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"lo fizo, fizo lo, fizol" - Die Stellung der Klitika im 13. Jahrhundert und der Gegenwart

Seminararbeit 2007 28 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1.Allgemeines zu den Klitika
1.1. Definition von Begrifflichkeiten
1.2. Das Inventar der Klitika im Modernen Spanisch (MS)
1.3. Die Herkunft der Klitika
1.4. Die Stellung der Klitika im MS
1.5. Der Status der Klitika – handelt es sich um Affixe?

2. Die Klitika im AS
2.1. Syntaktische Regelung der Klitikadistribution
2.2. Die pragmatische Sichtweise
2.3. Interpolation
2.4. Status der Klitika im AS

3. Das Korpus
3.1. Korpusanalyse
3.1.1. Die Konjunktion e als Auslöser für Rechtsstellung
3.1.2. Verhältnis von finiten und infiniten Verbalformen
3.1.3. „Besondere“ Enklisen
3.1.4. Starkes Auftreten von Proklise im Brief der Dido
3.2. Kritik am Korpus

4. Bevorzugte Linksstellung im MS

Zusammenfassung

Bibliografie

Appendix

Aufschlüsselung der Ergebnisse

Korpus – Primera Crónica General de España

Einleitung

In dieser Arbeit soll die Stellung der Klitika sowohl im Modernen Spanisch, als auch im Altspanisch – insbesondere der im 13. Jahrhundert – dargestellt werden. Dabei liegt aber das Hauptaugenmerk auf historischer Seite, und nach ebendiesem Kriterium wurde auch das KorpusPrimera Crónica General de Españaausgewählt.

Zunächst wird die Arbeit Einblicke in theoretische Aspekte, die Klitikastellung des Modernen Spanisch betreffend, geben bzw. auch kurz die Herkunft der Klitika erläutern.

Danach wird auf die Klitikastellung des Altspanischen eingegangen und unterschiedliche Ansätze aus der Fachliteratur werden einander gegenübergestellt; dazu wird aber auch auf die Fragestellung des Status der Klitika eingegangen und es wird versucht weitgehend selbstständig zu argumentieren.

Die vorgestellten Theorien werden größtenteils im empirischen Teil hinterfragt und unter- sucht. Es ist hier noch anzumerken, dass ein besonderer Schwerpunkt auf der quantitativen Analyse der Klitikastellung liegt.

1. Allgemeines zu den Klitika

1.1. Definition von Begrifflichkeiten

Der BegriffKlitikonlässt sich vom altgriechischen(en)klinein, wassich neigenbzw. anlehnenbedeutet, ableiten. Die Wahl dieses Begriffs erklärt sich durch die Verbundenheit derKlitikazu einem anderen Wort – im Modernen Spanisch das Verb. Man spricht hierbei von einerklitischen Bindung.

Klitikaunterscheiden sich von denPronomendahingehend, dass sie keinen Wortakzent tra- gen; so verwendet man im Spanischen neben dem Begriffclíticoauchpronombre átonooderforma inacentuada, zur Bezeichnung dieselben, als synonyme Begriffe. Pronomen können in der Syntax als Subjekt, als direktes bzw. indirektes Objekt, oder auch in Kombination mit Präpositionen gebraucht werden. Klitische Pronomen hingegen, fungieren vorwiegend als Objekte. In Verbindung mit Präpositionen können sie nicht gebraucht werden und als Subjekt treten sie, bis auf das unpersönlichese, das dem deutschenmanentspricht, nicht auf.

Unterschieden wird zwischenProklitikaundEnklitika; wobei sich einProklitikonstets an das folgende Wort anlehnt, im Spanischen also links vom Verb steht und einEnklitikonan das vorangegangene Wort hinzugefügt wird, folglich die Position rechts vom Verb einnimmt. Kliti- ka haben also, wie Pronomen, Präpositionen, Hilfsverben und Konjunktionen, eine vorwie- gend grammatikalische Bedeutung.

1.2. Das Inventar der Klitika im Modernen Spanisch (MS)

Im Folgenden wird kurz auf das Inventar der klitischen Pronomen eingegangen; zur besse- ren Veranschaulichung soll eine Tabelle dienen. Es werden die MerkmaleReflexivität,Per- son,Numerus,Kasus,GenusundBelebtheitberücksichtigt. Unter der KategorieBelebtheitversteht man die Referenz eines Klitikons auf eine Person.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Für die erste Person stehen die Formenmeundnos, für die zweiteteundos. Der dritten Person entsprechenlo, la, leundseund im Plurallos, las, lesundse. Beisehandelt es sich um die reflexive und unpersonale Form.

Die Pronomina der ersten und zweiten Person drücken den Dativ und den Akkusativ aus und sind auch als Reflexivpronomen gebräuchlich. Außerdem referieren sie stets auf Personen, doch ist die Referenz von der Sprecherperspektive abhängig. (Es handeln sich jedoch immer um anwesende Personen und das Genus ist aus dem Kontext erschließbar.)

Die Pronomina der dritten Person können alle, bis auf dasse, nicht reflexiv gebraucht wer- den. lo / losundla / lasstehen für den Akkusativ Singular und Plural, maskulin und feminin,le / lesfür den Dativ Singular und Plural. Mit den klitischen Pronomina der dritten Person ist eine Referenz auf nicht Anwesendes möglich, so verweisenle / leswie etwame / teeindeu- tig auf Personen. (So kann anstatt deslobei Personen auch dasleverwendet werden.)

Das Klitikonsehat drei verschiedene Funktionen: Einerseits ist es das Reflexivpronomen der dritten Person Singular und Plural, andererseits ersetzt es den Dativle / lesin Verbindung mit dem Akkusativ und außerdem wird es auch noch als unpersönlichessegebraucht, in dessen Fall es dem deutschenmanentspricht.

1.3. Die Herkunft der Klitika

FERNANDEZ-SORIANO schreibt, dass sich die Entwicklung der spanischen Klitika recht eindeu- tig auf ihren lateinischen Ursprung zurückführen lässt. Die erste und zweite Person stammt von den lateinischen Personalpronomen im Akkusativ; die dritte Person hingegen lässt sich von lateinischen Demonstrativpronomen im Akkusativ bzw. Dativ ableiten. Dies lässt sich dadurch erklären, dass im Lateinischen keine Personalpronomen der dritten Person vorhan- den waren. (vgl. FERNANDEZ-SORIANO 1993: 15)

Es ist an dieser Stelle anzumerken, dass diese lateinischen Pronomen betont waren, aber die Sprachwandelprodukte ihren Wortakzent verloren haben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.4. Die Stellung der Klitika im MS(vgl. RAE 1974: 421ff)

Es wird im folgenden Teil überblicksmäßig die Stellung der Klitika im Gegenwartsspanisch dargestellt:

Generell gilt die Regel Proklise bei finiten Verben (1) und Enklise bei infiniten Verben (2). Wenn aber die Infinitiv- bzw. Gerundiumsform einem finiten Verb untergeordnet ist, können sich die enklitischen Pronomen von ihnen trennen und eine Linksposition einnehmen (3).

(1)Te lopregunto.
(2) Voy a preguntártelo.
(3)Te lovoy a preguntar
Bei positiven Befehlsformen wird das Klitikon dem Verb enklitisch hinzugefügt (4), bei nega- tiven proklitisch (5).
(4) Ayúdame!
(5) ¡Que nomeayudes!

Außerdem ist auch die Zahl der Klitika, die dem Verb „angelehnt“ werden können, streng geregelt. So sind es laut RAE zwei, oder sogar drei; Genau beachtet werden muss aber, dass entweder alle unbetonten Pronomen proklitisch oder enklitisch zum Verb stehen. Tref- fen nun mehrere Klitika aufeinander gibt es eine Art „Rangordnung“: So wirdseden anderen ausnahmslos vorangestellt, die zweite Person steht immer vor der ersten (6) und die dritte Person ist stets der ersten und zweiten nachgestellt (7).

(6)Te meproponían para la oficina.

(7)Me loregalaron.

1.5. Der Status der Klitika – handelt es sich um Affixe?

Dieser Abschnitt bezieht sich hauptsächlich auf das MS, die Fragestellung in Bezug auf das AS, insbesondere des Spanisch im 13. Jahrhunderts wird gesondert in einem späteren Kapi- tel behandelt.

Wo sind nun die Klitika einzuordnen? Tragen sie bloß Affixcharakter wie etwa die Tempus-, Modus-, Person- und Numerusaffixe, oder weisen sie über sich hinaus und beinhalten doch gewisse semantische Inhalte?

Einerseits vertritt man in der Fachliteratur (vgl. FERNANDEZ-SORIANO 1993: 22f) die Ansicht, dass es sich bei den Klitika eindeutig um Affixe handeln muss, aber andererseits lassen sich dennoch Beispiele finden, die dieser Sichtweise vieles an ihrer Eindeutigkeit nehmen.

Wie bereits erwähnt tragen diepronombre átonosbzw. pronombres inacentuadoskeinen Wortakzent und sind somit, im MS, gebunden an das Verb. Die Klitika können folglich im Satz weder isoliert stehen, noch Antwort auf eine Frage sein (8).

(8) a. ¿Quieres vino o cerveza? – Vino.

b. ¿Loquieres olaquieres? – *lo.

Ein weiteres Argument die unbetonten Pronomen als Affixe einzustufen, ist etwa auch ihre Unfähigkeit zu koordinieren (9).

(9) a. Pepe trajo el vino y la cerveza.

b. *Pepeloylatrajo.

Wie es in den Beispielen veranschaulicht wird, nehmen die Klitika nach dieser Sichtweise eindeutig einen Affixstatus ein und werden somit auch nur morphologisch gedeutet.

Durch klitische Verbindungen kann es aber auch zu einer Verschiebung des Wortakzents kommen (10), was wiederum die Silbenstruktur des Wortes verändert und die unbetonten Pronomen im phonologischen Bereich eine große Rolle spielen lässt.

(10) a. Me está escribiendo una carta.

b. Está escribiéndomela.

Außerdem könnte man auch die Vermutung aufstellen, dass es sich bei den Klitika um syn- taktische Elemente handelt, da sie bei Nominal- und Pronominalphrasen im Dativ bzw. Ak- kusativ durch die Verbindung mit dem finiten Verb als eine Art „Signal“ für die Fallbestim- mung des Objekts fungieren (11).

(11)Leduele la cabezaa María.

Ferner referieren Klitika auf etwas bzw. stellen einen Platzhalter dar, und sind somit in ge- wisser Hinsicht auch eine semantische Einheit. Dies soll mit folgendem Beispiel veranschau- licht werden:

(12) a. ¿María anhela una pausa?

b. Si, es lógico *[que anhele].

Neben diesen Aspekten sollte auch noch die formale Erscheinung der unbetonten Pronomen unter Betracht gezogen werden. Sie stehen – außer bei den infiniten Verbalformen und dem Imperativ – getrennt vom Verb und sind nun, in formaler Hinsicht, nicht als Präfix erkennbar. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Klitika zwar wesentliche Züge von Verbalmor- phemen tragen und vieles für eine Kategorisierung als Affix spricht, dennoch haben sie im Lauf der Grammatikalisierung in manchen Fällen ihren Status als phonologische, syntakti- sche und semantische Informationsträger bewahrt.

2. Die Klitika im AS

Por su calidad de inacentuados, estos pronombres van siempre inmediatos al verbo con estrecha unidad prosódica. Pero su posición antes o después del verbo ha variado y varía según las épocas y los autores. (RAE 1974: 421)

Zur Klitikapositionierung im AS ist allgemein zu sagen, dass sie, verglichen mit der im MS um vieles flexibler ausgerichtet war. So war es im AS durchaus üblich die Klitika nicht nur an Verben „anzunähern“, sondern auch an andere Wortarten, wie Negationspartikel, unterord- nende Konjunktionen, Nominalphrasen, Interrogativpronomen, etc., aber dazu wird in einem späteren Kapitel noch genauer eingegangen. Zuerst werden in den nächsten Kapiteln zwei verschiedene Haltungen vorgestellt, wie man die Positionierung derpronombres inacentua- dosbeschreiben könnte.

2.1. Syntaktische Regelung der Klitikadistribution

Im AS ergeben sich drei Möglichkeiten der Klitikastellung – enklitisch, proklitisch oder beide Varianten. Es lässt sich auf folgende syntaktische Regeln schließen: Die Rechtsstellung wird bevorzugt nach einer Pause, wenn das Verb an erster Stelle steht, bei einem Vokativ, nach vorangegangenen Nebensätzen und koordinierenden Konjunktionen wiey, o, pero, mas.1 Die Linkstellung ist lediglich in negativen, in von Interrogativpronomen eingeleiteten und in untergeordneten Sätzen obligatorisch, demnach in Sätzen wo noch ein weiteres syntakti- sches Element vor dem Verb erforderlich ist. Die proklitische und enklitische Variante ist gleichermaßen in Hauptsätzen, nach Subjekt- sowie Objektnominalphrasen, nach Adverbien und Adverbnominalphrasen, ebenso nach Präpositionalphrasen und koordinierenden Kon- junktionen wieademás, también, por ende,etc. möglich. (vgl. ENRIQUE-ARIAS 2005: 69).

2.2. Die pragmatische Sichtweise

Nach diesen syntaktischen Aspekten gibt es in der Fachliteratur auch funktionale Ansätze um diese, aus Sicht des MS, spezielle Klitikadistribution des AS zu erklären. So begründet man diese Sichtweise damit, dass es eigentlich nicht geklärt ist, warum man in gewissen Fällen die Links- bzw. Rechtsstellung bevorzugt. Dass es sich bei jenen Fällen, in denen sowohl Proklise und als auch Enklise möglich sind, bei der Distribution um bloße Willkür handelt. Man geht nun davon aus, dass, laut GIVÓN (vgl. 1988: 243ff), die spanische Syntax so geregelt ist, dass wichtige Informationsträger vor das Verb gestellt werden und weniger signifikante eben danach.

NIEUWENHUIJSEN (vgl. 2002: 362ff) gibt für seine Untersuchung an drei altspanischen Texten folgende Hierarchien an:

- Person: [1, 2] > 3 oder Teilnehmer > Nicht-Teilnehmer
- Belebtheit: belebt > unbelebt
- Genus: maskulin > feminin > neutrum
- Semantische Rolle: Agens > Dativ > Patiens (complemento directo)

Die Ergebnisse sehen folgendermaßen aus, dass die Erwartung die Hierarchie der Person betreffend in allen Texten aufging. Die erste und zweite Person neigt eher zu einer prokliti- schen Verbalstellung. Allerdings werden die Annahmen die Hierarchie der Belebtheit, des Genus und der Semantischen Rolle betreffend nicht erfüllt.

Neben diesen Gesichtspunkten, geht NIEUWENHUIJSEN (2002: 370f) auch davon aus, dass leichter identifizierbare Referenten eher zu einer Rechtsstellung neigen. Das heißt nun, dass die Klitika der ersten und zweiten Person in dieser Betrachtung wegfallen, da es sich ja ent- weder um den Sprecher bzw. Rezipienten handeln muss. Anders sieht es allerdings bei den unbetonten Pronomen der dritten Person aus:

[…] la identificación del referente sí es relevante. Cada vez que aparece un PA [pronombre átono] de la 3ª p. el oyente o lector tiene que ir en busca del referente del mismo para poder interpretar bien la información. (NIEUWENHUIJSEN 2002: 370f.)

Wie bereits erwähnt, stehen wichtige Informationsträger im Satz links vom Verb. So sind nun leicht identifizierbare Pronomen in der dritten Person rechts positioniert. (Man könnte hier auch darauf schließen, dass dies eine Erklärung für die, auch bereits in Texten des 13. Jahr- hunderts, bevorzugte Enklise bei infiniten Verbalformen ist.)

Laut GIVÓN (1988: 243ff) gibt es zwei Faktoren, welche die Identifizierung der Referenten erschweren können: Zum einen eine große Distanz zwischen Bezugswort und Klitikon und zum anderen ein komplexer Kontext, der mehrere Bezugswörter ermöglichen könnte. Je größer nun die Distanz zwischen Bezugswort und Klitikon, desto größer ist die Wahr- scheinlichkeit einer Proklise, also Linksstellung; „[…] porque así llamará más la atención del oyente.“ (NIEUWENHUIJSEN 2002: 371)

[...]


1 Diese Regeln entsprechen dem deskriptivenTobler-Mussafia-Gesetz. (vgl. WRATIL 2005: 132f)

Details

Seiten
28
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640265312
ISBN (Buch)
9783640265374
Dateigröße
581 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v122689
Institution / Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz – Romanistik
Note
Sehr gut
Schlagworte
Stellung Klitika Jahrhundert Gegenwart Proseminar Morphologie Syntax Spanischen

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