Lade Inhalt...

Die Schwabenkinder im 19. und frühen 20. Jahrhundert

Eine sozialhistorische Analyse im Kontext ausländischer Wanderarbeit nach Deutschland

Magisterarbeit 2007 128 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung: Gegenstand und Vorgehensweise

2. Eckdaten der alpinen Kinderwanderungen nach Oberschwaben
2.1. Die Wanderungen im Kontext gesamtalpiner Migration
2.2 Zeitlicher Rahmen
2.3. Herkunftsorte und Zielgebiete
2.4. Anzahl, Alter und Geschlecht

3. „Noth bricht Eisen“. Die Ursachen eines Sozialphänomens

4. Ausländische Saisonarbeiter in der deutschen Landwirtschaft im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert

5. Der Zug der Schwabenkinder. Reise und Verdingung im Vergleich zum ostpreußischen Ablauf
5.1. Reisezeit und Wege
5.2. Führer und Agenten
5.3. Der Kindermarkt: exzeptionelles Phänomen oder Ausdruck von Normalität?

6. Die Arbeitswelt der Migranten
6.1. Arbeitsfelder und Arbeitsbedingungen der Schwabenkinder
6.2. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu den Ostarbeitern
6.3. Der Lohn. Formen und Entwicklung

7. Die Lebensverhältnisse

8. Hütekinder und Ostarbeiter im Vergleich
8.1. Streitpunkt Schulpflicht
8.2. Sklavenhandel am Bodensee?
8.3. Kritik aus Übersee und diplomatische Folgen

9. Polonisierung des deutschen Ostens? Nationalkulturelle Phobien und die Frage nach der Ersetzbarkeit der Ostarbeiter

10. Politische Folgen: Behördliche Maßnahmen zur Eindämmung und Regulierung der Wanderarbeit
10.1. Legitimation und Karenzzeit für Ostarbeiter
10.2. Der lange Weg zum Verbot der alpinen Kinderwanderungen
10.2.1. Vor dem Ersten Weltkrieg
10.2.2. Nach dem Krieg
10.2.3. Die Rolle der Kirche

11. Schlussbetrachtung

12. Abkürzungen

13. Quellen und Literaturverzeichnis

1. Einleitung: Gegenstand und Vorgehensweise

Denn wenn auch viele ganz gut untergebracht werden, so mag es doch manche Thräne kosten, wenn sie so vom elterlichen Dache hinausgestoßen werden.1

Diese Worte eines Tiroler Zeitgenossen aus dem Jahr 1877 beziehen sich auf die kindliche Erfahrung innerhalb einer besonderen Spielart von saisonaler Wanderarbeit, die wahrscheinlich seit dem 17. und bis weit hinein in das 20. Jahrhundert die alljährliche Arbeitswanderung von hunderten bis tausenden Kindern aus den alpinen Bergregionen nach Oberschwaben umfasst. Die lange Tradition kindlicher Schwabengängerei stellt ein spät erforschtes Ausnahmephänomen saisonaler Migration dar, denn über Jahrhunderte haben Mädchen und Jungen zwischen sechs und sechzehn Jahren den Weg aus den kargen Bergdörfern der Ostschweiz, vor allem aber aus den Gebieten Tirols und Vorarlbergs gesucht, um sich in den wirtschaftlich besser gestellten Regionen Oberschwabens zu verdingen. Zwar schließt der Personenkreis der alpinen saisonalen Arbeitswanderungen in die badischen, württembergischen und bayerischen Gebiete Oberschwabens auch Menschen erwachsenen Alters ein. Jedoch waren deren Zielgebiete nicht konzentriert auf ein fest umrissenes Zielgebiet. Die Quellendokumentation zeigt, dass erwachsene Alpenbewohner beiderlei Geschlechts über zahlreiche Länder Europas verstreut temporäre Arbeitswanderung vollzogen. Nicht so die Schwabenkinder, deren Name sich traditionell herausgebildet hat und das Zielgebiet der kindlichen Saisonwanderung in sich trägt.

In vorliegender Untersuchung soll der Versuch einer sozialhistorischen, komparatistisch angelegten Analyse dieses besonderen, weil ganz überwiegend kindlichen Sozialphänomens unternommen werden. Wenn auch die Erforschung der Schwabenkinder in den letzten beiden Jahrzehnten zugenommen hat und abgesehen von sozialhistorischer Untersuchung auch die volkskundliche Dokumentation sich anschickt, in musealer wie literarischer Darstellung Aufklärung über die fast vergessenen Kinderwanderungen zu leisten, existiert bis heute keine Studie zur Thematik der Schwabenkinder, deren sozialhistorisch-geografischer Betrachtungsrahmen über die kontextuelle Bezugnahme auf Herkunfts- und Zielgebiete der kindlichen Arbeitswanderungen hinausgeht. Diesem Desiderat innerhalb der bisher isoliert unternommenen Erforschung der Schwabenkinder Abhilfe zu schaffen, ist das Ziel vorliegender Magisterarbeit. Auch wenn dieses Ziel mit einigen inhaltlichen wie methodischen Problemstellungen verbunden ist, kann über die vergleichende Analyse mit anderen Formen historischer Saisonwanderung ein inhaltliches Vergleichsfeld konstruiert werden, das hilft, die Besonderheit des Sozialphänomens Schwabenkinder zu erkennen, indem Gemeinsames benannt und Unterschiedliches hervorgehoben wird.

Als Vergleichsgegenstand ist mit der zur Massenerscheinung avancierten Saisonwanderung osteuropäischer Landarbeiter in die vornehmlich ostdeutsche Landwirtschaft die wohl bekannteste Spielart ausländischer Wanderarbeit nach Deutschland im 19. Jahrhundert gewählt. Grund hierfür ist zum einen die forschungsrelevante, zeitliche Schnittmenge, die eine grundlegende Voraussetzung einer aussagekräftigen Vergleichsstudie bildet. Hinzu tritt der Vorteil einer weit reichenden Erforschung der „Preußengängerei“, die eine kontextuelle Einbettung der Schwabenkinderthematik erleichtert, auch wenn ein Grund liegendes Vergleichsmerkmal, das Alter der Vergleichspersonen, in seiner jeweiligen Ausprägung voneinander abweicht. Doch gerade dies macht die Ausnahmeerscheinung Schwabenkinder aus, muss folglich stets als relativierende Problematik in jeglichen Vergleich mit diesen eingerechnet werden. Die zu untersuchenden Gegenstände innerhalb des kontextuellen Abgleichs sind gleichsam die Hauptmerkmale einer generellen Analyse von saisonaler Wanderarbeit. Dies impliziert die Ursachen und Beweggründe für die Mobilität der Migranten, die zeitlichen wie räumlichen Dimensionen und konkreten Abläufe der Wanderung selbst, die Formen der Verdingung, sowie die Arbeits- und Lebensverhältnisse am Einsatzort. Davon abgesehen sollen aber auch öffentliche Kontroversen, so vorhanden, zur Sprache kommen, um zuletzt politische bzw. behördliche Einstellungs- und Verhaltensmuster im Reflex auf den gesellschaftlichen diskursiven Umgang mit den beiden Typen saisonaler Wanderarbeit vergleichend herauszuarbeiten.

Um das quantitativ sehr viel weiter reichende Massenphänomen der osteuropäischen Wanderarbeit nach Deutschland am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in seiner Vielseitigkeit nicht zum unvergleichbaren Abstraktum geraten zu lassen, ist es notwendig, diesen Kontext einzugrenzen. Daher wird der vergleichende Fokus lediglich auf diejenigen ausländischen Saisonarbeiter gerichtet sein, die in der mittel-, insbesondere aber in der ostdeutschen Landwirtschaft zum Einsatz kamen. Auch soll ein zeitlich begrenzter Ausschnitt der kontinentalen Zuwanderung aus dem Osten lediglich bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs reichen, da der kriegsbedingte Einsatz ausländischer Kräfte die Axiomatik der Untersuchungsmerkmale und damit die Merkmale selbst, grundsätzlich änderte. Da die Schwabenkinderzüge zudem während des Krieges unterbrochen waren, ist dies für den Vergleich folglich nicht von unmittelbarem Interesse.

Aber auch der zentrale Betrachtungsgegenstand, die Schwabenkinder aus den Alpenregionen, kann nicht mit größtmöglicher Detailtreue abgebildet werden, da dies den Rahmen einer Magisterarbeit bei weitem übersteigen würde. Deshalb liegt das Hauptaugenmerk auf den Kinderwanderungen aus Tirol und Vorarlberg im 19. und frühen

20. Jahrhundert, da diese Herkunftsregionen stärkere Zahlengrößen ausweisen, als dies für die am meisten von kindlicher Wanderarbeit betroffenen schweizerischen Kantone Graubünden und Appenzell gilt.

Mit dem Ableben der letzten Zeitzeugen kindlicher Schwabengängerei entfällt gegenwärtig die ohnehin schwindende Möglichkeit, auf persönliche Erinnerungen und Erzählungen der späten Schwabenkinder zurückzugreifen. Umso mehr sind die wenigen, vorliegenden autobiografischen Berichte von hohem Wert, da diese einen unmittelbaren Einblick in den selbst erlebten Erfahrungsschatz kindlicher Schwabengängerei bieten. Die Autobiografie Regina Lamperts „Die Schwabengängerin. Erinnerungen einer jungen Magd aus Vorarlberg 1864-1874“ (erschienen 1996) ist dabei aufgrund ihrer detaillierten Ausführungen hervorzuheben. Hinzu tritt in zeitgenössischer Hinsicht eine weit verzweigte, nicht systematisierte Quellendokumentation. Da von amtlicher Seite nur ein sporadischer Umgang mit der Schwabengängerei gepflegt worden ist, kann nicht auf eine systematisch geordnete, amtliche Aktenregistrierung zurückgegriffen werden. Daher erweist es sich bis heute und trotz umfassender Anstrengungen als unmöglich, mit letzter Sicherheit das gesamte quellenkundliche Material über die Schwabenkinder wiedergegeben zu haben. Ein Versuch, das weit verstreute und unter dem Rubrum anderer Sachgebiete abgelegte Archivmaterial zur Schwabengängerei in seiner Gesamtheit zu erschließen, ist mit einer vielmaligen sprichwörtlichen Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen verbunden.2

Gleichwohl können die bisher erschlossenen amtlichen Quellen als zentral, weil mit aussagekräftigem Inhalt versehen, eingestuft werden. Das in vorliegender Arbeit verwendete Material aus den Tiroler und Vorarlberger Landesarchiven bietet demnach einen facettenreichen Einblick in die verschiedenen Aspekte der öffentlichen Wahrnehmung kindlicher Schwabengängerei zu einem Zeitpunkt, als diese auf ihrem

Höhepunkt anlangten. Auch protokollarische Berichte, Amtsblätter, amtliche Korrespondenzen und zeitgenössische Presseberichte liefern einen eminent wichtigen Teil der historischen Dokumentation.

Die wichtigste, geradezu unumgängliche Standardanalyse zur Thematik der Schwabenkinder liegt zweifelsohne mit Otto Uhligs Studie „Die Schwabenkinder aus Tirol und Vorarlberg“ (bereits in der Dritten Auflage 1998) vor, die sich mit großer archivarischer, wissenschaftlicher Sorgfalt allen relevanten Detailfragen stellt. Auf schweizerischer Seite haben Linus Bühler (vor allem 1975) und insbesondere Loretta Seglias mit ihrem statistisch fundiertem Werk „Die Schwabengänger aus Graubünden“ (2004) wichtige Forschungsarbeit geleistet. Des weiteren sind die Studien von Siegfried Laferton (1982, 1987, 2000) aus der mittlerweile ansehnlichen Zahl der wissenschaftlichen Beiträge hervorzuheben. Aus dem Fundus zeitgenössischer Kurzbeiträge ragen die ausführlichen Darstellungen von Paul Beck, Josef Muther und Ferdinand Ulmer heraus, die jedoch subjektiv eingefärbt sind, wenn auch auf wissenschaftlichen Ansatz und persönliche Erfahrungswerte aufbauen.

Auch die literarische Behandlung des Phänomens kann auf eine gewisse Tradition verweisen.3 In aktueller Hinsicht bietet insbesondere die Lektüre der Romane „Der Hungerweg. Das Schicksal der Schwabenkinder“ (1989) von Othmar Franz Lang sowie

„Die Schwabenkinder. Die Geschichte des Kaspanaze“ (2002) von Elmar Bereuter ein lohnenswertes Unterfangen. Sozialkritisch gegenüber Behörden und Kirche vorgehend, thematisieren sie die Armut in den Tiroler Bergdörfern als zentrale Ursache der Kinderwanderungen. Bereuters Roman baut dabei auf Informationen aus erster Hand auf, da dessen Vater noch selbst als Schwabenkind tätig war. Sein Roman liefert die Vorlage zu Jo Baiers ebenso eindringlichem, gleichnamigen Filmwerk. Sowohl die genannten Romanwerke als insbesondere auch der 2003 entstandene Film haben den Bekanntheitsgrad des Sujets über die regionalen Grenzen hinaus gesteigert. Nicht zuletzt verdienen die zahlreicher werdenden regionalen Projekte wie Theateraufführungen und musealen Ausstellungen zum Thema der Schwabenkinder, wie 1998 in Ravensburg oder ab Sommer 2007 im Tiroler Landesmuseum in Landeck, einer Erwähnung. Denn sie leisten einen informativen Beitrag, Licht in ein dunkles Kapitel deutscher, österreichischer und schweizerischer Sozialgeschichte zu bringen.

2. Eckdaten der alpinen Kinderwanderungen nach Oberschwaben

Um ein Sozialphänomen wie das der Schwabenkinder hinreichend erfassen und analysieren zu können, ist es notwendig, dieses entsprechend der sozialhistorischen Gepflogenheiten zu verorten, seine räumlichen Dimensionen ebenso wie jene Zeitachse zu bestimmen, in der das Phänomen stattgefunden hat. Nicht nur das historische Verständnis, allein die bloße Imaginationskraft des Lesers könnte ohne ein solches Tun nicht in erforderlichem Maße geweckt werden. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Schwabengängerei muss die Wanderungen der Hütekinder des weiteren auch in einen lokalen Sozialkontext stellen, um etwaige Analogien oder Anomalien zu eben jener unmittelbaren sozialen Umwelt vergegenwärtigen und deren Einflüsse auf den eigentlichen Untersuchungsgegenstand benennen zu können.4 Deshalb zeitigt die Tatsache einer existenten zeitlichen und räumlichen Parallelität der Kinderwanderungen zu einer quantitativ noch umfassenderen Wanderungsbewegung, die über Jahrhunderte hinweg generell einen beträchtlichen Teil der alpinen Bevölkerung betraf und zur Herausbildung einer regelrechten Tradition von Wanderarbeit führte, eine nicht zu unterschätzende Relevanz. Denn es ist diese Tradition, welche einen wesentlichen Faktor ausmacht, wenn man die Frage nach der Dauerhaftigkeit und der Resistenz der Kinderwanderungen nach Oberschwaben beantworten will.5 Es liegt nahe, dass die Gewohnheit der alljährlichen Wanderungen das Kultur- und dabei insbesondere das Erziehungsbild eines Großteils der Alpenbewohner prägte, welche, unter den Konstanten eines Bevölkerungsüberschusses bei gleichzeitiger Armut leidend, in der saisonalen ortsfremden Verdingung ein ökonomisches und soziales Ventil begriffen.

2.1. Die Wanderungen im Kontext gesamtalpiner Migration

Hinweise über die Erforschung von Geburtsstatistiken6 deuten demnach bereits für das 16. Jahrhundert auf einen regen Wanderarbeitsverkehr aus Tirol und Vorarlberg in nördliche

Zielgebiete jenseits der Alpen hin. Vor allem Bauhandwerker, und unter ihnen Steinmetze und Maurer bilden das Gros der Jahrhunderte überdauernden Wanderbewegungen. Aber auch Wanderhändler, Söldner, Bildhauer oder erwachsene Dienstboten schlagen hier unter vielerlei Berufsgruppen zu Buche.7 Als vornehmliche Zielgebiete der erwachsenen Migranten waren die heutigen süddeutschen Bundesländer beliebt.8

Ihren Höhepunkt erreichten die Saisonwanderungen aus den Tiroler Alpentälern infolge der weit reichenden Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges.9 Dies änderte sich erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als sie einen bleibenden Rückgang erfuhren, der mit dem Aufkommen der Heimarbeit und einer zunehmenden dauerhaften Abwanderung in Zusammenhang steht.10 Letztlich gelangte das zunehmend im Rückgang begriffene alpine Massenphänomen im Zuge der Wirtschaftskrise nach dem Ersten Weltkrieg, in deren Folge nicht nur in Deutschland eine restriktive Einwanderungspolitik betrieben wurde11, an sein Ende.12

Handelt es sich bei den Kinderwanderungen aus den Gebirgstälern der Schweiz, Vorarlbergs und Tirols um einen Teil des allgemein existenten Massenphänomens alpiner saisonaler Wanderarbeit, so sollen nun von dieser Erkenntnis ausgehend die Dimensionen Zeit, Raum und sozialer Kontext auf die Schwabenkinder selbst angewendet werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten die Zielrichtung der Wanderbewegungen, über Handwerk, Stand, Geschlecht, Herkunft und Alter der Betroffenen. Siehe dazu exemplarisch SPISS, Saisonwanderer, Schwabenkinder und Landfahrer, S. 36. Besonders interessant ist dessen Hinweis auf die Aussagekraft von festgehaltenen Vertretungen bei Taufpatenschaften, auch wenn in den Kirchbüchern genauere Angaben über die jeweiligen Hintergründe der Abwesenheit fehlen. Insgesamt weist SPISS jedoch zurecht darauf hin, dass eine vollständige, valide Untersuchung allein aufgrund der Angaben in den Kirchenregistern nicht möglich ist.

2.2. Zeitlicher Rahmen

Da eine systematische Dokumentation der Kinderwanderungen nach Oberschwaben seitens der Behörden wie einleitend erwähnt zu keiner Zeit stattfand, schweigen sich die Quellen über deren Beginn aus. Erschwerend kommt hinzu, dass von einer aufkommenden öffentlichen Resonanz in Form von Presseartikeln erst gegen Mitte des 19. Jahrhunderts gesprochen werden kann. Öffentliches Desinteresse und Traditionalismus haben somit eine breitere Quellenlage zur Forschungsthematik verhindert. Denn die Bagatellisierung der kindlichen Schwabengängerei als ein Vorgang, der „seit unvordenklichen Zeiten“ betrieben wurde, ist eine Konstante, die sich über die gesamte Dauer hinweg wie ein roter

Faden durch die behördliche Dokumentation zieht.13 Das macht aus heutiger Sicht jeglichen Versuch exakter Datierung, die über 1800 zurückgeht, unmöglich. So sind es lediglich sporadische Berichte und Hinweise, die für die Zeit vor 1800 genügen müssen.

Der erste jener sporadischen Hinweise stammt aus dem Jahr 1625 und steht im Zusammenhang mit den konfessionellen Auseinandersetzungen während des Dreißigjährigen Krieges. Es handelt sich dabei um ein Schreiben Johann Conrad Kostners, Pfleger auf Schloss Bludenz, an die Regierung in Innsbruck, in dem er aus der Bergregion Montafon berichtet: „wol ziechen alle jar zue früelings Zeitten vil Khinder auf die huett nacher Rauensburg, Überlingen und ins Reich hin und wieder, weliche aber vor und nach

Marthini zue Haus khommen, gestalten mann dann an der heurigen Khindern auch erwarten tuett.“14

Otto Uhlig berichtet in seinem Standardwerk zu den Schwabenkindern von weiteren 55 Berichten, die damals von der Regierung in Wien in Auftrag gegeben worden waren und mit deren Hilfe das religiöse Verhalten der Untertanen kontrolliert werden sollte. In keinem jener Berichte kommen jedoch Kinderwanderungen zur Sprache. Es ist somit einem historischen Zufall zu verdanken, dass für die Frühe Neuzeit überhaupt ein historisches Zeugnis für die Schwabenkinder vorliegt. Zwischen diesem ersten Quellenhinweis und der zweiten bekannten Dokumentation liegt ein weißer Fleck von rund 150 Jahren, in denen bisher nichts über die Vorgänge bekannt ist. Uhlig sieht demnach im Vakuum der Berichterstattung durch Landrichter und Landespfleger einen Beleg dafür, dass die Anfänge einer massenhaften Kinderwanderung nicht vor dem 18. Jahrhundert liegen können.15

Im Folgenden ist für das Jahr 1778 im Taufbuch des kleinen Tiroler Ortes Flirsch ein in lateinischer Sprache abgefasster Eintrag vorhanden, der die Firmlinge des Jahrgangs auflistet und mit dem Vermerk schließt: „excepto Joanne Aloysio 21. februarii baptizato, qui tunc abeat custos pecorum in Suevia“.16 Lässt diese Quelle die Vermutung zu, es handle sich auch zu dieser Zeit noch um Einzelfälle der kindlichen Migration, kann dies aufgrund einer wenig später datierten Beschreibung widerlegt werden. In seinem Buch

„Uiber die Tiroler“ aus dem Jahr 1796 erzählt Josef Rohrer in eindringlicher Weise von den Schwabenkindern als einen weit verbreiteten festen Bestandteil des Tiroler Wirtschaftslebens: „Sobald der Bube in einigen Gerichten des Imster Kreises nur laufen kann, so muß er sich es auch schon gefallen lassen, außer seinem Mutterlande Nahrung und Verdienst zu suchen. Man kann die Anzahl der Knaben, welche alljährlich im Frühling vom siebenten Jahre ihres Alters bis zum siebzehnten aus den Pfarreyen […] zum Pferde-,

Kühe-, Schaafe-, Ziegen-, Schweine- und Gänsehüten nach Schwaben ziehen, zuverläßig auf 700 angeben“.17

Die erste bekannte Erwähnung von württembergischer Seite erfahren die Schwabenkinder im Jahr 1810 durch die autobiographischen Angaben Friedrich Ditzingers, Oberamtmann von Ravensburg, der dabei auch auf schweizerische Kinder eingeht.18 Und auch der 1801 getätigte erste amtliche Beleg aus Graubünden stammt aus diesem Jahrzehnt.19 Überhaupt werden die Quellen zum Hütekinderwesen mit Beginn des 19. Jahrhunderts immer zahlreicher, was mit einem starken Anstieg der nach Oberschwaben ziehenden Kinderzahl in der ersten Hälfte des Jahrhunderts zusammenhängt.

Dagegen unterliegt das Ende der zeitlichen Rahmensetzung wiederum einer ganz ähnlichen Ungenauigkeit wie deren Beginn. Das erklärt sich aus der Tatsache, dass es sich weder um eine originäre noch organisierte Erscheinung handelte, sondern gewohnter Teil einer alpinen Tradition war, der auch zu seinem Ende hin keine größere Beachtung geschenkt wurde. Nachdem – wie im folgenden noch genauer dargestellt – die österreichischen Behörden ein Verbot der ausländischen Verdingung im Zuge des Ersten Weltkriegs ausgesprochen hatten, war es zeitlich über das Ende der Erwachsenenwanderung hinaus die Machtergreifung der NSDAP im Jahr 1933 in Deutschland, die den Grenzübertritt von Österreich nach Deutschland erschwerte und so die ohnehin geringe Zahl der

Kinderwanderungen weiter einschränkte.20 Obwohl der Vorarlberger Landesschulrat 1937 die „Schwabenkinderaktion“ dauerhaft aufhob, erhielten allein durch Vermittlung der Arbeitsämter rund 400 Kinder aus dem Oberinntal im gleichen Jahr eine Einreisegenehmigung nach Oberschwaben.21 Obschon von einer Wiederholung dieser Vorgehensweise nach dem Anschluss Österreich an das Deutsche Reich nichts bekannt ist, darf man nicht außer Acht lassen, dass die unorganisierte Form der Schwabengängerei vereinzelt bis in den Zweiten Weltkrieg angedauert haben dürfte.22 Doch auch hier versagen uns die Quellen einen eindeutigen Aufschluss.

2.3. Herkunftsorte und Zielgebiete

Sieht man einmal von der Tatsache ab, dass etwa in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vereinzelt Kinder aus dem Rheinland zur Arbeit nach Oberschwaben gelangten,23 können als klassische Herkunftsgebiete der Schwabenkinder die Gebirgstäler der Ostschweiz sowie das österreichische Vorarlberg und Tirol angeführt werden. Dabei spielt die Voraussetzung der konfessionellen Homogenität von Herkunftsort und Zielgebiet eine entscheidende Rolle, da nicht nur die oberschwäbischen Regionen Badens und Württembergs nördlich des Bodensees, sondern auch das südbayerische Allgäu als auch die Ausgangsorte in den rätoromanischen Kantonen der Schweiz und die Täler Vorarlbergs und Tirols durchweg katholisch geprägt waren.

Wissenschaftlicher Nachweis über die Heimatorte der Schwabenkinder erschließt sich insbesondere aus den Dokumenten des Passwesens. Da Region übergreifend von den betreffenden Behörden in der Regel Reisepässe ausgestellt wurden, bevor die Kinder ihren Weg antraten, können sowohl Anzahl als auch Herkunftsorte in den Aktenbeständen das Passwesen betreffend näher bestimmt werden. Demnach rekrutierten sich etwa Graubündens Schwabenkinder überwiegend aus dem Valsertal, der Surselva und aus dem Lugnez.24

Um die Heimatorte der österreichischen Hütekinder zu bestimmen, können neben den Akten des Passwesens auch zahlreiche weitere behördliche wie kirchliche Quellen und auch verstärkt ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeitgenössische Presseartikel wie essayistische Einzelbeiträge herangezogen werden. In einem Aufsatz zur Wanderung der Schwabenkinder Tirols und Vorarlbergs von 1912 nennt Josef Muther das Illtal, das Klostertal und den Bregenzerwald auf Vorarlberger Seite sowie das Lechtal, das Stanzertal und das Oberinntal mit seinen zahlreichen Nebentälern in Tirol.25 Allgemein erfahren diese Angaben Erweiterung mit den Gebieten Montafon im südlichen Vorarlberg und – in südöstlicher Richtung gelegen– die Talregionen bis ins Vintschgau im Südtiroler Raum, von wo aus die Kinder die weiteste Wegstrecke zu bewältigen hatten. Deren größte Zahl stammt der Forschungsliteratur zufolge aus den angeführten Tiroler Gebieten. Es sind dies heute wohlhabende, da viel besuchte Orte des Skitourismus wie St. Anton am Arlberg, wie Ischgl und Stuben, aus denen sich eine konstant hohe Zahl an Not leidenden Bergbauern alljährlich aufs Neue entschloss, ihre Kinder in die Fremde zu schicken.

2.4. Anzahl, Alter und Geschlecht

Leidet eine exakte zeitliche Einordnung der Wanderungen unter einem dokumentarischen Mangel aufgrund ihrer spontanen, individuellen und nicht organisierten Form, so gilt dasselbe für die Angabe genauer Zahlen. Zwar muss im Letzten offen bleiben, wie viele Kinder insgesamt über die Jahrhunderte hinweg den Weg ins Schwabenland antraten. Jedoch lassen es die Quellen durchaus zu, über die Dokumente wie der Schulbefreiungs- und Legitimationsscheine (und deren Listung), durch Passangaben und historische Aussagen das Sozialphänomen der Schwabenkinder quantitativ mit ausreichend wissenschaftlicher Seriösität einzuordnen.

Auf dem Höhepunkt der Kinderwanderungen aus den österreichischen Gebieten verfasst der Vorarlberger Weihbischof Johann Nepomuk von Tschiderer 1832 einen Bericht an eine nicht genau zu bestimmende höhere kirchliche Instanz.26 Das vierseitige, eigenhändig verfasste Schriftstück bildet im Aktenverbund mit weiteren im Schriftwechsel mit Vorarlberger und Tiroler Verwaltungsbehörden eine Standardanalyse der Schwabenkinderproblematik und soll daher im Laufe weiterer noch zu behandelnder Fragestellungen wiederholt Anwendung finden. Gemäß der, so Tschiderer, „in dieser

Gegend herrschenden Gebräuche […] , von denen einer besondere Aufmerksamkeit zu sich in dessen Auftrag in der Seelsorgestation des Dekanat Zams im Oberinntal aufhielt, um dort das Sakrament der Firmung zu spenden, nicht mit letzter Sicherheit bestätigt werden, ist jedoch durchaus nahe liegend.

verdienen scheint, weil er auf die Moralität und auf die religiöse Erziehung der Jugend großen Einfluß hat […] ist es im Oberinnthal […] allgemein eingeführte Gewohnheit, daß jährlich mit großer Zahl Kinder vom 9ten bis zum 15ten Jahr, sowohl männlichen, als weiblichen Geschlechts ins Ausland wandern, um dort Arbeit, und Unterhalt zu suchen. Einige gehen in die Schweitz, andere nach Baiern, und wenn sie in diesen Provinzen keine

Aufnahme finden, in die nahegelegenen Orte des Großherzogthums Baden, oder des Königreiches Würtemberg.27

Spricht Weihbischof Tschiderer noch von einer „großen Zahl“ wandernder Kinder, ohne nähere Angaben zu machen, so werden in einer schriftlichen Reaktion des Tiroler Guberniums in Innsbruck im März 1833 erstmals konkrete Zahlen genannt: 1800-2500 Kinder aus Vorarlberg, 2500 Kinder aus dem Oberinntal und dem Vintschgau.28 Da der Großteil der aus diesem Jahrzehnt vorhandenen Quellen nicht wesentlich von den Zahlenstärken der gubernialen Akte abweicht, verließen in diesem Jahrzehnt also mehrere tausend Kinder jedes Jahr von März bis Oktober ihre Heimat. Betrachtet man diese Zahlen im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung, so zeigt sich, dass es sich bei den Schwabenkindern nicht etwa um eine Randerscheinung der österreichischen und schweizerischen Sozialgeschichte handelt und sie daher keinesfalls als quantité negligeable übergangen werden können. Hier liegt vielmehr eine Spielart saisonaler Arbeitsmigration vor, die zumindest in relationaler Hinsicht zur Population durchaus mit den Hauptströmen Saisonarbeit suchender Migranten Osteuropas im ausgehenden 19. Jahrhundert vergleichbar ist. So liegt denn auch die Vermutung nahe, dass aus den betroffenen Vorarlberger und Tiroler Tälern während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts „weit mehr

als jeder dritte Knabe im fraglichen Alter den bitteren Weg in die Fremde antreten musste“.29

Derlei hohe Zahlenwerte können für die Schweiz nicht gelten. Im Gegensatz zu den österreichischen Gebieten, wo es bis in die 1830er Jahre zu einem Anschwellen der Kinderwanderungen kommt, um danach in einer stetigen Abnahme begriffen zu sein, liegt hier der Höhepunkt in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Gleiches kann jedoch bezüglich des

Zahlenrückgangs gesagt werden.30 Linus Bühler kommt den von offizieller Seite gemachten Zahlen nahe, indem er von durchschnittlich 700 Graubündner Kinder zwischen 1845 und 1854 spricht31, Loretta Seglias jedoch kommt zu dem Schluss, dass diese Zahlen zu niedrig sind. Und auch die Bündner Zeitung aus dem Jahr 1837 stützt diese Meinung:

Immer mehr scheinen in Bünden die jährlichen Wanderungen nach Oberschwaben überhand nehmen zu wollen. Nie sah man so viel Kinder und auch Erwachsene aus verschiedenen Gegenden des Kantons, und besonders aus dem Oberland, durch Chur dahin ziehen. […] Es war so fast ein anhaltender, ununterbrochener Zug solcher unglücklicher Wanderer. […] Im Ganzen mag die Zahl sich wohl nahe der Tausend belaufe n“.32

Auf oberschwäbischer Seite findet sich eine erste Zahlenangabe in einigen wenigen Akten der lokalen Oberämter um das Jahr 1821. Die Angaben belaufen sich jedoch lediglich auf 147 „fremde Kinder“, die durch das Oberamt Waldsee ermittelt worden waren. Nicht nur der fragmentarische Charakter der Zahlenangaben, welche im Zuge einer Umfrage der württembergischen Königlichen Armen-Comißion ermittelt worden waren, sondern auch die Tatsache, dass das Oberamt Waldsee noch dreißig Jahre später mit den gleichen Zahlen arbeitete, ist Zeugnis für das allgemein herrschende Desinteresse, insbesondere der oberschwäbischen Behörden.33 Ein ganz ähnliches dokumentarisches Brachland bietet auch das bayerische Allgäu. In einer statistischen Erhebung zur landwirtschaftlichen Entwicklung von 1830, durchgeführt von allen Allgäuer Landgerichten, ist ein einzelner Hinweis im Ergebnis der Gemeinde Wohmbrechts, Landgericht Lindau, verzeichnet. Dort ist die Rede von „30 Knaben und 15 Mädchen, wovon die meisten aus dem Vorarlbergischen und der Schweiz sind.34 Von weiteren Zahlenangaben aus dem Allgäu ist bis heute nichts bekannt. Dagegen liefert das Zitat zudem eine Auskunft zur Geschlechterverteilung der Schwabenkinder. Die hier im Verhältnis von zwei zu eins dargestellte Verteilung von Knaben und Mädchen unterliegt zwar einerseits der statischen Beobachtung eines einzelnen Jahrganges; der Gesamtanteil wird jedoch in dieser Höhe von der aktuellen Literatur im Allgemeinen bestätigt. Der Anteil der Mädchen dürfte dabei zum

Höhepunkt der Kinderwanderungen hin am größten gewesen sein,35 was mit den Gründen für die Zunahme des Phänomens in Verbindung steht. Jedoch muss mit Vorsicht darauf hingewiesen werden, dass auch die Aussagen zur Geschlechterverteilung aufgrund der fragmentarischen Quellenlage nicht näher bestimmbar sind.

Befand sich die Schwabengängerei in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf ihrem Höhepunkt, so nahm sie in der zweiten Hälfte bis zu ihrem Ende allerorten kontinuierlich ab. Die Gründe für diesen Rückgang sind nicht eindeutig belegbar und können nur vermutet werden. Zum einen erwachten und wuchsen mit dem Anstieg der Zahlen auch das öffentliche Interesse und die damit verbundene Kritik. Der behördliche Einfluss stieg vor allem mit der strikteren Maßgabe, die Schulpflicht der Kinder und Jugendlichen durchzusetzen, und schließlich Dispense nur noch in Ausnahmefällen zu erteilen. Außerdem kann die wenn auch sehr langsam und erst ab dem frühen 20. Jahrhundert spürbare Verbesserung der Wirtschaftslage zu den Gründen des allmählichen Versiegens der Schwabengängerei gezählt werden.36 Und auch ein damit einhergehender Rückgang der absoluten Kinderzahlen dürfte einen Beitrag zum Ende des Phänomens geleistet haben.37

Ungeachtet der Tatsache, dass ein 1891 gegründeter „Hütekinderverein“ die Schwabengängerei aus Tirol, von wo nach wie vor die meisten der Kinder nach Oberschwaben reisten, in organisatorische Bahnen gelenkt hatte, ging die Zahl immer mehr zurück, sodass im Jahr 1900 nunmehr 500 Kinder gezählt wurden. Auf seinem letzten Transport registrierte der Verein 1914 gar nur noch 200 Tiroler Hütekinder.38

Es bleibt, das Alter der Schwabenkinder zu bestimmen. Das Gros der wissenschaftlichen Beiträge zur Thematik geht auf die Frage des Alters nur kurz und oberflächlich ein, ist daher nicht frei von Widersprüchen hinsichtlich der Altersgrenzen der Betroffenen. Die profundesten Darstellungen zu diesem Aspekt bieten Uhlig und Seglias. Letztere illustriert anhand einer kompakten Quellenanalyse die Bemühungen der württembergischen Behörden zwischen 1838 und 1841, bei den amtlichen Stellen in Graubünden die Kontrolle des Gesundheitszustandes sowie eines Mindestalters durchzusetzen. In einem Schreiben des Königlich-Württembergischen Oberamtes Tettnang an die Bündner Regierung wies man darauf hin, dass sich unter den Saisonarbeitern auch „solche Leute befinden, welche entweder wegen zu hohen oder zu jugendlichen Alters zu ernstlichen Arbeiten augenscheinlich unfähig waren.39 Die im Folgenden geäußerte Androhung, künftig keine Kinder unter zehn Jahren mehr nach Württemberg einreisen zu lassen, wurde bereits ab 1839 in die Tat umgesetzt. Überhaupt kann ab dieser Zeit erst von ansatzweisen behördlichen Maßnahmen zur Reglementierung des Mindestalters gesprochen werden. So versuchte man nun wiederholt, über die Verweigerung bei der Passausstellung und durch Strafandrohung bei Missachtung der Altersgrenzen40 die Arbeitsfähigkeit der wandernden Kinder zu gewährleisten. Zudem konnte es vereinzelt auch passieren, dass ein zu junges Hütekind vor Ort keinen Bauern fand, der es verdingen wollte, und so die unmittelbare Heimreise antreten musste.41

Im Allgemeinen kann gesagt werden, dass Hütekinder im Alter zwischen sechs und sechzehn Jahren im Dienst gestanden haben, durchschnittlich zehn bis zwölf Jahre und eher selten jünger als acht Jahre alt waren.42 In landwirtschaftlichen Krisenjahren wie etwa 1816/17 oder 1847 sowie generell während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sank das Durchschnittsalter mit der Ausweitung der Kinderwanderungen herab und schloss auch häufiger Kinder vor dem neunten Lebensjahr in die Wanderarbeit ein.

3. „Noth bricht Eisen“. Die Ursachen eines Sozialphänomens

Betrachtet man die Schwabenkinder aus heutiger Sicht, dann drängt sich besonders eine Frage unmittelbar auf. Es ist die Frage nach den Ursachen dieses Phänomens, wie es möglich war, dass tausende Eltern jedes Jahr gezwungen waren und tausende Kinder gezwungen wurden, ihre vertraute Heimat zu verlassen und an fremden Orten und unter der Obhut fremder Menschen Arbeitsdienst zu verrichten. Untersucht man diese Gründe, so ist es nicht schwer zu ersinnen, dass es solche von existentieller Art gewesen sein müssen. Einerseits lassen sich dafür natürliche Gegebenheiten angeben mit Bezug auf die herrschenden geografischen und klimatischen Verhältnisse. Andererseits sind es gesellschaftliche, rechtliche und politische Faktoren, die zusammen mit den natürlichen

Gegebenheiten ein Konglomerat bilden, welches in einem Wort die über Jahrhunderte währende ökonomische Realität und damit das Leben der alpinen Bergbauern beschreibt: die Armut.

Der Begriff Armut ist in diesem Kontext als Zustand der materiellen Besitzlosigkeit zu verstehen, meint also keinen graduellen Unterschied in der Klassifizierung von Wohlstandsverhältnissen. Betroffen war davon in erster Linie der Bauernstand der alpinen Bergregionen und somit der ganz überwiegende Teil der Bevölkerung. Von einem bäuerlichen Besitzverhältnis kann erst im Zuge der Bauernbefreiung ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gesprochen werden, für den Zeitraum vorher gilt die ständestaatliche Organisation des Pachtlandes. In beiden Fällen existierte aber kaum ein weiterer Besitz, kein Kapital, mit dem sich investiv wirtschaften hätte lassen. Geldkapital war den Bergbauern gänzlich fremd, der Besitz von Bargeld eine äußerst seltene, maximal geringfügig auftretende Erscheinung.43 Die Existenzgrundlage hing ganz und gar von der wirtschaftlichen Ausbeute der Bodenbearbeitung ab. Deren Ertrag reichte aber nicht aus, um die kontinuierliche Versorgung mit Lebensmitteln zu gewährleisten. Zur Armut gehört daher der Hunger.

Ein definitorischer Diskurs zur näheren Bestimmung von Armut und mit dem Ziel einer breiten öffentlichen Auseinandersetzung und Sensibilisierung findet generell im bürgerlichen Zeitalter zwar durchaus statt, jedoch nicht im Kontext der Kritik an den Schwabenkindern in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.44 In Ermangelung einer öffentlichen Diskussion zur Thematik der alpinen Armut liegt die Erkenntnis nicht allzu fern, dass ein breiter Kanon zur Forderung nach Linderung solch ärmlicher Verhältnisse kaum entstehen konnte. Die Kritik an der Schwabengängerei stand somit von Beginn an auf tönernen Füßen.45

Eine Untersuchung der natürlichen Lebensbedingungen zeigt, dass die kargen Bergregionen nur beengten landwirtschaftlichen Nutzraum zuließen. Exemplarisch dafür kann die Geologie des Stanzertales in Tirol stehen, ein Seitental des Oberinntals, das von hohen Bergmassiven umgeben ist und an deren steilen Hängen keine fruchtbaren Böden vorhanden sind.46 Der Landwirtschaft sind von Natur aus somit enge Grenzen gesetzt, denn lediglich die Talsohle ist hierfür geeignet. Wiesen- und Weidenutzung waren dabei im Stanzertal noch eher möglich als der Ackerbau, der nur eine geringfügige Flächennutzung ausmacht, die Viehzucht verzeichnete jedoch ebenfalls keine genügende Grundlage.47

Hinzu treten die klimatischen Bedingungen. Zwar sind diese Verhältnisse für die Alpen insgesamt gesehen unterschiedlich zu bewerten. Doch Schneefall und Kälte sind ein omnipräsentes, wenn auch für die Landwirtschaft nicht gleich intensiv auftretendes Problem. Die Jahrestemperatur für das Stanzertal beträgt im Durchschnitt nicht mehr als 5 bis 9 Grad Celsius, zu kalt, um dauerhaft gute Ernten einzufahren. Dazu kommen erschwerend Frühjahrs- und Herbstfröste, die Jahr für Jahr Aussaat und Ernte gefährdeten.48 Hinzu treten aber auch Naturgewalten, vor denen die Alpenbewohner zu keiner Zeit gefeit waren. Lawinen im Winter und Muren im Sommer sind zwei der bekannteren Beispiele, die den Menschen in seinem ökonomischen Spielraum noch weiter einschränkten.

Besonders schwierig gestaltete sich aufgrund dieser natürlichen Bedingtheiten der Aufbau und die Nutzung eines intakten und weit verzweigten Verkehrsnetzes, das ökonomisch gesehen allgemein von herausragendem – wenn nicht von entscheidendem Wert für wirtschaftliche Prosperität ist. Die Bergbauern im Stanzertal wie in den übrigen Tälern waren demnach oftmals gezwungen, mühsame und Zeit raubende Wege in Anspruch zu nehmen, um ihre Anbauflächen zu erreichen, was sich unter ungünstigen klimatischen Bedingungen noch misslicher gestaltete. Die Literatur bietet zahlreiche anschauliche Einblicke in die Lebens- und Arbeitsbedingungen der alpinen Bergbauern: „Im Winter mußte auf verschneiten und eisigen Schlittenbahnen Holz und Heu von den bis zu drei Stunden entfernten Wiesen und Forsten zu den Siedlungen gebracht werden, wobei die zu

überwindenden Steilhänge und die schlechten Wege diese Arbeiten beinahe zu einem lebensgefährlichen Unternehmen machten.49 Doch auch der Transitverkehr, der den Handel angeregt und somit die wirtschaftliche, weil geografische Isolation aufgebrochen hätte, hielt in den betroffenen Regionen sehr späten Einzug.50 Erst mit der Eröffnung der Arlbergbahn in Westtirol und sowie der Gotthardbahn im ostschweizerischen Gebiet zu Ende des 19. Jahrhunderts gelang hier eine Verkehrsanbindung, die als Auftakt für weitere

ökonomisch stimulierende Maßnahmen zur Verkehrsanbindung geplant waren. Letztendlich hat erst die Herausbildung des Fremdenverkehrs seit der zweiten Hälfte des

20. Jahrhunderts zur Ablösung der Landwirtschaft als Haupterwerbsquelle geführt.51

Vor und während des 19. Jahrhunderts kann dagegen von einem Vorhandensein gewerblicher Strukturen im sekundären und tertiären Bereich keine Rede sein. So berichtet das Tiroler Gubernium in Innsbruck 1815 an die Wiener Staatsregierung: „Industrie und Handel liegen derzeit noch gänzlich darnieder“.52 Einzig in urbanen Vorarlberger Randgebieten nahe der Stadt Bregenz kam es ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vereinzelt zu industriellen Ansiedlungen. Jedoch waren diese besonders dem wirtschaftlichen Neuerungen gegenüber kritisch eingestellten Klerus ein Dorn im Auge. Zudem blieb die bäuerlich konservative Mentalität neuen Fabriken in Vorarlberg gegenüber verschlossen, sodass die vereinzelt einsetzende Fabrikarbeit kaum ein Elternhaus davon abhalten konnte, seinen Kindern den Gang ins Schwabenland zu ersparen.53

Haben die natürlichen Gegebenheiten einer Großzahl der Bevölkerung langfristig keine saturierende Ernährungslage ermöglicht, so muss zwangsläufig ein Missverhältnis zwischen Ertrag und Bevölkerungszahl existiert haben. Das führt wiederum zu der Frage nach der Bevölkerungsentwicklung und einer möglichen Korrelation mit dem vielerorts beklagten Phänomen der Armut. Tatsächlich durchzieht das Argument der

Überbevölkerung54 die gesamte Literatur zur Ursachenforschung der Schwabengängerei.

Trotz wiederkehrender Seuchen, hoher Kindersterblichkeit und mangelnder Hygiene im Alltag und in der Krankenpflege verdreifachte sich die Bevölkerung Westtirols zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert.55 Problematisch wurde dies, weil das Wachstum schneller zunahm als das nutzbar gemachte Land. Die Folge waren eine latente Lebensraumkrise und die damit verbundenen bereits beschriebenen hohen

Auswanderungszahlen im 17. und frühen 18. Jahrhundert, in deren Sog sich auch die Kinderwanderungen herausgebildet haben dürften. Da dieses Missverhältnis sich nicht vor der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit einem erstmalig verzeichneten leichten Rückgang der Tiroler Bevölkerung entspannte, andererseits auch nicht mit der Erschließung neuer Erwerbsquellen aufgrund tiefgehender gewerblicher Strukturmängel zu rechnen war, zog sich die Lebensraumkrise auch über das 19. Jahrhundert hinweg durch weite Teile der behandelten Regionen. Denn die Problematik erfasste auch die Ostschweiz und konnte dort ebenfalls erst gelöst werden, als nur noch wenige Kinder nach

Oberschwaben zogen.56

Sah man in der dauerhaften oder saisonalen Abwanderung der überschüssigen Bevölkerung ein probates Mittel gegen die herrschende Armut, so musste dies umso mehr für diejenigen Bewohner gelten, welche nur bedingt oder überhaupt nicht an der Produktion von Nahrungsmitteln teilnahmen, im Gegenteil die Notlage noch steigerten – die Kinder.

Im Schriftwechsel des Weihbischofs Tschiderer mit den Regierungsstellen in Tirol und Vorarlberg schreibt der Oberinntaler Kreishauptmann am 7. September 1832: „… und die Not steigt noch vom Frühjahr bis zum Herbst, wo wieder Nahrungsmittel eingebracht werden. Kaum möglich würde es manchem Hausvater sein, in dieser Periode eine zahlreiche Familie zu erhalten, weswegen er sucht, denjenigen Teil seiner Familie, der ihm bei der dieslands so beschwerlichen Feldarbeit nicht behilflich sein kann, nämlich die Kinder von 9 bis 15 Jahren, vom Tisch zu entfernen.“57

Es mag aus Sicht der gegenwärtigen Überflussgesellschaft schwer vorstellbar sein, dass die meist kinderreichen Familien schlichtweg vor die Wahl gestellt waren, entweder die

„unnützen Esser“ vom Tisch zu entfernen, mehr noch: sie statt dessen wenn irgend möglich in den Produktionsprozess durch ortsfremden Nebenerwerb einzubinden, oder von Armut, Hunger und Verschuldung übermannt zu werden. Vom Lebensmittelpunkt existenzieller Not aus betrachtet bleibt es jedoch stets eine nachvollziehbare Tatsache, dass sich unter diesen Umständen die moralischen Gravitationen verschieben. Hunger schafft härtere Moralgesetze.

Mit der Bevölkerungsentwicklung eng verbunden ist überdies das angewendete Erbrecht als Grund für Armut und Schwabengängerei zu sehen. Sowohl in den ostschweizerischen Kantonen als auch in Tirol und Vorarlberg versuchte man der Bevölkerungszunahme mit ihrem pauperisierenden Effekt Herr zu werden, indem man die erbrechtliche Variante der Realteilung praktizierte. Das elterliche Erbe wurde dabei unter allen Nachfahren aufgeteilt mit dem Ziel, sie dadurch vor Armut zu bewahren. Die Praxis zeitigte jedoch eine gegenteilige Wirkung. Denn in der Folge kam es zu einer immer weiter um sich greifenden Güterzerstückelung, welche die ohnehin knappen Ressourcen aufsplitterte und somit meist keinem der Erben eine ausreichende Subsistenzgrundlage hinterließ.58 Agrarische Klein- und Kleinstbetriebe mit Zwang zum Nebenerwerb wurden so immer mehr zur vorherrschenden wirtschaftlichen Korporationsform, was nicht nur in betriebs- sondern auch in volkswirtschaftlicher Hinsicht zu einer stagnierend niedrigen Entwicklung führte und die Not dauerhaft festigte.

Eine zweite Wirkung der Realteilung war, dass fast jeder neu geschaffene Betrieb zur Gründung einer zusätzlichen Familie führte, was die Überbevölkerung nur noch verstärken musste und somit die Zielsetzung der Realteilung ad absurdum führte.59 Zwar wussten die Behörden um den Armut verstärkenden Effekt der Realteilung und hatten bereits im 18. Jahrhundert wiederholt versucht, ihr durch Verordnungen entgegenzuwirken. Doch blieb es bei einzelnen sporadischen Versuchen, die im Zuge der allgemeinen Liberalisierungspolitik in den 1860er Jahren an ihr Ende gelangten, bevor sie etwas bewirken konnten. 1868 wurde jegliche Beschränkung der Teilung per Gesetz aufgehoben.60

Diese der Armut zugrunde liegenden langfristig wirkenden Ursachen wurden von kurz- und mittelfristigen Erscheinungen begleitet, die entweder mildernd oder verschärfend in die ökonomische Situation der Bergbauern eingreifen konnten. Generell musste sich die

Bevölkerung in schlechten Erntejahren auf Teuerungen einstellen, was die Lage besonders in den ohnehin ärmsten Gebieten schlagartig dramatisch gestalten konnte. Insbesondere sind hierbei die Hungerkatastrophen von 1816/17 und 1847 zu nennen, als die Kartoffelfäule über ganz Europa hinweg schwere Ernteausfälle nach sich zog und mancherorts zu Hungertod und tief greifenden sozialen Verwerfungen führte.61

Ein anderer Faktor, aus dem sich der Höhepunkt der Kinderwanderungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erklären lässt, bildet die Besatzung Tirols, Vorarlbergs und Graubündens während der Napoleonischen Kriege und die damit einhergehenden Konfiskationen und Plünderungen durch das Militär. Während französische, österreichische und russische Truppen die ostschweizerischen Gebiete heimsuchten, war es in Tirol vor allem die bayerische Besatzungsmacht, die den Menschen zusätzliche Opfer abverlangte.62 Der verschärften wirtschaftlichen Rezession begegneten die Bewohner auf die gewohnte Weise, sie schickten umso häufiger ihre Kinder nach Oberschwaben.

Doch all diese genannten Gründe reichen allein nicht aus zu erklären, warum gerade aus den alpinen Bergregionen über Jahrhunderte hinweg und scheinbar resistent gegenüber jeglichen politischen Umwälzungen Kinderzüge nach Oberschwaben stattfanden. Denn auch andere Regionen Europas kannten den Alltag des Hungerns. Auch andere Regionen hatten unter den mannigfaltigsten Erschwernissen zu leiden, die einerseits in ihrer sozioökonomischen Komposition sicherlich nicht identisch mit denen der Heimat der Hütekinder waren, gleichwohl eine ähnliche Erscheinung zumindest historisch nachvollziehbar machen. Dennoch ist nichts dergleichen bekannt.

Der entscheidende Impuls, der die Idee der Kinderwanderung nach Oberschwaben befeuerte und ihre Traditionalisierung und das Gewohnheitsmäßige daran ausmacht, ist nur im Verbund mit dem Blick auf das Zielgebiet der Kinderzüge zu erschließen. Es müssen demnach auch wirtschaftliche, soziale und politische Faktoren, genauer gesagt Verbindungen zwischen Herkunfts- und Zielgebiet gewirkt haben, welche den oberschwäbischen Regionen eine ökonomische Attraktivität sondergleichen zukommen ließen.

Grundlegende Voraussetzung für eine konstant hohe Zahl an Saisonwanderern in Zeiten mangelnder Fortbewegungsmittel war fraglos die geografische Nähe Oberschwabens. Aus dieser Nähe resultierte über die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts hinweg auch eine staatsrechtliche Verbindung zwischen Vorarlberg und Oberschwaben. Dieses einheitliche Verwaltungsgebiet trug den Namen Vorderösterreich und existierte bis 1784. Kurze Zeit später, von 1805 bis 1815 wurden dann Vorarlberg und Tirol in das bayerische Herrschaftsgebiet eingegliedert und waren gleichzeitig auch mit den am Bodensee gelegenen Bezirken Ravensburg und Tettnang politisch vereint.63 Nach der Napoleonischen Ära wurden die Gebiete endgültig voneinander getrennt und die Bodenseeregion dem Königreich Württemberg, Tirol und Vorarlberg dem österreichischen

Kaiserreich zugeschlagen. Gerade in verwaltungstechnischer Hinsicht kann diese zeitweise staatsrechtliche Liaison einer spontan und lange unorganisiert ablaufenden saisonalen Wanderungsbewegung nur zuträglich gewesen sein, da es unter diesen Voraussetzungen nicht notwendig war, Staatsgrenzen zu überqueren, Reisepässe zu erbitten und Aufenthaltserlaubnisse einzuhalten. Zu dem Zeitpunkt als nach 1815 diese Hindernisse den Weg der Kinder erschwerten, sah sich die Bevölkerung einer besonders prekären Notlage gegenüber, und die Erscheinung der Schwabenkinder war etabliert. Dennoch muss das staatsrechtliche Argument relativiert werden, da im Umkehrschluss die rätoromanischen Bauern der Ostschweiz ihre Kinder auch ohne diese Verbindung in großer Zahl nach Oberschwaben schickten. Das Argument der politischen Gebietseinheit kann also lediglich als unterstützender Begleitumstand eingestuft werden.

Von entscheidender Bedeutung war vielmehr der ökonomische Reiz, den Oberschwaben ausstrahlte. Günstigere klimatische und geografische Bedingungen ließen dort eine florierende Agrarsituation zu. Landwirtschaftliche Kulturfläche wie Bevölkerungsdichte waren um ein vielfaches höher als in den kargen Bergregionen Österreichs und der Schweiz.

Tabelle 1: Landwirtschaftliche Kulturfläche Tirols und Württembergs64

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aus: ULMER, S. 116f.

Die tabellarischen Flächenvergleiche zwischen den Tiroler und Württemberger Bezirken verdeutlichen, dass allein die Ackerfläche Württembergs um ein 30-faches diejenige Tirols übersteigt. Ähnliches gilt für die Getreidefläche. Wenn auch auf die mangelnde Aktualität des statistischen Materials hingewiesen werden muss, so besteht dennoch ein evidenter Unterschied hinsichtlich der agrarischen Prosperität der Vergleichsgebiete. Vor allem die Getreidewirtschaft mit ihrem beachtlichen Potential zog bereits kurze Zeit nach der tiefen Zäsur des Dreißigjährigen Krieges eine große Zahl an Wanderarbeitern an und galt somit als gewohntes Zielgebiet für österreichische und schweizerische Migranten. So verwundert es nicht, dass zeitgenössische Berichte die ökonomischen Verhältnisse in Oberschwaben überschwänglich beschrieben. „Wohin sich auch der Blick über das sanfte Hügelland wendet, überall bietet sich dem Auge das Bild eines gesegneten Gebietes. Die wogenden

Getreidefelder unterbricht ragender Hopfen und ausgedehnte Obstgärten schließen die Siedlungen der Menschen ein.65 Nach den Worten Muthers, die nicht ohne einen romantisierenden Unterton abgefasst sind, gilt Oberschwaben als eine wahre Kornkammer, die „jedes Jahr die Gebirgsgegenden von Tirol, Vorarlberg und der Schweiz mit Getreide reichlich versieht.66 Daraus folgt, dass die vorhandenen Handelsbeziehungen zwischen Ziel- und Herkunftsgebieten der Schwabenkinder zu einer weiteren Verflechtung führten. In merkantiler Hinsicht kann also von einem Binnenland mit einem ertragreichen und einem ertragarmen Teilgebiet gesprochen werden; dagegen nicht von einer Möglichkeit, die Not leidenden Bergregionen mit Gütern aus dem württembergischen und südbayerischen Raum ausreichend zu versorgen. Allein die Infrastruktur in den Alpen ließ das keinesfalls zu.

Ein weiterer Grund der ökonomischen Divergenz liegt in den erbrechtlichen Strukturen Oberschwabens begriffen, die im Gegensatz zur Realteilung ein ungeteiltes Hoferbe an den ältesten oder den jüngsten Nachfahren vorsahen.67 Das hier praktizierte Anerbenrecht verhinderte die dort ökonomisch so verheerenden Folgen der Güterzerstückelung. Die Bauern konnten so auch unter dem Druck der Bauernbefreiung ihre wirtschaftliche Stellung weitgehend behaupten, sodass in Württemberg, aber auch im südbayerischen Raum mehr als die Hälfte aller landwirtschaftlichen Betriebe aus mittel- und großbäuerlichen Betrieben bestand. Besonders stark machte sich das bei der Verteilung der agrarischen Gesamtfläche aus. Die mittel- und großbäuerlichen Einsiedlungen konnten hier über 90 % des bebauten Bodens auf sich vereinigen.68

Seit dem 18. Jahrhundert erfuhr die Landwirtschaft in den schwäbischen Regionen zudem verschiedene Umstrukturierungen, aus denen nicht nur eine stärkere Gewichtung der Milchwirtschaft, sondern auch das Einödesystem mit teilweise weit verstreuten Höfen hervorging.69 Beides zog einen erhöhten Bedarf an Dienstboten und Tagelöhner nach sich, was in Erntezeiten ganz besonders spürbar wurde. Da aber die Geschwister des Erben immer öfter den Weg in die Städte suchten und die zumeist höheren Löhne in der Industrie wie andere soziale Vorteile der Arbeit am Familienhof vorzogen, klagten die Bauern im

Laufe des 19. Jahrhunderts zunehmend über einen Mangel an Arbeitskräften, was sich in den letzten Jahrzehnten zur dauerhaften Leutenot steigerte.70 Saisonarbeiter galten folglich als besonders willkommene weil billige Aushilfskräfte.

Den Alpenbewohnern, soviel ist mit Sicherheit zu sagen, war seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges bis weit hinein in das 20. Jahrhundert stets bewusst, im reichen Oberschwaben Arbeit und Zuverdienst finden zu können. Denn der feste Bestandteil der Saisonarbeit in der Landwirtschaft nördlich der Alpen stellte eine verlässliche Größe dar. Und Schwabenkinder, die billigsten Dienstboten, die ein oberschwäbischer Bauer bekommen konnte, waren ein begehrtes Gut, das sehr selten von dort zurückkehrte, ohne Arbeit gefunden zu haben. Die Nachfrage nach Hütekinder stieg dabei mit dem zunehmenden Mangel an einheimischen Dienstboten, sodass die Aussicht auf stattliche und steigende Löhne die in ihrer Existenz bedrohte Alpenbevölkerung umso mehr zur

Schwabengängerei lockte, als Geldwerte als rares Gut besonders begehrt waren.71

Darüber hinaus zogen die schwäbischen Bauern die ortsfremden Kinder den eigenen vor, da erstere im Ruf standen, zuverlässigere, pflegeleichtere und genügsamere, kurzum bessere Arbeitskräfte als die ortsansässigen Kinder zu sein.72 So hielt sich allgemein das wirtschaftliche Verlustempfinden in Grenzen, als die württembergischen, badischen und bayerischen Behörden ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend darauf drängten, die nun geltende gesetzlich verordnete Schulpflicht durchzusetzen. Denn ausländische Kinder, für die lange Zeit eine Ausnahmeregelung und somit eine Befreiung von der Schulpflicht bestand, blieben in der Folge disponibel, während eigene Kinder nur zeitweise für die anfallenden Arbeiten eingesetzt werden konnten.73 Das steigerte ihren Wert.

Eine andere wichtige Ursache, warum Oberschwaben das Zielgebiet der Hütekinder war und blieb, entsprang der konfessionellen Homogenität der beiden überwiegend katholisch geprägten Gebiete. In Zeiten des gelebten Konfessionsgegensatzes achteten sowohl die Eltern der Kinder als auch insbesondere die Geistlichkeit darauf, keine Schutzbefohlene in die Hände protestantischer Bauern zu geben, da sie ansonsten um ihr Seelenheil und ihre sittliche Erziehung fürchteten. Beim Dienst in protestantischem Hause auf eine strikte Einhaltung des sonntäglichen Gottesdienstes zu insistieren, schien den Kirchenträgern ganz unmöglich und kam einer Blasphemie gleich. Ganz ähnlich sahen das die potentiellen Dienstgeber. Protestantische Kinder aus nördlicheren, teilweise sogar näher gelegenen Regionen Deutschlands mit protestantischer Konfession waren allgemein unerwünscht. Denn Feindbilder und Vorurteile, mit denen beide Konfessionen einander betrachteten, wirkten sich natürlich auch auf die Frage der Zuverlässigkeit und Loyalität des

Dienstpersonals aus.74 Die religionssoziologische Konstante des gewünschten konfessionellen Untersichbleibens behielt folglich über die gesamte Zeit der Kinderwanderungen ihre hohe Relevanz. So wies der Hütekinderverein im Jahr 1903 darauf hin, dass „Vereinskinder nur an katholische Dienstherren abgegeben werden.75

Es sind zusammengefasst also verschiedene ineinander greifende Aspekte klimatischer, demographischer, sozioökonomischer, kultureller und politischer Art, die das Schwabenkinderphänomen erklären. Materielle Triebkräfte, entsprungen aus bitterer Not, rangieren dabei auf Seiten der alpinen Bergbauern ohne Zweifel an erster Stelle der Ursachengewichtung. Die unmittelbare Aussicht auf Linderung der Armut durch notwendigen Nebenerwerb im oberschwäbischen Nachbarland bei gleichzeitiger Sicherheit um konfessionellen Gleichklang ließen die alljährlichen Züge zu einer Tradition wachsen, mit der man als feste Größe rechnen konnte. Kurz gesagt, Oberschwaben lockte, weil es kompatibel und komplementär zugleich war.

Selbst sprachliche Hürden, denen sich die rätoromanischen Kinder in der Fremde gegenübersahen, konnten daran nichts ändern. Erst als das kulturpolitische

Verantwortungsbewusstsein auch die örtlichen Behörden und Kirchenvertreter erreichte und die wirtschaftliche Lage sich entscheidend verbesserte, verlor dieses Band zwischen den Herkunfts- und Zielregionen an Stärke und verschwand letztendlich vollständig.

Dagegen erweist sich das an mancher Stelle geäußerte Argument, es habe sich bei den Schwabenkindern um einen Brauch gehandelt, der auch in wirtschaftlich besser gestellten Gegenden wie etwa in einigen Vorarlberger Regionen praktiziert wurde und somit weitgehend unabhängig von der wirtschaftlichen Situation ablief76, als kurzsichtig. Denn falls bei den Schwabenkindern überhaupt von einem Brauch zu sprechen ist, dann nur von einer gewohnten Spielart, finanziellen Nebenerwerb in der Fremde zu finden. Der

Gewohnheit liegt also eine unmittelbare materielle Notwendigkeit zugrunde, hat diese erst entstehen lassen und wirkte in ihr weiter. Ein gesellschaftliches Ansehen, von dem ebenfalls in der Literatur vereinzelt die Rede ist77, dürfte wohl kaum über einen lokal empfundenen Prestigewert hinaus gewachsen sein. Denn religiöse Moralvorstellungen und bürgerlicher Wertehorizont waren mit der Kinderverschickung grundsätzlich nicht oder nur unter der Voraussetzung eines Verständnisses für die bergbäuerliche Not in Einklang zu bringen. Doch weder Not noch Kinderverschickung boten Anlass zu Stolz und Ansehen.

Vielmehr dürfte so manchen Bauern beim sehnsüchtigen Blick auf die oberschwäbischen Verhältnisse umso mehr das ernüchternde Empfinden eines gesellschaftlichen Makels beschlichen haben, mit dem die Schwabenkinder behaftet waren. Doch letztlich drängten bitter erfahrene Armut und Hunger die Eltern immer wieder zur Erkenntnis: „Noth bricht

Eisen. Hinaus muß alles, was daheim entbehrlich ist […] um zu arbeiten und zu erwerben.“78

4. Ausländische Saisonarbeiter in der deutschen Landwirtschaft im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert

Das Phänomen der Schwabenkinder kann über die Bestimmungsfaktoren der lokal auftretenden Triebkräfte hinaus aber auch in einen weiter gefassten, allgemeinen Kontext der ausländischen Wanderarbeit innerhalb der deutschen Landwirtschaft gesetzt werden. Erklärtes Ziel des Einbettens dieser lokalen Erscheinungsform von Wanderarbeit in überregional stattfindende Entwicklungstendenzen ist es, über die Untersuchung von möglichen Vergleichsaspekten der Schwabengängerei eine schärfere Kontur zu verleihen. Wenn auch die ausländische Wanderarbeit nach Deutschland ihren vorläufigen Höhepunkt im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg erfuhr, also in einem Zeitraum als die Schwabengängerei bereits stark im Abnehmen begriffen war, ist es dennoch möglich, die wichtigsten Vergleichsgegenstände strukturalistisch gegenüberzustellen. Das gilt umso mehr, als ein detaillierter Einblick in die Wanderungen der Hütekinder, ihre Arbeits- und Lebensverhältnisse erst ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert geboten worden ist. Daher soll im Folgenden der Fokus zunächst auf die allgemein deutsche Entwicklung der ausländischen landwirtschaftlichen Wanderarbeit gerichtet werden.

Wie einleitend erwähnt, stellt grenzüberschreitende Wanderarbeit im deutschsprachigen Raum seit der Frühen Neuzeit eine feste Konstante des Wirtschaftslebens dar. Der Begriff Wanderarbeit ist dabei Ausdruck eines breiten Spektrums ihrer verschiedenartigen Formen. Die Zwangs- und Fluchtwanderungen im Zuge der religiösen Verfolgungen genauso wie Arbeitswanderungen mit dauerhaftem oder saisonalem Ortswechsel oder Transitwanderung mit gleichem Zweck sind lediglich drei Erscheinungsformen des kaum überschaubaren Spektrums der Wanderarbeit.79 Gut erforscht, weil in einer weitaus größeren Dimension abgelaufen, ist dagegen die Herausbildung einer Massenwanderung vornehmlich osteuropäischer Saisonarbeiter nach Deutschland in den letzten drei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts.

Diese Entwicklung war Teil des tief greifenden Wandels, der durch die Industrialisierung hervorgerufen alle Aspekte des ökonomischen und sozialen Lebens betraf. In Deutschland zog die Hochphase der Industrialisierung ab den 70er Jahren eine enorme Verschiebung der Wertschöpfung und der Beschäftigtenzahlen zwischen dem agrarischen und dem industriellen Wirtschaftsbereich nach sich. Der primäre Sektor der Landwirtschaft wird vom sekundären Industriebereich abgelöst.80 Deutschland wandelt sich vom „Agrarstaat mit starker Industrie zum Industriestaat mit starker agrarischer Basis“.81

Immer mehr Menschen zieht es in Erwartung besserer Lebensumstände vom Land in die schnell wachsenden industriellen Ballungsräume. Hektische Urbanisierungsprozesse und massenhaft ablaufende Landflucht sind die prägenden Erscheinungen jener Zeit. Die Auswanderung nimmt mit insgesamt über 2 Millionen Menschen ein bis dato nicht gekanntes Ausmaß an. Sie verläuft in drei Wellen zwischen 1873 und 1893, lockt fast 90 Prozent der Menschen, die das Deutsche Reich verlassen in die perspektivreicheren USA und reißt erst infolge der langen Agrarkonjunktur zwischen den 1890er Jahren und dem

Ersten Weltkrieg endgültig ab.82

Zeitlich parallel zur Auswanderung avancierte die inländische Binnenwanderung zur

„größten Massenbewegung der deutschen Geschichte“83. Besonders hohe Zahlen verzeichneten dabei die interne Ost-West-Wanderung des Landproletariats aus den nordöstlichen Gebieten des Reiches in die Industriegebiete des Westens sowie die verschiedenen Formen der Land-Stadt- und Stadt-Stadt-Wanderungen.84 Die Verluste durch interne Abwanderung blieben unabhängig vom Rückgang der Auswanderung auch am Übergang vom 19. auf das 20. Jahrhundert konstant hoch. Lediglich die Zielrichtung der Wanderungen änderte sich in diesen Jahren, blieb nunmehr größtenteils innerhalb der Reichsgrenzen verhaftet.85

[...]


1 Zit. nach HÖRMANN, Die Schwabenlandkinder, in: Ders., Tiroler Volkstypen, S. 100.

2 So musste unlängst ein Promotionsprojekt an der Universität Tübingen zur quellenkundlichen Erweiterung der von UHLIG vorgenommenen Erschließung vorzeitig abgebrochen werden, da der Versuch, insbesondere die archivarische Erforschung der klösterlichen Bestände in den oberschwäbischen Regionen zu unternehmen, keine neuen Aspekte zum Thema zutage förderte.

3 SEGLIAS, Die Schwabengänger aus Graubünden, S. 12f verweist dabei auf die 1867 erschienene Novelle „Dieus protegia ils ses“ (Gott beschütze seine Kinder) von Gion Antoni Bühler.

4 Interdisziplinäre Forschungsansätze können bei einem solchen Unterfangen wie generell bei Gegenständen historischer Migrationsforschung eine wichtige Hilfestellung leisten. Sieh daher einführend zur wissenschaftlichen Disziplin der historischen Migrationsforschung BADE, Sozialhistorische Migrationsforschung, herausgegeben von Michael Bommes und Jochen Oltmer (= Studien zur historischen Migrationsforschung, Bd. 13), Göttingen 2004; WENNING, Migration in Deutschland. Ein Überblick, Münster 1996; BEGER, Migration und Integration der Zugewanderten in Deutschland, Opladen 2000.

5 Siehe dazu im Wesentlichen Punkt 10.2.

6 Die Kirchbücher der einzelnen Pfarreien bilden eine wertvolle Quelle zur Analyse von Wanderarbeit aus den betroffenen Regionen, da mittels dieser Register nicht nur Bevölkerungsstatistik anhand von vorhandenen Geburts- und Todesdaten betrieben werden kann. Vielmehr geben sie zudem Auskunft über

7 LAFERTON, Schwabenkinder im Allgäu, S. 159; UHLIG, Die Schwabenkinder aus Tirol und Vorarlberg, S. 19f.; SPISS, S. 44; SEGLIAS, S. 28f. führt für das schweizerische Graubünden in erster Linie Berufe wie Glaser, Flachmaler, Spinnerinnen und Kaufleute an; bei den Zielorten sind Italien, Frankreich und Deutschland benannt.

8 Einer statistischen Verteilung der Zielgebiete der Stanzertaler Wanderarbeiter zufolge suchten etwa zwei Drittel der Erfassten in Bayern, Rheinland-Pfalz, Saarland, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und vereinzelt in Hessen und Niedersachen Arbeit. Das restliche Drittel verteilt sich auf die Schweiz, Wien, Nord- und Südtirol, Elsass-Lothringen und das übrige Frankreich, Luxemburg, Ungarn, Italien sowie Böhmen und Mähren. Siehe dazu SPISS, S. 51, Tabelle 13.

9 Die monatliche Verteilung der in den Kirchbüchern erfassten Geburten weist für das Tiroler Stanzertal von 1651 bis 1730 einen konstanten Wert von 40% bis 47% zwischen August und November aus, was ein deutliches Indiz für Wanderarbeit darstellt. Im Längsschnittvergleich handelt es sich hierbei um den größten prozentualen Wert einer solchen Geburtsverteilung. Auch spricht die Verteilung der Geburten für eine starke Beteiligung verheirateter Männer, während der Frauenanteil vor allem im 19. Jahrhundert einen vergleichsweise hohen Grad an Mobilität angenommen hat. Siehe dazu SPISS, S. 38f., S. 71, S. 113.

10 Ders., S. 113.

11 Siehe hierzu Punkt 4.

12 SPISS, S. 62. An dieser Stelle ist lediglich von einem kurzzeitigen, quantitativ vernachlässigbaren Aufflackern der erwachsenen alpinen Wanderarbeit vor dem Zweiten Weltkrieg die Rede, was jedoch spätestens mit Kriegsbeginn endgültig beendet war.

13 UHLIG, S. 9f.

14 TLA, Litt. R. 15 Abt. Leopoldinum.

15 UHLIG, S. 23.

16 Übersetzung: außer Johannes Aloysius, getauft am 21. Februar, der damals als Viehhüter in Schwaben weilend fehlte. Zit. in SPISS, S. 73.

17 Zit. nach ROHRER, Uiber die Tiroler, S. 49f.

18 DITZINGER, Denkwürdigkeiten aus meinem Leben und aus meiner Zeit, S. 323.

19 SEGLIAS, S. 17.

20 Dies., S. 19.

21 ULMER, Die Schwabenkinder, S. 95.

22 ULMER äußert diese Vermutung, da mit dem Fronteinsatz die Arbeitskraft der nun fehlenden Männer die Kinder an den Heimatort band.

23 WETZEL, Hütekinder in Schwaben in der Zwischenkriegszeit 1918-1939, S. 38f.

24 SEGLIAS, S. 35. Als weitere Gebiete, aus denen ein vergleichsweise kleinerer Teil der Bündner Schwabenkinder stammte, sind das Albulatal, das Domleschg und das Rheintal.

25 MUTHER, Die Wanderung der Schwabenkinder in Tirol und Vorarlberg, S. 1.

26 Der Brief weist in der Anrede lediglich „Euer Exzellenz“ aus, jedoch keinen Namen. Die Vermutung, es handle sich hierbei um den Fürstbischof von Brixen, kann allein aufgrund der Tatsache, dass Tschiderer

27 TLA, JÜNG. GUB. 1832, Präs. 1867 (Fasz. 3675).

28 UHLIG, S. 105 relativiert diese Zahlen unter dem quellenkundlichen Hinweis, dass es sich um Schätzungen eines Kreishauptmannes handelt, der diese aus den Eingaben der örtlichen Landrichter errechnete.

29 Zit. nach SPISS, S. 73. Zu einem anderen Schluss gelangt ULMER, Die Schwabenkinder, S. 30f., der nur die Knaben berücksichtigt und diese in Relation zur Gesamtbevölkerung stellt, sodass er davon ausgeht, dass jeder 4. bis 5. Knabe zur Sommerarbeit nach Oberschwaben zog.

30 SEGLIAS, S. 29-31. An gleicher Stelle leitet die Autorin für den Kanton Graubünden eine tabellarisch dargestellte Zahlenstatistik aus diversen Quellengattungen ab, weist jedoch auf die Lückenhaftigkeit des Materials hin. Da es sich folglich um eine Annäherung handelt, ist es im letzten auch für die schweizerischer Seite nicht möglich, das Phänomen in exakte Zahlen festzuhalten. Statistisch signifikante Zahlenwerte ergeben sich unter anderem für die Jahre 1802 (225 Kinder), 1807 (200), 1817 (985), 1837 (1000), 1847 (1095), 1851 (1144), 1859 (328), 1872 (119), 1888 (20), 1903 (13).

31 BÜHLER, Die Geschichte der Bündner Schwabengängerei, S. 110.

32 Bündner Zeitung, Nr. 15/1837, 19. Februar; Zit. in: SEGLIAS, S. 31.

33 UHLIG, S. 106f., der sich seinerseits auf Aktenbestände des Stuttgarter Hauptstaatsarchivs beruft.

34 Staatsarchiv Augsburg, Regierung Nr. 5158/1, Heft Wohnbrechts [=Wohmbrechts]; Zit. in: LAFERTON, Schwabengänger, S. 163.

35 SEGLIAS, S. 34.

36 Siehe dazu Punkt 10.2. Zur öffentlichen Anmahnung der Schulpflicht siehe Punkt 8.2.

37 UHLIG, S. 107.

38 SCHOBER, Geschichte des Tiroler Landtages im 19. und 20. Jahrhundert, S. 342f.; MUTHER, S. 15. gibt für das Jahr 1911 ebenfalls 200 Tiroler sowie außerdem 244 Vorarlberger Kinder an.

39 StAGR IV 4g. Das Königlich-Württembergische Oberamt Tettnang an die Hochlöbliche Regierung des eidgenössischen Standes Graubünden, 3. März 1838; Zit. in: SEGLIAS, S. 39f.

40 Dies., S. 40. Die Altersgrenzen verschoben sich im Laufe der Folgejahrzehnte nach oben. 1841 wurde das Mindestalter durch das Oberamt Tettnang und dessen Pendants in den Nachbargemeinden auf 12 Jahre festgesetzt. Die weitere Entwicklung in dieser Frage soll in Punkt 10.2. einer genaueren Betrachtung unterliegen.

41 Ein Beispiel gibt JÖRGER, Die Schwabengänger, S. 78 an welcher Stelle ein ehemaliger Schwabengänger aus Vals erzählt, im Alter von 6 Jahren vergeblich nach Oberschwaben gewandert zu sein.

42 SEGLIAS, S. 39 gibt an, dass weder in den Passkontrollen noch in anderen relevanten Quellen kontinuierliche Altersangaben zu finden sind. Erstere weisen einen Mindestwert von 8 sowie einen Höchstwert von 16 Jahren aus.

43 UHLIG, S. 45.

44 SEGLIAS, S. 22.

45 Zu Kritik und Kontroverse um die Schwabengängerei siehe im Detail Punkt 8.

46 KLEBELSBERG, Aus der Geologie des Bezirks Landeck, S. 5. Der Autor spricht hier unter anderem von einem sog. „Rätischen Riffkalk“, der zur Verkarstung neigt und Bodenbearbeitung kaum zulässt. Auch andere aufgeführte Bodenarten zeitigen keinen signifikant besseren Fruchtbarkeitsgrad.

47 SPISS, S. 14; MÜCKE, Schwabenkinder, S. 3.

48 FLIRI, Das Klima der Alpen im Raume von Tirol, S. 409. Die Monats- und Jahresdurchschnitts- temperaturen in St. Anton und Landeck für die Periode 1931 bis 1960 werden hier im Diagramm veranschaulicht. Für St. Anton weisen sie einen Höchstwert von nicht mehr als 14,2 ° C im Monat Juli aus. Zudem lässt sich aus der Angabe der durchschnittlichen Frosttage im Sommer erkennen, dass Frostgefahr dort auch im Mai, Juni und September besteht.

49 Zit. nach NÖBL; Die Landwirtschaft des Stanzertales, S. 69f.

50 SEGLIAS, S. 21 begründet die Armut der Graubündner Regionen, aus denen Schwabenkinder auszogen, primär auf das Fehlen einer direkten Anbindung an den Transitverkehr.

51 SPISS, S. 19. Seit den fünfziger Jahren ist der wenig ertragreiche Ackerbau als ökonomische Lebensgrundlage endgültig und nachhaltig vom Dienstleistungsgewerbe im Zeichen des anhaltenden Massentourismus abgelöst worden.

52 TLA, Geheime Präsidialakten 1815; Zit. in: UHLIG, S. 38.

53 Andererseits muss in diesem Zusammenhang auch die Überlegung zur Geltung gelangen, was unter dem Aspekt frühindustrieller Kinderarbeit die Folgen des Fabrikeinsatzes gewesen wären, ob hier tatsächlich von einer Verbesserung der Arbeits- und Lebensverhältnisse der Kinder gesprochen werden kann. Das breite Feld zeitgenössischer wie aktuellerer Abhandlungen zur Thematik der Kinderarbeit innerhalb der Industrie im 19. Jahrhundert lassen daran zumindest stark zweifeln. Siehe dazu sowie zur Beschäftigung der Schwabenkinder im Kontext der Kinderarbeitsschutzgesetzgebung im späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts Punkt 6.

54 Der Begriff der Überbevölkerung muss in diesem Kontext als eben jenes Missverhältnis zwischen Menschenzahl und Nahrungsgrundlage verstanden werden. Kategorien wie Wohnraum o. ä. sind hier nicht relevant.

55 SPISS, S. 29 belegt dies exemplarisch für das Stanzertal anhand statistischer Auswertungen.

56 MATHIEU, Die ländliche Gesellschaft, S. 17 nennt für Graubünden eine zahlenmäßige Bevölkerungs- zunahme von lediglich knapp 2000 Personen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bei einer Gesamtzahl von 72900 im Jahr 1800. SEGLIAS verweist daher vor allem auf die hohe Zahl der Rückwanderungen, die zusammen mit einer rückläufigen landwirtschaftlichen Nutzflächengewinnung den Bevölkerungsdruck verstärkte.

57 TLA, JÜNG. GUB. 1832, Präs. 1867 (Fasz. 3675).

58 LAFERTON, Schwabenkinder im Allgäu, S. 154. Eine ausführliche Untersuchung zum Thema der Realteilung und ihren negativen Auswirkungen auf die bergbäuerlichen Kleinbetriebe liefert ULMER, Die Bergbauernfrage. Untersuchungen über das Massensterben bergbäuerlicher Kleinbetriebe im alpenländischen Realteilungsgebiet, Innsbruck 1942. Wenn auch nicht frei von subjektiver Darstellung stützen sich die gemachten Ausführungen auf ein breites statistisches Material und geben einen umfassenden Einblick in die Bergbauernwirtschaft der Alpenregion.

59 ULMER, Die Schwabenkinder, S. 112.

60 UHLIG, S. 56. Ein anderes Mittel gegen die fortschreitende Güterzerstückelung suchten die Tiroler Behörden in einer behördlichen Restriktion der Eheschließung zu finden. Die auch in Deutschland bis weit in das 19. Jahrhundert hinein geltende staatliche Befugnis zur Ehe Genehmigung, die an einem Mindestbesitz der Eheleute geknüpft war, brachte jedoch auch keinen nennenswerten Erfolg. Stattdessen gab das verweigernde Verhalten der lokalen Behörden immer wieder Anlass zu Beschwerden aus dem Volk und führte zusätzlich zu Irritationen gegenüber der Wiener Staatsräson, der an hohen Volkszahlen durchaus gelegen war und den Kreishauptämtern durch die Liberalisierung der Ehegesetze entscheidend entgegenwirkte.

61 Zu den Agrarkrisen infolge der Hungerkatastrophen existiert eine breite Literaturlage. Exemplarisch siehe NIPPERDEY, Deutsche Geschichte 1800-1866, S. 146ff., in welchem Zusammenhang auch die konjunkturelle Anfälligkeit und Abhängigkeit der vorindustriellen Landwirtschaft von den alljährlichen Ernteerträgen zur Sprache kommt.

62 SEGLIAS, S. 24; UHLIG, S. 52.

63 ULMER, S. 121f.; MUTHER, S. 3.

64 Die Flächenangaben zu Württemberg beziehen sich lediglich auf neun Oberamtsbezirke, in welche die meisten Schwabenkinder wanderten. Daher sind primär die anteiligen Werte aussagekräftig.

65 Zit. nach MUTHER, S. 1.

66 Ders.

67 LAFERTON, Schwabengänger, S. 161f.

68 MUTHER, S. 2.

69 LAFERTON, Schwabengänger, S. 162.

70 ULMER, S. 120.

71 LAFERTON, Schwabengänger, S. 162.

72 ULMER, S. 124

73 SEGLIAS, S. 27. UHLIG geht in seiner Darstellung sehr detailliert auf die Problematik der Schulbefreiung für Hütekinder ein. Es gelingt ihm dabei herauszuarbeiten, wie Behörden auf beiden Seiten der Grenzen die kulturpolitische Notwendigkeit zur ausnahmslosen Durchsetzung der Schulpflicht in Relation zum wirtschaftlichen Wert der Kinder über viele Jahrzehnte abwogen und für zu leicht befanden. Zu diesem Phänotyp von behördlichem Utilitarismus sowie zur langwierigen Kontroverse um die Schulpflicht der Schwabenkinder siehe Punkt 8.2 und 10.2.

74 ULMER, S. 124.

75 Tag- und Anzeigeblatt [Kempten] vom 18.3.1903, S. 3.

76 MUTHER, S. 26.

77 SEGLIAS, S. 26. Einzelne ehemalige Schwabenkinder aus Graubünden verbanden in 1978 von Linus Bühler geführten Interviews mit der Schwabengängerei nicht etwaige Erwerbsmöglichkeiten, sondern die Merkmale Abenteuerlust, Mutprobe, Männlichkeit und Tradition. Dabei wird jedoch nicht vollständig klar, ob es sich bei diesen Aussagen um einen Rekurs auf ihren kindlichen Erfahrungshorizont handelt, in welchem sie das Phänomen als solches kaum erfassen konnten.

78 STAFFLER, Das deutsche Tirol und Vorarlberg, S. 369.

79 BADE, Normalfall Migration, S. 5.

80 BADE, Transnationale Migration und Arbeitsmarkt im Kaiserreich, in: Ders. (Hg.), Sozialhistorische Migrationsforschung, S. 187. Dies zeigt sich besonders deutlich anhand der Arbeitsmarktkategorien Wertschöpfung und Beschäftigtenzahl. In beiden Fällen ist für den agrarischen Sektor ein signifikanter Rückgang festzustellen (in der Wertschöpfung von 36 % in 1879 auf 23,2 % in 1913, beim Beschäftigtenanteil von 49 % in 1879 auf 34,6 % in 1913) während der sekundäre Sektor einen enormen Aufschwung erfuhr (in der Wertschöpfung von 32,6 % in 1879 auf 45 % in 1913, beim Beschäftigtenanteil von 21,7 % auf 37,8 %). Ein Anstieg im tertiären Bereich ist währenddessen bei der Wertschöpfung (von 31,4 % in 1879 auf 31,8 % in 1913) weniger zu erkennen als beim Beschäftigtenanteil (von 21,7 % in 1879 auf 27,6 % in 1913).

81 Ders., S. 185. Zur konjunkturellen Entwicklung der deutschen Landwirtschaft siehe NIPPERDEY, Deutsche Geschichte 1866-1918, Bd. 1, S. 199-225 („Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft“); WEHLER, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, S. 685-700 („Die deutsche Landwirtschaft von 1876 bis 1914); ROLFES, Landwirtschaft 1850-1914, in: AUBIN/ZORN (Hg.), Handbuch der deutschen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, S. 495-526.

82 BADE, Die deutsche überseeische Massenauswanderung im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Bestimmungsfaktoren und Entwicklungsbedingungen, in: Ders. (Hg.), Auswanderer-Wanderarbeiter- Gastarbeiter, Bd. 1, S. 259-299; ders., Massenwanderung und Arbeitsmarkt im deutschen Nordosten von 1880 bis zum Ersten Weltkrieg, in: Ders. (Hg.), Sozialhistorische Migrationsforschung, S. 95. BADE spricht hier von einem wellenförmigen Gesamtverlauf der deutschen Überseeauswanderung. Während der dritten, stärksten und längsten Welle (1880-1893) erfassten die amtlichen Statistiken allein 1,8 Millionen deutsche Auswanderer.

83 KÖLLMANN, Bevölkerungsgeschichte 1880-1970, in: AUBIN/ZORN, S. 20.

84 Siehe im Detail LANGEWIESCHE, Wanderungsbewegungen in der Hochindustrialisierungsperiode, S. 1-40.

85 BADE, Transnationale Migration, S. 190.

Details

Seiten
128
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640280131
Dateigröße
847 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v123186
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,0
Schlagworte
Schwabenkinder Jahrhundert

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Schwabenkinder im 19. und frühen 20. Jahrhundert