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Der ‚Titurel’ Wolframs von Eschenbach im Fokus der intertextuellen Bezüge zum ‚Parzival’

Hausarbeit 2006 22 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Zum Intertextualitätsbegriff
2.1 Allgemeine Begriffsdeutungen
2.2 Intertextualität in mittelalterlicher Literatur

3 Zur Intertextualität im ‚Titurel’
3.1 Intertextualität in Form und Struktur – Wolframs Erzählkonzept im ‚Parzival’‑Kontext
3.1.1 Die Prologizität der Titurel-Strophen
3.1.2 Das Bogen-Motiv als Mittel der Perspektiverweiterung
3.2 Intertextualität in den Handlungssequenzen
3.2.1 Die Sigunehandlung
3.2.2 Zu den Minneexkurse
3.2.3 Die Gahmuret-Handlung – Zur Intertextualität der Amflise-Figur

4 Fazit

LITERATURVERZEICHNIS

A. Primärliteratur

B. Sekundärliteratur

1 Einleitung

Der ‚Titurel’ Wolframs von Eschenbach nimmt innerhalb der mittelalterlichen Epik in mehrfacher Hinsicht eine besondere Stellung ein. Zum einen ist es der Fragmentcharakter, der auch in der Lektüre immer wieder Rätsel aufgibt, zum anderen ist es seine sprachliche Vielschichtigkeit, die zuweilen den Eindruck des Verschlüsselten hinterlässt. Und nicht zuletzt die Thematik der höfischen Minne, die am Beispiel der jungen Liebenden Sigune und Schionatulander vorgeführt wird, macht das Werk zu einem der meistbeachteten seiner Zeit. Diese Minnebeziehung wird auch in vier bedeutenden Szenen des wolframschen Parzival, den sogenannten Sigune begegnungen, am Rande thematisiert. Sigune betrauert in diesen Szenen den Tod ihres geliebten Schionatulander, sodass der ‚Titurel’ eine Art nachgeschobene Vorgeschichte dieser Szenen darstellt.

Die vorliegende Arbeit soll das Verhältnis zwischen dem ‚Titurel’ und dem ‚Parzival’, am Beispiel intertextueller Bezüge beleuchten. Ausgehend von einer allgemeinen, literatur- und sprachwissenschaftlichen Annäherung an den Intertextualitätsbegriff sollen dessen Besonderheiten im Bezug auf das mittelalterliche Literaturverständnis erläutert werden. Die Untersuchung intertextueller Bezüge soll dabei anhand zentraler Themenkreise und wesentlicher Strukturmerkmale erfolgen, die gleichsam nur eine Auswahl an möglichen Untersuchungsgegenständen darstellt.

Die Schwerpunkt der Untersuchung liegt dabei stets auf der Frage, was der Erfahrungshorizont des ‚Parzival’ für das Verständnis des ‚Titurel’ leisten kann und wo die Grenzen einer Rezeption unter intertextuellen Gesichtspunkten liegen.

2 Zum Intertextualitätsbegriff

2.1 Allgemeine Begriffsdeutungen

Der Intertextualitätsbegriff ist in der Literaturwissenschaft, nicht zuletzt auf Grund seiner Vielschichtigkeit, immer noch sehr umstritten. Besonders in der modernen und postmodernen Literatur gewinnt der Aspekt der Intertextualität jedoch immer mehr an Bedeutung. Eine Annäherung an den Terminus muss deshalb vom kleinsten gemeinsamen Nenner ausgehen.

Einen allgemeinen Definitionsansatz bietet dafür Günter Weise. Er sieht in der Intertextualität Beziehungen, die zwischen Texten, in der Regel einem Textexemplar und seinen Prätexten, bestehen.[1] Diese Definition gewinnt an Bedeutung wenn man annimmt, dass jeder Text auch das Ergebnis der Lektüre anderer Texte ist und Wechselwirkungen somit unumgänglich erscheinen.[2] Ulrike Draesner wies zuletzt nochmals eindringlich darauf hin, dass sowohl der Textbegriff, als auch der Begriff des ‚Bezugs’ in der Literaturwissenschaft umstritten sind.[3] Zudem ergänzt sie den Definitionsansatz Weises um den bedeutenden Aspekt der Autorenintention. So müsse nach Draesner jeder intertextuelle Bezug vom Autor gezielt verwendet werden, um als solcher gelten zu können.[4] Die Intention des Autors sei als „formaler Bestandteil für die Bedeutungskonstitution“[5] unumgänglich. Diese oberflächliche Begriffsdefinition stellt zunächst nur den textübergreifenden Charakter von Intertextualität heraus und sagt noch nichts zu ihren Darstellungsformen. Diese Darstellungsformen können zum einen auf formal-struktureller Ebene, zum anderen auf inhaltlich-pragmatischer Ebene auftreten. Weise unterscheidet hier in zwei Kategorien, die er „Dimensionen der Intertextualität“[6] nennt. Eine vertikale (klassifikatorische) Dimension bezeichnet die Zuordnung eines Textes zu Textgattungen oder Genres, die ihrerseits durch einen bestimmten Katalog an Merkmalen und Eigenschaften definiert sind. Intertextualität entsteht hier also durch konventionalisierte, gattungstypische Eigenschaften, die den Text in Beziehung zu anderen Texten mit gleichen oder ähnlichen Merkmalen setzt.[7] Eine zweite, horizontale (assoziative) Dimension bezieht sich auf inhaltlich, semantische Bezüge zu einem vorangegangenen Text. Der sinnstiftende Charakter der Intertextualität entsteht durch den Rückgriff auf Sinnzusammenhänge eines Prätextes.

Im Allgemeinen unterscheidet man vier grobe Formen der Intertextualität. Die einfachste und zugleich offensichtlichste Form ist das Zitat. Es kann sowohl im Titel als auch im Text vorkommen und entfaltet seine größte Wirkung in Form eines Kurzzitates. Das Zitat ermöglicht den direkten Rückgriff auf den Sinnzusammenhang eines bestimmten Prätextes. Eine weitere Form der direkten Bezugnahme auf einen früheren Text ist das Motto. Es kann aus mehreren Zitaten bestehen und ist häufig in Form von Leitmotiven präsent.

Neben der direkten Bezugnahme kann die Referenz auch indirekt als Anspielung erfolgen. Die Anspielung gilt als anspruchsvollere Form der Intertextualität und erfordert ein hohes Maß an Kenntnissen beim Rezipienten. Der Kontext des Prätextes wird verändert, zum Teil ändert sich auch die komplette Wortbedeutung, wodurch es zu inhaltlichen und strukturellen Varianten im neuen Text kommt.

Eine Weiterführung der Anspielung ist die Parodie oder Travestie. Sie sind Elemente eines kritischen Intertextualitätsbegriffes. Sie stellen nicht nur eine eigenständige Gattung dar, sondern sind auch Ausdruck höchster Intertextualität. Parodie und Travestie setzen den Text in kritische Beziehung zum Prätext und erzielen Komik durch inhaltliche und formale Abweichungen. So kann etwa durch eine übertriebene oder satirische Nachahmung eines Prätextes eine komische und somit kritische Auseinandersetzung mit diesem Text entstehen. Der Unterschied zwischen Parodie und Travestie besteht dabei in der Beibehaltung der Inhaltsebene und einer Veränderung der formalen Gestalt bei der Travestie, wohingegen bei der Parodie die äußere Form des Prätextes gewahrt bleibt, der Inhalt jedoch ins lächerliche verkehrt wird.[8]

Neben der Form des intertextuellen Bezuges hat sich in der Literaturwissenschaft eine Differenzierung des Grades der Intertextualität etabliert. Hier hat vor allem Manfred Pfister in seinem Aufsatz zu Konzepten der Intertextualität eine bis dato nutzbare Kategorisierung vorgeschlagen.[9] Inwieweit diese auch für die mediävistische Literaturwissenschaft anwendbar ist, wird an anderer Stelle noch näher erläutert. Pfister differenziert sieben Kriterien, nach denen der Grad der Intertextualität erkennbar wird. Neben Sinnkomplexion (Menge aller Texte, die dem Bezug zu Grunde liegen), Dialogizität (semantischer Gehalt), Referentialität (inwieweit wird die Wirkungsabsicht deutlich?) und Kommunikativität (inwiefern ist der Bezug dem Autor/Rezipienten bewusst?) eines intertextuellen Bezuges unterscheidet er auch nach Autorreflexivität, Strukturalität (syntagmatische Integration des Bezuges) und Selektivität (Hervorhebung und Auswahl des Bezuges). Diese Herangehensweise ist primär an den Gegebenheiten moderner und postmoderner Literatur orientiert. Im Folgenden soll der Intertextualitätsbegriff und seine Ausformungen auf seine Bedeutung für das Text- und Literaturverständnis der mittelalterlichen Literatur hin untersucht werden.

2.2 Intertextualität in mittelalterlicher Literatur

Betrachtet man Texte der mittelalterlichen Literatur, so kann man oberflächlich betrachtet den Eindruck gewinnen, es wiederhole sich ein und derselbe Ursprungstext in immer neuen Variationen. Immer wiederkehrende Personenkreise, ähnliche Erzählsequenzen und Strukturen unterstützen diesen Ersteindruck. Er entspringt einem postmodernen Literaturverständnis und wird mittelalterlichen Texten nicht gerecht. Deutlich wird jedoch, dass die Intertextualität nicht nur „fundamentaler Bestandteil“[10] der mittelalterlichen Literatur ist, sondern auch eine besondere Qualität annimmt.

Das Hauptanliegen eines mittelalterlichen Autors besteht weniger in der Erfindung eines möglichst originellen Stoffes, als vielmehr in der sprachlichen und formalen Ausgestaltung eines bekannten Stoffes.[11] Dementsprechend differenziert ist der Intertextualitätsbegriff auf die mittelalterliche Literatur anzuwenden. Die Mediävistik hat für dieses Phänomen des primären Interesses an der Adaption eines Stoffkreises den Begriff der Réécriture geprägt.[12] Ausgefeilte rhetorische und strukturelle Konzepte sollen einen bekannten Inhalt in ein neues Äußeres hüllen. Der Inhalt kann bisweilen völlig in den Hintergrund treten.

Ein Deutungsansatz des Vorrangs der Form vor dem Inhalt verweist auf die Tradition der mündlichen Überlieferung. Auch hier werden bekannte Motive in individuelle Worte gefasst, wodurch ebenfalls eine Form von Adaption erfolgt. Diese Tatsache gewinnt an Bedeutung, wenn man sich verinnerlicht, dass die Mehrzahl der Themenkreise der mittelalterlichen Literatur ebenfalls auf mündlich tradierten Sagen- und Stoffgebieten basieren. So erfährt der Intertextualitätsbegriff in der mittelalterlichen Literatur eine starke Erweiterung, da eben die Mehrzahl der Bezüge eher auf kulturelles Wissen aus dem mündlichen Bereich verweisen.[13] Der mittelalterliche Schriftsteller wird so zu einer Art „Übersetzer der Sprachform“[14].

Besonders intensiv tritt Intertextualität in den mittelalterlichen Gralsepen auf. Hier gilt vor allem die Bibel als bedeutender Prätext, dessen Symbolen und Motiven gegenüber der mittelalterliche, gebildete Rezipient besonders sensibel war.

Vor allem Namen spielen für die Intertextualität mittelalterlicher Texte eine wichtige Rolle. Philippe Walter bezeichnet dies treffend als „verstecktes Gedächtnis“[15] eines Werkes, welches in Namen stets enthalten sei. Der Name ruft im Gedächtnis der Rezipienten eine ganze Reihe von Texten und Motiven auf. So steht etwa der Name „Tristan“ unweigerlich für Liebesschmerz und Melancholie und verweist auf ein ganzes Motivgeflecht.[16] Eine Steigerung des intertextuellen Bezugs durch die bloße Namensnennung erfolgt in mittelalterlichen Werken häufig auch durch Namensspiele. Philippe Walter sieht in diesen sogar die Grundlage für mittelalterliche Schreibmodelle, die zur Entwicklung eines textuellen und erzählerischen Kodex konstituierend seien.[17]

Unter diesen Prämissen muss man auch die im vorangegangenen Kapitel dargestellten Kriterien zur Differenzierung des Grades der Intertextualität nach Pfister an mittelalterliche Texte anpassen. So steigt vor allem die Bedeutung der Referentialität gegenüber den anderen Kriterien. Der Bezug löste beim gebildeten Hörer, bzw. Leser eine Vielzahl von Konnotationen aus.[18] Der bloße Name kann so etwa schon umfangreiche Informationen über den Charakter der Figur beinhalten. Ein weiteres dominierendes Kriterium ist die Strukturalität der Bezüge. In mittelalterlichen Texten verweisen diese häufig auch auf parallele Handlungsstränge oder Erzählstrategien vorangegangener Texte oder sind Ausdruck eines bewussten Gegensatzes zu ihnen. Ein weiterer Aspekt ist die Dialogizität, die anders als in modernen Texten in der mittelalterlichen Epik konstituierend ist. In Wolframs Texten und insbesondere im ‚Parzival’ wird die enorme Bedeutung dieses Kriteriums deutlich. Mehrfach setzt sich die Erzählerinstanz sowohl auf inhaltlicher als auch auf formaler Ebene mit Prätexten auseinander.[19] Diese Auseinandersetzung kann wiederholend, ergänzend oder auch kritisierend sein.

[...]


[1] Vgl. Weise, Günter, Zur Spezifik der Intertextualität in literarischen Texten, in: Textbeziehungen. Linguistische und literaturwissenschaftliche Beiträge zur Intertextualität, hrsg.v. Josef Klein und Ulla Fix, Stauffenberg Verlag, Tübingen 1997, S.39.

[2] Vgl. Draesner, Ulrike, Wege durch erzählte Welten.(= Mikrokosmos. Beiträge zur Literaturwissenschaft und Bedeutungsforschung, Bd.36, hrsg.v. Wolfgang Harms), Frankfurt am Main u.a. 1993, S.411.

[3] Vgl. Ebenda, S.37. Auf eine genaue Darlegung des literaturwissenschaftlichen Diskurses zum Begriffsfeld ‚Text’ und ‚Bezug’ wird an dieser Stelle verzichtet.

[4] Vgl. Ebenda, S.66.

[5] Ebenda, S.66.

[6] Weise, Günter (1997), S.39.

[7] Vgl. Ebenda.

[8] Vgl. Weise, Günter (1997), S.44.

[9] Vgl. Pfister, Manfred, Konzepte der Intertextualität, In: Intertextualität. Formen, Funktionen, anglistische Fallstudien, hrsg.v. Ulrich Broich und Manfred Pfister (= Konzepte der Sprach- und Literaturwissenschaft, Bd.35), Tübingen 1985, S.1-30.

[10] Walter, Philippe, Das romanische Gedächtnis. Réécriture, Intertextualität und Onomastik in der französischen Literatur des Mittelalters, In: Texte im Text. Untersuchungen zur Intertextualität und ihren sprachlichen Formen, hrsg.v. Gerda Hassler (= Studium Sprachwissenschaft, Beiheft 29, hrsg.v. Helmut Gipper, Gerda Hassler und Peter Schmitter), Münster 1997, S.114.

[11] Vgl. Ebenda, S.113.

[12] Vgl. Ebenda

[13] Vgl. Kerth, Sonja, Jenseits der matière. Intertextuelles Erzählen als Erzählstrategie, in: Wolfram-Studien, Bd.18, hrsg.v. Wolfgang Haubrichs, Eckart Conrad Lutz und Klaus Ridder (= Veröffentlichungen der Wolfram von Eschenbach-Gesellschaft, hrsg.v. Wolfgang Haubrichs u.a.), Berlin 2004, S.266.

[14] Philippe, Walter (1997), S.114.

[15] Vgl. Ebenda, S.117.

[16] Vgl. Ebenda, S.120.

[17] Vgl. Ebenda, S.125.

[18] Vgl. Draesner, Ulrike (1993), S.412.

[19] So etwa der berühmte Verweis auf den ‚Erec’ und ‚Iwein’ Hartmanns von Aue (Pz.143,21ff).

Details

Seiten
22
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640277209
ISBN (Buch)
9783640277865
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v123099
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Titurel Wolfram Eschenbach Parzival Intertextualität Mediävistik

Autor

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