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„In everyday life gender is not always relevant“ – Geschlecht als Hintergrundkategorie in der Medienrezeption

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 23 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Ausgangslage: Ien Angs „Gender and /in Media Consumption“

3. Die Inkorporation hegemonialer Diskurse
3.1 Leibliche Einschreibungen
3.1.1 Die Möglichkeiten des Verbots – Foucaults Machtbegriff
3.1.2 Der Diskurs der Heteronormativität

4. Zwischenbetrachtung

5. Exkurs: die historische Dimension von Film und Geschlecht
5.1 Die Historizität des Diskurses
5.2 Frauen und Film
5.3 Frauen im Film - Die Männlichkeit des filmischen Blicks

6. „in everyday life gender is not always relevant“ – Geschlecht als Hintergrundkategorie?

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

9. Internetquellen

1. Einleitung

„[…] we would argue against a continued research emphasis on women’s experience, women’s culture, women’s media consumption as if these were self-contained entities, no matter how internally differentiated.“[1]

Der Fokus feministischer Medienanalyse war lange Zeit geprägt durch eine stark psychoanalytische Dimension. Im Rahmen dieser wurde versucht insbesondere unter Rückgriff auf Freud und später Lacan den hauptsächlich von männlichen Produzenten für männliche Rezipienten hergestellten Film- und Fernsehwerken, einen fetischisierten oder voyeuristischen Blick auf die sich exhibitionistisch darstellende Weiblichkeit zu attestieren.

Ende der 1980er Jahre wird die Verhinderung der Entwicklung einer spezifisch „weiblichen Ästhetik“ beklagt und versucht, dies durch den männlich-dominanten Diskurs zu erklären. Noch 1998 begründet Christiane Riecke die Ablehnung der Postmoderne mit deren Negation personengebundener Äußerungen, da die „Chance als Frau zu sprechen, […] so ein weiteres Mal unterbunden“[2] werde.

Das obige Zitat von Ien Ang und Joke Hermes jedoch weist in eine andere Richtung: Anstatt dem männlichen Blick einen wirkmächtigen weiblichen gegenüber oder zumindest an die Seite stellen zu wollen, negiert es die Omnirelevanz von Geschlecht.

Im sozialwissenschaftlichen Kontext hat inzwischen neben dem sozialen, ebenso das biologische Geschlecht eine breite Rezeption als kulturelles Konstrukt erfahren, und zumindest ersteres ist als konstruiert akzeptiert und somit – in Einklang mit Ang – als feste Entität abgelehnt worden. Dennoch soll diese Arbeit zur Disposition stellen, inwieweit Angs Konzept tatsächlich eine Verneinung der Relevanz von Geschlecht im Medienkonsum behaupten kann und herausarbeiten, dass der Versuch, mittels „vertauschter“ Rezeption bei prinzipiell geschlechterstereotyp zugeschnittenen Medienangeboten, Geschlechterirrelevanz zu konstatieren, einen gedanklichen Kurzschluss nahelegt.

Zunächst soll Angs und Hermes Konzept der Medienrezeption erläutert werden, um im zweiten Schritt das diskurstheoretische Modell Judith Butlers und somit die Wirkmächtigkeit des heteronormativen Diskurses und dessen unwiderrufliches Eingeschriebensein in Körper darzulegen. Unter Rückgriff darauf sowie auf Michel Foucaults Macht- und Diskursbegriff soll, durch den Verweis auf die Funktion hegemonialer Diskurse als Referenzsystem, Angs These der „ungendered moments“ entkräftet und darüber hinaus als wenig erstrebenswert erörtert werden. Ein historischer Exkurs auf das Verhältnis von Frauen und Film(theorie) soll hierbei verdeutlichend herangezogen werden.

Abschließend wird eine Koppelung von Medien- und Diskursanalyse vorgeschlagen, um die Medienrezeptionsanalyse mit einem makrotheoretischen Rahmen zu verknüpfen und auf diese Weise den Zusammenhang von diskursiv erzeugtem Geschlecht und Medienkonsum aus einem diskurstheoretischen Blickwinkel zu untersuchen.

Abgrenzend sei noch vorangestellt, dass, wenn im Folgenden von „Medienkonsum“ gesprochen wird, das Etikett „Medien“ explizit jene Massenmedien wie Film und Fernsehen meint. Demgegenüber sind ebenso Printmedien diesem Medienbegriff inhärent und Angs Analyse ließe sich prinzipiell ebenfalls auf Systeme wie das Internet übertragen. Gemäß dem Fokus des Aufsatzes sollen jedoch für die Überlegungen Fernsehen und Film den Schwerpunkt bilden.

2. Die Ausgangslage: Angs und Hermes „Gender and/ in Media Consumption“

Ang und Hermes thematisieren in ihrem Aufsatz „Gender and/ in Media Consumption“ die – vereinfacht formuliert – als Messungenauigkeiten zu beschreibenden Schwierigkeiten, welchen eine Medienrezeptionsanalyse unterliegt, wenn versucht wird, Zuschauergruppen mittels vermeintlich allgemeingültiger Kategorien, wie auch Geschlecht[3] eine darstellt, zu vereinheitlichen. Damit wird angeschlossen an die eingangs bereits beiläufig erwähnte und von Riecke vehement zurückgewiesene Theorie der Postmoderne im Sinne Jean-Francois Lyotards, deren Anliegen in der kritischen Hinterfragung basaler Erkenntnisgrundlagen, sog. „Meta-Erzählungen“[4], wie z.B. der Aufklärung, besteht und in der Konsequenz auch die Annahme kohärenter, in sich geschlossener Identitäten ablehnt. Diese Brüchigkeit eines als „Frau“ bezeichneten Subjekts, das aufgrund der Relevanz anderer Identitätskategorien, wie soziale Klasse oder Ethnizität, nicht verabsolutierend unter einer - qua Geschlecht - auf gleichen Belangen aufbauenden Gruppe, „der Frauen an sich“, subsumiert werden kann, wird bei Ang konträr zu Rieckes Ansicht zum konstruktiven Ausgangspunkt.

Nicht „Geschlecht und Medienkonsum“ lasse sich, so die These, untersuchen, sondern es bedürfe vielmehr der Untersuchung der Frage, in welchen Situationen Gender überhaupt relevant für Medienkonsum sei. Mit Rückbezug auf Hermann Bausinger und sein Anliegen, Medienkonsum stets in Zusammenhang mit Alltagspraxen zu analysieren, da diese vor allem bedingt durch die Faktoren der Anschlusskommunikation[5] den Gebrauch von Medien maßgeblich bestimmen[6], erörtern Ang und Hermes ebenfalls den Zusammenhang von Geschlecht und Medienkonsum in Alltagspraxen. Nicht Geschlecht führe dabei zu einem bestimmten Konsumverhalten, sondern alltägliche und folglich sich ständig verändernde Begebenheiten brächten Rezipienten zu einem Medienangebot.[7]

Der Medientext als solcher wird dabei zwar als potentielle Identifikationsfolie betrachtet, die allerdings vielfach durch tatsächliche alltagsweltliche Erfahrungen von Frauen konterkariert werde, woraus die Ablehnung gegenüber derartiger Folien resultiere. Durch die je nach Subjekt variierenden Einflüsse von Klasse, Ethnizität oder Geschlecht seien darüber hinaus heterogene Lesarten[8] von Medientexten zu konstatieren, da eine weiße Arbeiterin einen Medientext niemals mit der gleichen Bedeutung versieht, wie dies eine der Mittelklasse angehörende dunkelhäutige Frau tun würde. Gleichsam ergibt sich für Ang hieraus die Unmöglichkeit des Postulats eines „typisch weiblichen“ Medienkonsums. Bedenkenswert ist bei Angs Ansatz darüber hinaus, dass der Produzentenseite der Medien keinerlei Beachtung geschenkt wird. Nicht der Medieninhalt ist es, der maßgeblich für die Positionierung der Rezipienten ist, sondern die Verwobenheit mit der Alltagswelt innerhalb derer die Mediennutzung stattfindet. Dementsprechend wird die möglicherweise intendierte Aussage medialer Inhalte unberücksichtigt gelassen, was als konträr zu den Ansätzen der kritischen Theorie Adornos und Horckheimers gelesen werden kann.[9]

Im Verlauf ihrer Argumentation geht Ang noch einen Schritt weiter: Nicht nur wird die Anfüllung des Terminus „die Frau“ durch Kategorien wie soziale Klasse dargelegt, sondern auch diese Einordnungen werden der unzulässigen Generalisierung und somit in ihrem konstruierten Charakter überführt. Zwar werden die Kategorien weiterhin als „major social axes“ betrachtet, die real existieren, jedoch irreführend gebraucht werden, da sie eine Einheit suggerieren, die Abweichungen qua definitionem ausschließt.[10] In eine Medienanalyse kann demnach weder Geschlecht noch eine andere soziale Kategorie a priori als stabiler und determinierender Faktor einkalkuliert werden.

„In other words, media consumption is not always a gendered practice, and even if it is a gendered practice its modality and effectivity can only be understood by close examination of the meanings that “male” and “female” and their interrelationships acquire within a particular context. What we have tried to clarify, then, is the importance of recognizing that there is no prearticulated gender identity”[11]

Ob Geschlecht in konkreten Situationen von Medienkonsum Relevanz erhält oder nicht, liegt laut Ang bei den einzelnen Rezipienten und deren jeweils gewählter Intensität der Übernahme diskursiv erzeugter Geschlechterdifferenzierungen, die innerhalb eines aktiven Herstellungsprozesses immer wieder von Neuem erzeugt werden müssen. Auf die zuvor in Anlehnung an Bausinger entwickelte These der Alltagsgebundenheit von Medienkonsum rekurrierend und in Kombination mit Rileys Argument, dass niemand sich permanent seiner oder ihrer Geschlechterzugehörigkeit bewusst zu sein in der Lage ist[12], ziehen Ang und Hermes nun den Schluss, dass obgleich jedes soziale Subjekt durch Geschlecht konstituiert wird, dieses im Alltag nicht ununterbrochen Bedeutsamkeit erfährt. Dass Frauen Fußballspiele verfolgen und Männer Frauenmagazine lesen, werde nur verständlich, wenn diese Momente als „gender-neutral“ betrachtet und stattdessen eingeräumt werde, dass in derartigen Situationen andere Diskurse, so bspw. beim Fußball der Aspekt der Nation, in den Vordergrund rückten, während Geschlecht temporär keine Rolle spiele.[13]

Insbesondere die Negation eines vorsprachlich[14] existierenden und immer schon Subjekt determinierenden Geschlechts weist vordergründig eindeutige Parallelen zum dekonstruktivistischen Werk Judith Butlers auf. Dennoch wird ein zentraler Aspekt des Butlerschen Konzepts bei Ang und Hermes nur unzureichend zum Gegenstand: obgleich Butler ebenfalls der Ansicht ist, dass Diskurs nicht mit Materie gleichzusetzen ist – wenn ihr auch gerade diese Gleichsetzung mehrfach zum Vorwurf gemacht worden ist[15] – und sie in gleicher Weise vermutlich der These zustimmen würde, dass niemand sich ohne Unterlass bewusst mit seiner/ ihrer Geschlechtsidentität auseinander setzt, so liegt der entscheidende Unterschied doch darin, dass Butler das immer schon vollzogene Eingeschriebensein von Diskurs in und dadurch die Prägung von Körper annimmt. „Ein gewisses strukturierendes Verhaftetsein mit [sic!] der Unterwerfung wird zur Bedingung der moralischen Subjektwerdung.“[16]

3. Die Inkorporation hegemonialer Diskurse

Leibliche Einschreibungen

Judith Butler zufolge kann der Prozess der Subjektwerdung oder Subjektivation nur mit der gleichzeitigen Unterwerfung des im Entstehen begriffenen Subjekts einhergehen, da – verkürzt dargestellt – Subjekte nur dann der Wahrnehmung (die Eigenwahrnehmung einschließend) zugänglich werden, wenn sie sich bezeichnen lassen, sich also der Belegung durch ein Zeichen, z.B. „Frau“, beugen. Butler greift bei ihren Ausführungen auf Louis Althussers Theorie der Interpellation zurück, in der er ebenfalls davon ausgeht, dass vor der Annahme einer Bezeichnung, das Subjekt nicht als „Frau“ existiert, sondern erst das Angerufenwerden, Be zeichnet werden, als solches das Subjekt konstituiert. In diesem Sinne ist die Bedingung der Existenz von Subjekten, dass sie vom Moment ihrer Entstehung an einer Bezeichnung unterworfen sind. Paradox ist dabei die „gelebte Gleichzeitigkeit von Unterwerfung als Beherrschung und von Beherrschung als Unterwerfung“, denn „je mehr eine Praxis beherrscht wird, desto vollständiger die Subjektivation.“[17] Bevor diese Ausführungen allerdings in ihrer Tragweite erfasst werden und weiter ausformuliert werden können, stellt sich die Frage, wer oder was die Inhalte dieser Bezeichnungen und ebenso die Bezeichnungen selbst definiert, und damit in der Lage ist, anderes, den Bezeichnungen nicht Unterliegendes auszugrenzen. Das in Zusammenhang mit und von Butler gebrauchte Schlagwort, um diesen Mechanismus zu beschreiben, lautet „hegemonialer Diskurs“. Dieser Begriff beinhaltet die „Heteronormativität“, welche für den hier erläuterten Zusammenhang von zentraler Bedeutung ist. Um jedoch fundiert erläutern zu können, weshalb diese Begrifflichkeiten die Basis bieten, für die Widerlegung der These der „ungendered moments“, wird nun auf den Diskurs- und Machtbegriff Michel Foucaults zurückgegriffen, dessen Werk gleichfalls eine Grundlage der Butlerschen Theorie bildet.

Gleichzeitig soll mit diesem Verweis auf Foucault im Folgenden erkenntlich werden, warum die, wenngleich bei Ang nur temporär angenommene, Irrelevanz von Geschlecht eher als prekär, denn als positiv konnotiert betrachtet werden könnte.

[...]


[1] Ang, Ien/ Hermes, Joke (1994): Gender and/in Media Consumption. In: Angerer, Marie-Luise/ Dorer, Johanna (Hg.) (1994): Gender und Medien. Theoretische Ansätze, empirische Befunde und Praxis der Massenkommunikation: ein Textbuch zur Einführung. Wien, S. 121

[2] Riecke, Christiane (1998): Feministische Filmtheorie in der Bundesrepublik Deutschland. Frankfurt am Main, S. 30

[3] Auch bei diesen beiden Theoretikern greift das Problem der alphabetischen Aufzählung, das stets die WissenschaftlerInnen trifft, deren Anfangsbuchstabe sich weiter hinten im Alphabet findet: Im Folgenden wird statt der Nennung beider Autoren der Kürze wegen teilweise nur der Name Angs genannt werden. Darin ist jedoch auch immer der von Hermes enthalten.

[4] Die Metaerzählungen wie sie Lyotard auffasst, sind als Produkt der 2 großen Legitimationserzählungen der Wissenschaft zu betrachten. Diese waren notwendig, um der Wissenschaft eine Existenzberechtigung zu geben, sind aber, so Lyotard, in der Postmoderne hinfällig geworden, da aufgrund simultan ablaufender konträrer Tendenzen jede Vereinheitlichung von Wissen artifiziell sein muss. Vgl.: Reese-Schäfer, Walter (2000): Lyotard zur Einführung. Hamburg

[5] Anschlusskommunikation nicht im Sinne Dörners, der ein tatsächliches Reden über Medieninhalte annimmt, sondern insbesondere in dem Sinn, dass Medieninhalte genutzt werden, um lebensweltliche Konflikte auszutragen. Dabei ist für Bausinger nicht der Medieninhalt wichtig bzw. ist nicht dieser der Auslöser der Kommunikation, sondern ein im Alltag existierender Konflikt nimmt den Medieninhalt zum Anlass und wird weitergeführt. Vgl.: Dörner, Andres (2001): Politainment. Politik in der medialen Erlebnisgesellschaft. F.a.M.,S. 93ff.

[6] Vgl.: Bausinger, Hermann (?): Alltag, Technik, Medien. In: Sprache im technischen Zeitalter. 89/ 1984, S. 60-70

[7] Ang/ Hermes, S. 114

[8] Zum Konzept der Heterogenität von Lesarten siehe: Hall, Stuart (1980): Kodieren/ Dekodieren. In: Bromley, Roger/ Göttlich, Udo/ Winter, Carsten(Hg.) (1999): Cultural Studies. Grundlagentexte zur Einführung. Lüneburg, S. 92.-110

[9] Vgl.: Horckheimer, Max/ Adorno, Theodor W. (1948): Kulturindustrie. Aufklärung als Massenbetrug. In: Dies. (1980): Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. FaM, S.108 - 150

[10] Vgl.: Ang/ Hermes, S. 122

[11] Ang/ Hermes, S. 126

[12] Vgl.: Ang/ Hermes, S. 125

[13] Vgl.: Ang/ Hermes, S. 125f.

[14] Ang gebraucht an dieser Stelle das Wort „prearticulated“, was der Austin entlehnten Formulierung des „performativen Sprechaktes“ bei Judith Butler sehr ähnelt, da auch dieser – stark verkürzt – die Hervorbringung z.B. von Geschlecht durch sprachliche Äußerungen meint. Vgl. z.B.: Butler, Judith (2006): Haß spricht. F.a.M., S.81.

[15] Vgl.:Villa, Paula – Irene (2003): Judith Butler. F.a.M., S. 92

[16] Butler (2001): Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung. F.a.M., S. 36.

[17] Ebd., S. 110

Details

Seiten
23
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640270736
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v122344
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Institut für Europäische Ethnologie
Note
1,0
Schlagworte
Gender Filmtheorie Medienforschung Geschlecht Dekonstruktion Butler Foucault Medienrezeption Ang

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Titel: „In everyday life gender is not always relevant“ –  Geschlecht als Hintergrundkategorie in der Medienrezeption