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Das Sprechen über Parallelgesellschaften: Eine Diskursanalyse anhand einer Debatte im Berliner Abgeordnetenhaus vom 25. November 2004

Seminararbeit 2008 28 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vom Ghetto zur Parallelgesellschaft - Diskursiver Kontext

3. Analyse der Parlamentarischen Debatte im Abgeordnetenhaus vom 25.11.2004
3.1 Den Diskurs konstruierende Elemente
3.2 „Wir“, die „Mehrheitsgesellschaft“, und die „Migranten“
3.3 Ein „geschlossener Kosmos an Geschäften und Dienstleistungen“ - Metaphern

4. Diskurstragende Kategorien und ihre Einbettung in die gesellschaftliche Realität
4.1 Die stadträumliche Dimension
4.2 Die kulturelle Dimension
4.3 Die moralische Dimension

5. Schlussbemerkung

Literatur

1. Einleitung

Ins Zentrum der Debatte um Integration in Deutschland ist in den vergangenen Jahren eine Warnung vor Parallelgesellschaften gerückt.

„Integration? In Katernberg scheint sie im Großen und Ganzen gescheitert zu sein. Hier hat sich in den vergangenen vier Jahrzehnten eine Parallelgesellschaft entwickelt, in der Türken Türken bleiben und die Deutschen Deutsche sein lassen.“[1]

So stellt ein Artikel aus der Zeit vom 28.08.2003 mit dem Titel „Ghetto im Kopf“ die Integrationsthematik anhand eines Stadtteils in Essen dar. Gleichzeitig beteiligen sich Politiker an der Rede über Parallelgesellschaften und sind in die Konstruktion eines undurchschaubar anmutenden Begriffgeflechts involviert. Als der stellvertretende Grünen-Fraktionsvorsitzende Christian Ströbele im November 2004 im Bundestag die Einführung eines gesetzlichen muslimischen Feiertags forderte, kritisierte Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) islamistische Hassprediger, die "mit deutschem Pass hier in ihrer Parallelgesellschaft leben"[2].

Obwohl der Begriff fester Bestandteil des medialen und politischen Diskurses ist, findet doch keine öffentliche Diskussion statt, in der man ihm eindeutige Inhalte zuordnet oder ihn definiert. Stattdessen bleibt das Bild undifferenziert und verallgemeinernd. Mit dem zunehmenden Gebrauch des Wortes Parallelgesellschaft in der öffentlichen Debatte verstärkt sich der Eindruck einer willkürlichen Verwendung des Begriffes in Form eines inhaltsleeren Schlagworts. Aus dem Interesse heraus zu erfassen, aus welchen Elementen der Terminus Parallelgesellschaft formiert wird, versucht diese Arbeit das Geflecht der Redeweisen über Parallelgesellschaft zu entwirren, indem sie sich im Speziellen dem politischen Diskurs auf Berliner Ebene widmet. Mit der Methode der Diskursanalyse sollen anhand einer Debatte aus dem Berliner Abgeordnetenhaus folgende Fragen beantwortet werden: Wie konstruieren politische Diskurseliten den Begriff Parallelgesellschaft? Welche Machtwirkungen ergeben sich aus solch einer diskursiven Formation bzw. welche gesellschaftliche Realität ist damit verbunden? Welche politischen Ziele werden damit verfolgt?

Bei einer Analyse des Textes vermute ich auf folgende Sachverhalte zu stoßen: Die meisten Politiker distanzieren sich aus politischer Korrektheit von dem stark umstrittenen Terminus Parallelgesellschaft, verwenden ihn aber dennoch und sind damit an einer Produktion des Diskurses maßgeblich beteiligt. Eine Konstruktion des Diskurses Parallelgesellschaft erfolgt in Verbindung mit dem Scheitern von Integration und beinhaltet eine ausgrenzende Sprechweise über Zuwanderer. Politiker als diskursive Eliten sind wesentlich daran beteiligt ein Bild der gescheiterten Integration in Deutschland mitzugestalten.

2. Vom Ghetto zur Parallelgesellschaft - Diskursiver Kontext

Bevor der Terminus „Parellelgesellschaft“ an Bedeutung gewann, hatte sich ein Begriff durchgesetzt, der ein ähnliches Phänomen zu beschreiben versuchte – der des Ghettos. Er hat seinen Ursprung im jüdischen Wohnviertel im Italien des 16. Jahrhunderts. Damals bezeichnete er eine räumliche Abspaltung von jüdischen Siedlern in einem Stadtgebiet Venedigs. Später wurde der Ghettobegriff in den USA zur Bezeichnung von Stadtteilen wie Harlem oder Bronx übertragen. Die Judenviertel in Venedig implizierten eine ethnische Segregation, die auch auf die genannten Stadtbezirke in den USA zuzutreffen schien. Der amerikanische Ghettobegriff stand außerdem für eine ethnische und soziale Ausgrenzung von Menschen in Stadtquartieren, wohingegen beim jüdischen Ghetto ein Ausschluss vom wirtschaftlichen Leben keine Rolle gespielt hatte. Die Juden arbeiteten außerhalb des Ghettos bzw. Nicht-Juden wickelten ihre Geschäfte im Ghetto ab, waren somit Bestandteil der venezianischen Wirtschaft und Gesellschaft und somit nicht sozial vom Rest der Stadt abgeschottet.[3]

Des Wortes Parallelgesellschaft bediente sich der Soziologe Wilhelm Heitmeyer bereits 1996 in einer von ihm erstellten Studie zum islamischen Fundamentalismus unter Jugendlichen, die auf die Gefahr einer Abspaltung religiös-politischer Gruppen von der Mehrheitsgesellschaft hinwies.[4] Die Bezeichnung wurde jedoch lange nur zögerlich außerhalb des wissenschaftlichen Diskurses verwendet und löste den Begriff Ghetto erst allmählich ab. Maßgeblich Einzug in die öffentliche Debatte hält er seit dem Attentat auf den niederländischen Filmregisseur Theo van Gogh. Nach der Fernsehausstrahlung seines Filmes „Submission“, der Gewalt gegen Frauen in islamischen Gesellschaften thematisiert, wurde er am 02.11.2004 von einem in den Niederlanden aufgewachsenen Marokkaner getötet. Die Ermordung van Goghs ist, was im diskursanalytischen Sprachgebrauch als diskursives Ereignis bezeichnet wird. Die Definition bei Siegfried Jäger lautet:

„Als diskursive Ereignisse sind … nur solche Ereignisse zu fassen, die politisch, und das heißt in aller Regel auch durch die Medien, besonders herausgestellt werden und als solche Ereignisse die Richtung und die Qualität des Diskursstrangs, zu dem sie gehören, mehr oder minder stark beeinflussen.“[5]

Nach dem Mord an van Gogh breitete sich ein Entsetzen aus, das sich nicht nur auf die Niederlande beschränken sollte, sondern bald in ganz Europa eine breite Diskussion über das Zusammenleben von Europäern und Einwanderern, insbesondere islamischer Herkunft, einleitete. Der vorher weitestgehend unbekannte Begriff Parallelgesellschaft erfuhr durch seine Verwendung in Medien und Politik als Indikator für gescheiterte Integration von Zuwanderern in Deutschland ungeahnte Aufmerksamkeit. Mit diesem Terminus unterrichteten die Medien Deutschland ebenso über das Versagen der multikulturellen Gesellschaft. War das Scheitern des Multikulturalismus in Deutschland schon 1997 in einer Titelgeschichte des Spiegels mit der Formulierung „Deutsche und Ausländer: Gefährlich fremd“ deklariert worden, bekam die Debatte mit der Ermordung Theo van Goghs einen neuen Aufschwung.[6] Nun, nach dem Mord van Goghs, schrieben die Zeitungen über Parallelwelten in Artikeln mit Titeln wie „Die Schlacht um Europa“ (Welt am Sonntag, 21.11.2004) oder „Unheimliche Gäste. Die Gegenwelt der Muslime in Deutschland“ (Focus, 22.11.2004). Parallelgesellschaft wurde zu einem Schlagwort, das einerseits als Gegenbegriff zum Multikulturalismus fungierte, andererseits eine kulturelle Distanz zwischen Deutschen und Einwanderern bzw. eine Integrationsabsage und Abschottung seitens der Einwanderer repräsentierte.[7]

Neben dem medialen bediente sich auch der politische Diskurs des Schlagwortes Parallelgesellschaft. Schon seit 1998 hatte er Politikern zur Verdeutlichung von abgespalteten Migrantengemeinschaften gedient, so auch in Berliner politischen Institutionen. Eine parlamentarische Debatte aus dem Berliner Abgeordnetenhaus vom 25. November 2004 dient als exemplarische Repräsentation des Sprechens über Parallelgesellschaften im Berliner Umfeld.

3. Analyse der Parlamentarischen Debatte im Abgeordnetenhaus vom 25.11.2004

Da es mir in meiner Fragestellung vor allem darum geht herauszuarbeiten, wie die Verwendung des Begriffs Parallelgesellschaft von Politikern auf Berliner Landesebene erfolgt bzw. wie der Diskurs konstruiert wird, recherchierte ich systematisch nach Schriftdokumenten des Berliner Abgeordnetenhauses bzw. des Senats nach dem Vorkommen des Terminus. Dabei stieß ich auf eine Aktuelle Stunde in der 60. Sitzung des Abgeordnetenhauses am 25. November 2004, die auf Antrag der Fraktionen PDS und SPD zum Thema „Gemeinsam leben in Berlin – Integration fördern und fordern“ geführt wurde. Die Diskussion fand anlässlich des vom Berliner Senat verfassten Konzepts „Integration für Berlin“ statt. Ich wählte diese Debatte für meine Analyse, da das für mein Interesse und die Fragestellung relevante Wort Parallelgesellschaft häufig benutzt oder sich darauf bezogen wurde. Außerdem ereignete sie sich kurz nach der Ermordung Theo van Goghs, zu einem Zeitpunkt an dem die Diskussion über Parallelgesellschaften ihren Höhepunkt erreicht hatte. Ein letztes überzeugendes Argument für dieses Dokument sah ich in der Textform. In einer Parlamentsdebatte äußern sich politische Redner aller im Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien, so dass ein Einblick in die Meinungsäußerungen des gesamten politischen Spektrums in Berlin möglich wird. Obschon die Debatte nur ein Fragment[8] des Diskurses über Parallelgesellschaft ist, erlaubt sie einen breiten Zugang zur Darstellung der Redner zum Thema Integration bzw. deren Scheitern in Berlin zum damaligen Zeitpunkt.

Zur Beantwortung der Fragestellung wählte ich die Methode der Diskursanalyse. Dabei lehne ich mich stark an Siegfried Jägers Methode der kritischen Diskursanalyse und die damit verbundenen Begrifflichkeiten an. Jäger versteht seinen an Foucault orientierten Diskursbegriff als „Fluss von Wissen durch die Zeit“[9]. Mit diesem Bild veranschaulicht er, dass auf der Grundlage von Wissen gesprochen und gedacht wird, was zur Entstehung diskursiver Praktiken führt. Sprechakte in mündlicher sowie in schriftlicher Form werden auch Texte genannt.[10] Durch die Analyse und das Verständnis von Texten, die in ihrer Summe den Diskurs darstellen, kann man nach Jäger einschätzen, welche Interessen der Produzent des Textes verfolgt bzw. welche Auswirkungen das Gesagte hat. Das einzelne Diskursfragment ist dabei immer als ein Bestandteil eines übergeordneten Diskurses zu verstehen, der historisch und gesellschaftlich verwurzelt ist.[11] Ohnehin wird eine Textanalyse erst zu einer Diskursanalyse, wenn man gängige Selbstbeschreibungen, Wahrheiten und Machtmechanismen des Textes hinterfragt und offen legt bzw. eine Einordnung und Deutung dieses Textes in der gesellschaftlichen Realität stattfindet.[12] Vertreter dieses neueren Ansatzes der Diskursanalyse, wie Jäger und Link, verweisen insbesondere auf die vorhandenen sprachlichen Kategorien, die bestimmen, was in einer Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt denk- und wahrnehmbar ist. Somit existiere nur, was sprachlich bezeichnet ist.[13]

So viele Vertreter sich auch mit diskursanalytische-theoretischen Ansätzen befassen, sind sich doch fast alle von ihnen einig, dass es keine einzig richtige Vorgehensweise gibt und die einzelnen Analyseschritte dem jeweils zu untersuchendem Text angepasst werden müssen. Deshalb habe ich mir für die Parlamentsdebatte eine eigene, nach meinem Bemessen sinnvolle, Vorgehensweise entwickelt. Nachdem ich den Text im vorangegangenen Teil schon in seinen diskursiven Kontext eingeordnet habe, werde ich in mehreren Analyseschritten aufzeigen, wie eine Konstruktion des Diskurses über Parallelgesellschaft durch die einzelnen Sprecher in der Debatte im Berliner Abgeordnetenhaus erfolgt.

3.1 Den Diskurs konstruierende Elemente

„Wir haben in Berlin kein Problem mit einer Zehlendorfer türkischen Community, die zum Konzert an den Gendarmenmarkt fährt, wohl aber mit dem Soldiner Kiez und dem Rollbergviertel, weil sich dort der soziale Abstieg mit der kulturellen Abschottung paart.“[14]

In diesem Zitat Volker Ratzmanns, einem Abgeordneten der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, werden drei bedeutende Aspekte angesprochen, die eine Konstruktion des Parallelgesellschafts-Diskurses in der Debatte charakterisieren. Hier verbindet sich ein stadträumlicher mit einem sozialen und kulturellen Diskurs über Migranten. Um diese, den Begriff Parallelgesellschaft durchdringende, Diskurse in der Debatte herauszuarbeiten, begann ich mit dem Herausfiltern semantischer Inhalte, die im unmittelbaren Umfeld des Ausdrucks standen. Schließlich teilte ich diese Inhalte übergeordneten Bedeutungsfeldern zu.

Der räumliche Diskurs der Parallelgesellschaft geht einher mit einer Disposition der Segregation von Einwanderern in bestimmten Stadtvierteln in Berlin. Zur näheren Betrachtung der den räumlichen Aspekt einer Parallelgesellschaft beschreibenden Inhalte, wählte ich drei Passagen in denen Abgeordnete eine solche Abschottung darstellten. Interessant war zudem die Argumentationsstruktur der Politiker bezüglich der Ursachen einer solchen räumlichen Marginalisierung.

[...]


[1] Bittner <http://www.zeit.de/2003/36/Integration?page=2> (02.08.2008).

[2] <http://www.faz.net/s/Rub61EAD5BEA1EE41CF8EC898B14B05D8D6/Doc~EFF77EE206E8F4D3DA016D60C25113EEB~ATpl~Ecommon~Scontent.html> (02.08.2008).

[3] Vgl. Marcuse (1998), 179f.

[4] Vgl. Heitmeyer <http://www.zeit.de/1996/35/heitmey.txt.19960823.xml?page=5> (22.07.2008).

[5] Jäger (2001), 98.

[6] Vgl. Butterwege (2006), 257.

[7] Vgl. Butterwege (2006), 258.

[8] Jäger zufolge ist ein Diskursfragment ein „Text oder Textteil, der ein bestimmtes Thema behandelt.“ Diese Diskursfragmente verbinden sich später zu Diskurssträngen. (Jäger (2001), 97)

[9] Jäger (1994), 6.

[10] Vgl. Donati (2001), 154.

[11] Vgl. Jäger (1994), 24.

[12] Einer Rekonstruktion des Textes und seine Einbettung und Deutung in der gesellschaftlichen Wirklichkeit wird im vierten Kapitel nachgegangen.

[13] Vgl. Jäger (2001), 83.

[14] Abgeordnetenhaus, Pl. 15/60 (25.11.2004), 5022.

Details

Seiten
28
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640289011
ISBN (Buch)
9783640289240
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v123198
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) – Institut für Kulturwissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Sprechen Parallelgesellschaften Eine Diskursanalyse Debatte Berliner Abgeordnetenhaus November Empirische Methode Stadt- Migrationsforschung

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Titel: Das Sprechen über Parallelgesellschaften: Eine Diskursanalyse anhand einer Debatte im Berliner Abgeordnetenhaus vom 25. November 2004