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Neorealismus und Neofunktionalismus in den internationalen Beziehungen

Beide Theorien im Vergleich hinsichtlich ihrer Erklärungskraft

Essay 2006 13 Seiten

Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien

Leseprobe

Gliederung:

A) Einleitung

B) Hauptteil
I.1 Vorstellung des Neorealismus nach Kenneth Waltz
I.2 Positiver Erklärungsgehalt
I.3 Erklärungsdefizite des Neorealismus und ethische Kritik
II.1 Vorstellung des Neofunktionalismus
II.2 Die EU in neofunktionalistischer Sicht und ethische Vorzüge
II.3 Erklärungsdefizite des Neofunktionalismus

C) Schluss

Literatur

Fußnoten

A) Einleitung

Schon in der Antike haben Philosophen versucht Theorien zu finden, die das beste Staats-modell aufdecken und seine Entstehung erläutern. Während die politische Wissenschaft in ihren Ursprüngen eher normativ ausgerichtet war, geht die Disziplin „Internationale Beziehungen“ oft analytisch-empirisch vor. Sie versucht zu erklären, nach welchen Mustern das zwischenstaatliche Zusammenleben funktioniert und wie Konflikte entstehen und vermieden werden können. Auch hier bildeten sich einige Theorien heraus, wovon in dieser Arbeit zwei Ansätze näher erläutert und geprüft werden sollen. Dabei wird besonders darauf eingegangen, inwieweit die jeweilige Theorie zum Verständnis der internationalen Politik beitragen kann. In diesem Essay werden erst Neorealismus und anschließend Neofunktionalismus vorgestellt und kritisch beleuchtet. Es fällt auf, dass keine Theorie den Anspruch erheben kann, universal gültig zu sein und beide Ansätze sich ziemlich gegensätzlich sind.

B) Hauptteil

I.1 Vorstellung des Neorealismus nach Kenneth Waltz

Den wohl wichtigsten Betrachtungspunkt zu den internationalen Beziehungen übernimmt Kenneth Waltz von der Morgenthau´schen Theorie des klassischen Realismus: Die Auffassung, dass das Ordnungsprinzip der internationalen Politik (IP) ein anarchisches ist, vertritt auch der Neorealismus. Die zwischenstaatliche Anarchie ist – im Gegensatz zur innerstaatlichen Hierarchie – als das Fehlen einer übergeordneten Zentralinstanz zu verstehen, nicht als Chaos. In der IP sorgen die Staaten somit lediglich durch Selbsthilfe für die Durchsetzung ihrer eigenen Interessen.

Die Anarchie, die auf der internationalen Ebene bestimmend ist, ist ursächlich für die unbestreitbare Tatsache, dass alle Staaten in Unsicherheit leben. Daraus ergibt sich das sogenannte Sicherheitsdilemma, denn (wie oben schon erwähnt) existiert keine Weltre-gierung, die Regeln und Normen auf der internationalen Bühne durchsetzen könnte. Aus diesem unsicheren Status heraus und aus Angst vor den unberechenbaren Handlungen der anderen Akteure, versuchen alle Staaten gleichermaßen ihre Sicherheit zu maximie-

ren. Denn nur diejenige Regierung, die das staatliche Überleben garantieren kann, ist in der Lage sich um andere Probleme zu kümmern, andere Funktionen zu erfüllen. Folglich ist das Streben nach möglichst viel Sicherheit, das allererste und wichtigste Ziel der Na- tionen.

Für Waltz liegt der entscheidende Unterschied zwischen den Staaten demnach in ihrer Machtfülle und nicht ihrer Funktion – „The differences [...] are of capability not of function.“ Was versteht Waltz unter „capabilities“? Hier ist ein abstraktes Konstrukt aus sozialen, ökonomischen und vor allem militärischen Faktoren gemeint, welches sich wiederum aus der relativen Machtposition eines Staates ergibt. Und diese Machtposition ist bestimmend für die Stellung eines Staates im internationalen System.

Kommen wir nun zur neorealistischen Sichtweise bezüglich des Handelns der Staaten. Während Morgenthau sein Menschenbild auf die Staatsebene überträgt und das Individuum mit seinem Drang nach mehr Macht als entscheidende Analyseebene ansieht, verortet Waltz das Problem von Gewaltanwendung und Kriegen nicht mehr anthropologisch, sondern strukturell. Demnach verhalten sich Staaten wie Betriebe gegenüber dem Markt: Sie sind gezwungen sich innerhalb der Struktur anzupassen. Einig sind sich der klassische und der strukturelle Realismus aber über die Auffassung, dass alle Akteure nach dem Kosten-Nutzen-Prinzip ihre Handlungen abwägen, sich somit rational verhalten. Bei dem Streben nach Sicherheit (s. o.) beeinflusst die innere Struktur eines Staates dabei nicht seine Außenpolitik und die Aktionen gegenüber anderen Nationen. Deswegen wird in diesem Zusammenhang auch gerne der Begriff „black box“ verwendet, der sich auf alles Innerstaatliche bezieht.

Aus den genannten Prämissen ergibt sich die simple Tatsache, dass Staaten untereinan-der keine Kooperationen eingehen. Denn ähnlich wie im düsteren Naturzustand bei Hobbes, kann auch auf der internationalen Ebene kein Staat dem anderen trauen. Der Anreiz zum Vertragsbruch um daraus Vorteile zu erlangen, ist einfach zu hoch. Und selbst wenn eine Arbeitsteilung positive Synergie-Effekte für beide Staaten brächte, so würde auch die gegenseitige Abhängigkeit einen Sicherheitsverlust bedeuten. Die eigene Verletzlichkeit erweiterte sich um diejenige des Partners. Sogar bei einer funktionierenden Kooperation zwischen zwei Staaten, aus der beide Akteure Machtzu-wachs schöpfen, ist das entscheidende Kriterium die Relation der Gewinne. Ist der Zuwachs an „capabilities“ für Staat A größer als für Staat B, so ist B der Verlierer der Kooperation. Auf den Punkt gebracht: Im neorealistischen Nullsummenspiel kann es nicht ausschließlich Gewinner geben, denn der Wettstreit findet um exakt 100 Prozent Sicherheit statt. Gewinnt ein Akteur an Sicherheit, verliert irgendwo ein anderer den gleichen Anteil.

Für die internationale Politik aus neorealistischer Perspektive zeichnet sich folgendes Bild ab: Die anarchische Struktur des Systems kennt drei unterschiedliche Machtverteilungs-Muster: Die Uni-, Bi- und Multipolarität, wobei letzterem aufgrund der höheren strukturellen Unübersichtlichkeit das größte Kriegsrisiko eingeräumt wird. Auch die Unipolarität birgt Konfliktpotential in sich, da die kleinen Staaten durch den Hegemon ausgebeutet und bedroht werden können. Nach Waltz ist das bipolare System am stabilsten und auch am sichersten, da es hier eine optimale Machtverteilung gibt.

Ein Machtgleichgewicht stellt sich automatisch ein, wenn nur alle Staaten nach dem Sicherheitsprimat handeln. Der drohenden Überlegenheit eines oder mehrerer Staaten wird durch vorübergehende Bündnisbildungen, die nur im Verteidigungsfall entstehen, Einhalt geboten. Auch über Hochrüstung kann es zu Machtverschiebungen in den inter-nationalen Beziehungen kommen.

Nachdem die neorealistische Theorie von Kenneth Waltz charakterisiert und dargelegt wurde, soll nun die Erklärungskraft dieser Theorie anhand von Tatsachen und Beispielen näher untersucht werden.

I.2 Positiver Erklärungsgehalt

Der strukturelle Realismus entstand vor dem Hintergrund des Ost-West-Konflikts. Und die Entstehung und den Verlauf des Kalten Krieges (ausgenommen dessen Ende) vermag die Theorie von Waltz ganz gut zu erklären:

Nach Ende des 2. Weltkrieges standen sich alsbald zwei unterschiedlich ideologisch aus-gerichtete Blöcke gegenüber, die liberal-demokratischen USA und die kommunistische Sowjetunion. Stalin strebte eine Machtausweitung hin zur Atlantikküste an und wegen diesem ängstlichen Gefühl für Westeuropa, entstand die NATO, eine Verteidigungsallianz in der alle Teilnehmer sich gegenseitig im Konfliktfall schützen. Die Entstehung der NATO ist folglich ein formidables Beispiel für das Streben aller Staaten nach Sicherheit. Die Antwort darauf war – sechs Jahre später – die Gründung des Warschauer Pakts.

Da die erste Möglichkeit zur Ausweitung der jeweiligen „capabilities“, die Allianzbildung somit ausgereizt war, konnte diese nur noch über interne Machtsteigerung, d. h. Hoch-rüstung erreicht werden. Diese zwei Fälle hat der Neorealismus zweifellos richtig erkannt und beschrieben. Somit kam es bald zum Rüstungswettlauf zwischen den beiden Supermächten. Mitte der 60er Jahre stellte sich dann, gemäß der neorealistischen Theorie, eine nuklearstrategische „Balance of Power“ ein. John Mearsheimer, Vertreter des offensiven Neorealismus, sagte voraus, dass wenn sich alle Akteure rational verhalten, es zu keinem Krieg kommt. Denn dieser Krieg würde vernichtend sein und die viel beschriebene MAD – Mutual Assured Destruction (gegenseitige totale Zerstörung) – würde eintreten. In seiner Abhandlung „Why we will soon miss the cold war“, betrachtet Mearsheimer die Phase des kalten Krieges als langen Frieden, dessen Basis sich haupt-sächlich auf Nuklearwaffen gründete[i]. Diese Thesen mag man als richtig einstufen, keineswegs aber die Behauptung, die weltpolitische Lage werde nach Zusammenbruch der SU unberechenbarer und Kriege wahrscheinlicher.

[...]


[i] Vgl. Mearsheimer, S. 37

Details

Seiten
13
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640281480
ISBN (Buch)
9783640284375
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v123608
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Geschwister Scholl Institut für politische Wissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Neorealismus Neofunktionalismus Beziehungen Grundkurs Internationale

Autor

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Titel: Neorealismus und Neofunktionalismus in den internationalen Beziehungen