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Kritische Lebensereignisse im biographischen Verlauf und der Zusammenbruch der Weimarer Republik als biographisches Ereignis

Seminararbeit 2003 17 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Gliederung

1. Lebensereignisse als Übergänge im Lebenslauf

2. Die Bedeutung und Wirkung von Lebensereignissen im biographischen Verlauf

3. Der Stellenwert von Lebensereignissen im biographischen Verlauf

4. Typen von Lebensereignissen

5. Ursachen und Folgen von Lebensereignissen

6. Der Zusammenbruch der Weimarer Republik als biographisches Ereignis
6.1. Ernst A.: Der Innere Emigrant
6.2. Sepp B.: Der Widerstandskämpfer
6.3. Friedrich K.: Der politisch Konvertierte
6.4. Friedrich P.: Der unpolitisch Distanzierte

7. Literaturverzeichnis

1. Lebensereignisse als Übergänge im Lebenslauf

Allgemein gesprochen steuern Lebensereignisse die Biographie eines jeden Menschen. Durch das Auftreten von Lebensereignissen können sich einmal eingeschlagene Lebenswege verändern.

Viele Lebensereignisse sind an bestimmte Altersstrukturen gebunden. Kein Alter ist frei von Lebensereignissen, denn sie sind über den gesamten biographischen Verlauf verteilt. Jedoch können in einigen Lebensphasen Lebensereignisse häufiger auftreten als in anderen Phasen. Manche Lebensereignisse können überraschend in die Biographie eintreten. Andere Ereignisse werden bewußt herbeigeführt.

Das Ausmaß der Veränderung der Biographie durch das Eintreten eines bestimmten Lebensereignisses ist interindividuell unterschiedlich. Lebensereignisse, die einen Einbruch in der Biographie zur Folge haben, führen nicht unbedingt dazu, daß die Lebensgeschichte am Punkt „Null“ beginnt. Dagegen können Lebensereignisse, die einen Verlust darstellen (beispielsweise Kündigung des Arbeitsplatzes usw.) für das Individuum eine Herausforderung sein, neue Wege zu gehen. Durch die lebenszeitliche Distanz zum Ereignis verändert sich die Bedeutung und Wirkung von Lebensereignissen.

Das Auftreten von bestimmten Ereignissen zieht eine biographische Veränderung nach sich. Viele Ereignisse (beispielsweise Scheidung, Pensionierung usw.) betreffen nicht nur eine Person, sonder alle mit dieser Person assoziierten Mitglieder des biographischen Projekts. Die Reaktionen auf identische Lebensereignisse können bei verschiedenen Personen individuell verschieden ausfallen. Die Ereignisse entstehen nicht aus dem Nichts, sondern haben meistens eine Vorgeschichte. Das Ereignisdatum ist immer nur ein Datum, das heißt ein längerfristiger Veränderungsprozess ist als Bewältigungsprozess zu beobachten.

Allen Lebensereignissen, die in Biographien einbrechen, ist gemeinsam, daß der bisher gelebten Biographie ganz oder teilweise die Basis entzogen wird.

2. Die Bedeutung und Wirkung von Lebensereignissen im biographischen Verlauf

Durch die Einwirkungen von Lebensereignissen muß ein biographisches Projekt umstrukturiert bzw. neu gestaltet werden. Die Wirkung eines Lebensereignisses wird dadurch deutlich, daß bisherige Erfahrungen ihre Anwendungskraft verlieren, einbüßen oder überflüssig werden, daß aber gleichzeitig bereits gemachte biographische Erfahrungen als Ablagerungen in der biographischen Erinnerung vorhanden sind und aktualisiert als Handlungsmittel auftreten.

Ein biographisches Projekt wird durch die Einwirkung von Lebensereignissen in einen „anderen“ Zustand transformiert.

Daraus entstehen folgende zwei Typen von Transformation:

- konservative Transformation:
beschränkt sich darauf, bereits vorhandene Muster zu reproduzieren
- evolutionäre Transformation:

„verdeckte“ Möglichkeiten entfalten sich an gesamtbiographischen Ressourcen und an sozial-strukturellen Möglichkeiten

Daraus folgt: in der neuen Gestalt der Biographie sind einerseits biographische Ablagerungen erkennbar, andererseits wird der Gestaltungsprozess von der Selbstbestimmung an die individuelle Biographie beeinflußt.

2. Der Stellenwert von Lebensereignissen im biographischen Verlauf

Das kalendarische Alter spielt in der sozialen Schichtung einer Gesellschaft eine wesentliche Rolle, das heißt neben Bildungsstand, Geschlecht, ethnischer Herkunft und Religion hat das Alter eine gesellschaftliche Ordnungs-, Organisations- und Selektionsfunktion. Es erreicht die Bedeutung einer Strukturvariablen.

Das kalendarische Alter hat eine doppelte strukturelle Funktion:

- es teilt die Gesellschaft in produktionsfähige, reproduktionsfähige und zu versorgende Mitglieder
- diese Einteilung bietet dem Subjekt den Rahmen, in dem es sein Leben organisieren kann

Am Lebensalter orientierte Übernahme von gesellschaftlichen Rollen (deren Beginn und Ende als Lebensereignisse bezeichnet werden) sichern dem gesellschaftlichen System seinen Fortbestand und garantieren dem Individuum Vergleichbarkeit der eigenen mit anderen Biographien. Es ermöglicht also dem Individuum, sich auf künftige Rollen im Sozialisationsprozess vorzubereiten.

Strukturelle Übergänge von einem Lebensalter in ein anderes werden zum exklusiven Gegenstand der Biographieforschung. Schnittstellen der Übergänge werden deshalb Lebensereignisse genannt.

Selbst wenn biographische Verläufe einzelner Geburtskohorten voneinander abweichen, zeigt sich, daß diese biographischen Verläufe weitgehend institutionalisierten Mustern folgen.

3. Typen von Lebensereignissen

Hier die häufigsten Unterscheidungen von Lebensereignissen:

- wichtige und unwichtige Lebensereignisse:

Ereignisse, die sehr entscheidende Veränderungen für den biographischen Verlauf hinter sich ziehen bzw. Ereignisse, die keine nennenswerten Spuren im Leben des einzelnen hinterlassen

- lange vorher angekündigte, erwartete Ereignisse:

Ereignisse, z.B. Schuleintritt, Heirat usw. bzw. Ereignisse, die unerwartet in die Biographie einbrechen (z.B. Scheidung, schwere Krankheit usw.)

- Ereignisse, die uns einen „anderen“ Platz in der Gesellschaft zuweisen:

z.B. die Übergänge in die Ehe, in Elternschaft, in Berufstätigkeit usw., d.h. Neuplatzierungen, die uns zwingen, zahlreiche Gewohnheiten aufzugeben und sich an neue Bedingungen anzupassen. Es entsteht eine soziale Mobilität, der Übergang von einer in eine andere Gesellschaftsschicht, die lebensgeschichtliche Umdeutungen erzwingt.

- Ereignisse, bei denen die Auftrittswahrscheinlichkeit gering ist und mit Erreichen eines bestimmten Alters gegen null geht:

z.B. Kinderkrankheiten, Kriegsdienstverweigerung, Hausmanntätigkeiten usw.

- Ereignisse unabhängig vom Lebensalter:

z.B. Tod der Mutter oder des Vaters, Scheidung, ungewollte Schwangerschaft, Unfall und Unfallfolgen, Tod des Kindes, Kündigung, Berufswechsel usw.

- Ereignisse mit hoher Auftrittswahrscheinlichkeit, die über den Lebenslauf normal verteilt sind:

z.B. schulische Ausbildung, Berufseintritt, Heirat, Elternschaft, Großelternschaft, Pensionierung, Tod eines Ehepartners usw.

- Ereignisse mit relativ geringer Auftrittswahrscheinlichkeit, die nur wenige Menschen erfahren:

z.B. Übernahme des elterlichen Betriebs in einem bestimmten Alter, Thronbesteigung mit achtzehn Jahren usw.

4. Ursachen und Folgen von Lebensereignissen

Über die Entstehung von Lebensereignisse, insbesondere denen, die nicht zum institutionalisierten Ablauf der Biographie gehören, wurde bisher kaum geforscht. Die Grundannahme lautet: jedes Ereignis stellt eine Belastung und eine Wiederanpassungsleistung dar.

Eine zentrale Festellung lautet: erkrankte Personen hatten vor dem Ausbruch ihrer Krankheit eine größere Häufung von Lebensereignisse als die Gesunden. Daraus folgt die Hypothese, daß ein kausaler Zusammenhang zwischen den Lebensereignisse und dem Ausbruch von Krankheiten besteht.

Oft sind es nicht die Lebensereignisse selbst, die ein Individuum in die Krise führen, sondern die sich durch das Ereignis verändernden sozialen und ökonomischen Bedingungen.

[...]

Details

Seiten
17
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638183697
ISBN (Buch)
9783640418466
Dateigröße
372 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v12498
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Soziologie
Note
sehr gut
Schlagworte
Kritische Lebensereignisse Verlauf Zusammenbruch Weimarer Republik Ereignis Biographische Forschung

Autor

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Titel: Kritische Lebensereignisse im biographischen Verlauf und der Zusammenbruch der Weimarer Republik als biographisches Ereignis