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Geschichte der wirtschaftlichen Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland 1933 – 1943

Barkai, Avraham 1988: Vom Boykott zur "Entjudung"

©2020 Exzerpt 9 Seiten

Zusammenfassung

Dieses Exzerpt beschäftigt sich mit der Geschichte der wirtschaftlichen Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland 1933 – 1943.

Die Judenverfolgung und Judenvernichtung in Deutschland manifestierte sich über die Jahre 1933 bis 1943 in nahezu allen Bereichen des täglichen Lebens. Ein wichtiger Aspekt in diesem Kontext ist die wirtschaftliche Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung, die sich in Phasen vollzog. Mit dieser wirtschaftlichen Ausplünderung befasste sich der Historiker Avraham Barkai in seinem Werk "Vom Boykott zur „Entjudung“. Der wirtschaftliche Existenzkampf der Juden im Dritten Reich 1933 – 1943", das 1988 publiziert wurde. Anhand seines Buches werde ich im Folgenden die Geschichte der wirtschaftlichen Ausplünderung darlegen. Dazu werde ich zunächst den Hintergrund des Werkes beleuchten und den historischen Kontext darlegen, um anschließend auf den wirtschaftlichen Existenzkampf der deutschen Juden einzugehen.

Leseprobe

Geschichte der wirtschaftlichen Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland 1933 - 1943

Die Judenverfolgung und Judenvernichtung in Deutschland manifestierte sich über die Jahre 1933 bis 1943 in nahezu allen Bereichen des täglichen Lebens. Ein wichtiger Aspekt in diesem Kontext ist die wirtschaftliche Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung, die sich in Phasen vollzog. Mit dieser wirtschaftlichen Ausplünderung befasste sich der Historiker Avraham Barkai im Rahmen seines Werkes „Vom Boykott zur 'Entjudung' - Der wirtschaftliche Existenzkampf der Juden im Dritten Reich 1933 - 1943“, das 1988 publiziert wurde. Anhand seines Buches werde ich im Folgenden die Geschichte der wirtschaftlichen Ausplünderung darlegen. Dazu werde ich zunächst den Hintergrund des Werkes beleuchten und den historischen Kontext darlegen, um anschließend auf den wirtschaftlichen Existenzkampf der deutschen Juden einzugehen.

Zunächst möchte ich jedoch auf eine zentrale Schwierigkeit aufmerksam machen: die nationalsozialistisch determinierten Begrifflichkeiten, die heutzutage oft als selbstverständlich verwendet werden. Ein adäquates Beispiel ist hier der Terminus „Drittes Reich“, der bereits im Titel des Buches steht. Es ist von zentraler Bedeutung, sich darüber bewusst zu sein, dass dieser Begriff von den Nationalsozialisten konstruiert und verwendet wurde und diesen daher bei Verwendung in Anführungszeichen zu setzen. Eine weitere Problematik in diesem Kontext stellen auch Bezeichnungen wie „die in Deutschland lebenden Juden“ dar. Obwohl eventuell nicht beabsichtigt, suggeriert eine solche Aussage strenggenommen, dass Juden keine Deutschen wären, sondern lediglich Juden sind, die in Deutschland leben. DieTatsache, dassdie Religion nichts über die Staatsbürgerschaft eines Menschen aussagt, geht dabei verloren. Aus gegebenem Anlass schreibe ich im Folgenden über die „deutschen Juden“.

1. Avraham Barkai

Der Autor mit israelischen Wurzeln wurde 1921 in Berlin geboren, besuchte das Adass Jisroel- Realgymnasium in Berlin, das von der israelitischen Synagogengemeinde organisiert wird, und emigrierte anschließend nach Palästina. An der Hebräischen Universität in Jerusalem studierte Barkai Geschichte und Volkswirtschaftslehre. Anschließend promovierte er über das Wirtschaftssystem des Nationalsozialismus.I 1988 dokumentierte er sein Wissen in seinem bekannten Werk „Vom Boykott zur 'Entjudung': Der wirtschaftliche Existenzkampf der Juden im Dritten Reich 1933 - 1943“. Während sich die Werke der 1960er und 1970er Jahre primär auf die nationalsozialistische Judenpolitik konzentrierten, wollte Barkai eher aus der jüdischen Perspektive schreiben. Um sich an die jüdische Realität anzulehnen, fokussierte sich der Autor darauf, wie Juden gelebt haben, wovon sie gelebt haben und wie sie versucht haben ihren Besitz zu retten. Dazu zog er neben zeitgenössischer Publizistik und Dokumenten der Regierungs- und Parteistellen, besonders Zeugnisse jüdischer Provenienz, der jüdischen Presse sowie Veröffentlichungen zentralerjüdischer Hilfsorganisationen heran.

2. Historischer Kontext undjüdische Situation

Durch die Weltwirtschaftskrise, die 1929 aufflammte, stieg die Arbeitslosenquote in Deutschland auf rund 30 Prozent, was zu einer Unzufriedenheit der breiten Bevölkerung führte und durchaus ein fundamentaler Grundbaustein des damaligen Antisemitismus war. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten drei Jahre später traten sofortige Maßnahmen in Kraft, die jüdische Menschen diskriminierten und vor allem in ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit trafen. Diesen wirtschaftlichen Boykott hatte zum primären Ziel die Lebensgrundlage der deutschen Juden zu untergraben und sie somit aus ihrer Heimat zu vertreiben.

Im Jahr 1933 ließ sich dennoch ein klarerTrend manifestieren. Während 16 Prozent aller erwerbstätigen Menschen in Deutschland 1933 selbstständig waren, waren es von allen jüdischen erwerbstätigen Menschen 46 Prozent. Ein Großteil der jüdischen Arbeiter war also selbstständig, und damit auch leichter wirtschaftlich verwundbar.

Außerdem arbeiteten im Jahr 1933 rund 60 Prozent der deutschen Juden im Wareneinzelhandel, der in Folge der Weltwirtschaftskrise besonders betroffen war und daher verheerende Konsequenzen für einen Großteil der jüdischen Arbeiter mit sich brachte.

Die jüdische Bevölkerung in Deutschland bestand im Wesentlichen aus kleinen und mittleren Ladenbesitzern, aber auch die Zahl jüdischer Ärzte, Rechtsanwälte und Handwerker, die selbstständig praktizierten, wuchs. Wie auch die anderen Menschen des „alten Mittelstandes“ wirkte sich die wirtschaftliche Situation besonders auf diese Arbeiter aus: Ein großer Anteil der Ladenbesitzer und Händler hatte während der Inflation Ersparnisse verloren. Ausgehend von dieser unglücklichen Lage fundierten sich bereits 1933 jüdische Hilfsorganisationen. Außerdem wurden Arbeitsvermittlungen für jüdische Erwerbslose eröffnet, die einen wichtigen Grundbaustein für die spätere wirtschaftliche Selbsthilfe darstellt.

Zu dieser gesamtwirtschaftlichen Situation in Deutschland kam der Aspekt der Konkurrenz hinzu: Jüdische Menschen besaßen vor allem größere und gewinnbringendere Geschäfte. So verkauften sie im Jahr 1932 beispielsweise rund 62 Prozent der fertigen Kleidung. Dieser Erfolg war natürlich gerade in Zeiten, in denen es den meisten Menschen aufgrund der Wirtschaftskrise schlecht ging, nicht unbedingt gerne gesehen. Antisemiten missbrauchten diese Spannungen daher bewusst, um ihre Boykottpropaganda zu bestärken. Es handelte sich 1933 also um eine schlechte gesamtwirtschaftliche Lage, die zudem noch aufgeladen war und somit eine ideale Grundlage für nationalsozialistische Antisemiten darstellte.

3. Der wirtschaftliche Existenzkampf der Juden im „Dritten Reich“ 1933: „Machtkonsolidierung und Judenboykott“

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 etablierten sich Gewalttätigkeiten gegen die deutschen Juden, die besonders auf ihre wirtschaftliche Teilhabe abzielten. Die Vereinigung der Sturmabteilung, eine paramilitärische Kampforganisation der NSDAP, mit der Polizei führte 1933 quasi zu einer Legalisierung von Gewalt gegen jüdische Menschen. Es häuften sich gewaltsame Demonstrationen oder Übergriffe auf Geschäfte jüdischer Inhaber, bei denen die Männer der Sturmabteilung ihre Machtposition missbrauchten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Am 28. März 1933, also bereits zwei Monate nach der Machtübernahme, ordnete die NSDAP einen Boykotttag an. Diese Maßnahme wurde als „reine Abwehrmaßnahme“ publiziert, da jüdische Organisationen im Ausland „Greuelpropaganda“ betrieben hätten. In Wahrheit waren jüdische Organisationen und Zeitungen zu diesem Zeitpunkt noch sehr ruhig und vor allem die ausländische Presse publizierte Reportagen über die Verfolgung von Juden in Deutschland. Es handelte sich bei der Rechtfertigung dieser Anordnung also um einen Vorwand, da in Wirklichkeit eine Verdrängung der Juden zugunsten nichtjüdischer Konkurrenten angestrebt wurde. Der Boykotttag am 1. April richtete sich vor allem gegen Juden im Einzelhandel, jüdische Ärzte sowie Rechtsanwälte. In den Städten versammelten sich Abteilungen der Schutzstaffel vor den Geschäften jüdischer Inhaber und versuchten mit Plakaten und lauten Parolen vom Kauf in jenen Geschäften abzuhalten. Vor allem in ländlichen Regionen verlief der Boykott weniger zivilisiert. Es kam zu Schmierereien an Schaufenstern, Raub sowie Gewalttaten gegen jüdische Bürger.

Eine Woche nach dem Boykotttag wurde das erste umfassende Gesetz zur wirtschaftlichen Diskriminierung der jüdischen Menschen erlassen, wenn auch diese zunächst nicht direkt erwähnt sind. Jedoch zielte das Gesetz zur „Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ darauf ab, dass Beamte „nichtarischer“ Abstimmung umgehend in den Ruhestand versetzt wurden. Daraus resultierte, dass viele Menschen über Nacht über kein Einkommen mehr verfügten und dadurch oft zur Ausreise gezwungen waren. Vor allem wirtschaftlich und sozial mobile sowie wohnhabende Juden verkauften ihren Besitz und verließen ihre Heimat.

Andere jedoch, die durch die Familie, zur Schule gehende Kinder oder durch Betriebe und Grundstücke eher verwurzelt waren, hofften auf bessere Zeiten. In diesem Kontext etablierte sich die jüdische Selbsthilfe. Viele kleinere Organisationen fundierten sich und eine „Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe“, die vor dem Arbeitsgericht auf legale Weise eine Umgehung des Berufsbeamtengesetzes anstrebte, wurde eingerichtet. Außerdem gewannen die jüdischen Arbeitsämter, die jüdische Arbeitnehmer an jüdische Arbeitgeber vermittelten, an Bedeutung. Dadurch konnten einige Arbeitsplätze vermittelt und gerettet werden, denn je mehr die Berufs- und Verdienstmöglichkeiten der Juden durch neue Gesetze eingeschränkt wurden, desto mehr wuchs die jüdische Gemeinde auch in wirtschaftlicher Sicht zusammen.

Der Vermögenstransfer war zu dieser Zeit sehr schwierig, da die Devisenausfuhr grundsätzlich gesetzlich beschränkt war, um in der Wirtschaftskrise Kapitalflut zu verhindern. 1933 wurde Kapitaltransfer ins Ausland fast vollständig unterbunden. Jedoch erließen die Nationalsozialisten Sonderregelungen für die Ausfuhr von jüdischem Vermögen, um deren Ausreise zu beschleunigen. Daher nutzen viele jüdischen Deutschen zu Beginn des NS-Regimes die Möglichkeit, sich mit ihrem Vermögen ins Ausland abzusetzen.

1934 -1937: „Die Illusion der Schonzeit“

Auf das ereignisreiche Jahr 1933 folgte in den drei darauffolgenden Jahren eine etwas ruhigere „Schonzeit“. Nur sporadisch geschahen Gewalttätigkeiten gegen Juden und die Gesetzgebung befasste sich eher selten mit der wirtschaftlichen Situation der Juden, wodurch die Illusion einer Schonzeit erweckt wurde. Im Stillen wurde die wirtschaftliche Verdrängung der jüdischen Bürger jedoch fortgeführt und geplant.

[...]


I Quelle: http://www.judentum.net/geschichte/barkai.htm (letzter Zugriff am 20. Juni 2020; 13:59)

Details

Seiten
9
Jahr
2020
ISBN (PDF)
9783346687531
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Erscheinungsdatum
2022 (August)
Note
1,3
Schlagworte
geschichte ausplünderung bevölkerung deutschland barkai avraham boykott entjudung
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Titel: Geschichte der wirtschaftlichen Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland 1933 – 1943