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Sex vs. Gender

Die Ungleichheit von Mann und Frau – ist der alte Streit in die Tage gekommen?

Essay 2008 9 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

In den vergangenen Jahren des neuen Millenniums tauchten immer wieder neue Studien in der wissenschaftlichen Landschaft auf, welche Gender-Studien zum Inhalt hatten. Durch Forschung mit sog. „multipel“ fühlenden (oder seienden) Menschen – also Frauen in Männerkörpern oder Männern in Frauenkörpern – wurde immer häufiger konstatiert, dass eine biologische „Geschlechternatur“ von männlich und weiblich, bedingt durch die natürliche Disposition nicht existiert. Doch dieser Trend ist keineswegs neu. Schon seit den Jahren der jungen Alice Schwarzer und der schon vorher begonnenen ersten Emanzipationswelle Ende des 19. Jahrhunderts wurde immer öfter die biologische Faktizität des Geschlechts in Frage gestellt und die Rollen von Mann und Frau als ein soziales Konstrukt bezeichnet.

Problematisch ist diese Diskussion in zweierlei Weise. Zum einen gestaltet sich der Sprachgebrauch von „männlich“, „weiblich“ und „Geschlecht“ als sehr problematisch.

Während es im Deutschen nur eine Bezeichnung für den Begriff Geschlecht gibt, existieren im englischsprachigen Raum zwei Termini, welche hilfreich sein könnten „Geschlecht“ differenzierter zu beschreiben.

Geschlecht (von althochdeutsch: gislahti, „was in dieselbe Richtung schlägt“) steht in der Biologie für die prinzipielle Unterscheidung zweier Lebewesen, die sich zum Zweck der Fortpflanzung miteinander vereinen können.

Das weibliche Geschlecht ist im Rahmen der zweigeschlechtlichen Fortpflanzung dasjenige Geschlecht, das die größeren Gameten, also die Eizellen, bereitstellt, die von den kleineren Spermien, des männlichen Geschlechts befruchtet werden und so jeweils einen oder mehrere Nachkommen entstehen lassen.

Beim Menschen wird die Weiblichkeit durch die biologischen weiblichen Geschlechtsmerkmale bestimmt. Diese sind das zweifach auftretende Geschlechtschromosom X, anatomische Merkmale wie das Vorhandensein von Gebärmutter, Eierstöcken, Vagina und Milchdrüsen und die entsprechende Menge weiblicher Sexualhormone (Östrogen und Gestagen).

Die Männlichkeit wird durch Faktoren wie die Geschlechtschromosomen in der Kombination X und Y, die primären Geschlechtsmerkmale, Penis, Hoden und Skrotum sowie eine entsprechende Menge des Sexualhormons Testosteron, welches die Ausprägung der sekundären Geschlechtsmerkmale steuert (Bartwuchs, Muskeln etc) bestimmt.

Diese Definitionen der Geschlechter fallen alle ausnahmslos unter das biologische Geschlecht; im englischen also „sex“.

Sex beschreibt nur das biologische Geschlecht.

Dazu gehören Chromosomen, Hormonprofile und innere sowie äußere Geschlechtsmerkmale. Eben die biologische Ausstattung eines Menschen von Geburt an. Durch diese biologischen Kennzeichen ist es möglich die meisten Menschen einer Sex-Kategorie, „weiblich“ oder „männlich“ zuzuordnen.

Wenn diese Geschlechtsmerkmale nicht miteinander übereinstimmen, oder einige fehlen, spricht man von Intersexualität (Intersexualität ist eine Bezeichnung, die gemeinhin für Menschen mit nicht eindeutig weiblichen oder männlichen körperlichen Geschlechtsmerkmalen verwendet wird, welche umgangssprachlich auch „Zwitter“ genannt werden oder sich selbst so bezeichnen. ).

Gender bezeichnet das soziale Geschlecht. Dieser Begriff beschreibt eine sog. soziale Interpretation vom biologischen Geschlecht. Gender beinhaltet also die Aufgaben, Anforderungen, Erwartungen sowie Fähigkeiten die Menschen aufgrund der Rolle, erwachsen aus ihrem biologischen Geschlecht zugeschrieben bekommen. Gender wird daher auch als sozial konstruiertes Geschlecht gelesen. Diese Sichtweise unterstreicht, dass soziale Zuordnungen zu Geschlecht nicht a priori bestehen, sondern durch die Gesellschaftsform geprägt sind und demnach auch verändert werden können.

Auch nicht alle Menschen die sozial als Mann bzw. Frau definiert werden, sind biologisch männlich oder weiblich, und nicht alle biologisch männlichen/ weiblichen Menschen empfinden sich als Männer/Frauen. In solchen Fällen spricht man häufig von „Transgendern“ - eine Bezeichnung für Menschen, die sich mit der Geschlechtsrolle, die ihnen üblicherweise bei der Geburt, in der Regel anhand der äußeren Geschlechtsmerkmale, zugewiesen wurde, nur unzureichend oder gar nicht beschrieben fühlen, und andererseits eine Selbstbezeichnung für Menschen, die sich mit ihren primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen nicht oder nicht vollständig identifizieren können; oft als ein Oberbegriff für all diejenigen Menschen verwendet, die sichtbar aus den klassischen Geschlechts-Rollenzuordnungen ausbrechen. Die bekanntesten damit verbundenen Termini sind die beiden für grundsätzlich unterschiedliche Zusammenhänge stehenden Begriffe Transsexualität und Transvestitismus (z.B. Cross-Dresser, bewusst androgyne Menschen oder Drag Kings und Drag Queens; Menschen, die vollständig in die andere Geschlechtsrolle wechseln und eine geschlechtsangleichende Operation als notwendige Behandlung benötigen, um den Körper dem eindeutigen Identitätsgeschlecht anzugleichen, werden auch als Transsexuelle bezeichnet).

Im Rahmen dieser kurzen Definitionen der, aus dem Englischen übernommenen Bezeichnungen kommen wir auch schon zum zweiten Problem dieser Diskussion und damit zu der Formulierung meiner Position in dieser Argumentation.

Bewegt man sich auf dem Feld der „Sex vs. Gender – Diskussion“ wird schnell deutlich, dass unabhängig von der eigenen Position – ob man nun dem biologischen Argument den Vorzug gibt, oder der Soziologie – immer in der Zweidimensionalität des Männlichen bzw. Weiblichen verhaftet bleibt. Biologisch unterscheidet man zwischen Mann und Frau, wie oben beschrieben, anhand von Chromosomen und all den anderen bekannten und messbaren Faktoren, dennoch gibt es das Phänomen der Intersexualität. Befindet man sich im Bereich der Gender-Definition so mag man davon ausgehen, dass die Rolle von Mann und Frau in Gänze konstruiert sei, damit vollkommen veränderbar und austauschbar, dennoch spricht man immer nur von der Rolle des Mannes oder der Frau. Wo sind da die sog. Transgender zu verorten? Und als letztes darf auch die Gruppe der multipeln Menschen nicht vernachlässigt werden.

Besonders die Gender Studies bestreiten einen kausalen Zusammenhang von biologischem und sozialem Geschlecht und dessen Kontinuitätsbestreben. Das soziale Geschlecht wird vielmehr als eine Konstruktion von Geschlecht (Doing Gender) verstanden. Hierbei geht es zwar vordergründig um die Zuordnung von Menschen in eine „typisch männliche“ oder „typisch weibliche“ Rolle, aber auch um den Wert der Geschlechtsrolle. Gender beschreibt vor allem die Art und Weise, in der Männer und Frauen sich zu ihrer Rolle in der Gesellschaft selbst positionieren und wie sie diese Rolle bewerten.

Die soziale Bedeutung eines solchermaßen konstruierten „sozialen“ Geschlechts wird als variabel beschrieben. Geschlecht und besonders seine Bewertung hängen ab von den in einer Gesellschaft vorherrschenden Machtstrukturen. So ist die Genderproblematik in einer matriarchalen Gesellschaft mehr oder weniger anders als in einer patriarchalen, weil die Begriffe „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ in den verschiedenen Gesellschaften auch unterschiedlich bewertet werden und darüber gesellschaftliche Anspruchs- und Wahrnehmungsperspektiven geprägt werden, die sich so auch selbst reproduzieren können. Das jeweilige Individuum empfindet, bedingt durch ihre/seine Sozialisation, diese Rollen- und Perspektivverteilung als „normal“.

Meiner Meinung nach wird hier deutlich sichtbar, dass die Diskussion um den Geschlechterkampf viel zu sehr an alten Formen und Verständnissen der Geschichte festhält.

Ich vertrete daher die Argumentation, dass in den Köpfen der Menschen noch immer die Unterdrückung der Frau, die angedichteten Eigenschaften von Mut, Tapferkeit, Sensibilität oder Schwäche angehängt an die biologische Ausstattung des Menschen und in den etwas gebildeteren Köpfen vielleicht auch die ehemalige religiöse Verehrung des weiblichen Körpers und die Zuschreibung von menschlichen Geschlechtsmerkmalen an Natur und die Welt der Religion steckt.

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Details

Seiten
9
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640323043
ISBN (Buch)
9783640321124
Dateigröße
392 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v126311
Institution / Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg – Institut für Soziologie und VWL
Note
1.7
Schlagworte
Soziologie Ungleichheit Gesellschaft Patriarchat

Autor

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Titel: Sex vs. Gender