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Theodor W. Adornos "Typen musikalischen Verhaltens" im Vergleich zur "MedienNutzerTypologie" der ARD

Hausarbeit 2007 29 Seiten

Musik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Typologien

2. Theodor W. Adorno

3. Theodor W. Adornos „Typen musikalischen Verhaltens“
3.1 Der Experte
3.2 Der gute Zuhörer
3.3 Der Bildungshörer / Bildungskonsument
3.4 Der emotionale Hörer
3.5 Der Ressentiment-Hörer
3.6 Der Jazz-Experte / Jazz-fan
3.7 Der Unterhaltungshörer
3.8 Der musikalisch Gleichgültige / Unmusikalische / Antimusikalische

4. Kritische Betrachtung der Typologie

5. MedienNutzerTypologie der ARD
5.1 Junge Wilde
5.2 Zielstrebige Trendsetter
5.3 Unauffällige
5.4 Berufsorientierte
5.5 Aktiv Familienorientierte
5.6 Moderne Kulturorientierte
5.7 Häusliche
5.8 Vielseitig Interessierte
5.9 Kulturorientierte Traditionelle
5.10 Zurückgezogene

6. Vergleich der MedienNutzerTypologie der ARD mit Adornos „Typen musikalischen Verhaltens“

Literaturverzeichnis

Anlagen

Einleitung und Zielsetzung

Mit dem Aufkommen des Grammophons, des Radios und darauf folgender technischer Errungenschaften ergab sich im frühen 20. Jahrhundert eine völlig neue Situation des Musikerlebens. Erstmals war es möglich, Musik getrennt von der eigentlichen Aufführung und Entstehung zu hören – sowohl zeitlich als auch örtlich versetzt. Der Hörer musste nicht mehr ins Konzert gehen oder selber ein Instrument bedienen, um Musik zu erleben. Es war nun möglich, sich allein in sein Kämmerchen zu setzen, das Grammophon anzuschalten und vormals stattgefundene Inszenierung anzuhören. Wann man wollte, so oft man wollte.

Eine solche Änderung des Kontextes und der Situation des Musikwahrnehmens bedeutet gleichzeitig verändertes Verhalten des Hörers. Das Musikhören nimmt neue soziologische Dimensionen an, es entwickeln sich Bedürfnisse, die den technischen Veränderungen entsprechen. An diesem Punkt möchte ich mit meiner Hausarbeit anknüpfen und betrachten, wie der Wissenschaftler Theodor

W. Adorno das veränderte Hörverhalten eingeschätzt und daraus ableitend Hörer zu systematisieren versucht hat. Es bietet sich an, den Schwerpunkt auf ihn zu legen, da seine Typologie die Grundlage vieler anderer sich daraus entwickelnder Typologien von Hörerschaften ist. Adorno ordnet die Musikkonsumenten in „Typen musikalischen Verhaltens[1] im gleichnamigen Aufsatz. Diese Systematisierung bildet den Anfang einer bis heute nicht abschwellenden Diskussion über Hörtypologien im 20. Jahrhundert, mit denen man den Musikhörer in verschiedene Kategorien zu ordnen versucht. Dabei gibt es sehr unterschiedliche Herangehensweisen, Methoden und Absichten, wie und warum Hörverhalten erforscht wird. In meiner Hausarbeit beschränke ich mich auf den musiksoziologischen Ansatz von Adorno und werde seine Typologie mit der neuesten MedienNutzerTypologie der ARD vergleichen. Mein Ziel ist es nicht, die perfekte Systematisierung von Hörern zu entwickeln, sondern die Typologie von Adorno mit dem Abstand von über 45 Jahren zu betrachten, zu beurteilen und die Anwendbarkeit seiner Typologie auf die heutige Hörerschaft, vor allem im Radiobereich, abzuleiten.

Vorgehen

Zu Beginn werde ich erörtern, was das Grundprinzip einer Typologie ist. Um Adornos Typologie zu verstehen, ist es wichtig, den zeitlichen Kontext ihrer Entstehung zu kennen. Deswegen werde ich die Person Adorno und die Zeit, in der er lebte und wirkte, beleuchten. Nachdem ich dann die Typologie musikalischen Verhaltens erläutert und kritisch betrachtet habe, vergleiche ich Adornos Typologie mit der neuesten MedienNutzerTypologie der ARD, in der Radiohörer des Mitteldeutschen Rundfunks analysiert und kategorisiert werden. Durch diesen Vergleich versuche ich herauszufinden, welche Relevanz Adornos Ansätze noch heute für die Radiolandschaft haben.

1. Typologien

Typisierungen des Musikhörens entsprachen ursprünglich nur einem Ordnungsbedürfnis. Die als zu vielfältig empfundenen interindividuellen Unterschiede sollten zu überschaubaren Kategorien zusammengefasst werden.“[2]

Dieses Vorwort von Helga de la Motte-Haber in einer Analyse von Christa Nauck- Börner bietet sich an als Zusammenfassung dessen, was eine Typologie ausmacht.

Es verdeutlicht, dass einer Typologie der Ordnungswille von Wissenschaftlern zugrunde liegt. Ihr Anliegen besteht darin, einen Sachverhalt vereinfacht darzustellen und dadurch verständlicher zu machen.[3] Dabei ist kein realitätsgetreues Abbild der Wirklichkeit zu erwarten, und das ist auch nicht die Absicht, denn sonst wäre ja nichts vereinfacht worden. Schon antike Denker wie Hippokrates und Paracelsus beschäftigten sich mit der Einordnung von Menschen in verschiedene Kategorien. Die erste eigentliche Hörtypologie wurde 1799 von dem Musikkritiker Friedrich Rochlitz erstellt. Er versuchte, das Hörverhalten zu beschreiben und unterteilte in Musikhörer aus Eitelkeit und Mode (1), Hörer, die nur mit den Ohren hören (2), Hörer, die ausschließlich mit dem Verstand hören (3) und Hörer, die mit ganzer Seele hören (4) [4]. Einen anderen Ansatz wandte Heinrich Besseler im Jahr 1926 an, der die Epochen der Musikgeschichte mit verschiedenen Hörstilen verband. Er bezeichnete das Musikhören in der Renaissance als "vernehmendes Hören", für den Barock setzte er "verknüpfendes Hören", für die Klassik fand er "aktives Hören" passend, wohingegen für ihn in der Romantik "passives Hören" prägend war.[5]

Das sind nur zwei Beispiele für verschiedene Ansätze, wie man Hörertypen zu systematisieren versuchen kann. Bis zum Jahr 1961 also bis Adornos Typologie, gab es keine nennenswerten Systematisierungen, die versucht hätten, die Gesamtheit der Musikhörer zu kategorisieren.

Typologien werden nicht nur aus wissenschaftlichem Interesse erstellt, sondern können auch in der Wirtschaft rentabel eingesetzt werden. Für die Medienwelt, vor allem für Radiosender, sind Hörertypologien wichtig, um ihr Produkt an bestimmte Zielgruppen verkaufen zu können. Radiomacher müssen beispielsweise wissen, wer typischerweise welche Musik hört, um dementsprechende Musikprogramme anbieten zu können.

Jeder Typologie liegt die Gradwanderung zugrunde, zwischen Vereinfachung und Verfälschung, eine gelungene Mitte zu finden. Zu einfach dargestellt fehlt ihr der Realitätsbezug und zu realitätsnah ist sie meist nicht mehr übersichtlich.

2. Theodor W. Adorno

Der Sohn eines Weinhändlers und einer italienischen Sängerin wird 1903 in Frankfurt am Main geboren. Zu dieser Zeit wird das Deutsche Reich von Kaiser Wilhelm II. regiert. Als Jugendlicher erlebt Adorno den Ersten Weltkrieg, der das Deutsche Reich von 1914 bis 1918 überschattet. In der darauf folgenden Zeit der Weimarer Republik studiert Adorno ab 1921 Philosophie, Soziologie, Psychologie und Musiktheorie in Frankfurt am Main.

Nach seiner Promotion beginnt er ein Studium der Kompositionslehre und Musiktheorie bei Alban Berg und Arnold Schönberg. 1933 habilitiert er sich an der Universität Frankfurt am Main, jedoch wird ihm mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 die Lehrbefugnis aufgrund seines jüdischen Ursprungs entzogen. 1934 emigriert Adorno nach Oxford in Großbritannien und 1938 nach New York in die USA.

In Amerika arbeitet er mit Max Horkheimer an der „Dialektik der Aufklärung“ und soziologischen Forschungsprojekten. Technologische Fortschritte wie die Erfindung des Kinos, des Radios, des Grammophons und der Schallplatte beobachtet Adorno sowohl in Amerika, wo sich die Wirtschaftsform des Kapitalismus dieser Erfindungen bedient, als auch in Deutschland, wo sowohl das Kino als auch das Radio von den Nationalsozialosten als Propagandawerkzeug missbraucht wird.

Nach Beendigung des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkrieges kehrt er 1949 nach Deutschland zurück und erhält eine außerplanmäßige Professur am Institut für Sozialforschung der Universität Frankfurt am Main.[6] Fast 10 Jahre später, 1958, übernimmt er die Leitung des Instituts.

1966 formiert sich aus Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse und weiteren Philosophen die „Frankfurter Schule“, die mit einer Kritischen Theorie die bürgerliche Ideologie der allmählich zu Wohlstand gekommenen Nachkriegsgesellschaft hinterfragen.[7] Damit treffen sie vor allem den Nerv der jungen Generation und bilden eine wichtige Grundlage für das Gedankengut der 1968er Generation. Adorno und seine Mitstreiter lehnen jedoch jede Art von Terror, wie durch die RAF propagiert, entschieden ab. [8]

Am 6. August 1969 erliegt Adorno in Brig in der Schweiz den Folgen eines Herzinfarkts. Als Philosoph, Soziologe und Musikwissenschaftler wird er sowohl im deutschsprachigen als auch im englischsprachigen Raum geschätzt und diskutiert.

3. Theodor W. Adornos „Typen musikalischen Verhaltens“

Im Rahmen seiner Lehrtätigkeit an der Universität Frankfurt hat Adorno in Vorlesungen über Musiksoziologie in den Jahren 1961/62 eine Typologie von Hörerschaften entwickelt. Die Hörertypen versteht er als qualitativ bezeichnende Profile, in denen musikalisches Hören als soziologischer Index betrachtet wird.[9] Adorno will diese Typen idealtypisch verstanden wissen und betont, dass die aufgestellten Typen in Wirklichkeit nicht „chemisch rein[10] vorkommen. Grundlage seiner Zuordnung der verschiedenen Hörer in Kategorien ist die „Angemessenheit oder Unangemessenheit des Hörens ans Gehörte[11]. Das verdeutlicht die Herangehensweise Adornos, eine Vorstellung vom richtigen Hören zu haben. Dieses richtige Hören sei das strukturelle Hören. Musik hört man also nach Adorno adäquat, wenn man die Formen, den Aufbau und Entwicklungen im musikalischen Verlauf heraus hört. Diese Adäquanz des Hörens bildet die Hauptdimension der Typologie.[12] Dabei sind für Adorno charakteristische Verhaltensweisen der Hörer wichtiger als die logische Korrektheit der Klassifikation.[13] Das begründet er damit, dass es zu seiner Zeit noch keine adäquaten Forschungsmethoden für die Messung des subjektiven Gehalts musikalischer Erfahrungen gab. Experimente könnten zwar Intensitätsgrade der Reaktion des Hörers auf Musik messen, jedoch nicht deren Qualität,[14] die durch persönliche Erfahrungen bei jedem Individuum variiert. Die physiologisch messbaren Reaktionen seien also keineswegs aussagekräftig und übereinstimmend mit der ästhetischen Wirkung. Deswegen bevorzugt Adorno es, die Typologie anhand von Verhaltensmustern zu konstituieren.

Im folgenden erläutere ich die acht verschiedenen Typen, die Adorno in seiner Typologie entwickelte.

3.1 Der Experte

Der erste Typus, der Experte, bildet die Spitze der Typologie. Alle anderen Typen entwickeln sich immer weiter von diesem Typus weg. Er verkörpert für Adorno das erstrebenswerte gänzlich adäquate Hören. Der Experte sei der „voll bewußte Hörer, dem tendenziell nichts entgeht und der zugleich in jedem Augenblick über das Gehörte Rechenschaft sich ablegt[15]. Er sei fähig, vergangene, gegenwärtige und zukünftige Augenblicke der Musik zusammen zu hören, also strukturelle Zusammenhänge beim Hörprozess zu erfassen und die Logik des Stückes zu erkennen. Gleichzeitig Geschehendes wie Harmonik, Rhythmik, Dynamik etc. fasst der Experte wohl unterscheidend auf. Diese Fähigkeit nennt Adorno das strukturelle Hören. Er hört, indem er die technische Logik des Stückes nachvollzieht. Den Typus des Experten beschränkt Adorno auf den Kreis der Berufsmusiker, die gesamtgesellschaftlich betrachtet quantitativ kaum eine Rolle spielen.[16]

[...]


[1] ADORNO, THEODOR W.: Einleitung in die Musiksoziologie. Zwölf theoretische Vorlesungen, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1962, S. 13 - 29

[2] NAUCK-BÖRNER, CHRISTA: Logische Analyse von Hörertypologien und ihrer Anwendung in der Musikpädagogik, In: DE LA MOTTE-HABER, HELGA: Beiträge zur Systematischen Musikwissenschaft. Band 5, Hamburg: Verlag der Musikalienhandlung Karl Dieter Wagner 1980

[3] HEMPEL, CARL G. und OPPENHEIM, PAUL: Der Typusbegriff im Lichte der neuen Logik. Wissenschaftstheoretische Untersuchungen zur Konstitutionsforschung und Psychologie, Leiden: Sijthoff 1936

[4] BRUHN, HERBERT; OERTER, RALF; RÖSING, HELMUT (Hrsg.): Musikpsychologie. Ein Handbuch, Reinbek: Rowohlt 1993; S. 130 – 135

[5] ebenda

[6] siehe Anhang 1

[7] JÄGER, LORENZ: Adorno. Eine politische Biografie, München: DVA 2003

[8] DEUTSCHES HISTORISCHES MUSEUM GMBH (Hrsg. u.a.): Theodor W. Adorno, (1998) online unter: http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/AdornoTheodorW (14. August 2007).

[9] ADORNO, THEODOR W.: Einleitung in die Musiksoziologie. Zwölf theoretische Vorlesungen, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1962, S. 14

[10] ebenda

[11] ebenda; S. 15

[12] NAUCK-BÖRNER, CHRISTA: Logische Analyse von Hörertypologien und ihrer Anwendung in der Musikpädagogik, In: DE LA MOTTE-HABER, HELGA: Beiträge zur Systematischen Musikwissenschaft. Band 5, Hamburg: Verlag der Musikalienhandlung Karl Dieter Wagner 1980, S. 17

[13] ADORNO, THEODOR W.: Einleitung in die Musiksoziologie. Zwölf theoretische Vorlesungen, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1962, S. 15

[14] ebenda; S. 16

[15] ADORNO, THEODOR W.: Einleitung in die Musiksoziologie. Zwölf theoretische Vorlesungen, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1962, S. 16

[16] ebenda; S. 17

Details

Seiten
29
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640296910
ISBN (Buch)
9783640302420
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v124419
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,0
Schlagworte
Typen Verhaltens Vergleich MedienNutzerTypologie Hörkonzepte Musik Jahrhunderts Adorno Typologie

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