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Die Religionspolitik des Kaisers Decius

Geplante Christenverfolgung oder Eskalation eines Opferbefehls?

Seminararbeit 2005 16 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hinführung zum Thema: Quellenlage und Forschungsstand

2. Die Religionspolitik des Kaisers Decius
2.1 Zur Person des Kaisers Decius
2.1.1 politische Einstellung
2.1.2 religiöse Einstellung
2.2 Überblick über die Maßnahmen unter Kaiser Decius
2.2.1 zeitliche Abfolge der Ereignisse
2.2.2 die Auswirkung der Ereignisse – gegen Christen gerichtet?
2.3 Motivationen für Decius, Christen zu verfolgen
2.3.1 Massen
2.3.2 Hass gegen seinen Vorgänger
2.3.3 Kompromisslosigkeit der Christen
2.4 Folgen der decianischen Religionspolitik für die Kirche

3. Zusammenfassung der Ergebnisse

4. Literatur- und Quellenverzeichnis
4.1 verwendete Literatur
4.2 verwendete Quellen

1. Hinführung zum Thema: Quellenlage und Forschungsstand

Betrachtet man die momentane Verteilung der Weltreligionen, so kann man feststellen, dass 2000 33,02%, also etwa ein Drittel der Erdbevölkerung dem Christentum angehörten[1]. Doch diese Entwicklung schritt nicht immer gleichmäßig und friedlich voran: In Wahrheit musste die christliche Religion einige Rückschläge hinnehmen, bevor sie nach der Bekehrung Konstantins nach der Schlacht an der Milvischen Brücke 312 und dem Toleranzedikt von Mailand 313 den anderen Religionen gleichgestellt wurde und sich reichsweit verbreiten konnte.

Was die Quellen dieser Zeit betrifft, so ergibt sich das Problem, dass man entweder auf Inschriften und Papyri zurückgreifen muss, die zwar einen offiziellen objektiven Charakter besitzen, dadurch aber auch meist nur sehr kurz sind und wenig Platz für Interpretationen lassen – hier besonders wichtig die libelli, die so genannten Opferbescheinigungen aus decianischer Zeit – oder, was erzählende Quellen betrifft, auf subjektive, christliche Nachweise, in denen die „Differenz zwischen (interpretierter) Wahrheit und (historischer) Wirklichkeit“[2] sehr groß ist[3].

In Bezug auf die Forschung zur Religionspolitik des Kaisers Decius ist eine Tendenz vom Allgemeinen zum Detaillierten ersichtlich. Angefangen von Abhandlungen über Christenverfolgungen allgemein[4], fortgeführt über Forschungen hinsichtlich der Christenverfolgungen im 3. Jahrhundert[5], setzte wohl Reinhard Selinger mit seiner Dissertation über „Die Religionspolitik des Kaisers Decius“[6] 1994 neue Maßstäbe. In folgender Arbeit ließ es sich daher auch nicht vermeiden, sich stark an dieses Werk anzulehnen – bewusst wurde auch hier die Formulierung „Die Verfolgung unter Kaiser Decius“ vermieden.

Es stellt sich hierbei nämlich die Frage, ob die so genannte „Verfolgung“ wirklich als solche gedacht war und sich direkt gegen die christliche Bevölkerung richtete, oder ob die Opfer- und Märtyrerzahlen einerseits und die Zahlen der Abgefallenen (lapsi) andererseits, die in dieser Zeit anstiegen, „nur“ infolge einer Eskalation eines reichsweiten Opferbefehls zu sehen sind. Dieser Frage soll im Folgenden unter der Berücksichtigung der Person des Decius und der zeitlichen Abläufe innerhalb seiner Regierungszeit nachgegangen werden.

2. Die Religionspolitik des Kaisers Decius

2.1 Zur Person des Kaisers Decius

Extitit enim post annos plurimos execrabile animal Decius, qui vexaret ecclesiam; quis enim iustitiam nisi malus persequatur?[7]

Um die Maßnahmen gegen die Christen, die während der Zeit des Decius unternommen wurden, besser verstehen zu können, muss man als erstes einen genaueren Blick auf das „fluchwürdige Ungeheuer“[8] wie er von Laktanz bezeichnet wird, werfen. Auch mit Laktanz besitzen wir eine Quelle, in der, wie eingangs erwähnt, eine persönliche und subjektive, also eine christliche Sicht der Dinge geschildert wird –es ist also unnötig, zu erläutern, welchen Wert diese Quelle besitzt. Im Folgenden sollen Decius’ politische und religiöse Einstellung genauer betrachtet werden.

2.1.1 politische Einstellung

Decius, der im Juni 249 von seinem Heer zum Imperator ausgerufen wurde und sich damit in die Reihe der Soldatenkaiser eingliedert, gilt als Erneuerer altrömischer Traditionen, als Kaiser, „der ganz erfüllt ist von jenen Werten, Tugenden, Normen, die Rom einst groß gemacht haben.“[9] In der schwierigen Zeit des Verfalls im 3. Jahrhundert[10] versuchte Decius, die innere und äußere Stabilität des Reiches wiederherzustellen. Um seine Herrschaft im Inneren zu sichern und zu stärken ließ er sich vom Senat legitimieren (September / Oktober 249), zudem Münzen prägen (darunter auch eine Münzlegende für seine Truppen), betrieb Bautätigkeit, machte der Bevölkerung Roms Geschenke und band weiterhin auch seine Familie mit in die Regierung ein: seine Frau wurde Augusta, seine beiden Söhne Caesares –eine Dynastiegründung war geplant. Nichtsdestotrotz, neben der Festigung im Inneren, „die zweifellos wichtigste Aufgabe des Kaisers war die Niederschlagung von Aufständen und die Verteidigung der Grenzprovinzen.“[11] Decius, auch wenn er an altrömische Traditionen anknüpfen wollte und für ihn „die Vergangenheit die Maßstäbe für eine neue Ordnung der Gegenwart“[12] setzen sollte, war und blieb Soldatenkaiser und starb letztendlich 251 auch als solcher.

2.1.2 religiöse Einstellung

Führt man sich Decius’ politische Einstellung vor Augen, so kann man erkennen, dass er den Staat gern in die Tradition der Vergangenheit zurückversetzt sehen wollte. Daran schließt auch die Münzprägung seiner Zeit an, er ließ eine „ganze[…] Serie von Münzen zu Ehren verstorbener divinisierter Kaiser“[13] prägen, wodurch er „[d]ie politische Deutung der Religion“[14] besonders hervorheben wollte.

Somit ist es weiterhin auch nicht verwunderlich, dass eine seiner ersten Aktionen – ganz im Sinne altrömischer Tradition – darin bestand, den eigenen Herrscherkult zu pflegen.

„Ein entscheidender Punkt für die Praxis des Kaiserkultes ist die Erwartung des römischen Staates, dass jeder Bürger an den entsprechenden Feierlichkeiten, wie etwa der Eidablegung oder der Ablegung von Gelübden für das Wohlergehen des Herrschers und seiner Familie teilnahm.“[15]

Dabei ging es eben nicht mehr so sehr um den Eid, um die Gelübde oder in unserem Falle um das Opfer, welche man den heidnischen Göttern darbrachte, sondern um eine Bestätigung des neuen Kaisers – Decius wünschte sich diese Bestätigung vom ganzen Volk, da er ja als Usurpator zum Kaiser wurde und sich durch den offiziellen Akt der Bevölkerung Legitimation erhoffte. Er wünschte sich eine „Neubelebung des nationalen Bewusstseins zugunsten seines persönlichen Prestiges; es handelte sich also nicht mehr um eines der alten Bittopfer, sondern um einen öffentlichen Akt, der dem Kaiser selbst galt“[16]

Wie dankbar er für die Ausübung den Vollzug des Opferbefehls war, zeigt ein Brief an die Bewohner von Aphrodisias in Karien, datiert für Dezember 250. „Der Kaiser bedankte sich schriftlich für erwiesene „gerechte Opfer und Gebete“ aus Anlass seines Herrschaftsantritts.“[17]

2.2 Überblick über die Maßnahmen unter Kaiser Decius

„Und so erschien das Edikt, welches fast der beinahe furchtbarsten Weissagung unsers Herrn glich, daß, wenn es möglich wäre, selbst die Auserwählten daran Anstoß nehmen würden.“[18]

Nachdem nun die Person des Decius etwas eingehender betrachtet wurde, soll nun ein Versuch gestartet werden, die Maßnahmen seiner Zeit chronologisch zu ordnen. Anschließend soll herausgearbeitet werden, welche dieser Maßnahmen sich tatsächlich direkt gegen Christen richteten.

2.2.1 zeitliche Abfolge der Ereignisse

Wann genau Decius nach seiner Rückkehr in Rom September 249 sein Opferedikt promulgierte, ist nicht bekannt. Da der gefangen genommene Bischof Fabian bereits am 20. Januar 250 den Märtyrertod erlitt, muss der Zeitpunkt zwischen diesen zwei Daten (September 249 und Januar 250) liegen. Auch der Brief 37 von Cyprian aus Karthago an die römischen Bekenner, der Anfang des Jahres 251 datiert wird, bestätigt, dass die ersten Verhaftungen bereits Ende 249 stattgefunden haben müssen, da er ihre Beständigkeit lobt, bereits über ein Jahr wegen ihres Glaubens im Gefängnis zu sein.[19] Aufgrund dieses Briefes wurden von Historikern bezüglich der Veröffentlichung des Opferedikts verschiedene Daten errechnet, welche jedoch alle in den Dezember 249 fallen.[20]

Nachdem das Edikt nach Senatsbeschluss zuerst in Rom veröffentlicht wurde[21], gelangte es vermutlich als Statthalteredikt in die einzelnen Provinzen. Bis die Nachricht dort ankam, verging einige Zeit – man bedenke dabei den Weg und das schlechtere Klima im Winter. Nachweise bezüglich der ungefähren Ankunft sind für einige Provinzen vorhanden[22], so zum Beispiel für Antiochia – hier wird der Tod des Bischofs auf den 24. Januar angesetzt – für Smyrna ist der Opfertermin am 23. Februar festgelegt. In der Provinz Africa schätzt man das Bekanntwerden des Edikts durch Cyprians Brief auf Anfang April. Die eindeutigsten Nachweise besitzt man in Form von Opferbescheinigungen, so genannten libelli, aus Ägypten, welche alle zwischen 4. Juni und 14. Juli datiert sind.

„Die insgesamt 49 bisher gefundenen Papyrusurkunden, die alle aus der Oasenlandschaft Fayum, ca. 75 km südlich von Kairo, stammen, sind mit geringfügigen Varianten im wortlaut nach dem gleichen Schema abgefaßt, so daß die Anordnung einer Zentralbehörde anzunehmen ist.“[23]

[...]


[1] Zahl aus http://www.bibelundermutigung.de/religionen_welt.htm -aufgerufen am 23.2.06

[2] Selinger, R.: Die Religionspolitik des Kaisers Decius. Anatomie einer Christenverfolgung. Frankfurt, u.a., 1994, S. 9.

[3] Leider sind für das 3. Jahrhundert nur christliche Quellen überliefert, „no pagan literary sources have been preserved. Their biographies are even missing from the notorious Historia Augusta, a series of biographies of the emperors.“ Siehe Selinger, R.: The Mid-Third Century Persecutions of Decius and Valerian. Frankfurt u.a., 2002, S. 26.

[4] wie z.B. Linsenmayer, A.: Die Bekämpfung des Christentums durch den römischen Staat bis zum Tode des Kaisers Julian (363). München, 1905; Moreau, J.: Die Christenverfolgung im römischen Reich. Berlin, 1961.

[5] wie z.B. Alföldi, A.: Zu den Christenverfolgungen in der Mitte des 3. Jahrhunderts. In: Ders. (Hrsg.): Studien zur Geschichte der Weltkrise des 3. Jahrhunderts nach Christus. Darmstadt, 1967, S. 285-311;

[6] Selinger: Religionspolitik. Siehe Anm. 1.

[7] Lactantius, De mortibus persecutorum 4, 1. In: Guyot, P./ Klein, R.: Das frühe Christentum bis zum Ende der Verfolgungen. Darmstadt, 1993, S. 146.

[8] Übersetzung nach Guyot, S. 147.

[9] Stöver, H.-D.: Christenverfolgung im römischen Reich. Ihre Hintergründe und Folgen. Düsseldorf, Wien, 1991, S. 166.

[10] Auch „Krise des 3. Jahrhunderts“, weiterführend z.B. Strobel, K.: Das Imperium Romanum 180-284/85 n.Chr. – Kontinuitäten, langfristiger Wandel und historische Brüche. Die Problematik axiomatischer historischer Modelle: „Die Krise des 3. Jh.“. Neuansätze einer Bewertung. In: Erdmann E./ Uffelmann U. (Hrsg.): Das Altertum. Vom Alten Orient zur Spätantike. Idstein, 2001, S.239-278.

[11] Selinger: Religionspolitik, S. 20.

[12] Stöver, S. 167.

[13] Selinger: Religionspolitik, S. 24.

[14] Ebd., S. 25.

[15] Herz, P.: Die römische Kaiserzeit (30 v. Chr. – 284 n. Chr.). In: Gehrke, H.-J./ Schneider H. (Hrsg.): Geschichte der Antike. Stuttgart, Weimar, 2000, S. 374.

[16] Moreau, S. 86.

[17] Selinger: Religionspolitik, S. 26. Originaltext in Ebd., Appendix 31.

[18] Eusebius, hist. Eccl. VI, 41 (10). Übersetzung nach Guyot, S. 141.

[19] Wortlaut Cyprian: ecce dignitas caelestis in uobis honoris annui claritate signata est et iam reuertentis anni uolubilem circulum uictricis gloriae diuturnitate transgressa est. In: Cyprianus, ep. 37,2. In: Guyot, S. 128.

[20] Vgl. die Berechnungen von Bludau und Moreau in Selinger: Religionspolitik, S. 83.

[21] Vgl. Selinger: Religionspolitik, S.77-81. Selinger weist nach, dass der Senat beteiligt war, auch wenn „der Opferbefehl auf die Initiative des Kaisers Decius zurückging.“ Ebd., S. 79

[22] vgl. Selinger: Religionspolitik, S. 90. Selinger: Persecutions, S. 50f.

[23] Guyot, S. 373.

Details

Seiten
16
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640266067
ISBN (Buch)
9783640454167
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v122090
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Abteilung für Alte Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
Religionspolitik Kaisers Decius Proseminar Diokletian Konstantin

Autor

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Titel: Die Religionspolitik des Kaisers Decius