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Der Kampf gegen die Geschlechtskrankheiten - Probleme, Lösungen und ihre Umsetzung

Magisterarbeit 2007 93 Seiten

Medizin - Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1) Problemsicht
1.1) Krankheitsbild und Allgemeines
1.2) Die gesellschaftliche Problematik der Erkrankung
1.3) Bedingungen für die Verbreitung der Syphilis
1.4) Die Ungleichberechtigung der Geschlechter

2) Die DGBG
2.1) Vorgeschichte
2.2) Zielsetzung, Mitglieder und Gründungsursache
2.3) Tätigkeiten der DGBG
2.3.1) Frauenzentrierte Aufklärungsarbeit
2.3.2) Männerzentrierte Aufklärungsarbeit
2.3.3) Ausstellungen

3) Lösungsansätze und Maßnahmen
3.1) Der Kampf gegen die Prostitution
3.1.1) Änderungsvorschläge
3.2) Die Sozialversicherung
3.3) Die Geschlechtskrankenfürsorge im Krankenhaus
3.4) Die Beratungsstellen
3.5) Zwangseinweisungen
3.6) Die Schutzmittel
3.7) Die medizinischen Fortschritte
3.7.1) Quecksilber und Guaiacumholz
3.7.2) Die Entdeckung des Salvarsans

4) Die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten in Karlsruhe
4.1) Die Karlsruher Beratungsstelle von 1916 – 1933
4.2) Die freie Arztwahl in Karlsruhe
4.3) Aufstellung von Schutzmittelautomaten in Karlsruhe
4.4) Die Karlsruher Hautklinik

5) Fazit

Abkürzungsverzeichnis

Literaturliste

Einleitung

Das Robert-Koch-Institut (RKI) teilte in seinem Bulletin vom 20. Juli 2007 mit, dass sich die Zahl der Syphilis-Infektionen in Deutschland seit dem Jahr 2001 nahezu verdoppelt hat. Wurden zu Beginn der Einführung einer Labormeldepflicht für Syphilis-Diagnosen durch das Infektionsschutzgesetz im Jahr 2001 zunächst 1.697 Fälle der Geschlechtskrankheit registriert, so waren es 2006 genau 3.147 Fälle. Bereits in den beiden Vorjahren waren ähnlich viele Infektionen gemeldet worden. Die Ursachen für den Anstieg sind nach Angaben des Instituts unter anderem eine größere Sorglosigkeit innerhalb der Bevölkerung und häufiger Partnerwechsel in der Homosexuellenszene, da sich diese Gruppe besonders häufig mit Syphilis anstecke.

Die höchste Infektionsrate gab es 2006 in Berlin mit 168 gemeldeten Fällen pro 1.000.000 Einwohner, gefolgt von Hamburg mit 75 Meldungen. Am wenigsten betroffen waren die Bundesländer Schleswig-Holstein, Brandenburg und Thüringen mit weniger als 20 Fällen pro 1.000.000 Einwohner. Die höchste Zahl gemeldeter Syphilisfälle in Deutschland zwischen 2001 und 2006 stammt aus dem Jahr 2004 mit bundesweit 3.352 Infektionen. Das RKI geht davon aus, dass sich die Zahlen bundesweit zwischen 3.000 und 3.500 Erkrankten stabilisieren – mit starken regionalen Unterschieden und einem Schwerpunkt in den Städten. Weiter heißt es in dem Bulletin, dass zur Zeit 73 % aller Syphilis-Infektionen Männer treffe, die ungeschützten Geschlechtsverkehr mit dem gleichen Geschlecht haben. Das Ansteckungsrisiko liege bei Homosexuellen 200 - 300 mal höher als bei heterosexuellen Kontakten. Bei heterosexuellen Kontakten finden sich viele Infektionen im Prostituierten- und Drogenbeschaffungsmilieu oder bei Besuchern von Swingerclubs. Ein Teil der Infizierten stammt aus Osteuropa, wo die Krankheit in weitaus größerem Maße als in Deutschland verbreitet ist.[1]

Spätestens seit dem Aufkommen von AIDS und den entsprechenden Kampagnen, die Bevölkerung darüber aufzuklären wie man sich prophylaktisch vor der Krankheit schützen kann, gerieten Geschlechtskrankheiten wie Syphilis oder Gonorrhö in den Hintergrund und wurden lange Zeit geradezu „vergessen“. Die aktuellen Zahlen bestätigen, dass die Krankheiten im Laufe der letzten Jahre wieder vermehrt in der Bevölkerung auftauchen und sich konstant auf einem hohen Niveau befinden. Die Behandlung der Syphilis stellt seit der Entdeckung von Antibiotika kein medizinisches Problem mehr dar – durch die Einnahme von Penicillin über einen gewissen Zeitraum ist die Krankheit in den frühen Phasen vollständig heilbar. Aber wie war es vor der Entdeckung des Penicillins? Und stellte es sich nicht als ein Hindernis für einen Erkrankten dar, sich als „Moralsünder“ überhaupt in Behandlung zu begeben, implizierte das damalige Krankheitsverständnis der Gesellschaft doch den Vorwurf des sexuellen Fehlverhaltens?

Diese Arbeit beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten von cirka 1880 bis 1930. Ein besonderes Augenmerk soll darauf gelegt werden, wie sich die geschlechtliche Rollenverteilung innerhalb der Gesellschaft mit der Sexualität und somit einer möglichen Infektion darstellte, welche Handlungsmöglichkeiten für Frau und Mann bestanden und welche Bedeutung die Prostitution sozial, gesellschaftlich, medizinisch und politisch für die Thematik hatte.

Weiter ist es Ziel dieser Arbeit zu zeigen, ob es einen Denkwandel innerhalb der Bevölkerung und bei den Politikern die sich mit der Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten beschäftigten, gab. Diese Frage bezieht sich auf die Zuschreibung von Schuld, die Interpretation der Krankheit als „Suchtseuche“ bzw. medizinisches Problem und die Behandlung und Versorgung von Geschlechtskranken. Im Fazit soll geklärt werden, ob die einzelnen Maßnahmen im Kampf gegen die Erkrankungen erfolgreich waren oder nicht.

Durch die Aufteilung der Abhandlung in einen allgemeinen und eine stadtspezifischen Teil wird demonstriert, dass sich die im allgemeinen Teil reichsweit beschriebene Entwicklung im Kampf gegen die Syphilis etc. von den tatsächlichen Gegebenheiten am Beispiel der Stadt Karlsruhe stellenweise unterscheidet. Dies trifft in erster Linie auf die Durchführung des Gesetzes zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten (GBG) von 1927 und die Meinungen bezüglich der Krankenhausbedingungen für Geschlechtskranke sowie Schutzmittel-Diskussionen zu.

In Kapitel 1) der Arbeit werden die Geschlechtskrankheiten auf die für diese Arbeit relevanten Erkrankungen eingegrenzt, es wird gezeigt welche gesellschaftlichen Probleme mit ihnen verbunden waren und was zu ihrer Verbreitung beitrug. Es wird dargestellt, welche Unterschiede es bezüglich dem sexuellen Verhalten von Mann und Frau gab bzw. was die Gesellschaft von dem jeweiligen Geschlecht „erwartete“.

Kapitel 2) beschäftigt sich mit der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten (DGBG), ihren Aufgabenfeldern und ihre geschlechtsspezifischen Vorträge und Schriften. Es wird im Rahmen dieses Kapitels dargestellt, wie sich die Strategie der Organisation im Laufe der Zeit auszeichnete und welche Maßnahmen sie ergriff, um die Bevölkerung auf die Gefahren der Geschlechtskrankheiten hinzuweisen.

Kapitel 3) handelt von Lösungsansätzen und Veränderungen bei der Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. Aufgrund des Umfangs konnten im Rahmen dieser Arbeit nicht alle Diskussionspunkte und Änderungsvorschläge von Politikern und Meinungsvertretern dargestellt werden. So wird zum Beispiel nicht auf die Debatten bezüglich des Kurpfuscherverbots etc. eingegangen. Im Mittelpunkt steht die Hinarbeitung zum GBG, welche Verbesserungen damit erzielt wurden und in wieweit sich die Denkweise über Geschlechtskranke im Laufe der Zeit veränderte.

In Kapitel 4) wird unter Verwendung einiger Quellen des Stadtarchivs Karlsruhe am Beispiel der Stadt gezeigt, was verändert wurde, um die Beratungsstelle höher zu frequentieren, welche Probleme sich mit der Durchführung des GBG bezüglich der freien Arztwahl und der Möglichkeit von Schutzmittelangeboten ergaben und wie versucht wurde, die Karlsruher Hautklinik nach Ende des Zweiten Weltkriegs wieder in Betrieb zu nehmen.

Das Quellenmaterial zum Thema Geschlechtskrankheiten ist außerordentlich umfassend, und so war es notwendig sich eng an der Fragestellung zu orientieren. Hilfreich waren hier vor allem die Werke von Lutz Sauerteig, der sich in zahlreichen Publikationen mit dem Thema auseinandersetzt. Es war aufgrund des begrenzten Umfangs dieser Arbeit nötig, nicht detailliert auf die zahlreichen Diskussionen der Politiker und Meinungsvertreter einzugehen, sämtliche Argumente miteinander zu vergleichen und den langen Weg bis zum GBG ausführlich darzustellen. Beim Untersuchen der Quellen bekommt man schnell den Eindruck, dass etliche Organisationen eine Meinung zu der Thematik hatten und diese kundtaten.

Nach Untersuchungen des Quellenbestands im Stadtarchiv Mannheim und Pforzheim, der leider aufgrund von Bombenangriffen während des Zweiten Weltkriegs in beiden Fällen nicht sehr umfassend bzw. brauchbar war, fand sich im Stadtarchiv Karlsruhe geeignetes Material zur Thematik dieser Arbeit.

1) Problemsicht

1.1) Krankheitsbild und Allgemeines

Um die Umstände der jahrzehntelangen Diskussionen über die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten (venerische Erkrankungen), die Angst vor ihnen und die damit verbundenen Probleme verstehen zu können, sind zunächst einige medizinische und historische Grundinformationen nötig.

Unter dem Begriff „Geschlechtskrankheiten“ werden aus sachlichen und traditionellen Gründen die vier „klassischen Geschlechtskrankheiten“ (Syphilis, Gonorrhö, Ulcus molle und Lymphogranuloma inguinale) zusammengefasst. Im Rahmen dieser Arbeit soll vornehmlich die Bekämpfung der Syphilis und - mit Einschränkungen - die Bekämpfung der Gonorrhö im Mittelpunkt stehen, da andere Geschlechtskrankheiten historisch, politisch und gesellschaftlich gesehen nur eine untergeordnete Rolle spielten. Heutzutage fallen unter den Begriff der „Sexually Transmitted Diseases“ (STDs) noch eine Vielzahl weiterer Krankheiten. Hauptsächlich stellten Syphilis und Gonorrhö in dem behandelten Zeitraum ein gesundheitspolitisches Problem dar und waren im allgemeinen Sprachgebrauch der Zeitgenossen gemeint, wenn von Geschlechtskrankheiten die Rede war.[2]

Der Name „Syphilis“, die gerade im 16. Jahrhundert in Europa erstmals stark um sich griff, entstammt dem Gedicht „Syphilis sive Morbus Gallicus“ (Syphilis oder die Krankheit der Gallier, 1530) von Girolamo Fracastoro, und bezeichnet eine ansteckende Krankheit. Fracastoros Theorie, wonach ansteckende Krankheiten durch unsichtbare, vermehrungsfähige Keime übertragen werden, war ein entfernter Vorläufer der heutigen bakteriologischen Vorstellungen.[3]

Die Syphilis, auch Lues, harter Schanker, Franzosenkrankheit etc. genannt, ist eine Infektionskrankheit, die durch spiralförmige Bakterien hervorgerufen und überwiegend durch Sexualkontakte bzw. Schleimhautkontakt von Mensch zu Mensch übertragen wird. Doch zu einer Übertragung kommt es nicht nur durch den Geschlechtsverkehr, auch gemeinsam im Haushalt benutzte Gegenstände, Küssen, gemeinsames Schlafen in einem Bett etc. sind mögliche Infektionsquellen. Ist eine schwangere Frau infiziert, so kann sie bei der Geburt, oder schon in einer frühen Phase der Schwangerschaft, die Krankheit auch an das Neugeborene bzw. den Fötus übertragen. Hier spricht man von der sogenannten „angeborenen Syphilis“.

Die Krankheit betrifft das weibliche sowie das männliche Geschlecht gleichermaßen. Beide Geschlechter können sich mit der Krankheit infizieren und sie übertragen. Der Krankheitsablauf lässt sich in zwei Phasen gliedern:[4] Bereits wenige Stunden nach der Infektion befindet sich der Erreger im Blut. In der frühsyphilitischen Phase erscheinen nach einer Inkubationszeit zwischen zwei und sechs Wochen als erste Symptome Lymphknotenschwellungen und Geschwüre an den Geschlechtsorganen. Der Primäraffekt (PA) verschwindet mit der Zeit wieder und wird oftmals gar nicht bemerkt. Weiterhin kann der PA (selten mehrere) an jeder Körperstelle mit oder ohne Begleitödem auftreten, ist jedoch meist an den Genitalien oder im Mundbereich lokalisiert.[5] Etwa ab der neunten Woche nach dem Infektionszeitpunkt beginnt sich der Syphiliserreger im ganzen Körper auszubreiten, wodurch Hautveränderungen sichtbar werden und unter Umständen schon innere Organe betroffen sein können. Nach einigen Monaten verschwinden erneut die äußerlichen Symptome und die Syphilis begibt sich in die so genannte latente Phase, in der es zu keinen Rückfällen kommt, was oftmals den trügerischen Anschein erweckt, dass man genesen sei. In dieser gesamten Frühphase besteht für den Geschlechtspartner eines syphilitisch Erkrankten ein Infektionsrisiko von bis zu 70%. Bei unbehandelten Syphilitikern kommt es bei etwa einem Drittel nach teilweise über 20 Jahren zur letzten Phase, der Spätsyphilis. Die Ansteckungsgefahr in dieser Phase ist zwar nur noch gering, allerdings treten die Symptome deutlich stärker auf: Es kann zu schweren Hautveränderungen kommen, das Nervensystem und innere Organe können schwere Schäden nehmen. In circa 10% der Fälle sterben Syphilitiker an den Folgen ihrer Krankheit.

Die Gonorrhö, im Volksmund auch Tripper genannt, überträgt sich ebenfalls hauptsächlich durch Geschlechtsverkehr. Die Inkubationszeit beträgt zwei bis vier Tage, anschließend kommt es bei der Frau zu einer eitrigen Entzündung der Schleimhaut des Gebärmutterkanals oder zu einer Entzündung der Harnröhre; beim Mann kommt es zu einem eitrigen Ausfluss und einem brennenden Schmerz in der Harnröhre. Bei 20 – 40% der infizierten Männer und 50 – 70% der infizierten Frauen treten keinerlei Beschwerden auf, das Infektionsrisiko liegt bei Frauen bei bis zu 100%, bei Männern bei etwa 50%.[6] Werden die infizierten Personen nicht behandelt kann es bei einer Ausbreitung der Entzündung unter Umständen beim Mann sowie bei der Frau zu einer Sterilität kommen.[7]

1.2) Die gesellschaftliche Problematik der Erkrankung

Geschlechtskrankheiten sind unter gesellschaftlichen Gesichtspunkten seit dem Entdecken ihrer Verbreitungsart immer von besonderer Brisanz gewesen. In der Wertevorstellung der Moralisten und großen Teilen der Gesellschaft waren Gonorrhö und Syphilis die gerechte Strafe für Menschen, die ihren Trieben nachgingen und nicht nach den Geboten Gottes lebten. Wer also zum Beispiel im 19. Jahrhundert an Syphilis erkrankte war „schwach geworden“ und wurde vom Trieb gelenkt. So verwundert es nicht, dass unter anderem „Lustseuche“ ein Synonym für die Syphilis war. Das Idealbild der Moralisten sieht nach der Eheschließung zweier Menschen den Beginn ihres Sexuallebens vor, und zwar ausschließlich mit dem Ehepartner. Bis dahin sollte man keinen Geschlechtsverkehr gehabt haben. Ein bis zur Eheschließung auf Enthaltsamkeit und in der Ehe auf Treue basierendes Miteinander zweier Menschen entspräche dem Wunsch Gottes und sei „das Richtige“, so die vorherrschende Meinung der Gesellschaft.

Hatte sich ein unverheirateter Mensch mit Syphilis infiziert, so konnte man davon ausgehen, dass es zu einem sexuellen Kontakt mit einem anderen Menschen gekommen ist – was gegen die Wertevorstellung sprach. Eine Erkrankung belegte somit ein schlechtes Leben und einen Widerspruch zu den Gesetzen Gottes. Diese Stigmatisierung führte dazu, dass die Erkrankten sich nur selten in Behandlung begaben[8].

„Eine besondere Folge dieser Auffassung des außerehelichen Geschlechtsverkehrs als ‚Unzucht’ ist das für die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten ungemein schädigende Vorurteil, daß diese Krankheiten schändliche seien, deren sich die Behafteten zu schämen hätten; ein Vorurteil, das dazu führt, daß so oft diese Kranken, statt möglichst schnell eine Behandlung aufzusuchen, ihre Erkrankung verheimlichen, verschleppen und nicht ordentlich behandeln lassen.“[9]

Die Verknüpfung von sexuellem Verhalten und der daraus resultierenden (selbstverschuldeten) Erkrankung und die „Unklarheit“, ob Syphilis eine gerechte Strafe für einen Verstoß gegen die herrschende Sexualmoral oder doch nur ein medizinisches Problem sei, trugen wesentlich dazu bei, dass sich Syphiliserkrankte nicht behandeln lassen wollten. Sie verschwiegen und verheimlichten ihre Krankheit, wodurch eine weitere Verbreitung und Infizierung anderer Geschlechtspartner möglich war.

Bei sämtlichen Diskussionen über die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, sowie den politischen und gesellschaftlichen Aktivitäten die sie betreffen, muss man sich immer bewusst sein, dass es sich nicht um eine „moralisch unbedenkliche“ Erkrankung wie zum Beispiel Grippe handelt, sondern um etwas, was sofort mit einem Fehlverhalten und einem von Lust getriebenen Lebensstil assoziiert wurde. Ein Großteil der Bevölkerung vertrat die Meinung, dass ein Erkrankter kaum Anspruch auf Mitleid oder Hilfe haben dürfe, da er sich selbst mit der Krankheit infiziert hatte.

Die naturwissenschaftliche Medizin sollte Krankheiten rein wissenschaftlich untersuchen und behandeln, und damit auch wertfrei von sämtlichen religiösen oder moralischen Faktoren, doch die Gesellschaft konnte diese „äußeren Umstände“ auch bis in unsere Tage zum Beispiel bei AIDS-Diskussionen nicht gänzlich ausklammern.

1.3) Bedingungen für die Verbreitung der Syphilis

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts breiteten sich die Geschlechtskrankheiten, vor allem als Folge der Abwanderungsbewegung der Landbevölkerung in die Städte, im Rahmen der Industrialisierung und Proletarisierung, immer weiter aus. Viele Menschen strömten vom Land und aus den Dörfern in die Städte, in der Hoffnung dort einen gut bezahlten Arbeitsplatz zu bekommen. Diese Landflucht führte zu einem Verfall der familiären Eingebundenheit und versetzte die ehemaligen Landbewohner, vor allem durch das hektische und anonyme Leben in der Stadt mit ihren ungewohnt erotisierenden Einflüssen in einen Unruhezustand und machte die Menschen sexuell verführbar.[10] Die Syphilis war eindeutig ein Problem der Großstadt, und die Hauptursache für den großstädtischen Charakter der Geschlechtskrankheiten erkannten die Zeitgenossen in den ‚kulturellen Missständen’ in den Städten, hauptsächlich in dem wilden, schnellen, hektischen Großstadtleben, der unkontrollierten, unbeherrschten Sexualität und der Prostitution.[11]

„Besonders das Großstadtleben, wo das Wesen der modernen Kultur am konzentriertesten zutage tritt, ist sexuelle Stimulans im höchsten Grade, mit seinem Hasten und Jagen, seinem ‚Nachtleben’ und den mannigfaltigsten Genüssen für alle Sinne, den gastronomischen und alkoholischen Exzessen, kurz mit seiner neuen Devise, daß nach der Arbeit das Vergnügen komme und nicht die Ruhe.“[12]

Aufgrund der großen Menschenwanderungen in die Städte herrschte bald ein Überschuss an Wohnungssuchenden. Dies führte dazu, dass Wohnungen an mehrere Schlafgänger untervermietet wurden. Die Verbreitung der Syphilis wurde durch diese Umstände ungemein gefördert: Die Übertragung kommt nicht nur durch den Sexualakt zustande, sondern kann auch durch die im Haushalt gemeinsam benutzten Gegenstände und vor allem durch das häufige Zusammenschlafen in einem gemeinsamen Bett zum Beispiel von Kindern und erkrankten Erwachsenen erfolgen. Die schlechten Wohnverhältnisse waren ein wichtiger Faktor für die Verbreitung der Geschlechtskrankheiten gerade in den unteren Bevölkerungsschichten.[13] Aufgrund der beengten Lebensverhältnisse konnte die Hygiene nicht in ausreichendem Maße eingehalten werden – als Folge ergeben sich daraus extragenitale Ansteckungsmöglichkeiten, zum Beispiel durch gemeinsam benutzte Badeschwämme oder Handtücher.[14]

Neben den genannten Problemen der Großstadt sowie der daraus resultierenden Wohnungsnot sahen Politiker, Ärzte und Moralisten auch im übermäßigen Alkoholkonsum einen Grund für die Verbreitung der Geschlechtskrankheiten. Durch den Alkoholgenuss würde die Hemmschwelle des Menschen herabgesetzt und dadurch die sexuelle Reizbarkeit gefördert.

„Eine weit verhängnisvollere Rolle spielt der Alkohol im modernen Genußleben. Man braucht kein absoluter Abstinenzler sein und ist doch genötigt, diese Tatsache mit allem Nachdruck hervorzuheben. Ja, vom Standpunkte der ärztlichen Erfahrung und Beobachtung möchte ich den Alkohol den bösen Dämonen des modernen Geschlechtslebens nennen, weil er tückisch und hinterrücks sein Opfer der geschlechtlichen Verführung und Korruption, der venerischen Ansteckung und allen Folgen eines ungewollten Geschlechtsverkehrs ausliefert.“[15]

Nach Ansicht einiger Zeitgenossen sei Alkohol ein Keimgift, welches folglich zum Rückgang der Geburten führe und zur „Degeneration der Rasse“ beitrage. Der Alkoholismus führe nicht nur zu freizügigen sexuellen Verbindungen aufgrund eines lüsternen Triebes, zu einem Wegfall der Hemmungen und aus diesem Grunde zur Verbreitung von Geschlechtskrankheiten und unehelichen Schwangerschaften, sondern ebenso zu sexuellen Verbrechen und Perversionen. Es käme zu Keimschädigungen und damit zu einer Nachkommenschaft, die durch psychische Abnormalitäten wie ‚ethische Defekte und sexuelle Perversionen’ gekennzeichnet sei.[16]

Unbestritten führt übermäßiger Alkoholkonsum zu einem Herabsetzen einer nicht messbaren Grenze, der Hemmschwelle. Es kann unter Umständen eine erhöhte sexuelle Aktivität durch Alkoholkonsum möglich sein, doch dass der Alkohol verantwortlich sei an der Verbreitung der Geschlechtskrankheiten ist kritisch zu betrachten. Vielmehr kann man vermuten, dass der Alkoholkonsum an sich von den Moralisten nicht gut geheißen werden konnte und somit im Zusammenhang mit Geschlechtskrankheiten eindringlich davor gewarnt wurde.

Die zuvor genannten Probleme, also das Großstadtleben, die Wohnungsnot und den Alkohol sah man in direkter Verbindung mit dem vierten Übel, der Prostitution.[17]

Die Frau begann im Laufe der Industrialisierung mehr und mehr selbst erwerbstätig zu werden. 1895 gab es in Deutschland 1,5 Millionen Fabrikarbeiterinnen.[18] Niedrige Löhne, schlechte Wohnverhältnisse und die unsicheren Arbeitsplätze zwangen immer mehr Frauen, sich durch Prostitution ein weiteres Einkommen zu sichern.

„Aber nun braucht nur ein wirtschaftliches Steinchen ins Rollen zu kommen: Kündigung der Stellung, Verstoßung aus dem Elternhause, [...], und die Lawine donnert hinab. Der Hunger treibt dazu, für das, was bisher nur die Begierde stillen sollte, klingenden Lohn zu nehmen. Die Prostitution hat ein Opfer mehr.“[19]

Hinzu kam, dass sich die alten Moralvorstellungen bezüglich des weiblichen Sexualverhaltens änderten und sich die Frau immer stärker von der Vorstellung löste, dass die Ehe die einzige Möglichkeit zu einem sexuellen Kontakt sei.

Die Prostitution wurde in den Augen vieler, meist der Männer, als „der große Brandherd“ der Syphilis gesehen. Allerdings muss man bedenken, dass es ohne Freier auch keine Prostitution gibt. Einen Mangel an Kundschaft hatte eine Prostituierte trotz dieser gesellschaftlichen Moralvorstellung kaum – die Freier kamen aus sämtlichen Gesellschaftsschichten, sowohl Junggesellen als auch Ehemänner (was wiederum zwangsläufig bei Kontakt mit einer erkrankten Prostituierten zu einer Infektion der Ehefrau und gegebenenfalls der Nachkommen führen konnte).

Verantwortlich für die Verbreitung der Geschlechtskrankheiten war für den Internisten Georg Sticker 1931, der in Gießen die ersten Vorlesungen über Haut- und Geschlechtskrankheiten hielt, die

„internationale Bordellsyphilis [...], die gehegt und gepflegt und fortgepflanzt wird in Hurenwinkel und Teufelslustgärten der Großstädte, [...] durch Dirnen, ihre Zuhälter und Besucher, durch eingeschriebene und heimliche Dienerinnen der feilen Liebesgöttin, der Venus vulgivaga, Aphrodite porne; immer wieder ausgesäht in die neugierige vorurteilsfreie zügellose ‚modere’ Jugend; immer wieder leidlich ausgeheilt und ausgeglichen bei solchen jungen Leuten, die, durch Schaden klug geworden, in bürgerliche Zucht und Sitte zurücklenken und ihrer ängstlich erzielten und sorgsam behüteten kümmerlichen Nachkommenschaft für zwei oder drei Geschlechter eine abgeschwächte Durchseuchung vererben.“[20]

Diese Aussage verdeutlicht zwei von dem Zeitgenossen ausgemachte Problemfelder:

Auf der einen Seite die Frau, die durch die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umstände einen Wandel im Geschlechterverhältnis und ein Fortschreiten der Emanzipation erlebt. Durch die Berufstätigkeit werde die Frau der Gefahr einer Infektion mit einer Geschlechtskrankheit eher ausgesetzt als früher und durch die schlechten Arbeits- und Wohnverhältnisse praktisch zur Prostitution gezwungen. Wieso eine berufstätige Frau in der Denkweise der damaligen Zeit Gefahr läuft sich zu infizieren, versuchte man mit verschiedenen Argumenten zu belegen. Zunächst einmal hatte eine arbeitende Frau zwangsläufig mehr Kontakt mit anderen Männern oder zumindest die Möglichkeit zu vermehrtem Kontakt. War es in der Vorstellung der Gesellschaft bis dahin so gewesen, dass sich eine Frau höchstens bei ihrem Ehemann mit einer Geschlechtskrankheit anstecken konnte, so habe sie nun als Berufstätige weit mehr Möglichkeiten. Dieses Argument geht Hand in Hand mit der Tatsache, dass die arbeitende, vom Land kommende Frau nun zunehmend Kontakt zu anderen „Stadtfrauen“ hatte, die eine freiere Moralvorstellung haben könnten und somit die „Landfrau“ mit ihrer emanzipierten Denkweise „infizieren“. Des Weiteren werde die besser verdienende, selbstständige Arbeiterin wirtschaftlich unabhängiger und ist, unter finanziellen Aspekten, nicht mehr zwangsläufig frühzeitig an einen Ehemann gebunden – was den vorehelichen Geschlechtsverkehr fördere.

Auf der anderen Seite wird in dem Zitat ein weiteres Problemfeld angesprochen: Die männliche Jugend. Die Auflösung der Familienverbände und der dadurch bedingte Wegfall der sozialen Kontrolle wurden als Gründe dafür angesehen, warum Jugendliche immer früher ihre ersten sexuellen Erfahrungen sammelten.[21]

„Der überwältigenden Mehrzahl unserer Junggesellen ist das sexuelle Vergnügen eine Selbstverständlichkeit, wie ihr Skat, ihre Vereinsabende, ihr Glas Bier; [...]. Es ist aber klar, daß damit der außereheliche Geschlechtsakt den Nimbus des Ungewöhnlichen verliert, daß er sorgloser, leichtfertiger, unbekümmerter geübt wird – daß schließlich der Gedanke an seine Gefahren vielfach verblaßt, die Präventive mit einem leichten ‚mir ist noch nie was passiert’ außer acht gelassen wird.“[22]

Gründe für das Aufsuchen von Prostitutierten zur Befriedigung des sexuellen Bedürfnisses bei Studenten und Jugendlichen sah man, vor allem bei Männern aus dem Bürgertum, in dem relativ hohen Heiratsalter. Mitte des 19. Jahrhunderts ging man noch davon aus, dass bei Männern die Geschlechtsreife erst zwischen dem 20. und 25., bei Frauen ab dem 18. Lebensjahr eintrete. Es durfte erst ab dem Eintritt der Geschlechtsreife geheiratet werden. Nach der Jahrhundertwende wurde die Zeitspanne zwischen dem Erreichen der Geschlechtsreife und der Eheschließung stetig größer. Ende des 19. Jahrhunderts lag bei Männern aus dem Bürgertum das durchschnittliche Heiratsalter bei etwa 30, bei Frauen zwischen 25 und 30 Jahren (in der Forschung wird dieser Vorgang als „European marriage pattern“ bezeichnet).[23] Als Hauptursache für das hohe Heiratsalter bürgerlicher Männer werden die langen Ausbildungszeiten und die daraus resultierenden finanziellen Einschränkungen gesehen. Ein Mann konnte erst heiraten, wenn er genug Geld verdiente um seine Frau (und die Kinder) ernähren zu können. Geht man somit von der Wirkung der Ehe als Prävention vor Geschlechtskrankheiten aus, so kann man sagen, dass ein späteres Heiratsalter eher zu einer Verbindung der Männer mit Prostituierten führte.

1.4) Die Ungleichberechtigung der Geschlechter

Bis in unsere Tage gibt es zahlreiche Diskussionen über die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, so zum Beispiel bei unterschiedlichem Gehalt der beiden Geschlechter in der gleichen Führungsposition. Am 22. Oktober 2005 trat sogar ein Gesetz zur Verwirklichung der Chancengleichheit von Frauen und Männern im öffentlichen Dienst des Landes Baden-Württemberg in Kraft. Ziel des Gesetzes war es, eine tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung der beiden Geschlechter zum Beispiel in öffentlichen Behörden des Landes zu fördern.[24] Bedenkt man, dass zum Beispiel das allgemeine Wahlrecht für Frauen in Deutschland erst nach Ende des Ersten Weltkriegs eingeführt wurde, wird klar, dass es Anfang des 20. Jahrhunderts eine große gesellschaftliche Diskrepanz zwischen den Geschlechtern gab – dies galt auch in Bezug auf die Sexualität.

Eine tugendhafte Weiblichkeit definierte sich in dem behandelten Zeitraum nicht dadurch, dass Frauen ebenso wie Männer sexuelle Interessen hatten und diese auch außerhalb einer möglichen Ehe ausleben wollten. Vielmehr hatte sich insbesondere die Frau bis zur Eheschließung sexuell abstinent zu verhalten. Besonders die weibliche Sexualität wurde in Debatten vom Großteil der Gesellschaft nur mit Scham aufgegriffen.

Diese Gesellschaft war zwar keineswegs so sexualfeindlich und prüde, wie zuweilen behauptet wird – Sexualität an sich war alles andere als ein Tabuthema, sondern Gegenstand hitziger wissenschaftlicher und politischer Kontroversen. Doch gerade diese erstaunliche „Geschwätzigkeit“ und die Vielfalt des Diskurses deuteten darauf hin, dass Sexualität im bürgerlichen Zeitalter etwas Problematisches war.[25] Die Erörterung der weiblichen Sexualität war besonders diffizil: Es wurde darüber debattiert, ob Frauen zu ebenso großer sexueller Erregung fähig seien wie Männer und inwieweit bzw. ob bei der Frau überhaupt ein Sexualtrieb ausgeprägt sei. Als 1908 Siegmund Freuds Überlegungen zur „kulturellen Sexualmoral“ erschienen, traf er einen wunden Punkt des bürgerlichen Sexualverständnisses, hielt er doch die oft beobachtete weibliche Frigidität nicht für normal und wünschenswert, sondern für eine krankhafte Folge der repressiven Sexualerziehung.[26]

Einerseits zählte die Sexualität zu den anerkannten menschlichen Grundbedürfnissen und durfte von Mann und Frau gleichermaßen in der Ehe ausgelebt werden. Doch was in der Ehe erlaubt und im Interesse der „Fortpflanzung“ und der Gesundheit war (ärztliche Hausbücher empfahlen den regelmäßigen Beischlaf und prophezeiten 50 Jahre vor Freud der enthaltsamen Ehefrau Bleichsucht sowie Krankheiten an den Geschlechtsorganen), wurde andererseits vor und außerhalb der Ehe scharf verurteilt und strikt tabuisiert. Dies galt besonders für das weibliche Geschlecht. Ein bürgerliches Mädchen hatte bis zur Hochzeitsnacht Jungfrau zu bleiben, während sich bürgerliche Männer in unverbindlichen Liebschaften oder bei Prostituierten „die Hörner abstoßen“ durften.[27] Die bürgerliche Frau hatte sich in der Vorstellung der Moralisten vor der Außenwelt als sexuell desinteressiert zu präsentieren, andernfalls konnte sie schnell Gefahr laufen, als frivoles „leichtes Mädchen“ betrachtet zu werden.

Frauen wurden mit ihrer Rolle als Mutter definiert, als die Hüterin der Familie, die mit ihren gegebenen Eigenschaften die Sexualmoral der Gesellschaft verkörpern sollte.

„Ihre geringere Körperkraft und -Größe, verbunden mit ihrer passiven Rolle bei der Begattung, macht die Sehnsucht nach einer kräftigen Stütze infolge einer natürlichen Anpassung durchaus erklärlich. Deshalb sehnt sich auch normalerweise das junge Mädchen nach einem mutigen, kräftigen, unternehmenden, geistig ihr überlegenen Manne, an dem sie hinaufschauen und in dessen Schutz sie sich sicher fühlen kann.“[28]

Die Geschlechtscharaktere wurden deutlich betont, Frauen sollten „weiblich“ sein, Männer „männlich“. Das männliche Geschlecht war in der Auffassung der Gesellschaft das vom Trieb gelenkte Geschlecht, welches seine Bedürfnisse weit weniger stigmatisiert ausleben durfte als das weibliche Geschlecht. Angesichts der „Sündennähe“ der Männer zur Sexualität ergab sich daraus auch eine Basis für die Idealisierung der Frau zu einem moralisch „höher stehenden“ Wesen.[29] Dies zeugt von der damals vorherrschenden Doppelmoral in Bezug auf die Geschlechterrollen. Die bürgerliche Frau hatte unberührt in die Ehe zu gehen, von dem Mann wurde der voreheliche Sexualkontakt geradezu erwartet.[30] Es herrschte somit eine unterschiedliche Erwartung an das sittliche Verhalten von Mann und Frau.

2) Die DGBG

2.1) Vorgeschichte

Das Thema „Geschlechtskrankheiten“ wurde bis Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr Teil der privaten, öffentlichen und politischen Diskussionen. Im September 1899 wurde in Brüssel erstmals eine internationale Konferenz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten organisiert, die von Dermatologen aus nahezu allen europäischen Ländern und den USA besucht wurde.[31] Im Anschluss an diese Konferenz wurde die „Société internationale pour la prophylaxie sanitaire et morale de la Syphilis et des maladies vénériennes“ mit der Absicht gegründet, die Öffentlichkeit über die Gefahren der Geschlechtskrankheiten aufzuklären und gezielt auf die Regierungen der einzelnen Länder einzuwirken.[32]

Diese zwei Ereignisse führten anlässlich des Kongresses der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft in Breslau dazu, dass sich die Venerologen Alfred Blaschko, Edmund Lesser, Albert Neisser, Eugen Galewsky und Alfred Wolff um Pfingsten 1901 dazu entschlossen, in Deutschland einen Zweigverein der Internationalen Brüsseler Gesellschaft zu gründen. Dieser Ausschuss kam während der Verhandlungen und der Vorarbeiten zu der Ansicht, dass durch die Gründung einer eigenen DGBG eine effiziente Arbeit und eine Verbesserung der damals in Deutschland bestehenden sozialen und hygienischen Verhältnisse angestrebt werden könne. Diese Gesellschaft sollte auf einer viel breiteren Basis ruhen und weitere Volkskreise belehren und zur Mitarbeit heranziehen, als dies von der mehr wissenschaftlich orientierten Arbeitsgesellschaft der Brüsseler Société vorgesehen war.[33]

2.2) Zielsetzung, Mitglieder und Gründungsursache

Im Juni 1902 wandte sich der Gründungsausschuss, unter anderem namhafte Ärzte, Juristen, Pädagogen, Schriftsteller etc., mit einem Aufruf an die breite Öffentlichkeit. Das Komitee bestand aus 157 Personen, von denen 144 männlich und 13 weiblich waren.[34] Die Zielsetzung und öffentliche Darstellung der Pläne der Gesellschaft waren unter anderem:

- Eine Bekämpfung der Unwissenheit und falschen Scham durch Erörterung der Gefahren in der breiten Öffentlichkeit
- Beseitigung der Vorurteile gegen Geschlechtskranke durch Aufklärung in allen Bevölkerungsschichten und damit eine andere Behandlung der Geschlechtskranken durch die öffentliche Meinung, die Armenpflege, die Krankenhauspflege und das Kassenwesen
- Direkte und indirekte Beeinflussung zur Gesetzgebung für notwendige Schutz- und Zwangsmaßnahmen
- Kampf gegen die Prostitution mit zweckmäßigen Maßnahmen
- Gewinnung von möglichst vielen Mitgliedern aus allen Gesellschaftsschichten
- Veranstaltung von öffentlich belehrenden Vorträgen aus dem Gebiet der Sozialhygiene und Verbreitung von aufklärenden Schriften und Flugblättern.[35]

Zu einer ersten Versammlung der neu gegründeten Gesellschaft im Bürgersaal des Berliner Rathauses am 19. Oktober 1902 kamen über 500 Personen aus sämtlichen Gesellschaftsschichten, unter anderem Ärzte und Vertreterinnen der Frauenbewegung und der Sittlichkeitsvereine. Der „Zweck der Gesellschaft“ wurde so dargestellt, dass die DGBG es sich zur Aufgabe gemacht hatte, „der zunehmenden Verbreitung der Geschlechtskrankheiten im deutschen Volk entgegenzuarbeiten und die durch diese Krankheiten erwachsenen Gefahren zu bekämpfen“.[36] Durchsetzen wollte die Gesellschaft diese Pläne „durch Rede und Schrift“, es sollte „Aufklärung über Wesen, Gefahren und soziale Bedeutung der Geschlechtskrankheiten in der Bevölkerung – namentlich unter der männlichen und weiblichen Jugend – verbreitet werden“.[37]

Auf der Versammlung am 19. Oktober 1902 wurde Prof. Dr. Albert Neisser, der 1879 den Erreger der Gonorrhö entdeckte und 1907 als erster Ordentlicher Professor Deutschlands für Haut- und Geschlechtskrankheiten an der Universität Breslau ernannt wurde, zum Vorsitzenden gewählt. Der Leipziger Dermatologe Prof. Dr. Edmund Lesser, der seit 1896 die Syphilis-Hautklinik der Berliner Charité leitete, wurde zum Stellvertretenden Vorsitzenden und Schatzmeister gewählt. Die Funktion des Generalsekretärs der DGBG wurde Dr. Alfred Blaschko übertragen, der seit Ende 1880 an der Berliner Charité Forschungen über Haut- und Geschlechtskrankheiten betrieb, Infektionsstatistiken zusammenstellte und jahrelang für die Anerkennung der Geschlechtskrankheiten als versicherungspflichtige Leistungen der Kassen kämpfte.[38]

Albert Neisser führte auf dieser Versammlung in einer Rede die Aufgaben, die Aufklärungsarbeit und die geplanten Strukturierungen der DGBG deutlich aus:

„Diese unsere Gesellschaft soll die Zentralstelle bilden für alle Bestrebungen und Arbeiten, die auf eine Verminderung der venerischen Krankheiten hinzielen.

Wir werden die Wege festzustellen haben, auf denen wir die Öffentlichkeit über die Bedeutung und die Gefahren der venerischen Krankheiten aufklären wollen; öffentliche Tagungen in den großen Städten, Entsendungen von Wanderrednern, die wir mit statistischem Materiale zu versehen haben, zu von uns selbst und von anderen Vereinen einberufenen Versammlungen; Gründung von Zweigvereinen in allen Teilen Deutschlands, Mitteilungen an die Tagespresse, Gründung einer eigenen Zeitschrift, all diese Mittel zur Aufklärung werden wir verwenden müssen. Wir werden uns auch an den Arbeiten anderer Vereine, Gesellschaften und Kongresse, die auf sozialen, ethischen, erzieherischen und kriminalpolitischen Gebieten kämpfen und unsere Bestrebungen unterstützen, beteiligen müssen.“[39]

Die Eintragung der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten in das Vereinsregister des Amtsgerichts I in Berlin erfolgte am 09.01.1903.[40]

Im ersten Jahr nach der Gründung der Gesellschaft verdoppelte sich die Mitgliederzahl von circa 600 auf 1200 Personen, worunter zahlreiche Stadtgemeinden, 51 Krankenkassen, 7 Landesversicherungsanstalten und 3 Invalidenversicherungsanstalten waren.[41]

Die DGBG verfügte somit bereits im ersten Jahr ihres Bestehens über wertvolle und einflussreiche Mitglieder, die sich zum Ziel gesetzt hatten, gemeinsam gegen die Ausbreitung der Geschlechtskrankheiten vorzugehen. Es kam durch personelle Vernetzungen und der Unterstützung der einzelnen Mitglieder und Mitgliederorganisationen schon früh zu einer sinnvollen Hilfe; so konnte die DGBG zum Beispiel auf einfache und kostengünstige Art und Weise einen erheblichen Teil der Bevölkerung mit Aufklärungsschriften mittels der Krankenkassen erreichen. Bis 1933 betrug die Zahl der Mitglieder mehr als 6000.[42]

Um ein landesweites Netzwerk aufbauen und somit in weiten Teilen des Landes Aufklärungsarbeit leisten zu können, kam es schon im Gründungsjahr 1902 zur Bildung von 11 Ortsgruppen und -vereinen. Im Laufe der Jahre gab es zahlreiche Neugründungen von Zweigvereinen.

Eine weitere Maßnahme, die Bevölkerung gezielt über die Gefahren der „dritten Geißel der Menschheit“ (neben Tuberkulose und dem Alkohol) zu informieren, Statistiken zu verbreiten und auf Möglichkeiten zur Vermeidung einer Infektion hinzuweisen, war die in regelmäßigen Abständen erschienene Zeitschrift „Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten“ (MDGBG).

Als wissenschaftliche Publikation gab die DGBG die „Zeitschrift für die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten“ (ZBG) heraus, die bis 1922 erschien und dann mit den Mitteilungen zusammengelegt wurde. Daneben erschienen die „Flugschriften“, die einzelnen Aufklärungsthemen gewidmet waren und zu einem Preis von 20 Pfennig bis zu 1 Mark vertrieben wurden, sowie die „Merkblätter“, die in millionenfacher Auflage kostenlos unter der Bevölkerung verbreitet wurden.

Da die DGBG auch Geld für ihre Tätigkeiten benötigte, stellt sich die Frage, wie sich die Gesellschaft finanzierte. Die Mitglieder hatten einen Jahresbeitrag von 3 Mark zu bezahlen, wobei auch die Möglichkeit bestand, einen einmaligen Betrag von 300 Mark zu entrichten. 1919 erhöhte die DGBG den Jahresbeitrag von 3 auf 5 Mark und senkte dafür die einmalige Beitragszahlung von 300 auf 100 Mark; zum anderen finanzierte sich die DGBG durch Zahlungen des Staates, der Länder, von Gemeinden, Städten, Vereinen und anderer Korporationen.[43]

Die Unterstützung durch den Staat wurde insbesondere damit begründet, dass sich die Zahl der Geschlechtskranken immer mehr erhöhte und es nötig war, für die breite Masse der Bevölkerung Aufklärungsarbeit zu betreiben. Folgende Zahlen sollen deutlich machen, warum in den Augen der Zeitgenossen Handlungsbedarf bestand: Am 30.04.1900 wurde durch das preußische Kultusministerium für das gesamte Königreich Preußen eine Erhebung als Momentaufnahme über die an diesem einen Tag in Behandlung stehenden Geschlechtskranken durchgeführt. An diesem Tag wurden in Preußen 41.000 Geschlechtskranke, darunter 11.000 mit frischer Syphilis, behandelt, allein in Berlin waren es insgesamt 11.600, worunter 3.000 frisch Infizierte waren. In Berlin kamen auf 10.000 erwachsene Männer 142 Geschlechtskranke, in den übrigen Großstädten 100, in den kleinen und Mittelstädten etwa 50 und im ganzen Staat durchschnittlich 28. In Berlin antwortete auf diese Erhebung nur die Hälfte der Ärzte, behandelnde Kurpfuscher wurden gar nicht erst gefragt und es gab noch eine nicht zu unterschätzende Anzahl an Erkrankten, die sich nicht in Behandlung begaben. Somit ist die tatsächliche Anzahl der Erkrankten wesentlich höher als die berechneten Zahlen.[44]

[...]


[1] Vlg. http://www.rki.de/cln_49/nn_264978/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2007/29_07,templateId=raw,proberty=publicationFile.pdf/29_07.pdf.

[2] Vgl. Sauerteig, L.; Krankheit, Sexualität, Gesellschaft; Stuttgart 1999; S. 29.

[3] Vgl. Leven, K.; Die Geschichte der Infektionskrankheiten; Landsberg/Lech 1997; S. 55.

[4] Vgl. Sauerteig, L.; Krankheit, Sexualität, Gesellschaft; Stuttgart 1999; S. 29.

[5] Pschyrembel. Klinisches Wörterbuch; Berlin 1998; S. 1542.

[6] Vgl. Sauerteig, L.; Krankheit, Sexualität, Gesellschaft; Stuttgart 1999; S. 29.

[7] Vgl. Puenzieux, D. / Ruckstuhl, B.; Medizin, Moral und Sexualität; Zürich 1994; S. 30.

[8] Zumal der anfängliche Rückgang der Krankheitssymptome die Infizierten die Krankheit oftmals schnell vergessen bzw. verdrängen ließ.

[9] Neisser, A.; Der Krieg und die Geschlechtskrankheiten; Stuttgart / Berlin 1915; S. 8.

[10] Vgl. Ellenbrand, P.; Die Volksbewegung und Volksaufklärung gegen Geschlechtskrankheiten; Marburg 1999; S. 28.

[11] Vgl. Sauerteig, L.; Krankheit, Sexualität, Gesellschaft; Stuttgart 1999; S. 45.

[12] Bloch, I.; Das Sexualleben unserer Zeit; Berlin 1908; S. 325f.

[13] Vgl. Ellenbrand, P.; Die Volksbewegung und Volksaufklärung gegen Geschlechtskrankheiten; Marburg 1999; S. 28.

[14] Vgl. Sauerteig, L.; Krankheit, Sexualität, Gesellschaft; Stuttgart 1999; S. 45.

[15] Bloch, I.; Das Sexualleben unserer Zeit; Berlin 1908; S. 326.

[16] Sauerteig, L.; Krankheit, Sexualität, Gesellschaft; Stuttgart 1999; S. 46.

[17] Vgl. ebd.; S. 47.

[18] Nipperdey, T.; Deutsche Geschichte 1866 – 1918; München 1990; S. 142.

[19] Bloch, I.; Das Sexualleben unserer Zeit; Berlin 1908; S. 334.

[20] Zitiert nach Sauerteig, L.; Krankheit, Sexualität, Gesellschaft; Stuttgart 1999; S. 47.

[21] Sauerteig, L.; Krankheit, Sexualität, Gesellschaft; Stuttgart 1999; S. 49.

[22] Bloch, I.; Das Sexualleben unserer Zeit; Berlin 1908; S. 315.

[23] Vgl. Sauerteig, L.; Krankheit, Sexualität, Gesellschaft; Stuttgart 1999; S. 50.

[24] Vgl. Ministerium für Arbeit und Soziales [Hrsg.]; Gesetz zur Verwirklichung der Chancengleichheit von Frauen und Männern im öffentlichen Dienst des Landes Baden-Württemberg (Chancengleichheitsgesetz); Stuttgart 2006; S. 8.

[25] Vgl. Frevert, U.; Frauen-Geschichte. Zwischen Bürgerlicher Verbesserung und Neuer Weiblichkeit; Frankfurt am Main 1986; S. 128.

[26] Vgl. ebd.; S. 130.

[27] Vgl. Frevert, U.; Frauen-Geschichte. Zwischen Bürgerlicher Verbesserung und Neuer Weiblichkeit; Frankfurt am Main 1986; S. 130

[28] Forel, A.; Die sexuelle Frage; München 1917; S. 99.

[29] Vgl. Nipperdey, T.; Deutsche Geschichte 1866 – 1918; München 1990; S. 97.

[30] Vgl. Frevert, U. / Haupt, H.; Der Mensch des 19. Jahrhunderts; Frankfurt/Main 1999; S. 167.

[31] Vgl. Ellenbrand, P.; Die Volksbewegung und Volksaufklärung gegen Geschlechtskrankheiten; Marburg 1999; S. 49.

[32] Vgl. Puenzieux, D. / Ruckstuhl, B.; Medizin, Moral und Sexualität; 1994; S. 130.

[33] Vgl. Borelli, S. / Vogt, H.-J. / Kreis, M.; Geschichte der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten; Berlin 1992; S. 19.

[34] Ein Abdruck der Personenlisten ist in Borelli, S. / Vogt, H.-J. / Kreis, M.; Geschichte der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten; Berlin 1992; S. 86.

[35] Vgl. ebd.; S. 19.

[36] Vgl. Ellenbrand, P.; Die Volksbewegung und Volksaufklärung gegen Geschlechtskrankheiten; Marburg 1999; S. 51.

[37] Vgl. ebd.

39 Ellenbrand, P.; Die Volksbewegung und Volksaufklärung gegen Geschlechtskrankheiten; Marburg 1999; S. 52.

40 Zitiert nach Ellenbrand, P.; Die Volksbewegung und Volksaufklärung gegen Geschlechtskrankheiten; Marburg 1999; S. 53

41 Vgl. Borelli, S. / Vogt, H.-J. / Kreis, M.; Geschichte der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten; Berlin 1992; S. 21.

42 Ellenbrand, P.; Die Volksbewegung und Volksaufklärung gegen Geschlechtskrankheiten; Marburg 1999; S. 55.

[42] Vgl. Ellenbrand, P.; Die Volksbewegung und Volksaufklärung gegen Geschlechtskrankheiten; Marburg 1999; S. 55.

[43] Vgl. Sauerteig, L.; Krankheit, Sexualität, Gesellschaft; Stuttgart 1999; S. 117.

[44] Vgl. Ellenbrand, P.; Die Volksbewegung und Volksaufklärung gegen Geschlechtskrankheiten; Marburg 1999;

S. 55.

Details

Seiten
93
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640263608
ISBN (Buch)
9783640263714
Dateigröße
6.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v121795
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,7
Schlagworte
Kampf Geschlechtskrankheiten Probleme Lösungen Umsetzung

Autor

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Titel: Der Kampf gegen die Geschlechtskrankheiten - Probleme, Lösungen und ihre Umsetzung