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Warum gehen wir zur Urne? Eine ökonomische Analyse des politischen Partizipationsprozesses

Hausarbeit 2000 16 Seiten

Politik - Methoden, Forschung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung:
1.1. Prolog:
1.2. Definition:
1.3. Einführung:

2. Public Choice:
2.1. Die Hypothese des rationalen Wählers:
2.2 Soziologische Faktoren:
2.3 Der Wähler:
2.4. Der Nichtwähler:

3. Voter’s Paradox:
3.1. Einführung:
3.2. Ist Rationalität das Problem?
3.3. Eine Handlung kann gut für das Individuum und schlecht für die Gruppe sein:
3.4. Grundlage der Moral:

4. Median Voter Theorem:

E AUSGABEN

5. Kritik am Modell:

6. Fazit:

1. Einleitung:

1.1. Prolog:

In unserer Arbeit mit dem Titel „Parteien, Ideologie und Wahlverhalten – Wieso gehen wir zur Urne?“ setzen wir einen inhaltlichen Schwerpunkt auf die Fragestellung, weshalb Menschen an die Urne gehen – oder eben nicht. Mit einer ganz einfachen Kosten – Nutzen – Analyse, wie wir sie alle aus der traditionellen Mikroökonomie kennen, kommt eigentlich jede Person (homo oeconomicus) zum Schluss, dass es sich für sie nicht lohnt, an einer Abstimmung oder Wahl zu partizipieren. Die Kosten überwiegen den Nutzen bei weitem. Warum aber gibt es viele Menschen, die jedesmal die Zeit auf sich nehmen, ihren Stimmzettel abzugeben?

Wir werden versuchen, dieser Frage aus einer ökonomischen Sicht nachzugehen, wirtschaftliche Argumente anzubringen, um sie anschliessend möglichst befriedigend beantworten zu können.

Die Neue Politische Ökonomie (engl. public choice) liefert uns die grundlegenden Denkanstösse, Konzeptionen und Modelle, auf welchen wir unsere Argumentation aufbauen.

1.2. Definition:

Neue Politische Ökonomie (engl. „public choice“).

Die ökonomische Theorie der Politik, der Demokratie, beziehungsweise des politischen Wettbewerbs, sind synonyme - beziehungsweise sich überschneidende -Bezeichnungen für einen ökonomisch geprägten Forschungsansatz. Die Neue Politische Ökonomie versucht mit Hilfe von Begriffen und theoretischen Modellen der traditionellen Wirtschaftswissenschaft (individualistischer Ansatz, Rationalitätskalkül, Optimierungsverhalten) ausserökonomische und –marktliche Entscheidungsvorgänge (insbesondere in den Bereichen Parteiendemokratie, Bürokratie und Verbandshandeln) zu analysieren. In Ausweitung des Objektbereichs versucht die Neue Politische Ökonomie das soziale Verhalten in möglichst vielen Lebensbereichen zu erklären.[1]

1.3. Einführung:

Seit einigen Dekaden ist die Politik Untersuchungsgegenstand der Ökonomie und somit ihrer rationalen Denkweise geworden. Die Neue Politische Ökonomie, zu englisch „public choice“, hat sich umfassend solchen Fragestellungen gewidmet, welche historisch betrachtet nicht dem Bereich der klassischen Ökonomie angehören. Die Frage die sich nun aufwirft: ist die Ökonomie mit ihrer Denkweise fähig und befähigt, sich mit einer solchen Thematik wie der Politikwissenschaft zu beschäftigen und existiert eine Brücke zwischen diesen beiden Disziplinen? Wir denken ja. Die Anwort können wir folgendermassen liefern. In allen Lebensbereichen, in welchen Wahlhandlungen (engl. „rational choices“) vorkommen, vermag die Wirtschaftswissenschaft mit ihrer rationalen Betrachtung und systematischen Analyse Phänomene zu erklären. Bei Wahlhandlungen überlegt man mit einem ökonomischen Denkansatz die Möglichkeit, eine Sache zu tun oder sie zu lassen. Bsp: „Soll ich dies kaufen oder nicht?“ Die „public choice“ – Konzepte versuchen Phänomene in der Politik mit Hilfe einer ökonomisch entwickelten Analyse zu erläutern. „Choice“ ist die Wahlmöglichkeit zwischen sich bietenden Alternativen. „Public“ sagt, dass es sich um Leute, folglich um die Öffentlichkeit handelt. Aber „choices“ werden nicht von Leuten gefällt, sondern von Individuen, und diese Wahlmöglichkeiten können publiker oder privater Natur sein.

Die „rational choice“ – Modelle in der Wirtschaftswissenschaft wurden zur Analyse der individuellen Entscheidungen über Angebot und Nachfrage von Privatgütern entwickelt. Bei der Betrachtung der Politik (Politikwissenschaften) handelt es sich hingegen meist um Kollektiventscheide über öffentliche Güter. Somit ist diese Theorie – die Paradigmen des rationalen privaten Handelns bei Wahlentscheidungen - das Verbindungsstück zwischen den beiden Disziplinen; der Forschungsgegenstand entstammt der Politikwissenschaft, die Methoden der Untersuchung hingegen derjenigen der Ökonomie.

2. Public Choice:

Die „public choice“ – Theorien haben drei wesentliche Erkenntnisse über die politische Partizipation und das Verhalten der Parteien und Regierungen geliefert.

Sie erklären

1. das Wahlverhalten von Individuen in der Politik. „Wieso gehen wir zur Urne?“.
Hilfsmittel dabei bilden die klassischen Kosten –Nutzen – Kalkulationen.
2. wie Parteien oder Kandidaten Wahlen gewinnen, oder zumindest versuchen zu
gewinnen. Mit den simplen Annahmen über die Präferenzen der Wähler und dass Kandidaten und Parteien keine extremen Positionen einnehmen, um die Wahlen zu gewinnen. Bekannt wurde diese Einsicht unter der Bezeichnung „median voter theorem“.
3. dass bei Mehrheitsentscheiden und unter fairen Abstimmungs- oder Wahlbedingungen die Politik oder die Partei, die gewählt wurde, nicht diejenige sein muss, welche die meisten Menschen als die Beste betrachten. Diese grundlegende und erstaunliche Erkenntnis wird „voter’s paradox“ genannt.

Punkt Eins werden wir gleich ausführlicher erläutern, Punkt Zwei und Drei folgen weiter hinten in unserer Arbeit.

2.1. Die Hypothese des rationalen Wählers:

DOWNS stellt drei Kriterien auf, die der rationale Wähler erfüllen muss. Gewissermassen drei Axiome, auf welchen die „public choice“ – Konzeption aufgebaut wird.[2]

1. Er muss wissen, welche Ziele er hat
2. Er muss wissen, welche Möglichkeiten ihm zur Erreichung dieser Ziele offenstehen
3. Er muss wissen, welche Folgen die jeweiligen Entscheidungen für eine dieser Möglichkeiten vermutlich haben wird

Der rationale Wähler ist, wie aus den drei Bedingungen ersichtlich, vollständig informiert. Er ist sich absolut sicher über die Ziele, die Auswahl der Mittel und die möglichen Folgen seines Entscheids.[3]

Hat der rationale Wähler nun die Möglichkeit, sich an einer Wahl oder Abstimmung zu beteiligen, führt er eine Kosten – Nutzen- Analyse über seine allfällige Partizipation durch. Was aber sind seine Kosten und was beinhaltet sein Nutzen, wenn er sich entscheidet an die Urne zu gehen?

Betrachten wir den Fall der Wahlen: Ein Wähler hat die Möglichkeit sich zwischen zwei Kandidaten oder Parteien (A und B) zu entscheiden. Wenn A gewählt wird erwartet er einen Nutzen und eventuell Steuerkosten. Dasselbe gilt für B. Der Nutzen oder Gewinn der Wahl entspricht dem Unterschied zwischen A und B, dem sogenannten Parteien - oder Kandidatendifferential“. Ein Beispiel: A verspricht einen Park in der Umgebung zu bauen, B eine Brücke zu renovieren, welcher der Wähler oft benützt. Der Nutzen eines neuen Parks bildet sich aus dem persönlichen Nutzen abzüglich der Steuerkosten. Der Nutzen der neuen Brücke berechnet sich gleich. Benennen wir den individuellen monetären Nutzen des Parks (Na) und denjenigen der Brücke (Nb). Sei nun der Nutzen eines neuen Parks für den Wähler 2000 CHF und jener der Brücke 1000 CHF, so ergibt dies ein Kandidatendifferential von 1000 CHF, das heisst, dass der persönliche Nutzen nach der Wahl von A um 1000 CHF höher ist als bei der von B.

Aber der endgültige und absolute Nutzen bei einer allfälligen Partizipation ist wesentlich kleiner. Wer sagt, dass der Stimmzettel unseres Wählers genau der ausschlaggebende ist, dass er der sogenannte Medianwähler ist? Bei einer Wahl, an welcher sich viele Leute beteiligen, schwindet somit die Wahrscheinlichkeit, dass genau seine Stimme entscheidend ist. Nehmen wir an, dass insgesamt eine Million Menschen wählen gehen. Demzufolge müssen wir das Kandidatendifferential von 1000 CHF mit einer Wahrscheinlichkeit (P) von 1/1'000‘000 berechnen, dass sein Stimmzettel entscheidet. Somit erhalten wir einen absoluten Nutzen von 1000 CHF x 1/1'000'000 = 0,001 CHF, also gerade mal von 0,1 Rappen!

Wie steht es mit seinen Kosten, an die Urne zu gehen? Abstimmen oder Wählen verursacht Kosten (K). Informationen sind durch die Medien zu beschaffen und Opportunitätskosten entstehen, wenn man den Stimmzettel zur Urne oder zum Briefkasten bringen möchte. Sagen wir, um unser Beispiel fortzuführen, eine Stunde ist dem Wähler 10 CHF wert. Sagen wir auch, der Wähler braucht eine Stunde, um sich zu informieren und den Stimmzettel abzugeben. Bei einer Gegenüberstellung der Kosten (10 CHF) und dem Nutzen (0,001 CHF) ist es einleuchtend, dass er beschliesst, nicht an der Wahl zu partizipieren, da K > P (Na-Nb). Die Hypothese des rationalen Wählers (homo oeconomicus) impliziert, dass dieser nur dann wählen geht, wenn der Nutzen die Kosten überwiegt. Wirft man jetzt aber einen Blick auf die politische Realität, so kann dieses Modell schon eine geringe Wahlbeteiligung von beispielsweise 25% nicht erklären.

Nun drängt sich aber die Frage auf, wieso überhaupt Leute existieren, welche sich entschliessen an einer Wahl oder Abstimmung ihren Stimmzettel abzugeben, da es wohl in den seltensten Situationen der Fall sein wird, dass der monetäre Nutzen grösser ist als die Kosten. Es muss folglich ein weiterer Faktor vorhanden sein, welchen wir bisher in unserer traditionellen Kosten – Nutzen- Analyse übersehen haben.

2.2 Soziologische Faktoren:

Der rationale Wähler würde nach streng klassischen ökonomischen Masstäben nicht an einer Wahl partizipieren. Die Kosten übersteigen bei weitem seinen persönlichen monetären Nutzen. Um unsere Argumentation dennoch befriedigend zu Ende zu bringen, müssen wir in unsere Kalkulation einen zusätzlichen Parameter einführen; nennen wir diese neue Unbekannte den „soziologischen Faktor“ (S).

Soziologische Faktoren werden in zwei Gruppen unterteilt.[4]

1. Mikrosoziologische und sozialpsychologische Faktoren:
Ethische Werte
Moralische Verpflichtung
Sozialer Druck
Soziales und kulturelles Umfeld
Intrinsische Motivation (Bsp: Befriedigung, sich politisch beteiligt zu haben)
Interesse, die Demokratie zu erhalten
Eingliederung in die Gesellschaft und ihre Institutionen
Individuelle politische Normen, Eigenschaften und Verhaltensweisen
Parteiidentifikation, Ideologien
Bürgerpflicht
Indoktrination

2. Makropolitische und –soziale Faktoren:
Situation des Parteienwettbewerbs
Gesellschaftsstruktur
Institutionengefüge im politischen und gesellschaftlichen System
Struktur der Öffentlichkeit und der Medienlandschaft
Meinungsklima
Anzahl der Wahlalternativen zwischen Parteien und Kandidaten
Innen – und aussenpolitische Lage
Einschätzung, welche Partei oder welcher Kandidat voraussichtlich gewinnt Wirtschaftliche Situation und Erwartung

Da der individuelle Nutzen des rationalen Wählers, wie wir soeben dargelegt und erläutert haben, verschwindend klein ist, können wir ihn für die weiteren Betrachtungen vernachlässigen. Ausschlaggebend sind nun die beiden Grössen S und K, welche wir miteinander zu vergleichen haben; die Kosten und der soziologische Faktor. Die Hypothese des rationalen Wählers besagt, dass dieser nur dann wählen geht, wenn S > K. Betrachten wir im Folgenden die beiden möglichen konträren Situationen – Partizipation und Abstinenz am politischen Prozess.

[...]


[1] Vgl. Wörterbuch der Soziologie, K.-H. Hillmann, 1994, S. 607

[2] Theorien rationalen Handelns in der Politikwissenschaft, 1999, D. Braun, S. 63

[3] Theorien rationalen Handelns in der Politikwissenschaft, 1999, D. Braun, S. 63

[4] Wahlverhalten, 1991, Kapitel 2, Wählerverhalten und Parteiensysteme, R.-O. Schultze, S.11

Details

Seiten
16
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638182959
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v12406
Institution / Hochschule
Universität Basel – Wirtschaftswissenschaftliches Zentrum (WWZ)
Note
1,25
Schlagworte
Warum Urne Eine Analyse Partizipationsprozesses

Autor

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