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Bestandsaufnahme 1998: Armut und Reichtum in einem reichen Land

Referat (Ausarbeitung) 1998 18 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 „Darf Armut sein?“ - Moralität des Begriffs Armut

2 Armut im Spannungsfeld von Sozialpolitik und Sozialwissenschaft
2.1 Politische Funktionalisierung der Armutsdebatte
2.2 Entstehung und Entwicklung der Armutsforschung
2.3 Zwischen Armutspolitik und Armutsforschung
2.4 Erfahrungen aus der Armutsdebatte zwischen Politik und Forschung
2.5 Allgemeine Anforderungen an den Armutsbegriff

3 Armutsbegriffe und Armutsgrenzen

4 Bestandsaufnahme: Armut und Reichtum in Deutschland
4.1 Methodische Basis
4.2 Ergebnisse in Auswahl

5 Literatur

1 „Darf Armut sein?“ - Moralität des Begriffs Armut

Während für den „Sozialfuzzi“ (d.h. Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, etc.) Armut in Deutschland schon seit langem eine Tatsache darstellt, ist dies in der allgemeinen Diskussion und in der öffentlichen Wahrnehmung nach wie vor umstritten. Die Existenz von Armut in einem der reichsten Länder der Erde ist nämlich nicht zuerst eine Herausforderung, vielmehr ist sie in erster Linie ein Problem: Armut stellt den Reichtum der Nation in Frage - Armut zerstört das Bild der schönen heilen Welt, in der wir alle leben, während die Bösen die anderen und die Armen anderswo sind; Armut kratzt somit am Selbstbild der Bevölkerung und beschämt die Volksseele, und nicht zuletzt ist sie eine Beleidigung für die Erfolgsbilanz der jeweiligen Regierung, gleichwelcher politischen Couleur diese auch sein mag. Vor jeglicher Entscheidung darüber, was den nun genau Armut ist und wer denn dann als arm gelten darf, d.h. vor jeglicher Begriffsbestimmung von Armut, ist Armut ein moralischer Begriff, der „eine latente moralische Anklage gegenüber denjenigen (beinhaltet), die zu teilen hätten mit den Armen“[1]. Auf diese Moralität der Armut bezieht sich auch der Titel des ersten deutschen Armutsberichts der Paritätischen Wohlfahrtsverbandes 1989, welcher lautet „… wessen wir uns schämen müssen in einem reichen Land …“. Dies beinhaltet auch, daß Armut nicht nur ein Analysebegriff ist, sondern daß von Armut zu reden in besonderer Weise einen Handlungsapell einschließt[2], denn Armut darf moralisch gesehen eigentlich nicht existieren. Das erste Problem der Armut ist also, ob sie überhaupt sein darf oder ob nicht, und die Antwort ist klar: Armut darf nicht sein - erst recht nicht in einem reichen Land.

2 Armut im Spannungsfeld von Sozialpolitik und Sozialwissenschaft

2.1 Politische Funktionalisierung der Armutsdebatte

Daß Armut nicht sein darf stellt gerade an die Verantwortlichen in Wirtschaft und Gesellschaft und in erster Linie in der Politik unbequeme Anfragen, deren sich zu entledigen einfacher zu sein scheint, als sich ihnen und den dahinter liegenden Problemen zu stellen. Daß Armut nicht sein darf ist ja klar, und daher ist die Versuchung groß, das Problem einfach wegzudiskutieren. Dies ist seit Beginn der Armutsdebatte in Deutschland auch regelmäßig der Fall gewesen.

Der Begriff der „neuen Armut“, welcher Mitte der siebziger Jahren auftauchte und von Heiner Geißler damals in die politische Debatte eingeführt wurde[3], hat von Anfang an eine derartige politische Funktionalisierung erfahren, daß man sagen muß, daß nicht die politische Armutsbekämpfung im Mittelpunkt des Interesses stand, sondern die parteipolitische Polemik.[4] Dasselbe Verhalten ist im Laufe der Zeit immer wieder neu zu beobachten: So erklärte Bundeskanzler Helmut Kohl 1986, die Rede von Armut sei „von Vertretern des sozialistischen Jet-Set herbeigeredet“[5]. Und als 1994 die Kirchen ihren Vorentwurf (!) zu einem Sozialwort veröffentlichten, erreichte die Armutsproblematik in Deutschland angesichts des bevorstehenden Bundestagswahlkampfes die Titelseiten der deutschen Presse, während die Veröffentlichung des endgültigen Diskussionsentwurfes einige Monate später und nach der Wahl nur noch eine spärliche Berichterstattung im Mittelteil der Presse erfuhr.[6] Es dürfte daran wohl deutlich werden, daß solche Vorraussetzungen und genauerhin solche Funktiona­lisierung der Armutsdiskussion einer effektiven und raschen Armuts­bekämpfung eher hinderlich als förderlich sind.

2.2 Entstehung und Entwicklung der Armutsforschung

Grundsätzlich unterschieden werden muß von dieser sozial politischen Diskussion die sozial wissenschaftliche Auseinandersetzung über Armut. Diese Armuts forschung ist in Deutschland weitestgehend zeitgleich zu der genannten (politisch funktionalisierten) Armutspolitikdebatte entstanden, konnte aber eine politische Unabhängigkeit insofern erreichen, so daß es ihr möglich war, sich eigenständig entwickeln zu können und heute über einen guten Forschungstand zu verfügen.

Bis zu Beginn der 70er Jahre allerdings war eine sozialwissenschaftliche Behandlung von Armut in Deutschland nur selten anzutreffen, was natürlich nicht die Inexistenz dieser Bevölkerungsschicht bedeutet, was jedoch mit anderen Worten heißt, daß wissenschaftlicherseits ein wichtiger Teil der Gesellschaft weitgehend vernachlässigt wurde. Erst zu Beginn der 70er Jahre kam es zu einer Rethematisierung der Armut, zunächst in der Randgruppen- und Sozialarbeitsforschung. Als Ausgangspunkt einer „gesellschaftsfähigen“ Armutsdiskussion kann aber erst das 1976 erschienene Buch von Heiner Geißler begriffen werden. Die darauffolgenden empirischen Arbeiten in der 80er Jahren konzentrierten sich dann auf den Nachweis der Armut in Deutschland insbesondere in seinem quantitativen Ausmaß und auf den Versuch genauerer Beschreibungen der Armutsbevölkerung. Die Frage der Ursachen und Folgewirkungen von Armut wurden dagegen erst in der zweiten Hälfte der 80er Jahre thematisiert.

Erst mit Beginn der 90er Jahre werden die vorrangig sozial-strukturell angelegten Analysen in den Hintergrund gedrängt und von einer Armutslebenslagenforschung abgelöst, welche die konkreten Lebensumstände und Entbehrungen der in Armut lebenden Menschen in Augenschein nimmt. Auch groß angelegte Armuts­unter­suchungen wie die des Deutschen Caritasverbandes (1993) und die des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes (1994) fallen in diesen Zeitraum und liefern umfassende Informationen und Analysen zu Umfang und Struktur von Armut in Deutschland, welche einen Intensitätsschub für die deutsche Armutsforschung bedeuten. Neben dem Lebenslagenkonzept wird - zeitgleich - auch die „dynamische Armutsforschung“ entwickelt, die die Zeitdimension von Armut genauer betrachtet und sog. Armutskarrieren zu analysieren versucht. Damit zusammenhängend bzw. als direkte Folge dessen entwickelt sich eine Kritik an üblichen Sozialstrukturanalysen dahingehend, daß eine zunehmende vertikale Strukturierung der Gesellschaft festgestellt wird (zunehmend differenzierte Sozialstruktur), was auf eine Heterogenisierung des Armutsphänomens hindeutet. Ab Mitte der 90er Jahre wird daher das Verhältnis von sozialer Ungleichheit und Armut thematisiert. Der neueren Armutsforschung wird daher vor allem als „Erforschung sozialer Ungleichheit am Scheideweg zu institutionalisierter Exklusion“[7] eine entscheidende Aufgabe zugeschrieben, was die Einbeziehung und Analyse der Lebenslagen von Bevölkerungsschichten knapp oberhalb der Armutsgrenze bedeutet.[8]

Kritisch betrachtet ist diese Armutsforschung weitgehend eine Fachdebatte geblieben, welche keine deutliche politische Schubkraft anstoßen konnte und welche in der politischen Armutsdiskussion durch die Mißbrauchsdebatte von Sozialleistungen und allgemein durch die anhaltende Standortdebatte in den Hintergrund gedrängt wurde.[9]

2.3 Zwischen Armutspolitik und Armutsforschung

Daran wird deutlich, daß die Unterscheidung von Armutsforschung und Armutspolitik keine Trennung bedeuten darf, sondern auch die gegenseitige Verwiesenheit zu beinhalten hat, d.h. daß sich sozial wissenschaftliche und sozial politische Auseinander­setzung unbedingt gegenseitig zu ergänzen haben: Sowohl politische Armuts­bekämpfungsprogramme als auch sozial- und armutspolitische Entscheidungen generell müssen sich regelmäßig auf die Ergebnisse der wissenschaftlichen und insbesondere sozial wissenschaftlichen Forschung zurückbeziehen und von diesen her sich legitimieren. Gleichzeitig wird sozialwissenschaftliche Armutsforschung auch auf ihre Pragmatik (d.h. auf politische Umsetzung) bedacht sein, d.h. die aus der empirischen (sozialstrukturellen) Armutsanalyse sich abzeichnenden Konsequenzen und Notwendig­keiten zu benennen. Selbst dort, wo diese pragmatische Dimension der Armuts­ forschung negiert wird, ist zu betonen, daß dieselbe Armutsforschung sich nicht völlig der Analyse von Armutsbekämpfungsmaßnahmen und der Reflexion über deren Wirksamkeit entziehen können wird und auch somit wiederum „politisch“ wirkt.

2.4 Erfahrungen aus der Armutsdebatte zwischen Politik und Forschung

Folge und Kennzeichen solch mangelnder gegenseitiger Verflechtung von Sozialpolitik und Armutsforschung stellt das Fehlen einer nationalen Armutsberichterstattung („Bundesarmutsberichts“) dar, zu welchem die Bundesregierung Stellung zu beziehen hätte, der im Bundestag zu diskutieren wäre und der damit eine wichtige sozialwissenschaftliche Orientierung für eine kompetente politische Armuts­bekämpfung liefern könnte. Diesbezügliche parlamentarische Initiativen (wie etwa 1986 und 1990) wurden von der Regierung mit der Begründung abgelehnt, daß der Armutsbegriff nach wie vor nicht ausreichend geklärt sei.[10] Daß sich also dieses grundlegende Erfordernis der gegenseitigen Bezogenheit im politischen Alltag nach wie vor noch nicht durchgesetzt zu haben scheint, kann bereits an der Diskussion um den Armutsbegriff (Definition von Armut) festgemacht werden.

[...]


[1] Schneider, S. 19.

[2] Vgl. Jacobs, S. 418.

[3] Vgl. Heiner Geißler, Die neue soziale Frage. Analysen und Dokumente, Freiburg 1976. Geißler war damals rheinland-pfälzischer Sozialminister und bundespolitisch gesehen Oppositionspolitiker; mit seinem Buch zog er sich deutlich den Zorn der regierenden SPD zu.

[4] Vgl. Stiefel, S. 251.

[5] Eröffnung des Wahlkampfes in Niedersachsen, 20.4.1986 - zitiert bei Stiefel, S. 251.

[6] Vgl. Wendt, S. 12.

[7] S. Leibfried/ W. Voges: Vom Ende einer Ausgrenzung? - Armut und Soziologie, in: Dies. (Hg.): Armut im modernen Wohlfahrtsstaat, KZfSS Sonderheft 31/1992, S. 10f.

[8] Vgl. zum ganzen Abschnitt: W. Hübinger, S. 15-20.

[9] Vgl. Müller/ Otto, S. 7.

[10] Vgl. Schneider, S. 9f.

Details

Seiten
18
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638184229
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v12568
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Institut für Erziehungswissenschaft
Schlagworte
Moralität politische Funktionalisierung Armutspolitik Armutsbegrfiffe und -grenzen Zahlen

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