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Verschiedene Ansätze Recht zu reformieren - Diskussion und Bewertung am ägyptischen Beispiel

Essay 2008 6 Seiten

Ägyptologie

Leseprobe

Rechtsprechung und Gesetzgebung im Mittleren Osten haben im Laufe der vergangenen zwei Jahrhunderte tief greifende Veränderungen durchlaufen. Mit Beginn der Kolonialzeit und durch die Tanzīmāt-Reformen im Osmanischen Reich eröffneten sich eine Menge neuer Einflüsse auf die auf der Scharia basierenden Gesetzestexte der Länder des Mittleren Ostens.

Ägypten, dessen reformiertes Zivilgesetzbuch von sieben arabischen Staaten rezipiert wurde[1], dient mit seiner bewegten Verfassungsgeschichte als anschauliches Beispiel verschiedener Reformansätze und soll daher an dieser Stelle betrachtet werden.

Die facettenreiche Reformierung in Bezug auf das ägyptische Rechtssystem muss von verschiedenen Standpunkten aus betrachtet werden. Durch die Adaption europäischer Gesetzestexte und die gleichzeitige Existenz des Schariarechts besteht das Rechtssystem Ägyptens insgesamt aus zwei Ebenen auf gleicher Höhe, die ineinander greifen: Das säkulare, europäisch beeinflusste Recht füllt einige Lücken, die die religiöse Gesetzgebung hat, zum Beispiel im Rahmen des Handelsrechts. Andererseits gibt es einige Bereiche, darunter vor allem der des Familienrechts, die der religiösen Gesetzgebung vorbehalten sind[2]. Beide Ebenen wurden vielfach reformiert. Hierbei muss in Betracht gezogen werden, unter welch verschiedenartigen Bedingungen und Voraussetzungen die Reformen auf der einen und auf der anderen Ebene abliefen und durchgesetzt wurden.

Des Weiteren muss nicht nur zwischen diesen beiden Ebenen unterschieden werden, sondern es müssen auch die vielfältigen Intentionen untersucht werden, die hinter Rechtsreformen stehen können. Als Beispiele für die Komplexität dieser Vorgänge möchte ich auf der einen Seite die so genannte „defensive Modernisierung“ unter Muhammad ´Alī sowie die Verfassungsänderung unter Ğamāl ´Abd an-Nāsir ab 1952 erörtern sowie auf der entgegengesetzten Seite die Einrichtung der „Gemischten Gerichte“ oder „Mixed Courts“ im Jahre 1876 und deren Einfluss auf das ägyptische Recht.

Als Muhammad ´Alī 1805 zum Generalgouverneur von Ägypten ernannt wurde, nahm er eine ganze Welle von Reformen in Angriff. Diese führte er allerdings mit dem Ziel durch, seine Machtposition innerhalb des Landes festigen zu können. Anfänglich waren die ´ulamā`[3] das größte Hindernis für Muhammad ´Alī, sich und seine Familie als höchst unabhängige Herrscher zu etablieren. Die ´ulamā` bezogen einen Großteil ihrer finanziellen Mittel aus waqf[4] -Ländereien, für die Gläubige Abgaben zahlten. Muhammad ´Alī initiierte eine umfangreiche Agrarreform, die letztlich allen Ackerboden Ägyptens unter staatliche Kontrolle brachte. Somit entzog er der ´ulamā` ihre wichtigste Einkommensquelle und beraubte sie ihrer Macht. Daneben führte er das Land zu einem zentralisierten Wirtschaftssystem hin. Beide Reformen statteten ihn mit den nötigen finanziellen Mitteln aus, um zwei weitere wichtige Innovationen durchzusetzen: Die Bildungsreform, bei der ein neues Schulsystem eingeführt wurde, um eine loyale Elite auszubilden sowie die Reform des Armeewesens, die durch Zwangsrekrutierung ein zeitweise über 100.000 Mann starkes Heer ermöglichte. Mit diesem Heer sollten später syrische Provinzen erobert werden. Diese Modernisierungen brachten für das ägyptische Volk offensichtlich einige Vorteile mit sich; vor allem die urbane Bevölkerung profitierte vom neuen Bildungssystem und einer sichereren ökonomischen Basis. Der Staat wurde nach außen hin gefestigt und betonte seine Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich. Doch um die Reformen möglichst schnell und effektiv umsetzen zu können, wurde stark in die Gesellschaft eingegriffen; wie bereits gezeigt wurden die Grundrechte einzelner Gruppen eingeschränkt, sodass diese „defensive Modernisierung“ vor allem Muhammad ´Alī selbst diente: Mit möglichst wenig Veränderung politischer Herrschaftsverhältnisse konnte er den Staat bis 1848 ohne ernst zu nehmende Konkurrenz regieren; tatsächlich gelang es seiner Familie bis 1952, sich an der Macht zu halten.

[...]


[1] STEINBACH, ROBET: 231, 1988.

[2] ANDERSON: 33, 1976.

[3] Gruppe hoch angesehener, religiös gebildeter Männer, deren Ansehen ihnen starken Einfluss und Kontrolle über die politischen Geschehnisse und Entscheidungen im Staat ermöglicht

[4] Religiöse Stiftung

Details

Seiten
6
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640272846
Dateigröße
395 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v122275
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Asien-Afrika-Institut
Note
1,0
Schlagworte
Verschiedene Ansätze Recht Diskussion Bewertung Beispiel Proseminar Einführung

Autor

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Titel: Verschiedene Ansätze Recht zu reformieren  - Diskussion und Bewertung am ägyptischen Beispiel