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Versuch einer vielstimmigen, theoretischen Annäherung an den unbestimmten Begriff „Unterschichtenfernsehen“

Hausarbeit 2006 29 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Unterschichtenfernsehen? – Positionsbestimmungen eines Begriffs
2.1. TV-Abfall als Referenzgröße des Unterschichtenfernsehens

3. Die Macht des Geschmacks – Unterschichtenfernsehen im Kontext Bourdieus
3.1 Das Unterschichtenfernsehen als Ausdruck der Benennungsmacht nach Bourdieu
3.2 Klasse und Milieu – Die Einschreibung des Sozialen nach Bourdieu und Schulze
3.3 Erste Zwischenbetrachtung – Unterschichtenfernsehen und Gesellschaft

4. NO CULTURAL DOPES – Unterschichtenfernsehen und Cultural Studies
4.1 Der populäre Text: Widerstand und Ideologie – John Fiske
4.1.1 Die Macht des Diskurses – Foucaults Einfluss auf Fiske
4.1.2 Die populäre Ökonomie – Widerstand vs. Ideologie
4.1.3 Lesarten des Populären – polyseme Kulturindustrie
4.2 Fernsehen in den Cultural Studies
4.3 Zweite Zwischenbetrachtung – Unterschichtenfernsehen im Gebrauch

5. Auch nur ein Wort – Unterschichtenfernsehen semiotisch
5.1 Zeichen über Zeichen – Umberto Ecco
5.2 Auch nur ein Zeichen – Dekonstruktion nach Derrida
5.3 Dritte Zwischenbetrachtung – Unterschichtenfernsehen als Konstruktion

6. Fazit

Literatur

Periodika

Filme

1. Einleitung

Die Gesellschaftlichkeit einer kulturellen Praxis – gerade im Umgang mit Medien und deren Gebrauch – ist längstens nicht mehr zu bestreiten. Während die manipulativen, bisweilen sicher auch schädlichen Konsequenzen allzu exzessiv gestalteten TV-Genusses ebenso wie die medienimmanenten Inszenierungsstrategien und dramaturgischen Verfahren einer steten wissenschaftlichen Analyse ausgesetzt sind, findet sich über die Zuschreibung sozialer Stellung und Herkunft an spezifische kulturelle Vorlieben wenig Fundiertes. Tatsächlich wurden und werden solche Zuschreibungen – nicht zuletzt publizistisch, mehr oder weniger reflektiert – vorgenommen. Zum signifikanten Präzedenzfall solcher Einschreibungen des Sozialen in kulturelle Praxen ist das Wort „Unterschichtenfernsehen“ geworden. Ungeachtet eines ersten Gebrauchs dieses Wortes im Satire Magazin Titanic[1], geht der Begriff vornehmlich auf das Buch Generation Reform[2] von Paul Nolte zurück. Popularisiert wurde der Begriff durch Harald Schmidt in seiner TV-Show, als dieser seinen ehemaligen Arbeitgeber Sat. 1 als Unterschichtenfernsehen bezeichnete. Eine Reaktion Thomas Tumas im Spiegel sei hier, aufgrund ihrer polemisierenden Zuspitzung vorangestellt:

Ein Gespenst steht rum in Deutschland. Es nistet in Betonwüsten an den Rändern größerer Städte. Es kriegt dauernd Kinder mit wechselnden Partnern, aber sonst nichts auf die Reihe außer der Busfahrt zum Sozialamt. Es riecht nach Bier, trägt Blousons aus Ballonseide und verkloppt die Stütze am liebsten in gastronomischen Kleinstbetrieben, die ‚Uschi’s Bowling-Butze’ heißen. […]. Haben sie es schon vor Augen? Seien sie ehrlich: Es geht ganz leicht. Weil man dieses Gespenst ja schon gesehen hat. Nicht in der Nachbarschaft vielleicht, aber im Fernsehen, dem es sich mal argwöhnisch, mal wehrlos, mal schlicht begeistert ausliefert als Staffage eines oft furchtbaren Programms.[3]

In dieser Hausarbeit möchte ich mich also mit dem so genannten „Unterschichtenfernsehen“ auseinandersetzen. Bei dieser Bezeichnung handelt es sich vordergründig um die Zuschreibung eines populärkulturellen Phänomens an eine soziale Gruppe. Ich möchte im Verlauf dieser Arbeit weniger eine konkrete Medienanalyse etwaiger TV-Formate vornehmen, auf deren Inhalt und Form dieser Begriff mehr oder weniger passt – dies wurde und wird einschlägig betrieben – das Interesse dieser Arbeit besteht vornehmlich in der Analyse einer solchen Zuschreibung. Auf Basis der Theorien John Fiskes, Pierre Bourdieus und der Semiotik soll hier versucht werden, unter Ergänzung der Vorstellungen Foucaults und anderer, unterschiedliche theoretische Zugänge zu diesem Thema zu eröffnen.

Das Beispiel des Unterschichtenfernsehens wurde hier gewählt, da es als eigener Terminus mittlerweile Einzug in die akademische und umgangssprachliche Verwendung – auf mehr oder weniger reflektiertem Niveau – gefunden hat und weil in keinem anderen vergleichbaren Fall die Zuschreibung sozialer Herkunft an kulturelle Praxisformen derart prägnant formuliert wurde. Ähnliche Überlegungen ließen sich allerdings auch über Trivialliteratur, Pauschalreisen und Ähnliches anstellen.

2. Unterschichtenfernsehen? – Positionsbestimmungen eines Begriffs

Es fällt auf, dass bei allen Überlegungen und Kommentaren zum Begriff des Unterschichtenfernsehens eine verbindliche Definition dessen, was dieser Begriff überhaupt bezeichnet fehlt, allenfalls scheinbar wahllos genannte Einzelbeispiele, die mal ausschließlich Serien umfassen, mal aber beinah das gesamte televisionäre Spektrum von Spielshows bis zur Tagesschau einschließen, werden mit diesem Begriff belegt. Nicht selten ist es das Medium in Gänze, dass sich einem Generalverdacht als wertlos und überflüssig, bestenfalls zeitraubend, gegenüber sieht: So entgegnete der Medienphilosoph Norbert Bolz in einem Interview auf die Frage wie er schlechtes von gutem Fernsehen unterscheide:

Aus meiner Sicht führt der Ansatz bereits in die Irre. […] Hinter der qualitativen Einteilung von gutem und schlechtem Programm steckt der Trugschluß,[sic!] Fernsehen würde eine Möglichkeit der Aufklärung und Bildung bieten. Dieses Versprechen kann nicht gehalten werden.[4]

Ausgangspunkt des Interviews war die Debatte um den Begriff des Unterschichtenfernsehens, zwar übt Bolz im Verlauf des Interviews Kritik an diesem Begriff und bezeichnet dessen Verwendung als vulgärsoziologisch, zeigt ansonsten aber in seinen Kommentaren die übliche Fernsehverachtung, die in anderen Situation bei anderen Autoren mit einer Verachtung des Publikums einher geht.

Konstant und von vorhersehbarer Verbindlichkeit bleibt bei Gesprächen über das Fernsehen allenfalls die Rhetorik; ‚Volksverblödung’, ‚Kulturverflachung’, und auch der ‚Untergang des Abendlandes’; solche Begriffe werden häufig gebraucht, wenn es um die Beschreibung des Fernsehens geht – insbesondere der Privatsender. Beinah scheint sich der Eindruck zu verfestigen, die Sender würden unter dem Diktat der Quote und damit dem des Geldes jeden erdenklichen Schrott über die Bildschirme schicken, der denkbar – vielleicht auch undenkbar – ist. Nicht selten scheint gerade jene Tatsache, dass mit solchen Programmen auch noch Geld verdient wird die Vulgarität des Fernsehens noch zu erhöhen. Dass es möglich ist mit diesem Schrott auch noch Geld zu verdienen muss jenem, der im Fernsehen weniger das Unterhaltungsmedium als die manipulative, systemstabilisierende Konsensfabrik des Kapitalismus sehen will, besonders übel aufstoßen.

Dieser Schrott hat unter der Bezeichnung „Trash“ Eingang in die medienwissenschaftliche Literatur gefunden, unter dem sich vom alltäglichen „Sozialzoo“ in diversen Daily-Talks, über die Alltagsimulation in Doku- und Daily-Soaps bis hin zu Volksmusiksendungen alles subsumieren lässt, was im Fernsehen möglichst blöd und wertlos erscheint. Betrachter solcher Bilder, die dabei allzu oft vom Rezipienten zum Konsumenten degradiert werden, gestand der geneigte Medienkritiker nur eine geringfügig höhere Denkweite zu als den empfohlenen Abstand zwischen menschlichem Auge und Fernsehbildschirm.

Diese Form der Kritik am Fernsehen gehört auf der Ebene der Medienwissenschaft zunehmend der Vergangenheit an. Die Qualitäten des Trash werden nicht mehr in dramaturgischen Kategorien beschrieben, denn in solchen Kategorien können etwaige TV-Formate nicht beschrieben werden. Trash beschreibt, in diesen Kategorien, weiterhin „[…] Müll in des Wortes engster und schmutzigster Bedeutung, […] Unbrauchbares, Dreckiges, ‚Mist’ in jeder Hinsicht, ästhetisch, historisch, epistemologisch nicht mehrwertfähig, umgangssprachlich ‚echten Scheiß’.“[5] Es ist vielmehr der Umgang mit dieser Konkursmasse des Geschmacks, der solchen Formaten eine eigene Qualität, jenseits des intellektuell Erfassbaren, zusichert und so in einen kulturwissenschaftlich relevanten Bereich eindringt. Ich möchte hier im Folgenden kurz den TV-Trash als Grundlage der Bezeichnung Unterschichtenfernsehen charakterisieren.

2.1 TV-Abfall als Referenzgröße des Unterschichtenfernsehens

„Abfall [als Fernsehformat] ist grundsätzlich durch die Abwesenheit von Struktur, mindestens aber von Komplexität zu kennzeichnen.“[6] Diese grundsätzliche Feststellung Engells benennt ein wesentliches Moment des TV-Trashs, das direkt, wie der Autor in seinem Aufsatz fortführt, auf die Erfassbarkeit eines solchen Phänomens einwirkt. Etwas, das sich als strukturlos und komplexitätsfrei generiert verwehrt sich einer analytischen Herangehensweise. Jede Analyse impliziert Struktur und überführt ein solches Format qua jener analytischen Betrachtung zwangsläufig in die Unzulänglichkeit. Unter dem Rückgriff auf Michael Thompsons „Theorie des Abfalls“[7] führt Engell seine Überlegungen zum Abfall im Fernsehen fort und beschreibt dieses als „ein System, das einen ununterbrochenen, mehr oder weniger gegliederten, rhythmisierten, semantisch auf geladenen Fluss optophonetischer Ereignisse“, welches dazu benützt würde „eine Differenz einzuführen, nämlich die zwischen Strukturgewinn auf der einen, und Strukturverlust auf der anderen Seite.“[8] Angesichts einer solchen Einteilung – in der Trash erst durch seine Relation zu strukturgewinnenden Formaten als Trash entsteht – gewinnt der Vergleich der Formate durch den Zuschauer an Bedeutung. Ich möchte die Überlegungen Engells an dieser Arbeit nicht weiter im Detail nachvollziehen und nur das Ergebnis seines Aufsatzes kurz aufzeigen, demnach wüchsen Müllproduktion, Müllverarbeitung und Müllvermeidung zu wirkungsmächtigen kulturellen Prozessen heran, die die Ausbildung des Abfalls selbst als eine gängige Form der Symbolisierung erscheinen ließen.[9] Ergänzend möchte ich noch kurz auf den Aufsatz „Trashfernsehen und gesellschaftliche Modernisierung“ Knut Hickethiers verweisen, der das Fernsehen – in diesem Zusammenhang – unter folgenden Gesichtspunkten betrachtet:

Fernsehen im funktionalen Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Entwicklung zu sehen – die insgesamt als ein Prozess der Modernisierung beschrieben werden kann, also als ein Prozess der Herausbildung einer neuen Welt und einer veränderten Gesellschaft – weist dem Fernsehen eine spezifische Rolle zu: einerseits Produkt dieser gesellschaftlichen Modernisierung zu sein, indem das Medium für die Modernisierung notwendige Verhaltensanpassungen propagiert, neue Vorstellungswelten etabliert, Denkstrukturen und Weltbilder vermittelt.[10]

Diese Sichtweise des funktionalen Zusammenhangs müsse auch für die Bereiche im Fernsehen gelten, die als Trash gekennzeichnet werden. Tatsächlich böte Trash – so Hickethier – Material zur Abgrenzung der vorhandenen Standards der Mainstream-Kultur. Generell stellt Trash dabei kein spezifisches Genre oder eine substanzielle Eigenschaft von Produkten dar, sondern eine Haltung die einzelnen Produkten entgegengebracht wird und die sich aus der groben Abgrenzung zum gesellschaftlich hervor gebrachten ‚Guten Geschmack’ konstituiert.[11] Wie Hickethier richtig erkennt konstituiert sich die ‚Qualität’ des Trashs in der Differenz zur Mehrheitsgesellschaft: „Diese Art des Fernsehens dient also als Instrument bewusster Abgrenzung gegenüber den als allgemein angenommenen und für allgegenwärtig gehaltenen ästhetischen Werten.“[12] Diese Ansichten zeigen sich maßgeblich durch die Cultural Studies beeinflusst, die im übernächsten Kapitel besprochen werden, weswegen hier nicht näher auf die Funktionsmechanismen der beschriebenen Abgrenzung eingegangen wird.

Es bleibt jedoch die Frage zu stellen, ob nicht gerade die Struktur des Fernsehens als Massenmedium, dessen Vulgarität und gesellschaftliche Disqualifikation, durch Bezeichnungen wie Trash oder Unterschichtenfernsehen, konstituieren. Denn trotz Hickethiers beachtlicher Analyse, die Trash als ein widerständig gebrauchtes Element der Popkultur erscheinen lassen, vollzieht sich in dieser Sichtweise noch immer ein Moment der Ausgrenzung gegenüber der Masse, die hier mit dem Begriff Mainstream gekennzeichnet (mitunter auch gebrandmarkt) wird.

Es zeigt sich jedoch, dass einzelne Programmformate wie etwa die des Trash (aber auch Sendungen, die an die Kulturkompetenzen eines elaborierten Publikums appellieren) ihren Erfolg auf ihre Verwendung als der Distinktion dienliches Mittel zurückführen können. Distinktion stellt dabei allerdings auch den Grund für eine allgemeine Beurteilung des Fernsehens, die sich noch immer vornehmlich als eine Fernsehverachtung präsentiert, dar. Diese Verachtung des Fernsehens geht, im Gebrauch des Begriffs Unterschichtenfernsehen, mit einer Entmündigung der Publika einher und soll im Folgenden aus den theoretischen Ansätzen Bourdieus, Fiskes sowie der Semiotik untersucht werden.

3. Die Macht des Geschmacks – Unterschichtenfernsehen im Kontext Bourdieus

Einschränkend muss hier zunächst erwähnt werden, dass Bourdieu in Die feinen Unterschiede einen Zustand der französischen Gesellschaft der 1960er Jahre beschreibt. Es geht ihm vor allem darum, aufzuzeigen wie sich die großen Klassenunterschiede in der befriedeten Mittelstandsgesellschaft über den Habitus symbolisch reproduzieren. Ausgangspunkt dieses Kapitels soll eine Annäherung an den Begriff des Unterschichtenfernsehens unter Zuhilfenahme der Theorie Bourdieus sein.

Es erscheint schwierig den Begriff Unterschichtenfernsehen mit Bourdieu zu beschreiben ohne sich vorher seiner primären, theoretischen Axiome vergewissert zu haben. Dementsprechend werde ich zunächst auf die Grundlagen der bourdieuschen Theorie eingehen, um diese anschließend in einzelnen Teilkapiteln auf den Begriff des Unterschichtenfernsehens zu übertragen.

Bourdieu schreibt in Sozialer Raum und Klassen, dass es zum Verständnis einer angemessenen Theorie des sozialen Raumes wichtig sei, mit einer Reihe von Momenten der marxistischen Theorie zu brechen.[13] Eine Aufforderung zur Brechung mit einigen Annahmen der marxistischen Theorie zeigt an, dass Bourdieu das marxistische ‚Konzept’ der Gesellschaft seinen Überlegungen zu Grunde legt. Ebenso wie Marx spricht Bourdieu von Klassen und dem Kapital, verweist jedoch darauf, dass die Klasse in ihrer theoretischen Konstruktion keine direkte Entsprechung, im Sinne einer mobilisierbaren Gruppe, in der Realität hat. Bourdieu differenziert Gesellschaft in drei theoretische Klassen: Die ‚herrschende Klasse’, die sich je nach Verteilung der Kapitalien (s.u.) in eine ökonomische Fraktion der ‚ herrschenden Herrschenden’ (z.B. Unternehmer) und eine – strukturell betrachtet – kulturelle Fraktion der ‚ beherrschten Herrschenden ’ (Künstler, Intellektuelle) aufspaltet. Die zweite Klasse stellt die so genannte ‚Mittelklasse’ bzw. das Kleinbürgertum dar. Diese Klasse differenziert sich ähnlich wie die herrschende Klasse, in der die Mobilitätsprozesse in Auf- und Abstieg einzelner Individuen oder ganzer Klassenfraktionen am ausgeprägtesten sind. Die ‚Volksklasse’ schließlich zeichnet sich durch den geringsten Anteil an den Kapitalien der Gesellschaft aus.[14]

Der Kapitalbegriff Bourdieus geht weit über den primär ökonomisch geprägten Begriff der marxistischen Theorie hinaus. Er unterscheidet ökonomisches (materieller Besitz), soziales (soziale Beziehungen) und kulturelles Kapital zu denen noch das symbolische Kapital (Prestige, Renommee) als wahrgenommene und legitim anerkannte Form der drei vorgenannten Kapitalien hinzukommt. Das kulturelle Kapital wird dabei noch einmal differenziert, Bourdieu unterscheidet inkorporiertes (Bildung/Wissen), objektiviertes (Besitz von Kunstgegenständen und Büchern) und institutionalisiertes (Bildungstitel z. B. Diplom) kulturelles Kapital. Rang und Wert der verschiedenen Kapitalsorten variieren in den jeweiligen Feldern des sozialen Raums. In seiner Wirkungsmächtigkeit käme dem ökonomischen Feld jedoch eine tendenzielle Dominanz zu.[15]

Stärker als die anderen Kapitalien erlauben Umfang und Struktur des kulturellen Kapitals Abgrenzungsbewegungen und Distinktionsstrategien im sozialen Raum. Diese Distinktionsstrategien artikulieren sich im spezifischen Geschmack der Akteure auf den einzelnen Feldern und dem sozialen Raum insgesamt. Bourdieu schreibt dazu in „Die feinen Unterschiede“:

Nur selten nimmt die Soziologie derart prägnant Züge einer Psychoanalyse des Sozialen an wie in der Beschäftigung mit dem ‚Geschmack’, einem Gegenstand, dem innerhalb der Auseinandersetzungen auf dem Kräftefeld der herrschenden Klasse wie dem der kulturellen Produktion eine herausragende Rolle zukommt. Dies nicht nur, weil das Geschmacksurteil gewissermaßen die höchste Ausprägung des Unterscheidungsvermögens darstellt, jenes Vermögen also, das Verstand und Sinnlichkeit, die unsinnliche Begrifflichkeit des Pedanten mit dem begrifflosen Genuß [sic!] des ‚Weltmanns’ versöhnt und darin den ‚vollkommenen Menschen’ definiert. Dies auch nicht nur deshalb, weil jeder Versuch einer Definition dieses Undefinierbaren von vornherein durch die jeweiligen Hüter dessen, ‚was sich schickt’, als sinnfälliger Ausdruck von Philistertum abgetan wird: […] wie es dem ‚Mann von Welt’ unvorstellbar erscheint, den Geschmack, für ihn untrügliches Anzeichen von echtem Adel, auf etwas anderes als auf sich selbst zu beziehen.[16]

[...]


[1] Vgl. Titanic; 1995; 9; Seite 10.

[2] Nolte, Paul: Generation Reform, Jenseits der blockierten Republik. Beck. 1. Auflage. München, 2004.

[3] Tuma, Thomas: „Wer ist Proll?“ In: Der Spiegel. 21/2005. S. 102.

[4] Bolz, Norbert im Interview mit Urbe, Wilfried. In: Die Welt. vom 30.05.2005

[5] Engell, Lorenz: „Über den Abfall.“ In: Bergmann, Ulrike/ Winkler, Hartmut (Hrsg.): TV-Trash, The TV-Show I Love to Hate; Schüren. 1. Auflage. Marburg, 2000. S. 11.

[6] Ebd. Seite 11.

[7] Vgl. ebd. Seite 12 ff.

[8] Ebd. Seite 17.

[9] Vgl. ebd. Seite 22.

[10] Hickethier, Knut: „Trashfernsehen und gesellschaftliche Modernisierung.“ In Bergmann / Winkler 2000. S. 23.

[11] Vgl. ebd. Seite 26 f.

[12] Ebd. Seite 30.

[13] Vgl. Bourdieu, Pierre: Sozialer Raum und „Klassen“. Suhrkamp. 2. Auflage. Frankfurt/Main, 1991. S. 9.

[14] Vgl. Wayand, Gerhard: „Pierre Bourdieu: Das Schweigen der Doxa aufbrechen.“ In: Imbusch, Peter (Hrsg.): Macht und Herrschaft – Sozialwissenschaftliche Konzeptionen und Theorien. Leske + Budrich. 1. Auflage. Opladen, 1998. S. 223 f.

[15] Vgl. ebd. S. 223.

[16] Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Suhrkamp. 1. Auflage. Frankfurt/Main, 1982. S. 31.

Details

Seiten
29
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640322107
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v122652
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft
Note
1,0

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