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Altersdichtung bei Walther von der Vogelweide

Seminararbeit 2007 19 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Altersdichtung

3. Frô welt, ir sult dem wirte sagen

4. Ein meister las, troume unde spiegelglas

5. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Neben dem Minnesang und der Sangspruchdichtung findet sich bei Walther von der Vogelweide ein weiterer Korpus von Liedern, in den Themen mit religiösem Bezug, Kreuzzugs-, Weltabsage- und Altersmotivik einzuordnen sind.

Mit dieser Arbeit soll Stellung genommen werden zu der Problematik der sogenannten Altersdichtung bei Walther. Es soll versucht werden, die Absage an die (höfische) Welt und die damit verbundene Gesellschaftskritik, die bei diesen Liedern angenommen wird, anhand der beiden Lieder Frô welt, ir sult dem wirte sagen (C 70, L 100,24) und Ein meister las, troume unde spiegelglas (C 96, L 122,24) herauszuarbeiten. Des Weiteren soll auf Unterschiede zum Minnesang und der Sangspruchdichtung eingegangen und die damit verbundenen Möglichkeiten und Konsequenzen deutlich gemacht werden. Zu klären ist auch, ob es sich um eine eigenständige Gattung von Altersliedern handeln kann. Auch soll die Leistung Walthers von der Vogelweide deutlich werden, der mit seiner Alterslyrik die gängigen Konzepte von Minnesang und Sangspruch scheinbar durchbrochen hat, wodurch sich für seine Alterslieder wohlmöglich ein neuer Spielraum eröffnet.

In einer Schlussbetrachtung werden alle gewonnenen Erkenntnisse noch einmal zusammengefasst und abschließend bewertet.

Die Anführung der einzelnen Beispielverse erfolgt auf der Grundlage der Bezeichnung nach Lachmann. Nur in bestimmten Fällen wird in kenntlicher Weise auf die Bezeichnung nach Cormeau zurückgegriffen.

2. Zur Altersdichtung

Zunächst scheint eine Zusammenfassung der Lieder Walthers, die sich mit der Problematik des Gesellschaftsverfalls und dem Abschied von der höfischen Welt befassen, unter die Thematik „Alterslieder“ sinnvoll. Die bekanntesten Lieder sind hierbei Frô welt, ir sult dem wirte sagen (C 70, L 100,24), Ein meister las, troume unde spiegelglas (C 96, L 122,24), Ir reiniu wîp, ir werden man (C 43, L 66,21) und Walthers Elegie Owê, war sint verswunden alliu mîniu jâr (C 97, L 124,1). Bei weiterführender Untersuchung der Thematik stellt sich jedoch eine Problematik ein. Bis auf die Elegie Walthers, die scheinbar um 1228/ 29 entstanden ist, kann keines der Lieder eindeutig datiert werden, sodass eine Einordnung als Alterslieder nicht bewiesen werden kann, da eindeutige Quellen zum Vergleich fehlen. Aus diesem Grund kann nicht eindeutig behauptet werden, dass diese Lieder Walthers im Alter entstanden sind, es ist ebenso gut möglich, dass sie nur aus der Sicht des Alters geschrieben wurden. Auch wenn in der Alterslyrik Walthers die Verbitterung über die bestehenden höfischen Verhältnisse zum Ausdruck kommt, so ist doch nicht klar, ob diese Feststellung eine Widerspiegelung des persönlichen Konfliktes des Sängers Walther ist und einen Rückblick auf die vergangene Welt zeigt oder ob Walther hier lediglich die Rolle des Weisen einnimmt, die ihm Autorität verleiht und eine gewisse Informiertheit bestätigt. Ähnliche Überlegungen finden sich auch bei Hildebrand1 und Brunner2 wieder. Bei aller Spekulation darf nicht vergessen werden, dass der Sänger Walther noch immer an die Gesetze des Literaturbetriebes gebunden und seine Lieder für ein höfisches Publikum bestimmt waren.

Walther und seiner Alterslyrik ist insofern eine Sonderstellung einzuräumen, dass er als erster nicht mehr nur aus der Rolle des Sängers als belehrenden alten Mann heraus agiert, er thematisiert darüber hinaus als einer der ersten das Alter im Minnesang. In den beiden hier noch zu behandelnden Liedern Walthers entfernt er sich von beiden Darstellungsweisen. Es ist keine eindeutige Grenze zwischen den einzelnen Themen des Minnesangs, der Sangspruchdichtung, und der christlichen Motivik zu finden. Walthers Alterslieder zeichnen sich vielmehr dadurch aus, dass ein Komplex von Motiven vorherrscht, was in letzter Konsequenz aber auch heißt, dass die Altersdichtung kein eigener Liedtypus sein kann.

3. Frô welt, ir sult dem wirte sagen

Das Lied wird in Strophe eins eröffnet mit einer direkten Anrede der Frau Welt (100,24), die aufgefordert wird dem wirte (100,24) die Nachricht zu überbringen, dass das erzählende Ich den Großteil seiner Schuld abbezahlt habe (100,25 – 100,26) und nun freigesprochen werden möchte (daz er mich von dem briefe schabe (100,27)). Über die Person des erzählenden Ichs erfahren wir hier noch keine Einzelheiten und auch der wirte ist noch nicht näher bestimmbar. Mit der Einsetzung der Frau Welt bedient Walther aber schon zu Beginn ein wahrscheinlich von ihm in die deutsche Dichtung eingeführtes Topos der frô welt, in welchem die Klage über die Vergänglichkeit der Welt, die Warnung vor und die Abkehr von ihr verhaftet ist.3 Dieses Topos war seinem Publikum mit großer Wahrscheinlichkeit auch bekannt, so dass er es hier bereits vorbereitet auf die Thematik seines Liedes. Auch wenn die Hinweise auf eine Vergänglichkeitsklage und das Abbezahlen der Schuld am Lebensende hier schon eindeutig zu sein scheinen (vergolden (100,25), grœste gülte (100,26), von dem briefe schabe (100,27)), so lässt sich Walther genügend Spielraum für eine weitere Interpretation. Frau Welt könnte zu diesem Zeitpunkt noch ebenso gut eine Minnedame sein und der Gastgeber ein Auftraggeber des erzählenden Ichs. Die grœste gülte wäre demnach der Minnedienst an der hohen Dame, den das erzählende Ich schuldig ist aufgrund des Lohnes, den es erhalten hat. Es könnte hier also noch genauso gut möglich sein, dass das erzählende Ich - hier eindeutig in der Rolle des Sängers zu sehen - darum bittet von seinem Minnedienst befreit zu werden, da es schon genug Minne für die hohe Dame dargebracht hat. Natürlich wird auch dieser Interpretationsansatz an verschiedenen Stellen eben durch die „Frau Welt“-Thematik unterlaufen, sodass weder der eine noch der andere Ansatz eindeutig zu beweisen ist.

Mit dem weiteren Verlauf der ersten Strophe ist auch noch nicht zu erklären, ob dieses Lied einen inneren Monolog des erzählenden Ichs widerspiegelt oder ob es die Vorbereitung auf einen tatsächlichen Dialog mit der Frau Welt ist. Zunächst einmal schildert das erzählende Ich lediglich seine Situation. Es berichtet und warnt zugleich von einer Position aus, die scheinbar auf das Zurückliegende mit einiger Weisheit blickt. Das Ich warnt dabei vor der Gestalt des Wirtes, die so hinterhältig

zu sein scheint, dass es lieber zu einem Juden gehen würde, um sich dort etwas zu borgen, nur damit es nicht mehr in der Schuld des Wirtes steht. In den Versen 100,30 – 100,32 folgt auch die Erklärung. Der Wirt wartet also schweigend bis zu einem Tag, an dem er den Wetteinsatz einfordert, den jener dann aber unmöglich einlösen kann. Die Person des Wirtes wird hier in einem sehr düsteren, hinterhältigen Bild gezeigt. Innerhalb der „Frau Welt“-Thematik wird der Wirt deshalb gern als Teufel identifiziert, der seinen Einsatz zurückfordert. Dazu passen würden die Aussagen über im gar vergolden habe (100,25) und von dem briefe schaben (100,27). Weitere und damit wesentlich eindeutigere Hinweise auf den Teufel lassen sich aber nicht finden, sodass auch dies ein rein spekulativer Ansatz bleibt. Ebenso gut könnte der Wirt auch immer noch ein Auftraggeber sein, über den das erzählende Ich zu berichten weiß, dass er sich während der gesamten Minnetätigkeit des Sängers schweigend zurückhält, um dann einen so hohen Einsatz zu fordern, den der Sänger nicht vollbringen kann. Dann würde es die Verärgerung des Sängers ausdrücken, dass der Auftraggeber nie zufrieden mit seiner Arbeit ist und von dem Sänger einfach zuviel verlange. In weiterer Konsequenz wäre dann hier bereits eine Kritik an der höfischen Welt implizit eingeflochten, die ohne Rücksicht auf den Rest der Welt ihrem materiellen Leben front.

So sprechen für die Altersdichtung der Aspekt der „Frau-Welt“-Thematik sowie die eingeführte Schuldthematik und der scheinbar rückblickende, aus Weisheit warnende Blick des erzählenden Ichs. Sieht man die Worte in allegorischer Verwendung, so wird hier eindeutig auf eine christliche Heilsthematik vorbereitet. Für eine Minne- und somit irdische Thematik sprechen die Worte in ihrer ursprünglicheren Bedeutung. Der wirt als Gastgeber, die frô welt als hohe Dame, die grœste gülte als Minnedienst und die wette als Einsatz innerhalb des Minnedienstes. Problematisch ist hierbei, inwieweit sich Walther solch eine Kritik an der höfischen Welt erlauben konnte, da sein (auch zahlendes) Publikum, eben diese höfische Gesellschaft war. Somit ergeben sich mehrere Interpretationsansätze: Das Lied ist als reines Alterslied zu verstehen, in dem das erzählende Ich der Vergänglichkeit der Welt und ihren Lockungen entsagt, um endlich sein Seelenheil zu finden. Oder dem höfischen Publikum sollen die gesellschaftlichen Zustände und ihre Vergänglichkeit bewusst gemacht werden, mithilfe der „Frau Welt“-Allegorie. Denkbar wäre auch, das Lied übt Kritik am höfischen Minnekonzept und dessen Erhebung der hohen Dame über alle anderen Dinge sowie der Stellung des Sängers in diesem.

[...]


1 Hildebrand, Jens: Walther von der Vogelweide und die Gesellschaft seiner Zeit, S. 143 – 159.

2 Brunner, Horst: Walther von der Vogelweide. Epoche – Werk – Wirkung, 1996, S. 217.

3 Vgl. Brunner: Walther von der Vogelweide, 1996, S. 218.

Details

Seiten
19
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640313280
ISBN (Buch)
9783640317097
DOI
10.3239/9783640313280
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v125779
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Germanistik
Note
1,7
Schlagworte
Altersdichtung Walther Vogelweide

Autor

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Titel: Altersdichtung bei Walther von der Vogelweide