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Die Kunst emotionaler Entscheidungen

Mit Intuition und bewussten Motiven gegen Zerrissenheiten und Ängste in der Entscheidungsfindung

Fachbuch 2009 170 Seiten

Psychologie - Methoden

Leseprobe

Inhalt

Teil I – Implizites Wissen oder die Kunst reaktiver Entscheidungen
1 Auf der Reise durch den Körper – Entscheidungen mit Focusing
Exkurs: Entscheidungen brauchen Raum und Zeit
2 Was Ihnen Ihr Körper sagt
3 Vom Umgang mit Emotionen und Gefühlen
3.1 Entstehung und Sinn von Emotionen
3.2 Nur keinen Stress
3.3 Die ganze Welt der Freude
3.4 Die Funktion unserer Emotionen und Gefühle vor und nach der Situation
3.5 Wo geht Ihr hin, ihr Emotionen? Entstehung, Nutzen und Aussage von Emotionen
3.6 Embodiment – Körper-Verhalten, somatische Marker und Gefühle
3.7 Der gute Abschluss
4 Wahrnehmung und Wahrnehmungsfehler

Teil II – Implizite Einstellungen oder die Kunst aktiver Entscheidungen
1 Erkenntnisse aus der Motivationspsychologie
1.1 Erwartung-Wert-Theorie
1.2 Konflikt-Theorie
2 Bedürfnisse, Werte und Motive
2.1 Tauchen Sie ein in Ihren biographischen Hintergrund
2.2 Das Prinzip der Entscheidungsmotive
2.3 Entdecken Sie Ihre Lebensmotive
2.4 Mit einem Bilder-Test zu Ihren unbewussten Motiven
2.5 Die Motiv-Dimensionen: Der Mensch und die Gesellschaft
2.6 Die Analyse Ihrer Motive
2.7 Planeten, Satelliten und Raumfahrzeuge
3 Stressreduktion und Weiterentwicklung im gesamten System
4 Aktiv und reaktiv – Entscheidungen mit Motiven und Emotionen
4.1 Der Sechs-Punkte-Plan
4.2 Die Emotionale Marker-Entscheidungsmotive-Matrix
4.3 Der Angst-Neugier-Faktor
4.4 Was macht Sie glücklich?
4.5 Das Zusammenspiel zwischen Stand- und Spielbein
4.6 Reflexion: Das METa-Dreieck
5 Arbeiten mit den Entscheidungsmotiven
5.1 Wie Sie mit Gegensatzpaaren Gegensätze auflösen
5.2 Die Emotionale Marker-Entscheidungsmotive-Matrix
5.3 Duellisten und Sekundanten oder: Wer unterstützt wen?
5.4 Clustern Sie Ihre Motive
5.5 Schicht auf Schicht oder: Was steht hinter was?
5.6 Die Personifizierung Ihrer Motive
5.7 Wie der Kopf dem Bauch hilft – über Ziele, Primes und Zukunftsmotive
5.8 Negative Motive
5.9 Wie Motive und Emotionen zusammenfinden
5.10 Wie Entscheidungen ablaufen
6 Menschenkenntnis
7 Effektive Regelabläufe für Risikoberufe und alle, die keine Zeit haben
8 Standbein und Spielbein bei Entscheidungen
9 Selbstcoaching im Umgang mit Stress

Teil III – Übersetzung der Entscheidungen in Sprache
1 Von erfüllten Emotionen zur rationalen Begründung
2 Sprache und emotionale Verhandlungen

Teil IV – Ihr Entscheidungsmanagement-Methoden-Koffer

Der Autor

Michael Hübler ist Diplom-Pädagoge, Sozialmanager und Focusing-Berater (i.A.). Er lebt und arbeitet zusammen mit seiner Familie als freiberuflicher Trainer, Berater und Autor in Fürth, Großraum Nürnberg. Sein Spezialgebiet betrifft Entscheidungen in jeglicher Hinsicht: Persönlichkeitsentwicklungen, Karriereentscheidungen, Work-Life-Balance (insbesondere für Väter), Risikomanagement, kreative Problemlösungen und emotionale Entscheidungen, Entscheidungen unter Stress oder Teamentscheidungen.

Michael Hübler ist Mitglied im Väter-Experten-Netz-Deutschland (vend-ev) und in der Gesellschaft für Zeitkultur, mit der er zusammen ein Zeitkultur-Audit entwickelte.

Michael Hübler gibt Trainings, Vorträge und Seminare u.a. für die Datev eG, Bosch, das Fraunhofer Institut IS, die TU München, die Hochschule Nürtingen-Geislingen, die Bundeswehr-Universität München, das Klinikum Nürnberg und die IHK Würzburg.

Weitere Informationen finden Sie unter: www.michael-hübler.de

Illustrationen des Bildertests Silke Klemt. Restliche Illustrationen Michael Hübler.

Vorwort: Bewusstmachung und Klarheit sind das A und O einer guten Entscheidung

Lektion 1: Treffen Sie klare und bewusste Entscheidungen

Wichtige Entscheidungen werden nicht einfach so gefällt. Sie müssen reifen. Sie brauchen Zeit. Sie brauchen Geduld. Und was Sie am meisten brauchen sind Klarheit und Bewusstheit. Eine gute Entscheidung benötigt zusätzlich ein feste Basis. Etwas, das nicht davon rutscht. Sie benötigt einen festen Boden unter den Füßen. Und dieses Fundament liefert Ihnen die Klarheit über Ihre Urteile. Als Bild kann Ihnen ein Fußballspieler dienen, der über ein festes Standbein und ein flexibles Spielbein verfügt.

Wie steht Ihr Körper, respektive Ihr Bauch als 'Urteils-Basis' zu einer Entscheidung? Entscheiden Sie vor dem Hintergrund positiver oder gegen negative Emotionen[1]? Haben Sie sich klar für eine Richtung entschieden, anstatt allzu lange in der Schwebe zu bleiben? Manchmal kann uns bereits ein Münzwurf zwingen, diese Klarheit zu finden nach dem Motto:"Zahl. Na gut, aber ich mache es dennoch anders!" Doch manchmal dauert es auch länger. Manchmal sind die inneren Widersprüche zu komplex, um sie sofort aufzulösen.

Ich möchte an dieser Stelle mit einem Missverständnis aufräumen, das immer auftaucht. Es handelt sich dabei um die Frage "Wie sollten wir denn nun entscheiden, kognitiv oder intuitiv"? Antwort: Sowohl als auch! Wenn Sie sich ein Ziele mit dem Kopf setzen, überlegen Sie sich Wege zur Zielerreichung mit dem Kopf, um deren Sinnigkeit und Richtigkeit schließlich emtional zu überprüfen, d.h.: Sie befragen Ihre Ziele, ob diese mit Ihren Motive übereinstimmen. Oder Sie denken sich Alternativen zum aktuellen IST-Zustand aus, welche Sie ebenso mittels Ihrer Intuition auf Herz und Nieren prüfen sollten, bevor Sie die notwendigen Schritte einleiten.

Unsere ältere Tochter wird dieses Jahr eingeschult. Da wir verantwortungsvoll mit dieser Aufgabe umgehen möchten, stellt sich uns die Frage, die sich viele andere auch stellen: Privatschule, ja oder nein? Ist eine Privatschule keine Option, sei es aufgrund der finanziellen Mittel oder einfach weil wir uns keine Gedanken darüber machen (möchten), wären wir sicherlich glücklicher, zumindest sorgloser. Es ist einfach so, wie es ist. Die LehrerInnen der Sprengel-Schule sind nicht immer großartig. Sie haben es ja auch – je nach Wohn-Viertel nicht immer leicht. Das Schulkonzept ist vielleicht auch nicht überzeugend. Aber wie gesagt: Es ist wie es ist. Doch in Anlehnung an den Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick lässt sich formulieren: Wir können uns nicht nicht entscheiden – auch wenn es manchmal so scheint, z.B. wenn wir unser Kind impfen lassen. Auch wenn es sich ein wenig unsicher anfühlt und wir schon einige Geschichten – oder sind das Gerüchte? – über Impfschäden hörten. Dennoch, als soziale Faustregel gilt meist:"Tu was die anderen tun. Dann wirst Du nicht ganz falsch liegen". Meistens funktioniert das. Doch die (impfende oder 'regelschulende') Masse liegt nicht immer richtig, wie uns die Geschichte vieler Kriege (Krankheiten oder Kindheitsentwicklungen) lehrt. Außerdem gibt es meist mehrere Massen, zu denen wir uns zugehörig fühlen und die uns wie Magnete anziehen. Mal dahin und mal dorthin.

Diese Beispiele sind eine Auswahl von all den Momenten, in denen wir uns entscheiden müssen, ob wir agieren oder reagieren. Wenn es darum geht, welche Arbeitsangebote Sie annehmen und welche nicht? Wenn es darum geht, wie Sie Ihr weiteres Leben ausrichten – beruflich und privat. Wenn es um Weiterbildungen oder die Auswahl des perfekten Hobbys geht. Wenn es um Wohnungssuche, Haus- und Autokauf geht oder der nächste perfekt zu planende Erholungsurlaub ansteht.

Als Trainer und Coach stieß ich auf ein Paradoxon, das ich mit diesem Buch auflösen möchte: Manche Menschen greifen gerne zu Entscheidungsmethoden oder -techniken, um sich sachlich mit einem Thema auseinander zu setzen. Bücher dazu gibt es genügend, zumeist aus dem Kreativbereich. Diese eher klassisch männliche Art der Entscheidungsfindung ist auf der Suche nach der optimalen Entscheidung mit Portfolio-Analysen, Mindmaps, morphologischen Kästen, Entscheidungsbäumen oder den Prinzipien der Spieltheorie. Mindmaps halte ich grundsätzlich für sinnvoll, wenn ich in einem Problem bis zum Halse stecken bleibe und neue Informationen sammeln und sortieren muss. Andere Methoden wie die Spieltheorie sind so komplex, dass sie bereits dadurch jeder Alltagstauglichkeit beraubt werden. Ich persönlich als Wahrnehmungs- und Bauchmensch werde eher verrückt, als dass ich damit auf eine Lösung komme. Womit wir bei den anderen Menschen sind. Nein, nicht den Verrückten! Sondern Menschen wie ich, die gerne – wie es vermehrt Frauen nachgesagt wird – aus dem Bauch heraus entscheiden. Die Tatsache, dass ich – trotz Bauch, Wahrnehmung und Focusing – nicht auf Methoden verzichten möchte und definitiv wissen will, was da 'in uns vor sich geht', wenn ich eine intuitive Eingebung habe, brachte mich auf die Idee, das eingangs erwähnte Paradoxon aufzulösen: Wie schaffe ich es, eine Methode zu entwickeln, die beides vereinbart: Das Bauchgefühl und den analytischen Verstand, Gefühl und Geist, Intuition und Intelligenz, Herz und Verstand?

Was ich Ihnen mit meinem Modell der Entscheidungsmotive[2] anbiete, ist die Verbindung Ihrer inneren Einstellungen, Ihres emotional bewussten, vorbewussten und unbewussten Wissens und der Außenwelt. In jeder neuen Situation trifft diese Innenwelt auf die Außenwelt.

Mein Modell hilft Ihnen, auf eine klare, bewusste und strukturierte Art und Weise unbewusste Emotionen und Motive mit in Ihre Entscheidungsfindung einzubeziehen. Das vorliegende Buch hilft Ihnen, Ihre Entscheidungen von einem sehr persönlichen Standpunkt aus selbstsicher und stimmig zu treffen. Stimmig in dem Sinne, dass Ihr Verstand und Ihre Gefühle an einem Strang ziehen. Dabei habe ich weniger kreative Höhenflüge im Sinn. Ich möchte Ihnen vielmehr die Fähigkeit vermitteln, Ihre ganz persönliche Suche nach glücklichen Entscheidungen selber in die Hand zu nehmen.

Wie funktioniert das? Als erstes habe ich zur Strukturierung Ihrer inneren Einstellungen eine Kategorisierung von Motiven in zehn Dimensionen vorgenommen, bestehend aus Motiven, Werten und Bedürfnissen, nach allem, nach dem wir Menschen streben, was uns letztendlich glücklich macht. Wenn ich dabei von Motiven spreche, meine ich sowohl bewusste wie auch unbewusste Motive. Es handelt sich dabei um die Dimensionen:

- Selbstverwirklichung und Stärke,
- Zugehörigkeit, Sicherheit und soziale Tugenden,
- Leistung zeigen und Mut zu neuen Erfahrungen
- sowie geistige, körperliche und seelische Vitalität.

Ein einfaches Beispiel: Sie haben ein grundlegendes Bedürfnis nach Freiheit – Freiheit in allen Facetten und Schattierungen. Dies hat weitreichende Auswirkungen auf Ihre Entscheidungen: Wohnen im Grünen, eine große Wohnung, große Zimmer, freie Entscheidungen in der Arbeit bis zur Selbständigkeit, lose Beziehungen und Bindungen zu anderen Menschen usw. All dies kann sein, muss aber nicht. Doch einige dieser Punkte werden Sie unbewusst oder auch bewusst durch Entscheidungssituationen steuern. Nach der Lektüre dieses Buches sind Ihnen diese Motive weitgehend bewusst, um klarere und aktivere Entscheidungen zu treffen.

Diese Motive streben wir an, um – verknüpft mit der Philosophie hinter der Therapie- und Beratungsmethode Focusing und dem homöodynamischen Prinzip – unser Lebenssystem nach innen und außen zu schützen, unsere Beziehungen aufrecht zu erhalten und langfristig unser Leben reichhaltiger zu gestalten. Diese Motive bestimmen unser Leben entscheidend mit. Dabei werden bis zu 70% unserer Entscheidungen – um eine Hausnummer zu nennen – von unbewussten Motiven geprägt. Dies gilt vor allem für Menschen, die viel mit Informationen arbeiten, z.B. Wissensmanager. Diese 70% klingen nach viel, vielleicht zuviel, sodass Sie sich sagen:"Das kann doch nicht sein". Doch auch in anderen Bereich taucht dieselbe Zahl auf, wenn es darum geht, in welchem Umfang wir nonverbal, also mit Gesten, Mimiken und unserem Tonfall kommunizieren. Und nonverbal heißt weitgehend unbewusst oder auch unübersetzt. Denn das, was noch vorsprachlich in unserem Körper 'brodelt', muss erst noch in Sprache übersetzt werden, damit andere es verstehen. Damit aber auch wir selbst es verstehen.

Die Existenz und Wichtigkeit dieser Motive, wenn auch unter anderem Namen, ist unbestritten. Die Wichtigkeit für Sie persönlich kann sehr unterschiedlich sein. Sie bekommen später die Möglichkeit, die Wichtigkeit jeder einzelnen Dimension der Motive als ein Herzstück des Buches für sich als Standortbestimmung zu bewerten – eine intensive Auseinandersetzung mit Ihren ganz persönlichen Bedürfnissen, Werten und Motiven. Damit haben Sie eine Matrix, ein Instrument an sich in der Hand, um aktive Entscheidungen zu treffen, da Sie mit dem Wissen um Ihre Motive ganz anders in Situationen hineingehen werden.

Dass Sie bestimmte Motive Ihres Lebens, Ihre Lebensmotive, genau in dieser Ausprägung haben ist kein Zufall. Motive sind in der Regel – wenn auch mit einer gewissen Flexibilität – bei jedem Menschen einigermaßen konstant:"Das ist mir eben wichtig", "Danach richte ich mein Leben aus" usw. Und weil Ihnen bestimmte Lebensmotive als Teile unseres autobiographischen Ichs so wichtig sind, sind sie mit bunten Farben emotional gemarkert:"Schau her, das ist mir besonders wichtig, ich habs gleich mal markiert!". Hier greift die Theorie der somatischen Marker des Neuropsychologen Antonio R. Damasio: Zu allem was Ihnen wichtig ist, haben Sie eine Emotion und ein Gefühl abgespeichert – manchmal direkt und manchmal über den Umweg einer Körperempfindung. Wenn es Ihnen wichtig ist, in Gemeinschaft zu sein, reagieren Sie mit Trauer oder Wut im weitesten Sinne, wenn Sie abgewiesen werden. Sie sind dann nicht einfach alleine, sondern empfinden ein ganzes Bündel an Emotionen und Körperempfindungen; Gedanken und Bilder schwirren Ihnen im Kopf herum. Sie sind traurig, wütend und beleidigt gleichzeitig, haben vielleicht den Drang, sich schnellstens nach einer neuen Gruppe umzusuchen oder rufen enge Freunde an, die leider zu weit weg wohnen, um sie sofort zu treffen. Insbesondere die Reaktionen auf körperlicher Ebene laufen automatisch ab – andere Reaktionen erst nach kurzem oder längerem Nachdenken, nach einer Phase der Bewusstmachung, des bewussten In-sich-Hineinhorchens.

Dies ist das Leben – nun zu den Entscheidungsmotiven. Entscheidungsmotive sind genau jene Motive, die im Moment der Entscheidung wichtig sind. Entscheidungsmotive bezeichnen eine Auswahl aus Ihren Motiven, die situationsbezogen ein eigenes System aus Verknüpfungen untereinander aufgebaut haben. Auf den Punkt gebracht heißt dies: In bestimmten Situationen sind Ihnen bestimmte Entscheidungsmotive wichtiger als andere. Manche wiegen schwerer, manche leichter. Hinter manchen verbergen sich andere Schwergewichte. Manche wirken nur, wenn sie von 'Brüdern im Geiste' unterstützt werden. Doch für alle gilt: Ihr aktuelles Ich reagiert genau jetzt mit einer Situation, wodurch genau diese Motive in Ihnen entstehen.

In den meisten aktiven Entscheidungen spielen Ihre Motive eine enorme Rolle. Mit aktiv meine ich Entscheidungen, die Sie ganz bewusst angehen. Mit aktiv meine ich Wünsche, Ziele, Pläne, Träume und das Verfolgen Ihrer Interessen. Sie müssen sich entscheiden zwischen einem Urlaub auf dem Bauernhof und einer Kreuzfahrt durch die Karibik – wenn die Finanzen keine Rolle spielen. Sie überlegen, ob Sie lieber an einen See fahren oder ins Freibad gehen. Eben jenen Zerrissenheiten werde ich in diesem Buch auch zu Leibe rücken.

Sie müssen große Entscheidungen treffen, aber auch die vermeintlich kleinen können es in sich haben. Verschwenden Sie nicht zu viel Zeit und Energie auf die kleinen Entscheidungen. Wenn Sie die großen für sich mit System geklärt haben, werden die kleinen automatisch auf dem Fuße folgen.

Doch es gibt auch Entscheidungen, die reaktiv stattfinden: Eine Hebamme erkennt an der Hautfarbe eines Babys, was ihm fehlt, auch wenn Sie dies nicht unbedingt verbalisieren kann. Mit Motiven hat dies wenig zu tun. Außer natürlich dem Motiv, nichts falsch machen zu wollen, aber auch das ist eher reaktiv. Dies hat mehr mit einer Reaktion zu tun, als mit einem klaren Plan, mit einem Ziel, mit einer Motivation. Dies hat mehr mit einer Resonanz zu tun, die in uns intuitiv zu schwingen beginnt, wenn wir Informationen der Umwelt verarbeiten.

Vor den impliziten Einstellungen kommt Ihr implizites Wissen. Streng genommen handelt es sich hierbei um Ihre Intuition, sprich: Sie nehmen etwas wahr, gleichen es mit Ihrem impliziten Wissen ab und befragen sich selbst, wie dies zu Ihren Einstellungen passt. Die Bewusstmachung dieses Wissens, d.h. ihrer intuitiven Abläufe, ist ein weiterer Schwerpunkt des Buches. Eine Methode der Bewusstmachung liefert das Storytelling, eine der derzeit innovativsten Methoden. Beim Storytelling werden implizites Handlungswissen und Faustregeln aus den Geschichten von MitarbeiterInnen 'heraus gelesen'. Wir werden dies mit Hilfe von Emotions-Entstehungen und -abläufen tun.

Noch einmal zurück zum Einstiegsbeispiel: Wenn ich an die Schule unserer Tochter denke, fallen mir folgende Merkmale ein, die für unsere Entscheidung eine Rolle spielen:

- Unsere Tochter soll die Möglichkeit bekommen, sich selbst innerhalb ihres eigenen Tempos zu entwickeln. Sie soll genau die Stärken entwickeln, die zu ihr passen und sie langfristig glücklich machen. Unsere Tochter ist nicht immer sehr schnell. Dafür kann sie sich gut unterordnen, um nicht aufzufallen. Sie ist ein sensibles und eher ruhiges Kind.
- Unsere Tochter soll in eine Schule gehen, auf der sie andere Kinder trifft die anders sind und ihr andere Modelle vorleben. Sie soll aber auch genügend Raum für sich haben, den sie nur hat, wenn auch andere 'sensible' Kinder vorhanden sind. Diese Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe wirkt sich natürlich auch auf die Eltern aus. So wollen wir als Eltern nichts mit anderen Eltern zu tun haben, mit denen wir uns – aufgrund anderer Erziehungsstile – andauernd streiten müssten; oder am Ende sogar (ich als Pädagoge und meine Frau als Psychologin) mit den LehrerInnen.
- Diese soziale Geborgenheit würde unserer Tochter die nötige Sicherheit bieten, um in Ruhe heranzureifen. Wenn das emotionale Umfeld eher heimelig ist, so sollte das Programm der Schule anspruchsvoll und herausfordernd sein, voller Grenzerfahrungen und Kreativität (Stichwort: Standbein – Spielbein).
- Ebenso sollte die körperliche Vitalität angemessen gefördert werden, am besten nicht abgesondert vom restlichen Betrieb, sondern fließend zwischen den Unterrichtseinheiten.

Diese emotionalen Beweggründe gehen auf das zurück, was Sie in diesem Buch über Entscheidungsfindungen erfahren werden. Sicherlich gibt es noch mehr Gründe wie Fahrtzeiten, Freunde im Umfeld und natürlich Geld. Die Finanzen spielen jedoch meines Erachtens eine untergeordnete bzw. exponierte Rolle: Ist Geld vorhanden, sollte es weniger um das Geld an sich gehen, sondern vielmehr um den Einsatz für in diesem Fall die Schule oder eben etwas anderes. Ist es nicht vorhanden, ist die Entscheidungsfindung bereits abgeschlossen. Schulfreunde im Umfeld zu haben spielt natürlich eine wichtige Rolle. Doch sind Menschen, die sich zu solchen Themen Gedanken machen, meist ohnehin globalisierungsgeschädigt. Der Sprengel macht auch vor Freundschaften aus Universitäts-Zeiten keinen Halt. Den dritten Grund schließlich, die Zeit, lasse ich gerne gelten. Hier stellt sich nur die Frage, was mehr Zeit kostet: Fahren und glücklich sein über die Fortschritte und Geborgenheit des eigenen Sprösslings oder Nicht Fahren und sich ärgern über verständnislose LehrerInnen.[3]

Eine Verbindung zu unserem impliziten Wissen können wir herstellen, wenn wir uns vorstellen, wie sich die eine oder andere Schule anfühlt. Gerne auch in verschiedenen Szenarien, verbunden mit den Fragen: Was macht wütend? Was macht traurig? Was beruhigt? Was macht uns Sorgen? Angst macht uns der Ärger mit den Lehrern. Wütend machen Ungerechtigkeiten. Traurig werden wir, wenn unsere Kleine keinen guten Platz hier oder dort findet. Beruhigend ist die persönliche, kindgerechte Entwicklung. Sie sehen: Hier sind bereits einige explizite Ziele eingearbeitet, denn: Ohne Ziele keine Überprüfung!

Die Gründe, sich unbewusstes Wissen und unbewusste Einstellungen bewusst zu machen sind reichhaltig vorhanden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zusammengefasst in der Analyse des Entscheidungsproblems:

Dieses Buch hilft Ihnen einerseits, Ihre impliziten, also unbewussten Einstellungen gezielt zu nutzen – beruflich wie privat. Andererseits führt bereits die Bewusstmachung intuitiver Eingebungen häufig dazu, eine Entscheidung in ihre Bahnen zu lenken. Dieses Buch soll Klarheit und Ordnung in Ihre Entscheidungen bringen. Oft ergibt sich bereits aus dieser Klarheit heraus der Drang zu handeln, etwas tun zu müssen, ganz einfach weil klar ist, was zu tun ist. Es scheint dann keinen anderen Weg mehr zu geben als nur den einen. Unser Körper zeigt uns mit seinen empfundenen Emotionen an, was zu tun ist. Dagegen zu rebellieren, wenn wir diese Klarheit erst einmal erlangt haben, fällt wirklich schwer.

Der Mediziner Joachim Bauer[4] spricht in diesem Zusammenhang von Handlungsneuronen, den Asterixen, denen bewusst wird, was zu tun ist – und Bewegungsneuronen, den Obelixen, die die Befehle der Asterixe umsetzen. Sie tun es nicht immer, fühlen sich bisweilen zu unsicher. Aber meistens folgen sie doch den Vorgaben Ihrer 'Herren'. Der Fokus des Buches liegt bei den Asterixen. Gerhard Roth nennt den Moment, indem im Gehirn durch bloßes Denken eine Entscheidung zustande kommt einen Willensruck. Wenn wir das Gefühl haben, etwas zu schaffen, wird der Motivations-Stoff Dopamin im Körper ausgeschüttet und legt dadurch sozusagen den mentalen Hebel um, dieses Etwas anzugehen.

Dennoch: Das Buch handelt nicht von der Umsetzung Ihrer Entscheidungen. Es zeigt Ihnen nicht, wie Sie selbstsicherer werden. Dafür gibt es jede Menge soziale Kompetenz-Training-Bücher. Für alle anderen oder bis dahin gilt: Wenn nichts mehr geht, kann ich immer noch mich selbst verändern. Und dies ist mitnichten zynisch gemeint: Vielleicht befinden Sie sich ja manchmal am falschen Platz mit Ihren Empfindungen? Oder der Platz passt nicht zu Ihnen? Wer weiß?

Die Quintessenz des Buches im grafischen Überblick

- Sie verfügen über ein Fundament an Motiven, implizit und explizit, sowie einigen Zielen, die Ihnen helfen Entscheidungen aktiv anzugehen bzw. sich Situationen gezielt nach Ihren Motiven auszusuchen.
Alternativ dazu befinden Sie sich natürlich auch häufig in Situationen, die Sie sich nicht aussuchen können. Gut, wenn Sie bereits vorher wissen, was Sie wollen.
- In einer konkreten Situation empfinden Sie ein Bündel an Emotionen und Gefühlen auf geistiger wie körperlicher Ebene. Dieses Bündel sagt Ihnen, ob die Situation als Gesamtkomplex angenehm ist oder nicht.
- Durch Feedback-Schleifen aktualisieren Sie immer wieder Ihre Motive mit Ihren Gefühlen, d.h. Sie testen fortlaufend mit Hilfe Ihrer Gefühle, ob Ihre Motive erfüllt werden.

Um es auf den Punkt zu bringen: Dieses Buch soll Ihnen helfen, intuitiver zu 'denken'. Es soll Ihnen helfen, zu wissen, was Sie brauchen, um glücklich zu werden. Es soll Ihnen helfen, Ihre Gefühle und Emotionen besser wahrzunehmen. Der intuitive Mensch ist gerade deshalb glücklich, weil er all das, was er in der Vergangenheit erlebte mitnimmt in die Gegenwart: Als Erfahrungsgrundlage, Erfolgs-Wissen und Glücks-Wissen. Der intuitive Mensch spürt, wann er was tun und sagen muss, um innerhalb seines Systems genau im Fluss zu sein. Er entwickelt sich weiter, Schritt für Schritt. Nicht in großen Sprüngen, nicht immer mit Hilfe von Wagnissen. Doch er entwickelt sich und bleibt nicht stehen.

Teil I – Implizites Wissen oder die Kunst reaktiver Entscheidungen

1 Auf der Reise durch den Körper – Entscheidungen mit Focusing

Lektion 2: Entscheidungen brauchen Achtsamkeit.

Ich betrachte Focusing als die Methode schlechthin, um seine Intuition und den Zugang zum Körper und somit auch die Basis der persönlichen Entscheidungsfähigkeit zu trainieren. Die Zusammenhänge von Focusing und den Erkenntnissen der Neurowissenschaften habe ich bereits an anderer Stelle ausführlich dargestellt[5]. Es folgt ein kurzer Einstieg in die Arbeit mit Focusing.

Das Prinzip der gleichschwebenden Aufmerksamkeit

Wichtig für die Entwicklung eines intuitiven Gespürs, dazu auch dem Zugang zu Ihrem Körper, ist eine tiefere Auseinandersetzung mit den eigenen Einstellungen sowie ein Training aufmerksamer Wahrnehmung, damit das Innere mit dem Äußeren in guter Weise kommuniziert.

Sobald Sie etwas Interessantes, Spannendes, Aufregendes oder Ängstigendes entdecken, wird Ihre Wahrnehmung oder Aufmerksamkeit gebunden. Wenn Sie sehr vertieft in eine Aufgabe sind, kann dies zu einer vollkommenen Absorbierung und Vereinahmung führen, sodass Sie nichts anderes mehr wahrnehmen. Sie identifizieren sich dann mit diesem einen Thema, als ob es keine anderen Themen in Ihrem Leben gäbe. Ein Mensch mit selektiver Wahrnehmung realisiert nur das, was in sein Weltbild passt. Alles andere wird ausgeblendet bzw. will er nicht wahr haben. Wichtig für die Entwicklung Ihrer Intuition als Innenschau ist die Haltung der gleichschwebenden Aufmerksamkeit, ein von Freud geprägter Begriff, im Wesen ähnlich zu Formen buddhistischer Meditation, speziell dem Prinzip der Achtsamkeit, gekennzeichnet durch Geduld, Hinnahme, Urteilslosigkeit, Vertrauen, Loslassen und Wunschlosigkeit. Ich nenne dieses Prinzip auch ein Mitschwingen mit Situationen oder Themen.

Die folgende Vorstellung soll Ihnen helfen, sich diesem Zustand anzunähern: Um Ihr Ich kreisen in jedem Moment Ihres Lebens eine Menge Themen, die Sie beschäftigen. Diese Themen haben einen direkten emotionalen Bezug zu Ihrem Ich. Manche Themen sind miteinander verknüpft, andere 'nur' mit Ihrem Ich. Dadurch sind Sie niemals ganz frei, wenn Sie mit anderen reden, anderen zuhören.

Stellen Sie sich vor, Sie würden den Themen, die um Ihr Ich kreisen, eine kleine Pause gönnen. Dies ist nicht einfach und meist erst nach längerer Übung möglich. Lassen Sie uns dennoch von einem möglichst freien und unvoreingenommenen Zustand ausgehen. Auch wenn Sie diesen Zustand nicht gleich oder niemals vollständig erreichen – wichtig ist der Versuch. Lassen Sie sich nicht entmutigen.

Auf dem Weg dorthin können Ihnen folgende Anweisungen mentaler und körperlicher Natur helfen, um einer Situation erst einmal vorurteilsfrei zu begegnen:

- Sie befinden sich in einem Zustand interessenloser Neugier,
- sind frei von Vorurteilen und Zwängen.
- Wahrgenommenes wird unsortiert aufgenommen, d.h. es wird noch nicht nach Brauchbarkeit oder Wichtigkeit unterschieden – wie ein Beobachter, der selber nicht involviert ist.
- Dadurch werden möglichst viele Details gleichberechtigt abgespeichert und erst später sinnvoll verknüpft.
- Halten Sie Ihren Mund leicht geöffnet oder locker geschlossen.
- Richten Sie Ihren Körper in Richtung der Informationsquelle aus.
- Nehmen Sie eine gerade, aber lockere Haltung ein.
- Öffnen Sie die Arme und richten Sie Ihre Handflächen nach vorne aus, wie wenn Sie etwas geben oder freudig entgegennehmen möchten.

All dies sind Vorbedingungen für den ...

Prozess des Focusierens

Im Focusing wird ein Zugang zum 'felt sense' zu einer Situation, einem Problem oder einem Thema hergestellt. Der felt sense lässt sich übersetzen mit den Begriffen gefühlte Bedeutung oder gespürter Sinn. Er lässt sich mit einem wirren Wollknäuel vergleichen – als Symbol für alle Gefühle, Bilder, Körpergefühle, Gedanken und Sinneseindrücke, die uns ganz persönlich bzw. unseren Körper mit dem Thema verknüpfen. Ziel ist es, diesen Wollknäuel an einem Ende zu fassen und bis zu seinem anderen Ende zu verfolgen, um zu wissen, wie ein weiteres Vorgehen stattfinden kann. Ein körperliches Gefühl, das Sie bei einem Thema empfinden, ist ein Teil dieses Wollknäuels und meist der erste Anlauf, sich ein Stück davon zu greifen.

Die wichtigsten Begriffe im Focusing sind

- der felt sense,
- ein Griff, d.h. ein Begriff, ein emotionaler Marker, ein Bild oder auch ein somatischer Marker, mit dem Sie den Wollknäuel, also das große Ganze zu fassen bekommen,
- und der felt shift (von mir übersetzt als Wandel) oder body shift, in dem sich Veränderungen im Körpergefühl abzeichnen.

Das was dem Begriff der Intuition am nächsten kommt, sind die Begriffe Griff und Wandel zusammengenommen. Der Griff (vergleichbar mit dem Begriff des Hebels oder Hebelpunktes) ist der Punkt, an dem Sie ansetzen, wenn Sie sich mit einem Problem beschäftigen. Der Wandel kann ein neuer Ansatzpunkt sein oder ein Hinweis für Veränderungen, die nötig sind, um die Situation zu lösen.

Exkurs: Hebelpunkte setzen

Hebelpunkte sind Ansatzpunkte, die viel bewegen. So werden mit einem kleinen Griff große Wirkungen oder Kettenreaktionen erzielt. Ein Reizwort oder Symbol in einer Rede während einer Demonstration kann das Fass zum Überlaufen bringen. Die Erfindung von mp3 löste eine musikalische Revolution aus. Da Hebelpunkte nie einfach so auftauchen, ist es wichtig, sie innerhalb komplexer Muster zu erkennen. Ein Beispiel: eine bestimmte Anomalie im EKG weist stärker auf einen Herzinfarkt hin als andere Merkmale.

Gendlin vergleicht den Prozess des Focusings (bzw. die Arbeit des Therapeuten) mit dem Knacken eines Safes. Man bewegt sich äußerlich sehr wenig – dafür innerlich umso intensiver und hochkonzentriert auf der Suche nach einem Hebel.

Verschaffen Sie sich Zugang zu Ihrem Thema

Schaffen Sie sich einen inneren und äußeren Freiraum. Äußere Freiräume sind schwerer zu realisieren, weil sie in Entscheidungssituationen Räume meist nicht einfach verlassen können. Um Ihren Kopf frei zu bekommen, ist es jedoch ratsam, sich Nischen zu suchen, in denen Sie freier denken können. Innere Freiräume sind vermeintlich einfacher zu realisieren, da sie jederzeit verfügbar sind – kosten jedoch einiges an Übung. Innere Freiräume stimmen Sie im Sinne der freischwebenden Aufmerksamkeit auf die Situation ein. Manchen helfen Ruhehaltungen oder -gesten des Körpers, Rituale, Musik, Aufmerksamkeits- oder Entspannungsmethoden, Atemübungen oder das Schließen der Augen. Für den inneren Freiraum sollten Sie sich Zeit nehmen, sich nicht drängen – und auch räumlich genügend Luft haben. Betrachten Sie die Situation aus der gesicherten Vogelperspektive. Wenn Sie das Gefühl haben, die äußere Welt ebenso wie innere Ablenkungen (ein schlechtes Gewissen, eine unerledigte Aufgabe, Unsicherheit oder Langweile) nicht mehr als störend zu betrachten und ganz bei sich und Ihren Denk- und Fühlprozessen zu sein, können Sie einen Schritt weitergehen.

Eine Übung zum Freiraum schaffen: Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Raum voll mit Ihren aktuellen Themen, Ihren Problemen und anstehenden Entscheidungen. Das seltsame an dem Raum: Der ganze Boden ist voller Kisten, sodass Sie kaum Platz zum Stehen finden. Dagegen gibt es keine Regale in dem Raum und keine Bilder an der Wand. Ihre Aufgabe besteht nun darin, diesen Raum mit Ihren persönlichen 'Gegenständen' einzurichten. Gehen Sie alle Dinge durch, die Ihnen aktuell durch den Kopf gehen. Schreiben Sie alles was Ihnen einfällt auf eine Liste. Überlegen Sie sich, ob Sie es lieber jederzeit zugänglich und betrachtbar an der Wand hängen haben wollen, oder lieber sicher und ordentlich im Regal verstaut – weiter weg von Ihnen. Wenn Ihnen nichts mehr einfällt, sind Sie vermutlich fertig und v.a. befreit von dem Ballast, der Sie aktuell umgibt. Nun können Sie sich Ihrem eigentlichen Thema widmen, z.B. einem speziellen Bild an der Wand.

Exkurs: Freiräume brauchen Zeit und Raum

Lektion 3: Entscheidungen benötigen Raum und Zeit

Acht Goldene Regeln für Zeit- und Raum-Entscheidungen

1. Entscheidungen benötigen Zeit – Inkubationszeit. Schlafen Sie vor jeder wichtigen Entscheidung noch eine Nacht. Verschaffen Sie sich Freiraum. Arbeiten Sie mit wohldosierten Pausen. Auch wenn Ihr bewusster Geist schläft, arbeitet Ihr Körper weiter.
2. Es gibt Zeiten, die geeignet sind, eine Entscheidung zu treffen – und es gibt Zeiten, die schlecht sind. Dies hängt von den eigenen oder fremden Stimmungen ab sowie von der Informationslage oder der Örtlichkeit.

Schnelle Ideen zu einem Problem können uns täuschen. Oftmals kommen Sie aus dem Reich der sozialen Erwünschtheit. Schnelle intuitive Eingebungen können allerdings sehr wohl stimmen. Oftmals kommen wir auf unsere Ursprungseingebung nach langem hin und her wieder zurück. Allerdings bestehen viele Ersteingebungen aus Ängsten, die uns hemmen, während die Zweiteingebungen i.d.R. darüber hinaus gehen. Dies liegt u.a. daran, dass Ersteingebungen aus unserem Mandelkern kommen, unserem Erfahrungsgedächtnis, der Sammelstelle im Gehirn für emotionale Erfahrungen.[6] Die dadurch entstehenden vergangenheits- und gegenwartsbezogenen ersten Eindrücke können insbesondere Ängste überbetonen, die auf lange Sicht gesehen zumindest teilweise haltlos erscheinen. Ebenso kann sich der Mandelkern in einer Abschätzung der Lage täuschen, weil er nur einen kleinen Ausschnitt aus einem Gesamtbild erkennt. An diesem einzelnen Mosaiksteinchen (z.B. einem bestimmten Gesichtsausdruck unseres Partners) können potentiell alle möglichen Dinge dranhängen (z.B. Ärger oder Enttäuschung). Unsere Erfahrung lässt uns jedoch nur in eine Richtung denken. Dabei gäbe es eine Vielzahl anderer Denk- und entsprechenden Verhaltens-Muster, die ebenso möglich wären. Deshalb ist es wichtig, den ersten Eindruck in wichtigen Entscheidungen noch mit dem situativen Kontext abzugleichen.

3. Sparen Sie Zeit, indem Sie sich nur bei den wirklich wichtigen Dingen Zeit nehmen. Viele Alltagsprobleme sind es im Nachhinein nicht wert, darüber lange zu grübeln. Meist passen sich unsere Empfindungen an solche Entscheidungen im Nachhinein an und werden auch so glücklich.
4. Entscheidungen entwickeln sich besser (nach einer längeren Beschäftigung mit dem Thema) in einem bewegten Zustand. Gehen Sie spazieren oder machen Sie Sport, um Ihr Gehirn und Ihren Bauch einmal gründlich durchzuwirbeln. Die Ideen kommen dann von scheinbar ganz alleine.[7] Richten Sie regelmäßige Bewegungspausen ein, z.B. um ein Glas Wasser zu trinken. Gehen Sie dabei bewusst Umwege, wenn Sie die Tendenz für zu wenig Bewegung haben.
5. Entscheidungen brauchen Freiraum: Gehen Sie aus einer stressigen Situation hinaus und Sie werden sehen: Mit einem mal fällt es Ihnen leichter, wieder klar zu denken. Ärgern Sie sich nicht darüber, dass Sie wieder so lange brauchten, um sich zu entscheiden, sondern melden Sie dies vorher an:"Ich brauche frische (Entscheidungs-) Luft. Nur fünf Minuten."
6. Richten Sie Ihre Räume so ein, dass sie für Sie entscheidungssympathisch sind, z.B. ein freier Schreibtisch, kreatives Chaos oder inspirierende Bilder an der Wand. Lässt sich der Blick aus Ihrem Arbeitszimmer variieren?
7. Suchen Sie bewusst den Kontakt zu anderen Personen und anderen Räumen, um zu vermeiden, in Ihrem eigenen Denken gefangen zu bleiben. So kommen Sie schnell auf neue Ideen.
8. Laden Sie Orte mit Gefühlen auf. Haben Sie vielleicht einen Lieblingssessel, in dem Sie gerne eine Tasse Tee zur Entspannung trinken? Oder ein bequemes Sofa für ein kurzes Entscheidungs-Nickerchen!

Beginnen Sie nun damit, den felt sense zu spüren, die Verbindung, die Sie zum Thema oder der Situation haben. Der felt sense erweist sich zu Beginn meist als etwas sehr Verschwommenes, eher gefühlt als in Worte zu fassen. Er bezeichnet eine Art inneres körperliches Bewusstsein. Er ist keine Emotion, sondern die gespürte Bedeutung dessen, was ein Problem ausmacht. Analysieren Sie nicht, sondern lassen Sie sich darauf ein, dass Ihr Körper nach und nach von alleine Antworten zum Thema in Ihr Bewusstsein transportiert. Ein Trick, den felt sense zu spüren besteht darin, sich einzureden, dass es kein Problem gibt. Ihr Körper wird Ihnen sehr schnell zeigen, was wirklich Sache ist. Lassen Sie sich soviel Zeit wie möglich oder nötig. Lassen Sie sich nicht entmutigen: Sowohl die Tatsache des Fühlens, als auch die Schnelligkeit sind reine Übungssache. Gehen Sie dennoch einen Schritt weiter, auch wenn Sie sich nicht sicher sind, ob sich bei Ihnen ein felt sense eingestellt hat. Vielleicht machen es Ihnen die weiteren Schritte leichter.

Finden Sie einen Griff, der den felt sense am ehesten trifft. Gehen Sie wie beim Topfschlagen mit "kälter, kalt, warm, wärmer, heiß" vor. Dieser Hebel kann ein Begriff sein oder ein Bild, eine Emotion oder ein Körpergefühl. Er kann sich über den Prozess des Focusierens noch einige Male ändern, ausdifferenzieren oder verfeinern. Nehmen Sie das zweitbeste, das Ihnen zu Ihrem Thema einfällt – das erstbeste dreht sich meist um soziale Erwünschtheiten! Den Griff können Sie finden, indem Sie sich fragen, was das Wesentliche oder das Schlimmste an dem Problem ist. Sollten Sie bereits einen somatischen Marker haben, also ein Körpergefühl, benutzen Sie diesen als Ihren ersten Hebel.

Gehen Sie jetzt nacheinander zu den vier Pfeilen – und nach jedem Bild, Gedanken, jeder Emotion oder Körperempfindung wieder zurück zum felt sense zur Überprüfung. Wenn Sie Ihre Empfindungen fließen lassen, kann ein reicher Gedankenstrom entstehen. Ergründen Sie, in welche Richtung dieser Gedankenstrom tendiert. Prüfen Sie, ob sich etwas verändert, ob ein Wandel stattfindet: Gibt es Bilder, die sich einstellen? Welche Gedanken haben Sie zum felt sense? Welche Körperempfindung registrieren Sie? Welche Gefühle tauchen auf?

Die vier Ebenen sind:

1. Körperebene – der somatische Marker wird zu einem deutlichen Impuls im Körper, führt z.B. zu erröten, zittern, Bewegungsdrang, ein Stöhnen oder deutliches Aufatmen.
2. Emotionsebene – es stellt sich ein Gefühl ein wie Angst oder Wut.
3. Kognitionsebene – es stellen sich Gedanken ein, die sich auf das Gefühl beziehen
4. Bilder – es tauchen Bilder oder Symbole auf wie zum Beispiel ein kräftiger Baum oder eine zarte Blume.

All dies zusammen ist der felt sense. Die verschiedenen Bilder und Gefühle, Körpergefühle und Gedanken sind 'nur' einzelne Stationen auf dem Weg zum Ende des Wollknäuels. Vielleicht entdecken Sie ja am Schluss, dass Ihr Wollknäuel sich wie in einem Märchen zu einer Kette mit vielen glitzernden Perlen entwickelt hat – oder etwa der Wollmütze, von der Sie schon immer geträumt haben?!

Nachdem Sie ein Gefühl für die verschiedenen Ebenen ihres felt sense entwickelt haben, formulieren Sie eine klare W-Frage (alle W-Fragen außer den Warum-und-Wieso-Fragen, diese sind meist zu anklagend) bezogen auf Ihren Hebel. Wenn zu Beginn viele Antworten auf Sie einströmen, lassen Sie diese lieber vorbeiziehen. Es könnte sich um vorschnell-analysierende Antworten aus der Vergangenheit handeln.

Gehen Sie nun mit einigen Fragen in die Tiefe:[8]

- Was macht es so ... (traurig, ängstlich, wütend)?
- Was muss für mich damit geschehen?
- Wie fühlt sich alles was damit zusammenhängt in meinem Körper an?
- Was bedeutet es für mich?
- Woran liegt es, dass ich dieses Gefühl zu diesem Thema habe?
- Was ist so ... (schlimm, traurig, furchteinflößend) daran?

Und später:

- Was ist nötig, damit ich mich besser fühle?
- Was ist das Schlimmste daran?
- Wäre es gut, noch etwas dabei zu bleiben?
- Was würde dem Ganzen gut tun?

Achten Sie darauf, ob sich etwas verändert, wenn Sie zwischen dem Begriff, dem felt sense und den verschiedenen Ebenen hin- und hergehen. Damit verändert sich auch Ihr somatischer Marker, d.h. Ihre Einstellung oder Ihr Gefühl zur Situation. Diese angezeigte Veränderung geht mit Entspannung einher (Klarheit entspannt!) und zeigt eine Richtung an, in die Sie sich – später in der Realität – bewegen sollten. Lassen Sie den angezeigten Wandel, auch wenn er extrem ist, dennoch zu. Sie können sich später damit realistisch auseinandersetzen.

Ein wirksamer Trick besteht darin, sich vorzustellen, dass ein Problem bereits gelöst wurde, d.h. Sie bereits am Ende des Wollknäuels angekommen sind und nur noch die wichtigsten Stationen zusammensuchen müssen, wie Sie dorthin gekommen sind.

Ihre fünf Außen-Sinne

Ergänzen Sie die vier Ebenen durch Ihre, v.a. in der Phase der Informationssammlung wichtigen Außen-Sinne[9]:

Bevor es weitergeht ...

Mit welchen Sinnen nehmen Sie am meisten wahr?

Mit welchen Sinnen nehmen Sie am gernsten wahr und warum ist dies so?

Mit welchen Sinnen glauben Sie arbeitet Ihre Intuition am meisten, d.h. hören Sie z.B. eher Stimmen, die Ihnen sagen:"Da lang!" oder "Lieber nicht!" oder haben Sie eher bildhafte Eingebungen?

Kennen Sie das Gefühl von Ganzkörperwahrnehmungen, z.B. wenn Licht nicht nur auf Ihre Augen trifft, sondern Sie die Wärme des Lichts auf dem ganzen Körper spüren?

Notieren Sie alle Sinneseindrücke, die für Sie positiv oder negativ zum tragen kommen, wenn Sie daran denken, sich bereits für oder wider etwas entschieden zu haben.

Nehmen Sie doch einfach einmal folgendes Raster mit in die nächste Entscheidungs- bzw. Wahrnehmungssituation:

Wenn ich daran denke, (z.B. ein Haus am Standort X zu bauen/kaufen) ...

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wenn Sie wissen, mit welchen Sinnen Sie am liebsten wahrnehmen, welche Ihnen am wichtigsten sind, können Sie diese Sinne höher bewerten als die anderen.

2 Was unser Körper uns sagt

Lektion 4: Hören Sie auf Ihren Körper. Oftmals kennt er schon den Weg, den Sie weiterverfolgen sollten.

Somatische Marker hängen als Körpergefühl an Situationen dran und zeigen Ihnen dadurch an, was Ihnen gut tut und was nicht. Sie sind ein erster Anhaltspunkt, in welche Richtung eine Entscheidung gehen sollte. Wenn Sie sich daran halten, können Sie in einfachen Situationen schnelle Entscheidungen fällen, ohne groß über Wenn und Aber nachzudenken. Sie reagieren direkt auf Ihren Körper und setzen genau da an, wo es ziept. Leider bleiben Sie jedoch in Ihren Erfahrungen gefangen. Sie wissen nicht, wann Sie ein negatives Körpergefühl ignorieren sollten, um sich weiterzuentwickeln. Um dies zu umgehen, benötigen Sie all die anderen Modalitäten, Sinneseindrücke, Emotionen, Gefühle, Gedanken und Bilder, die in Ihnen neuronal verknüpft sind und so quasi zu einer inneren Balance führen.

Dennoch: Somatische Marker machen auf einer ganz schlichten neurobiologischen Ebene das, was landläufig der Intuition zugeschrieben wird: Sie zeigen Ihnen, ob eine Situation passt oder nicht. In manchen Situationen – insbesondere wenn Sie Ihren Körper gut kennen und ihm vertrauen oder dabei sind, ihn besser kennen zu lernen – kann dies bereits ausreichen.

Und Hand aufs Herz: Wie oft essen wir weiter, obwohl unser Bauch doch eigentlich schon sagt dass es reicht? Wie oft fahren wir zu schnell mit dem Auto, obwohl da eigentlich ein sehr deutliches ungemütliches Grummeln in der Magengegend zu spüren ist? Und wie oft tun wir nichts dagegen, wenn wir immer wieder diese Faust im Nacken spüren? Wie hieß es doch so schön: Man sollte nicht zweimal mit dem Kopf gegen dieselbe Wand rennen!

Wie somatische Marker Ihnen bei Entscheidungen helfen

Eine Entscheidung steht an: Sie wollen alten, evtl. unbewussten Reflexen entgegenwirken, weil Ihr Körper Ihnen sagt, dass er sich unwohl fühlt? Sie suchen neue Antworten auf alte Fragen? Sie müssen aus mehreren Alternativen auswählen? Sie befinden sich mitten in einer komplexen Situation, deren Einzelaspekte es zu analysieren, kombinieren und integrieren gilt?

In diesem Moment kommen die somatischen Marker ins Spiel. Unser Organismus reagiert im Kontakt mit seiner Umwelt auf zwei Arten. In der ersten Dimension versucht der Körper defensiv oder reaktiv sich Stress vom Hals zu halten, als wollte er sagen:"Stop! Bis hierher und nicht weiter! Dieser Weg tut mir nicht gut." Ihr Körper zeigt Ihnen dies mit einem negativen somatischen Marker. Mögliche Nachrichten sind:

- Sofort raus aus der Situation!
- Gibt es eine Möglichkeit, etwas Positives an der Situation oder dem Thema zu erkennen?
- Lässt sich die Situation in einem anderen Rahmen darstellen? Und wenn ja, wie sieht sie dann aus?
- Lässt sich die Situation verändern?
- Bringt eine persönliche Rückmeldung 'an die Situation' eine Situationsänderung, z.B. eine Entschleunigung, um mehr Zeit zum Nachdenken zu bekommen?

In der zweiten Dimension versucht unser Körper uns zu mehr Wohlbefinden zu bewegen, eine eher voranschreitende und bestätigende Art der Reaktion. Der dazugehörige somatische Marker sagt Ihnen:"Los! Weiter so! Der Weg ist genau richtig!" Mögliche Nachrichten sind:

- Die Situation ist super! Sie bringt mir viele neue Erkenntnisse und Erlebnisse und ist weitgehend von positivem Nutzen!
- Lässt sich die Situation noch weiter verbessern, z.B. durch eine Erweiterung des Inputs oder durch die Verlängerung der Erlebens-Zeit?
- Lässt sich die Situation generalisieren, d.h. in Zukunft auf andere, ähnliche Situationen übertragen?

Wann machen somatische Marker Sinn?

Sie müssen eine Situation beurteilen. Sie sind weitgehend für sich selbst verantwortlich und bewerten Ihre Reaktion entsprechend eines Lust- oder Unlustgefühls, das Sie später inhaltlich ausdifferenzieren. Somatische Marker als Zeichen des Körpers für diese Gefühle zeigen Ihnen, in welche Richtung Ihr Handeln tendieren sollte.

Somatische Marker sind Signale unseres Körpers. In einer konkreten Situation drängen sich somatische Marker quasi auf. Sie müssen nur lernen, hinzuhorchen und auf sich zu vertrauen. Vielleicht ergibt sich aus diesem Zuhören die Lösung des Problems wie von alleine.

Aber auch, wenn Sie sich in aller Ruhe Gedanken zu einem Problem machen, wenn Sie mit typischen automatischen Reaktionen von Ihnen unzufrieden sind, sich häufig scheiternde Ziele setzen oder sich den Kopf zwischen zwei Alternativen zermartern: Setzen Sie Ihre somatischen Marker als ersten Einstieg in das Thema ein.

Positive somatische Marker sind: Schmetterlinge im Bauch haben, ein Kribbeln in der Solarplexusgegend, Freiheitsgefühle in der Brust haben, ein Leuchten oder Hell im Kopf sein (Wicki), ein Prickeln in der Mundgegend haben (Champagner), eine wohlige Gänsehaut haben, zu Tränen gerührt sein oder eine wohlige Wärme im ganzen Körper verspüren.

Negative somatische Marker sind: Enge in der Brust verspüren, einen Kloß im Hals haben, zittrige Beine oder Knie haben, kalte Füße bekommen, Steine im Bauch bzw. ein Völlegefühl haben, Sodbrennen haben oder keine Luft bekommen.

Wie somatische Marker entstehen

Bereits vor unserer Geburt nimmt unser emotionales Erfahrungsgedächtnis noch vor unserem Faktenwissen (u.a. zuständig für die Sprache) seine Arbeit auf. Das Faktenwissen entwickelt sich erst ab etwa einem Jahr. Mittels eines Signalsystems lernt und entscheidet der Organismus in ähnlichen Situationen aufgrund von Emotionen und Veränderungen der Körperempfindungen. Neben Erfahrungen werden auch soziale Konventionen, Regeln und Bräuche vermittelt. Dabei gilt: Die Angst vor Verlust beeinflusst uns doppelt so stark wie die Aussicht auf einen Gewinn. Wir sind im Grunde neurologisch gesehen von Natur aus ängstliche Menschen.

Somatische Marker bilden sich aus, indem primäre Emotionen wie Furcht oder Freude durch direkte oder indirekte Belohnung oder Bestrafung mit Situationen oder Themen verknüpft werden.

Sie laufen dann im Hintergrund ab, wenn das Thema aktuell ist. Die Folge: Sie müssen im Laufe Ihres Lebens in vielen Situationen nicht mehr bewusst entscheiden, z.B. ob Sie einem schnellen Fahrrad-Fahrer ausweichen sollen oder nicht, sondern tun es einfach. Ein Zusammenzucken Ihres Körpers genügt und Sie bleiben sofort stehen. Damasio nennt dies Als-Ob-Mechanismen: Sie müssen eine Situation nicht mehr komplett zu Ende erleben, sondern haben bereits gelernt, wie sie wahrscheinlich ausgeht und werden entsprechend handeln. In diesem Sinne ist das dazugehörige Gefühl des Schrecks oder genauer: Der Furcht vor einem drohenden Zusammenstoß mit dem Fahrradfahrer nachvollziehbar, vollkommen logisch und bisweilen lebensrettend.

Somatische Marker können in die Irre führen, wenn die Basis fehlt, Sie nicht über genügend Erfahrungen verfügen oder wenn die Basis negativ ist, d.h. wenn Sie schlechte, maladaptive Erfahrungen gemacht haben. In die Irre führende somatische Marker lassen sich jedoch entkräften, indem Sie im felt sense aufgelöst werden – alleine, indem Sie nach und nach Ihre typischen Fehlentscheidungswege umbahnen, evtl. innerhalb einer Beratung oder Therapie.

Somatische Marker sind weitestgehend individuell. Wenn ein Mensch bisher Erfolg im Leben hatte, werden ihn seine somatischen Marker auch in der Gegenwart und Zukunft gut durch das Leben leiten, d.h. ihn in brenzligen Situationen vor Gefahren warnen oder ihn auf einen möglichen Erfolg hinweisen. Dabei spielt neben den biologischen Komponenten (z.B. der Furcht vor schnellen Tieren) ebenso das soziale Umfeld eine Rolle, in dem der Mensch aufwächst: Die Erziehung, das Elternhaus, peer-groups und die Soziokultur.

Dabei macht es Sinn, gut verlaufende Entscheidungen nur insofern zu hinterfragen, was denn daran generalisiert werden könnte, jedoch ansonsten für die Zukunft einfach so stehen zu lassen bzw. gezielt als positiv abzuspeichern. Dadurch entstehen Automatismen, die unser Gehirn entlasten. So können wir uns gezielt den weniger gut laufenden Entscheidungen widmen.

Wie somatische Marker wirken

Somatische Marker nehmen Ihnen das Denken nicht ab, sie reduzieren nur die Handlungsmöglichkeiten, besonders in komplexen Situationen, in denen schnell gehandelt werden muss. Ein einfacher idealtypischer Ablauf sieht in etwa so aus:

1. Negatives wird herausgefiltert. Wenn ich z.B. an verschiedene Getränke denke, fallen bei mir persönlich alle Getränke mit Milch nach 16.00 als mögliche Option aus, da mein Magen Kuh-Milch zu so später Stunde nicht mehr verträgt. Wenn ich nur daran denke, beginnt mein Magen schon sauer zu werden.

2. Positives gilt als Startsignal und wird entweder
- an den kognitiven Teil des Gehirns, den Cortex, gemeldet: Es folgt eine (kurze oder längere) Kosten-Nutzen-Analyse oder
- direkt umgesetzt, wie es bei verdeckten somatischen Markern der Fall ist.[10]

1. Es wird eine Rangfolge oder Hierarchie aus den Handlungsmöglichkeiten erstellt. Wenn Sie sich nun überlegen, was Sie genau hier und jetzt gerne trinken möchten, können Sie dies mit Hilfe eines oder mehrerer somatischer Marker üben. Wollen Sie vielleicht lieber ein Bier (herber Geschmack, durstig, alkoholische Wirkung), Wein (trocken, süßlich, noch mehr alkoholische Wirkung, passt gut zum Essen, macht ruhig, passt gut zur Musik), Wasser (durstig, frisch, belebend), Saft (frisch, fruchtig, süßlich), Kaffee (malzig, belebend, warm, riecht gut) oder Tee (warm, herb, fruchtig, belebend)? Wie Sie sehen, tauchen hier eine ganze Menge an Komponenten auf, die für eine Entscheidungsfindung wichtig sind:

- Bedürfnisse oder auch Stil bzw. Image
- die Vorwegnahme einer Bedürfnisbefriedigung
- die Wirkung auf den Körper nach der Handlung
- verschiedene Modalitäten wie Geschmack oder Geruch

Und zu all dem kann im weitesten Sinne ein somatischer Marker dazu passen: Vielleicht schließen Sie beim Gedanken an den Kaffee die Augen und atmen genießerisch tief ein? Oder Ihnen wird beim Gedanken an eine heiße Tasse Tee ganz warm ums Herz? Oder Sie stellen sich vor, wie lustvoll Sie das kühle Pils ansetzen (wie in der Werbung!)? Oder vielleicht sitzen Sie im Geiste schon in Ihrem Lieblingssessel mit einem guten, trockenen Roten, das Licht ist gedämmt und Sie hören leise "Chet" von Chet Baker, rauchig und elegant. Versuchen Sie doch mal, hieraus eine Rangfolge zu basteln, was Ihnen genau jetzt am besten täte.

1. Manche somatischen Marker lassen eine inhaltliche Bewertung zu mit den entsprechenden Reaktionen. Ein Beispiel: Bei zittrigen Knien ist anzuraten Magnesium oder Traubenzucker zu nehmen, sich hinzusetzen oder einen breiteren Stand einzunehmen.

Dies alles findet laut Damasio im Rahmen eines Systems namens Homöodynamik statt. Der Körper erkennt für sich, dass er auf verschiedenen Ebenen einen Ausgleich benötigt, indem er Antikörper produziert, die Hand in einer Schreckreaktion von der Herdplatte nimmt oder eben Emotionen bzw. Körperempfindungen entstehen lässt, um eine Veränderung entweder in Richtung Stressreduzierung oder Weiterentwicklung des Menschen zu bewirken. Genau, dies es was uns unser Körper intuitiv sagen möchte:"Verändere Dich so und so, damit es Dir wieder besser geht. Innerhalb dieses Systems wirken Gefühle wie Wegweiser zu einem erfüllteren Leben.

Die Vorteile somatischer Marker

Die Vorteile liegen zum einen darin, sich die eigenen körperlichen Vorgänge deutlich zu machen und einen ersten Startpunkt zu bekommen, eine Art Standortbestimmung vorzunehmen. Daneben führt diese Bewusstmachung mit Hilfe somatischer Marker zu:

- einem Zeitgewinn durch Reduzierung der Alternativen, v.a. durch das Herausfiltern der negativen Optionen,
- der Reduzierung auf das Wesentliche oder besser: Markierung des Wesentlichen,
- der Herstellung einer Rangfolge (das Wichtigste zuerst!),
- einer automatischen und folglich schnellen Reaktion (vorausgesetzt die Folge ist positiv),
- einer Aversion (z.B. einer Ekelreaktion) als Selbstschutz und
- einem eindeutigen Start- oder Stopp-Signal als Navigationshilfe im Alltag.

Menschen ohne somatische Marker (z.B. wegen einer Hirnverletzung) befinden sich in logischen Analyse-Schleifen, ohne zu einem Endergebnis zu kommen; sie reagieren stärker auf gegenwärtige Verlockungen anstatt für die Zukunft zu planen. Somatische Marker können auch dahingegen unterscheiden, was gut für uns ist, jetzt oder in der nahen Zukunft. Sie reagieren nicht mehr auf Bestrafungen im weitesten Sinne und merken nicht, was peinlich ist oder andere Menschen nervt.[11]

Nachteile somatischer Marker

Nach somatischen Markern zu handeln geht sehr schnell. Allerdings ist das Handeln durch den Fokus auf die eigenen Empfindungen und Erfahrungen begrenzt. Im Extremfall wird so eine positive Entwicklung verhindert. Impulse, die auf Angst, Gehorsam, Konformität oder den Wunsch, die Selbstachtung nicht zu verlieren zurückgehen, hemmen unser Leben. Menschen mit entsprechend negativen Erfahrungen haben es schwer, sich aus ihren Zwängen zu befreien und Neuland zu entdecken. Aber auch die Kultur, in der ein Mensch aufgewachsen ist, kann 'ungesund' sein und die Menschen negativ prägen, z.B. in Diktaturen. Hier muss der Geist die Gefühle kritisch hinterfragen. Allerdings bin ich davon überzeugt, dass auch in der NS-Zeit die meisten Menschen ein ungutes Gefühl hatten, dass hier etwas nicht richtig läuft. Nur dies auch auszusprechen trauten sich eben die wenigsten.

Deshalb sollte jede Situation – v.a. im Nachhinein – kritisch untersucht werden:

- Wer war an der Situation beteiligt? Einzelne Personen oder Gruppen?
- Wie sehen Ihre Erfahrungen mit solchen sozialen Settings aus?
- Wie sah der somatische Marker konkret aus?
- Welche Handlungen leiteten Sie daraus ab?
- Waren diese Handlungen zwingend notwendig (im weitesten Sinne, um einer Gefahr zu entkommen) oder gab es Spielräume bzw. die Möglichkeit, sich Zeit zu verschaffen?
- Wie sahen die Folgen der Handlung aus? Hatten Sie die Folgen so erwartet?
- Sind Sie mit den Folgen zufrieden?

Somatische Marker als intuitive Zeichen unseres Körpers

Tief in uns sind Erfahrungen abgespeichert, die uns nicht bewusst sind. Die Abspeicherung einer Situation in unserem Erfahrungsgedächtnis ist von deren emotionalen Bedeutung ab. Diese Erfahrungen samt somatischer und emotionaler Marker werden in unserem Körper zusammen mit Bildern, Ideen, Geräuschen usw. neurologisch verknüpft. Unser Körper weiß oftmals vorbewusst mehr als wir bewusst als Informationsgrundlage für eine Entscheidung zur Verfügung haben. Deshalb reagiert er erfreut oder missmutig auf eine Veränderung, die wir oder jemand anders herbeiführt z.B. mit einer inneren Ver- oder Entkrampfung. Denn: Der Organismus strebt danach, einen für seine Begriffe positiven Weg zu gehen. Dieser Weg muss nicht logisch oder gar für andere Menschen nachvollziehbar sein. Dennoch denkt unser Körper, dass dieser Schritt in dieser Situation das einzig richtige ist. Auch wenn der Weg sich im Nachhinein als falsch herausstellt gilt er im Moment als der einzig richtige. Umso wichtiger ist es, in Zukunft neue Wege auszuprobieren, sich seiner Motive bewusst zu werden und Situationen korrekt abzuspeichern.

Ein Zwischenfazit

Sollten Sie Situationen meiden, in denen Sie Angst haben oder weinen müssen? Oder Ekel empfinden? Sollten Sie nur noch freudige Situationen aufsuchen oder sich gegebenenfalls mit gesunder Wut durchsetzen? So einfach ist es natürlich nicht. Dafür ist unser Leben zu komplex. Jede Emotion hat Ihren Sinn. Wie wir noch sehen werden, zeigen Gefühle etwas von unserem Innenleben, auf das andere reagieren – und reagieren sollen. Sie geben etwas von sich preis und fordern damit andere heraus, Stellung zu beziehen: Für Sie, mit Ihnen, gegen Sie oder neutral?

Deshalb wird es im nächsten Kapitel komplexer: Erhält das, was Sie mit dieser Emotion erreichen möchten, kurz- und mittelfristig Ihr persönliches und soziales Gleichgewicht? Und führt Sie die empfundene Emotion und deren Regulation langfristig zu einem höheren Wohlbefinden? Mit anderen Worten: Besitzt der somatische Marker als Zeichen Ihres Körpers und somit als intuitive Eingebung einen Sinn oder führen seine Aussagen Sie in die Irre?

3 Vom Umgang mit Emotionen und Gefühlen

Lektion 5: Achten Sie auf Ihre Emotionen. Sie zeigen Ihnen differenziert an, in welche Richtung es – nach einem somatischen Marker – weitergehen sollte.

Grundsätzlich können Sie alle erwähnten Modalitäten – Ihre fünf Sinne, Emotionen, Körpergefühle und Ideen – als Entscheidungshilfe benutzen. Sobald Sie eine erfolgreiche oder gescheiterte Situation im Gehirn abspeichern, werden all diese Modalitäten miteinander neuronal verknüpft, sodass sie in Folge nur noch im Rudel auftreten. Dadurch ist es möglich, dass Sie in einer ähnlichen, neuen Situation nur einen optischen, auditiven, olfaktorischen, gustatorischen, kognitiven, taktilen, emotionalen oder somatischen Reiz benötigen, um das gesamte Bündel – zumeist natürlich unbewusst – abrufen zu können. Und mit diesem Bündel, bzw. dem felt sense, wissen Sie dann auch aufgrund Ihrer Erfahrungen, welche Handlung in der jetzigen Situation zu einem Erfolg oder Misserfolg führen wird.

Dennoch gibt es zwei gute Gründe, Ihre Emotionen und die damit zusammenhängenden Körpergefühle als Entscheidungshilfe zu nutzen:

1. Emotionen sind systematisierbar.
2. Emotionen, und im besonderen die somatischen Marker sind leichter zugänglich.

Wenn Ich in einer Situation ein Bild von einem ausbrechenden Vulkan habe, dann wird dieses Bild vermutlich für meine explodierende Wut stehen, also eher etwas Negatives. Vielleicht steht es aber auch für eine enorme Kraft, also eher etwas Positives. Ich persönlich muss hier erst dahinterschauen, um zu begreifen, was mir dieses Bild sagen möchte. Und für Sie kann ein solches Bild noch ganz andere Assoziationen hervorrufen. Dasselbe gilt für Glaubenssätze wie "Wer wagt, gewinnt!" ebenso für Gerüche, Geschmäcker oder Gefühltes. Und auch dazu hat jeder Mensch wieder andere Emotionen oder Ideen. Letztlich sind Emotionen die einzige Erlebens-Modalität, die über ein System verfügt, das besagt: Sie sind ängstlich, wütend, traurig oder fröhlich? Dies kann die und die Ursache haben. Damit hängt dieser und jener Körperausdruck zusammen. Diese Emotion hat diesen oder jenen Zweck.

Auch hier ist die Bandbreite zu groß, um pauschale, lineare Urteile zu treffen. Doch sie ist noch so groß wie bei einem Bild oder einer Stimme, die uns etwas zuflüstert, das nur wir persönlich verstehen.

Und ferner drängen sich somatische Marker streng genommen auf. Wir befinden uns in einer Situation und sie sind sofort da. Schließlich besteht ihre Aufgabe darin, unsere emotionalen Haushalt zu regulieren. Diese Aufgabe haben Bilder oder Geräusche, Gerüche oder Geschmäcker, Ideen oder Berührungen nicht. Dennoch wirken sie als gute Ergänzung zum Gesamtbild.

Was sind emotionale Marker [12] ?

Über Ihr ganzes Leben hinweg sammeln Sie Informationen und Fachwissen. Sie lernen, welche Wege in welcher Situation die richtigen für Sie sind. Zusammen mit diesem Wissen speichern Sie Emotionen ab. So wie ein Bauchgrimmen auftaucht, wenn Sie an eine Situation denken, hängen auch die Befürchtungen an der Situation dran. Emotionen sind folglich mit demselben Thema verknüpft, nur mittels einer Emotion anstatt eines Körpergefühls. Sie warnen Sie ebenso oder zeigen Ihnen, dass Sie auf dem richtigen Weg sind. In Ihrem emotionalen Situations-Erfahrungsgedächtnis sind eine ganze Menge solcher Verbindungen gespeichert. Sie werden immer dann aktiv, wenn eine neue Situation Ähnlichkeit zu einer abgespeicherten hat – oder ganz im Gegenteil vor einem bekannten Hintergrund etwas gänzlich Unbekanntes zeigt.[13] Ihr Gedächtnis reagiert folglich auf Muster.

Der große Vorteil emotionaler Marker ist die Differenziertheit. Sie können zwar einen positiven von einem negativen somatischen Marker unterscheiden. Was dieser Marker jedoch genau bedeutet, bleibt oftmals schleierhaft. Hier leisten uns Emotionen wesentlich detailliertere Dienste.

Zudem können Sie die Herkunft und die Aussage einer Emotion bzw. eines Körperausdrucks zur Emotion ergründen, was Ihnen wiederum wertvolle Informationen für Ihre weiteren Entscheidungen liefert.

3.1 Entstehung und Sinn von Emotionen

Lektion 6: Jede Emotion, die Sie empfinden hat ihren Sinn. Jede Emotion will Ihnen etwas sagen.

Ziel dieses Kapitels ist es, herauszufinden, inwieweit Gefühle Ihnen bei der Entscheidungsfindung, v.a. bei der Bewusstmachung von intuitiven Vorgängen, sprich Ihres impliziten Wissens, helfen. Dazu gibt es fünf wesentliche Punkte:

1. Wir vergegenwärtigen uns die Tatsache, dass mit jeder Situation, in der wir eine Entscheidung treffen müssen oder möchten eine Emotion verknüpft ist.
2. Wir sehen uns die Funktionsweise von Emotionen an. Wie wir noch sehen werden gibt es Emotionen, die eher vor einer Entscheidung auftauchen, um uns ein Zeichen für oder gegen Entscheidungen zu geben. Andere tauchen eher während einer Situation auf, um uns im besten Falle wie in einem Flow positiv zu stimulieren. Und wieder andere tauchen eher nach einer Situation auf. Die Beschäftigung mit diesen Emotionen ist sinnvoll, um eine Situation angemessen zu würdigen, abzuschließen und abzuspeichern.
3. Da Emotionen auf einer tieferen Ebene stattfinden und von daher schwerer bewusst zu machen sind, macht es Sinn, auf die somatischen Marker zu achten und diese in Verbindung zu den dahinterliegenden Emotionen zu setzen. Ergo sehen wir uns die Zusammenhänge von somatischen Markern und Gefühlen an.
4. Wir sehen uns soziale Auslöser von Emotionen an, um zu verstehen, warum sie entstehen. Dies versetzt uns in die Lage, im Rahmen einer geplanten Stressreduktion oder -vermeidung bestimmte Situationen von Anfang an zu meiden oder effektiver anzugehen.
5. Wenn wir die Emotion zu der Situation ergründet haben, können wir über deren Aussage für unseren persönlichen oder gesellschaftlichen Kontext nachdenken. Das heißt konkret: Wir untersuchen die Absichten und Ziele einer Emotion bzw. eines Emotionsausdrucks. Dies kann die Neubewertung einer Situation sein im Sinne einer Stressreduzierung oder einer bewussten oder unbewussten Systemänderung durch einen Emotionsausdruck.

Der Psychologe Klaus Scherer[14] betont, dass die Relevanz von Gefühlen von deren subjektiver Bedeutung abhängig ist. Scherer zählt fünf Schritte auf, die unbewusst oder bewusst ablaufen:

1. Ist das Ereignis neu? Haben Sie es erwartet? Oder ist es ein für Sie untypisches Ereignis?
2. Ist es angenehm oder unangenehm?
3. Spielt es eine Rolle für Sie bei gesteckten Zielen, Ihren Interessen oder Motiven? Betrachten Sie eine Verhinderung Ihrer Ziele als ungerecht oder unfair? Wer ist verantwortlich für das Ereignis?
4. Ist es – wenn es ein Problem gibt – bewältigbar?
5. Ist es mit sozialen Normen und Ihrem Konzept von sich vereinbar?

Primäre Emotionen

Emotionen haben immer den Sinn, in Ihrem Körper ein Gleichgewicht (wieder-) herzustellen. Wenn Prozesse automatisch ablaufen, geht scheinbar alles in Ordnung in Ihrem Leben. Doch wenn Sie deutliche negative Gefühle spüren, wirkt dies wie ein Paukenschlag:"So kann es nicht weitergehen!", "Irgendetwas stimmt hier nicht!". Gerade negative Gefühle erinnern an die alte Wanderweg-Beschreibungs-Regel: Solange niemand etwas sagt, gehe immer geradeaus. Negative Gefühle sind die Wegweiser, die uns sagen:"Hinter der Kirche den Weg rechts rein nehmen". Diese Wegweiser zeigen uns entweder einen Weg in Richtung Stressreduzierung oder Weiterentwicklung (zur zukünftigen Stressreduzierung) auf.

Gefühle helfen Ihnen,

- sich angemessen – so wie Sie es gelernt haben – zu ernähren und keine schimmligen Brötchen zu essen,
- Ihren Körper in stressigen Situationen zu aktivieren, um genügend Kraft zu haben und anderen zu zeigen, dass sie Ihnen lieber aus dem Weg gehen sollten,
- anderen zu zeigen, wie schlecht es Ihnen geht und dass sie Sie doch bitteschön ein wenig trösten oder in Ruhe lassen sollen[15],
- sich über Ihre Erfolge zu freuen und so auch mit anderen diese Freude zu teilen und
- Sie vor gefährlichen Situationen zu warnen, den Rückzug mit den Trompeten von Jericho[16] einzuläuten – evtl. auch die Flucht nach vorne anzutreten.
- Sie fokussieren oder erweitern Ihre Aufmerksamkeit und verändern Ihre Denkweise.

In früheren Zeiten hatten die Emotionen Wut, Zorn, Angst, Furcht oder Ekel einen eindeutig lebenserhaltenden Sinn: Wer vor liebgewordenen Dinosauriern nicht flüchtet, weil es Angst hat, ist eben sehr schnell tot. Verrottetes Fleisch beginnt so zu stinken, dass wir darüber nur noch die Nase rümpfen können. Ein Ekelgefühl sollte da nicht mehr weit sein. Mit anderen lachen und weinen sowie die Wut auf andere waren sicherlich (und sind auch heute noch) gruppenbildende oder abgrenzende Emotionen schlechthin. In unseren heutigen komplexen Zeiten reichen diese Emotionen jedoch nicht mehr aus, was zu Verbindungen der ursprünglichen, einfachen Emotionen mit einem sozialen Kontext führte: Aus Angst, Wut, Liebe und Trauer wurde das explosive Gemisch der Eifersucht. Aus Angst, Wut und Bewunderung wurde Neid. Aus Angst wurde in manchen sozialen Kontexten Scham oder Verlegenheit.

Dass Gefühle bisweilen an einem schlechten Ruf leiden liegt weniger an den Gefühlen selber, sondern vielmehr an der Vermischung von Gefühlen und Stimmungen. Im Vergleich zu Stimmungen haben Emotionen und Gefühle sehr wohl immer (!) einen guten Grund, da sie in uns als eine Reaktion auf eine Situation auftauchen.

So bekommen wir Befürchtungen, wenn wir bereits in einer ähnlichen Situation versagt haben – oder wir werden hoffnungsfroh, weil wir ein Situationsmuster wiedererkennen, in dem wir schon mindestens einmal einen guten Erfolg feierten. Stimmungen hingegen sind 'verschleppte' Emotionen, die nicht immer einen sinnvollen Hintergrund haben, sondern oft aufgrund biochemischer Abläufe im Körper entstehen, z.B. weil es regnet oder Sie am heutigen Tag zu wenig 'Auslauf' hatten.

Auf seine Emotionen zu achten und in die Entscheidungsfindung einzubinden ist von daher mehr als sinnvoll – verbunden mit der Frage:"Was empfinde ich genau jetzt, genau in dieser Situation?" Aufgrund von Stimmungen zu entscheiden macht hingegen weniger Sinn, was noch deutlicher wird, wenn Sie sich Ihre eigenen letzten 'stimmungsvollen' Situationen in Erinnerung rufen:"Ich weiß nicht genau warum, aber ...

- ich war einfach den ganzen Tag über schlecht gelaunt."
- irgendetwas ließ mich den halben Tag deprimiert herumlaufen."
- Irgendetwas versetzte mich in eine Tiefstimmung, vielleicht das Wetter?"
- der braucht mich nur ansehen und schon gehe ich in die Luft!"

Der letzte Satz macht deutlich, wie eng verbunden Stimmungen, Gefühle und Emotionen sind: Eine frustrierte Stimmung macht Sie empfänglicher für Wut – während eine Hochstimmung Sie wesentlich empfänglicher für alle Arten der Freude werden lässt. Vorsicht also vor Stimmungen. Dahingegen ein Lob auf unsere Emotionen als Wegweiser durch unser Leben!

3.2 Nur kein Stress

Lektion 7: Heißen Sie Ihre Angst willkommen. Sie sagt Ihnen, wenn etwas nicht stimmt.[17]

Dass ich die Angst hier gleich zu Beginn abhandle, kommt nicht von ungefähr. Sie spielt als Gegenspieler der Freude, Hoffnung und Neugier die Hauptrolle, wenn es um intuitive Entscheidungen geht, denn in aller Regel hat "ich habe da so ein komisches Gefühl" etwas mit Angst oder ein bisschen Angst zu tun, während "ich weiß nicht warum, aber irgendwie wirds schon klappen" auf Freude hinweist. Andere negative Gefühle wie Wut oder Trauer werden auch intuitiv erfasst, aber sind im Alltag wesentlich seltener.

Beim Begriff der Angst winken die meisten Seminarteilnehmer eher ab. Wirklich ängstlich sind wir ja meistens nicht. Doch Sorgen machen wir uns schon und Bedenken haben wir auch. Es geht hier also nicht nur um die große, existentielle Angst, sondern vielmehr und zuallererst um die kleinen Ängste, die unsere Entscheidungen bestimmen und uns so manches mal in die Enge treiben. Nicht von ungefähr, denn Angst kommt begrifflich von Enge. Der indogermanische Begriff 'angh' steht für einengen oder einschnüren. Assoziiert mit Angst sind weiterhin die Begriffe Panik, Furcht, Grauen, Beklemmung, Unsicherheit, Ungewissheit, Unbehagen, Aufregung, Bestürzung, Schrecken, Entsetzen oder in kleineren Dosen Sorgen und Befürchtungen.

Auch der Begriff des Stresses ist hier nicht weit, wenn Ängste zu einem Dauerzustand werden. Das körperliche Ausagieren der Angst – z.B. über Flucht oder 'Unterwerfungsgesten' – dient dazu, den Stress zu reduzieren oder Anderen unser Befinden mitzuteilen.

Aus Untersuchungen an Hochängstlichen und Niedrigängstlichen wissen wir, dass eine leichte Angst kurzfristig die Leistungsfähigkeit erhöht, während starke Angst die Leistungs- und Denkfähigkeit immens senkt. Unter der Voraussetzung, ein leichte Befürchtungen als Motivator zu spüren, hilft Ihnen dies ...

- fokussierter an eine Aufgabe heranzugehen und stärker Detailfragen zu betrachten,
- sich klarere Teilziele zu setzen
- und genauer auf Fehler zu achten.

Betrachten Sie Ihre Angst als einen guten Freund, der Sie in schwierigen Situationen warnt. Die Angst ist wie ein gutes Standbein, das Sie immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Die Angst als ein Standbein betrachten? Dies klingt erst einmal verrückt oder masochistisch. Doch wenn Sie sich die Zusammenhänge verdeutlichen wird es ganz logisch: Ihre Angst hilft Ihnen, in Ihrer Sicherheitszone zu bleiben, in Ihrer Komfortzone. Denn wenn die Angst sprechen könnte, würde sie sagen:"Lass da mal lieber die Finder davon!" Mit Hilfe Ihrer Ängste zu entscheiden heißt also auf sicherem Boden zu bleiben.

Dabei geht es mir nicht um Angst oder Sorgen als Stimmung, sondern wie gesagt als Anhängsel in Situationen oder zu Themen, die Sie beschäftigen. Und da wir alle ein sicheres Fundament für Entscheidungen benötigen, ist es sinnvoll, unsere Sorgen – wenn sie denn einen realen Hintergrund haben – ernst zu nehmen. Doch wenn unsere Befürchtungen überhand nehmen und zu Stimmungen oder sogar Persönlichkeitszügen ausarten, werden sie zu Stress. Deshalb nun einige Ausführungen und 'Rezepte' gegen Stress.

Wie Stress Ihre Entscheidungen vernebelt

Lektion 8: Achten Sie darauf, dass der Stress nicht zu groß wird. Steuern Sie frühzeitig entgegen, um Ihre Entscheidungen nicht zu vernebeln.

Stress hindert Sie daran, klar zu denken. Weil Stress Konflikte begünstigt. Weil Stress Sie daran hindert, stimmige Entscheidungen zu treffen. Und weil es in Gruppenentscheidungen auf jeden Einzelnen ankommt – jeder Einzelne kann eine wertvolle Ressource sein, die unter Stress verloren geht.

Als typische Stressreaktionen gelten: Innere Unruhe und Hektik, Unsicherheiten und Ermüdung, Über- oder Unterforderung, Konzentrationsfehler, Leistungsabnahme oder sogar -ausfall, Frustration, Wut, Ärger und Gereiztheit, Zynismus, Ironie und Aggressionen und vielfältige psychosomatische Aktivierungen, die sich im Laufe der Zeit zu Störungen ausweiten.

Typische stressbedingte Aktivierungen des Körpers wie Magendrücken, feuchte Hände oder ein trockener Mund machen Sinn, um Sie zu warnen. Erst langfristig – wir haben uns nicht weiterentwickelt, wir haben die Situationen nicht gemieden – wird es bedenklich und kann zu einem burn-out führen.

Hier einige Komponenten, die die Entstehung von Stress bzw. Angst und Furcht begünstigen. Auf diese Merkmale sollten Sie sich einstellen, um rechtzeitig gegensteuern zu können.

Der Nebel durch diese Stressphänomene – bei jedem Menschen unterschiedlich – behindert Ihre Entscheidungen:

- mangelnde Situationskontrolle,
- mangelnde Ich-Kontrolle,
- sich nicht entwickeln können,
- auf sich selbst gestellt sein,
- existenzielle Bedrohungen,
- Versagensängste und Verlustängste,
- Zeit- und Leistungsdruck,
- Konflikte oder Ungewissheit,
- Bedürfniseinschränkungen, Wertekonflikte und Motiv-Bedrohungen,
- Reizarmut oder Reizüberflutung,
- z.B. durch ständige Störungen oder Lärm,
- Gefahrensituationen,
- mangelnde Anerkennung,
- unnatürliche Lebensbedingungen, z.B. aufgrund von zu wenig Licht oder Wechsel-Schichten,
- keine Ziele und kein Sinn im Leben,
- Hektik, z.B. im Straßenverkehr,
- chaotische Lebensumstände,
- Gesundheitsprobleme oder zu wenig Entspannung.

Der Nutzen von Stress

Stress passt Ihren Körper automatisch an die Umgebung an. Die Stresshormone Adrenalin (für akute Situationen) und Cortisol (für Dauerstress) aktivieren oder hemmen diverse Organe. Diese Hormone helfen Ihrem Körper, in bestimmten Situationen volle Leistung zu geben und erhöhen Ihre Aufmerksamkeit. Der Körper schüttet unter Stress Glucose aus, das in die Muskeln fließt und hemmt Ihr Schmerzempfinden mit Endorphinen, wenn der Stress stärker wird.

Erst wenn der Stress zu einer Dauereinrichtung wird, wird es bedenklich. Beruhigende Substanzen wirken nicht mehr und beeinträchtigen Ihr rationales Denken. Interessanterweise wird Ihr Erfahrungsgedächtnis nicht beeinträchtigt, sodass ein ungefiltertes Emotions-Empfinden freie Bahn hat. Dadurch werden Angst oder Furcht überbordend. Einem emotionalen Ausrutscher steht nun nichts mehr im Wege. Ein gewisses Maß an Stress ist jedoch vollkommen normal. Unser Erfahrungsgedächtnis merkt sich diese stressigen Abläufe und wiederholt die entsprechenden erfolgreichen Reaktionen darauf in der nächsten Situation so oder so ähnlich. Das System wird optimiert, um z.B. mit zukünftigen Stressanrufen in der Arbeit oder einem quängelnden Kind besser und schneller fertig zu werden. Erst wenn eine Situation ausweglos erscheint, macht der Stress uns krank. Ebenso wenn Alltagsstressoren zu Dauerstress ausarten und Sie nicht mehr von Ihrem Stresspegel herunterkommen. Außerdem verbrauchen die Außenleistungen, den schönen Schein zu wahren viele Ressourcen. Die Folge: Der Körper kann sich nicht mehr um sein Immunsystem kümmern.

Es geht hier nicht darum, den Stress abzubauen. Es geht darum, dass Sie den Stress bei sich und anderen Menschen erkennen, um ihn für Ihre Erkenntnisse und Entscheidungen zu nutzen. Dies ist in etwa so möglich: Sie kommen in eine für Sie vermeintlich neue Situation und müssen in Kürze eine Entscheidung treffen. Immer stellt sich die Frage: Was von dem äußeren Phänomen spiegelt sich in Ihnen selber wieder? Was schwingt in Ihnen mit? Bei Gruppensituationen lässt sich von einer Art kollektiven Intelligenz oder Intuition sprechen. Machen diese Stressreaktionen Sinn? Und welche Informationen leiten Sie daraus ab?

Vor allem geht es darum, zu wissen, was Sie konkret stresst. Diese Belastungen behindern Ihre Entscheidungsfähigkeit. Hier sollten Sie gegenlenken.

Was Stress für Ihre Entscheidungen bedeutet und wie Sie reagieren können, schauen wir uns im Folgenden an:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Umgang mit Stress

Um Stress entgegenzuwirken, sollten Sie sich einige Standardreaktionen zulegen, die mit zunehmender Übung automatisch ablaufen. Gemeinhin wird das eher reaktive emotionsorientierte Coping von dem aktiveren problemorientierten Coping unterschieden:

1. Das emotionsorientierte Coping

... versucht, die Emotionen und körperlichen Stressreaktionen zu reduzieren, z.B. durch Ablenkung, Entspannungstechniken (Progressive Muskelentspannung, Autogenes Training, Yoga, künstlerische Tätigkeiten, Atem-Techniken) oder Bewegung.

2. Das problemorientierte Coping

... versucht, durch Handlungen oder Gespräche die Stress auslösende Situation zu beeinflussen oder zu beseitigen. Dazu zählen Methoden, die das eigene Denken soweit beeinflussen, um wieder handlungsfähig(er) zu werden, z.B. ein effektives Zeitmanagement, inklusive effektiver Arbeitsorganisation, Aufgaben abgeben und delegieren können, Nein sagen, Planen und Prioritäten setzen sind die besten Vorbeugungen gegen Stress im Arbeitsalltag.

Für Ihr Ziel, den Stress soweit zu reduzieren, um entscheidungsfähig zu bleiben oder wieder zu werden, können Sie auf beide Arten der Stressbewältigung zurückgreifen. In der Regel werden Sie vor einer Entscheidung als erstes versuchen, sich mittels emotionsorientiertem Coping einen Freiraum zu verschaffen. Erst wenn Sie diesen Freiraum haben, ist Ihr Kopf wieder so klar, dass Sie auf ein problemorientiertes Coping zurückgreifen können. Auch hier sehen Sie das duale System eines Stressausgleichs durch Arbeit an sich selbst oder durch Handlungen, die das System verändern.

Die Frage, die sich stellt, lautet: Wie lässt sich Ihr persönlicher Stress so verhindern oder zumindest verringern, dass er Sie nicht blind macht für Ihre intuitiven Eingebungen? Am Ende von Teil II finden Sie ein Selbstcoaching-Programm im Umgang mit Stress.

3.3 Die ganze Welt der Freude

Lektion 9: Merken Sie sich bewusst die Situationen, in denen Sie Freude – auch kleine Freuden im Leben – erfahren. Suchen Sie in zukünftigen Situationen nach diesen Freuden. Merken Sie sich ebenso die Situationen, in denen Sie hoffnungsvoll waren oder voller Neugier und freudiger Erwartung.

Die Beschäftigung mit Freude an dieser Stelle ist eine zwiespältige Sache. Aufgrund einer empfundenen Freude zu entscheiden erscheint zu banal, um dies auch nur niederzuschreiben. Doch leider ist es nicht ganz so einfach. Denn: Die Freude, aufgrund der wir Entscheidungen treffen ist meist eine vorweggenommene Freude. Wir entscheiden uns ja schließlich für einen zukünftigen Erfolg bzw. die Aussicht auf die zu erwartenden Lorbeeren. Dennoch schöpft die intuitive Freude, das erwartete Glück, die vorweggenommene Zufriedenheit und Erleichterung oder die in Aussicht stehende Lust und Liebe natürlich ebenso wie unsere Angst aus dem Fundus Ihres Erfahrungsgedächtnisses. Erst dadurch wird Ihre Neugier geweckt. Erst dadurch entsteht in Ihnen die Hoffnung auf einen guten Abschluss. Schließlich entscheiden Sie sich für eine Handlung, die in einer alten Situation mindestens einmal gut funktionierte.

Dieses Muster eines alten, abgespeicherten Erfolges erweckt in Ihnen den Geschmack für einen neuen, in der Zukunft liegenden Erfolg – so wie Ihre Angst Sie vor einem erneuten Misserfolg warnt.

Wie Sie sicher bemerkt haben, handelt es sich bei meiner Welt der Freude – im Gegensatz zur Welt der Angst – nicht ausschließlich um Emotionen. Neugierde, Hoffnungen, Erwartungen – all dies sind ja im engeren Sinne keine Emotionen, sondern eher Kognitionen, wenn sie auch sicherlich neuronal mit der Emotion Freude verbunden sind. Dies zeigt uns umso deutlicher, dass unsere Angst eher in der Vergangenheit lebt. Unsere Ängste versuchen, den Status Quo zu wahren. Sie versuchen, Misserfolge zu verhindern. Sie gehören zur Gattung der Bewahrer. Unsere Freude hingegen gehört mit all ihren kognitiven Mitstreitern zur Gattung der Gestalter. Die Freude wagt einen neugierigen und hoffnungsschwangeren Blick in die Zukunft. Sie versucht, neue Territorien zu erschließen, indem Sie ganz bewusst die Zukunft simuliert.

Um an das Bild des Standbeines bei der Angst anzuknüpfen kann unsere Freude durch das Gegenbild des Spielbeines symbolisiert werden. Wenn wir erst einmal ein sicheres Standbein haben, bei dem sich unsere Sorgen in Grenzen halten, können wir auch etwas Neues ausprobieren. Und dieses Ausprobieren, die Neugier, die Hoffnung auf Erfolg und damit die Erwartung einer persönlichen Weiterentwicklung beinhaltet erst die tiefe Freude darüber, nicht in den eigenen Grenzen zu verharren, sondern etwas Neues, auf der Basis des Alten, gewagt zu haben und im Falle des Erfolges eine doppelte Bestätigung zu bekommen:

Erstens: Der Erfolg an sich. Und zweitens: Der Erfolg des eigenen Mutes.

Dennoch fällt es uns oft so schwer, uns für unsere Neugier zu entscheiden. Warum dies so ist, liegt schlicht und einfach daran, dass wir uns dann für etwas entscheiden müssten, das wir im Moment weder richtig fühlen, noch schmecken oder riechen können.[18] Zwar haben wir ein einigermaßen klares Bild von der Zukunft, z.B. von einem Erholungsurlaub am Strand. Und wir wissen ja auch, dass wir diesen Urlaub dringend nötig haben, um dem drohenden burn-out nochmal ein Schnippchen zu schlagen. Doch auf der anderen Seite stehen wir mitten in einem Morast aus Sorgen und Bedenken:

- Können wir uns gerade jetzt den Urlaub finanziell leisten?
- Was sagen die Kollegen?
- Was sagt der Chef?
- Wie sieht es dann mit der Karriere aus? Usw.

Unser Bauch gibt uns hier häufig einen eher schlechten Rat: Ruh' Dich aus und riskiere lieber nichts, was Du bereuen könntest.[19] Es ist immer noch leichter zu verkraften, aufgrund eines Nichts-Tuns ein schlechtes Gefühl zu haben anstatt aufgrund eines Tuns.

Offensichtlich hilft hier nur eines: Wir müssen die Zukunft mit Hilfe einer mentalen Simulation zur Gegenwart machen, um all diese Gefühle und Empfindungen, die an der Entscheidung dranhängen auch wirklich zu spüren. Erst dann wird ein genügend ausgleichendes Gegen-Gewicht zur bewahrenden Angst in der Neugier-Waagschale liegen. Erst dann bekommen wir ein detailliertes 'Wie' der Zukunft, um eine realistische Einschätzung vorzunehmen.

Ein Land, das als neugieriges Land schlechthin gilt ist Japan.[20] Dies liegt offenbar an der Art der Erziehung, die dort gelehrt wird. Denn in Japan gilt die Methode des 'Leer-Lassens' als Anleitung zur Suche nach immer neuen Problemlösungen. Der Lehrer als 'leeres Zentrum' ermuntert die SchülerInnen immer wieder dazu, indem er die Frage stellt:"Gibt es da nicht noch etwas?". So wird ein Problem nie gänzlich aufgelöst, da der Lehrer auch keine endgültigen Lösungen präsentiert.[21] Da die Kinder sich andererseits in der Gemeinschaft sehr aufgehoben fühlen – Ordnung, Sicherheit, Orientierung an Autoritäten und Gemeinschaften sind bekanntermaßen wichtige japanische Werte – erscheint diese Anleitung zur Neugier nicht haltlos. Die Sicherheit erscheint vielmehr vor diesem Hintergrund als Grundbedingung der ständigen Weiterentwicklung, des Kai-zen, der andauernden Veränderung zum Besseren. Dabei sollte diese Weiterentwicklung zur 'Perfektion' stetig, d.h. Schritt für Schritt, anstatt in großen Sprüngen, von statten gehen.[22]

Weiterhelfen kann uns auf dem Weg der Neugier die Tugend der Routine, auch wenn dies im ersten Moment grotesk klingt. Denn: Wenn eine Tätigkeit erst einmal im Kalender verankert ist oder besser noch mit Freunden ausgemacht und geplant wurde, dann gibt es keinen Weg mehr zurück – zumindest wird es schwieriger, einen Rückzieher zu machen. Diese Art der Routine spiegelt sich im sogenannten PDCA-Zyklus aus dem bekanntermaßen aus Japan kommenden Qualitätsmanagement wieder (Plan Do Check Act): der Planung, der Durchführung, der Kontrolle und schließlich der Verbesserung eines Prozesses. Der PDCA-Kreislauf[23] geht auf W. E. Deming zurück und wird auch als kontinuierlicher Verbesserungsprozess beschrieben. Der typische Ablauf einer solchen Weiterentwicklung sieht in etwa so aus:

1. Was soll verbessert werden?
2. Wie sieht der Ist-Zustand und der Soll-Zustand aus?
3. Welche Probleme gibt es? (Häufigkeit? Wer ist beteiligt?)
4. Bewertung der Probleme: Wieviel Zeit und Geld, Energie oder Stress 'kostet' das Problem?
5. Durchführung einer Problemanalyse: Welche Ursachen gibt es? Welche Zusammenhänge bestehen? Gibt es Auswirkungen auf andere (Lebens-)Bereiche?
6. Welche Lösungsideen gibt es?
7. Bewerten Sie die Lösungsideen und entscheiden sich für eine Maßnahme zur Behebung der Probleme.
8. Wie hoch ist der Aufwand der Maßnahme? Welchen Erfolg erwarten Sie?
9. Wer könnte hilfreich sein? Wie, wo und wann kann die Umsetzung geschehen?
10. Setzen Sie die Maßnahme(n) um.
11. Prüfen Sie den Erfolg und bauen die neuen Erkenntnisse in die nächste Planung mit ein.

Eine solche Einstellung aufgrund der Einschränkung der Wahlfreiheiten kann die nötige Sicherheit bieten, um erst zu Neugier fähig zu sein. Denn zu viele Wahlfreiheiten machen uns unglücklich und unsicher.[24] Deshalb sollten wir das Gebiet, auf dem wir tätig sind oder tätig sein wollen, vorher gut abstecken, um dann innerhalb dieses 'Claims' mit neugierigen Augen die spannenden Details zu entdecken.

Doch diese Sichtweise der langfristigen Bindung an Menschen oder 'Umstände' gilt insbesondere in der heutigen westlichen Welt (im Gegensatz zu Japan) als ungesund und hinderlich, da es die Freiheiten beschränkt, die wir eigentlich lieben gelernt haben. Doch wer zu jeder Zeit alles tun kann, benötigt auch die Fähigkeiten und Fertigkeiten der Auswahl. Kompetenzen, die leider an keiner Schule gelehrt werden. Diese Kompetenzen lassen sich in etwa so formulieren:

- Lerne, aus vielen Alternativen das auszuwählen, das am besten zu Dir und Deinem Wesen passt.
- Lerne abzulehnen, was nicht zu Dir oder Deiner Situation passt.
- Lerne anzunehmen, was Dir gut tut und Deiner persönlichen Entwicklung langfristig weiterhilft.
- Lerne, auf Deinen Körper und Deine Emotionen zu hören.
- Lerne, über erste Eindrücke eines Nicht-Wollens oder einer 'Faulheit' drüberzugehen und Dir vorzustellen, was es danach zu entdecken gibt.
- Lerne, mit den Konsequenzen des eigenen Handelns umzugehen und diese Konsequenzen so abzuspeichern, dass neue Entscheidungen angemessener ausfallen werden.

Das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein, ist äußerst bedeutend für eine Entscheidung. Dennoch haben wir selten diese 100%ige Gefühl. Oftmals spricht auch einiges dagegen, gerade wenn wir unsere Emotionen befragen. So kann ich sehr wohl ein ganz gutes Gefühl für den neuen Job haben und dennoch ist da einiges, was sich in mir sträubt. Deshalb ist es wichtig, im Sinne eines felt sense, das Gesamtbild zu betrachten, d.h.:

- alle Sinne zu befragen,
- die Gefühle und Emotionen nicht nur für den Moment oder einzelne Situationen, sondern für die Gesamtheit der Situation 'neuer Job' zu befragen
- und die Ziele und Motive zu hinterfragen, auf die wir noch zu sprechen kommen.

[...]


[1]Die meisten Forscher unterscheiden zwischen Emotionen und Gefühlen. Emotionen gelten als körperlich und meist unbewusst, während Gefühle den bewusst-empfundenen Teil ausmachen (siehe u.a. Stefan Klein: Einfach glücklich, S. 18). Erst diese Bewusstmachung kann dazu führen, dass wir auch entsprechend auf die Emotionen reagieren und gegensteuern. Ich spreche im folgenden meist von Emotionen, da ich genau dies im Sinn habe: Die Bewusstmachung der Emotionen, um damit zu arbeiten. Eine sprachliche Trennung ist diesbezüglich ohnehin schwierig, da im Alltag beide Begriffe quasi gleichbedeutend verwendet werden.

[2]Der Begriff des Motivs bedeutet in der Motivationspsychologie eine stabile Einstellung, nicht angeboren und sich somit von körperlichen Basisbedürfnissen abgrenzend und ein klares Handlungsziel verfolgend.

[3]Ich betone ausdrücklich, dass nicht alle LehrerInnen verständnislos sind. Es gibt sehr engagierte LehrerInnen, die jedoch leider oftmals gegen Windmühlen kämpfen, sei es in Form der Schul-Konzepte, der KollegInnen oder der Schüler.

[4]Siehe Bauer: Warum ich fühle, was Du fühlst, S. 22ff

[5]Siehe Hübler: Wie Therapeuten ihren Klienten auf die Nerven gehen.

[6]Siehe Dambmann: Erfolgsfaktor Gehirn, S. 152f

[7]Sport zu treiben besitzt die Eigenart, dass wir damit auf natürliche Weise Dopamine ausschütten, insbesondere wenn wir uns kurz unterhalb der Grenze unserer Leistungsfähigkeit bewegen. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit im Gegensatz zu fremd eingeführten Drogen gering, dass es zu einer Gewöhnung kommt. Wenn wir Sport treiben geschieht genau das Gegenteilige: Unsere Endorphinrezeptoren werden jedesmal leicht gereizt, sodass wir auch für andere Freude im Leben – außer Sport – empfänglicher werden. Außerdem lernen Menschen, die regelmäßig Sport treiben, in stressigen Situationen gegenzusteuern, indem sie ein zu schnelles Schlagen unseres Herzens über die Atmung regulierend ausgleichen (Siehe Servan-Schreiber: Die Neue Medizin der Emotionen, S. 190ff).

[8]Dies ist der Abschnitt für den ich im Laufe des Trainings ab und an Fragen formuliere, u.a. Teil II, Kapitel 5. Sie können diese Focusing-Fragen an den jeweiligen Stellen einbetten.

[9]... hier v.a. schmecken und riechen, da Gedanken innerlich auch gehört werden können, Bilder gesehen werden und tasten und fühlen ebenso eng beieinander liegen.

[10]Verdeckte somatische Marker agieren so sehr im Hintergrund, dass der Besitzer sie nicht bemerkt.

[11]Beispiele dazu finden Sie in Damasio: Descartes' Irrtum, u.a. S. 32f

[12]Der Begriff emotionaler Marker soll eine Abgrenzung zum rein körperlich gemeinten somatischen Marker darstellen. Der Begriff ist nicht allzu gängig, wird jedoch u.a. von Wolfgang Seidel verwendet. Eine stärkere Abgrenzung zum soma wäre der Begriff Gefühls-Marker, doch hier fehlt wiederum der Aspekt, dass Emotionen eben auch eine körperliche Ebene haben und das unbewusst Körperliche zum bewusst Gefühlten werden kann. Deshalb bleibe ich beim Begriff des emotionalen Markers.

[13]Zu den Zusammenhängen zwischen Gehirn, Gedächtnis, Bauch und Bewusstsein siehe die Bücher von Damasio, Hübler, Roth oder Ledoux.

[14]Nachzulesen in Claudia Wassmann: Die Macht der Emotionen.

[15]2007 gab es den medial groß aufgezogenen Fall der kleinen Maddie McCann - einer Kindesentführung in Portugal. Den Eltern schwappte zu Beginn des Falles, der in den Medien Furore machte einiges an Mitleid entgegen – mit Zunahme der hoffnungslosen Dauer des Falles allerdings vermehrt Skepsis und Missmut: "Die sollten endlich mal Ruhe geben und vielleicht haben Sie ja sogar selber etwas mit der Entführung zu tun und spielen nur die Geprellten". Dies lag hauptsächlich an der vermeintlichen Vermarktung bzw. Instrumentalisierung der Trauer der Eltern.

[16]... sogenannte Schallwaffen bzw. Sirenen während des zweiten Weltkriegs zur Einschüchterung an Kampfflugzeugen befestigt.

[17]Dies gilt nur für Ängste, die ab und an und in bewältigbarer Form mit Situationen verknüpft sind. Dauerhafte und sehr starke Ängste stehen auf einem anderen Blatt und wurden aller Wahrscheinlichkeit nach maladaptiv gelernt, d.h. sie führen zu Stress und behindern Sie, eine gute Entscheidung zu treffen.

[18]Siehe Gilbert: Ins Glück stolpern, S. 199

[19]Siehe Stefan Klein: Einfach glücklich, S.63

[20]Siehe Elschenbroich (Hrsg.): Anleitung zur Neugier, S.175ff

[21]ebd., S. 34f

[22]Im Westen wird hingegen eher ein Modell der schnellen, 'heftigen' Innovation im Zusammenspiel mit einer langen Phase des 'Stillstandes' gelebt (siehe Masaaki Imai: Kaizen, S. 86ff)

[23]Siehe Wikipedia.

[24]Siehe Schwartz: Anleitung zur Unzufriedenheit. oder Gigerenzer: Bauchentscheidungen.

Details

Seiten
170
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640287215
ISBN (Buch)
9783640287369
Dateigröße
2.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v123782
Note
Schlagworte
Intuition Motive Emotionen Gefühle Inneres Team

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Titel: Die Kunst emotionaler Entscheidungen