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Die Umgestaltung des deutschen Sportwesens im Dritten Reich

Darstellung der damit verbundenen Formulierung der „Politischen Leibeserziehung“ und deren Auswirkungen auf den Schulsport

von André Lach (Autor) Esra Elise Beneke (Autor)

Seminararbeit 2005 21 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Spiel und Sport – eine Begriffsbestimmung

3 Sport im totalitären Staat
3.1 (Selbst-)Gleichschaltung des deutschen Sports
3.2 Um- und Neuorganisation des deutschen Sports und die damit verbundenen Sportverbote

4 Schulsport im Dritten Reich
4.1 Prinzipien und Grundsätze des NS-Sports
4.2 Ideologie der „politischen Leibeserziehung“
4.3 Umsetzung der Ideologie im Turnunterricht
4.4 Spannungen zwischen dem Schulsport und dem außerschulischen Sport

5 Zusammenfassung

6 Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Aus heutiger Sicht werden die Jahre 1933, dem Jahr der „Machtergreifung“ durch die Nationalsozialisten in Deutschland, bis 1945, dem Jahr der be-dingungslosen Kapitulation des NS-Regimes im Zweiten Weltkrieg, von allen anderen Epochen der deutschen Geschichte abgegrenzt. Nicht nur auf poli-tischer Ebene kam es zu folgeschweren Veränderungen, auch das öffentliche Leben und somit auch der Sport blieben von diesen Veränderungen nicht ver-schont. Bereits vor dem Jahr 1933 bemühten sich die Nationalsozialisten, sich als Förderer des Sports darzustellen; in dem 25 Punkte umfassenden Partei-programm der damaligen DAP, welches Hitler am 24.02.1920 auf einer Ver-anstaltung verkündete, ist als Punkt 21 aufgeführt worden, dass der Staat für die Hebung der Volksgesundheit durch den Schutz der Mutter und des Kindes, durch Verbot der Jugendarbeit, durch Herbeiführung der körperlichen Er-tüchtigung mittels gesetzlicher Festlegung einer Turn- und Sportpflicht, durch größte Unterstützung aller sich mit körperlicher Jugendausbildung beschäfti-genden Vereine zu sorgen habe. Anhand dieser Formulierung kann man allerdings noch nicht erkennen, in welche Richtung die Bemühungen seitens der Nationalsozialisten gehen würden. Erst durch die Forderungen in Hitlers „Mein Kampf“ werden Aussagen, wie die aus dem Parteiprogramm der DAP, verstärkt, so dass schnell erkennbar wird, dass Sport von 1933 an vom Staat „verordnet“, zielstrebig organisiert und gefördert wurde. „Kein Tag [dürfe vergehen], an dem der junge Mensch nicht mindestens vormittags und abends je eine Stunde lang körperlich geschult wird, und zwar in jeder Art von Sport und Turnen“ (zitiert nach Joch, 1982, S. 701). Deutlicher wird das Vorhaben der Nationalsozialisten, den Sport für ihre eigenen Interessen zu „missbrauchen“, in einem Gespräch zwischen Hitler und Rauschning aus dem Jahre 1938: „Mit der Jugend beginne ich mein Erziehungswerk. Wir Alten sind verbraucht […]. In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt erschrecken wird. Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich“ (zitiert nach Krüger, 1993, S. 137).

Anhand dieses Gesprächsauszuges wird deutlich, dass es zu einer voll-ständigen Umkehrung des bisherigen Sinnes von Bewegung, Spiel und Sport kommen würde; in Kapitel zwei soll auf zwei dieser Begriffe (Spiel und Sport) ausführlicher eingegangen werden. Wie konnte es zu dieser Umkehrung kommen?

Im weiteren Verlauf der vorliegenden Arbeit wollen wir versuchen, die allge-meinen geschichtlichen Hintergründe, die zur politisch notwendig gewordenen Gleichschaltung des Sports, hier insbesondere der DT, im totalitären Deutsch-land führten, die Grundsätze des NS-Sports und deren Auswirkungen auf die bis dahin bestehenden Sport- und Turnvereine aufzuzeigen, wobei nach Strö-mungen aus der Weimarer Republik gesucht werden soll, die die „Macht-ergreifung“ und „Gleichschaltung“ des Sports durch die Nationalsozialisten in Deutschland erleichterten. Der Schwerpunkt dieser Abhandlung liegt auf der „Politischen Leibeserziehung“, der körperlichen Erziehung als oberstes Erzie-hungsziel im 3. Reich, fußend auf den Erziehungsgrundsätzen Hitlers, den welt-anschaulichen Grundlagen des Nationalsozialismus sowie den Erfahrungen aus der „Kampfzeit“ (Röthig u.a., 2003), welche im vierten Kapitel noch genauer betrachtet werden. Aufgrund der Schwerpunktsetzung wird deutlich, dass wir uns im vierten Kapitel in erster Linie auf den Schulsport (Turnunterricht) der damaligen Zeit beziehen und nur am Rande den außerschulischen Sport erwähnen, der in den Formationen des NS-Regimes betrieben wurde.

2 Spiel und Sport – eine Begriffsbestimmung

Das Wort ‚Sport’ kommt vom lateinischen disportare (= sich zerstreuen) und entwickelte sich über das französische desport (= Erholung, Zerstreuung) zum englischen sport (= Spaß, Vergnügen, Erholung); 1828 gelangte der Begriff durch den Reiseschriftsteller H.L.H. Fürsten zu Pückler-Muskau in den deutsch-sprachigen Raum, wo er seit 1850 zur Beschreibung jeder Art von körperlicher Bewegung verwendet wird. Der heutige Wortgebrauch von Sport beschreibt im eigentlichen Sinne das international organisierte, einheitlich geregelte, nach dem Prinzip der Quantifizierung auf Sieg und Rekord ausgerichtete, auf extrem entwickelter körperlicher Leistungsfähigkeit basierende Wettkampsystem. Im weiteren Sinne kann man unter Sport auch alle Formen der Leibesübungen und Bewegungsspiele zusammenfassen. Heinemann versucht dem Sportbegriff vier konstitutive Merkmale zuzuordnen - die körperliche Bewegung, den Wettkampf, ein sportartenspezifisches Regelwerk und die Unproduktivität, um ihn besser darstellen zu können (Heinemann, 1980, S. 33-38). Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hat sich der Sport zu einem umgangssprachlichen, weltweit gebrauchten Begriff entwickelt, so dass eine genaue begriffliche Abgrenzung unmöglich erscheint, da sich zum einen die Vorstellungen von Sport im Laufe der Zeit verändern und verschiedene Personen mit Sport unter Umständen etwas völlig Verschiedenes verbinden, zum anderen variieren die Vorstellungen je nach Institution (Sportverbände vs. Fitness-Studioverbände).

Der Begriff ‚Spiel’ beschreibt eine lustbetonte, von äußeren Zwecken freie, ungezwungene, vorwiegend von der Phantasie geleitete und sie anregende, biologisch bedingte Tätigkeit, die eine große soziale, kulturelle und pädago-gische Bedeutung besitzt. In der (frühen) Kindheit wird das Spielen als existenzielle Grundlage angesehen und im Sport ist das Spiel eine spezifische Form der menschlichen Selbstverwirklichung.

3 Sport im totalitären Staat

3.1 (Selbst-)Gleichschaltung des deutschen Sports

Wie leicht den Nationalsozilisten 1933 die Macht in Deutschland zufiel, kann anhand zweier Beispiele verdeutlicht werden.

Zum einen standen die deutschen Sportorganisationen und Vereine – allen voran die DT mit Edmund Neuendorff, ihrem Vertreter – der neuen national-sozialistischen Bewegung eher wohlwollend gegenüber, da die meisten von ihnen ebenfalls eine „patriotisch nationale Gesinnung“ pflegten. Diese Gesin-nung der deutschen Turner wurde auf dem Deutschen Turnfest im Juli 1933 durch eine Rede Hitlers gestärkt, da er sich in dieser zu Jahn, dem deutschen Turnen und dem deutschen Volkstum allgemein bekannte. Des Weiteren sprachen Hitler und der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Goebbels, vom Jahnschen „Volkstum“ und darüber, dass Jahn einer der großen Ahnväter des Nationalsozialismus sei, da er „der vorbildliche, verpflichtende Erzieher einer opferbereiten, heldischen Jugend und der Führer politischer Tat- und Kampfgemeinschaften“ war, und erst der Nationalsozialismus Jahns Wollen und Streben zur Erfüllung und Vollendung gebracht habe (zitiert nach Bernett, 1966, S. 47). Die Nationalsozialisten verwendeten den Begriff des „Volkstums“, um in erster Linie den Eindruck zu vermitteln, dass der ehrenwerte Turnvater Jahn damit schon immer die arische Rasse gemeint habe und bereits zu Lebzeiten ein einiges Kulturvolk der Deutschen schaffen wollte. Die Sport-verbände erhofften sich von einem neuen deutschen Staat ein wiedererstarktes Deutschland, in dem Turner und Sportler eine noch größere Rolle spielen würden als es in der Weimarer Republik der Fall gewesen war. Sie wollten Deutschland zu „innerer und äußerer Stärke“ emporführen, obwohl sie dem Weimarer Staat vieles zu verdanken hatten (ein buntes Sport- und Turnleben, steuerliche Vergünstigungen, viele neue Sportstätten, 3 Sportstunden an den Schulen u.v.m.).

Zum anderen stand neben den Turnern und Sportlern auch die Deutschen Studentenschaft dem Weimarer Staat feindlich gegenüber. Max Wundt, deutscher Philosoph, schrieb in der damaligen Zeit, dass dieser Staat [die Weimarer Republik] undeutsch von der Wurzel bis zum Wipfel sei. Aufgrund dieser durchaus repräsentativen Gesinnung errangen die Nationalsozialisten bereits bei den Studentschaftswahlen 1930/31 beispielsweise in Erlangen 76% und in Breslau 70,9% der Stimmen. Die Universitäten bildeten die Meinungs-führerschaft in Deutschland – Professoren und Dozenten prägten die öffentliche Meinung und unterrichteten Studenten, die zukünftig selbst beispielsweise als Lehrer, Richter oder Ärzte in Schlüsselpositionen gerieten und ebenso die öffentliche Meinung prägen würden –, so dass die an den Universitäten herrschende Stimmung gegen die Weimarer Republik für die Situation in ganz Deutschland typisch, aber vor allem maßgeblich war.

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Details

Seiten
21
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640293971
ISBN (Buch)
9783640294091
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v124350
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – Institut für Sportwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Umgestaltung Sportwesens Dritten Reich Historische Aspekte Sports

Autoren

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Titel: Die Umgestaltung des deutschen Sportwesens im Dritten Reich