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Sprachliche Normierung und Standardisierung des Kastilischen unter Alfonso el Sabio

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 21 Seiten

Didaktik - Spanisch

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1. Historischer Hintergrund zur politischen und sprachlichen Situation der iberischen Halbinsel im 13. Jahrhundert
2.1.1 Politische Situation
2.1.2 Sprachliche Situation
2.1.3 Verlauf der Reconquista
2.1.4 Einfluss der Reconquista auf das Kastilische
2.2 Sprachliche Standardisierung in der Zeit Alfonso el Sabios
2.2.1 Definition und Funktion von Literatursprache
2.2.2 Standardisierung als Politik der Mehrsprachigkeit
2.2.3 Beginn der literarischen Tradition des Kastilischen
2.2.4 Standardisierung des Kastilischen im castellano drecho und durch die Toledaner Übersetzungsschule
2.2.5 Gründe für den Erfolg des Kastilischen

3 Fazit

4 Schluss

5 Literatur
Primärliteratur:
Forschungsliteratur
Nachschlagewerke

1 Einleitung

Alfonso X ging als ‚der Weise’ in die Geschichte ein, galt er doch als einer der gelehrtesten Herrscher seiner Zeit: Er förderte Künste und Wissenschaften, führte die Toledaner Übersetzerschule auf ihren Zenit und lies zum ersten Mal Texte ins Kastilische übersetzen. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, baute er das Kastilische zur Literatursprache aus und schuf im Zuge dessen das castellano drecho. Mit ihm, darin ist sich die Fachwelt einig, schlägt die „Geburtsstunde der kastilischen Prosa“[1].

Um so verwunderlicher ist es, dass der „father of the Castilian prose“[2] in sprachhistorische Abhandlungen wenig Beachtung findet. Oft wird in diesen der Beginn des Spanischen als Literatursprache auf das Jahr 1492 mit dem Erscheinen der Grammatik Nebrijas[3] festgelegt. Hans-Josef Niederehe versteht das mangelnde Interesse der Forschung an der Arbeit Alfonsos X als Reaktion auf das Fehlen sprachtheoretischen Abhandlungen seitens des Königs, die Aufschluss über seine sprachpolitischen Intensionen geben könnten.[4] Ein wichtiger Grund könnte auch darin bestehen, dass Alfonsos sprachpolitische Intensionen dem heutigen Betrachter ein Rätsel aufgeben: Anstatt sich auf die Verwendung und Förderung des Kastilischen zu beschränken, lies er weiterhin Texte in andere Sprachen übersetzen. Er selbst beispielsweise dichtete in galizischer Mundart die Cantígas de Santa Maria, eine Sammlung von Marienliedern, die als persönlichstes Werk des Königs gelten. Dieses Faktum wird oft, wenn die Sprache auf Alfonso X kommt, übergangen.

Nach unserem heutigen Verständnis ist „[d]ie Literatursprache ist die am weitesten entwickelte, durch bewusste Normierung geprägte Form einer Nationalsprache.“[5]. Daraus ergibt sich normalerweise der Konflikt, dass eine Sprache einseitig gefördert wird und dies zur Marginalisierung bzw. zur Verdrängung anderer Sprachen, führt. Mit diesem Thema beschäftigt sich auch die Europäische Union, da Minderheiten in Nationalstaaten Angst haben, im Zuge der Europäisierung ihre Identität, die für sie untrennbar an die Sprache gekoppelt ist, zu verlieren. Zur Sprachenfrage wurde bereits eine Reihe von Gesetzen erlassen, aber noch kein Nenner gefunden, auf den sich alle Beteiligten einigen konnten.

Auch Alfonso X regierte zu einer Zeit, in der viele Sprachen in seinem Königreich gesprochen wurden, was sein Vorgehen bei der Etablierung des Kastilischen um so interessanter macht: Er tat alles, was zur Etablierung des Kastilischen als Literatursprache notwendig war, behielt jedoch die Verwendung andere Sprachen bei. Die These, die dieser Arbeit zu Grund liegt, ist, dass man Alfonsos X Vorgehen nur dann verstehen kann, wenn man erkennt, dass seine sprachliche Standardisierung auf einem Model der Mehrsprachigkeit beruhte: Das Kastilische wurde zwar Literatursprache, aber daneben wurden weiterhin andere Sprachen wie beispielsweise das Latein oder das Galizische verwendet. Bestimmt wurde deren Gebrauch durch das Register – auch Kontext, Situation, Genre oder die literarische Tradition genannt – das bestimmte, welche Sprache am besten geeignet war, um Inhalte zu vermitteln. Diese Verständnis von Sprache unterscheidet sich von unserem heutigen, indem es sich nicht auf die identitätsstiftende Funktion von Sprache konzentriert, sondern auf vielmehr auf ihre primäre Funktion, der Vermittlung von Inhalten.

Diese These stützt sich auf die Erkenntnisse Gerold Hiltys in seinem Aufsatz El concepto de la lengua literaria[6] und auf die Ansichten Hans-Josef Niederehes in seinem Buch Die Sprachauffassung Alfons des Weisen[7]. Um diese Ansicht zu erläutern, sollen zunächst die Rahmenbedingungen, in denen die sprachliche Standardisierung stattfand, anhand einer Darstellung der politischen, historischen und sprachlichen Situation der iberischen Halbinsel im 13. Jahrhundert und der Rolle der Reconquista, dargelegt werden. Danach wird auf die literarische Tradition des Kastilischen eingegangen und das Sprachverständnis des Königs vorgestellt. Dies leitet über zu der Art und Weise und zu den Mitteln, derer sich der König zur Etablierung des Kastilischen als Literatursprache bediente: Die Normierung und Standardisierung im castellano drecho, die Bedeutung der Toledaner Übersetzungsschule für die Ausbildung der Sprache im Bereich Stilistik, Wortschatzes, Grammatik und Syntax, und das Aufkommen der neuen Wissenschaften als Medium der neuen Sprache. Warum sich das Kastilische im Laufe der Zeit als Nationalsprache durchsetzte, soll anhand einer Analyse der ihm zugeschriebenen Register geklärt werden.

2 Hauptteil

2.1. Historischer Hintergrund zur politischen und sprachlichen Situation der iberischen Halbinsel im 13. Jahrhundert

Um den Kontext[8], auf dessen Hintergrund, die sprachliche Standardisierung des Spanischen stattfand, zu verstehen, soll zunächst anhand eines knappen politischen, historischen und sprachlichen Abrisses eine Übersicht gegeben werden, wobei auch auf die Rolle der Reconquista – nicht wegzudenken als wichtiger Faktor jener Zeit, eingegangen werden soll.

2.1.1 Politische Situation

Alfons X von Kastilien, genannt Alfonso el Sabio oder Alfons der Weise, herrschte von 1252 bis 1282 als König über Kastilien und León. Geboren 1221 in Toledo, folgte er 1252 seinem Vater Ferdinand III auf den Thron. Politisch zählt er eher zu den schwachen Herrschern: seine Herrschaftszeit war gekennzeichnet von innenpolitischen Unruhen wie Auseinandersetzungen mit dem Adel, Erbfolgewirren, Bürgerkriegen, europäischen Verflechtungen aufgrund von Thronansprüchen und wirtschaftlichen Problemen wie des nahen Staatsbankrotts.[9] Militärischer zählen die Einnahme von Cádiz 1262 und die Vereinigung von Murcia mit Kastilien zu seinen größten Erfolgen. Die Kämpfe, die er gegen die Mauren führte, blieben jedoch weitgehend erfolglos, so dass die Reconquista erst 1492 von den Reyes Católicos abgeschlossen wurde.

2.1.2 Sprachliche Situation

Im 13. Jahrhundert herrschte auf dem Gebiet des heutigen Spaniens eine Situation der Mehrsprachigkeit. Im Norden der Halbinsel wurden von Westen nach Osten folgende Sprachen gesprochen: Das Galizische bzw. das Galizisch-Portugiesische, das Asturisch-Leonesische, das Kastilische, das Navarro-Aragonesische und das Katalanische.[10] Hinzukommt das Baskische im Kontakt mit dem Navarro-Aragonesischen und dem Katalanischen. In den maurisch besetzten Gebieten wurde Arabisch oder Mozarabisch gesprochen. Das Kastilische musste sich also gleich auf mehreren Ebenen behaupten: Zum einen gegenüber den spanischen Dialekten und zum anderen gegenüber den übrigen Sprachen, die auf der iberischen Halbinsel gesprochen wurden. Somit muss der ‚Sieg’ des Kastilischen auf mehreren Faktoren beruhen. Ein wichtiger Faktor war die Reconquista.

2.1.3 Verlauf der Reconquista

Die Verbreitung und Herausbildung des Kastilischen als Sprache Spaniens ist untrennbar mit der Herausbildung der Machtzentren Kastilien und León und somit mit der Reconquista, durch welches es über die gesamte iberische Halbinsel verteilt wurde, verbunden.[11] Die Grafschaft Kastilien war ursprünglich die östliche Grenzmark des Königreiches Asturien-Leóns zu den Gebieten der Mauren. Im Jahre 884 wurde Burgos gegründet und zur Hauptstadt Kastilien-Leóns ernannt. Im Jahre 961 erlangte Kastilien von León unter Fernán González die Unabhängigkeit, fiel 1029 an das Königreich Navarra und wurde danach wieder unter Ferdinand I selbständig. Dadurch wurde das Hauptaugenmerk von León nach Kastilien, das schon immer sehr aktiv in der Reconquista gewesen war, verlagerte. Zur Stärkung der Position des Kastilischen trug etwa zeitgleich im 11. Jahrhundert der Zerfall das Kalifat von Córdoba in mehrere kleine Taifas bei. Dies erlaubte einen kräftigen Vorstoß nach Süden und die Einnahme Toledos im Jahre 1085. Die alte Hauptstadt Toledo des Westgotenreiches wurde unter Alfons VI zur Hauptstadt Kastilien-Leóns erklärt. In der Zeit von 1086-1145 stagnierte die Reconquista; zunächst aufgrund der Vorherrschaft der Almoraviden und später der Almohaden. Jedoch der Sieg der vereinigten Heere von Aragón, Kastilien und Navarra bei Las Navas de Tolosa im Jahre 1212 zwang die Almohaden zum Rückzug und machte Kastilien den Süden der Halbinsel zur Rückeroberung zugänglich. Unter König Ferdinand III werden dauerhaft Kastilien und León vereinigte und in der Zeit von 1236-1248 Córdoba, Murcia, Jaén und Sevilla zurückerobert. Unter Alfons X kommen 1262 Cádiz und 1266 Murcia hinzu.

Obwohl Kastilien so klar seine Vormachtsstellung auf der Pyrenäenhalbinsel behauptet hat, wird die Beendigung der Reconquista mit der Einnahme von Granada 1492 für mehr als 200 Jahre aufgeschoben. Zu den Gründen zählen innenpolitische Probleme sowie die desolate wirtschaftliche Lage des Königreiches Kastilien-Leóns.

[...]


[1] Niederehe, Hans-Josef: Die Sprachauffassung Alfons des Weisen. Studien zur Sprach- und Wissenschaftsgeschichte. Tübingen: Max Niemeyer, 1975, S.1.

[2] Anderson, Robert: Alfonso X el Sabio and the Renaissance in Spain. In: Hispania 44, S.450.

[3] de Nebrija, Antonio: Gramática de la lengua castellana. Madrid: Centro de Estudios Ramón Areces, 1990.

[4] Vgl. Niederehe, S.1-2.

[5] Vgl. www.wissen.de.

[6] Gerold Hilty: El concepto de la lengua literaria. In: Aben Ragel, Aly: El libro conplido en los iudizios de las estrellas. Traducción hecha en la corte de Alfonso el Sabio. Madrid: S. Aguirre Torre, 1954, S.19. In dieser Arbeit wird bei Zitaten Hiltys Name angeführt, um auf dieses Beitrag zu verweisen.

[7] Niederehe, Hans-Josef: Die Sprachauffassung Alfons des Weisen. Studien zur Sprach- und Wissenschaftsgeschichte. Tübingen: Max Niemeyer, 1975.

[8] Die Abschnitte 2.1-2.4 stützen sich auf das Buch von Dietrich, Wolf und Geckeler, Horst: Einführung in die spanische Sprachwissenschaft: Ein Lehr- und Arbeitsbuch. Berlin: Erich Schmidt, 2004.

[9] Ebd., S.163.

[10] Ebd., S.164-165.

[11] Vgl. Ebd., S.166-168.

Details

Seiten
21
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640285075
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v122821
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Romanisches Seminar
Note
2,5
Schlagworte
Sprachliche Normierung Standardisierung Kastilischen Alfonso Sabio Nominierung Spanisch

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