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Vergleich der morphologischen Eigenschaften von Laut- und Gebärdensprachen

Hausarbeit 2007 3 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Vergleich der morphologischen Eigenschaften von Laut- und Gebärdensprachen

1) Die Wortbildung in Laut- und Gebärdensprache

1.1) Komposition

In den Gebärdensprachen wird analog den Lautsprachen das Kompositum mithilfe zwei freier Morpheme gebildet. Dies geschieht ebenfalls nach bestimmten Regeln, welche allerdings sprachspezifisch sind. In der Deutschen Gebärdensprache (DGS) spricht man beispielsweise von Harmonieregeln. Auch in anderen Gebärdensprachen werden die Komposita anhand verschiedener Regeln gebildet, die die ursprünglichen zwei Gebärden verändern und eine neue entsteht. Des Weiteren ist die Kompositabildung in den Gebärdensprachen eher ein phonologischer Prozess gegenüber dem in der zum Beispiel Deutschen Lautsprache (DLS). Dieser Prozess richtet sich nämlich nach der Silbenstruktur der Gebärden. So werden zum Beispiel Silbenstrukturen der freien Morpheme (also Gebärden) verändert bzw. können Teile einer Silbe oder gar ganze Silben getilgt werden und eine neue Gebärde (das Kompositum) wird gebildet. Im Deutschen findet solch eine Tilgung nicht statt, sondern die Morpheme werden linear verbunden (evtl. kann ein Fugenelement o.ä. auftreten). In DGS kann ein Kompositum maximal zwei Silben haben. Dies ist allgemein bei den Gebärden in DGS so.

Wichtig hierbei zu erwähnen ist, dass Komposita in Lautsprachen und Komposita in Gebärdensprachen keine 1:1-Beziehung darstellen, d.h. ein Kompositum in der Englischen Lautsprache muss keines in der Britischen Gebärdensprache (BSL) sein und umgekehrt. Beispielsweise ist „people“ aus dem Englischen in BSL das Kompositum „MAN+WOMAN“.

1.2) Derivation

Der morphologische Prozess der Derivation ist in Gebärdensprachen nicht so produktiv wie in Lautsprachen. Sie wird generell und sprachenunabhängig mit mindestens einem gebundenen Morphem gebildet. Sie kann sowohl in Laut- als auch in Gebärdensprachen wortartverändernd sein. Zu beobachten ist, dass einige Derivationen des Deutschen in DGS auch als Komposita zu finden sind (Bspw: Deutsch: Fahrer -> DGS: FAHR+PAM). Weiterhin kann im Falle der Derivation in Gebärdensprachen die Bewegung der Verbgebärde verändert.

2) Die Flexion in Laut- und Gebärdensprache

Die Flexion ist sowohl in Laut- als auch in Gebärdensprache wortarterhaltend. Sie kennzeichnet ebenso die Kongruenz zwischen Nomen und Verb, wobei dies in Gebärdensprachen von der jeweiligen Verbklasse abhängt. Für Gebärdensprachen typisch ist die Kongruenzmarkierung zwischen Verb und Objekt. Dies finden wir in der Lautsprache so nicht vor. Dort ist ein Subjekt-Verb-Kongruenzabgleich, wie wir ihn aus dem Deutschen kennen, zu finden. In den Gebärdensprachen zeigt allerdings nicht jedes Verb die Kongruenzmerkmale mit dem Objekt. Wie erwähnt ist dies verbklassenabhängig, gilt also nur für bestimmte Verben. Im Gegensatz dazu gibt es beispielsweise im Deutschen feste Flexionsendungen am Verb, welche die jeweilige Person markieren. Dies gilt dann für alle Verben, egal ob es sich um Bewegungsverben oder Verben des Sagens handelt. In den Gebärdensprachen verhält sich dies ja anders.

Die morphologische Eigenschaft des Synkretismus kommt in beiden Modalitäten vor. In Laut- und Gebärdensprachen gibt es verschiedene grammatische Funktionen, die auf eine Form fallen, da grundsätzlichen in den Sprachen keine 1:1-Beziehung zwischen Form und Funktion vorliegt.

2.1) Nomenflexion

Der Numerus am Nomen wird in Laut- und Gebärdensprachen markiert. In einer Lautsprache wie dem Deutschen oder Englischem bspw. haben wir durch Affigierung eine Pluralmarkierung. Dem gegenüber finden wir in DGS und anderen Gebärdensprachen die gleiche Merkmalsmarkierung durch Reduplikation oder Quantoren/ Determinatoren, Dual, Paukal oder Klassifikatoren. Der Typ der Gebärde spielt dabei eine große Rolle (Körper- vs. Raumgebärde). Wird sie am Körper gebärdet, so kann sie nicht redupliziert werden (Bsp. für DGS/ LIS: FRAU -> Plural durch Quantor/ Determinator ausgedrückt: DGS: ZWEI FRAU oder LIS: FRAU VIELE). Daher ist bei den Körpergebärden eine direkte Flexion am Nomen so nicht möglich. Des Weiteren kann bei Personen auch die Gebärde „PAM“ (entspricht der Bedeutung PERSON) den Plural markieren. Sie folgt nach dem Nomen als freies Morphem und wird redupliziert. Dies sind manuelle Markierungen. Es gibt auch Gebärdensprachen, wie die Italienischen Gebärdensprache (LIS), in denen eine nicht-manuelle Markierung für Numerus an Körper artikulierenden Nomen möglich ist. Diese Markierungen werden über Kopfbewegungen bzw. Kopfnicken ausgedrückt.

Die Eigenschaften der Nomen (Numerus etc.) wirken sich auf das Verb aus. In einer Lautsprache wie Deutsch ist das Verb kongruent mit dem Nomen und dies geschieht in einer „einheitlichen Art und Weise“,d.h. unabhängig um welches Verb es sich handelt. Gegensätzlich dazu ist die Verbklasse in den Gebärdensprachen von großer Bedeutung.

2.2) Verbflexion

In den Gebärdensprachen finden wir wie in den Lautsprachen verschiedene Verbklassen. Jedoch sind diese sehr unterschiedlich aufgebaut. So finden wir im Deutschen starke va. schwache Verben, was jedoch keinen Einfluss auf die Affigierungen (z.B. bei Markierung der Person oder des Numerus) hat. In den Gebärdensprachen beobachten wir etwas anderes. Denn der morphologische Prozess, wie zum Beispiel die Kongruenz oder Numerusmarkierung, hängt von der Verbklasse ab, welcher das Verb angehört.

Plural wird in Gebärdensprachen häufig durch Reduplikation des Verbs ausgedrückt, je nach Verbklasse. Denn zum Beispiel werden in DGS einfache Verben wie „ESS“ nicht redupliziert. Der Numerus wird bei dieser Verbklasse durch Quantoren/ Determinatoren am Nomen markiert. Allerdings gibt es auch Ausnahmen wie „KAUF“. Diese Gebärde gehört zwar auch der Klasse der einfachen Verben an, kann jedoch trotzdem redupliziert werden. In anderen Gebärdensprachen finden wir ebenso Numerusmarkierungen durch Reduplikation und Quantoren/ Determinatoren, bspw. ASL. Bei Objekt- und Subjekt-Objekt-kongruenten Verben finden wir die Pluralmarkierung in den Anfangs- und/ oder Endpunkten der Verbgebärde. Gibt jemand drei Menschen Blumen, so wird „GEB“ in DGS dreifach gebärdet, jedoch mit jeweils verschiedenen Endpunkten.

Auch bei den Verben kann der Klassifikator den Plural markieren. Ich kann bspw. eine Blume geben (DGS: F-Handform) oder einen Strauß (DGS: C-Handform). In ASL tritt noch eine optionale zusätzliche nicht-manuelle Kongruenzmarkierung auf, die Blickrichtung und ein Kopfnicken des Signers, um zu markieren was Objekt und was Subjekt ist. „ASK“ amrkiert die Argumente des Verbs manuell, kann jedoch durch die genannte nicht-manuelle Komponente unterstützt werden.

Person wird in DGS beispielsweise bei Subjekt-Objekt-kongruenten Verben markiert. Da ich die Gebärde „GEB“ verändere, je nachdem, ob ich jemandem etwas gebe oder mir etwas von jemandem gegeben wird.

Tempus wird in DGS bspw. am Diskurs-/ Satzanfang durch eine Einführung der Zeit mittels einer Zeitgebärde markiert. Das Verb verändert sich nicht. Im Deutschen findet die Tempusmarkierung am Verb statt. In ASL markiert man bspw. die Zukunft mithilfe der Gebärde „WILL“ oder „TOMORROW“.

Ein weiterer wichtiger Punkt in den Gebärdensprachen ist die Aspektflexion als typisches Merkmal, welche dort gegenüber Lautsprachen wesentlich häufiger zu finden ist. Aspektuelle Markierungen gelten als produktives Verfahren und sind ebenfalls, wie genannte andere morphologische Prozesse, verbklassenabhängig. Sie können sowohl manuell (zum Beispiel in DGS durch die Gebärde PERF, um den Perfektiv auszudrücken) als auch nicht-manuell (Zum Beispiel in DGS durch Kopfnicken, ebenfalls um den Perfektiv auszudrücken). Diese eben aufgeführte differenzierte Markierung für den Aspekt des Perfektivs beruht auf verschiedenen Verbklassen. Die Auswirkungen aufgrund der Zugehörigkeit des Verbs zu einer Klasse durchlaufen die gesamte gebärdensprachliche Morphologie. Der Aspekt markiert auch den Durativ, Iterativ usw. Dies geschieht durch manuelle Markierungen, Reduplikationen oder Bewegungsveränderungen der Verbgebärde. In Lautsprachen finden wir dafür Beschreibungen in Form von eigenen Lexemen ( Bspw. „Ich arbeite langsam.“). Das Verb verändert sich in Sprachen wie dem Deutschen oder Englischem nicht.

Bereits erwähnt möchte ich nun noch einmal die Klassifikatoren aufgreifen. Sie können in einigen Fällen in Gebärdensprachen den Plural markieren. Man unterscheidet auch hier verschiedene Typen von Klassifikatoren. In DGS sind die drei Haupttypen SASS, CLASS und HANDLE, wobei es noch „Untergruppierungen“ gibt. Klassifikatoren spezifizieren Nomen (SASS), Subjekte und Objekte (CLASS und HANDLE) näher, d.h. die Argumente des Verbs. In Lautsprachen geschieht dies mittels Adjektive, Relativsätze, Präpositionen usw. Der SASS-Klassifikator ist ein freies Morphem und hat eine adjektivische Funktion. CLASS und HANDLE sind gebundene Morpheme und werden mit dem Verb realisiert. Sie richten sich nach der Verbklasse, der das Verb angehört. Bspw. besteht ein Unterschied in DGS zwischen BLUME SCHENK vs. BLUME KAUF. Im ersten Fall kann der Klassifikator mit dem Verb ausgedrückt werden, im zweiten Fall nicht.

Auch wenn die hier vorliegende Betrachtung noch um weitere Sprachen und Fakten erweitert werden könnte, kann man doch bisher zusammenfassend sagen, dass natürliche Sprachen morphologische Prozesse beinhalten, egal welcher Modalität sie angehören. Diese sind, wie wir gesehen haben, aufgrund der verschiedenen Modalitäten allerdings differenziert realisiert. Was in einer Lautsprache, welche die Eigenschaft hat seriell zu sein, in mehreren linear aufeinander folgenden Wörtern gesagt wird, kann in einer simultan realisierenden Gebärdensprache in weniger Gebärden ausgedrückt werden, weil die gleichen Merkmale sowohl manuell als auch nicht-manuell markiert sein können. Daher sind Gebärdensprachen in keinster Weise „morphologisch benachteiligt“ oder unterspezifiziert. Unterschiede in den einzelnen Gebärdensprachen ergeben sich aus sprachtypologischen Gründen, die wir auch in Lautsprachen finden.

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Details

Seiten
3
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640383825
Dateigröße
379 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v125653
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Kognitive Linguistik
Note
1
Schlagworte
Vergleich Eigenschaften Laut- Gebärdensprachen

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Titel: Vergleich der morphologischen Eigenschaften von Laut- und Gebärdensprachen