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Das Phillips-Modell: Konjunkturpolitische Ansätze zur Stabilisierung der wirtschaftlichen Lage

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 16 Seiten

VWL - Konjunktur und Wachstum

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Was ist überhaupt Konjunktur?
1.2 Ziele der Konjunkturpolitik

2 Herleitung des makroökonomischen Grundmodells
2.1 Das Bruttoinlandsprodukt
2.2 Die Güternachfrage
2.3 Ein erstes Gleichgewicht

3 Das Phillipsmodell
3.1 Referenzmodell ohne staatliche Ausgaben
3.2 Stabilisierungsstrategien durch staatliche Ausgaben
3.2.1 Proportionale Konjunkturpolitik
3.2.2 Integrale Konjunkturpolitik
3.2.3 Derivate Konjunkturpolitik
3.3 Vergleich der drei konjunkturpolitischen Maÿnahmen

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Was ist überhaupt Konjunktur?

Als Konjunktur (lat. conjungere zusammenfügen) bezeichnet man die Gesamtsituation einer Volks- wirtschaft (vgl.[1] und[2] ). Sie leitet sich aus der gleichzeitigen Betrachtung verschiedener volk- wirtschaftlicher Gröÿen ab. Der wichtigste Indikator ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP), also der Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen, die innerhalb einer Periode in den Landesgrenzen einer Volkswirtschaft produziert werden. Wir werden uns ausschlieÿlich an diesem Konjunkturin- dikator orientieren.

Motiviert wird die Konjunkturforschung durch regelmäÿige mehrjährige Schwankungen der wirtschaftlichen Aktivität, sogenannte Konjunkturzyklen, die sich bis ins 19. Jahrhundert hinein wissenschaftlich belegen lassen. Ein Konjunkturzyklus besteht in der Regel aus

1. Aufschwungphase (Expansion)
2. Hochphase (Boom)
3. Abschwungphase (Rezession)
4. Tiefphase (Depression).

In Deutschland äuÿert sich der Wechsel dieser unterschiedlichen Phasen meist nicht durch ein Auf und Ab des BIP, sondern durch eine Beschleunigung oder eine Verlangsamung des BIP-Wachstums. Im Idealfall ist die Änderung des BIP-Wachstum w von dieser Gestalt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Der Idealverlauf der BIP-Wachstumsrate laut[1]

Man erkennt, dass stets ein positives Wachstum vorliegt. Näherungsweise kann man diesen idealtypischen Verlauf in der BIP-Wachstumsrate w der BRD wiedererkennen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: BIP-Wachstumsrate in der BRD laut[1], gemessen in Prozent

1.2 Ziele der Konjunkturpolitik

Das Ziel von Konjunkturpolitik ist es ein glattes, möglichst schwankungsfreies Wirtschaftswachstum zu erreichen. Wirtschaftswissenschaftler wie John Maynard Keynes sahen den Staat in der P icht. Von dieser Hypothese geht auch unser Modell aus. Es gibt aber auch andere Meinungen. So vertrat der Nobelpreisträger Milton Friedman die Ansicht, dass jegliche konjunkturpolitische Eingri e der Wirtschaft schaden.

2 Herleitung des makroökonomischen Grundmodells

2.1 Das Bruttoinlandsprodukt

Wir untersuchen die einzelnen Komponenten des BIP zunächst etwas genauer. Dazu führen wir einige Variablen ein (vgl.[3] ):

- C [Geldeinheiten/Jahr]: Konsumausgaben privater Haushalte

Darunter versteht man Waren und Dienstleistungen, die von Verbrauchern gekauft werden, mit einem relativ schnell verfallenden Wert, wie zum Beispiel Nahrungsmittel, Kinokarten oder Urlaubsreisen. Im Jahr 2005 lag der Anteil der Konsumausgaben am BIP bei 59,2%.

- G [Geldeinheiten/Jahr]: Konsumausgaben des Staates (ohne Transferleistungen)

Damit sind Käufe von Waren und Dienstleistungen durch den Staat, etwa Flugzeuge, Büroausstattungen, aber auch Leistungen von Staatsangestellten gemeint. Im Jahr 2005 lag der Anteil bei 18,6% des BIP.

- I [Geldeinheiten/Jahr]: (Anlage-)Investitionen

Dies ist mehr als der Erwerb von Gold oder Siemens-Aktien. Unter (Anlage-)Investionen versteht man gewerbliche Investitionen (wie zum Beispiel den Kauf neuer Maschinen) und private Investitionen (wie zum Beispiel den Kauf von Wohnungen oder Häusern durch Pri- vatpersonen). Der Kauf dieses Wohneigentums fällt nicht unter die Konsumausgaben C, da der Wert des Eigentums nicht ohne weiteres verfällt. Unter I fassen wir somit gewerbliche und private Investitionen zusammen. Im Jahr 2005 lag der Anteil bei 17,1% des BIP.

- IM [Geldeinheiten/Jahr]: Importe

Unter Importen versteht man ausländische Güter und Dienstleistungen, die durch einheimische Konsumenten, Unternehmer und staatliche Institutionen erworben werden.

- EX [Geldeinheiten/Jahr]: Exporte

Kauf einheimischer Waren und Dienstleistungen durch Ausländer.

- EX − IM [Geldeinheiten/Jahr]: Auÿenbeitrag

Dieser positive oder negative Wert ieÿt in das BIP ein. Im Jahr 2005 lag der Anteil bei 5,1% des BIP.

- L [Geldeinheiten/Jahr]: Lagerinvestitionen

In einem Jahr müssen Produktion und Absatz nicht unbedingt gleich sein. Güter, die beispielsweise 2005 produziert wurden, können möglicherweise erst später abgesetzt werden. Die Di erenz aus Produktion und Absatz in einem Jahr bezeichnen wir als Lagerinvestition. Im Jahr 2005 lag der Anteil bei 0,1% des BIP.

Alle Variablen seien von der Zeit abhängige Gröÿen. Wir wollen hierbei kontinuierliche Zeit annehmen, da das Phillipsmodell mit Di erentialgleichungen operiert. Wir haben also

BIP = C + I + G + EX − IM + L. (1)

2.2 Die Güternachfrage

In diesem Abschnitt wollen wir nun einige Modellannahmen tre en. Dabei gehen wir zunächst von einer sehr stark vereinfachenden Annahme aus, die wir nachträglich teilweise abschwächen. Wir wollen annehmen, dass wir in dem folgenden einfachen Wirtschaftssystem leben: Alle Un- ternehmen produzieren dasselbe Gut, welches von Privatpersonen, Unternehmen und dem Staat gleichermaÿen genutzt werden kann. Darüberhinaus können sich die Unternehmen nicht weigern das Gut zu einem gewissen Preis zu produzieren, sondern erfüllen stets die Güternachfrage al- ler Nachfrager.1 Alle Ausgaben (das heiÿt alle von Privatpersonen, Unternehmen oder vom Staat nachgefragten Güter) in einem Jahr stellen das gesamte BIP dar. Und (nur) aus dem Erlös dieser nachgefragten Waren und Dienstleistungen erhalten Privatpersonen und Unternehmen ihr Arbeits- bzw. Kapitaleinkommen, ohne dass ein Teil des Geldes abgeführt wird. Wir wollen die Güternach- frage mit Z und das Arbeits- und Kapitaleinkommen (das wir von nun an einfach nur Einkommen nennen) mit Y bezeichnen. Bildlich könnte man den Geld uss so darstellen: Man beachte, dass in diesem Kreislauf nicht ohne weiteres Z = Y = BIP gilt, da wir sonst davon ausgehen würden, dass Privatpersonen und Unternehmen ihr Einkommen sofort wieder ausgeben. Wenn das BIP in unserem Modell nun gleich dem Wert aller Ausgaben, das heiÿt also der gesamtwirtschaftlichen Güternachfrage Z ist, haben wir folglich

Z = BIP = C + I + G + EX − IM + L zu einem Zeitpunkt t. (2)

Auf der anderen Seite haben wir

Y = BIP zu einem Zeitpunkt t*. (3)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Einfaches Wirtschaftsmodell

Dieses Modell ist insofern eine starke Vereinfachung der Realität, dass wir eine Reihe von Dingen auÿer Acht lassen, wie zum Beispiel Sparmöglichkeiten oder den Kauf von ausländischen Waren. Um zu modellieren, dass Privatpersonen und Unternehmen nicht ihr gesamtes Einkommen verkon- sumieren, führen wir eine Sparquote s ∈ [0, 1] ein und nehmen an, dass für die Konsumausgaben gilt

C = C(Y ) = (1 − s)Y. (4)

Aus praktischen Erwägungen wollen wir den ohnehin unrealistischen Fall, dass das gesamte Volkseinkommen in die Konsumausgaben ieÿt, ausschlieÿen. Das heiÿt s ∈ (0, 1]. Nach wie vor ist es den Unternehmen und den Privatpersonen unserer Volkswirtschaft allerdings nicht möglich, Gelder aus dem Geldkreislauf abzuzweigen. Mit der Einführung einer Sparquote können wir lediglich modellieren, wieviel Geld in den privaten Konsum ieÿt, der Rest des Geldes muss dann laut unserem Modell in eine andere Komponente des BIP (etwa die Investitionen) ieÿen.

Wir könnten auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass nicht alles, was wir kaufen zu unserem BIP beiträgt. Dies ist zum Beispiel beim Kauf von ausländischen Waren der Fall. Wir wollen jedoch sogenannte geschlossene Volkswirtschaften betrachten, in der die Menschen nicht im Ausland einkaufen können und auch kein Ausländer einheimische Waren kauft. Daraus folgt allerdings ebenfalls, dass es weder Importe noch Exporte gibt. Das heiÿt

EX = IM = 0. (5)

Schlieÿlich gehen wir noch davon aus, dass die Investitionen konstant sind (I = I) und dass für die Lagerinvestitionen gilt: L = 0. Letzteres ist angesichts der Tatsache, dass die Lagerinvestitionen keinen erheblichen Teil des BIP ausmachen, vertretbar. Eine Änderung der (konstanten) inves- tierten Summe werden wir im Zusammenhang mit dem Phillipsmodell untersuchen. Wir haben nun

Z = C + I + G = (1 − s)Y + I + G. (6)

Sowohl für unser makroökonomisches Grundmodell als auch das sich daraus ergebende Phillipsmodell sei an dieser Stelle festgehalten, dass unsere Überlegungen nur in einem kurzfristigen Zeitrahmen von Bedeutung sind.

2.3 Ein erstes Gleichgewicht

Wenn wir keine Lagerinvestitionen haben, entspricht die gesamte Güterproduktion dem BIP. Folg- lich gilt Güterproduktion = BIP = Einkommen = Y. (7)

Das vorletzte Gleichheitszeichen ist (zu einem bestimmten Zeitpunkt) in unserem Modell gültig (vgl (3)). Wir sagen nun unsere Volkswirtschaft erfüllt eine Gleichgewichtsbedingung, wenn die Güterproduktion gleich der Güternachfrage ist. Das heiÿt

Y =Z. (8)

Daraus erhalten wir für das Gleichgewicht Y*

s(I+G). (9)

Das Gleichgewicht setzt sich also zusammen aus der Summe der Investitionen und der staatlichen Nachfrage multipliziert mit der Inversen der Sparquote. (Dies ist auch der Grund dafür, dass die Quote nach unserer Voraussetzung oben nicht 0 sein soll.) Hierbei sind wir allerdings implizit davon ausgegangen, dass sich die Produktion sofort der Nachfrage anpasst, was nicht sehr realistisch ist. Dies versucht Phillips in seinem Modell zu korrigieren. Wir werden sehen, dass die Korrektur an dem Gleichgewicht nichts ändert.

3 Das Phillipsmodell

3.1 Referenzmodell ohne staatliche Ausgaben

Für das Phillipsmodell übernehmen wir nun einen Groÿteil des vorangegangenen makroökonomischen Grundmodells, setzen allerdings die Staatsausgaben G zunächst auf 0, um ein Referenzmodell zu erhalten (vgl.[1] ). Wir haben also

Z =C+I,

C = (1 − s)Y, (10)

I =I.

Für das Einkommen (das nun durch eine hinreichend glatte Funktion Y beschrieben werden soll) und die Nachfrage Z nehmen wir nun an, dass

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

wobei α > 0. Die Gleichung besagt, dass die Änderung des Einkommens proportional zur Di erenz von Einkommen und Nachfrage ist. Ist die Di erenz zwischen Einkommen und Nachfrage groÿ und zum Beispiel Y − Z > 0, dann fällt die Änderungsrate des Einkommens stark. Man könnte (12) so interpretieren: Wenn die Menschen und Unternehmen davon ausgehen, dass ihr Einkommen in Zukunft sinken wird, werden sie trotz hohen Einkommens wenige Güter nachfragen. Dies ist nicht ganz unrealistisch: Sicher steigt die Sparneigung, wenn man mit sinkendem Einkommen rechnet.

[...]


1 Wir sprechen in Anlehnung an die Literatur weiterhin von Güternachfrage und Gütern, obwohl wir korrekterweise von Gutnachfrage und dem Gut sprechen müssten.

Details

Seiten
16
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640313228
ISBN (Buch)
9783640317059
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v125760
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Department Mathematik
Note
1,0
Schlagworte
Konjunktur Phillips-Modell derivate Konjunkturpolitik integrale Konjunkturpolitik proportionale Konjunkturpolitik Abschwung Stabilisierungsmaßnahmen Konjunkturmodell gewöhnliche Differentialgleichung Bruttoinlandsprodukt Einkommen lag Konjunkturindikator Makroökonomie Konjunkturschwankung Wirtschaftskrise Weltwirtschaftskrise

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