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Die ungarische Gegenwartsliteratur in der Slowakei

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 35 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die ungarische Minderheit in der Slowakei
1.1. Die historischen Hintergründe der ungarischen Minderheit
1.2. Die ungarische Minderheit in der Slowakei

III. Die ungarische Literatur außerhalb Ungarns

IV. Die ungarische Literatur in der Slowakei
1. Die Geschichte der ungarischen Literatur in der Slowakei
2. Die Erforschung der ungarischen Literatur in der Slowakei
3. Organisationen, Verlage, Redaktionen und Publikationen

V. Die Autoren und deren Werke
1.1. Prosa
1.2. Lyrik

VI. Zusammenfassung

VII. Anhang

VIII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Diese Arbeit hat die Darstellung der heutigen ungarischen Literatur außerhalb der ungarischen Landesgrenzen als Ziel. Es ist bekannt, daß man nicht nur in seinem Heimatland seine eigene Muttersprache als Literatursprache benutzen kann. Man sollte hier nicht nur an die in der Emigration Lebenden denken, sondern - was im Falle der ungarischen Nation und damit auf die Sprache zutrifft – an die Menschen, die dank der Politik aus ihrem „Mutterland“[1] Ungarn verdrängt worden sind. Als Forschungsgegenstand dieses Aufsatzes wurde die ungarische Minderheits[2] - bzw. Gegenwartsliteratur in der (Tschecho)Slowakei[3] gewählt.

Als erstes werden die historischen Hintergründe der ungarischen Minderheit und die Veränderung der Bevölkerungszahl dargestellt. Unerläßlich ist die Betrachtung der kulturellen Organisationen im Bezug zu der ungarischen Minderheit in der Slowakei.

Weitere Kapitel beschäftigen sich schon mit der Literatur. Als Grundüberlegung bei der Beschreibung der Literatur außerhalb Ungarns und damit in der Slowakei wurde die geschichtliche Entwicklung der Schriftlichkeit und Literatur untersucht. Wie schon vorher erwähnt wurde, ist bei der Erforschung der ungarischen Gegenwartsliteratur in der Slowakei die Bedeutung der Organisationen sowie der Verlage und Redaktionen und ebenso die Forschung unerlässlich.

In den letzten Kapiteln der Arbeit werden die berühmtesten Autoren der letzten Generation (ab 1970), mit Beispielen aus deren Werken aufgelistet.

II. Die ungarische Minderheit in der Slowakei

1.1. Die historischen Hintergründe der ungarischen Minderheit

Die Österreich-Ungarische Monarchie war ein multinationaler Staat. 1918 zerfiel diese Monarchie. Die Fläche von Ungarn betrug vor dem ersten Weltkrieg 325 000 km². Nach dem Trianoner Abkommen blieben 93 000 km² für Ungarn. Die restliche Fläche des Staates wurde benachbarten Staaten angeschlossen: 103 000 km² an Rumänien, 62 000 km² an die Tschechoslowakei, 63 km² an Jugoslawien, 4000 km² an Österreich. Die Gesamtbevölkerung Ungarns vor dem Trianoner Abkommen war 21 Millionen, nach der neuen Grenzziehung blieben rund 3,5 Millionen Ungarn in benachbarten Ländern. Heutzutage leben in Rumänien ca. 2 Millionen, in der Slowakei 560 000, im Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens ca. 400 000 und in der Ukraine fast 200 000 Ungarn. Außerdem leben insgesamt 1,2 – 1,5 Millionen Ungarn in Westeuropäischen Ländern sowie in Übersee (vgl. Görömbei, 199, 105).

1.2. Die ungarische Minderheit in der Slowakei

Die Ungarn in der Slowakei sind die zweitgrößte ungarische Minderheit – nach der in Siebenbürgen im Karpaten-Becken. Über die Zahl der Ungarn in der Slowakei nach dem zweiten Weltkrieg sind keine genaue Daten vorhanden. Die späteren Angaben sind auch nicht maßgebend, da die politische Lage die Minderheiten beeinflußt hat (z.B.: Reslovakisation in den 40er Jahren). Heute stellt die ungarische Minderheit 10% der Bevölkerung dar. Bei der Volkszählung im Jahr 1991 haben sich viele Menschen mit ungarischer Muttersprache zur slowakischen Nationalität bekannt. Es handelt sich um über 11% der Gesamtbevölkerung (vgl. Lanstyák, 2000, 44).

Die Internetseite wikipedia beschreibt diese Minderheit folgendermaßen: „Die Gruppe der rund halben Million Ungarn in der Slowakei lebt im Süden des Landes, die meisten auf der Großen Schüttinsel, im nördlich davon gelegenen Gebiet zwischen der Kleinen Donau und der Waag (teilweise von den Ungarn Mátyusföld genannt), in der Gegend zwischen den Flüssen Waag und Eipel und am Eipel-Nordufer. Außerdem bewohnen sie das Gemer-Gebiet und ein Gebiet ganz im Südosten der Slowakei um Kráľovský Chlmec (50.000 Ungarn), d. h. im und um das Medzibodrožie (ung. Bodrogköz). Außerdem gibt es eine ungarische Sprachinsel im Osten von Nitra, die den ethnographischen Namen Zobor trägt. Neben den oben genannten Ungarn geben in der Slowakei weitere 53.000 Personen Ungarisch als ihre Muttersprache an.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Magyaren, 2008)

Die Veränderung der Zahl der Ungarn in der Slowakei zwischen 1910 und 1991 zeigt die folgende Tabelle von Gyurgyík (1994, 84) (vgl. Liszka, 2002, 110), ergänzt durch die Angaben von wikipedia für das Jahr 2001:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Schwankung der Zahl zwischen 1910 und 1991 ist deutlich auch an folgenden Landkarten der Slowakei zu erkennen, im Vergleich zu 2001:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: http://www.hhrf.org/egyutt/DOTARSN.HTM, 2008)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: www.hhrf.org/htmh/021_terkepek/text027/doc_upload/szlov1.jpg, 2008)

III. Die ungarische Literatur außerhalb Ungarns

Ein ungarisch schreibender Schriftsteller muss nicht unbedingt in Ungarn leben und schreiben. Das kann er auch in der Slowakei, in Siebenbürgen oder in der Vojvodina tun. Die Autoren, die außerhalb der ungarischen Landesgrenzen schreiben, werden auch innerhalb der Grenzen noch nicht sehr lange wirklich mitgezählt (vgl. Gahse, 1999, 1). Seit über achtzig Jahren wird in der Slowakei, in Rumänien, in der Vojvodina und in der Karpato-Ukraine ungarische Literatur geschrieben, „die sich jeweils sowohl aus den literarischen Traditionen Ungarns und ihren Bindungen zum Mutterland als auch aus dem gesellschaftlichen und kulturellen Umfeld des jeweiligen Nachbarlandes speist“. Die ungarische Literatur der Nachbarländer „stellt nicht mehr nur eine regionale Spielart der gesamten ungarischen Literatur dar“ (Rübberdt, Schlosser, 1999, 7). Von den vielen ungarischen Autoren, die außerhalb der ungarischen Grenzen leben bzw. lebten, gibt es einige, die eine besondere Aufmerksamkeit verdient haben. Der Siebenbürger Sándor Márai (1900-1989) wurde durch seine bedeutsamsten Werke - mit autobiographischen Grundlagen Egy polgár vallomásai (1934) (Bekenntnisse eines Bürgers) und Féltékenyek (1937) (Eifersüchtige), Sirály (1943) (Möwe), San Gennaro vére (1963) (Das Blut von San Gennaro), Harminc ezüstpénz (1983) (Dreißig Silbermünzen) bekannt. Seine Wirkung auf die ungarische Literatur des 20.Jhs ist groß, trotzdem er in Emigration lebte. Sein Schriftstellerleben fing mit Gedichten an, später schrieb er Romane (vgl. Tankó, 1992, 152). In der Auflistung der berühmtesten ungarischen Literaten außerhalb Ungarns darf auch der ebenso aus Siebenbürgen stammende Sándor Kányádi (1929) nicht vergessen werden. Er ist Dichter und Übersetzer aus dem Rumänischen und Deutschen. Seit 1950 erschienen seine Gedichte. Die wichtigsten Sammlungen davon sind: Virágok a cseresznyefán (1955) (Kirschbaumblüten), Három bárány (1965) (Drei Schafe, Gedichte für Kinder), Fától-fáig (1955-1970) (Von Baum zu Baum), Madármarasztaló (1986) (Vogelzurückhaltender) und viele andere (vgl. Tankó, 1992, 163). Der aus der Vojvodina stammender Otto Tolnai (1940), ein sehr vielseitiger Autor, war zwischen 1969-1974 Redakteur der Zeitschrift Új Symposium (Neues Symposium). Er schrieb Gedichte und ebenso Essays sowie Romane und Dramen. Seine wichtigsten Gedichtsammlungen sind Homorú versek (1963) (Hohle Gedichte), Vidéki Orfeusz (1983) (Ländlicher Orfeus), Gyökérrágó (1986) (Wurzelkauender) und der Roman Virág utca 3 (1983) (Blumenstrasse 3) sowie sein Drama Végeladás (Endverkauf) sind zu erwähnen (vgl. Tankó, 1992, 168). Es gibt keinen Zweifel, daß der bekannteste und am meisten anerkannte ungarischer Autor der Gegenwart der im Jahr 2002 auch mit dem Nobel-Preis ausgezeichnete Imre Kertész ist. Während er außerhalb der Landesgrenzen hoch anerkannt wird, war er in Ungarn vorher kaum bekannt. Er wurde in Budapest 1929 in einer jüdischen Familie geboren und 1944 nach Auschwitz deportiert. Diese Tatsache ist in seinen Werken zu erkennen. Seine Werke sind vor allem autobiographisch, im Mittelpunkt mit den „Auschwitz-Erlebnissen“: Sorstalaság (1975) (Mensch ohne Schicksal, übersetzt von J. Buschmann, Berlin, 1990; Roman eines Schicksallosen, übersetzt von Ch. Virágh , Berlin, 1996), A kudarc (1988) (Fiasko, deutsche Übersetzung von Gy. Buda, Á. Relle, Frankfurt am Main, 2000), Kaddis a meg nem született gyermekért (1990) (Kaddisch für ein nicht geborenes Kind, übersetzt von Gy. Buda, K. Schwamm, Berlin, 1992) (vgl. Gömöri, 2002, 11).

IV. Die ungarische Literatur in der Slowakei

1. Die Geschichte der ungarischen Literatur in der Slowakei

Schon während der ersten Tschechoslowakischen Republik (1918-1938) entwickelte sich die ungarische Literatur. In den Werken von Dezsö Györi (1900–1974) zeigte sich das Minderheitsgefühl der Ungarn. In seinem dichterischen Werk Új arcú magyarok (Ungarn mit neuem Gesicht) und im Prosawerk Kisebbségi Géniusz (Minderheitsgenie) brachte er die These des „Minderheitsmessianismus“[4] zum Ausdruck (Görömbei, 1997, 107). Dies hatte einen großen Einfluß auf die ungarische Jugend in der damaligen Tschechoslowakei. Vor allem die Bewegung Sarló „Sichel“- die sich aus Prager Studenten herausbildete – wurde beeinflusst. In dieser Zeit tauchen Autoren, wie der Vertreter der Avantgarde Imre Forbáth, der von Nyugat beeinflußte Dezsö Vozári, der Humanist László Mécs, der Moralist László Sáfáry oder der, mit seiner sozialistischen Dichtung berühmt gewordener Sándor Berkó, in der Prosaliteratur István Darkó, der Naturalist Mihály Tamás, weiterhin József Sellyei, Viktor Egri oder Béla Szabó auf. Der berühmteste Autor der Epoche war Zoltán Fábry, dessen antifaschistische Publizistik auch in der internationalen Literatur Spuren hinterlassen hat. Weitere Publizisten wie Rezsö Szalatnay und Rezsö Peéry müssen auch erwähnt werden. Die Zeitungen der kommunistischen „Az Út“ (Der Weg) und „Magyar Nap“ (Ungarischer Tag), sowie die humanistische „Magyar Írás“ (Ungarische Schrift) ermöglichten das Erscheinen von ersten literarischen Versuchen. Im zweiten Weltkrieg zerstreute sich diese, bis dahin aufwachsende Generation. (vgl. Görömbei, 1997, 107). Nach 1945 wurden die Ungarn zusammen mit den Deutschen als Kriegsverbrecher gesehen und verurteilt, deswegen wurde die ungarische Sprache in der Tschechoslowakei verboten. Zoltán Fábry versuchte 1946 in seinem Werk A vádlott megszólal (Der Angeklagte fängt an zu sprechen) die Wahrheit über die antifaschistische Einstellung der ungarischen Minderheit in der Tschechoslowakei zu ergründen. Seine Vorstellung von der „vox humana“ wurde zur Hauptidee der ungarischen Literatur in der Tschechoslowakei. Sein Werk konnte aber erst 1968 erscheinen. Mit der Erstausgabe der ersten ungarischen Zeitung Új Szó (Neues Wort) im Dezember 1948 konnte die ungarische Literatur neugeboren werden. Als berühmtester Vertreter der ungarischen Literatur dieser Zeit kann Viktor Egri genannt werden. Er organisierte die neue Generation. Ab 1958 erschien die Irodalmi Szemle (Literarische Rundschau), die erste selbständige Zeitschrift der ungarischen Literatur in der Tschechoslowakei. Erst in den 60er Jahren entwickelte sich die wirkliche Literatur. Diese Epoche kann mit Prosawerken charakterisiert werden. Typische Werke – wie z.B.: die Romane von László Dobos, Gyula Duba, József Mács, Teréz Dávid, beschrieben das Leben der ungarischen Minderheit. Damals tauchte die Lyrik von Tibor Bábi und Árpád Ozsvald auf.

Der Neuanfang der ungarischen Literatur in der Tschechoslowakei in den 60-ern wurde auch von den 8 jungen Lyrikern beeinflußt. Die „Nyolcak“ (Die Acht) stellten sich 1958 in der Anthologie der jungen ungarischen Dichter in der Slowakei Fiatal szlovákiai magyar költök antológiája vor (vgl. Görömbei, 1997, 112-113).

In den 60er Jahren wurde die Literatur stark vom Geschehen in der Welt beeinflusst – z.B.: neue Trends in der Weltliteratur, die klassischen Avantgarde-Richtungen, verschiedene soziologische und ästhetische Bestrebungen, Beat- und Hippie-Bewegung (vgl. Bodnár; Tóth, 1994, 181).

Während sich in den 60er die Literatur mit der Erinnerung charakterisieren ließ, in den 70er Jahren „bewahrte die Prosa ihre moralische Art und in großen Maßen wurde sie mit intellektuellen Elementen ergänzt“ (Görömbei, 1997, 114).

Anfang der 70-er wuchs eine neue Generation auf. Die Lyriker publizierten in der Anthologie Egyszemü éjszaka (1970) (Einäugige Nacht), die Prosaautoren in der Fekete szél (1972) (Schwarzer Wind). In den Werken von Anfängern ist die Motivation des Prager Frühlings 1968 zu erkennen. Die neuen Versuche erkennt man in der Poesie von László Tóth und Imre Varga. Die neue Generation ermöglichte einen weiteren Blick und entsprach den tieferen philosophischen Erwartungen der Literatur. In den 80er Jahren hörten viele talentierte Autoren auf zu schreiben bzw. verließen die Slowakei, wie die oben genannten zwei Autoren. Der Lyriker Ferenc Kulcsár, die Schriftsteller József Bereck und Lajos Grendel, sowie der Kritiker und Soziologe Zsigmond Zalabai sind die wichtigsten Persönlichkeiten der Minderheitsliteratur in der Slowakei der 80er Jahre (vgl. Görömbei, 1997, 133).

[...]


[1] aus dem Ungarischen: anyaország

[2] aus dem Ungarischen: kisebbségi irodalom

[3] Die Tschechoslowakei wurde am 1.1.1993 in zwei Staaten – die Tschechische und die Slowakische Republik - getrennt. Aus diesem ist deutlich, daß in diesem Aufsatz der Terminus „Die ungarische Literatur in der Tschechoslowakei bzw. Slowakei“ kontextabhängig benutzt wird.

[4] Messianismus – geistige Bewegung, in deren Mittelpunkt der Glaube an das Kommen eines Messias, den Erlöser und Vermittler des Heiles steht (vgl. Duden Lexikon, 1983, 1206)

Details

Seiten
35
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783640289653
ISBN (Buch)
9783640289707
Dateigröße
651 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v124153
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Finnougristik
Note
2,3
Schlagworte
literatur ungarn minderheit slowakei gegenwart

Autor

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Titel: Die ungarische Gegenwartsliteratur in der Slowakei