Rezeption und Konstruktion im frühneuzeitlichen Augsburg

3. Die Schlacht auf dem Lechfeld und Ulrich von Augsburg im kulturellen Bewusstsein des 21. Jahrhunderts
3.1 Die Heiltumskammer von St. Ulrich und Afra in Augsburg…
3.2 Der Infopavillon „955“ in Königsbrunn….….

4. Fazit: Erzählungsbildung und Geschichtspolitik? Ein historisches Ereignis im kulturellen Bewusstsein des 21. Jahrhunderts

5. Quellen- und Literaturverzeichnis.

6. Abbildungsverzeichnis..

1. Einleitung

Augsburg und Bayerisch-Schwaben zeichnen sich durch ein reiches und vielfältiges Kulturerbe aus. Zahlreiche Museen, Erinnerungsorte und Semiophoren im Stadtgebiet oder den umgebenden Landkreisen decken ein breites Spektrum ab, das sich durch sämtliche Epochen zieht.1 Dabei fiel und fällt es nicht immer leicht, die gegenwärtige, öffentliche und haptisch wahrnehmbare Repräsentation der tatsächlichen, kulturhistorischen Relevanz von Ereignissen, Entwicklungen oder Epochen anzugleichen. Ein reputables Beispiel für Augsburg und die Region bildet die Schlacht auf dem Lechfeld im Jahr 955, die bis in die Gegenwart zu den epochemachenden Ereignissen der deutschen und europäischen Geschichte 2 gezählt wird. Konträr dazu positioniert sich die Schlacht neben den zahlreichen touristischen Images und Labels wie der ‘Goldenen Renaissance‘ fast schon in zweiter Reihe.3 Die vorliegende Arbeit stellt darum zunächst die Frage nach der ‘Sichtbarkeit‘ der Lechfeldschlacht, ihrer Folgen, ihrer Rezeption sowie der Verankerung im – historischen wie gegenwärtigen – gesellschaftlichen Bewusstsein. Das Ereignis und die damit einhergehende Herausbildung von Erzählungen, Sagen und Legenden soll hier als Spiegel gesellschaftlicher oder identitätspolitischer Werte beleuchtet werden.

In der aktuellen geschichtswissenschaftlichen Forschung wird das historische Ereignis der Lechfeldschlacht umfassend erschlossen. König Otto dem Großen und dem Ostfrankenreich des 10. Jahrhunderts wurden zahlreiche Publikationen gewidmet, wie zum Beispiel die Aufsatzsammlung ‘Ottonische Neuanfänge‘4. Die Forschung um die Lechfeldschlacht wurde meist durch Jubiläen angetrieben, allen voran die 1000-Jahr-Feier 1955. Dies zeitigte unter anderem Werke wie Eberls ‘Die Ungarnschlacht auf dem Lechfeld (Gunzenlê) im Jahre 955‘5, die bis heute zur Standardliteratur zählen. Die bislang jüngste Auseinandersetzung liefert mit Bowlus ‘Die Schlacht auf dem Lechfeld‘6 von 2012 ein britischer Autor. Parallel dazu wurde die Person und Verehrung Bischof Ulrichs differenziert aufgearbeitet. Hierzu seien vor allem die Biografien von Rummel7 und Kohl8 oder die für diese Arbeit ergiebige Aufsatzsammlung ‘Bischof Ulrich von Augsburg und seine Verehrung‘9 angeführt. Neben Brednichs ‘Methoden der Erzählforschung‘10 oder Petzoldts ‘Einführung in die Sagenforschung‘11, konnte vor allem Günther Kapfhammers ‘Augsburger Stadtsagen‘12 die Basis für die vorliegende Arbeit liefern. Daneben konnten vor allem die Dissertationen von Jachmann13 über die Kunst des Augsburger Rates sowie Bendl14 über die Inszenierung von Geschichtsbildern wertvolle Ergänzungen zur gewählten Fragestellung beitragen.

Im Folgenden sollen zunächst die historischen Rahmenbedingungen und Entwicklungslinien des frühen Mittelalters gerafft dargestellt werden, in die sich die Schlacht einbettet. Durch das Unterkapitel ‘Die Lechfeldschlacht als historisches Ereignis‘ soll die von der Geschichtswissenschaft zugesprochene Bedeutung für Augsburg und den gesamten mitteleuropäischen Raum hervorgehoben werden, die als Katalysator für die nachfolgenden Erzählungsbildungen, Identitätskonstruktionen und der Geschichtspolitik fungierte. Das Unterkapitel ‘Die Lechfeldschlacht als Erinnerung‘ setzt sich daran anschließend mit den künstlerischen Darstellungen von Erzählungen im öffentlichen Raum der frühneuzeitlichen Reichsstadt Augsburg auseinander. Der letzte Abschnitt möchte den Bogen über die Entwicklungslinien des 19. und 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart schlagen und dabei zwei zentrale Orte der heutigen Erinnerungskultur in den Fokus rücken. Die Heiltumskammer in St. Ulrich und Afra in Augsburg wird als Nukleus der historischen wie gegenwärtigen Ulrichsverehrung beleuchtet und durch ein Interview mit Werner Vogele, einem Mitarbeiter der Kirchenverwaltung, ergänzt. Nachfolgend wird der Infopavillon „955“ in Königsbrunn mit seiner Dauerausstellung über die Schlacht auf dem Lechfeld im Zusammenhang mit einem Interview mit Ursula Off-Melcher, der Leiterin des Kulturbüros Königsbrunn, vorgestellt. Die beiden qualitativen Experteninterviews orientieren sich an Fragen nach der Verortung des materiellen und immateriellen Kulturerbes in der Vergangenheit wie auch im 21. Jahrhundert sowie den gegenwärtig vorliegenden Modi der Authentizität und Wertzuschreibung. Ein Fazit versucht das historische Ereignis der Lechfeldschlacht zwischen Erzählungsbildung und Geschichtspolitik zu verorten und den Wandel im kulturellen Bewusstsein aufzuzeigen. Der Fokus der Arbeit liegt damit auf der Kontextforschung als Methode der Erzählforschung und fragt interdisziplinär nach den Dynamiken und Wechselwirkungen zwischen den Erzählungen und den gesellschaftlichen Systemen sowie deren Sinn und ‘Sitz im Leben‘.15

2. Die Schlacht auf dem Lechfeld und Ulrich von Augsburg

zwischen Erzählungsbildung, Identitätskonstruktion und Geschichtspolitik

Sagen und Legenden entstehen laut Petzoldt durch Außergewöhnliches, egal ob sich dies nun auf eine Person, ein Ereignis oder eine lokale Gegebenheit bezieht.16 Die Schlacht auf dem Lechfeld vereint all diese Aspekte beinahe mustergültig in sich. Volkserzählungen sollten aus ihrem jeweiligen historischen, sozialen und kulturellen Kontext erschlossen und interpretiert werden,17 weshalb der Lechfeldschlacht als historischem Ereignis im Folgenden ein eigenes Kapitel gewidmet wird. Anschließend erfolgt die Betrachtung der verschiedenen Formen von Erinnerung, Rezeption und Konstruktion bis zum Ende der Frühen Neuzeit.

2.1 Die Lechfeldschlacht als historisches Ereignis.

- Rahmenbedingungen und Entwicklungslinien im frühen Mittelalter

Das Lechfeld und die Stadt Augsburg besaßen im 10. Jahrhundert einen besonderen, geografischen Stellenwert für Mitteleuropa und das Ostfrankenreich. Das Lechfeld war seit der Antike ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt des Voralpenlandes.18 Die Bedeutung des Gebietes lag zudem in seiner kaum besiedelten und trockenen Ebene, welche Heeresansammlungen begünstigte.19 Darüber hinaus befand sich der sogenannte Hügel Gunzenlé, ein berühmter, frühmittelalterlicher Dinghügel, in der Nähe des Lechfeldes.20 Die etwa zehn Kilometer weiter nördlich gelegene Bischofsstadt Augsburg war im 10. Jahrhundert ein doppelter Grenzort – nicht nur zwischen den Kulturregionen Baierns und Alamanniens, sondern auch im Randgebiet zwischen der ‘christlichen Welt‘ Mitteleuropas und der ‘heidnischen Welt‘ im Osten.21 Die ab 899 einsetzenden ‘Ungarnstürme‘ führten zu jahrzehntelangen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem Ostfrankenreich und den magyarischen Reitern. Diese Einfälle des zehnten Jahrhunderts sind nicht nur schriftlich überliefert, sondern auch archäologisch einwandfrei belegbar.22 Dennoch bildet deren Höhe- und Endpunkt, die Schlacht auf dem Lechfeld von 955, einen Sonderfall: Der Begriff Lechfeldschlacht bezieht sich genau genommen auf mehrtägige, kleinere Geplänkel sowie eine nachträgliche Verfolgung der fliehenden Magyaren – also eine Verteilung der Kampfhandlungen auf zahlreiche kleinere Schlachtfelder.23 Während die genauen Orte bis heute nicht wissenschaftlich belegbar sind, ist der Ablauf der Kampfhandlungen umso detaillierter überliefert. Als wichtige Voraussetzung für den Sieg gilt die Initiative Uodalrîhs oder eingedeutscht Ulrichs, des damaligen Bischofs von Augsburg, die Stadtbefestigung aufgrund der konstanten Bedrohung massiv auszubauen.24 Die Magyaren sammelten sich 955 vermutlich am Gunzenlé und belagerten Augsburg, das sich unter Bischof Ulrich erfolgreich behaupten konnte, bis die ostfränkischen Truppen unter König Otto von Westen herangerückt waren.25 Die ostfränkischen Soldaten gewannen im Laufe der Feldschlacht am 10. August die Überhand und Panzerreiter drängten den fliehenden Ungarn nach.26 Die zeitgenössische Geschichtsschreibung verklärte König Otto rasch zum ehrenvollen, christlichen Sieger und ließ das forcierte Abschlachten der fliehenden Magyaren – deren Anführer Bulcsu zumindest offiziell-nominell auch ein Christ war – unerwähnt.27 Die geschichtliche Leistung und damit die Historiografie stellten im 10. Jahrhundert ein starkes, herrschaftslegitimierendes Argument dar. Es lag im Interesse der Herrschenden, die Darbietung der Erfolge nicht der oralen Tradition zu überlassen.28 Dieses frisierte Image Ottos des Großen besteht zum Teil bis in die Gegenwart und ist nach wie vor Gegenstand des kultur- und geschichtswissenschaftlichen Diskurses.29

Die Schlacht auf dem Lechfeld gilt als Abschluss jahrzehntelanger Auseinandersetzungen.30 Der Sieg über die Ungarn wirkte stabilisierend auf die deutschen Herzogtümer und das ostschwäbische Gebiet um Augsburg.31 Barthel Eberl konstatiert, dass die Bedeutung der Schlacht vor allem in dem vorläufigen Ende der partikularen Zerrissenheit der deutschen Stämme und dessen Adels liege. Nach 955 hatte König Otto nicht nur für inneren, sondern auch für äußeren Frieden gesorgt, was einen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung für Mitteleuropa mit sich brachte.32 Die Schlacht leitete die Orientierung der Magyaren am westlichen Abendland ein, keine 50 Jahre später wurde mit Stephan I. der erste christliche König Ungarns ausgerufen.33 Indem Otto die Ordnung im Reich wiederherstellte, begründete er seinen Anspruch auf die Kaiserwürde und leitete die Transformation des Ostfrankenreiches zum Heiligen Römischen Reich ein.34 Der Sieg über die Ungarn wurde von seinen Zeitgenossen allgemein als entscheidendes Ereignis und größte Leistung seines Lebens betrachtet. Dem Historiker Charles Bowlus zufolge befreite König Otto Europa von der Notwendigkeit, kostspielige Infrastrukturen gegen östliche Invasionen und Wanderbewegungen aufrecht zu erhalten, wodurch sich erst die Dominanz der lateinisch-westlichen Christenheit entwickeln konnte. Nur dadurch waren nach Bowlus drei Jahrhunderte des ununterbrochenen wirtschaftlichen Wachstums und der geografischen Expansion möglich.35 Die Relevanz der Lechfeldschlacht ist somit aus historischer Sicht auch im 21. Jahrhundert unbestritten. Umso mehr stellt sich darum die Frage, wie das Ereignis sowohl im Stadtbild Augsburgs als auch im kulturellen Bewusstsein Bayerisch-Schwabens verankert ist – in der Vergangenheit wie gegenwärtig.

2.2 Die Lechfeldschlacht als Erinnerung

- Rezeption und Konstruktion im frühneuzeitlichen Augsburg

Wie im vorangehenden Kapitel dargelegt, werden den kriegerischen Zusammenstößen des Sommers 955 von einigen Historikern geopolitische Folgen zugewiesen.36. Die im 10. Jahrhundert wahrgenommene Relevanz des Geschehens spiegelte sich nicht zuletzt in den rasch einsetzenden, sagen- und legendenhaften Überformungen, Konstruktionsmechanismen und Wertzuschreibungen der Überlieferung sowohl des Ereignisses als auch der beteiligten Protagonisten. Auf die bereits kurz nach Ulrichs Tod einsetzende, religiöse Verehrung soll im folgenden Kapitel dezidiert eingegangen werden. Eine Aufarbeitung und Darstellung der Lechfeldschlacht muss dennoch in engem Zusammenhang zu der über die Jahrhunderte immer ausdifferenzierteren Ulrichsikonographie gesehen werden. Gerade im 15. Jahrhundert avancierte die Ungarnschlacht wohl aufgrund des frühhumanistischen, historischen Interesses zu einem ihrer Hauptthemen. Häufige Darstellungen der Erscheinung der Dextera Domini, also der Hand des Herrn, während einer von Ulrichs Ostermessen sowie vor allem die himmlische Überreichung des Siegeskreuzes37 durch einen Engel in der Lechfeldschlacht bringen in dieser Sakralkunst konsequent ein legendäres Moment in die historische Schilderung.38 In diesen spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Darstellungen der Ungarnschlacht verschmolz die religiöse Glorifizierung des Bistumspatrons Ulrich mit der Verherrlichung des Siegeskreuzes und der katholischen Kirche im Allgemeinen. Die Ausarbeitung dieser im Kern religiös-heilsgeschichtlichen, jedoch vom Frühhumanismus geprägten Bildwelten legte die Basis für die chronologisch nachfolgenden, profanen Schlachtdarstellungen im öffentlichen Straßenraum Augsburgs, die sich losgelöst vom religiösen Kontext der Ulrichsikonographie noch stärker an dem Konzept der Reichsidee orientierten, also der Gedanke einer universalen, übernationalen und christlichen Herrschaft durch einen – respektive den römisch-deutschen – Kaiser.39 Zwei zentrale Beispiele sind hierbei das Zunfthaus der Weber sowie das Barfüßertor.

Das spätgotische Weberhaus war einer der größten Baukomplexe in der eng parzellierten, spätmittelalterlichen Reichsstadt und besaß eine markante städtebauliche und nach drei Seiten freie Positionierung am heutigen Moritzplatz. Ab 1548 waren die Weber unter Ratsaufsicht und somit politisch bedeutungslos geworden.40 Dennoch besaßen die Weber um 1600 nach wie vor eine herausragende Stellung für die Gesellschaft und Wirtschaft Augsburgs, weshalb ihr ehemaliges Zunftgebäude erhalten wurde.41 1607 beauftragte die Stadt Matthias Kager42, den exponierten Bau mit einem umfangreichen Bildzyklus zu freskieren. Dies umfasste allegorische, mythologische und christliche Darstellungen wie den heiligen Ulrich, vor allem aber sollte die Geschichte der Weberzunft ikonographisch in Beziehung zur Stadtgeschichte gesetzt werden.43 Im Gemälde der Lechfeldschlacht an der Ostfassade44 wurde über den fliehenden Ungarn ein Teufel, über dem christlichen Heer ein Engel abgebildet, der die Weber damit als Verfechter des Guten inszenierte und gleichsam in das bereits bei den Ulrichsgemälden durchscheinende, universale Konzept der Heilsgeschichte und Reichsidee integrierte. Die bildliche Darstellung der Wappenverleihung durch König Otto den Großen an die Weber durch ihre erfolgreiche Schlachtteilnahme spiegelte das weit verbreitete Selbstverständnis der Augsburger Handwerker. Die Webersage war eine historische Fiktion, da 955 weder Weber noch Wappen existierten.45 Dennoch wurde sie über die Jahre immer mehr ausformuliert.46 Die Weber präsentierten sich somit als selbstbewusste Zunft, welche ihren rechtlichen Status, ihre Dienste am Reich und den Ursprung ihres traditionsreichen Handwerks stolz in dem mehrschichtigen Bild demonstrierte.47 Der Augsburger Rat interpretierte die nach wie vor starke Position der Weber und ihres Zunfthauses dagegen durch die Bemalung als eine historische Entwicklung und gewann so das Wohlwollen der Weber, wies ihnen aber gleichzeitig nur eine Rolle im Rahmenthema der Stadtgeschichte zu und relativierte damit ihre Bedeutung.48 Im 19. Jahrhundert wurde das Weberhaus abgerissen und neu erbaut, bereits 1935 war eine Neubemalung nötig, die unter zensorischer Aufsicht bereits Züge zur Typisierung und Monumentalisierung aufwies. Otto Michael Schmitt, einer der ausführenden Maler, orientierte die Ostseite mit der Lechfeldschlacht inhaltlich an Kagers Programm.49 Das Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, jedoch bis 1961 rekonstruiert – womit es eine Ausnahme im Wiederaufbaukonzept der Stadt darstellte. Schmitt wurde als alleiniger Künstler einberufen und gliederte alle drei Fassaden in farbige Rechteckflächen mit vereinfachten Figuren.50 Die Ostseite51 adaptierte erneut die tradierte Thematik.52

[...]


1 Der Tourismusverband Regio Augsburg nimmt sich dieser Vielfalt an und wirbt gleichermaßen für den Naturpark Westliche Wälder im Augsburger Land, die barocken Sisi-Schlösser im Landkreis Aichach-Friedberg oder die Museen und Institutionen in und um Augsburg, vgl. Regio Augsburg Tourismus (Hg.): Regio Magazin. Augsburg, Wittelsbacher Land & Augsburger Land (Werbebroschüre). Augsburg 2017.

2 Kulturbüro Königsbrunn (Hg.): 955. Schlacht auf dem Lechfeld (Werbebroschüre). Königsbrunn 2016, S. 1.

3 Im Regio Magazin 2017 wird dem Infopavillon „955“ in Königsbrunn und damit auch der Lechfeldschlacht als „epochalem Ereignis“ ein ganzes Kapitel gewidmet, dieses befindet sich im Top-10-Ranking auf der ersten Seite des Magazins jedoch auf Platz 10, vgl. Regio Magazin 2017, S. 68–77.

4 Althoff, Gerd: Geschichtsschreibung in einer oralen Gesellschaft. Das Beispiel des 10. Jahrhunderts. In: Schneidmüller, Bernd/Weinfurter, Stefan (Hg.): Ottonische Neuanfänge. Symposion zur Ausstellung "Otto der Große, Magdeburg und Europa". Mainz 2001.

5 Eberl, Bartholomäus: Die Ungarnschlacht auf dem Lechfeld (Gunzenlê) im Jahre 955 (= Abhandlungen zur Geschichte der Stadt Augsburg, Bd. 7). Augsburg 1955.

6 Bowlus, Charles: Die Schlacht auf dem Lechfeld. Ostfildern 2012.

7 Rummel, Peter: Ulrich von Augsburg. Bischof, Reichsfürst, Heiliger. Augsburg 1993.

8 Kohl, Hans: Bischof Ulrich. Ein Lebensbild zum tausendjährigen Gedenken an die siegreiche Abwehr der Ungarnnot. Augsburg 1955.

9 Rummel, Peter (Hg.): Bischof Ulrich von Augsburg und seine Verehrung. Festgabe zur 1000. Wiederkehr des Todestages (= Jahrbuch des Vereins für Augsburger Bistumsgeschichte, Bd. 7). Augsburg 1973.

10 Brednich, Rolf Wilhelm: Methoden der Erzählforschung. In: Göttsch-Elten, Silke / Lehmann, Albrecht (Hg.): Methoden der Volkskunde. Positionen, Quellen, Arbeitsweisen der Europäischen Ethnologie. Berlin 2007, S. 57–77.

11 Petzoldt, Leander: Einführung in die Sagenforschung. Konstanz 2002.

12 Kapfhammer, Günther: Augsburger Stadtsagen. Regensburg 1985.

13 Jachmann, Julian: Die Kunst des Augsburger Rates 1588-1631. Kommunale Räume als Medium von Herrschaft und Erinnerung. Diss. Marburg 2008.

14 Bendl, Eva: Inszenierte Geschichtsbilder. Museale Sinnbildung in Bayerisch-Schwaben vom 19. Jahrhundert bis in die Nachkriegszeit. Diss. Augsburg 2016.

15 Brednich, 2007, S. 67-68.

16 Petzoldt, 2002, S. 136–146.

17 Petzoldt, 2002, S. 195.

18 Eberl, 1955, S. 93-94.

19 Das Gebiet war im frühen Mittelalter bereits vor 955 mehrere Male der Schauplatz von Auseinandersetzungen zwischen Franken und dem Stammesherzogtum Baiern geworden, vgl. Behrendt/Teichner, 1984, S. 39-40.

20 Der Gunzenlé ging wahrscheinlich auf einen germanischen Grabhügel zurück und befand sich an der Kultur- und Siedlungsgrenze zwischen Alamannen und Bajuwaren. Er diente während der späten Antike bis in das späte Mittelalter als Heersammelplatz und reichsweit bekannter Versammlungsort. Es wurden Verhandlungen geführt, Gericht gehalten, Recht gesprochen und Feste gefeiert. Im Mittelalter sammelten sich hier nachweislich ostfränkische Heere, bevor sie zu Italienfeldzügen aufbrachen – so auch Otto der Große. Der Hügel wurde vermutlich um 1450 durch ein Lechhochwasser abgetragen, vgl. Knittel, Franz: Das historische Lechfeld zwischen Landsberg und Augsburg. Beiträge zur Geschichte des Lechfeldes in Bayerisch-Schwaben. Mering, 2002, S. 291–305.

21 Roeck, 2005, S. 35.

22 Schulze-Dörrlamm, Mechthild: Die Ungarneinfälle des 10. Jahrhunderts im Spiegel archäologischer Funde. In: Henning, Joachim: Europa im 10. Jahrhundert, Archäologie einer Aufbruchszeit. Internationale Tagung in Vorbereitung der Ausstellung "Otto der Große, Magdeburg und Europa". Mainz 2002, S. 109-117.

23 Am 10. August 955 wurde die Belagerung Augburgs zwar aufgehoben, es war jedoch noch kein Sieg errungen. Die Magyaren hatten offenbar keine Pläne zu einer Entscheidungsschlacht. Der überwältigende, ottonische Triumph war letztendlich nur durch die starken Regenfälle und das Hochwasser möglich, die den Rückzug behinderten, vgl. Bowlus, 2012, S. 237–241.

24 Roeck, 2005, S. 35.

25 Behrendt, Willy/Teichner, Albert: Chronik der Pfarrei St. Ulrich zu Königsbrunn. Königsbrunn 1987, S. 44–51.

26 Huyer, Erich: Das Lechfeld als Siedlungsboden und Straßenverkehrsraum - im Blickfeld einer 2000jährigen Reichsgeschichte. Eine kultur- und wirtschaftsgeschichtliche Skizze. Augsburg 1967, S. 37–45.

27 Deschner, Karlheinz: Kriminalgeschichte des Christentums. 9. und 10. Jahrhundert. Von Ludwig dem Frommen (814) bis zum Tode Ottos III. (1002) (= Kriminalgeschichte des Christentums, Bd. 5). Hamburg 1997, S.435–441.

28 Althoff, 2001, S. 151–170.

29 Schneidmüller, Bernd: Am Ende der Anfänge. Schlußgedanken über ottonische Erfolge in Geschichte und Wissenschaft. In: Schneidmüller, Bernd / Weinfurter, Stefan (Hg.): Ottonische Neuanfänge. Symposion zur Ausstellung "Otto der Große, Magdeburg und Europa". Mainz 2001, S. 345–374.

30 Bogyay, Thomas von: Lechfeld. Ende und Anfang ; geschichtliche Hintergründe, ideeller Inhalt und Folgen der Ungarnzüge ; ein ungarischer Beitrag zur Tausendjahrfeier des Sieges am Lechfeld. München 1955, S. 54–57.

31 Behrendt, Willy/Teichner, Albert: Königsbrunn, die Stadt auf dem Lechfeld. Königsbrunn 1984, S. 41.

32 Eberly, 1955, S. 72–75.

33 Bogyay, 1955, S. 54–57.

34 Puhle, Matthias/Köster, Gabriele (Hg.): Otto der Große und das Römische Reich. Kaisertum von der Antike zum Mittelalter. Kat. Ausst. Magdeburg (Kulturhistorisches Museum) 2012, S. 89.

35 Bowlus, 2012, S. 22–25.

36 Bowlus, 2012, S. 24.

37 Abb.1: Siegeskreuz in der Heiltumskammer von St. Ulrich und Afra in Augsburg.

38 Gerade das Kreuzesthema verbindet die Ungarnschlacht mit anderen zeitgenössischen, künstlerischen Darstellungen weltgeschichtlicher Ereignisse, die in ikonologisch in einen heilsgeschichtlichen Zusammenhang gestellt wurden – beispielsweise den Sieg des römischen Kaisers und Christen Konstantin über den heidnischen Maxentius an der Milvischen Brücke als eine Präfiguration, vgl. Kosel, Karl: Die nachmittelalterlichen Darstellungen der Ungarnschlacht bis zum Ende der Türkenkriege. In: Rummel, Peter (Hg.): Bischof Ulrich von Augsburg und seine Verehrung. Festgabe zur 1000. Wiederkehr des Todestages (= Jahrbuch des Vereins für Augsburger Bistumsgeschichte, Bd. 7). Augsburg 1973, S. 312–338.

39 Die Ulrichsikonographie lehnte sich damit an die heilsgeschichtliche Idee an, vgl. Kosel, 1973, S. 314.

40 Prummer, Markus: Zwischen Handwerkstradition und Geschichtsfiktion. Das Fassadenprogramm des Augsburger Weberzunfthauses. In: Denkmalpflege-Informationen, 155 (2013), S. 26.

41 Die Barchentproduktion erreichte 1606 rein zahlentechnisch zwar noch einen nie dagewesenen Höhepunkt, viele der knapp 2000 Augsburger Weber lebten jedoch bereits seit Jahrzehnten in relativer Armut. Der Niedergang des Handwerks zeichnete sich langsam immer deutlicher ab, vgl. Clasen, Claus-Peter: Die Augsburger Weber. Leistungen und Krisen des Textilgewerbes um 1600 (= Abhandlungen zur Geschichte der Stadt Augsburg, Bd. 27). Augsburg 1981, S. 418–423.

42 Als Stadtmaler war Johann Matthias Kager nicht nur mit der Gestaltung des Goldenen Saales beauftragt, am Weberhaus bewältigte er 1607 bis 1610 auch die umfangreichste Fassadenmalereiaufgabe in der Stadt seit fast einem Jahrhundert, vgl. Falk, Tilman: Vom Weberhaus zum Rathaus. Zeichnungen und Biographisches aus Johann Matthias Kagers Augsburger Zeit. In: Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst, 59,3 (2008), S. 65–84.

43 Augsburg war seit dem 16. Jahrhundert ein Zentrum der Fassadenmalerei. Die Frühe Neuzeit besaß allgemein ein großes Bedürfnis nach erzählenden, belehrenden Bilderzyklen, vgl. Nagler, Gregor: Das Weberhaus in Augsburg mit seinem Freskenzyklus. Ein Denkmal für Denkmalpfleger?. In: Augsburger volkskundliche Nachrichten, 10,2 (2004), S. 6–14.

44 Abb.2: Kupferstich der Ostfassade des Weberhauses, Zustand nach der Bemalung durch Matthias Kager 1607.

45 Prummer, 2013, S. 28.

46 Noch 1544 erfolgte im Auftrag des Zunftmeisters und siebenfachen Bürgermeisters Mang Seitz das Verfassen der Zunftchronik mit der Webersage durch Clemens Jäger als Zeichen des Stolzes und Selbstverständnisses, das sich über 50 Jahre später in den Außenfresken spiegelte, vgl. Prummer, 2013, S. 27-28.

47 Prummer, 2013, S. 28.

48 Jachmann, 2008, S. 200.

49 Nagler, 2004, S. 6–8.

50 Die Fresken wurden zeitgenössisch gestaltet und zeigen kein historisierendes Formengut, um das Schicksal des zerstörten Vorgängerbaus zu betonen. Die Weberhausfresken sind der umfangreichste Bildzyklus der Nachkriegszeit in Augsburg, die als Konzession an den genius loci an die Freskentradition anknüpfte, sich gleichzeitig aber auch stark mit zeitgenössischem Formenrepertoire auseinandersetzte, vgl. Nagler, 2004, S. 8–14.

51 Abb.3: Fotografie der Ostfassade des Weberhauses, heutiger Zustand nach der Bemalung durch Otto Michael Schmitt 1959-1961.

52 Zwischen den Fenstern befinden sich die Frontalansichten von Ulrich und Afra, im Stockwerk darüber die Zirbelnuss, links darüber die Rückkehr des Heeres aus der Lechfeldschlacht mit Personen in affektierten Gebärden, rechts darüber ist die die Verleihung des Weberwappens durch Kaiser Otto mit Bischof Ulrich zu sehen, vgl. Schmitt, Berthold: Das Augsburger Weberhaus mit den Fresken von Otto Michael Schmitt. Pöttmes 2011, S. 18–21.

Details

Seiten
33
Jahr
2018
ISBN (PDF)
9783346643421
ISBN (Paperback)
9783346643438
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Philologisch-Historische Fakultät
Erscheinungsdatum
2022 (Mai)
Note
1,0
Schlagworte
Lechfeld Schlacht auf dem Lechfeld Mittelalter Augsburg Ulrich Heiliger Ulrich kulturelles Bewusstsein Geschichtspolitik Erzählungsbildung Erzählforschung Märchen Sage Legende Kunst Kultur

Autor

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Titel: Die Schlacht auf dem Lechfeld von 955  zwischen Erzählungsbildung und Geschichtspolitik. Der Wandel eines historischen Ereignisses im kulturellen Bewusstsein